Читать книгу Der Mord von gegenüber - Elisa Scheer - Страница 2

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Ich weiß noch genau, wie es war, als ich ihn das erste Mal sah. Es war Abend, etwa halb acht, Ende April, also noch nicht dunkel, aber man konnte schon das Licht einschalten. Unser Appartementhaus, der Bonifatiushof, ist U-förmig gebaut, so dass man einen hübschen Blick auf die Fenster gegenüber genießt, wenn man nicht gerade das Pech hat, im Mitteltrakt zu wohnen. Deshalb haben wir wohl alle als erstes nach dem Einzug möglichst blickdichte Gardinen aufgehängt.

Eigentlich ist das Haus sonst sehr schick, die Appartements sind großzügig geschnitten und gut ausgestattet, im Mitteltrakt gibt es in jedem Stockwerk einen Laden: im Erdgeschoss Lebensmittel, im ersten Stock Bücher, Zeitungen und Schreibwaren, im zweiten Stock eine Reinigung, im dritten Stock Wolle, Kurzwaren und Bastelbedarf, im vierten, obersten Geschoß ein Café mit Dachterrasse. Natürlich kann es sein, dass wir Pech haben, die nützlichen Läden schnell eingehen und durch Anglerbedarf, Pelzmoden, ein Nagelstudio oder sonstigen Mist ersetzt werden. Bis jetzt aber kann man in diesem Haus das herrlichste Leben führen, ohne es jemals zu verlassen, wenigstens, wenn man wie ich notgedrungen zu Hause arbeitet. Und wenn man ins Helenenbad möchte, hat man lediglich eine Straße zu überqueren. Das Appartement war meine bisher beste Anschaffung, dachte ich.

An diesem Tag also, es war Freitag, der 27. April, hatte ich eine Dissertation fertig getippt und Material und CDs abholbereit verpackt, zwanzig Geschäftsbriefe online verschickt und drei Präsentationen eingerichtet und auf CD gebrannt. Am späten Nachmittag hatte der Kurier den Kram abgeholt, der Kühlschrank war noch wohlgefüllt, die Wohnung war aufgeräumt und draußen nieselte es. Ich hatte nichts mehr zu tun und keinen Grund, auszugehen. Ehrlich gesagt war mir ein bisschen langweilig.

Ich strich also durch das große Zimmer, rückte die Sofakissen zurecht, arrangierte den Nippes zwischen den Büchern neu, sortierte meine CDs und hatte dann wieder nichts mehr zu tun. Vor dem Fenster blieb ich stehen, zündete mir eine Zigarette an und starrte gelangweilt nach draußen. Es dauerte etwas, bis ich realisierte, dass genau gegenüber wieder jemand eingezogen war. Im Zimmer brannte eine nackte Birne, der Mieter oder die Mieterin hatte aber noch keine Gardinen aufgehängt, so dass man die aufgestapelten Kisten und das Sammelsurium von voll gestopften Penny und Aldi-Tüten sehr deutlich studieren konnte.

Ich schaute mir das Durcheinander eine Zeitlang zufrieden an und dachte an meine eigene perfekt durchgestylte Wohnung direkt hinter mir, bis der neue Mieter quasi ins Bild kam. Ziemlich groß, wenn man den Türstock als Maßstab nahm, jedenfalls größer als ich, kräftig, braunhaarig und schön braungebrannt – er trug nämlich nur enge Jeans. Als er sich umdrehte und sich an einem herumliegenden Kleidungsstück, wahrscheinlich seinem Sweatshirt, den Schweiß abwischte, sah ich, dass er einen wunderhübschen knackigen Hintern hatte, der in den stramm sitzenden Jeans auf das Attraktivste zur Geltung kam. Ich pfiff anerkennend durch die Zähne, schließlich konnte er mich ja nicht hören, und staunte dann über mich selbst. Seit wann hatte ich denn solche Baustellenmanieren? Paul schließlich dachte, ich sei eine Dame. Andererseits dachte und redete Paul überhaupt ziemlich viel Unsinn, wenn man es recht bedachte.

Mir fiel ein, dass er beim Herumräumen nur aufsehen musste, um zu bemerken, dass ich sabbernd an meinem Fenster klebte, also trat ich schnell zurück und löschte das Licht im Wohnzimmer. Ich schlich aber sofort wieder ans Fenster und beobachtete ihn weiter. Nicht nur der Arsch war knackig, stellte ich fest; wenn er sich bückte, spielten die Muskeln auf seinem Rücken und in seinen Armen sehr anziehend. Wahrscheinlich quälte er sich täglich im Fitnessstudio. Na, ab jetzt hatte er da kurze Wege, wir hatten ein einschlägiges Etablissement im Keller, über der Tiefgarage. Ich plagte mich dort auch einmal die Woche ab, aber ich erzielte nicht annähernd solche Erfolge. Bis jetzt war es mir nur gelungen, meine von Natur aus eher üppigen Formen so weit zu bändigen und in Muskelmasse zu verwandeln, dass ich noch knapp in Größe vierzig passte. Bei einer Größe von einem Meter achtzig war das durchaus akzeptabel, abgesehen von meinem Busen, der ruhig etwas kleiner hätte sein dürfen, wie ich fand.

Ich war so in das Spiel der Rückenmuskeln versunken – und in die effiziente Art, wie der Typ seine Möbel aufbaute und einräumte – dass ich heftig zusammenfuhr, als das Telefon läutete. Ich tappte im Dunklen hin und nahm ab.

„Röhr?“

„Mäusle, ich bin´s!“

„Ach, Paul“, seufzte ich, wenig begeistert, „stimmt ja, heute ist Freitag. Wann kommst du?“

„Ich fürchte, es wird eine halbe Stunde später als üblich. Um acht, ja? Was gibt es denn heute Gutes?“

Mist, über das Essen hatte ich mir noch gar keine Gedanken gemacht! „Das ist eine Überraschung“, antwortete ich schnell. Paul kam immer Freitagabend und blieb über Nacht, seit rund eineinhalb Jahren. Ich kochte, er erzählte von der Arbeit und was seine Kollegin Kluges gesagt hatte, dann sahen wir zusammen ein bisschen fern, tranken eine Flasche Rotwein (er brachte immer den gleichen mit) und gingen schließlich ins Bett. Zu diesem Zweck hatte er bei mir eine Auswahl Trikotschlafanzüge gelagert und eine elektrische Zahnbürste und einen Reiserasierer im Bad deponiert.

Samstagabend pflegte er seine Eltern zu besuchen, die in einer Anlage für betreutes Wohnen im Bäderdreieck wohnten, und an den übrigen Abenden ging er früh ins Bett, um für die Arbeit fit und ausgeruht zu sein.

