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6 Mathildes heimliches Zögern

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Seltsam, wenn eine starke Seele in Elend und Verkommenheit aufwächst, wie sie sich umschalt mit Verachtung und Angst und Misstrauen. Sie will aufkommen ins Licht, und um sie herum ist nur ein elende Rauchstube, in der Flüche und Hass und Hohn in der kohligen Luft zittern. Sie muss sich wappnen. Sie kennt nicht die stille, freie, heitere Sonnenluft, wo eine Berganemone weich und silberglänzend und rein aufkeimt – nur diese kleine Welt voll Moder und dumpfer Gefühle auf der elenden Lehmdiele unter Blicken, in denen jeder dem andern sagt: »Geh mir aus dem Strich!« Sie muss sich gar wappnen mit allen Härten gegen jeden und auch gegen das Trübe, das ins Auge fällt, dass sie nicht ganz nur noch Hass und Dunkel sieht, und wenn sie einmal kindlich frei und ahnungsweit gehofft und gefühlt hat, dass sie nicht denkt – »es war ein kindisches Wünschen und eitle Träume und Schäume – die Welt ist Rauch und Hass« – und nicht in Misstrauen und heimlicher Angst sich ganz verzehrt und verschließt.

Wenn Mathilde so dachte-, sie hatte oft in rauchige Luft und klingenden Hass und Groll gesehen. Ihr konnte wohl Liebe wie ein eitles Blendwerk scheinen. Wenn sie jetzt schritt, schien sie härter als je. Wenn sie morgens ausging, sah sie barsch und groß aus – , kräftig, und niemand konnte sie in ihrer schnellen, sicheren Bewegung zögern machen – niemand konnte eine lichtere Linie des kindlichen Lebens, das in ihr verschalt lag, in ihre Mienen locken. Es war ihr unbehaglich auch im Hause. Den jungen Schlosser floh sie fast. Und verschlossen war sie nun wie im Dorfe. Sie war grob gegen die Narbigen. Wenn sie etwas brachten, das sah sie absichtlich nicht an und tat gleichgültig und kalt und achtete es nicht. Und im Hause die Leute waren ihr alle zuwider. Das war ihr Misstrauen. Das Misstrauen war nicht grundlos. Man fand tatsächlich, wie der Sommer gekommen war, und der Schlosser eine höhnische Geschichte mit zweifelhaften Blicken auf die Sechzehnjährige geworfen seinem Weibe erzählt hatte, die unter den jungen Weibern im Hause umging, dass sich diese junge Strunze etwas viel herausnähme. Man fand sie unausstehlich. Man dachte allerhand über sie, wenn die Weiber unten am Brunnentroge mit ihren Kannen standen und schwatzten. Und auch die Gemüsefrau am Ende der Gasse im kleinen Laden, der widerwärtig aufdringlich nach Äpfeln und Rüben roch, die behauptete: »ein solches hochmütiges Weibsbild hätte sie noch niemals gesehen.« Man war auch hier übereingekommen, nun sich Mathilde daheim ganz und gar zurückhielt, sie für eine zu halten, die es heimlich triebe und der man ihre Mienen noch unausstehlicher und mit der Zutat von niederträchtigen Anschuldigungen zurückgeben müsste.

