Читать книгу Pappel. Die Geschichte eines Herumtreibers - Dalibor Markovic - Страница 11

Wunsch, Indianer zu werden

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Etwa die Hälfte des Holzstapels aus dem Gelbachtal war Feuerholz für die Dorfbewohner. Der Rest kam auf Zweispänner und wurde über die Landstraße nach Holzappel und weiter nach Balduinstein gekarrt, wobei ein Teil davon in die Lahn abgeladen und mit der Strömung nach Westen geflößt wurde, an Nassau vorbei, bis Lahnstein, wo das Holz in den Rhein gelangte. Den anderen Teil verfrachtete man auf Güterwagen, die ostwärts entlang der Lahntalbahn bis Wetzlar rollten und dann nach Frankenberg umgeleitet wurden. In der Schiffermühle von Frankenberg zerkleinerte eine Gattersäge die Stämme mit der Kraft eines Wasserrades in lange Bohlen, die daraufhin zur nächstgelegenen Papierfabrik gebracht wurden. Dort hatte man sich auf die Herstellung von hüfthohen Rollen aus schier endlos aufgewickeltem Zeitungspapier eingerichtet sowie auf scheunentorgroße Kartonagen und Pappen. Der Verschnitt wurde zu Bierdeckeln verarbeitet. Nur ein geringer Teil ging als Bogenpapier an Druckereien, um dann abschließend in Buchbindemaschinen zu landen. Das änderte sich jedoch im Laufe der Zeit, das Wasserrad der Schiffermühle war längst durch eine dampfbetriebene Turbine ersetzt worden, als sich die Bestellungen für derartiges Druckpapier förmlich überschlugen.

In der Nähe des Bahnhofs von Balduinstein, genauer gesagt vor der Auslage einer Konditorei, glotzte Konrad gebannt auf ein Teilchen, das mit Schokoglasur überzogen war. Aber auch das Stück Donauwelle daneben hatte seinen Reiz. Er konnte sich nicht entscheiden. Wenn er das linke Auge zukniff, sah er die Donauwelle, beim Zukneifen des rechten Auges war das Teilchen sichtbar. Welle oder Teilchen, überlegte Konrad und zwinkerte hin und her, sodass er Tom erst bemerkte, als er von ihm angerempelt wurde, nachdem dieser schon dreimal he, Kollege quer über die Straße gerufen hatte. Konrad sah ihn an und bekam ohne Umschweife erklärt, wie man bequem an Klimpergeld herankäme. Dabei rasselte Tom mit der rechten Hand in seiner Hosentasche und lächelte schief, als hätte er einen Grashalm im Mund. Tom war etwas älter als Konrad und konnte sehr gut spucken. Außerdem besorgte er ihm das Teilchen, das Konrad an Ort und Stelle verputzte. Und schon ging es los, die staubigen Straßen entlang, mit dem vollen Stoffbeutel auf dem Rücken, den er von Tom bekommen hatte. Anfangs noch unsicher, bemerkte Konrad mit der Zeit, dass er mit lautem Klopfen oder nervigem Rufen besser durchkam. Warte vor den Häusern, bis die Bewohner von der Arbeit zurückkehren, hatte Tom gesagt, während sie hinter den Bahnhof liefen, sieh in den Hinterhöfen nach, ob dort Wäsche hängt, erkundige dich bei den Nachbarn, wann die Leute wiederkommen, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich hätte nämlich auch ein Angebot für Sie, mein Herr, sagte Konrad mit einem zuvorkommenden Grinsen und entschied, je nach Bauchumfang oder Pfeifenlänge, Bartgeflecht oder Haaresdichte, welches der Titelbilder er als Erstes vorzeigen würde. Die Dicken sind ganz scharf auf Indianergeschichten, klärte Tom ihn auf, als sie bei einer Holzhütte angekommen waren, die er Zentrale nannte. Vielleicht, weil sie die durchtrainierten Pferde sehen und die muskulösen Oberarme der Reiter, die aufrecht im Sattel sitzen, den Pfeil tief in den Bogen gespannt, sagte Tom und drückte die Tür auf. Konrad glaubte, es könnte auch an den Federn liegen, die als Kopfschmuck dienten und so leicht waren, wie die im Türspalt stehenden Männer mit ihren Wampen gerne wären. Pfeifenrauchern hatte ich anfangs nur Detektivkram angeboten, verriet Tom und reichte Konrad ein paar Hefte, die sich in der dunklen Hütte stapelten. Egal, ob in der Hocke über eine vom Nebel verhüllte Leiche gebeugt oder sich einem wilden Tier unbekannter Herkunft mit glühenden Augen entgegenstellend, Detektive pafften in jeder Lebenslage an ihrer Pfeife, während im herrschaftlichen Landgut, das weit im Hintergrund abgebildet war, stets ein einzelnes Licht brannte. Aber Pustekuchen, die Reihe mit dem schwarz maskierten Meisterdieb dort hinten, Tom zeigte auf einen Stapel, während er sprach, die kommt bei den Pfeifenheinis hundertmal besser an, glaub mir. Vielleicht stellen die sich vor, wie sie den Dieb anhand einer atemberaubend hergeleiteten Beweiskette selbst zur Strecke bringen, sagte Tom und lachte. Wenn sie nur genug Mumm in den Knochen hätten, fügte er leise hinzu und spuckte. Der Rotz flog zwei Kutschenlängen weit und landete im Staub. Konrad waren die Beweggründe der Kunden egal. Hauptsache, ein Abonnement für die wöchentlich erscheinenden Zehn-Pfennig-Hefte wurde abgeschlossen, und er bekam seinen Anteil jeden Montag in Toms Zentrale ausgehändigt, zusammen mit dem Stapel Neuerscheinungen. Genügend Pfennige beisammen zu haben bedeutete, mit breiter Brust in die Konditorei zu marschieren und etwas aus der Auslage zu bestellen. Dafür war er bereit, hartnäckig an den Türschwellen stehen zu bleiben. Ein älterer Herr mit zu Kreisen hochgezwirbelten Schnurrbartenden, dem er eine Abenteuerserie angedreht hatte, die irgendwo in Arabien spielte, unterschrieb nur, damit der junge Mann hier keine Wurzeln schlage, und wusste ja gar nicht, wie doppeldeutig die Redewendung in Konrads Ohren klang. Manchmal wandten sich Kunden, in der Regel solche mit schütterem Haar und dunklen Ringen unter den glasigen Augen, nach innen ins Haus, um zu prüfen, ob sie ungestört reden konnten, und flüsterten Konrad zu, ob es noch etwas anderes gebe, du weißt schon, mein Junge, wurde dann herumgedruckst. Tom nannte es die Spezialhefte, und Konrad zog sie bei Bedarf aus der Tiefe des Beutels hervor. Wenn die Dame des Hauses dir die Tür öffnet, sagte Tom, beginnst du am besten mit den Liebesschmonzetten und arbeitest dich ungefragt zu den Spezialheften durch, was auch tatsächlich, ganz gleich, wie groß das Kreuz war, das im Halbdunkel der Stube an der Wand hing, sehr gut ankam. Als er so ein Ding zum ersten Mal, von einem Hügel aus, in einer Turmspitze stecken sah, hielt er es für ein Schwert, das mit der Klinge nach unten zeigte, als hätte ein Herrscher es nach einer gewonnenen Schlacht in den Turm gerammt, um ein für alle Mal klarzustellen, wem das Land von nun an gehörte. In den Stuben hing manchmal ein bärtiger Mann mit ausgestreckten Armen an dem Kreuz, manchmal auch nicht. Das musste man nicht auf Anhieb verstehen, und er gab sich auch nicht allzu viel Mühe damit. Menschen waren im Allgemeinen recht seltsam. In letzter Zeit wird das Soldatenzeug immer gefragter, sagte Tom mit verheißungsvoller Stimme und pustete sich eine Strähne aus dem rechten Auge. Er las ihm manchmal aus den Heften vor, was Konrad ziemlich großartig fand. Diesmal ging es um einen jungen Gefreiten, der sich heldenhaft ins Kriegsgetümmel warf. Mit einer Uniform führt man ein edleres Leben, sagte Tom und legte eine Hand auf Konrads Schulter, nicht mehr lange, und dann macht es Kawumms, fügte er hinzu und grinste, als rollte eine Jahrmarkttruppe über die Straße in die Stadt. Ein paar Monate später war es dann so weit. Von allen Seiten hörte Konrad vom Großen Krieg, der endlich gekommen war. Die Menschen waren außer sich vor Freude, wenigstens einige Wochen lang. Die Mobilmachung griff flächendeckend um sich, und junge Männer liefen haufenweise zum Bahnhof, wo sie jubelnd in Güterzüge stiegen. Kurz danach gab niemand mehr Geld für Groschenromane aus. Die Abonnements versiegten, Türen knallten im Sekundentakt zu, von Tag zu Tag wurde Konrad aufgrund seines wehrfähigen Alters misstrauischer beäugt. Auch Tom war eines Tages verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Kein Klimpergeld mehr für schokoglasierte Teilchen, überhaupt war es besser, nicht mehr unter Leute zu kommen. In den Wäldern war man ungestörter. Die Hefte, auf denen er sitzen geblieben war, benutzte er als Zunder für seine Lagerfeuer. Nur die Spezialhefte behielt er noch bei sich und starrte gebannt, bis spät in die Nacht hinein, auf die schwarz-weißen Illustrationen.

