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Die gesellschaftliche Evolution der Religion

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Über die soziale und gesellschaftliche Entwicklung der Anfänge der Menschheit gibt es weder gesicherte Erkenntnisse noch Überlieferungen, wenn man von einem reichhaltigen Fundus an Schöpfungsmythen überall auf der Welt absieht. Aber die Erde beherbergt auch heute noch eine ganze Skala von Kulturen mit den unterschiedlichsten Zivilisationsstufen, und deren Studium, zusammen mit archäologischen Funden und Erkenntnissen und vor allem modernen Einblicken in die menschliche Psyche, erlaubt uns eine Extrapolation der Vergangenheit, die freilich nicht fehlerlos sein kann.

Aber man kann davon ausgehen, dass religiöse Empfindungen bereits den Beginn der Bewusstwerdung der menschlichen Lebensform begleiteten. Irgendwann hörten unsere ersten Vorfahren auf, ausschließlich wie Tiere zu empfinden und wahrzunehmen und begannen bewusst mit ihrer Umwelt zu interagieren. Als Tiere waren sie nahezu ausschließlich instinktgetrieben und eingebunden in ihre Umwelt und ein Lebensganzes. Mit dem Beginn der Menschwerdung lösten sie sich unmerklich von dieser Einbindung und der Instinktsteuerung — ein Vorgang, der bis heute nicht wirklich abgeschlossen ist.

Je mehr die Instinkte in den Hintergrund traten, desto mehr stellte sich eine Empfindung des Verlustes dieses Eingebundenseins und dieses Einsseins ein. Und mit dem wachsenden Intellekt kam das Bewusstsein, dass man viele Dinge und Zusammenhänge nicht wirklich verstand. Das tat man zwar auch in der vormenschlichen Zeit nicht, aber da befand man sich im Fluss und hatte kein Bedürfnis nach Verständnis und auch kein denkendes und reflektierendes Bewusstsein. In der Folge wurde diese vage Erinnerung an das Eingebundensein ebenso mystifiziert wie die unverstandenen Gewalten, denen sich der Mensch ausgeliefert sah. Diese wurden als größer und übergeordnet empfunden, und aus der Achtung und Furcht, die ihnen entgegengebracht wurden, entwickelte sich die Empfindung und das Konzept einer höheren, abgetrennten, übergeordneten und verehrungswürdigen Instanz; es entstanden die ersten religiösen Gefühle.

Diese Instanz war fragmentiert und mit den umgebenden Naturgewalten und Erscheinungen assoziiert, mit Blitz, Donner, Regen, Sturm und mit dem Feuer oder auch mit den Jahreszeiten. Diese mutierten ebenso zu Geistern und Gottheiten wie etwa die Pflanzen, die Schutz bietenden und Nahrung tragenden Bäume oder die Nahrungspflanzen und die Heilpflanzen. Die Geister wohnten entweder in den Pflanzen oder beschützten diese und gestatteten dem Menschen deren Nutzung. Der Mensch war also von höheren Wesenheiten abhängig und auf deren Wohlwollen angewiesen. Er musste immer in Verbindung mit ihnen stehen und für gute Stimmung sorgen, durfte also keinen Raubbau an den Ressourcen betreiben, die ihm als Gabe zur Verfügung gestellt wurden, und versuchte dieses Wohlwollen auch mit Opfergaben zu erkaufen.

Das Gleiche galt auch für die jeweilige Tierwelt, die einen womöglich größeren Eindruck auf die frühzeitlichen Menschen machte. Die Tiere wurden oft als kleine oder große Brüder betrachtet, von denen man lernen konnte und die einen beschützten. Besonders die großen Raubtiere wie Bären und Wölfe wurden nahezu global verehrt, und lokal kamen noch weitere hinzu, die aus verschiedenen Gründen Eindruck machten, etwa wegen ihrer Wendigkeit oder Schlauheit. Ein Beispiel für eine solche lokale Verehrung ist der Bison der nordamerikanischen Prärieindianer. Einige wenige erlegte Tiere konnten einen ganzen Stamm für lange Zeit ernähren. Und als Zeichen, dass man die Gabe des mystischen Großen Bisons oder des Großen Geistes, der sich im Großen Bison ausdrückt, auch wirklich schätzte, wurden soweit wie möglich alle seine Bestandteile einer sinnvollen Verwendung zugeführt. Man könnte aus moderner Sicht sagen, dass die Bisons nachhaltig bewirtschaftet wurden. Und als dann der weiße Mann kam und die Bisons zum Sport oder nur seiner Felle wegen jagte und sie dabei praktisch ausrottete, war das für die Indianer ein Kulturschock und eine unfassbare Barbarei.