Aber Mathilde ging in die Fabrik wie immer. Es war zum Lachen, wie tüchtig und ungestört sie arbeitete, willig und kindlich, im Werkmeister und Portier fast Götter sehend, die blindlings über ihren ganzen Tag geboten. Wie sie eifrig war, dass sie rot und frisch glänzte; wie sie nur Arbeit war, dass in solcher Zeit kein Sinn in ihren Zügen lag, als nur dieses eine Tun des Fäden-Haschens am Webstuhle, wenn der oder jener fiel und ihn neu verschlingen und immer wieder, immer wieder –einen Tag um den andern –eine Woche um die andere –und so aus Winter durch Frühling hindurch, in den Sommer und Herbst hinein, eifrig hingegeben, ob es da draußen im Sonnenlicht Flocken gab, die an die Scheiben tanzten, oder Blütenbäume in den Gärten geduftet hatten, sie sah ihren Fäden zu, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Woche um Woche. Und hatte da Pflicht und Spannung – dass der Tag erfüllt war und ihr in der Woche kaum Sinn und Liebe übrig blieb. Und müde wurde sie. Man kann es begreifen. Sie machte Überstundenarbeit. Sie hatte immer Geld. Sie sandte auch den Eltern und Geschwistern. Und es war ihr lieb, dass sie nicht denken und denken brauchte, weil ihr Qualen kamen und sie sich nicht ganz zurecht fand. Aber wenn sie so stand und die Fäden fing, war sie fast lustig anzusehen. Mancher, der vorüberging, dachte, dass sie lachte. Und dass sie fast mit den Fäden ein Spiel trieb, wie die Fäden mit ihr. Und sie war sauber und reinlich gekleidet und eine Gestalt wie aus Stahl, jung und schmiegsam und stark in Armen und Gelenken, frisch und entschlossen. Sie sah fast nie auf und wusste kaum, wer sie beobachtete, oder wer ihr zugesehen. Und solange sie so stand und vigilierte, war wie aus den Mienen, auch aus der Seele alle Unruhe und Misstrauen und Groll ausgelöscht. Da lachte die Seele wirklich. »Hahaha« – man denkt nicht, dass wenn die Hand der Jungen die Fäden knüpfte, über ihre Seele nur das leise Streicheln ging von Ahnungen, die ungedacht waren und kamen, wie der Frühlingswind, wenn der einsame See still liegt, wie ein Kind im weichen Ruhebett.

Und wenn sie heimkam, niemand hatte es monatelang erfahren, warum sie so misstrauisch aussah, sobald sie aus dem Tore der Fabrik heimeilte. Es quälte sie, dass sie ein Verhältnis mit Saleck angefangen. Wenn sie dann hineilte und an ihn dachte, peinigte sie der Gedanke an ihn, und sie sagte es niemandem. Und nur Sonnabend abends gab sie Einkäufe vor. Die alten Wäscherinnen, die um sie waren in der Feierzeit, schalten sie und wollten dahinterkommen, schließlich war sie grob und wollte grob sein, um sie los zu werden. Sie dachte längst daran, aus ihrem Stübel auszuziehen, vielleicht in ein eigenes. Und die Alten zankten und wurden auch rüde. Sie fanden es undankbar, wie das Kind sich benahm. Keine durfte mehr wagen, ihr zu nahe zu kommen. Mathilde musste Mahnungen und dann Vorwürfe hören und bald auch grobe Verdächtigungen, da sie mit der Sprache zurückhielt. Und im Hause ging das Reden um, das die Wäscherinnen mit der jungen Schlossersfrau mitmachten. Mathilde hütete sich wie eine Krähe, wenn ein Mann mit der Flinte kommt. Nur Sonnabend abends ging es also, dass sie mit Saleck zusammenkam, und in der Zwischenzeit außer der Arbeit war sie auf der Hut. Auch vor sich sogar, denn sie empfand manchmal, als wenn sie halb träumte –und sah ihn huckig und schmächtig – und konnte nicht froh werden.