Selbst im Schlaf, wenn Konrad im Schutz eines Erdhügels ein Nickerchen machte, schob der Hunger alles beiseite und prügelte auf seinen Bauch ein wie ein Boxer, gegen den man auf dem Jahrmarkt antrat und nicht den Hauch einer Chance hatte. Nach dem Aufwachen, Konrad hätte schwören können, dass die Tannenzapfen, die im feuchten Gras herumlagen, eben noch mit Karamell überzogene Birnen gewesen waren, ging die Suche nach etwas Essbarem weiter. Je nach Jahreszeit gab es Beeren und Bucheckern, aber er war schließlich kein Mensch geworden, um sich wie Federvieh zu ernähren. Manchmal kam er an Bauernhäusern vorbei, die am Ende eines Waldstückes auftauchten, mit schrägen Holzbalken in den Mauern, aus den flachen Schornsteinen stieg Rauch auf. Die Hunde waren kein Problem, sie bellten nie, wenn er sich den Höfen näherte. Sie schnüffelten an ihm herum, hoben ein Bein und kümmerten sich nach dem kurzen Strahl nicht mehr um ihn. Anscheinend roch er immer noch nach Baum. Auf den Zehenspitzen oder sich eine Kiste unterschiebend, warf er einen Blick durch die Fenster, wo er die Familien am Tisch sitzen sah. Eine Bauersfrau, dunkles Kopftuch und alte Gesichtszüge, war meistens allein mit drei bis fünf Kindern, die wenigsten davon erwachsen. Ab und zu war noch ein Opa zu sehen oder eine bucklige Großtante, die niemand heiraten wollte, noch nicht einmal der bekloppte Bruder der Bauersfrau, der im winzigen Holzverschlag hinter der Küche eingesperrt wurde. Nach dem Amen des Tischgebets tauchten sie schweigsam ihr Maisbrot in einen Teller Kartoffelsuppe. Zum Nachtisch gab es warme Ziegenmilch mit einem Klecks Marmelade aus Johannisbeeren, wenn Konrad sich diesmal nicht in der Farbe geirrt hatte. Er stieg von der Obstkiste und schlüpfte durch eine schmale Öffnung, die in Kniehöhe neben der Stalltür eingelassen war und an der eine Hühnerleiter mit drei kleinen Sprossen lehnte. Daraufhin kroch er durch den dusteren und leeren Stall hindurch, bis er eine Klappe fand, die zur Speisekammer führte. Dort stopfte er einen Mehlsack mit Maiskolben, Kartoffeln und Marmeladengläsern voll. Etwas anderes gab es auch nicht. Auf dem Boden klebten schmutzige Federn in ausgetrockneten Blutlachen fest. Er hob den Kopf, und vor seinen Augen schwebten einzelne Staubkörner aberwitzig langsam durch die schmalen Lichtbalken, die von oben hereinfielen. Die laute Stimme der Bauersfrau drang zu ihm, sie schrie ihren Kindern ins Gesicht, dass es morgen nur vergammeltes Brot und Regenwasser gäbe, wenn sie weiter so halbherzig im Feld arbeiten würden wie heute. Im Leben könne man sich eben nicht alles aussuchen, sie hätte es auch lieber gehabt, wenn der bekloppte Bruder in den verdammten Krieg gezogen wäre und nicht der Vater, Gott habe ihn selig. Das Klatschen danach hörte sich an wie das Abtrennen von Hühnerköpfen, aber es war eine Rute, die hintereinander auf drei bis fünf ausgestreckte Kinderhände flirrte, da war sich Konrad sicher. Durch die Ritzen der Bretterwand konnte er sowohl ins Innere der Küche als auch in den Holzverschlag linsen. Der Nachwuchs stand nebeneinander aufgereiht in der Küche und verschränkte die linke Hand hinter dem Rücken, während der Bruder, er war ungefähr Mitte zwanzig und hatte einen wild abstehenden Vollbart, auf dem Boden hockte und sich mit den Händen die Ohren zuhielt. Seine schmutzigen Fingernägel erinnerten an gebogene Hühnerkrallen. Irgendwann wurde ihm ein Napf hineingeschoben, der Bruder griff sprungartig danach und tauchte drei Finger in einen Brei aus Essensresten. Nicht so schlingen, wollte ihm Konrad zuflüstern, aber es wurde höchste Zeit, dass er aus der Speisekammer verschwand. Die Hunde dösten mit der Schnauze im staubigen Boden neben ihren Hütten oder im Schatten des Gebäudes und verfolgten den sich rennend vom Hof entfernenden Konrad nur mit den Augen. Das Klackern der Marmeladengläser war noch lange im Halbdunkel des Waldes zu hören. Seit einiger Zeit gab es keine Hühner mehr, stellte Konrad fest, als er auf einem Erdhügel eine Pause einlegte und die süße Johannisbeermasse mit zerkauten Maiskörnern vermischte. An Tagen, an denen er nichts erbeutete, stopfte er sich Blätter von einem niedrig wachsenden Strauch in den Mund und kaute auf ihnen. Das half gegen den Hunger. Außerdem kam er sich dadurch eben nicht wie Federvieh vor. Blätter passten besser zu ihm.

Ein Sperling war im Schilf gelandet und stierte in der Art, wie nur Vögel es konnten, in eine unbestimmte Richtung. Im Uferbereich des Flusses stand Konrad über das matte Grau des Wassers gebeugt und zog den rechten Fuß aus dem Fluss, um ihn vorsichtig, mit den Zehenspitzen voran, etwas versetzt wieder einzutauchen. Seine Augen fixierten die sich kräuselnde Wasseroberfläche. Als er wieder sicheren Stand hatte, hob er langsam beide Arme in Kopfhöhe, im Ellenbogen angewinkelt. Der Sperling zuckte zweimal ruckartig mit dem Kopf, als verfolgte er ein Tennismatch in der Mitte des Flusses. Konrad verharrte stocksteif in seiner Position. Er atmete tief ein, scherte die Hände auseinander und hielt die Luft an, bis der richtige Moment gekommen war. Blitzartig schossen die Hände hinab, packten nach etwas, das sich wehrte und für einen Augenblick zu entkommen schien. Er musste einen Ausfallschritt machen und noch einmal nachfassen. Wasser spritzte in alle Richtungen. Er spannte die Oberarme an und wurde ein wenig zur Seite gezogen, woraufhin alles ruhig wurde. Grinsend zog er eine dunkelbraune Kröte heraus, die kopfüber zwischen seinen Händen klemmte und beharrlich mit den glänzenden Unterschenkeln strampelte. Der Lärm des Spritzwassers hatte den Sperling aufschrecken lassen, er flog in einem Bogen am bewölkten Himmel entlang zur anderen Flussseite, wo er in einem Busch landete. In der Nähe kauerte eine dunkel gekleidete Gestalt am Ufer und applaudierte. Konrad erschrak und geriet für einen Moment aus dem Gleichgewicht. Fast wäre er rücklings ins Wasser gefallen, aber er nutzte den Schwung geschickt für eine halbe Drehung und lief, seinen Fang vor der Brust schützend, mit schnell staksenden Schritten auf das Schilf zu, worin er Sekunden später verschwand.

Konrad war zu faul, um aufzustehen. Er fummelte den Spieß, so gut es ging, ein halbes Mal um die eigene Achse und ließ ihn schräg auf die in den Boden gesteckte Astgabel zurückfedern. Die zwei Schenkel am anderen Ende waren noch nicht knusprig genug. Er blieb an den grasbewachsenen Erdhügel gelehnt und starrte weiter in den Abendhimmel. Wenn man gewisse Sterne mit einer Linie verband, kamen ein Kinderdrachen oder ein Bügeleisen zum Vorschein. Konrad presste seine Handflächen aneinander. An den Handgelenken ließ er einen kleinen Spalt offen, den er über die Spitze des Drachen rauf und runter schob. Dazu stöhnte er, bis er kichern musste, und fing wieder von Neuem an. Allmählich übermannte ihn ein Gähnen, seine Augenlider senkten sich mit einer Leichtigkeit, die Beruhigung versprach und ihn erfolgreich einlullte. Ein Geräusch ließ ihn wieder ein Auge öffnen, dann das andere. Erst nach dem dritten Blinzeln erkannte er eine Gestalt, die sich neben dem Feuer über den Spieß beugte. Mensch, das verbrennt doch noch alles, sagte sie mit hoher Stimme und riss die brutzelnden Schenkel in die Höhe. Konrad griff neben sich, jedoch ins Leere, dein Beutel ist hier, bemerkte die Gestalt, ohne ihn anzusehen, und roch am Krötenfleisch. Im Feuerschein erahnte Konrad die knusprig ausgehärtete Haut mit der saftigen Schicht darunter. Die Gestalt schlug ihren Umhang zur Seite und zog eine dolchartige Klinge hervor. Mit der Breitseite schob sie den unteren Schenkel vom Spieß, der klatschend zu Boden fiel. Damit du nicht verhungerst, murmelte sie, spießte den Schenkel auf und schleuderte ihn zielsicher vor Konrads Füße. Ein Lächeln blitzte auf, dein Feuer hast du gut versteckt, sagte sie und wischte mit der Klingenspitze durch die Luft, wobei ihre schulterlangen Locken golden schimmerten, aber du schnarchst wie ein vollgefressener Dachs, man hört dich noch in Friedberg, fügte sie hinzu und lachte. Bevor er etwas antworten konnte, hatte sie sich umgewandt und war leichtfüßig in die Dunkelheit des Waldes getaucht. Konrad schnappte sich den Schenkel und lief hinter die Feuerstelle, wo sein Beutel wie eine zusammengerollte Katze lag. Seine Sachen waren alle noch da. Er horchte in die Dunkelheit, in der sich nichts mehr regte, und prüfte mit der Oberlippe, ob der Schenkel genügend abgekühlt war für einen ersten Biss. In ihren goldenen Locken, da war sich Konrad sicher, hatte etwas gesteckt, ein dünner Zweig vielleicht.