Paul war ein netter Mensch, und das Leben mit ihm hatte etwas Beruhigendes. Ich wusste genau, wann er kam und wann nicht und dass wir eines Tages heiraten würden, wenn er sein Elternhaus, ein Siedlungshäuschen aus den frühen Sechzigern in Kirchfelden West, fertig renoviert hätte. Wirklich, sehr beruhigend. Vielleicht ein bisschen zu beruhigend. In letzter Zeit beschlich mich manchmal der Gedanke, dass es mit Paul vielleicht doch ein klein wenig langweilig war.

Ich löste mich ungern von meinem Aussichtsplatz am Fenster und trottete in die Küche. Was könnte ich kochen? Was war denn noch da? Ich fand tiefgefrorenen Blätterteig und eine Gemüsemischung, außerdem noch hundert Gramm gekochten Schinken, der ohnehin wegmusste. Gut, dann gab es eben Gemüsestrudel!

Ich rollte den Teig hauchdünn aus, rührte eine kräftig gewürzte Sauce an und packte das in der Sauce geschwenkte eiskalte Gemüse in den Teig, den ich danach faltete wie ein Geschenkpaket und mit Eigelb bestrich und mit etwas Käse bestreute. Ab in den Ofen! Dann deckte ich den Tisch und polierte zwei Weingläser.

Wie der Abend ablaufen würde, wusste ich schon; spätestens um halb elf lagen wir im Bett, und um Viertel vor elf schlief Paul tief und fest. Ich schlich zum Fenster zurück und spannte noch ein bisschen. Mein Gegenüber räumte immer noch um, reckte und streckte sich, stand auf einer Leiter, um weitere Lampen anzubringen, faltete Kisten zusammen und brachte das Zimmer, das man sehen konnte, in einen einigermaßen vorzeigbaren Zustand, bis mir einfiel, dass ich den Ofen herunterschalten und einen Salat anmachen sollte.

Paul klingelte exakt um 20.00. Er war immer extrem pünktlich, was ich durchaus zu schätzen wusste. Früher hatte ich auch Freunde gehabt, die mich unbekümmert eine halbe Stunde warten ließen und sich dann nicht einmal entschuldigten, obwohl mir meine Wut deutlich anzusehen war. Er küsste mich auf die Wange, wie immer, sagte „Mäusle“, ließ mich los, stellte seine Aktentasche ab, hängte seinen Mantel auf, schnupperte, sagte „Hm, das riecht aber gut“, und verschwand im Bad, um sich die Hände zu waschen. Jeden einzelnen Schritt hätte ich genau so vorher sagen können. Warum irritierte mich das heute? Seit Monaten wusste ich, dass die Wochenenden so und nicht anders abliefen, und es hatte mich nie gestört. Ich kontrollierte den Strudel und stellte die Salatschüssel schon einmal auf den Tisch, während Paul den Wein von heute verräumte und den Wein vom letzten Freitag (er brachte immer exakt eine Flasche mit, und genau eine Flasche tranken wir auch zusammen) öffnete und einschenkte.

Der Strudel war fertig und duftete viel versprechend. Ich schnitt ihn in der Form auf und stellte ihn zwischen unsere Teller. Die ersten zehn Minuten aßen wir schweigend, abgesehen von Pauls Lob und meinem Dank dafür, dann war sein erster Hunger gestillt und er eröffnete die Konversation.

„Heute haben wir die Vorlagen für die neuen Sicherheitsausweise bekommen“, begann er.

„Wofür sind die?“, erkundigte ich mich ohne allzu großes Interesse.

„Für das neue Datenzentrum. Das sind hochsensible Daten, da darf nicht jeder ran, und unsere Abteilung wurde ausgewählt, diese Ausweise zu erstellen und ihre korrekte Verwendung zu überwachen. Eine große Ehre, die von PA II haben sich ebenfalls darum beworben.“

„PA II?“ Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

„Na, Personalabteilung Zwei. Wir sind Eins. Aber Xenia, das weißt du doch, ja?“

„Stimmt, ich hatte nur gerade nicht dran gedacht.“

Er warf mir einen irritierten Blick zu, ritt aber nicht weiter darauf herum. „Jedenfalls hatte Heide eine wirklich geniale Idee, wie wir die Verwendung und die Geltungsdauer dieser Karten viel Kosten sparender überwachsen können, nämlich...“

Ich hörte nur noch mit einem Ohr zu. Heides kluge Aussprüche gingen mir manchmal etwas auf die Nerven, denn sie sparte nicht nur das Geld ihres Arbeitgebers, sondern ließ mir Gesundheitstipps und Vorschläge für die Arbeitssuche via Paul übermitteln, was ich etwas unverschämt fand, denn wir kannten uns persönlich überhaupt nicht. Ich ließ ihr ja auch nicht ausrichten, sie solle nicht so siebengescheit sein, das käme bei Männern nicht gut an! Dass sie keinen hatte, wusste ich, Paul hatte es berichtet. Sein Vortrag plätscherte so dahin und meine Gedanken schweiften zu den prall gefüllten Jeans gegenüber, bis die plötzliche Stille mich aufschreckte. Paul musterte mich erwartungsvoll.

„Und, wie findest du diese Idee?“

„Genial“, behauptete ich und aß hastig weiter. Das schien

gepasst zu haben, er sprach also immer noch von Heides Ideen, und Heides Ideen waren ohnehin immer genial.

„Nicht wahr? Darauf wäre ich nie gekommen. Übrigens, Heide meint, du könntest im Mai doch bei uns jobben. Deine Stelle trittst du doch erst zum ersten Juli an, oder? Und bis dahin musst du doch ein bisschen Geld verdienen...“

Das musste ich eigentlich nicht, außerdem hatte ich genügend Schreibaufträge, aber ich fand es nett von Paul, dass er sich um meine Finanzen sorgte. Er hätte sie auch gerne verwaltet, aber das hatte ich schon so lange alleine gemacht, dass ich davon nicht mehr lassen konnte.

„Mal sehen“, murmelte ich also und kratzte die Salatschüssel aus. „Magst du noch Strudel?“

„Ja, eine kleine Portion. Sehr lecker, wirklich. Woher hast du das Rezept?“

„Selbst erfunden“, gestand ich ohne nachzudenken, und beobachtete, wie er zusammenzuckte. Von meiner Großmutter oder Aus Pour Elle oder Aus dem Kochbuch war ihm lieber, dann stand doch eine Kochautorität dahinter.

„Keine Sorge, ich habe es nicht mit etwas Unverträglichem gewürzt“, versicherte ich ihm etwas spöttisch, aber den Unterton bemerkte er glücklicherweise nicht. Er half mir danach beim Abräumen und wählte, während ich rasch abspülte, das Fernsehprogramm aus: zunächst den Freitagskrimi, dann eine Wissenschaftssendung. Ich löschte das Licht in der Küche, trug die Weingläser zum Couchtisch und setzte mich neben Paul, der sich die Fernbedienung gesichert hatte und gespannt auf den Bildschirm sah.