Nun dann, Sonnabend – Sommers – ging sie, wohin sie ihn bestellt hatte. Und weil sie dachte, jemand könnte sie belauern, machte sie Umwege und verschwand in Ecken und Winkeln und lief auch noch in den oder jenen Laden; sie kaufte ihm kleine Geschenke ein, Zigarren – und auch süße Früchte, wenn sie billig waren, und stand dann heimlich vor ihm. Da waren alle Skrupel weg – da hatte sie ihn gern – da legte sie immer auch wieder den Kopf an ihn – da sah der Kopf Salecks mit großen, grauen Augen auf sie nieder und schien voll Güte und Glück und schien zu wachen über sie – und sie empfand es unbegreiflich sanft, dass er zufrieden war mit dem zärtlichen Berühren, dass er eine Stunde nur sprachlos froh sein konnte mit ihr, dass er neben ihr saß und immer wieder ihre Finger zählte – , einen jeden nach dem andern, einen jeden liebevoll betrachtend, so schwielig er war, so voll grauer Linien von der ewigen Arbeit, so glatt glänzend dort, wo immer der Faden durcheilte – und sie hatte ihn gern und fühlte, dass sie nicht loskommen konnte aus den Armen der Güte, dass sie bei ihm bleiben musste, dass er schmächtig und kränklich war, aber eine feine, sehnsüchtige Erfüllung im Auge sprach: »Begreife nur, du Frische, drinnen sitzt einer, der auch das Leben liebt, auch wenn der Kopf tief in den Schultern sitzt!« Und sie empfand es so stark mit ihrer gesunden Jugend, so ein heißes Gefühl kam auf in ihr, so voll des Dranges, Glück und Zartheit zu erwidern, dass sie ihn an dem einen Abend inbrünstig umarmt hatte, zum ersten Male in ihrem Leben, so inbrünstig, so besinnungslos, so fast unbeholfen und wild in ihrer Jugendkraft, dass der Mann ihre Hände in seinen Seiten fühlte wie eiserne Klammern, und dass er fast ängstlich dabei ausgesehen. Kindlich und verlegen war sie dann. Es war ihr dann nur, als wenn alle Not ausgelöscht, alle Skrupel, alle heimliche Scheu, die sie plagte, wenn sie fern von ihm war. Sie war dann den Abend auch gar heiter, lachte und neckte ihn, nannte ihn Zwerglein und gab ihm Kosenamen, die ihr einfielen, und die sie noch niemals im Munde gefühlt. Es kam ihr komisch vor, wenn sie zärtlich seine Hand nahm und sagte: »Wie e' Kauz siehst du aus, so huckig gihst du.« Sie wusste gar nicht, dass er nur lachte, weil sie lachte, und dass ihm das Wort nicht wohltat. Aber sie war an dem Abend ganz ausgelassen, sie neckte ihn und spielte mit ihm, und er liebte sie und brannte für sie und wehrte sich gegen nichts, was aus ihren frischen, lachenden Augen kam. Nur wie er es durchaus verlangte, dass sie offen mit ihm gehen sollte, gab es einen kleinen Streit. Er verlangte es. Und sie sagte rundweg »Nee!« Und er verlangte es wieder, und sie machte Ausreden. Sie wurde auch ernst, und es glitt Härte einen Augenblick durch ihre Seele. Aber sie verscheuchte sie selbst, weil sie allein waren draußen im Felde, weit und breit niemand, nur unter Halmen, die sich um sie neigten, und nur unterm Sternenscheine, der die ganze weite Welt, sie im Glücke mit umspannte, und sie lachte und sagte, sie hätte sich was ausgedacht und kam nun mit ihrem Plane: »Hör amol, Joseph, du bist doch a Vernünftiger und kannst warten. A sulange ich bei da Menschen wohne, giht's ni.«

»Nu, da nimm an Stube für dich, oder wenn mir ins a Stiebel zusammen nahmen?«

»Nee, nee«, es kam wieder die Härte. Das Gesicht wurde fast leidend einen Augenblick. »Nee«, sagte sie, »das mag ich ni«, und er nahm eine Ähre vom Halme und kitzelte sie am Halse, dass sie noch versonnen, aber freundlich erklärte: »A Stiebel nehm ich mir, Jeses, erst muss ich sehn, wie das ableeft, und wie ich vo da Leuten luskumme. Wenn ich alleene wohne, könn' mir sehn!« Dabei hatte es an diesem Abend sein Bewenden. An Sorgen und Denken war Mathilde an sich nicht gewöhnt. Aus Gedanken herauszukommen, wenn sie aufgewühlt waren, war ihr nicht leicht. So war auch trotz Neckereien Salecks, trotzdem er ihr goldene Gespinste in die Luft schrieb, an diesem Abend ein ewiges Wiederkehren ins ernste Ermessen – so dass sie selbst alles Lieblosen vollends vergaß und schließlich stumm wurde – und Saleck sie auch mit seiner demütigen, innigen Gebärde, wie er ihre Hand an seine Augen legte und sie niedergebeugt geküsst hatte, die Hand und den Hals und die Brust unter'm leinenen Jäckchen, gar nicht mehr recht erwecken konnte.

Mathilde

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