Einen Ast beiseiteschiebend kam Bruno Blancknagel, seines Zeichens Wachtmeister im Großherzoglichen Hessischen Gendarmeriekorps, zur Mittagsstunde an der abgebrannten Feuerstelle vorbei, klatschte seinem Pferd zweimal stramm auf die rechte Flanke und leitete mit der Bemerkung, wer ein Feuerchen im Wald macht, meine liebe Schneeflocke, der macht sich verdächtig, sein Absitzen ein. Beim gebückten Abschreiten des wunderschönen Hains unweit des Flussufers murmelte er hier und da unverständliche Satzfetzen, teilweise einem im Mund sitzenden Birkenzweig geschuldet, um abschließend, nicht ohne den Anflug prahlerischen Selbstlobs in der Stimme, lauthals festzustellen, dass aufgrund seiner Kenntnisse im Spurenlesen eindeutig festzustellen sei, dass wahrscheinlich zwei Personen die Nacht hier verbracht hätten. Oder es war jemand mit Schuhen an Händen und Füßen, sagte er und legte eine kurze Pause ein, der auf allen vieren herumläuft, um eine falsche Fährte zu legen. Ein kleiner Witz, den er sich, an den eigenen Bierbauch fassend, erlaubte, und er warf den Kopf vor Lachen derart heftig nach hinten, dass die Pickelhaube kurz in Schieflage geriet. Augenblicklich korrigierte er den Sitz des Helms und wies mit der Hand hinter eine Baumgruppe, sie sind heute Morgen in diese Richtung aufgebrochen, sagte er in einem Ton, als hätte er alles seinem Pferd diktiert, welches die Tatbestände mitschreiben sollte wie ein Hilfssheriff. Die Zügel aufnehmend schwang er sich in den Sattel zurück, in dessen Lederknauf ein doppeltes B geritzt war, was insgeheim für seinen Spitznamen stand, Buffalo Bruno, den außer ihm selbst niemand benutzte, und gab Schneeflocke die Sporen. Einen halben Tag Vorsprung, zischte er am Birkenzweig vorbei, wenn du nicht so herumkriechst wie üblich, dann erwischen wir sie spätestens heute Abend, diese gottlosen Banditen.

Ein schmaler Trampelpfad führte durch hohe Gräser am Fluss entlang. Konrad kaute Blätter und war unterwegs zu einem Bauernhaus, das er länger nicht mehr aufgesucht hatte. Die nächste Windung des Flusslaufs verschwand hinter einem aus dem Gras aufragenden Steinhügel, der von Weitem wie eine riesige Tatze aussah. Drei fast senkrechte Einkerbungen, in ähnlichem Abstand zueinander, drückten vier bucklige Felsplatten derart ins Licht, dass man erwartete, in dem Waldstück, das sich dahinter auftürmte, mit Bäumen dicht zugewachsen, würde sich jeden Moment eine gigantische Raubkatze aus dem Boden graben. Konrad hörte ein Klopfen. Irgendwo tief aus dem Waldstück erklangen die zittrig knarrenden Spitzhammerschläge eines Buntspechts. Buchstäblich aus dem Nichts tauchten Bilder auf, wie aus der Luft gesogen wurden sie durch ein Loch in die Gegenwart hineingeboren. Tausend Kleinigkeiten fielen ihm ein, von früher, aus der Zeit im Gelbachtal, wie die aufgehende Sonne ihn vom Wipfel abwärts berührte oder der feingliedrige Verlauf seiner Wurzeln. Eine Zeit, als er weder tagelang herumlief, um etwas zu essen aufzutreiben, noch einen Gedanken daran verschwendete, sich im Winter warm halten zu müssen. Konrad blieb im hohen Gras stehen und sah hinab in die schwachen Strömungslinien des Flusses, die sich teilten, auffächerten, wieder zueinanderfanden und verschwanden. Die Erkenntnis, dass es dem Wasser genauso ging wie ihm, hätte ihn durchaus eine Weile lang trösten können, aber der Moment wurde von einem Stein unterbrochen, der dumpf in die Strömung plumpste. Konrad verfolgte die Flugbahn zurück und landete mit seinem Blick auf dem Tatzenfelsen. Breitbeinig stand sie obenauf und malte mit ihren Händen eine schwungvolle Welle durch die Luft. Eine Einladung, näher zu kommen. Ihre Locken waren zu einem Zopf zusammengebunden, aus denen ein schwarzer Strich herausragte.

Ein Pinsel, sagte sie und zeigte mit dem Finger auf ihren Haarschmuck, steht mir gut, findest du nicht? Konrad hatte pausenlos gestarrt und hoffte nun, dass sein Mund nicht die ganze Zeit offen gestanden hatte. Er zog die Lippen gedämpft zusammen wie ein Karpfen. Die Aussicht ist atemberaubend, sagte er und fügte hinzu, dass er den Fluss meinte, was sie zum Lachen brachte. Obwohl der Felsen nur unwesentlich höher war, genügte es, um den Blickwinkel auf den Fluss, der in mattem Grau unter ihnen vorbeizog, weit zu öffnen. Zwei Sperlinge balgten sich im Flug, die Rolle des Jägers jeweils abwechselnd. Nidda nennt sich der Fluss, sagte sie, was Konrad mit einem Nicken kommentierte, das weiß ich, setzte er verzögert hintenan, obwohl es eine Lüge war. Ich finde, Menschen ähneln den Flüssen, an denen sie leben, sie sah an Konrad vorbei, die Biegungen der Nidda entlang, dieser hier ist auf den ersten Blick etwas langweilig, grau und träge in der Strömung, aber überrascht einen mit seiner Artenvielfalt. Beim letzten Wort fiel ihr Blick auf Konrad zurück, der etwas sagen wollte, aber ihm fiel nichts ein, und deswegen zog er Rotz die Nase hoch, so wie es Tom getan hätte. Er spuckte, und natürlich wäre es besser gewesen, wenn er in hohem Bogen über den Abhang hinaus den Fluss getroffen hätte, so aber klatschte ein schattiger Fleck mitten auf den warmen Felsen, und das kurze Augenrollen ihrerseits verunsicherte ihn mehr, als ihm lieb war. Ich will dir etwas zeigen, hinter diesem Waldstück, sagte sie, und schon war sie mit ihrem schwarzen Mantel zwischen den Bäumen verschwunden. Konrad war verwirrt, zögerte einen Augenblick und noch einen weiteren, komm mit, hörte er ihre Stimme, die von knackendem Gestrüpp untermalt wurde. Er pustete einmal tief durch, und als hätte ihn jemand von hinten geschubst, setzte er sich in Bewegung.

Bereits nach einem Schritt war er in eine dämmrige Dunkelheit geraten, ein Pfad oder etwas Vergleichbares war nicht zu entdecken. Trau dich, rief sie ihm zu und wich einem glitzernden Spinnennetz aus, das wie ein Käfig um drei Stämme gewunden war. Die Lücken zwischen den Bäumen waren derart eng, dass sie andauernd die Richtung wechseln mussten, um tiefer ins Waldstück zu gelangen. Das führte dazu, dass er sie eben noch auf der linken Seite hinter dem Stamm einer Buche verschwinden sah und seine Frage, wie heißt du eigentlich, von rechts, versetzt hinter ihm kommend, beantwortet wurde. Luda ist mein Name, sie tauchte unter einem tief hängenden, knorrigen Ast hindurch, ich male gerne, und du, fragte sie zurück. Konrad nannte zuerst seinen Vornamen und nach einer Pause, in der ihm ein Zweig fast ins Gesicht geschleudert worden wäre, dass er Groschenromane verkaufe. Im Wald, fragte sie und kicherte, du siehst mir eher aus wie ein Herumtreiber, sagte sie und wiederholte die Bezeichnung noch einmal, nun, als wäre es ein Lob. Sie lief vor ihm durch das Dickicht, etwa einen Meter voraus, ich bin auf dem Weg nach Vilbel, warst du schon einmal dort, fragte sie, indem sie den Kopf leicht zu ihm zurückdrehte. Konrad verneinte, was gibt es dort, kam ihm sofort in den Sinn, wobei er vorsichtig über einen Stumpf stieg, aus dem spitz zulaufende Holzsplitter herausragten. In Vilbel gibt es Mineralquellen, sagte sie und machte sich dünn, um sich zwischen zwei Baumstämmen hindurchzuquetschen, das teuerste Sprudelwasser der Welt. Diesmal erwischte ihn ein Zweig und zog einen tiefen Striemen von der Schulter quer hinunter zum Becken, wie eine dünne rote Schärpe, die er unter dem offenen Hemd trug. Konrad ließ sich nichts anmerken, hört sich gut an, sagte er und suchte nach ihr, nachdem er den Kopf vom Betrachten der Wunde wieder angehoben hatte. Das bedeutet, die Menschen dort sind reich, hauchte sie ihm scheinbar ins Ohr. Konrad erschrak und wollte den Kopf seitwärts wegziehen, aber von weit vorne kam ihre fragende Stimme, wo bleibst du denn? Die Dunkelheit versiegte allmählich und wich einer Helligkeit, die das Ende des Waldstücks ankündigte. Die Bäume standen weniger dicht zusammen, geradeaus zu laufen war wieder möglich. Das letzte Stück überwand Konrad, indem er einen quer wachsenden Ast als Reckstange verwendete, an dem er vor- und zurückschwang, bevor er mit einem weiten Sprung auf der angrenzenden Wiese landete. Hier bin ich, rief er, als erwartete er Applaus, und sah Luda, die am anderen Ende der Wiese in der Hocke saß und von ihm abgewandt in die Ferne blickte. Unterwegs zu ihr holte er eine Handvoll Blätter aus dem Beutel. Hilft gegen Hunger, sagte er und hielt ihr ein paar Exemplare hin, die sie dankend annahm. Schon das zweite Mal, dass du mich durchfütterst, murmelte sie und stockte beim letzten Wort, als wäre ihr die Bemerkung plötzlich unangenehm geworden. Vor ihr fiel die Wiese steil bergab. Was ist das, fragte Konrad und zeigte mit dem Finger über ihren Kopf hinweg, wo sich in der Ferne die Nidda durchs Tal schlängelte. Das, mein lieber Herumtreiber, sagte Luda, als sie aufstand und eine längere Pause einlegte, um ausgiebig auf den Blättern zu kauen, das ist die Wasserburg von Vilbel.