Ebenfalls in diese Phase fiel die Vorstellung der Erde als Mutter oder Urmutter, die alles hervorgebracht hat und die alles gleichermaßen hegt und pflegt und liebt und vor deren Augen alle gleich und vielleicht auch gleichwertig sind, so dass die ganze Natur als eine große Familie empfunden wurde — mit den üblichen Familienstreitigkeiten. Damit wurde damals bereits die Grundlage für die spätere Vorstellung eines einzigen und allmächtigen Schöpfergottes gelegt.

Mit der Bewusstwerdung gingen die auftauchenden Vorstellungen, Konzepte und Empfindungen aus dem individuellen und privaten Bereich in den öffentlichen Bereich über und wurden zunehmend systematisiert und organisiert. Dieser Vorgang entsprach im Prinzip einer sozialen und spirituellen Spaltung, einem Übergang von einer individuellen und wahrscheinlich unausgedrückten Urreligion zu einer lokalen, organisierten Religion. Die damit verbundene Arbeit übernahm anfangs sicherlich der Häuptling oder der Clanführer oder das Stammesoberhaupt in Personalunion. Als die Gruppen größer wurden, kam es zu einer Art politischen Spaltung, indem eine ausgewählte Person, aus der sich im Laufe der Zeit der Schamane (oder die Schamanin) entwickelte, der häufig auch gleichzeitig Medizinmann (oder Medizinfrau) war, den spirituellen oder sakralen Teil der Stammesführung übernahm. Aufgabe des Schamanen war es, mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen, die Geister gewogen zu stimmen, Rituale abzuhalten (und sie auch zu entwickeln), das Wissen dieser sich entwickelnden Naturreligion weiterzugeben, böse Geister auszutreiben und den Stammesführer zu beraten. Zwar war es die Aufgabe des Stammesführers, das Überleben und Wohlergehen aller zu sichern, aber der zusätzliche Blickwinkel eines Schamanen, der die Welt mit anderen Augen betrachtet, konnte ihm diese Arbeit bisweilen erleichtern.

Allerdings war das Verhältnis der beiden nicht immer ungetrübt. Ein etwas zu sehr von sich überzeugter und von seiner Machtfülle eingenommener Stammesführer war dann über die Eingaben oder die Einmischung des Schamanen nicht sehr erbaut. Und der Schamane, der seinerseits über eine eigene, spirituelle Einflusssphäre und Machtbasis verfügte, war oft durchaus nicht abgeneigt, seinen Einfluss auf den weltlichen Bereich auszuweiten.

Im Laufe der Zeit wurden immer mehr der ursprünglichen Jäger und Sammler sesshaft, und es entwickelten sich größere Ansiedlungen und Städte. Parallel dazu schritt auch die Entwicklung der Religion voran. Da die Stammesstrukturen nach und nach abgebaut und die Beziehungen der Menschen durch die zunehmende Anonymisierung lockerer und unverbindlicher wurden, konnte die intime und immer noch einigermaßen individuelle Form der Religion, wie sie im Stammesverband verstanden und ausgeübt wurde, nicht länger aufrecht erhalten werden. Auch trafen nun vermehrt leicht unterschiedliche Religionsauffassungen aufeinander. Zudem war vermutlich durch die geringere Identifikation großer Menschenansammlungen der Zusammenhalt und das Einheitsgefühl in der Siedlung weniger ausgeprägt als in den alten Stammesverbänden. Die verschiedenen Glaubenssysteme mussten zusammengeführt und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden.

Diese Umstände und die damit verbundenen Notwendigkeiten führten dann zu einer neuen Form der Religiosität, die weniger individuell und fließend geprägt, sondern genauer definiert und festgelegt war. Die Religion bekam eine äußere Form und eine festere innere Struktur.

Die Naturgewalten, Geister und Götter nahmen einen definierteren, genauer umrissenen Charakter an und erhielten eine Persönlichkeit, die sich stark an menschlichen Eigenschaften orientierte; ihnen wurden Bereiche des menschlichen Lebens zugeordnet, über die sie herrschten, sie erhielten ein Geschlecht, eine Gestalt, und es wurden ihnen Attribute und Accessoires zugeschrieben. Diese mystischen Wesenheiten unterhielten Beziehungen, die sich nicht wirklich von den menschlichen Beziehungen unterschieden. Es entstand ein anfangs lokaler, später zunehmend regionaler und durch Handel und Eroberungen sich verbreitender Pantheon mit größeren und kleineren Gottheiten, die oft miteinander verwandt waren und auch die Hierarchien widerspiegelten, die aus der menschlichen Gesellschaft bekannt waren. Manche Pantheons entstanden aus einem Schöpfergott, andere aus einem Vater-Mutter-Paar, die dann in der Regel auch die Oberhoheit über die anderen Gottheiten und anderen höheren Wesenheiten hatten. Bisweilen, wie etwa im griechischen Pantheon, in dem es besonders rabiat zuging, bekriegten sich seine Mitglieder, und es fanden Morde aller Art statt.

