Читать книгу Flora Flitzebesen - Band 4 - Eleni Livanios - Страница 8

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Ausflug ohne Besen

Es war Punkt acht und alle Kinder der dritten Klasse hatten sich auf dem Schulhof eingefunden. Niemand war zu spät gekommen und das gestrige Gemurre wegen der Besen war verflogen. Alle waren guter Laune. Mit vollgestopften Rucksäcken wanderten sie los. Frau Boswelia ging voran und Herr Sambucus, der Kunstlehrer, bildete das Schlusslicht.

Die Sonne kam erst hinter den Hügeln hervor und so war es noch angenehm kühl. Trotzdem fand Flora es ungewohnt und anstrengend, zu Fuß laufen zu müssen. Noch dazu mit einem schweren Rucksack. Bei der ersten Flussbiegung kam ihnen die dritte Klasse aus der Helfenschule entgegen. Wie ein geschäftiger Schwarm Bienen schwirrten die Helfenjungen und -mädchen auf die Hexen zu. Sie hatten ebenfalls Rucksäcke dabei, die sie sich auf den Bauch geschnallt hatten. So konnten sie besser fliegen. Hille flatterte gleich zu Flora, Malte und Laurus und sie begrüßten sich stürmisch. Dann ging es gemeinsam weiter.

Kurz vor dem Efeuwald rief Frau Boswlia schließlich: „Wir machen eine Pause!“


„Zu nahe am Wald lassen wir uns aber lieber nicht nieder“, empfahl Herr Sambucus.

„Weil es im Efeuwald spukt“, ergänzte Salvia, ein Mädchen aus Floras Klasse. Mit einem beunruhigten Blick auf die dichten Tannen ließ sie ihren Rucksack vom Rücken gleiten und kramte dann zögernd ihren Proviant hervor.

Die anderen Kinder taten es ihr gleich. Herr Sambucus breitete ein riesiges Tuch aus und alle ließen sich darauf nieder.

„Hat es im Efeuwald immer schon gespukt?“, wollte Borrago wissen. Er war ein Junge, der Schauergeschichten über alles liebte.

„Nein“, antwortete Frau Boswelia. „Früher war es ein ganz normaler Wald. Aber vor etwa fünfzig Jahren hat es dort zu spuken begonnen. Schlimme Dinge sind hier passiert. Leute sind verschwunden und nie wieder aufgetaucht. In Vollmondnächten hört man jämmerliches Winseln aus dem Wald.“

Nun meldete sich Majoranus und erzählte, dass er einmal durch den Efeuwald geflogen wäre und es hätten ihn schreckliche, riesenhafte Untiere angefallen. „Sie hatten Zähne, so lang wie die Paddel von einem Ruderboot, und sie stießen schreckliche, röhrende Laute aus. Mit ihren riesigen Pranken haben sie mich einfach durch die Luft geschleudert.“

Flora, Malte, Hille und Laurus tauschten belustigte Blicke aus. Im Efeuwald gab es keine Untiere. Für die ganzen Gruselgeschichten, die sich die Hexenrosler seit Jahren erzählten, waren ganz allein die niedlichen Feuxe verantwortlich: freche Moosmännchen, die den Efeuwald bewachten. Sie waren es auch gewesen, die versucht hatten, Majoranus ein bisschen Angst einzujagen. Aber die Feuxe hatten weder lange Zähne noch hatten sie Majoranus durch die Luft geschleudert. Nur ein bisschen gekitzelt hatten sie ihn und ihm die Augen verbunden, damit er sie nicht sehen konnte. Flora schmunzelte. Majoranus ließ doch wirklich keine Gelegenheit aus, sich bei den anderen wichtig zu machen.

In diesem Augenblick ging ein heftiges Rauschen durch den Efeuwald und eine tiefe Stimme war zu hören. „Verschwindet-det, sonst wird es euch schlecht ergehen-ehen!“ Die Bäume bogen sich alle zur einen Seite und dann zur anderen, obwohl gar kein Wind ging. Dann war ein Jammern und Heulen zu hören. Es klang abscheulich!

„Es spukt!“, riefen alle Kinder aufgeregt durcheinander. „Nichts wie weg hier!“ Hektisch fingen alle an, ihre Sachen zusammenzupacken. Herr Sambucus und Frau Boswelia trieben die Kinder zur Eile an.