Vier Türme, wie runde Aschenbecher geformt, steckten die Ecken eines ungleichmäßigen Rechtecks ab, das den Grundriss der Burg bildete. In der Mitte ragte das Dach eines Gebäudes heraus, auf dessen Mittelkuppel eine Fahne im Wind flappte, drei rot gezackte Streifen auf gelb-weißem Grund. Die Außenmauern, aus bläulich schimmernden Steinen gebaut, schlossen oben mit eng sitzenden Zinnen ab. Zwischendurch pikten sich ovale Schießscharten durch das Gemäuer. In Bodennähe wand sich ein Steilufer, kaum einen Meter breit, wie ein grün bewachsener Kranz an den Mauern entlang. Die Häuser der Stadt lagen verstreut auf beiden Seiten des Ufers. In diesem dort beim Marktplatz, sagte Luda, die ihren Pinsel nach vorne hielt und mit dem spitz zulaufenden Haar ein sandfarbenes Gebäude umkreiste, da wohnt er. Konrad starrte gebannt auf die minimalen Bewegungen, kaute dabei langsam und nickte, als prägte er sich alles ein. Brod ist ein reicher Mann, die Pinselspitze wippte um den Schornstein des Hauses, ihm gehört die größte Mineralquelle der Stadt. Konrad brummte eine Zustimmung und stopfte sich eines der Blätter in den Mund, an deren bitteren Geschmack er sich schnell gewöhnt hatte. Bald darauf fühlte sich sein Hunger an, als würde jemand eine Glocke aus Ton auf ihm ablassen, unten war er noch spürbar, kam aber nicht mehr laut und deutlich zur Geltung. Weißt du, es ist eine Sache, irgendwo ein paar Kartoffeln mitgehen zu lassen, sagte Luda und ließ den Pinsel sinken, sodass Konrad den Blick von dem Haus auf ihr Gesicht richtete, aber diese Operation ist ein völlig anderes Kaliber. Sie wusste nicht, dass er nur halbherzig zugehört hatte. Er war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, auf die leichten Berührungen ihrer Ellenbogen zu achten, die ab und zu durch die Bewegung des Pinsels herbeigeführt worden waren. Jetzt sah er in ihre klaren Augen, eine Farbe, die ihm bisher unbekannt war, als würde man eine Weintraube gegen die Sonne halten. Woher weißt du das alles, fragte er, obwohl er kaum auf eine Antwort aus war, sondern eher auf die Möglichkeit, ihr weiter in die Augen sehen zu dürfen. Ihr Blick wurde schärfer, eine geschmeidige Falte geriet zwischen die Augenbrauen, gleichzeitig neigte sie den Kopf zur Seite, nur Geduld, es wird noch besser.

Beide lagen bäuchlings am Rand der steil abfallenden Wiese, vor der sich das Panorama des Vilbeler Tals entfaltete, und hatten keine Ahnung, dass am anderen Ende des Waldstücks, das sie eben durchschritten hatten, Bruno Blancknagel schimpfend einen Stofffetzen in der Hand hielt, der im Gestrüpp hängen geblieben war. Verfluchter Mist, für diesen dichten Baumwuchs ist dein Hintern zu breit, Schneeflocke, sagte er und verzog die Mundwinkel, als wollte er einen Kubikmeter Luft aus dem Pferdekörper saugen. Er hatte sich vom Tatzenfelsen aus einen Überblick verschaffen wollen, als ihm der krustige Rand eines ausgetrockneten Rotzflecks unter seinem linken Stiefel auf dem Steinboden auffiel. Den Birkenzweig wegschleudernd, stieg er ab, untersuchte den Fleck, dann die nähere Umgebung, wo ihm der schwarze Fetzen von Ludas Mantel ins Auge gestochen war. Es hilft nichts, wir müssen außen herum, einen Bogen um das Waldstück machen und über die Landstraße nach Vilbel kommen, entschied er, ohne die leiseste Ahnung zu haben, dass eine Kutsche im selben Augenblick einem Schlagloch auf eben erwähnter Straße ausgewichen war, in deren Kabine Carl Brod versuchte, den Zeilen seiner Lektüre zu folgen. Die zwei Dobermänner, die zwischen seinen Füßen lagen, füllten nahezu den ganzen Boden aus und knurrten zeitgleich, als sie mitbekamen, dass ihr Besitzer mit wütender Stimme dem Kutscher aus dem Seitenfenster zurief, verdammt noch mal vorsichtiger zu fahren. Einmal im Monat reiste der wohlhabende Geschäftsmann nach Frankfurt, um dort im Bankhaus der Gebrüder Bethmann seine Geldgeschäfte zu erledigen. Da er zu Beginn des Jahrhunderts durch Bohrungen auf seinem Grundstück auf Quellwasser gestoßen war, das einen hohen Anteil an Kohlensäure aufwies, und es bald darauf in Flaschen abfüllen ließ, die stilvoll etikettiert waren und sogar über die Grenzen des Herzogtums hinaus geliefert wurden, konnte er es sich leisten, über Nacht in einem noblen Hotel in Bahnhofsnähe zu nächtigen. Am folgenden Tag versorgt er sich mit ausreichend Lesestoff für die kommenden Wochen und fährt am späten Nachmittag wieder zurück, sagte Luda, die mit dem Pinsel den Verlauf der Vilbeler Landstraße nachzeichnete, das jedenfalls hat mir eine ehemalige Hausangestellte im Suff erzählt. Sie drückte den Oberkörper ruckartig hoch, ein Knie blieb angewinkelt auf dem Boden, auf das andere stützte sie den Unterarm. Bist du nun dabei oder nicht, fragte sie und zog ihre dolchartige Klinge unter dem Mantel hervor, nur falls der Kutscher versuchen sollte, den Helden zu spielen. Konrad spuckte die abgekauten Blätter ins Gras und stellte sich aufrecht neben sie. Worauf wartest du, fragte er zurück. Hätten die fünf Sperlinge, die sich auf einem der Wasserburgtürme niedergelassen hatten, auch nur das geringste Interesse für das Geschehen in der Umgebung gezeigt, dann wäre ihnen nicht entgangen, dass in der Ferne zwei Figuren, eine schräge Linie ziehend, wie in Zeitlupe den steilen Hügel hinabliefen, während am Fuß desselben die Umrisse einer Kutsche durch die Baumreihen schimmerten, die langsam über die Landstraße in Richtung Vilbel holperte.

Weil ihn alle Kutscherhannes nannten, dachte er den ganzen Tag darüber nach, sich einen anderen Spitznamen zuzulegen. Einen Namen, der abenteuerlicher klang, ihn verwegener wirken ließ, vielleicht etwas Exotisches. Vor allem einer, der nicht sofort seinen Beruf preisgab. Gestern, im schäbigen Teil des Bahnhofsviertels, war er in seine angestammte Schänke gegangen und hatte im Augenwinkel die neue Kellnerin entdeckt, die am hintersten Tisch, neben dem Durchgang zur Küche, leere Krüge einsammelte. Wundervolle Schultern hatte sie, breit und stramm, sodass er sich in die Nähe der Theke setzte und bald ein angeregtes Gespräch entstand. Als beim zweiten Bier jemand zur Tür reinkam, der ihn erkannte und seinen Namen quer durch den Raum verteilte, sah der Kutscher, wie die Kellnerin das Gesicht verzog, als hätte sie in faules Obst gegriffen. Sie bewirtete ihn immer noch höflich, aber ohne einen Funken Interesse. Die Person hatte mit dem freundlich gemeinten Gruß all seine Pläne zerstört. Wahrscheinlich hätten sie sich wenige Monate später verlobt, er und die Kellnerin mit den breiten und strammen Schultern. Sein Humpeln, das sie zunächst nicht bemerkt hatte, hätte sie hingenommen. Sobald sie ihn als Mensch erst einmal ins Herz geschlossen hätte, beim weiteren Gespräch im Halbdunkel der Kneipe, hätte sie das taube Bein akzeptiert, mehr noch, es mit Würde als Herausforderung des Lebens angenommen. Denn eine Sache beherrschte er wie kein Zweiter: aus einem alltäglichen Gespräch in ein Herumschäkern abzubiegen, Komplimente zu verteilen, in angehängten Nebensätzen, sodass sie als solche nicht ins Rampenlicht traten, oder sich genau portionierte Spitzfindigkeiten auszudenken, die eine junge Kellnerin rot werden ließen und zum Kichern brachten. Es war eindeutig notwendig, dass ein neuer Name hermusste, dachte der Kutscher, als es im Geäst über ihm knackte und ein affenartiges Gebrüll ein Fallen in Gang setzte, dessen Verursacher auf dem Bock neben ihm landete. Die vermummte Gestalt schrie, dass dies ein Überfall sei, rutschte seitwärts und zog die Fußbremse an. Glockenhell war die Stimme, der Körper schlank und flink, schon wurde ihm eine Klinge an den Hals gehalten. Beide Pferde blieben stehen und senkten die Köpfe, als gäbe es eine Wiese abzusuchen. Aus den Büschen huschte eine weitere Gestalt heran und öffnete die Kabinentür. Herr Brod würde seinen Dobermännern bestimmt gleich den Reißbefehl erteilen, dachte der Kutscher, was auch prompt geschah. Die Hunde knurrten und bellten furchterregend, fanden aber anscheinend die Waden des Kabinendiebes nicht. Anders konnte sich der Kutscher die ratlos hysterischen Ausrufe Brods nicht erklären, der mehrfach den Satz wiederholte, dass der Dieb doch unmittelbar vor ihnen stehe, ob sie ihn denn nicht sehen würden. Die Hunde wurden ruhiger, winselten wie Welpen, das Geräusch kannte er, es kam nur auf, wenn ihr Herrchen sie am Bauch streichelte. Auch Brod sagte nichts mehr, es wurde so leise, dass die hastigen Atemzüge der vermummten Gestalt, die neben ihm saß, durch seine Ohren pumpten. Aus der Kabine drang noch ein Murmeln, raschelnde Geräusche, dann trat der Kabinenräuber heraus und verschwand zusammen mit der vermummten Gestalt, die geschmeidig vom Bock gesprungen war, in den Gebüschen am Wegesrand. Der Kutscher, der sich sowohl bei Herrn Brod nach dessen Befinden erkundigte als auch seine Pistole unter der Weste herauszog, war im Begriff zu schießen, am besten mehrmals, jeweils den Lauf nach jedem Schuss leicht versetzend, ins schattige Grün der Gebüsche hinein, aber er hatte nie gelernt, wie man die Sicherung löste. Weder sein Vater hatte es ihm gezeigt, ein schamgebeugter Mann, der eines Tages mit der Wäscheleine im Wald verschwand, noch jemand aus dem Haushalt der Familie im Dorf, bei der er geblieben war und in den Nächten auf dem Boden von einer Mutter träumte, die er nie kennengelernt hatte. Er solle doch schießen, der dumme Krüppel, schrie Brod ihn an, der aus der Kabine herausgestolpert war und lauthals den Umstand verfluchte, dass sein früherer Kutscher, ein Waffennarr und ehemaliger Gewichtheber auf Jahrmärkten, gezwungen war, in einem Erdloch an der Westfront darauf zu hoffen, nicht in Stücke gespalten zu werden. Der Kutscher ließ die Pistole langsam sinken und strahlte. Ihm war ein Spitzname eingefallen, der sehr gut zu ihm passen könnte. Kanonenhannes, flüsterte er vor sich hin.