Aus diesem Pantheon erkoren sich viele Menschen, Stämme und Städte einzelne Götter als Schutzgottheiten und verehrten diese besonders. Bekanntestes Beispiel dafür dürfte wohl die Stadt Athen sein, die nach der griechischen Göttin Pallas Athene benannt wurde. Um die Götter wohlgesonnen zu stimmen, wurden sie besonders verehrt; ihnen wurden Opfergaben dargebracht und Tempel errichtet. Im Falle Athens und der vor allem dort verehrten Athene war dies der Parthenon, der das zentrale Gebäude der Akropolis war und über Athen thronte. Zudem entwickelten sich um einzelne Gottheiten ausgearbeitete öffentliche Kulte und manchmal geheime Mysterien und Initiationsrituale. Damit sicherte und vertiefte die Priesterschaft einerseits ihren Einfluss und festigte die Struktur der Religion, andererseits waren sie, indem sie über sporadische Festivitäten zu Ehren einer Gottheit hinausgingen, auch der erste Versuch, religiöse Erfahrungen, die der eine oder andere vielleicht gemacht hat, anderen interessierten Menschen zu vermitteln und Möglichkeiten auszuarbeiten, dem Geheimnis des fernen Göttlichen und den Gottheiten selbst näher zu kommen, nicht unbedingt nur um sich deren Gunst zu erkaufen, sondern auch weil man zu seinem Ursprung und der verlorenen Einheit zurückfinden wollte.

Besonders ausgeprägt war dies in der indischen Götterwelt, die hochkomplex war, aber doch eine große, individuelle Flexibilität und Freiheit erlaubte und die ohne eine zentrale Organisation auskam. Die Gottheiten eines Pantheons entsprechen, wenn sie nicht eine Naturgewalt widerspiegeln, menschlichen Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsaspekten, und mehr noch als bei den griechischen Mysterienschulen, die sich als tiefergehender Zweig der Religion etablierten, entwickelten sich im aufkommenden Hinduismus neben der ritualisierten Religion Schulen, die intensiv mit diesen einzelnen Aspekten arbeiteten und sie zu einem Instrument der Persönlichkeitsentwicklung und der Selbstfindung machten und darüber hinaus zu einem Mittel, Gott näher zu kommen, ihn zu finden und mit ihm eins zu werden. In dieser Hinsicht war der Hinduismus schon früh sehr modern, denn zur Zeit seiner Entfaltung war in der übrigen Welt, statt einer freundschaftlichen und liebevollen Beziehung, die Furcht vor Gott und die Empfindung seiner Unnahbarkeit vorherrschend. Gleichzeitig entwickelte sich auch eine Kosmologie, die einen riesigen Pantheon mit einer obersten Gottheit aufwies, bei dem die einzelnen Götter zumindest unterschwellig, vor allem von den Menschen, die sich intensiver mit der Religion befassten, als Auswüchse, Ausformungen, Aspekte oder Verkörperungen Brahmans, der damit höchsten und einzigen Gottheit, betrachtet wurden. Durch diese Auffassung war der Hinduismus anderen Religionen gegenüber sehr tolerant und sogar akzeptant, solange sie nicht versuchten, ihn zu verdrängen, zu unterdrücken oder gar auszulöschen. Von seinem Wesen her, sozusagen in seiner Tiefe, kann man ihn darum, trotz seines äußeren Erscheinungsbildes, als eine monotheistische Religion betrachten, in der die Aspekte des Göttlichen in Form von Gottheiten personalisiert sind.

Im alten Ägypten, in dem eigentlich Amun-Re eine Brahman vergleichbare Stellung einnahm, versuchte der Pharao Echnaton einen sichtbaren Ein-Gott-Glauben zu etablieren, indem er Aton zur obersten Gottheit erhob und versuchte, die anderen Götter in ihrer Bedeutung herabzusetzen oder sie ganz verschwinden zu lassen. Aber für einen ausschließlichen und offensichtlichen Monotheismus, wie wir ihn heute kennen, war das Bewusstsein der damaligen Zeit noch nicht hinreichend gereift. Nach Echnatons Tod versandeten die Bemühungen um die Etablierung einer ausschließlichen Gottheit.

