Ein Kreis aus Salz
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Sarah Beicht. Ein Kreis aus Salz
Sarah Beicht
Отрывок из книги
Ein Kreis aus Salz
Edition Schrittmacher Band 37
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– Warum hast du mich geweckt, du weißt, dass ich gern lange schlafe, fragt sie mich, was kein Geheimnis ist und ein wenig schäme ich mich, weil ich es hätte besser wissen müssen. Aber was weiß mein Kopf schon, wenn er auf den Kissen liegt, nicht schlafen kann und grübelnd sich um die eigene Achse zu drehen versucht. Was weiß er denn schon. Gar nichts.
– Ich konnte nicht mehr länger warten, sage ich und wickele mir Gespinst um einen Finger, zupfe daran und vermeide es, in ihre Augen zu sehen, unzählbare Pupillen, scheint es mir. So viele blinzeln mich nun an, ziehen mich noch etwas näher und wenn sie mit den Lidern schlägt, hört es sich an wie Flügelrauschen von hundert dunkelblauen Schmetterlingen. Sie seufzt und lächelt immer noch, aber die Sichel wird zur Sense, etwas härter, etwas spitzer, und das Rot beginnt zu leuchten. Sie fährt mit dem Handrücken über meine Wange, an meinem Kinn entlang und ihr Griff ist rau wie Sandpapier auf meiner Haut. Streicht mir eine Strähne hinters Ohr, doch sagt sie nichts, nein, verrät mir wieder kein Geheimnis, streicht nur weiter überall entlang und hinterlässt Schorf, wo immer ihre Finger meine Haut berühren. Ich schaudere und weiche zurück, versuche die Treppe auszumachen, mit der Ferse an der Kante, aber da sind nur Wolken, ist nur Nebel, ganz weich und feucht ist es, kalt wie Eis und spitz wie Messer. Sie hält mich nun am Handgelenk, ich will das nicht, und versuche mich herauszuwinden, aber nichts kommt dagegen an, nicht gegen sie, ich weiß es ganz genau, es ist doch jedem überall bekannt. Einen Schritt macht sie auf mich zu, ihre Augen leuchten und schauen tief in mich hinein, ich spiegele mich in jedem einzelnen und dann spüre ich, wie ich nach hinten stolpere, die Treppe, sie ist wieder da, und das Tier in mir erwacht erneut, es fürchtet sich und heult und schreit. Dann fällt es und ich mit ihm, erst dachte ich, ich fliege, viel zu leicht, wie Federflaum, ein Vogel, der sich mausert und sich rupft, immer wieder, bis er kahl und rosa ist. Doch dann fliegen wir immer schneller, das Tier und ich, nach unten, nein, wir fallen, wie es brüllt und versucht, sich festzuhalten, tief in meinem Fleisch mit seinen Zähnen, zerren Bisse an den Sehnen und reißen Wunden, die nicht heilen wollen und nicht heilen können, immer wieder sind es diese Risse und dann schlagen wir dort auf, wie es passieren musste.
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