Wie aus dem tiefsten und dunkelsten Kerkerraum der Wasserburg zu fliehen, so fühlte es sich an. Mit Panik in den Bewegungen, den Augen. Die aus Stein gehauene Wendeltreppe hasteten sie hinauf, überblickten gründlich den Innenhof. Gaben sich einen Ruck und rannten um ihr Leben, dem Haupttor entgegen, wo sie den Hebel zum Ablassen der Zugbrücke betätigten. Die schweren Ketten ratterten durch ihre Köpfe hindurch. Eine ohrenbetäubende Angst. Sahen hinter sich, vor Erreichen des gegenüberliegenden Ufers, um sicher zu sein, dass niemand sie verfolgte. Dann endlich, mit einer ungehörigen Vorfreude im Atem, nahmen sie Anlauf und sprangen in den langersehnten Jubel. Konrad und Luda kugelten vor Glück im Gras herum, blieben auf dem Rücken liegen, sahen in den Himmel und lösten sich auf vor Lachen, versickerten wie Regentropfen in der Erde, zwei Rinnsale, die sich durch den warmen Boden schlängelten, tauchten wieder auf, in einem Maisfeld, wo sie sich in Pfützen gesammelt hatten, aus denen sie sich erhoben, erst in die Hocke, dann aufrecht. Der Mais überragte ihre Köpfe um das Doppelte, sie suchten einen Ausweg. Entweder wucherten die Pflanzen im Eiltempo nach oben, oder die Erde schrumpfte mit jedem Schritt, den sie machten, ein Stückchen zusammen. Es war ihnen egal. Im Rücken geriet der Boden in Schräglage, als würde das Maisfeld auf einer Seite langsam ansteigen. Irgendwann ragte es so hoch hinaus, dass sie mit halsbrecherischer Beschleunigung aus dem Feld rutschten, die Arme vor Freude in die Luft gereckt, durch ein Dorf und noch ein Dorf hindurch, in eine abgelegene Waldhütte hinein. Dort blieben sie stehen, die Hände auf die Knie gestützt, völlig außer Atem. Forderten sich heraus, wer länger die Luft anhalten könne, bis die Lungen brannten. Zählten das Geld aus der Lederbörse, tausendeinhundert, oder waren es tausendfünfhundert, begannen von vorne. Flüsterten Zwischensummen, die beim Zusammenrechnen wahrhaftige Konturen bekamen und zur Decke aufstiegen wie Seifenblasen. Unter jedem Geldschein lagen wunderschöne Dinge, die man sich davon kaufen konnte, wie zum Greifen nahe eine goldene Halskette, am Ende baumelte eine Taschenuhr, oder ein Schiff vor Anker, am Riff einer Südseeinsel, mit Tausenden Mandarinen, in Palmblättern gesammelt, dazwischen Teilchen, selbstverständlich schokoglasiert. Beide ließen sich irgendwann erschöpft auf den Boden nieder, lagen nebeneinander oder mit den Armen eng verschlungen, je nachdem, wie der Mond durch die zerbrochene Dachluke fiel. Ein Buch war auch da, eine Papprolle ebenfalls, Konrad hatte beides mitgenommen, einfach aus den Händen gerissen, dem unverschämten Brod. Luda fing an vorzulesen, von einem Mann, der in seinem Bett aufwachte, über Nacht war er in einen Käfer verwandelt worden. Konrad war hingerissen, die Worte waren klar und eindringlich, anders als in den gestapelten Heften in der Hütte hinterm Bahnhof, wenn Tom ihm vorgelesen hatte. Die Sätze purzelten rhythmisch nach vorne, im Takt der Schläge eines eines Bildhauers, der mit einem Hämmerchen nachdenkliche Gesichtszüge in einen Bronzeblock formt. Konrad dämmerte langsam weg. Er sah, wie das Hämmerchen zu einem Buntspecht wurde, dann zu seiner Faust, die gegen Türen klopfte, die niemand öffnete. Durch die Handlung der Geschichte, die ihm im Ohr herumtanzte, drang eine Berührung, zärtlich und warm, ein Gutenachtkuss und noch ein weiterer, mit weichen Lippen, ein sanfter Schubs in den Schlaf.

Lediglich ein paar Kopfbewegungen und ein mehrfach kurz angesetztes Schnauben benötigte das rechts eingespannte Pferd, um Schneeflocke zu erklären, was vorgefallen war. Sein linker Nachbar, ein erdbrauner Wallach, sagte gar nichts, außer einmal am Anfang, als er durch ein weinerliches Wiehern anmerkte, dass er einen Scheißdurst habe. Ansonsten nickte er die Zusammenfassung des Tathergangs in typischer Pferdemanier ab, sodass es aussah, als kümmerte ihn das alles nicht. Schneeflocke sah in die Büsche am Wegesrand, in die sie gleich eintauchen würde, um die weitere Verfolgung aufzunehmen. Die Gemütsverfassung ihres Futterbesorgers war angespannt, das erkannte sie an der Art, wie seine Stimme vibrierte, während er einen Herrn in feinem Anzugstoff neben der offen stehenden Kabine nach Einzelheiten befragte. Der sternförmige Fleck auf der Schulter, dessen Zacken streifenförmig in fünf Richtungen verliefen und sich strahlend weiß von ihrem nachtschwarzen Fell abhoben, war ein richtiger Hingucker. Vor allem der rechts eingespannte Klopphengst, ein hellgrau gefleckter Araber, legte sich sehr ins Zeug, ihr mit dem Bericht über den Überfall zu imponieren. Den Zusatz, dass er, wenn er nicht hier im Geschirr hängen würde, sofort hinterhergetrabt wäre, um die Banditen zu stellen, nahm sie stumm zur Kenntnis. Was wusste der schon, dachte sie, tut geradewegs so, als hätte er eine Ahnung davon. Sie hätte antworten können, dass der Futterbesorger, bevor sie eben um die Baumgruppe gebogen waren und die Kutsche auf dem Weg stehen sahen, seine Sporen so tief in ihre Hautschicht am Bauch gehackt hatte, dass es jedes Mal blutig zur Seite spritzte. Dabei rief er ständig, dass sie sich schneller bewegen solle, ob sie vielleicht eine Milchkuh sei, eine fett gewordene. Dabei musste man ihr beim Reiten bloß über die Bugspitze streicheln und ab und zu auf den Widerrist trommeln, damit sie mit Freude ganz von selbst wie ein Blitz nach vorne schoss. Aber wenn die Stimme des Futterbesorgers, die sich von hinten gerade näherte, diese zittrigen Ausschläge bekam, war damit keinesfalls zu rechnen. Die nehmen wir mit, rief er im Vorbeilaufen dem Kutscher zu, der eben noch gedankenversunken auf dem Bock gesessen hatte. Hosenkacker, fügte er hinzu, so wird man dich ab heute landauf, landab nennen, dafür werde ich sorgen. Er blieb neben dem Bock stehen und betonte jede Silbe, Hosenkacker, mit hochgiftig herausgespuckter Abscheu, die den Kutscher schreckhaft zur Seite zucken ließ, als würde ihn eine Schlange in hohem Bogen anspringen. Die Unterarme hatte er reflexartig vor der Brust gekreuzt. Die zwei Dobermänner stoben rechts am Araber vorbei, der ungebrochen von seinen überaus möglich werdenden Heldentaten berichtete, und zogen die Hundeleinen stramm, die an Schneeflockes linkem Vorderbein schabten. Mit gefletschten Zähnen knurrten sie unablässig in Richtung Gebüsch. Der links eingespannte Wallach hob deswegen sogar ein wenig den Kopf, als zeigte er Interesse an den Geschehnissen ringsum. Zum Abschied warf Schneeflocke den Kutschpferden mit dem Kopf eine schwunghaft in die Luft gezeichnete Ellipse zu, und während der Futterbesorger die Hundeleinen um den Sattelknauf mit dem doppelten B wickelte, seinen Stiefel in den linken Steigbügel schob, bereit zum Hochziehen, hatte sie auf einmal das Bedürfnis, einen Satz zur Seite zu machen, in tänzelndem Schritttempo rechtwinklig abzudrehen, mit den Hinterhufen nach ihm auszuschlagen und galoppierend, immer geradeaus, irgendwo in der Unendlichkeit einer abendlichen Landschaft zu verschwinden.

