Читать книгу Der kleine Medicus. Band 3: Von Viren umzingelt - Dietrich Grönemeyer - Страница 7
Nano kehrt zurück
Оглавление„Es wird schon klappen“, sagte Micro Minitec und kniff die Augen zusammen, um den verkleinerten Mini-Nano besser sehen zu können. „Bleib dort stehen. Der Greifer holt dich ab und bringt dich an die richtige Stelle des Turbobeamers.“
„Okay“, stimmte Nano zu und richtete seinen Blick nach oben. Dort erschien nach wenigen Sekunden ein Greifarm, der ihm wie eine riesige Kneifzange vorkam. Angst hatte er keine, denn es war derselbe Greifer, der ihn nach seiner Schrumpfung zur Kapsel getragen hatte. Das zangenförmige Gerät umfasste ihn vorsichtig und zog ihn in die Höhe. Nach einer kurzen Reise landete er mitten auf der Unterseite des Hamburgers.
„Nicht bewegen!“, rief Micro Minitec. „Ich schalte jetzt den Turbobeamer ein!“
Nanos Herz pochte. Als ihn die Maschine geschrumpft hatte, war er ahnungslos gewesen. Jetzt aber wartete er auf das Kribbeln. Und darauf, wieder zur vollen Größe zu wachsen. Sonst müsste er tatsächlich in das kleine Puppenhaus seiner Schwester einziehen.
Die beiden Puppen Klara und Bertha würden dann seine Mitbewohner sein. Klara fehlte ein Auge, während Bertha schon mehrmals ein Bein verloren hatte. Und beide Puppen würden deutlich größer sein als er, sollte es nicht gelingen, ihn wieder zu vergrößern. Bei dem Gedanken an diese neue Familie kullerte eine Träne seine Wange herunter.
Dann spürte er plötzlich das merkwürdige Kribbeln in seinem Körper und hörte das bekannte Geräusch. Der Turbobeamer hatte seine Arbeit begonnen. Wieder kitzelte es überall, wieder musste er lachen, wieder sauste der grünblaue Lichtstrahl aus der oberen Brötchenhälfte über ihn hinweg. Sonst passierte nichts.
Eine weitere Träne rann über seine Wange. Er war noch immer kleiner als eine Ameise.
„Was soll jetzt …“, begann er, als sich die obere Hälfte des Hamburgers plötzlich in Bewegung setzte und auf ihn zuschoss. Der unvorstellbar große Raum verlor seine Unendlichkeit, die Wände rasten auf ihn zu, das Labor um ihn herum dagegen schrumpfte mit atemberaubender Geschwindigkeit. Unwillkürlich ging Nano in die Knie, um nicht erdrückt zu werden. Doch seine Furcht war unbegründet, das Geräusch verstummte schlagartig und das Kitzeln hörte auf.
„Total irre!“, jubelte Micro Minitec und riss ihre Arme hoch. „Du hast es geschafft! Du bist wieder ein Großer!“ „Tatsächlich“, schnaufte Dr. X erleichtert. „Der Turbobeamer kann also wirklich Kinder schrumpfen und auch wieder vergrößern.“
Nano sah sich um, betrachtete seine Hände und starrte Dr. X und Micro Minitec an. Alles schien zu passen, alles fühlte sich normal an. Nur das Licht kam ihm ein bisschen heller vor, aber das lag wahrscheinlich an der Schrumpfung und Vergrößerung.
„Du darfst deinen Mund ruhig schließen“, lachte Micro Minitec und stieg die Leiter hinauf. „Na, wie fühlst du dich? Alles an seinem Platz?“
„Ich denke schon“, antwortete Nano.
„Na, dann komm runter“, freute sie sich. „Wir machen noch schnell ein paar Tests. Nur um sicherzugehen. Dann wird es Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Nicht, dass gleich noch die Polizei vor der Tür steht.“
Mit noch leicht wackligen Knien kletterte Nano aus dem Riesenhamburger und folgte Dr. X in einen Untersuchungsraum, während Micro Minitec um sie herumwirbelte. „Supergranatig!“, rief sie dabei und sprang ab und zu vor Freude in die Luft. Dr. X maß Nanos Blutdruck, testete seine Reflexe und zeigte ihm einige Karten mit Rätselaufgaben, die er so schnell wie möglich lösen musste. Aber es war alles in Ordnung. Nach der kurzen Untersuchung verabschiedete sich Dr. X. Und Micro Minitec brachte Nano zu dem selbstfahrenden Auto ohne Räder.
„Sage einfach deine Adresse“, strahlte Micro Minitec.
„Das Auto bringt dich dann auf dem schnellsten Weg nach Hause. Wir sehen uns, Nano. Bist ein mutiger Forscher! Ehrlich!“
Jetzt strahlte auch Nano und setzte sich gleich auf einen der Sitze. Ein Lenkrad gab es allerdings nicht. Selbst wenn er hätte fahren dürfen, hätte er das Auto nicht lenken können.
„In den Schillerhain dreiundzwanzig“, sagte Nano.
„Schillerhain dreiundzwanzig“, wiederholte eine Computerstimme. „Ankunft in fünfzehn Minuten.“
Lautlos schloss sich die Haube, dann schwebte das Auto geräuschlos davon. Nano drehte sich noch einmal um und winkte Micro Minitec zu. Der Rückweg wurde für Nano zu einem großen Spaß. Immer wieder verfolgten ihn staunende Passanten oder Autofahrer mit offenem Mund. Ein Kind, das ein schwebendes Auto fuhr, hatte noch niemand von ihnen gesehen. Mal lächelte Nano die Schaulustigen überlegen an, mal grüßte er mit erhobener Hand, als wäre er ein berühmter Filmstar. Viel zu schnell war die Fahrt vorbei. Das schwebende Auto hielt genau vor dem Haus der Familie Sonntag.