Flora, Laurus und Malte war es nur recht, wenn alle an den Spuk glaubten. So konnten sie sicher sein, dass das Versteck ihres Geheimbundes im Efeuwald weiterhin unentdeckt bleiben würde. Wie stellten es diese kleinen Feuxe nur an, so unheimlich zu klingen? Wahrscheinlich heulten sie in den hohlen Stamm des mächtigen Baumes hinein, der in der Mitte des Efeuwaldes wuchs.

Die Sonne stand hoch am Himmel, als die Schüler mit ihren Lehrern ein kleines Hexendorf erreichten. Es bestand aus Holzhäusern, die um einen Weiher erbaut waren. Rings um das Dorf breiteten sich Kürbis- und Maisfelder aus und überall wucherten bunte Blumen aus den Blumenkästen. Fast aus jedem Haus erklang fröhliche Musik.


„Das ist das Dorf der Gauklerhexen“, erklärte Frau Boswelia. „Die Leute hier lieben Musik und Tanz und alle Arten von Kunststücken. Hier werden außerdem alle Musikinstrumente des Tals hergestellt. Kommt, wir schauen uns die Musikwerkstatt an.“

Sie betraten ein großes Haus und wurden von einem uralten Hexer mit bodenlangem Bart herumgeführt. Es gab hier alle erdenklichen Instrumente zu bewundern. Geigen, Klarinetten, Klaviere, Flöten und Harfen. Flora betrachtete interessiert die Harfen. Sie waren wunderschön, aber ihre Harfe zu Hause war die schönste, fand sie.

Der alte Hexer erklärte mit einschläfernder Stimme, wie er die Instrumente baute, und die Kinder durften dabei zusehen. Das war zwar ganz interessant, trotzdem wünschte sich Flora insgeheim wieder nach draußen. Durch ein offenes Fenster wehte eine beschwingte Melodie herein und viele Stimmen und Gelächter mischten sich darunter. Wurde irgendwo ein Fest gefeiert? Flora konnte es nicht leiden, wenn sie das Gefühl hatte, irgendetwas Lustiges zu verpassen. Das machte sie ganz kribbelig.

„Warum kann es keine Klassenausflüge ohne Besichtigungen geben?“, raunte Laurus Flora ins Ohr. „Die Lehrer bilden sich wohl ein, wir verblöden sofort, wenn sie nicht ununterbrochen Wissen in uns hineinstopfen.“

Nach einer Ewigkeit, wie es Flora schien, kamen sie wieder hinaus an die Sonne. Eilig galoppierten alle Hexenkinder in die Richtung, aus der die Musik kam, und die Helfenkinder folgten mit flatternden Flügeln. Auf dem Dorfplatz hatte eine Menge Leute einen großen Kreis gebildet. In der Mitte tanzte eine hagere, langbeinige Hexe. Das allein wäre ja noch nicht weiter aufregend gewesen, aber die Frau jonglierte mit zwei brennenden Fackeln. Eine Elster, die offensichtlich zu der Hexe gehörte, war Teil der Kunststücke. Sie flatterte immerzu zwischen den brennenden Fackeln hindurch. Es war atemberaubend. Eine kleinere rundliche Hexe begleitete das Spektakel mit Trommelmusik. Plötzlich warf die lange Hexe die beiden brennenden Fackeln hoch in die Luft, sprang mit einem Satz auf zwei bereitstehende Stelzen und fing die Fackeln oben wieder auf. Die Leute klatschten begeistert.

Schließlich steigerte sich der Rhythmus der Trommel und wurde schneller und lauter. Alle Dorfkinder bildeten einen Kreis, fassten sich an den Händen und begannen, um die Hexe auf den Stelzen herumzutanzen. Flora sah ein bisschen neidisch zu. Wie schade, dass sie nicht zu den Dorfhexen gehörte. Da wandte sich ein fremdes Mädchen zu ihr um, streckte die Hand aus und holte sie in den Kreis. Nach und nach kamen auch die anderen Kinder aus Floras Klasse dazu und die Helfen schwirrten ebenfalls mit.

Dann geschah es: Die Hexe auf den Stelzen sperrte ihren Mund weit auf und ließ die brennende Fackel darin verschwinden.

„Eine Feuerschluckerin!“, rief Laurus begeistert.

„Bewundert die berühmte Lepiota mit ihrer Elster Pica-Pica!“, rief nun die Hexe an der Trommel. Es wurde heftig geklatscht. Zum Abschluss stieß die Feuerschluckerin eine riesige Flamme aus dem Mund. Sie drehte sich dabei um sich selbst und zeichnete mit dem Feuer einen Kreis in die Luft. Langsam verebbte die Trommelmusik. Alles war still. Dann donnerte der Applaus erneut los.