Alles war weiß. Nicht im Sinne einer tief sitzenden Helligkeit, die bezeugt hätte, dass die Sonne bereits seit Stunden aufgegangen war und man den Blick nicht in das blendende Licht heben konnte wie es an Tagen der Fall war, wenn der Himmel wolkenlos blieb. Sobald Konrad die Augen öffnete, war es so, als ließe er sie geschlossen, mit dem Unterschied, dass er kein weltenabdichtendes Schwarz sah. In welche Richtung er auch blickte, weder war eine Körnung zu erkennen noch eine farbliche Abstufung, alles war in dem gleichen matten Weiß gehalten. So fühlt es sich also an, blind zu sein, dachte er und war erstaunt über die ruhige Art, in der er das feststellte. Aus der Magengegend kam ein Blubbern. Wenn er sich die Hand gegen den Bauch hielt, dann spürte er sein Hemd und darunter die Wärme seines Körpers. Immerhin war er nicht tot, kam es ihm erleichtert in den Sinn. Er tastete um sich, da war der Boden, darauf Staub und Krümel aller Art, ab und zu Laub oder ein abgebrochener Strohhalm. Das konnte nur bedeuten, dass er noch immer in der Waldhütte lag. Konrad stand auf und schnappte nach Luft. Ein fauliger Geschmack blieb beim Schlucken zurück. Er tastete in der Luft herum, machte einen halben Schritt und noch einen. Es war warm, wahrscheinlich schon später Vormittag. Ein Luftzug kreuzte seinen Weg, strich an der Haut und den Haaren seiner Unterarme entlang. Konrad folgte ihm, mit ausgestreckten Fingern vor sich her wischend, die irgendwann eine Oberfläche berührten. Sie war in handtellerbreite Abschnitte unterteilt, die rauen Bohlen der Waldhütte. Sich seitwärts weiter vorarbeitend, wo der Luftzug stärker wurde, stieß er nach zwei Armlängen auf eine Kante. Daneben kam nichts mehr, weder Holz noch sonst etwas, eine breite Öffnung nach draußen schien sich aufzutun. Ob es mit den ersten Schritten ins schüttere Gras zu tun hatte oder mit der Sonne, die ihn wärmend empfing, war ihm vollkommen unklar. Brühwarme Flüssigkeit schob sich mit kaum zu fassender Geschwindigkeit nach oben und spritzte schwallartig aus ihm raus. Mit jeder neuen Welle, die würgend heranrückte und sich ergoss, kehrten schattige Bereiche in das matte Weiß zurück. Konturhaft und kaum wahrnehmbar, wie Abdrücke eines Bleistifts auf dem unterliegenden Blatt, die sich schleichend mit mehr Kohlenstaub anfüllten, formte sich in Konrads Blickfeld allmählich ein Bild. Anfangs noch verschwommen, sich aber schon erkennbar von der weißen Umgebung absetzend, erschien das Bild beim nächsten Schwall bereits gestochen scharf. Eine ovale Fläche, in Schwarz-Weiß gehalten, die an den aufgeplatzten Inhalt einer breiigen Wassermelone erinnerte, der sich zwischen seinen Schuhen ausbreitete. Mit Leichtigkeit konnte er die körnergroßen Bröckchen vom Magensaft unterscheiden, vor allem, als nach einem weiteren Schwall die Farben zurückkehrten. Dunkelgrün schwammen sie in der graubraunen Kotze herum. Konrad hob den Kopf an, um zu spucken. Ein gutes Dutzend Sperlinge hatte sich auf der Grasfläche vor der Waldhütte verstreut, stumm und in alle Richtungen blickend, außer in seine. Zwischen ihnen konnte er eine Linie aus Fußabdrücken ausmachen.

Im Morgengrauen aus der Waldhütte zu schleichen war beileibe nicht die eleganteste Lösung, aber jemandem, der von Hunden nicht gewittert werden konnte, dem konnte man nicht über den Weg trauen. Am Ende war sogar Teufelswerk im Spiel. Sie bekreuzigte sich im Laufen und dachte, dass er andererseits wie ein unschuldiger Chorknabe ausgesehen hatte, der von Zuckerwatte träumte, als sie ihm einen Hunderter vorne ins Buch legte, bevor sie sich mit dem Rest davonmachte. Das lag aber daran, dass Menschen im Allgemeinen eine viel bessere Figur abgaben, wenn sie sich nicht mit ihren wachen Gesichtern präsentierten und ein Gespräch in der Öffentlichkeit führten, als Zeitungsverkäufer ihrer Arbeit nachgingen oder sich kurzerhand entschlossen, einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche zu legen. Das Bedürfnis, ein kultiviertes Zusammenleben der Barbarei vorzuziehen, hatte sich irgendwann in ausreichend Hass umgestülpt, und wie bei einer Schlittenfahrt gab es ab einem Punkt kein Zurück mehr. Die Gesetzmäßigkeiten des nackten Überlebens hatten dem zivilisierten Europa die Leinentücher übergeworfen, wie es bei Möbeln üblich war, die in einem weit entfernten Sommerhaus standen, das man in den kommenden Jahren vorerst nicht mehr aufsuchen würde. Selbstverständlich war auch sie in den Krieg gezogen. So wie alle ihre Freunde, aber auch Kollegen, vor allem Maler und Bildhauer, war sie mit Herz und Seele winkend durch die geschmückten Hauptstraßen marschiert, das Gewehr über der Schulter. Als die ersten Verwundeten und Toten von den Schlachtfeldern zurückgekarrt wurden, machte sich die ernüchternde Erkenntnis breit, dass dieser Krieg nicht mit Schusswaffe und Säbel ausgefochten werden würde. Sein bevorzugtes Material bestand aus lebendigen Körpern, die er Mensch um Mensch wie ein wild gewordener Halbgott über den rauchverhangenen Gräben hockend in sich hineinschlang.

Während sie auf einen Trampelpfad stieß, der von der Waldhütte wegführte, strich sie über den Pinsel im Haar. Sie hatte ihn damals mitgenommen, als Talisman, aber auch als Erinnerung an ihr Zuhause, das Atelier mit dem schweren Tor, wo sie oft wie eine Fechterin vor den Leinwänden auf und ab hüpfte, mit tänzelnden Ausfallschritten zur Seite, der Pinsel lag wie ein Degen in der Hand, um besser über den nächsten Strich nachdenken zu können oder, wie sie es nannte, um ins Gleichgewicht zu kommen. Sie trug ihn immer bei sich, beim Transport an die Front, während der ersten Wochen, als in ihrem Abschnitt kaum ein Schuss fiel und alle ungeduldig auf eine Kampfhandlung warteten. Auch an dem Tag, als sie einem jungen Soldaten, der im Getümmel auf sie zusprang, das Bajonett vom Kinn aufwärts in schräger Linie bis ins Gehirn schlitzte oder als ein Sergeant ihr, ohne zu zögern, fast eine Granate vor die Füße geworfen hätte. Er sah aus wie ein Dorfschullehrer, der den Kindern noch am Tag vor den Sommerferien eine Glasschale mit Bonbons hingehalten hatte, mit den Worten, jeder dürfe sich einen rausnehmen, die Farbe könne man selbst aussuchen, ihm persönlich würden die grün gefärbten am besten schmecken. Mit angewinkeltem Arm, wurfbereit, stand er auf einmal auf dem Acker, wie aus einer Wolke aufgetaucht, die sie als Kind in den Zaubervorstellungen auf dem Jahrmarkt immer so bewundert hatte, während sie durch das Granatgewitter nach vorne rannte. Die Splitterbombe, die den Sergeant einen Hauch später in tausend Stücke teilte, kam wie aus dem Nichts angeschossen. Sie stand reglos da, den Matsch betrachtend, der von einem Menschen übrig blieb, während das Surren der herankommenden Geschosse und deren Einschläge pausenlos einen ohrenbetäubenden Krawall erzeugten. Sie pickte einen länglichen Granatsplitter vom Boden auf. Noch in derselben Nacht würde sie ihn zu einer dolchartigen Klinge umarbeiten. Eine Woche später, der Mond war günstig angewachsen und baumelte wie eine Funzel über ihrem Kopf, machte sie sich auf den Weg. Die Umrisse von stumm vor sich hin glotzenden Soldaten, die schlammbeschmierten Kompaniefahrzeuge, die neben der Kommandozentrale standen, ein zerbombtes Gebäude, vormals ein Wasserwerk am Rande einer Kleinstadt, von der sie noch nie etwas gehört hatte, sanken mit jedem weiteren Schritt schichtweise in den Boden und verschwanden endgültig. Sie lief an Flüssen entlang, immer die Stromrichtung wählend, die vom Krieg wegführte. In einem Dorf besorgte sie sich Frauenkleidung, Röcke und Kopftücher, die sie gegen ihr Gewehr eintauschte und anstelle der Uniform trug. Dadurch konnte sie auch Landstraßen benutzen, ohne sofort von der Militärpolizei angehalten zu werden. Weiter ging es in Richtung Süden, in die Schweiz hinein, wo sie auf die Aare traf. Deren unsagbar schöne Haut, straff gespannt, hier und da ein mit geschwungenen Linien gezeichnetes Kräuseln, das darauf hindeute, dass unter der Oberfläche starke Strömungen umherzogen, fand sie in den Gesichtern der Menschen wieder. Sie blieb eine Weile, half den Bauern und kämmte sich so, dass sie ein kleines Knäuel am Hinterkopf formen konnte, welches sie mit ihrem Pinsel absicherte, damit die Haare beim Melken der Kühe nicht im Weg waren. Von dort gelangte sie ins Einzugsgebiet der Sava. Ihr Haar war lang geworden und berührte die Schultern der meist schürzenhaften Kleider, die sie dem Schnitt der ansässigen Frauen anpasste und die ihr gefielen, wegen der Lufträume, die sie beim Laufen erzeugten. Die Menschen aus der Region, welche die Stromlinien des Flusses in ihre Handarbeiten webten, kleine Tischdeckchen oder Gardinen mit dicken Borten, tauften sie Luda, weil sie ihr den Namen nicht abkauften, mit dem sie antwortete, wenn sie danach gefragt wurde. Über die Alpen, dem Lauf der Salzach folgend, suchte sie in den folgenden Monaten einen Rückweg, einem tief sitzenden Heimweh geschuldet, vielleicht sogar bis nach Leipzig zurück, wo sich ihr Atelier mit dem schweren Tor befand, das hätte ihr gefallen. Der smaragdartig grüne Fluss, der sich durch Salzburg schlängelte, war dermaßen gläsern, dass sie bestimmt Gesteinsformen am Grund erkannt hätte, wenn sie sich getraut hätte, in den Stadtkern zu laufen und das Wasser vom Brückengeländer aus zu betrachten. Sie erinnerte sich an die kristallklaren Melodien, die in diesem Landstrich komponiert worden waren, und lief, die bekannten Noten der Zauberflöte leise vor sich hin summend, um Salzburg herum. Die schäumenden Stromschnellen, die in den Wäldern dahinter an Fahrt aufnahmen, mochte sie besonders. Sie hatte das Gefühl, als käme sie dadurch schneller in die Heimat zurück.