Der Alte – der ganz Alte – löste einen ausgesprochen vorhersehbaren Mordfall. Die Folge war doch mindestens fünf Jahre alt? Jedenfalls kannte ich sie schon, die war ja auch schon einmal im Nachmittagsprogramm gelaufen. So langweilte ich mich ein bisschen, während Paul, die Ellbogen auf die Knie gestützt, unbeweglich dasaß und das Geschehen gebannt verfolgte. Möglichst leise stand ich auf und strich ziellos durch die Wohnung. Paul bemerkte es nicht, und so konnte ich einige Minuten aus dem Fenster schauen. Die Wohnung gegenüber schien fast fertig zu sein – schade, jetzt ging das Licht aus!

Und der Krimi war immer noch nicht spannender geworden; die Schwiegermutter war´s, ich konnte mich noch ziemlich sicher daran erinnern. Kaum war der Abspann gelaufen, schaltete Paul um, schenkte uns den Rest Wein ein und verfolgte dann stumm und fasziniert einen Bericht über die tropische Insektenwelt. Ich war regelrecht erleichtert, als mein Handy klingelte.

Ich schnappte es und verzog mich ins Schlafzimmer, als ich Pauls belästigten Blick auffing.

„Röhr?“

„Hallo Xenia, hier ist Anna. Was machst du gerade?“

„Anna, es ist Freitagabend! Was mache ich wohl gerade?“

„Eine Runde Mitleid für dich. Was guckt er denn?“

„Irgendwas über Insekten. Mich juckt es schon beim Zuschauen. Machen wir morgen was zusammen? Du könntest gegen vier vorbeikommen.“

Anna lachte. „Klar! Ich hab dir einiges zu erzählen, du wirst staunen.“

Sie trennte die Verbindung. Ich schaltete das Handy aus und blieb einen Moment lang gedankenverloren auf der Bettkante sitzen. Anna und ihre Kerle... Ich konnte mir schon denken, was sie wieder zu erzählen hatte, sicher hatte sie wieder den Mann fürs Leben – oder für den nächsten Monat – aufgegabelt und wollte mich mit allen Einzelheiten beglücken. Aber ein lustiges Leben hatte sie, das musste ihr der Neid lassen.

Ich kehrte ins Wohnzimmer zurück, wo sich die atemberaubende Saga der tropischen Insekten dem dramatischen Finale näherte; ein Gähnen unterdrückend, setzte ich mich neben Paul und musterte ihn von der Seite. Der gute Paul, so lieb, so zuverlässig... Und er sah auch nicht schlecht aus, ein bisschen blass vielleicht, ein bisschen schmal, aber größer als ich (und bei meiner Größe konnte ich dafür schon dankbar sein), dunkelblond und freundliche braune Augen. Diese Augen hatten es mir damals zuerst angetan... und seine fürsorgliche Art. Er hatte wirklich etwas Väterliches an sich, obwohl er erst einunddreißig war, etwas Solides und Beruhigendes. Bei ihm wusste ich, wie mein Leben aussehen würde. Ich dachte ja schon wieder das Gleiche – musste ich mir selbst etwas beweisen?

Paul ließ den Abspann noch laufen, weil er, wie er sagte,

wissen wollte, ob die Sendung von BBC 1 produziert worden war (für ihn ein untrügliches Qualitätsmerkmal), dann schaltete er den Fernseher aus und wandte sich mir zu.

„Zeit fürs Bett, Mäusle.“

Ich nickte stumm und trug die leeren Gläser und die Flasche in die Küche, während Paul im Bad verschwand. Als das Wohnzimmer wieder klinisch sauber aussah, ging ich ins Bad, duschte schnell, zog ein Nachthemd an, schrubbte mein Gesicht und putzte mir die Zähne.

Paul lag schon im Bett, in seinem Lieblingsschlafanzug, hellblaugrau gestreifter Sweatshirtstoff. Ich stieg auf „meiner“ Seite ins Bett, küsste ihn leicht und löschte das Licht. Wie ein langjähriges Ehepaar, musste ich plötzlich denken, als sich Paul im Dunklen mir zuwandte.

Er küsste mich, ließ seine Hand langsam über mein Nachthemd wandern und schob es dann bis zur Taille hoch.

„Ich liebe dich“, murmelte er, seine warme Hand auf meinem Bauch, und küsste mich auf den Hals. Ich gab einen wohligen Laut von mir, als ich die leichte Erregung verspürte, die sich wie Wärme in mir ausbreitete. Er hörte ihn herumnesteln und Cellophan knistern, dann schob er sich über mich und drückte meine Schenkel auseinander. Seine Hand suchte kurz nach dem Weg, dann drang er langsam in mich ein und murmelte: „Du bist einfach die Beste.“

Seine Bewegungen gewannen rasch an Tempo, und ich konzentrierte mich auf ihn und auf meine Erregung, aber wie immer reichte es nicht – als er fertig war, war ich noch lange nicht so weit. Er küsste mich noch einmal, rollte dann wieder von mir herunter, murmelte schläfrig „Das war toll“, und schlief fast umgehend ein.

Ich lag neben ihm und starrte im Dunklen an die Decke. Stimmte es, dass alle Männer so waren? Anna hatte mal erzählt, dass fast keine Frau auf diese Weise zum Orgasmus kam. Etwas verschämt ließ ich meine Hand unter der Bettdecke tiefer gleiten und suchte mit dem Zeigefinger den magischen Punkt, um selbst für das zu sorgen, was Paul nicht geleistet hatte. Als ich spürte, wie sich die Spannung in einer Reihe leise pochender Kontraktionen auflöste, war ich zufrieden und rollte mich auf die Seite, um zu schlafen.

Zufrieden? Fast. Ganz zufrieden war ich damit nicht – aber gab es die wilde Leidenschaft im richtigen Leben überhaupt? Oder fand man so etwas nur in Kitschromanen und entsprechenden Filmen, wo die Leute sich wild und zügellos auf dem Fußboden liebten? In Wirklichkeit tat das bestimmt fast niemand, das musste doch total unbequem sein!

Auch der Samstag verlief wie üblich; wir frühstückten ausführlich, Paul gab mir gute Ratschläge für meine Schreibarbeiten und erzählte Anekdoten aus seiner Arbeit – natürlich gewürzt mit den weisen Sprüchen von Heide , wir gingen im Prinzenpark spazieren, küssten uns ab und zu flüchtig in verschwiegenen Winkeln (Paul stand nicht so sehr darauf, bei Zärtlichkeiten beobachtet zu werden) und aßen hinterher im Florian zu Mittag. Das finanzierte traditionsgemäß Paul, denn ich war ja für das Essen am Freitagabend zuständig. Hinterher gab es am frühen Nachmittag noch Kaffee und ein Stück Kuchen, dann brach Paul in seinem auf Hochglanz polierten Wagen auf, um seine Eltern zu besuchen. Ebenfalls wie immer warf er, als er von unserem Parkplatz rangierte, einen missbilligenden Blick auf mein Auto, das ungewaschen und zugemüllt in einer finsteren Ecke sein Dasein fristete. „Du musst ihn endlich waschen und einwachsen! So verkommt doch der Lack völlig, das verkürzt die Lebensdauer erheblich.“

„Ja, Paul“, antwortete ich fromm und vergaß es sofort wieder. Der Dreck war schließlich eine Schutzschicht, das verlängerte die Lebensdauer! Behauptete Anna wenigstens, deren Wagen genauso vernachlässigt aussah und schon seit zwölf Jahren unverdrossen fuhr, wo immer sie hinwollte.

