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Geschenk der Dankbarkeit?

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„Danke für diesen guten Morgen.“ In meiner Jugend haben wir aus Leibeskräften dieses Lied des evangelischen Kirchenmusikers Martin Gotthard Schneider geschmettert. Da wurde für alles Mögliche gedankt: für den Morgen und für die Abendstunde, für die guten Freunde und ein gutes Wort, für die Arbeitsstelle, für die Musik und für vieles andere mehr. Und dann hieß es auch: „Danke, ach Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann.“ Beißt sich da nicht die Katze in den Schwanz: danken für die Dankbarkeit?

Diese etwas paradoxe Formulierung erinnert mich an einen Satz aus der Feier der Eucharistie, der großen Danksagung, der mich schon hat aufhorchen lassen, als ich ihn zum ersten Mal bewusst gehört habe: „Du bedarfst nicht unseres Lobes“, heißt es in einer Präfation, dem zentralen Dankgebet der Messe, „es ist ein Geschenk deiner Gnade, dass wir dir danken.“ Normalerweise danken wir, wenn wir ein Geschenk bekommen. Hier ist es umgekehrt: Gott danken zu können, das ist ein Geschenk! Platt gesagt: Gott hat nichts davon, wenn ich dankbar bin. Das bringt ihm nichts. Aber mir bringt es etwas. Ähnliches kann ich manchmal auch in meinen alltäglichen Beziehungen erfahren. Wenn ich einem anderen etwas Gutes tue, dann erwarte ich normalerweise ein Dankeschön. Aber oft ist dieses Zeichen der Dankbarkeit für den anderen wichtiger als für mich. Ich habe etwas für ihn getan, einfach weil ich ihn mag, nicht, damit er mir danke sagt. Ich mag ihn auch weiterhin, selbst wenn er das Danken vergessen sollte. Ihm tut es gut, danke zu sagen. Der Dank ist Ausdruck seiner Freude, er spürt in der Dankbarkeit, dass er nicht allein ist. Die Erfahrung von Dankbarkeit macht sein Leben leicht und beschwingt. Er wird dankbar dafür, dass er danken kann. Er erlebt seine Dankbarkeit als Geschenk.

Dankbarkeit ist ein Geschenk. Dankbarkeit macht froh. In der Dankbarkeit wird der Mensch schön (Dietrich von Hildebrand). Dankbarkeit macht jung (David Steindl- Rast). Dankbarkeit macht das Leben reich. Da hat Sören Kierkegaard schon Recht: „Wie arm, nicht bitten zu können; wie arm, nicht danken zu können; wie arm, alles gleichsam hinnehmen zu müssen in Unerkenntlichkeit.“1

Dieses Buch lädt ein, dem Geschenk der Dankbarkeit in fünf Schritten nachzuspüren. Am Anfang steht die grundlegende Frage: Was ist das überhaupt, Dankbarkeit? Wie erfahre ich sie? (1). Persönlich bin ich davon überzeugt, dass echte Dankbarkeit immer schon eine spirituelle und religiöse Erfahrung ist, auch wenn dies nicht bewusst wird und „Gott“ dabei nicht ausdrücklich vorkommt. Deshalb ist auch der christliche Glaube in seinen wesentlichen Vollzügen Ausdruck von Dankbarkeit (2). Die drei folgenden Überlegungen haben dann einen stärkeren Praxisbezug: Dankbarkeit hat konkrete Folgen im Alltag. Sie prägt die Gestaltung unseres persönlichen Lebens und unser gesellschaftliches und politisches Engagement (3). Wenn Dankbarkeit wirklich ein Geschenk ist, dann stellt sich die Frage, ob man diese Haltung einüben und wie man sie wachsen lassen kann (4). Und schließlich will Dankbarkeit nicht nur bedacht und eingeübt, sondern vor allem auch gefeiert werden (5). Im Hintergrund steht bei diesem Nachdenken immer die franziskanische Spiritualität. Für mich ist sie eine ebenso einfache wie ehrliche Einladung zur Dankbarkeit. Franz von Assisi ist ein froher Heiliger. Dabei war sein Leben keineswegs immer nur leicht und unbeschwert, im Gegenteil. Aber er hat sich mitten in allen dunklen und schweren Erfahrungen ein Gespür dafür bewahrt, wie reich beschenkt er ist. Er ist nicht dankbar, weil er immer nur froh ist, sondern er ist froh, weil er das Danken nicht verlernt hat. Er hat ein Leben lang das Geschenk der Dankbarkeit gehütet wie einen kostbaren Schatz.

Vom Geschenk der Dankbarkeit

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