Etwa zur selben Zeit begann sich das Judentum herauszubilden, bei dem vermutlich eine der vielen damaligen Gottheiten, JHWH, erfolgreich zur alleinigen Gottheit aufstieg und das jüdische Volk regelrecht auf sich einschwor, so dass es sich gegen alle anderen Glaubensrichtungen und Gottheiten abschottete und den sich entwickelnden Glauben im Wesentlichen unverändert bis heute bewahrt hat. Diese Unduldsamkeit gegen anderen Göttern führte auch zu einer Unduldsamkeit gegenüber anderen Religionen, die sich in gewissem Maß auf die beiden anderen aus dem Judentum entstandenen monotheistischen Religionen, das Christentum und den Islam, übertrug, die sich jeweils als Weiterentwicklung voneinander betrachten und auf die jeweiligen Vorgänger bisweilen offen oder versteckt herabschauen.

Diese Herablassung scheint allen offensichtlich monotheistischen Religionen gemein zu sein und zu einem sehr eng gefassten und ausschließlichen Gottesbild und zu einer sehr ritualistischen und starren Religionsauffassung geführt zu haben, in der Gott eine fast menschlich begrenzte, aber unveränderliche Persönlichkeit hat und seine Aussagen ewig, unveränderlich und absolut allgemeingültig sind. Das bedeutet, dass es innerhalb dieser Religionen keinen großen Spielraum mehr für Veränderung, Neubewertung, Ausweitung und Evolution gibt. Gott ist festgelegt und der Mensch ebenso. Und das ist auch mit ein Grund, weshalb nicht nur die drei großen monotheistischen Weltreligionen, sondern fast alle organisierten Religionen vielen Veränderungen oft fast feindselig gegenüberstehen und vor allem die drei abrahamitischen Religionen Gott unnahbar in die Ferne rücken und eine innere, freundschaftliche oder gar liebende Beziehung zu und mit ihm nicht gerade fördern, sondern sie allenfalls wenigen Mystikern vorbehalten.

Auch wenn das Gebiet der Religion ganz allgemein eine Evolution durchläuft, so scheint das für die einzelnen Religionen kaum zu gelten. Vor allem monotheistische Religionen sind hier deutlich starrer, was auch daran liegt, dass sie sich in der Regel auf eine heilige Schrift stützen, die auf Unfehlbarkeit und nicht auf Plastizität ausgerichtet ist, und zum Teil auch auf einen Kodex von Entscheidungen und Interpretationen, der im Laufe der Existenz einer Religion angewachsen ist und der Festlegungen enthält, die einer früheren Religionsauffassung geschuldet sind, aber im Licht neuerer Entwicklungen überholt erscheinen. Solche Dinge abzuschaffen oder zu relativieren, würde viele ideologische Winkelzüge erfordern oder bedeuten, frühe Fehler in der Religion zuzugeben. Nicht zuletzt durch die Aufklärung hat, vor allem in der westlichen Welt, das Bewusstsein eine deutliche Entwicklung erfahren, und die Welt und die Dinge werden rationaler betrachtet. Die soziale Evolution hat an Geschwindigkeit zugenommen, wurde aber durch religiöse Dogmen und Einschränkungen in Verbindung mit einem wuchernden Kapitalismus, der bislang zu keinem ernsthaften Weckruf der Religionen geführt hat, behindert und verzerrt, so dass wir nicht auf der Höhe unserer Möglichkeiten leben.

Aufgabe der Religion wäre es, das soziale Wachstum zu unterstützen und allen Entwicklungen zur Seite zu stehen, indem sie alles fördert, was dem Menschen Frieden und Liebe bringt und ihn näher zu Gott führt. Statt dessen perpetuiert sie Unzufriedenheit, indem sie zum Beispiel im Fall der christlichen Religion die Scheidung verweigert, was etwa im Fall von Heinrich VIII. zu zwei geköpften Frauen und zur Abspaltung der anglikanischen Kirche führte. Und bis heute dämonisieren die meisten großen Religionen mit einem sehr dürftigen theologischen Unterbau die vor allem männliche Homosexualität, manchmal mit einem Eifer, als wäre dieses Thema eine religiöse Grundlage. Oder es werden im äußersten Widerspruch zum innersten Wesen der Religion Waffen gesegnet, Gewalttaten motiviert, Kriege gefördert oder gar gefordert.