Ich fuhr im Lift in den dritten Stock und ließ mich mit einem wohligen Seufzer auf mein Sofa fallen. Warum wohlig? War ich etwa froh, dass Paul für diese Woche abgehakt war? Ich schämte mich ein bisschen für meine unfreundlichen Gedanken: Paul war so ein lieber und fürsorglicher Mensch, aber gestern und heute hatte er mich wirklich gelangweilt, und der Gedanke, womöglich die nächsten fünfzig Jahre lang jeden Tag so zu verbringen, verursachte mir gewisse Beklemmungen. Gut, wir würden Kinder haben. Drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, Paul wusste auch schon, wie sie heißen sollten. Natürlich würde ich meine Arbeit erst wieder aufnehmen, wenn das Jüngste im Gymnasium war. Alle drei würden ein altsprachliches Gymnasium besuchen und eine wirklich gediegene Ausbildung erhalten, danach studieren und beruflich erfolgreich und privat glücklich und solide leben. Über kurz oder lang würden wir uns an wohlgeratenen Enkeln erfreuen und unseren Kindern mit klugen Ratschlägen aus dem reichen Schatz unserer Erfahrung das Leben erleichtern...

Oder ihnen damit tierisch auf die Nerven gehen, überlegte ich missmutig und warf meinen Rechner an. Bis Anna kam, konnte ich gut noch ein Stück an dieser (meiner Ansicht nach im Ansatz verfehlten) Hausarbeit tippen, die ein reiches, faules und nicht übermäßig talentiertes Mädchen für ein Hauptseminar in Kommunikationswissenschaften verfasst hatte. Dreißig Seiten à zwei Euro – ein stolzer Preis, um drei Stunden Arbeit zu vermeiden. Na, sie hatte es ja offensichtlich – und ich konnte es brauchen.

Außerdem lenkte das Tippen mich von meinem eigenartigen WochenendBlues ab.

Anna kam kurz nach vier, glänzender Laune.

„Jetzt hör schon auf zu tippen, es ist Wochenende!“

Bereitwillig speicherte ich und stand auf, um eine Flasche Pinot Grigio und zwei Gläser zu holen. Wir lümmelten uns auf die Sofas und tranken erst einmal einen Schluck.

„Und, was wollen wir machen?“

„Erst Café, in der Carolinenstraße“, schlug Anna vor, „und danach ins Kino, ja?“

Ich nickte. Im Internet fanden wir schnell einen geeigneten Film, tranken aus und machten uns auf. Das Café hatte schon Stühle nach draußen gestellt, so dass wir gemütlich Leute begucken konnten – immer das Schönste am Cafébesuch! „Schau mal, die da!“, tuschelte Anna. „Wie kann man bei solchen Fettmassen ein Häkeltop tragen? Schaut ja grauenhaft aus!“

„Mhm. Hast du den Kerl mit der verspiegelten Brille und dem Dschingis-Khan-Schnurrbart gesehen? Wie aus den Siebzigern! Jason King oder so...“

„Ob er wohl auch eine Wildlederjacke mit innen Pelz hat und außen bestickt? Wäre stilecht! Weißt du noch, der Schulmädchenreport, denn wir vor ein paar Wochen zusammen geguckt haben? Da sah der Verführer doch genauso aus, nicht?“ Ich kicherte begeistert und hätte mich fast an meinem Fruchtcocktail verschluckt.

„Jetzt schau dir die an! Das gibt´s ja wohl nicht!“

Es näherte sich eine Familie, bei der alle, Vater, Mutter und drei Kinder, identische T-Shirts mit dem Familiennamen drauf und dazu Häkelmützen trugen. Dass Vater und Kinder sich das gefallen ließen? Die hässlichen Dinger hatte garantiert die Mutter fabriziert, die sah schon so aus. „Ich sehe richtig, wie sie auf dem altdeutschen Sofa sitzt, den Mutantenstadel guckt, ein bisschen mitsummt und häkelt. Und der Papa daneben!“

„Nein“, widersprach Anna, „du hast nicht auf seinen T-Shirt-Rücken geguckt. Der ist Hobbyfunker, wetten? Er verbringt die Abende im Keller. Und sicher geht er erst ins Bett, wenn seine Alte schon pennt. Auf die hätte ich auch keine Lust!“ Stimmte, Mutters Miene wirkte reichlich verkniffen. Aber Albert, nicht schon wieder, wir haben doch schon drei Kinder...

Anna zündete sich eine Zigarette an und wandte sich mir zu. Plötzlich stand richtiger Ernst in ihrem Gesicht. „Xenia, warum willst du dir das antun?“

„Was denn?“ Ich verstand nicht recht, worauf sie nun anspielte.

„Das mit Paul. Du endest über kurz oder lang in der gleichen Spießeridylle!“

„Ich werde Paul nie einen Hut häkeln“, widersprach ich, um das Thema ins Lächerliche zu ziehen.

„Lenk nicht ab“, verlangte Anna streng. „Du weißt genau, dass Paul ein wahnsinniger Spießer ist. Ich bitte dich, dieses grässliche Häuschen, an dem er immer herumbastelt! Seine starrsinnigen Angewohnheiten! Seine Besserwisserei! Dieser Vaterattitüde! Ist er wenigstens gut im Bett?“

Ich nahm einen Schluck und spürte, wie meine Wangen zu brennen begannen.

„Also nicht“, stellte Anna resigniert fest. „Wusste ich´s doch!“

„Anna, bitte“, murmelte ich, peinlich berührt. „Müssen wir das hier besprechen?“

„Nein, du hast Recht. Komm, vergiss das Kino, das machen wir nächste Woche oder so. Gehen wir ins Salads, da ist um diese Zeit niemand und wir können uns in Ruhe unterhalten.“

Ja, das war besser, ich hatte nicht die geringste Lust, mein Liebesleben in einem überfüllten Straßencafé zu diskutieren. Was wollte Anna überhaupt?

„Was ich will?“, fragte sie entrüstet, als wir uns im Salads in die hinterste Ecke verzogen hatten. „Mädel, du bist sechsundzwanzig, und du willst dich auf eine Zukunft einlassen, die noch einer Fünfzigjährigen zu langweilig wäre! Kannst du dir echt vorstellen, dein ganzes Leben in diesem Winzhäuschen mit Putzen zu verbringen, drei kleine Pauls großzuziehen und jedes Wochenende keinen Orgasmus zu haben? Ist das alles, was du dir vom Leben wünschst?“

Ich ärgerte mich über Anna, vor allem deshalb, weil ich das dumpfe Gefühl hatte, dass an ihren Argumenten etwas Wahres war. Aber sie verstand mich nicht, und das sagte ich ihr auch.

