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ОглавлениеKapitel II Einkaufsbummel
Frank saß in seinem Auto und lauschte den Klängen des Lieds Bittersweet Symphony von The Verve. Die Streicher des Orchesters webten einen Klangteppich, auf dem die Stimme des Sängers in melancholischer Gleichmütigkeit in das Halbdunkel der Garage schwebte. Durch eine Reihe schmaler Fenster fielen Lichtstreifen in die staubige Luft. Metallplatten lehnten an den Wänden. Neben einer Treppe, die zum Wohnhaus führte, stand ein Rollwagen mit ölverschmiertem Werkzeug, direkt daneben drei Druckgasflaschen und ein dazugehöriges Schweißgerät.
Frank hatte seinen Wagen so gut es ging gepanzert. Dach, Außenseiten und Motorhaube schützen Metallplatten, vor jeder Scheibe hatte er Drahtgitter angebracht und ein gewaltiger Rammschutz thronte vor dem Kühlergrill. Am vorderen Ende der Kühlerhaube glitzerte der metallische Stern des Wagens wie das Zielkreuz eines Jagdbombers aus dem Zweiten Weltkrieg.
Frank hatte es nicht übers Herz gebracht, ihn abzumontieren. Das Lenkrad wurde von schwarzem Leder überzogen, in das Armaturenbrett war dunkles Nussholz eingelegt, das Furnier glänzte im Licht der Innenraumbeleuchtung. In der Mittelkonsole gab es keinen Schaltknüppel. Eine CD-Anlage mit einem Bildschirm und ein elektronischer Ziffernblock nahmen diesen Platz ein. Auf dem Beifahrersitz lagen eine Maschinenpistole mit Schalldämpfer, eine Pistole und einige Magazine für beide Waffen.
Frank atmete tief durch. Er trug einen Helm und darunter eine feuerfeste Rennfahrerschutzmaske. Ein Overall mit zahlreichen Sponsorennamen und Firmenlogos bedeckte seinen Körper bis zum Hals, sodass außer seinen Händen sein gesamter Körper geschützt war. Er sah sich noch einmal um, zögerte den Moment hinaus, in dem er das Garagentor öffnen würde. Die Tür zum Haupthaus war verriegelt und mit zahlreichen Querbalken gesichert. Eine weitere Tür aus dichtem Drahtgitter schützte sie zusätzlich.
Ein Seufzen erklang unter dem Helm. Es gab kein Zurück mehr. Er musste erneut sein Haus verlassen. Frank zog sich ein paar Rennfahrerhandschuhe an, gewissenhaft darauf achtend, dass kein Stück Haut frei blieb. Dann tippte er einen Code in das Zahlenfeld auf der Mittelkonsole des Wagens, drückte einen Knopf und der Motor sprang mit einem dumpfen Grollen an. Auf einen weiteren Knopfdruck öffnete sich langsam das Garagentor und gab den Blick auf eine Gruppe Reanimierter frei, die dumpf in Franks Richtung blickten.
In der Wange einer älteren Frau, die einen Kittel trug, klaffte ein ausgefranstes Loch. Ihre Backenzähne waren weiße Felsen im fauligen Meer ihres Mundes. Die Beine der Frau steckten in knielangen Nylonstrümpfen, die mehrere lange Laufmaschen hatten. Ihrem Nebenmann, der in einem halb offenen Morgenmantel vor der Garage stand, fehlte ein großes Stück Fleisch im Nacken- und Schulterbereich. Er hielt eine Kaffeetasse und eine zusammengerollte Tageszeitung in den Händen. Der Untote wedelte unbeholfen mit der Zeitung und es sah aus, als wolle er einen Hund zurechtweisen, der auf den teuren Teppich gepieselt hatte. Ein anderer Mann trug einen Blaumann mit dem Emblem der Stadtwerke Köln auf der Brust. Knapp unter seiner Brusttasche klaffte ein blutiges Loch in seinem Bauch. Seine Därme hingen wie dicke, graue Bratwürste heraus. Ein weiblicher Zombie in einem blutverschmierten Hochzeitskleid wollte sich in die erste Reihe der Menge drängeln, als ginge es um den besten Platz an einem gerade eröffneten kalten Buffet.
Dantes Kreaturen der Hölle hatten sich vor Franks Haus zu einem spontanen Happening versammelt. Er schluckte trocken, nahm den Fuß von der Bremse und der Wagen raste durch die Menge. Dumpf prallten die Körper auf das Metall des Wagens. Torkelnd wandte sich die Menge um, Hände streckten sich in verzweifelt wirkenden Gesten nach dem Wagen. Ein Mann in einem dunklen Geschäftsanzug griff im Fallen mit einer Hand nach der hinteren Stoßstange. Der Wagen schleifte ihn über den Asphalt, bis einer seiner Füße, die in teuren Kalbslederschuhen steckten, an einem Kanaldeckel hängen blieb. Ein schmatzender Laut, dann hing der Ärmel des Jacketts wie ein dunkles Segel bei Windstille auf den Boden herab. Verblüfft blickte der Geschäftsmann seinem nackten Arm hinterher, der immer noch an der Stoßstange hing. Unbeholfen versuchte er sich mit dem verbliebenen Arm aufzurichten, ohne dabei seine Aktentasche loszulassen. Ein letztes Souvenir, aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben. Ächzend und stöhnend wandte sich die restliche Meute um und folgte schlurfend dem Auto, das um eine Ecke bog.
Frank ging auf Einkaufsbummel im entvölkerten Köln und die Toten wankten hinter seinem Wagen her.