„Das war echt oberhexig“, rief Laurus begeistert.


Malte nickte bedächtig und Flora konnte kaum ihren Blick von dieser Lepiota lösen. „Hexig ist gar kein Ausdruck!“

Die Elster bekam ebenfalls Applaus. Sie flatterte immer wieder im Kreis herum und ließ sich bewundern. Dann flog sie auf Malte zu und stibitzte mit ihrem Schnabel seine Brille von der Nase. „He, komm zurück!“, rief Malte aufgebracht.

Die Elster legte die Brille in einem Blumenkasten ab und gab einen keckernden Laut von sich. Es klang wie Gelächter.

„So ein freches Stück“, murmelte Malte und ging seine Brille holen.

Es dämmerte bereits, als die Hexenschüler und die Helfenklasse mit ihren Lehrern das Dorf verließen. Die Lehrer wollten nun zusammen mit den Kindern etwas fürs Abendessen suchen. Die Helfenklasse ging auf Beerensuche und die Hexenkinder sammelten junge Maiskolben sowie Kartoffeln und Kürbisse von einem nahe gelegenen Feld. Frau Boswelia machte ein paar Bewegungen mit ihrem Zauberstab und all das geerntete Gemüse wuchs augenblicklich nach. „Schließlich gehört das alles den Dorfbewohnern“, meinte sie.

„Frau Boswelia, wir sollten doch ‚zauberstabfasten‘“, erinnerte Borrago. „Warum dürfen Sie also Ihren Zauberstab benutzen?“

„Ich habe ihn nur für den Notfall mitgenommen“, beschwichtigte Frau Boswelia.

Später, als sie einen Platz gesucht hatten, wo sie übernachten würden, machte Herr Sambucus mit den Kindern ein Lagerfeuer. Sie steckten die Maiskolben auf lange Stöcke, die sie in einem Wäldchen gefunden hatten, und grillten sie über dem Feuer. Flora streckte ihre Beine aus. Oh, taten die weh von dem vielen Wandern. Sie beschwerte sich ein bisschen darüber bei Hille, die neben ihr hockte. „Mir tun auch die Flügel weh, vom vielen Fliegen“, sagte Hille. Sie hielt ebenfalls einen langen dünnen Stock ins Feuer, aber daran war kein Mais, sondern ein Salbeiblatt.



„Wie kann man nur Blätter essen“, bemerkte Majoranus abfällig.

„Wir Helfen essen Salbeiblätter und Lavendelblüten und Gänseblümchen“, zählte Hille auf.

„Wie die Schafe“, sagte Majoranus. „Määhh!“ Seine Freunde Piper und Salvia kicherten wie auf Kommando.

„Andere Völker, andere Sitten“, erwiderte Hille nur.

„Stimmt“, sagte Majoranus. „Und ich bin froh, dass ich zum Hexenvolk gehöre. Was täte ich ohne Kartoffeln?“ Voller Vorfreude holte er sich eine große Kartoffel aus der Glut.

„Frau Boswelia, wir haben vergessen, Zelte mitzunehmen“, rief Salvia plötzlich.

„Ach, wir haben doch das Himmelszelt“, meinte Frau Boswelia.

„Juhu, wir übernachten unter freiem Himmel“, riefen die Kinder durcheinander.

Es war eine sehr klare Nacht und der ganze Himmel funkelte von den Sternen.


Plötzlich war Flora schrecklich müde. Ganz langsam ließ sie sich ins Gras sinken. Sie wachte erst auf, als sie jemand unter den Armen fasste und ein anderer in den Kniekehlen. Sie wurde aufgehoben und getragen. „So eine Schlafmütze“, hörte sie Malte flüstern.

„Die stellt sich doch bloß schlafend, damit sie nicht selbst laufen muss“, flüsterte Laurus zurück.

„Sie ist fix und fertig vom Wandern“, zischelte Malte und legte Flora zusammen mit Laurus sanft auf einer Decke ab.

„Mädchen halten eben nichts aus.“ Das war Laurus.

Pfff, das konnte sich Flora nicht gefallen lassen. „Was redest du denn da für einen Hexen-Humbug?“ Empört riss sie die Augen auf.

„Ha! Wusste ich’s doch, dass du nicht schläfst!“, grinste Laurus.

Hille kam angeflattert und legte sich neben Flora. „Wir sind komplett!“, verkündete Malte. „Augen zu, Mund zu, gute Nacht!“

„Gute Nacht“, murmelte Flora und war auch schon eingeschlafen.

Flora Flitzebesen - Band 4

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