Читать книгу Worte wirken - Wie wir uns selbst beeinflussen und zulassen, beeinflusst zu werden. - Dieter Grabs - Страница 9

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2. Ein Hauptwort aus verschiedenenBlickwinkeln

Wie viele Hauptwörter kommen dir in den Sinn?

Meistens fallen uns diese eher und schneller ein als Eigenschaftswörter oder Verben. Das hat etwas mit unserer Sprachkultur zu tun. Hauptwörter sind im 16. Jahrhundert entstanden, um den Leser und Hörer auf bestimmte Worte aufmerksam zu machen. Heute sind fast die Hälfte der Wörter der deutschen Sprache Substantive. Sehr viele finden sich in Reden von Politikern, anderen Persönlichkeiten oder vielleicht auch in deinen Gesprächen. Viele Hauptwörter machen die Sätze schwergewichtig und lassen dadurch die Rede/Sätze als bedeutend erscheinen. Lebendige Sätze klingen und wirken anders. Das wäre doch eher ein Lernthema für ein Rhetorik/Dialektik-Seminar.

Substantive begegnen uns als Einzelworte (Berg, Kinder, Auto) oder zusammengesetzt (Berg-hütte, Kinder-wagen, Auto-kran) und bezeichnen meist konkrete Lebewesen und Gegenstände, die fassbar sind. Gleichzeitig verwenden wir auch abstrakte Substantive für Nichtgegenständliches (Liebe, Liebes-gefühl, Entspannung, Entspannungs-musik, Stress-gefühl, Trauer). Die Gemeinsamkeit von beidem ist, dass wir etwas beschreiben, berichten, erzählen wollen und diese in uns Gefühle, auch Bilder entstehen lassen, sowohl im Absender wie im Empfänger.

Ein Substantiv kann mit einem konkreten und abstrakten gemischt werden, wie Berg-luft, Kinder-liebe, Liebes-nest. Es kann auch ein Sprachbild (Metapher) sein, dass uns als verknüpftes Wort sofort eine bildhafte Vorstellung (Assoziation) im Kopf erzeugt, wie Blüten-weiß, Hammerhart, Ähren-meer. Damit wird gern in der Werbung gearbeitet, um beide Hirnhälften, Gefühl und Verstand, anzusprechen. Wird ein Substantiv in einem Satz formuliert, erhält es eine andere Bedeutung oder Färbung als nur alleinstehend. Dies gilt auch in welchem Zusammenhang der Satz erscheint oder auf oder zu welchem Bild. Gleiches gilt bei einem Slogan, z.B. von Audi „Vorsprung durch Technik“.

Ein Wort allein geschrieben auf einem weißen Blatt überlässt dem Leser, diesem Wort eine Bedeutung zu geben. Dieses oder ein Slogan wird jedoch „gefärbt“ durch die Verbindung zu einem Autohersteller, einem Produkt, einer Situation, durch den Absender oder das Papier worauf das Wort geschrieben ist. Wird das Wort gesprochen, dann ist es schon abhängig von der Person, seiner Kleidung, seiner Körpersprache und seiner Betonung. Gleichzeitig aber auch in welcher Beziehung der Empfänger zu dem Sender steht. Das beeinflusst schon die sachliche oder emotionale Wortbedeutung. Darüber hinaus ist es auch entscheidend in welcher Situation das Wort genutzt wird. Es kann in einer anderen Situation oder sogar von der jeweiligen Lebenssituation des Absenders und des Empfängers unterschiedlich verstanden werden.

Stress ist das Wort des 20. und 21. Jahrhunderts. Alle reden davon, aber was ist Stress eigentlich? Es kann nicht gesehen werden und jeder erlebt es anders. Einige finden es gut als positiven Antrieb andere als Bedrohung und gesundheitsgefährdend. Ein treffendes Synonym ist das Wort Anspannung. Diese Energie brauchen wir, um die Anforderungen zu bewältigen.