Vor einigen Wochen dann war sie über den Neckar bis an den Main vorgestoßen, wo sie eine ehemalige Hausangestellte von Brod kennenlernte. Diese kam gerade von einer Sammelstelle für Abfälle zurück, die flächendeckend eingerichtet worden waren. Es war ein Versuch, den akuten Mangel an Rohstoffen durch Spenden aus der Bevölkerung einzudämmen. Einen leeren Kartoffelsack hatte sie sich wie ein Kissen unter den Kopf geschoben und döste vor sich hin, als Luda im Unterholz über sie stolperte. Den Gegenwert für die Menge an Kartoffelschalen, den sie bei der Sammelstelle ausgezahlt bekam, hatte sie auf der Stelle in eine Flasche selbst gebrannten Wacholdergeist investiert, aus der sie noch lange gemeinsam tranken. So ergab es sich, dass Luda der Abzweigung der Nidda gefolgt war, an deren Ufern sie hockte, um die Stoppel, die stets aufs Neue wuchsen, ungeachtet, welche Namen oder Kleider sie trug, mit der dolchartigen Klinge zu stutzen, bis sie vor ein paar Tagen einen jungen Kerl bemerkte, der durch den Wald lief und den sie dabei beobachtete, wie er, von Hunden vollkommen unbehelligt, in ein Bauernhaus einstieg und kurz darauf mit der Beute verschwand. Der Trampelpfad endete an einer Gabelung. Luda sah zurück und fragte sich, ob Konrad den Hunderter im Buch bereits gefunden hatte. Die Papprolle hatte sie ihm ebenfalls gelassen. Darin war eine Schalldose für einen Parlographen, mit der Stimme des Buchautors, sofern die handgeschriebene Beschriftung der Wahrheit entsprach. Sie erinnerte sich an ihn, Kafka, so ein kraftvoller Name blieb hängen. Einer der Freunde aus Leipzig hatte ihn vor dem Krieg erwähnt, vielleicht war er ihr sogar vorgestellt worden, bei einem Kaffeebesuch, wenn sie es sich recht überlegte. Ein schönes, auf schüchtern machendes Gesicht, der Körper ragte schlaksig durch den Anzug hindurch. Sie wechselten ein paar Worte, nichts außer Höflichkeiten, in einem Umgangston, der mittlerweile völlig aus der Zeit gefallen schien. Eine Verlobte wurde erwähnt, die er am Vortag in Berlin besucht hatte. Es wäre sehr angenehm, sich wiederzusehen, vielleicht bei einer erneuten Durchreise, er befinde sich auf dem Rückweg nach Prag und habe einen Zwischenhalt in Leipzig eingelegt, wo sein Verleger wohne. Die Angelegenheit mit der Verlobten wollte sie damals über Dritte noch eingehender in Erfahrung bringen, aber dann verlor sich ihr Interesse bald in anderen Gesichtern. Sobald sie in Leipzig angekommen wäre, würde sie ihm über den Verleger einen Brief schicken, in dem sie ihm herzlich zur Publikation beglückwünschte, dachte sie, während sie beide Wege beobachtete, die sich im Dickicht des Waldes verloren, und nicht entscheiden konnte, welchen sie wählen sollte. Sie kniff das rechte Auge zusammen, dann das linke, mehrmals hintereinander. Es schien verrückt, aber auf dem rechten Weg, genau dort, wo vor einem Moment noch solch eine Ruhe geherrscht hatte, dass sie ihre Staffelei hätte aufstellen und mit einer Studie für eine Naturimpression beginnen können, rannten ihr zwei Hunde entgegen.

Zeit war zu einer Schicht geworden, die sich in der Luft zusammenpresste und umso undurchdringlicher wurde, je näher die Dobermänner der Zielperson am Ende des Weges kamen. Mit jedem Schritt verlangsamten sich die Bewegungen, nicht ihre eigenen, sondern die der Umgebung. Eine Hummel flog quer über den Waldweg, und beide Hunde, in rasendem Tempo unterwegs, hätten wohl die schwarzen Längsstreifen entlang ihres Körpers mehrfach durchzählen können. Sogar die feine Oberflächenstruktur wurde sichtbar, da auf dem Rücken der Hummel ein Haar wie eine Nadel aus dem Fell herausstach. Auch Luda studierte den Hummelflug im Detail, sie war vor allem von den kraftvoll schmetternden Schlägen der Flügel fasziniert, obwohl sie lieber in den linken Weg gestürmt wäre, um sich wenigstens eine kleine Fluchtmöglichkeit zu bewahren. Aber der Boden um sie herum schien klebrig geworden zu sein. Bewegungen waren nahezu unmöglich. Ihre Beine schleppten sich, von den Knien abwärts, durch eine zähflüssige Masse, als hätte die Luft über dem Boden eine sumpfähnliche Struktur angenommen, durch die man nur mit größter Anstrengung dringen konnte. Hinter den Hunden entdeckte sie ein Pferd, das vom Wald aus auf den Weg einbog und ähnliche Schwierigkeiten hatte voranzukommen, aber das schob sie eher dem dickleibigen Reiter zu, der obenauf saß. Beim Einbiegen in den Weg entdeckte Bruno Blancknagel Ludas Gestalt am anderen Ende und konnte dem Schrei, den er dem Pferd zurief, um es anzuspornen, kurz nach Verlassen des Mundes, dabei zusehen, wie er vor seinem Gesicht, als Schallwelle vorwärtsschwappend, allmählich die Hunde einholte. Sein Pferd galoppierte zwar wie ein Blitz an den Bäumen am Wegesrand vorüber, aber es schien sich stets um dieselben Exemplare zu handeln, die an ihnen vorbeizogen. Von außen betrachtet wurde das Schauspiel mehr und mehr zu einem Standbild. Die Rückansicht der vor Schreck starren Luda, die an der Gabelung stand, im dunklen Mantel und den Pinsel im Haar. Dem rechten Weg folgend, auf halber Strecke in den Wald hinein, flog eine Hummel quer vor den Schnauzen der Hunde entlang, deren Lefzen die Zähne bloßlegten. Unscharf im Hintergrund ein Reiter auf einem Pferd, die rechte Hand nach vorne gereckt und anscheinend etwas rufend.

Konrad betrachtete das Bild genauso eingehend, wie er es mit den Illustrationen der Spezialhefte getan hatte. Die Farbgebung, der Pinselstrich, das war alles meisterhaft ausgeführt, dachte er, während er in einem Gebüsch hockte, aber was wusste er schon davon. Er war Ludas Fußspuren gefolgt. Von seiner kurzzeitigen Sehstörung zurückgeworfen, holte er schnell auf und behielt sie immer eine Baumlänge vor sich im Blick. Sein verschwitztes Hemd hielt er zusammengeknüllt in der Hand. Ein Blatt kauend und auf einen dicken Stock gestützt, spuckte er zwischen seine Oberschenkel, und es wirkte, als löste der Speichel in dem Augenblick, als er im Gestrüpp vor seinen Füßen auftraf, die Klebrigkeit der Zeit auf, die sich in der Welt ausgebreitet hatte. Er sprang auf, rannte von hinten an Luda vorbei, die ihn überrascht ansah, warf ihr das Hemd zu und rief, schmeiß es dir über, drang weiter in den rechten Weg hinein, wo die Hummel längst verschwunden war, über die Hunde, die ihn nicht beachteten, hinweghechtend, an ihren Leinen entlang, die im Staub schlingerten, bis zum Pferd, dessen Reiter eine Pistole in Hand hielt und einmal feuerte, aber verfehlte, sodass Konrad mit genügend Anlauf in einen Sprung übersetzen konnte und ihm mit einem weit ausgeholten Schlag seines Stocks die Pistole aus der Hand schleuderte. Das Pferd bäumte sich auf und warf den Reiter beim dritten Abstoß der Vorderhufe endlich ab. Bruno Blancknagel landete unsanft auf dem Rücken, schlimm tönende Schmerzensschreie verteilend und unfähig aufzustehen. Konrad hob die Pistole auf, stellte sich vor das Pferd, dem er beruhigend über die Bugspitze streichelte, bevor er sich geschmeidig in den Sattel hob. Luda betrachtete all das durch eine Lücke im Hemdstoff, der sich mit jedem Atemstoß vor ihrem Mund wie eine Blase nach außen wölbte und unter dem sie sich im Schneidersitz versteckt hielt. Die Hunde liefen verwirrt um sie herum, über den Boden schnüffelnd, aber behandelten sie mit demselben Desinteresse, das sie den restlichen Bäumen des Waldes entgegenbrachten. Konrad ritt ihnen auf Schneeflocke entgegen und gab bei der Gabelung zwei Schüsse ab, schräg in die Baumkronen hinein, die wie Peitschenhiebe auf den Hintern der Dobermänner fungierten. Beide verzogen sich jaulend ins Unterholz.