Noch bevor Nano die Haustür erreicht hatte, wurde sie mit viel Schwung aufgerissen. Sein Opa begrüßte ihn mit einem finsteren Blick. Nano kannte diesen Blick. Opa hatte mal wieder die mieseste Laune.
„Wo warst du?“, polterte er los. „Und erzähle mir nicht, du seist in der Schule gewesen! Der Schuldirektor hat nämlich bei uns angerufen. Er hat dich zufällig im Bus nach Spatzenhorst sitzen sehen. Heute Morgen. Aber wir konnten seine Fragen nicht beantworten.“
„Ihr hättet mich doch anrufen können“, wehrte sich Nano und zog sein Smartphone aus der Hosentasche. Zu seiner Überraschung zeigte das Display gleich fünf entgangene Anrufe an. Wahrscheinlich war er in der Kapsel nicht erreichbar gewesen.
„Da hat sich nur deine Mobilbox gemeldet“, sagte Opa Sonntag finster. „Also, wo warst du?“
„Bei Micro Minitec“, antwortete Nano. „Und bei Dr. X.“
„Ich will nicht wissen, wie deine Comichefte heißen, sondern wo du warst!“, mahnte sein Opa.
„Bei Micro Minitec und Dr. X“, erwiderte Nano. „Das sind keine Comicfiguren, das sind Forscher und Ärzte.“
„Na klar, und ich bin Astronaut“, lachte Opa Sonntag giftig. „Ärzte mit solchen Namen gibt es nicht.“
„Doch! Und es sind die besten Ärzte!“, sagte Nano.
„Der beste Arzt ist Professor Götz von Schlotter!“, widersprach Opa Sonntag. „Und jetzt reicht es mir! Geh in dein Zimmer. Unglaublich. Schwänzt die Schule, um im Bus ungestört seine Comics lesen zu können.“
„Ich habe keine Comics gelesen!“, wehrte sich Nano und wollte an seinem Opa vorbei in sein Zimmer laufen, als dieser plötzlich ein merkwürdiges Gesicht machte. „Was ist?“, fragte Nano. „Geht es dir nicht gut? Du bist ja auf einmal ganz bleich im Gesicht. Komm mal lieber schnell rein und setz dich hin. Ich hol dir ein Glas Wasser.“
„Ich habe Kopfschmerzen“, antwortete sein Opa und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Daran bist nur du schuld. Ich habe sonst nie Kopfschmerzen.“
„Soll ich Oma Rosi anrufen?“, schlug Nano vor. „Sie hat gute Rezepte dagegen. Pfefferminzöl zum Beispiel.“
„Nein, es geht schon“, winkte sein Opa missmutig ab.
„Wirklich?“, fragte Nano.
„Rauf in dein Zimmer“, murrte sein Opa, versenkte seinen Kopf in seine Hände und stöhnte leise.
Nano machte sich zögernd auf den Weg, als plötzlich etwas Wuscheliges an seinen Füßen vorbeiflitzte. Er wollte noch die Haustür schließen, die immer noch offen stand. Doch da war es bereits zu spät.
„Kannickel!“, rief seine Schwester Marie auch schon aus dem Flur und rannte an ihm vorbei nach draußen. Nano warf seinem Opa noch einen Blick zu, dann folgte er seiner Schwester.
„Kannickel! Bleib stehen!“, rief Marie, doch der kleine Hund verschwand blitzschnell durch die Hecke.
„Marie!“, rief wiederum Nano. „Bleib doch stehen!“ Erst kurz vor dem Dorfweiher gelang es ihm, seine Schwester einzuholen, die am Ufer aufgeregt nach Kannickel suchte.
„Ich habe mit ihm geschimpft“, sagte Marie mit Tränen in den Augen. „Er wollte das neue Futter nicht fressen. Es sah auch wirklich eklig aus. So wie Hundefutter eben aussieht.“
„Also ist er abgehauen“, stellte Nano fest. „Das passt zu Kannickel. Aber den finden wir schon wieder.“
Obwohl Kannickel in der Regel gut folgte, war er schnell beleidigt und lief auch mal weg. So wie jetzt.
Sie mussten ihn finden, denn wenn Kannickel beleidigt war, wagte er sich auch auf viel befahrene Straßen.
„Was ist los?“, fragte unerwartet eine Stimme.
Nano drehte sich um. Es war Lilly.
„Kannickel ist abgehauen“, antwortete Nano.
„Ich helfe euch suchen“, sagte Lilly. „Manuel muss auch gleich kommen. Wir wollten zu dir und fragen, warum du heute nicht in der Schule warst.“
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Nano. „Die erzähle ich später. Lasst uns erst mal Kannickel einfangen.“
Bald hatten die Kinder den kleinen Park abgesucht, ohne auch nur die geringste Spur von dem Hund zu finden.
„Das gibt es doch nicht!“, schimpfte Nano nach einer Weile. „Der kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.“
„Wer hat sich aufgelöst?“, fragte Manuel, der plötzlich vor ihnen stand. Auf seinen Armen hielt er Kannickel.
„Der saß winselnd vor eurer Gartentür.“