Das Gegenstück dazu ist die Entspannung. Auf ein ausgeglichenes Pendeln zwischen diesen Worten sind wir angewiesen. Dauerstress ohne Entspannung schwächt uns, macht uns krank. Schon wirkt das Wort etwas neutraler, als wenn es nur dasteht und jeder sich seine Gedanken dazu machen kann. Das macht in Zeitlupe betrachtet nachdenklich für die eigene Wortwahl und das eigenen Kommunikationsverhalten.

Wohlwissend, dass es uns selten gelingen wird immer so differenziert jedes Wort vor dessen Anwendung in seiner Wirkung zu prüfen, bevor es geschrieben, gesprochen oder gehört ist. Dazu fällt mir ein Satz von der Hirnforscherin Franca Parianen ein: „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage.“ … und wie ich es sage.“ So müsste diese Aussage nach meinen Erfahrungen erweitert werden.

Achtsamkeit passt hier als eine Möglichkeit für die Wortwahl. Die eigene Tagesform, Einstellung und Haltung, die Situation, das Umfeld, der Beruf, die berufliche und gesellschaftliche Position sind immer entscheidend für die Wortwahl und Tonalität, vom Absender und vom Empfänger. Daraus ist bereits erkennbar, dass wir uns selbst ständig unbewusst gedanklich bearbeiten (programmieren) und so Worte prägen. Wenn das überwiegend unbewusst der Fall ist, dann könnte doch ein anderes Wort bewusst gewählt werden für eine neue beeinflussende Programmierung. Wird dies dann an verschiedenen Stellen strategisch platziert, nehme ich es recht bald auch unbewusst als Impuls wahr. Damit steuere ich mich in eine neue, dauerhafte Verhaltensweise. Wenn ich dieses neue Wort für eine Veränderung auch noch bewusst wahrnehme, dann verstärke ich damit meine Lernfähigkeit und letztlich auch die Lernfertigkeit. Denke an das Beispiel der verordneten kleinen Stele von meiner Frau, um Gelassenheit zu lernen.

Welches Wort möchtest du so platzieren, dass es dir immer bewusst wird, um eine Veränderung zu fördern? Ein Wort genügt, um als Empfänger programmiert zu sein. Da jedes Wort mit Schwingungen empfangen oder gesendet wird. Diese Schwingungen sind die Bedeutung, die das Wort in mir aus meinen Erfahrungen hat oder die ich diesem gebe. Ein Beispiel – Wortwitz. Manche finden das Doppelwort positiv, da eigene Erfahrungen in Verbindung mit dem Wort auf etwas lustiges zu lesen oder zu hören schließen lassen. Sie sind mit ihren Sinnen offen dafür und wollen die Bestätigung erleben. Andere haben zu dem zweiten Teil des Wortes keinen Bezug, da es aus deren Erfahrungen nichts witziges gibt. Diese hören nur noch das, was sie in ihrer Haltung bestätigt. Andere sind von dem Doppelwort überrascht und neugierig auf das, was kommen mag.

Wer hat nun recht mit seiner Denkweise?

Zunächst einmal alle aus ihrer Sicht, weil sie zu dem Wort eine Beziehung haben. So genügt manchmal ein einziges Wort, um von anderen Menschen deren bisher verborgene Haltung ans Licht zu bringen. Es kann auch dazu führen, dass jemand bereit ist seine bisherige Einstellung zu überdenken für eine neue Erfahrung, dann Erkenntnis bis zu einer neuen Einstellung. Unsere Einstellungen lenken unsere Gefühle, Ohren und Augen agieren wie Scheinwerfer.

Wir sehen oder hören dann nur das, was erleuchtet wird und alles andere bleibt dunkel, bis wir den Scheinwerferwinkel ändern und damit neue Aspekte wahrnehmen können. Entscheidend ist, wie viel Lebensklugheit jemand hat, um nicht gleich ein Wort oder eine Aussage zu bewerten und darauf zu reagieren. Wenn unsere Gefühle durch ein Wort angesprochen werden reduziert sich der Verstand, weil Gefühle stärker sind als Verstand. Mit mehr als 95% agieren wir nach Gefühl, obwohl wir das manchmal nicht glauben wollen. Prüfe Dich selbst.