Luda benötigte einige Atemzüge, um sich etwas zu beruhigen. Währenddessen schob sie das Hemd zur Seite, damit ihr Kopf herauslugen konnte. Vor ihr war Konrad, hoch auf dem Pferd sitzend, er grinste, steht dir gut, mein Hemd, sagte er und steckte die Pistole neben das Buch und die Papprolle in den Stoffbeutel. Sie sah an sich hinunter, es ist ein Fluch, egal, was ich anziehe, es schmiegt sich phänomenal an meine Figur, daraufhin zog sie das Hemd über den Kopf und warf es ihm zu. Konrad legte es sich über die Schulter und hielt ihr seine flach ausgestreckte Hand entgegen, ich finde, mein Hemd ist mindestens die Hälfte der Beute wert. Schneeflocke stieß hintereinander mit allen vier Hufen auf, es klang wie Applaus. Luda stand auf und kramte in den Manteltaschen, das kann man wohl behaupten, sagte sie, während sie ein Bündel Scheine aus der Lederbörse zog und ihm in die Hand drückte. Konrad zerknüllte die Scheine, danke, er stopfte den Batzen ungezählt in den Beutel hinein, eine Frage hätte ich noch. Luda zog die Augen zusammen, es sah ein wenig schmerzverzerrt aus, aber ihr lässiges Schulterzucken gab ihm das unmissverständliche Zeichen, dass er loslegen konnte, wann immer er bereit war. Machst du dich jedes Mal morgens mit der Beute aus dem Staub, eine Unterbrechung entstand, in der er einmal zur Seite blickte, ohne einen Mucks zu sagen. Das Pferd schnaubte laut, als wollte es damit andeuten, dass es die Antwort wusste. Das kommt ganz darauf an, wo man bei geschäftlichen Beziehungen die Grenze zieht, sagte sie in übertrieben ernstem Ton und winkte ab, außerdem war das eine ausgemachte Sache, es war immerhin mein Plan. Er wollte sie ein fieses Luder nennen und sie anschnauzen, nicht solche Unwahrheiten zu verbreiten, stattdessen klopfte er auf Schneeflockes Schulter, genau dort, wo der sternförmige Fleck prangte, und fragte sie mit zusammengekniffenen Augenbrauen, ob sie sich wohlfühle, weil sie überfallartig von einem Hustenanfall attackiert wurde. Sie hob ihre rechte Hand, die sie beschwichtigend durch die Luft wippen ließ, weißt du schon, wo du jetzt hinwillst, fragte sie, als sie sich beruhigt hatte. Nicht genau, sagte er, ohne länger darüber nachzudenken, aber komm doch einfach mit, wir haben bestimmt eine gute Zeit zusammen. Sie strich die Hand einmal quer durch die Luft und schüttelte fest entschlossen den Kopf, ihr Pinsel bewegte sich dabei wie ein Metronom. Ich bin besser allein unterwegs, das war schon immer so. Er nickte schwerfällig und wollte bereits das Pferd herumreißen, doch er zögerte, etwas war ihm noch eingefallen, haben wir uns gestern tatsächlich geküsst, die Wörter zogen sich außergewöhnlich in die Länge, sodass sie ihn mit Leichtigkeit unterbrechen konnte, indem sie den Zeigefinger über ihre Lippen legte. Kümmere dich nicht um alte Geschichten, sagte sie, knabbere lieber etwas weniger an deinen Blättern herum, sie tippte den Zeigefinger gegen ihre Backe, die wirken nicht nur gegen Hunger, sondern machen die Welt auch ein bisschen aufregender, als sie wirklich ist. Sie grinste breit über das Gesicht, man kann sogar blind davon werden, fügte sie hinzu und verdrehte die Augen so weit nach oben, dass die Regenbogenhaut nicht mehr zu sehen war. Konrad äußerte seinen Ekel darüber mit einem lang gezogenen Stöhnen, und für einen Moment lächelten sie sich an, nicht wie Verbündete, aber lang genug, um ein Geheimnis zu besiegeln. Ruckartig drückte sie den Arm durch und zeigte mit dem Finger auf ihn, es war mir ein Vergnügen, mit dir auf Raubzug zu gehen, Herumtreiber Konrad, posaunte sie feierlich. Mir auch, seine Stimme klang heiser, pass auf dich auf. Er trommelte mit den Fingern über Schneeflockes Widerrist, und schon rauschte er davon, mitten durch den Wald, windähnlich an Baumstämmen vorüber, bald auf eine glatt gemähte Heide zu, die von unzähligen Sperlingen übersät war. Tief gebeugt galoppierte er darüber hinweg und scheuchte vorne eine kleinere Vogelgruppe auf, was vom Rest als Flugbefehl aufgefasst wurde. Eine gigantische Welle, gewebt aus Sperlingen, die gemeinsam hinaufflogen, sodass die Landschaft wie ein Bettlaken von der Erde gezogen wurde, zeltgroße Falten in den Himmel werfend, die sich ruckartig zueinander verschoben, als würde man sich unter der Oberfläche eines sturmgepeitschten Ozeans befinden. Darunter kamen die dunklen Umrisse einer großen Stadt zum Vorschein, auf die Konrad geradewegs zuritt, seine Arme um den Hals von Schneeflocke geschlungen, die von Tränen feuchte Wange gedrückt an den zitternden Pferdekopf.

Niemand hatte mitbekommen, wie knapp die Patrone aus der Pistole von Bruno Blancknagel, der sich noch vor Einbruch der Nacht aus dem Wald schleppen konnte und dem eine große Karriere als SA-Offizier bevorstand, Konrad verfehlt hatte und schnurgerade durch die Luft flirrte. Das Projektil drang im weiteren Verlauf geschmeidig durch Hemd und Mantelstoff sowie mehrere Hautschichten mitten in die linke Niere von Luda, wo sie leicht angewinkelt unter dem Lungenflügel wieder austrat und mit einer schräg nach oben führenden Flugbahn in einen Baumstamm einschlug. Wo sich eben noch ein Stück Rinde befunden hatte, war ein Loch entstanden. Hintereinander schlüpften Bilderfetzen wie Larvengeburten in die Welt und schwärmten Luda entgegen. Sie hatte sich den brennenden Schmerz nicht anmerken lassen, vor allem während sie mit Konrad sprach, aber jetzt, da er davongeritten war, konnte sie die Stirn in angemessene Falten legen. Die Hand gegen die blutende Wunde gepresst, entschied sie sich für den linken Weg und humpelte vorwärts. Oben zwischen den Bäumen sah sie einen schmalen Spalt aus blauem Himmel, der sich wie ein Fluss über ihrem Kopf durch die Wipfel schlängelte. Als die Bilderfetzen sie eingeholt hatten und wie Herbstblätter auf sie herabfielen, erinnerte sie sich an Schlittschuhe, den Geruch von Kohlsuppe mit gelben Bohnen, einen Kuss, es musste an einem Sommertag gewesen sein, an schlechten Rotwein und die blauen Lippen, die er hinterließ. Um ihren Hals hing der Anhänger der Großmutter, die gleiche ovale Form wie das Bild im Flur des Elternhauses, an dessen Ende eine Tür angelehnt war. Das schwere Tor ihres Ateliers, in das sie hineinfiel, als hetzte sie gerade in voller Montur über einen zerfurchten Ackerboden und als hätte dieses Mal die Granate die Hand des Dorfschullehrers tatsächlich verlassen und kullerte ihr vor die Füße, sodass Luda im Moment der Explosion von einer möglichen Zukunft eiskalt im Stich gelassen wurde. Sie lief unter dem Himmelsspalt entlang und sah sich Schritt für Schritt dabei zu, wie sie gleichzeitig im Kanonenhagel tiefer ins Erdreich sank. Je mehr Schichten aus Erinnerung und aufspritzendem Schlamm an ihr haften blieben und sie allmählich unter sich begruben, desto eher war sie nicht mehr von der Umgebung zu unterscheiden.

Das Gefühl einer bodenlosen Verunsicherung, das nach dem Raub einsetzte, konnte Carl Brod nie mehr abschütteln. Er war unfähig geworden, dem Lauf seines Lebens zu vertrauen. Zuerst glaubte er, das Zurückkehren der Hunde, auf die er tagelang gewartet hatte, hoffnungslos vor sich hin schluchzend, würde eine beruhigende Wirkung nach sich ziehen. Aber das Gegenteil war der Fall. Hinter jedem Baum und jeder Ecke witterte er neue Angriffe. Selbst in seinem Schlafgemach schlich er nachts nur noch mit vorsichtigen Schritten zum Töpfchen, am Sekretär mit dem Parlographen und den Schalldosen vorbei, einen Schraubstock in der Hand, den er hinterm Rücken vor dem Blick des Einbrechers abschirmte. Es ging so weit, dass er den Gebrüdern Bethmann nicht mehr die Geldgeschäfte überließ, überzeugt davon, dass sie ihn nach Strich und Faden bei der Buchführung hintergingen. Überhaupt verließ er Vilbel nur noch, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Seine monatlichen Besuche in den Buchhandlungen fielen weg, er beschränkte sich auf die Schlagzeilen der Tageszeitungen, die vom bevorstehenden Ende des Krieges berichteten. Meldungen über Massengräber oder die neue Revolution in Russland, das alles erschien ihm erträglicher als sein eigenes Leben in endloser Angst. Berichte über eine Sonnenfinsternis, anhand welcher die allgemeine Relativitätstheorie erstmals bewiesen werden konnte, versetzten ihn wochenlang in Panik. Nicht einmal auf Raum und Zeit konnte man sich noch verlassen, sodass er folgerichtig mit dem Schraubstock die große Pendeluhr im Haus zertrümmerte und fortan im Keller übernachtete. Eines Tages, der Frieden in Europa war wie das Licht, das an einer Kordel von der feuchten Kellerdecke hing, längst wieder angeknipst worden, entdeckte er winzige Löcher im Boden. Brod war überzeugt, dass es Raubbohrungen waren. Irgendjemand versuchte, ihm sein Mineralwasser abzugraben. Nächteläng schob er mit den alt und halb taub gewordenen Dobermännern Wache. Von da an sah man ihn vor allem in der Nähe eines Lochs, das sich nach unten hin verjüngte wie eine Eiswaffel und das er nicht mehr aus den Augen lassen wollte, bis er den Strauchdieb gesichtet hätte. Währenddessen wurden die Kutsche und das Haus verpfändet, seine Rechte an der Mineralquelle verschlackten im Sand der neuen republikanischen Bürokratie, aber das war nebensächlich. Er verließ den Keller und folgte der Spur der Erdlöcher, die ihn in die Wälder führte, tief ins Dickicht hinein, wo er für immer abtauchte. Den Menschen der Vilbeler Gemeinde blieb er als der Broderich im Gedächtnis, ein wildes Schreckgespenst, das mit zotteligen Haaren und zwei Geisterhunden durch die Nacht irrte und in so manche Gruselgeschichte eingewoben wurde.

Pappel. Die Geschichte eines Herumtreibers

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