Читать книгу DIE EWIGEN. Die Mönche vom heiligen Berg - Chriz Wagner - Страница 7

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II

Wegen des zerzausten Barts und seines klapprigen Körpers wirkte der Eremit auf mich wie ein Greis. Und das, obwohl das filzige Haupthaar noch nicht grau war.

Zunächst lief ich ihm nach, weil ich befürchtete, ich müsste ihn auffangen, wenn er umkippte. Ohne den Trottel würde ich seine Behausung niemals finden. Die fleckige, behaarte und pergamentartige Haut seines Rückens wirkte auf mich, als würde sie bei der nächsten Bewegung reißen. Wenigstens trug er einen Lendenschurz. So musste ich seinen Hintern nicht sehen.

Doch schon bald schnaufte ich ihm nach, weil ich nicht mehr konnte. Der Weg führte zuerst über unebenes Geröll, dann auf den Fels. Seine Schritte stiegen gezielt auf trittfeste Steine und in vorteilhafte Mulden. Ich beobachtete seine Füße und hastete in seine Fußstapfen.

„Gerade gehen“, mahnte Diogenis. Mir war’s gleich, was er sagte. Ich bemerkte, dass er leise zählte. Es war nur ein Flüstern, aber laut genug, um gelegentliche Worte herauszuhören: 254, 256, 258, 260. Ich stapfte mit ihm im Gleichschritt.

So war es irgendwie einfacher. Und ich ging aufrecht – meine Entscheidung.

Der kleine Hund Iraklis trabte neben uns her. Ich denke, ich bildete es mir nur ein, doch auch er lief äußerst konzentriert und ausgeglichen. Nur war das natürlich nicht möglich.

„Einheitlichkeit und Gleichsinn“, sprach der Eremit zu sich selbst. „Immer gerade und gleichmäßig … 302, 304 …“

Überall an meinem Körper kitzelten Schweißperlen wie winzige Ameisen hinab. Als wir auf eine Felswand zustapften, dachte ich, wir wären endlich da. Und eigenartigerweise freute ich mich schon auf die Eremitenhöhle.

„Hier ist Schluss“, sagte ich, meinte aber: Wo geht es weiter?

Diogenis blieb still. Nur Iraklis schien mich verstanden zu haben. Er bellte zweimal – gleich laut, gleich stark, wuff-wuff – und rannte vorneweg um einen mannshohen Felsen herum. Dahinter verbarg sich eine Leiter, deren Anblick mir den Atem nahm.

Unendlich lange Holzplanken, nebeneinandergelegt und mit Querbalken vernagelt, sodass es möglich war, daran hinaufzulaufen, wie auf einer Treppe. Zudem hing da ein Seil, zum Festhalten und Hochziehen.

Ich musste meinen Kopf ins Genick legen, um den ganzen Weg erfassen zu können. Von hier unten zählte ich zweiundzwanzig dieser Sprossenbretter. Scheinbar ungesichert krochen sie an der Felswand nach oben, so weit das Auge reichte. Die ersten Leiterplanken waren so breit, dass bequem zwei Personen nebeneinander laufen konnten. Die Oberen jedoch waren geschätzt nur noch einen Fuß breit und so steil, dass ohne Klettern nichts ging. Der Pfad endete am Gipfel des Massivs, wo es mit Sicherheit keine Höhle gab.

„Was wollen wir da oben?“, fragte ich, meinte aber: Ich will da nicht hinauf.

„Muss Herr Zweifel alles in Frage stellen?“, maulte Diogenis und startete den Weg über die Leitern nach oben.

Nur weil ich Angst hatte, ihn zu verlieren, folgte ich ihm, Iraklis zwischen uns.

„Ich glaube nicht, dass du auf diesem Berg lebst“, sagte ich, hielt mich aber in seinen Fußstapfen. Er blieb stumm. Auch eine Antwort. Ich verstand sie als: Glaub doch, was du willst. Also stieg ich mit hinauf. Mir blieb ja nichts anderes übrig.

Die Füße auf die Querbalken gestützt, zogen wir uns am Seil hoch in schwindelerregende Höhen. Je steiler der Weg wurde, umso dichter lehnte die wackelige Treppe an der Felswand. Bis die Wand schließlich zum ständigen Begleiter an meiner linken Körperseite wurde. Rechts ging es todbringend weit nach unten. Und leider wehte hier oben kein von mir ersehntes Lüftchen.

Wir stapften zu dritt im Gleichschritt. Diogenis zählte mit: „… 16, 18, 20, 22.“ Im Gleichklang. Bald fiel mir auf, dass es von Schritt zu Schritt einfacher wurde. Als würde sich der Körper an die kontinuierliche Belastung gewöhnen, anstatt die Kräfte zu verlieren, wie ich es kannte. Außerdem fiel mir auf, dass jede Leiter mit einer geraden Stufenzahl endete. Just als ich über dieses Phänomen grübelte, kamen wir oben an.

Der salzige Duft des Meeres schwappte mir ins Gesicht. Dann sah ich das große Wasser in seiner ganzen Schönheit. In unendlicher Weite spiegelte die Sonne ihr blutrotes Licht in einer Oberfläche aus Milliarden geschliffener Diamanten. Obwohl der Ozean mein alter Bekannter war, packte mich das Bild und brannte sich in mein Gedächtnis. Ein göttliches Gefühl.

*

Mittlerweile war ich imstande, alles zu glauben, was der Eremit sagte. Hauptsache, es gab bald einen Schlafplatz und Flüssigkeit, die meine staubtrockene Kehle benässte. „Hier wohnst du also?“, fragte ich und erkannte sofort, dass meine Frage die magische Stimmung des Augenblicks zerstörte.

„Sei nicht töricht.“ Diogenis deutete nach unten. „Einheitlich und im Gleichsinn … und immer schön gerade.“

Ich schluckte den letzten Tropfen Spucke weg und riss ungläubig die Augen auf. Denn das Einzige, was ich neben einer abfallenden Felswand und der Brandung in der Tiefe sah, waren weitere Holzleitern, unzählige, die abwärts führten. Unmöglich.

Den Rest des Weges mussten wir rückwärts bewältigen. Der Eremit ging vor, der Hund bezwang nach mir den Weg. Ich konzentrierte mich auf Iraklis und war von seiner Leistung überwältigt. Er hangelte sich mit dem Maul am Seil entlang und suchte mit seinen winzigen Beinchen auf den Sprossen Halt. Bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass Vierbeiner überhaupt nach hinten laufen können.

Diogenis zählte: „… 16, 18, 20, 22.“

Auf dieser Seite des Berges waren die Holzplanken grau und verwittert. Trotzdem hielten sie unserem Gewicht stand. Gott sei dank. Ich hatte keine Lust, in die Gischt zu stürzen, die mit jedem Schritt lauter wurde. Ich gab mir Mühe, mit Diogenis Gleichschritt zu halten. Und wie schon beim Aufweg machte es die Sache auf unerklärliche Weise einfacher. Ich fragte mich, ob an der Lehre mit dem Gleichsinn etwas dran war …?

DIE EWIGEN. Die Mönche vom heiligen Berg

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