Dazu gibt es diesen Merksatz von Johann Paul Friedrich Richter, deutscher Dichter und Schriftsteller (Pseudonym Jean Paul): „Das Gefühl findet, der Scharfsinn weiß die Gründe.“ Wir reagieren meist nur noch positiv oder negativ und charakterlich unterschiedlich heftig. Besser ist es bei einem Störgefühl den Absender zu hinterfragen „Was meinst du damit?“

Wie kommst du zu dieser Meinung?“ oder „Welche Erfahrungen machtest du, um dies so zu formulieren und zu verwenden?“

Damit entspanne ich mich. Gleichzeitig gebe ich dem Sender die Möglichkeit, mir zum besseren Verständnis mehr Informationen zu vermitteln. Kennst du den Satz aus dem Volksmund „Jedes Ding hat zwei Seiten?“ Wenn das bei einem gesprochenen Wort so einfach wäre, wie bei einer Medaille. Die Wirkung eines Wortes von der Seite des Senders ist schon sehr vielfältig und differenziert: Welche Person sagt das in welchem Zusammenhang, wie ist dabei seine Körpersprache und Gesichtsausdruck, wer ist noch dabei und hört das auch in welcher Atmosphäre? Das sind schon viele Fragen.

Jetzt kommen noch die Seiten des Empfängers dazu. Wie hört er das? Welche Beziehung hat er zu dem Sender? Wie ist seine Körpersprache und Gesichtsausdruck mit dem gesprochenen Wort? Welche Bedeutung hat das Wort bei ihm selbst? Was meint er damit? Aus welchem Grund jetzt und zu mir? Auch das sind schon viele Seiten. Gleichzeitig erkannte ich, dass in jedem Wort Sachaspekte zu erkennen sind und Gefühle. Gefühle sind erstmal nur Gefühle, für mich weder gut noch schlecht.

Sie sind da und verdienen gewürdigt zu werden. Ich kenne keine verbotenen Gefühle, jedoch können aus Gefühlen Verhaltensweisen entstehen, die uns dann unkontrolliert schaden oder anderen Schaden zufügen können. Stellen wir uns den Gefühlen, statt sie zu bekämpfen, nehmen wir ihnen die Macht. Das kann uns mit einem anderen Wort gelingen, z: B. statt Wut – Gelassenheit, statt Eifersucht – Achtsamkeit, statt Traurigkeit – Geborgenheit, statt Schmerz – Lebensenergie. Und so erleben wir in der Kommunikation immer unterschiedliche Facetten, die zu Klarheit oder Missverständnissen führen.

Kommunikation ist immer Gegenverkehr und nie Einbahnstraße. Es kommt nicht nur darauf an, was ich sage, sondern auch wie, und wie es vom Gegenüber aufgenommen wird. Das ist das zwischenmenschliche Miteinander. Aus diesen Gründen wünsche ich mir, dass Kommunikation bereits im Kindergarten gelehrt, gelernt und stets bewusst angewendet werden soll. Es muss schulisch zu einem Pflichtfach als Hauptfach werden, in der Grundschule und jeder weiterführenden Schule, Hochschule und Universität. Jedes Unternehmen sollte es jährlich als PflichtWeiterbildung integrieren. Kommunikation ist alles und bedeutender als jedes andere Lehrfach! Es ist die wichtigste, ja die erste Grundlage für uns Menschen für ein konfliktarmes Miteinander: Statt einem konfliktstarken Gegeneinander wirkungsvoll zu lernen, sich gegenseitig besser zu verstehen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Jede Beziehung zwischen den Menschen basiert auf der Kommunikation, auch zu Tieren und Pflanzen. Auch ohne Worte kommunizieren wir immer körpersprachlich, mit Augen, Mimik, Gestik und unserer Haltung. Dies erfolgt schon vor dem gesprochenen Wort, da unsere Gedanken vor dem Wort bereits in uns wirken und diese körpersprachlich (nonverbal) zeigen.

Worte wirken - Wie wir uns selbst beeinflussen und zulassen, beeinflusst zu werden.

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