„Dann erklär´s mir! Ich verstehe wirklich nicht, was dir an Paul gefällt. Sicher, er ist ein herzensguter Kerl “

„Eben! Und er ist zuverlässig!“

„Ich finde, Zuverlässigkeit wird überschätzt“, behauptete Anna und trank ihr Glas nachdrücklich aus.

„Finde ich nicht. Schau, du bist in einer braven Familie aufgewachsen, alle haben dich behütet und sich um dich gekümmert, deshalb brauchst du das jetzt wohl nicht mehr. Ich brauche es noch, und Paul kann es mir geben. Mir ist das wichtiger als Spannung!“

„Warum brauchst du das noch? Wegen deiner Eltern?“

Ich brummte zustimmend. Anna kannte die Geschichte doch! Meine Eltern waren reizend gewesen, aber sehr unbeständig. Vielleicht waren sie auch zu jung gewesen, als ich auf die Welt kam, beide noch nicht einmal zwanzig. Wenn sie da waren, kümmerten sie sich intensiv um mich, aber sie waren oft nicht da, sie reisten zu gerne, und immer in Gegenden, die sich für ein kleines Mädchen nicht eigneten, in den australischen outback, nach Indien (letzte Nachwehen des Hippietums), zum Mardi gras nach New Orleans... Also wurde ich bei Mamas Eltern abgestellt, bei Freunden oder bei Nachbarn, und in den frühen Jahren fühlte ich mich dann immer sehr verlassen, ich konnte nicht glauben, dass sie wiederkämen, und überlegte verzweifelt, was ich falsch gemacht haben könnte, um sie zu vertreiben. Mit elf hatte ich mich an die Situation gewöhnt und war nun sicher, dass sie zurückkämen. Und dann kamen sie tatsächlich nicht mehr zurück – eine Hängebrücke im Regenwald war offenbar doch morscher gewesen, als sie aussah.

Ich blieb bei meiner Großmutter, bis ich volljährig war, dann legte ich das Geld aus der (ungewohnt bürgerlich abgeschlossenen) Lebensversicherung krisenfest an und zog in eine eigene kleine Wohnung, fest entschlossen, emotional nie wieder von einem Menschen abhängig zu sein. Sie machten sich ja doch alle aus dem Staub! Als meine Großmutter vor drei Jahren gestorben war, war dieses Gefühl wieder sehr stark geworden. Ich kannte auch nur zwei Sorten Menschen: brave, zuverlässige, ein bisschen langweilige, wie Paul, und die schillernden Persönlichkeiten, die Sachen sagten wie Morgen? Morgen kann ich nicht, ich habe gerade beschlossen, ein halbes Jahr durch Thailand zu trampen, um mich selbst zu finden. Verstehst du doch, ja? Da konnte man nur nicken und den Betreffenden im Geiste abhaken. Und wieder hatte ich es nicht geschafft, jemanden festzuhalten! Paul dagegen blieb, auf ihn konnte ich mich verlassen, und das war mir mehr wert als alle Spontaneität. Nur Anna war spontan und blieb bei mir – aber bei Freundinnen war das ja etwas anderes.

„Ach, Anna, du kennst mich doch! Und bei Paul weiß ich doch, woran ich bin.“

„Stimmt, ich kenne dich. Und deshalb bin ich auch sicher, dass dir dieses Leben auf die Dauer nicht genügen wird. Du langweilst dich doch jetzt schon, gib´s zu!“

„Ein bisschen“, bekannte ich ungern, „aber was soll ich machen? Diese Abenteuertypen verunsichern mich zu sehr. Und Paul ist wirklich ein lieber Mensch.“

„Zu lieb. Und zu festgefahren. Warum ist er eigentlich so? Waren seine Eltern auch so flippig wie deine?“

„Nein, die sind genau wie er. Aber er mag sie und wollte wohl genauso leben. Sonst würde er ja wohl kaum sein Leben in seinem alten Elternhaus verbringen wollen. Die Hütte ist das größte Handicap“, gestand ich, „ich finde sie scheußlich.“

„Aber Paul renoviert sie doch?“

„Ja, aber er stellt den Originalzustand wieder her, sie wird nicht modernisiert. Wenn er fertig ist, haben wir ein Museum der sechziger Jahre. Und die Möbel sind so solide, die halten noch ewig. Deshalb gibt es auch keinen Grund, etwas Neues zu kaufen. Das Schlimmste sind die schwachen Stromleitungen. Für Spülmaschine und Trockner wird das nicht reichen, vom Platz ganz zu schweigen. Aber Paul findet ohnehin, dass die Wäsche im Trockner kaputtgeht und von Hand gespültes Geschirr schöner glänzt.“

Ich verstummte ärgerlich. Das hatte ich Anna gar nicht erzählen wollen, es war ja Wasser auf ihre Mühle!

„Also Paul ist manchmal schon schräg drauf, finde ich. Aber du musst wissen, was du willst. Ein Leben ohne Spülmaschine! Oder will er den Abwasch machen?“

„Aber nein! Wenn ich mich um die Kinder kümmere, muss ich doch ohnehin zu Hause bleiben, dann fällt auch das Abspülen in mein Ressort. Das haben wir schon festgelegt.“

„Du meinst, er hat das festgelegt? Bist du eigentlich

sicher, dass er wirklich so anhänglich ist? Vielleicht bleibt er vor allem bei dir, weil du dir wirklich alles gefallen lässt?“

„Glaubst du echt?“ Der Gedanke erschreckte mich etwas. „Weiß ich nicht. Könnte doch sein, oder? Du bist einfach die Idealfrau für ihn, du bist mit allem zufrieden. So etwas findet er doch nie wieder!“

„Du hältst mich für blöde, oder?“, fragte ich leise.

„In dieser Hinsicht schon etwas“, antwortete sie brutal. „Xenia, du bist jung, gescheit, hübsch. Kannst du nicht mehr vom Leben verlangen als einen Mann, der zuverlässiger ist als deine Eltern? Vielleicht brauchst du mal einen Psychologen, der dir hilft, deine Kindheit aufzuarbeiten.“

„Lass mich bloß damit zufrieden! Das hat mir Pauls Vorgänger schon vorgeschlagen, als er fand, dass ich mich zur Klette entwickelte.“

„In dieser Hinsicht hatte er vielleicht nicht Unrecht. Und möchtest du nicht wenigstens einmal im Leben einen guten Liebhaber haben?“

„Gibt´s das überhaupt? Du hast doch mal erzählt, Männer schaffen es eh nie, eine Frau wirklich zu befriedigen!“

„Das hab ich mal gesagt? Ich rede auch viel Schwachsinn, wenn der Tag lang ist... Natürlich gibt es Männer, die das können. Nicht alle, aber manche

eben schon. Wenn ich da an Gerd denke....“

„Ist das dein Neuer?“

Anna nickte versonnen, und ihre blauen Augen funkelten, offenbar erinnerte sie sich an eine unvergessliche Nacht. „Traumhaft, sag ich dir. Gut, in mancher Hinsicht ist er ein bisschen seltsam, aber im Bett...“

„Seltsam? Inwiefern?“ Anna hatte schon immer seltsame Typen angezogen, vielleicht weil sie so harmlos aussah mit ihren blauen Augen, ihren blonden Locken und ihrer Surf Girl-Ausstrahlung. Ich wirkte im Vergleich dazu mit dunklen Augen, lockigem, dunkelrotem Haar und der eher üppigen Figur wohl zu exotisch. Anna war Werbeplakat, ich war eher Gustav Klimt, hatten wir mal festgestellt.