Der moderne und im Bewusstsein gewachsene und mit einem humanistischen Selbstverständnis ausgestattete Mensch scheint meist besser befähigt, die wahren Werte einer Religion zu verstehen und auch umzusetzen und auszudrücken, als die meisten religiösen Würdenträger. Was sie nicht verstehen können, ist die Engstirnigkeit, die viele Religionen ausmacht, ihre Inflexibilität und dass sie bisweilen ihren tiefsten und offensichtlich verborgenen Überzeugungen zuwider handeln. Die Religion hat damit ihre moralische und gewissermaßen auch ihre religiöse Kompetenz verloren und wird von vielen Menschen, denen dieser Mangel an Evolution natürlich auf Dauer nicht verborgen bleibt, pauschal abgelehnt, sei es passiv-privat oder aktiv-öffentlich. Und das ist sicherlich zum Teil mit ein Grund, warum zum Beispiel in Deutschland bereits etwa jeder Dritte religionslos ist — mit steigender Tendenz. Dabei bedeutet „religionslos“ nicht unbedingt automatisch auch atheistisch, sondern zuerst einmal nur eine Lossagung von der organisierten Religion aus einem oder mehreren Gründen. Und solange sich die Religion sträubt, ihre eigentliche Aufgabe wahr- und anzunehmen und zu sich zu finden, wird sich dieser Vorgang der rationalen Abspaltung weiter fortsetzen.

Da die Religion ihre eigentliche Aufgabe nicht ausfüllen kann oder möchte, treten in der weiteren Evolution nun zwei Entwicklungen auf, die erst einmal in entgegengesetzte Richtungen führen.

Durch die Wahrnehmung der Mängel und augenscheinlichen Defizite der Religionen werden sie häufig als purer Aberglauben abgetan und als durchaus aktives Hindernis für alle Arten von Fortschritt empfunden, dem mit Entschiedenheit entgegengetreten werden und dem man mit einem wissenschaftlich geprägten Weltbild begegnen muss. Das kann direkt zu einem aggressiven Anti-Theismus führen, der in seinem Fanatismus dem religiösen Fanatismus in nichts nachsteht und der im Unterschied zu einem Atheismus, der sich durch einfaches Nicht-an-Gott-Glauben auszeichnet, als Glaubensrichtung, mit der Wissenschaft als seiner einzigen Gottheit, durchaus einen religiösen Charakter aufweisen kann. Er nimmt der Religion gegenüber die gleiche Haltung ein, die etwa die christliche Religion gegenüber der durch Galileo Galilei vertretenen Wissenschaft eingenommen hat. Das atheistische Wertesystem kann von einem fundierten Humanismus bis zu einer unnachgiebigen, technokratisch und kapitalistisch geprägten Welt- und Lebensauffassung reichen.

Darum kann man nicht pauschal sagen, dass die eine oder andere Auffassung den Menschen und die Welt in eine bessere Zukunft führen kann. Dazu ist wohl, in Verbindung mit einem fundierten Realismus, die andere Richtung besser geeignet, wenn es ihr gelingt, die ihr immanenten Fallstricke zu umgehen, denn alles, was mit Glauben zu tun hat, neigt ganz grundsätzlich zu einem unkontrollierten Eigenleben und zu Selbsttäuschung.

Diese andere Richtung verneint nicht grundsätzlich den Glauben an Gott oder die Bedeutung der Religion, sondern koppelt sich von ihren ritualistischen, dogmatischen, politischen und beengenden Aspekten ab und nimmt die Religion als Vorstufe für eine weiterführende Entwicklung an. Das, was über die Religion hinausführt, ist die Spiritualität. Diese beschäftigt sich nicht mit den üblichen heiligen Büchern und einer vermenschlichten und mechanistischen Gottesauffassung und begrenzenden Vorgaben, sondern mit dem Göttlichen an sich. Die Spiritualität nimmt Gott nicht als eine wesensfremde und unnahbare, aber doch auch irgendwie menschliche Entität wahr, sondern als Grundlage unseres Seins, der man sich progressiv annähern und mit der man auch ganz konkret in Beziehung treten kann, und dies nicht nur auf oberflächliche Weise, sondern durchaus tiefgehend bis hin zu einer Einswerdung, die nicht im Fokus der religiösen Gottesauffassung steht und die mit der traditionellen Religionspraxis auch kaum erreicht werden kann. Die Spiritualität verhält sich zur Religion wie die Realität zu einer Art Traumwelt.

Wenn jemand eine spirituelle Erfahrung und einen Glauben besitzt, dann formuliert er sie in den für ihn selbst passendsten Worten. Aber wenn er überzeugt ist, dass dieser Ausdruck der einzig korrekte und wahre für diese Erfahrung und diesen Glauben ist, wird er dogmatisch und neigt dazu, eine Religion zu erschaffen.

Mira Alfassa – Die Mutter

Religion – Eine Zukunft für die Zukunft

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