„Ich kann es so genau noch nicht sagen. Im Bett ist er normal, nur eher besser, ansonsten – naja, er ist Vegetarier “

„Das warst du doch auch schon mal?“

„ steht auf Stummfilme, liebt Bergsteigen “

„Echt krank!“, spottete ich.

„ und will später mal auf einem Einödhof leben, ganz im Einklang mit der Natur.“

„Brr!“

„Könntest du mal aufhören, zu spotten?“

„Warum? Du nimmst über Paul doch auch kein Blatt vor den Mund! Darf ich das etwa nicht?“

Anna musste lachen. „Stimmt. Bist du bei Paul eigentlich auch so frech?“

„Nein, er versteht es nicht so ganz, wenn ich über etwas spotte. Ironie findet er destruktiv, er hat es gerne, wenn ich positiv bin und immer das Gute in allem sehe.“

„Mich juckt es schon, wenn das bloß höre“, murrte Anna, „kann man ihn nicht mal aus seiner spießigen Selbstzufriedenheit schütteln? Und jeden Freitagabend musst du selbst zu Ende bringen, was er angefangen hat?“

Ich nickte verlegen. „Hattest du überhaupt schon mal einen anständigen Orgasmus bei ihm?“

„Nein... Woran erkennt man eigentlich einen anständigen Orgasmus?“

Anna sah mich mit zusammengekniffenen Augen an und wedelte den Rauch ihrer Zigarette weg. „Wenn du es erlebst, weißt du´s. Beschreiben kann man das nicht! Ich werde mal nach einem wirklich guten Lover für dich Ausschau halten.“

„Anna, lass das, ich will Paul nicht hintergehen. Und ich bin sicher, dass ich mit ihm sehr zufrieden leben werde.“

„Zufrieden, aber nicht glücklich!“

„Glücklich! Wer ist das schon immer? Zufrieden ist mir wichtiger. Und jetzt wechseln wir das Thema!“

Anna fügte sich, aber sie hatte meine verborgenen Zweifel doch an die Oberfläche befördert: Am Sonntag dachte ich immer noch über das Gespräch nach. Wollte ich wirklich mit Paul den Rest meines Lebens so voraussehbar verbringen? In Kirchfelden West? In diesem Zeitgeistmuseum? Nie wissen, wie richtige Leidenschaft aussah? Pauls Vorgänger waren in dieser Hinsicht auch eher von der schnellen Truppe und wirklich keine Offenbarung gewesen, also hatte ich Sex immer ganz nett, aber nicht besonders wichtig gefunden. Manchmal hätte ich tatsächlich lieber ferngesehen!

Konnte das alles gewesen sein? Und wollte ich den Job, der mir ab dem ersten Juli in der Pressestelle eines Computerkonzerns winkte, wirklich nach der Hochzeit wieder aufgeben, um das Häuschen zu polieren? Ohne Spülmaschine? Was wäre die Alternative? Ich könnte im Bonifatiushof bleiben, meine Arbeit machen und nebenbei weiter mein Mini-Schreibbüro betreiben. Eigenes Geld, eigenes Leben, Ärger mit den Kerlen, Einsamkeit, auch keine Zukunft... Scylla und Charybdis!

Alles andere, die große Leidenschaft, die Bestand hatte, war doch ein Märchen! Ich versuchte, meinen Frust in fieberhafte Arbeit umzusetzen, merkte aber, dass ich mich nicht konzentrieren konnte. Als ich schließlich feststellen musste, dass ich in einer germanistischen Magisterarbeit über Peer Gynt dauernd Paul Gynt geschrieben hatte, gab ich es wütend auf. Ich ließ die Ersetze-Funktion darüberlaufen, stopfte meine Sporttasche voll und verzog mich ins Fitnessstudio im Keller, wo ich meinen Ärger an den Geräten auslassen konnte, ohne dabei denken zu müssen.

„Heute so energisch, Xenia?“, fragte der Inhaber und grinste mir zu. Ich knurrte nur und legte mehr Gewicht auf.

Erst als ich schweißgebadet war und beim Aufstehen merkte, dass mir die Knie zitterten, war ich zufrieden und ließ es für heute gut sein. Das Problem hatte ich aber immer noch nicht gelöst, wie denn auch! Hatte ich mit Paul eine Zukunft? Das bestimmt, aber ob sie mir wirklich gefallen würde – da war ich mir plötzlich gar nicht mehr so sicher. Mein Zorn richtete sich gegen Anna, die den Zweifel in mir geweckt hatte. Was sollte ich denn jetzt tun? Was konnte ich überhaupt tun?

Wenn ich ehrlich war, musste ich aber zugeben, dass das alles nicht nur Annas Schuld war. Ich hatte mich doch am Freitagabend schon mit Paul gelangweilt! Und wie war meine Einstellung ihm gegenüber, wenn ich mal genauer hinsah? Ich nahm seine Marotten großmütig hin und ihn eigentlich nicht ganz ernst. Für die emotionale Sicherheit, die er bot, lieferte ich ihm doch reichlich wenig! Ich sollte an der Beziehung mit ihm arbeiten, beschloss ich. Es musste doch nicht so langweilig bleiben!

Ich fuhr wieder nach oben, zog mich um und stopfte meine verschwitzten Sportklamotten in die Waschmaschine. Dann zündete ich mir eine Zigarette an und schlenderte unschlüssig im Wohnzimmer herum. Sollte ich es noch einmal mit der Magisterarbeit probieren? Am Freitag sollte ich sie fertig haben... Nein, keine Lust. Ich starrte blicklos aus dem Fenster und brauchte fast fünf Minuten, bis ich merkte, dass gegenüber wieder das Licht brannte und der Knabe immer noch keine Vorhänge aufgehängt hatte.

Hübsch, wirklich... Und schon wieder ohne T-Shirt... Endlich drehte er sich auch mal um (ich zog mich hastig ins Dunkel zurück) und präsentierte eine breite, behaarte Brust. Sehr attraktiv! Ich verglich ihn im Geiste mit dem schmalen, glatten Oberkörper von Paul und schalt mich sofort dumm und oberflächlich. Paul war ein wertvoller Mensch, gut, ein bisschen festgefahren und verspießert – aber das konnte man doch vielleicht ändern? So alt war er doch schließlich nicht, überlegte ich und beobachtete meinen halbnackten Nachbarn weiter aus der dunklen Wohnung heraus; ich durfte mir nur nicht mehr alles gefallen lassen. Anna hatte doch gesagt, ich sei zu willfährig!

Ich starrte weiterhin in das hell erleuchtete Fenster, hinter dem eifrig aufgeräumt wurde, was das Muskelspiel auf Rücken und Brust gut zur Geltung brachte. Wie könnte ich Paul so ummodeln, dass er weniger langweilig war und gelegentlich auch einmal meine Vorlieben berücksichtigte? Denn das tat er allzu selten, wenn ich ehrlich war. Wie wir leben würden, wie wir im Moment den Freitag und den Samstag miteinander verbrachten, was im Leben wichtig und richtig war – das alles entschied er alleine, und ich hatte es mir gefallen lassen. Damit war jetzt Schluss, ich würde Anna – und mir selbst – schon beweisen, dass Paul gar nicht so unbelehrbar war!

Und vielleicht, dachte ich mir leicht geniert, könnte ich ihn eines Tages auch noch in einen begabteren Liebhaber verwandeln – obwohl ich wohl kaum die Erfahrung hatte, ihn dabei wirkungsvoll anzuleiten.

Gegenüber verlosch das Licht, und ich gab meinen Beobachtungsposten auf. Nun konnte ich auch noch einen Teil dieser Magisterarbeit erledigen, und es gelang mir tatsächlich, den Namen Paul herauszuhalten.

Die folgende Woche verlief trotz meiner guten Vorsätze kaum anders. Ich arbeitete fieberhaft und freute mich über die recht üppigen Einnahmen, telefonierte mit Anna, die mit ihrem Gerd offenbar sinnliche Wonnen höchster Kategorie erlebte, mir aber die wirklich interessanten Details kichernd verschwieg, und überlegte, an welcher Stelle ich bei Paul ansetzen sollte, wenn er am Freitag wieder um halb acht vor der Tür stehen würde: im Bett? Oder sollte ich etwas Ungewöhnliches kochen? Kino oder Kneipe statt Freitagskrimi? Vorschläge zur Ausgestaltung des Häuschens? Spitze Bemerkungen über Heide? Das wohl besser nicht...

Einige kleine Scherze vielleicht? Wenn man Paul dazu bringen könnte, leichte Ironie interessant und amüsant zu finden... Bis jetzt war ich damit nicht unbedingt erfolgreich gewesen, aber Witze waren mir ja auch nie gezielt, sondern immer nur aus Versehen entschlüpft, so dass ich die Wirkung nicht so recht steuern konnte.

Sollte ich mal versuchen, Heide kennen zu lernen?

Oder sähe ich neben ihr nur alt aus? Pauls Äußerungen zufolge war sie für ihn aber keine interessante Frau, sondern nur das Orakel von Delphi.

Ich beschränkte mich also unter der Woche darauf, so viel zu arbeiten, dass ich mir ein freies Wochenende gönnen konnte, pflegte an mir herum, bis ich mich selbst ziemlich unwiderstehlich fand (wenn man auf handfestere Formen stand), gönnte mir ein hinreißendes Wäscheset aus dunkelblauer, in creme bestickter Spitze und dachte darüber nach, was ich Verführerisches kochen könnte. Pauls Lieblingsessen war Rheinischer Sauerbraten mit Kartoffelknödeln. Nun gut, das kriegte ich doch hin – samt Gurkensalat und Vanilleeis mit heißer Cassis-Sauce dazu, als erste Kostprobe des Unbekannten. Bis Freitag hatte der Braten zwei Tage in der Marinade gelegen, so dass die ganze Wohnung ein bisschen säuerlich roch, aber ansonsten war alles so perfekt geputzt und aufgeräumt, dass auch der größte Freund der fleißigen Hausfrau zufrieden sein musste.

Ich schob den Braten am Nachmittag in den Ofen, bereitete den Knödelteig vor, temperierte den Wein von letztem Freitag, duschte und warf mich in die neue Wäsche, dazu ein T-Shirt mit Knopfleiste (etwas weiter geöffnet als sonst, so dass die Spitze neckisch hervorblitzte) und einen langen, weiten Rock, deckte den Tisch besonders sorgfältig, suchte mir aus dem Veranstaltungskalender einiges heraus, das mir als erste Munition dienen konnte, und kümmerte mich bis halb acht liebevoll um das Essen. Als Paul läutete, war ich gerade dabei, letzte Hand an die Sauce zu legen, während die Knödel munter im kochenden Wasser schwammen. Paul küsste mich auf die Wange, reichte mir den heutigen Wein, schnupperte und lobte mich. „Das riecht ja sehr viel versprechend. Sag bloß, du hast Sauerbraten gemacht?“

Ich nickte lächelnd. „Ich weiß doch, was du magst! Setz dich ruhig schon!“

Beim Essen wartete ich, bis sich bei ihm erste Sättigung und Zufriedenheit eingestellt hatten, und fragte dann besonders teilnehmend nach seiner Arbeit. Paul blühte sofort auf.

„Der Aufsichtsrat hat uns heute speziell gelobt, für unsere gute Arbeit mit den Chipkarten für das Datenzentrum. Heides gute Ideen! Ich wüsste gar nicht, was ich ohne sie täte.“

„Welche Position hat Heide in eurer Abteilung eigentlich inne?“, fragte ich, ein Stück Knödel auf der Gabel, und betete innerlich, dass er mir das nicht schon mehrmals erläutert hatte. Offenbar nicht, was mich direkt erstaunte, denn er gab eifrig Auskunft. „Heide ist meine persönliche Assistentin, und zwar die beste, die ich je hatte. Weißt du noch, diese Angela, die vor einem Jahr plötzlich ein Kind gekriegt hatte? Ganz schön rücksichtslos!“

„Warum? Du willst doch auch nicht, dass ich arbeite, wenn wir Kinder haben, oder?“

„Aber du wirst doch nicht warten, bis schon ein Baby unterwegs ist, und dann einfach aufhören, egal, ob es der Firma schadet oder nicht, Mäusle! Du wirst bei einer für deine Firma geeigneten Gelegenheit möglichst kurz nach unserer Hochzeit aufhören und vorher, wie es sich gehört, deine Nachfolgerin einarbeiten. Diese Angela hat plötzlich aufgehört, angeblich wegen des Mutterschaftsurlaubs, und dann wollte sie doch glatt eine Teilzeitstelle haben. Da habe ich aber Protest eingelegt!“

„Sie ist in Erziehungsurlaub gegangen? Aber dann muss sie doch schon hochschwanger gewesen sein! Und das ist dir nicht weiter aufgefallen?“

„Ach, Mäusle, ich bin doch ein Mann!“

Ach was, dachte ich rebellisch und legte erwartungsvoll den Kopf schief.

„Woher soll ich wissen, wann es bei einer werdenden Mutter so weit ist? Mich hat sie jedenfalls überrascht.“

“Und was hattest du gegen eine Teilzeitkraft?“

„Ich finde, man muss sich entscheiden, Familie oder Arbeit. So ist das doch nichts Halbes und nichts Ganzes.“

„Du meinst, frau muss sich entscheiden? Männer betrifft das doch gar nicht? Die können doch beides haben.“

„Ja, sicher – aber sag mal, Xenia, was hast du denn heute? Du widersprichst mir heute dauernd. Hast du dich über irgendetwas geärgert?“

„Nein, ich frage doch nur nach. Aber ein bisschen unfair ist das schon. Du wirst erfolgreicher Abteilungsleiter und Familienvater sein, und mir bleibt nur der Abwasch, weil ich mich ja entscheiden muss. Wer sagt das eigentlich?“

„Aber Mäusle, so ist nun mal das Leben. Ich kann dir das Kinderkriegen doch nicht abnehmen, das hat Mutter Natur eben so eingerichtet!“ Er lächelte mir nachsichtig zu, während er seinem Gurkensalat den Garaus machte.

„Das Kinderkriegen, ja, aber das Kinderaufziehen könntest du mir theoretisch schon abnehmen, nicht?“, antwortete ich leichthin und sammelte das Geschirr ein. Als ich mit dem Dessert zurückkam, saß Paul immer noch mit versteinertem Gesicht da und dachte offenbar über meine letzte Bemerkung nach. Geistesabwesend löffelte er Eis und Cassis-Sauce, ohne zu bemerken, dass er diese Sauce noch nie gegessen hatte.

„Meinst du das jetzt ernst? Du willst weiterarbeiten? Was ist bloß los mit dir, Xenia? Wir waren uns doch immer einig!“

„Ich weiß nicht, ob ich das wirklich will. Aber du solltest nicht alles so selbstverständlich nehmen! Und einig – ich habe mich wohl einfach gefügt.“

Paul sah mich misstrauisch an und schien zu überlegen, ob er darauf eingehen oder meine Zickigkeit einfach ignorieren sollte. Er entschied sich für Letzteres, denn er wechselte das Thema.

„Bei dir ist ein Knopf aufgegangen.“

Ich tat so, als sei ich überrascht, machte aber keine Anstalten, das T-Shirt weiter zuzuknöpfen. Paul schüttelte leicht den Kopf und aß sein Dessert auf, ohne den Geschmack irgendwie zu kommentieren. Ich räumte ab, während er den Fernseher einschaltete und die Weingläser zum Sofa trug. Alles wie immer! Als ich neben ihn rutschte, warf er mir einen kurzen Blick zu. „Du bist heute seltsam. Und der Knopf ist ja immer noch auf!“

„Stört dich das? So sieht man doch die schöne Spitze viel besser!“ Ich zog den Ausschnitt ein bisschen auseinander, um Paul meine Neuerwerbung zu zeigen. Erwartet hatte ich ein lüsternes Funkeln, denn meine runden Brüste sahen in der dunkelblauen Spitze wirklich verlockend aus, fand ich, aber Paul funktionierte nicht wie im Werbespot.

„Xenia, was soll das? Und warum gibst du unnütz Geld für solchen Schnickschnack aus?“

„Schöne Wäsche ist doch nicht unnütz“, murrte ich neben ihm und knöpfte mich frustriert wieder zu.

„Doch, weil sie ja nie jemand sieht. Jetzt lass das mal, ich möchte den Krimi sehen.“

Während Paul fasziniert die Handlung verfolgte – ich kannte auch diesen Fall schon – saß ich verstockt neben ihm und überlegte, ob ich ihm den Spaß verderben sollte. Er nahm meine Reize nicht wahr! Er war total altmodisch! Er nahm mich nicht ernst! Ich steigerte mich langsam in echte Wut hinein, Wut, die mich mittendrin sagen ließ „Der harmlose Nachbar war´s, weil er in die Tochter verknallt war.“

Damit verschwand ich in der Küche, wo ich die Spülmaschine ziemlich lautstark ausräumte. Paul kam nicht hinterher, sondern starrte verbissen weiter auf den Bildschirm, wie mir meine gelegentlichen Kontrollblicke verrieten. Jetzt war er eingeschnappt!

Als in der Küche beim besten Willen nichts mehr zu tun war, kehrte ich notgedrungen ins Wohnzimmer zurück. Der Krimi war zu Ende, und Paul hatte schon zu seiner Wissenschaftsserie gezappt. Er wollte also nicht darüber reden?

Ich ertrug brav die Sendung und hoffte darauf, dass er wenigstens hinterher etwas zu sagen hatte. Tatsächlich, er schaltete den Fernseher aus und wandte sich mir zu.

„Warum bist du heute so komisch? Fühlst du dich nicht gut?“

„Doch, ich fühle mich prima. Aber ich finde, wir sind zu festgefahren. Wir machen immer das Gleiche. Langweilt dich das nicht?“

„Warum sollte es? Ich finde das beruhigend. Und ich dachte, du empfindest das genauso!“

„Ja, bis jetzt vielleicht schon, aber ach, ich weiß auch nicht – heute nervt mich das ein bisschen. Ich glaube, du legst die Regeln ganz alleine fest.“

„Was willst du eigentlich?“

Ich seufzte. Er verstand offenbar gar nichts. „Dass wir auch einmal machen, was ich möchte. Und auch mal was anderes!“

„Zum Beispiel?“

„Dass wir vielleicht mal ins Kino gehen, am Freitag. Dass wir uns vielleicht auch mal an einem anderen Tag treffen. Dass du meine Spitzenwäsche schön findest. Dass du nicht als selbstverständlich annimmst, dass ich mein ganzes Leben zu Hause verbringen werde. Für den Anfang war´s das.“

Ich sah ihn gespannt an. Paul setzte sich aufrecht hin und räusperte sich, dann hob er die linke Hand, um seine Argumente herzuzählen. Alter Oberlehrer, dachte ich mir ärgerlich.

„Erstens. Nach der Arbeit bin ich müde, und es ist mein letzter Wunsch, von einer Menge Leute umgeben Popcorngeraschel zu hören und diese Filme zu sehen – alles nur Sex und Gewalt.“

„Es gibt auch andere Filme. Und Filmkunstkinos, da gibt´s kein Popcorn“, wandte ich ein, aber er wischte das beiseite.

„Zweitens. Unter der Woche muss ich früh schlafen gehen, um am nächsten Morgen für die Arbeit frisch zu sein. Heide sagt auch, dass man mindestens acht Stunden schlafen sollte. Und den Samstagabend willst du ja wohl nicht im Ernst vorschlagen, du weißt doch, dass ich da meine Eltern besuche. Oder gönnst du ihnen das nicht? Ich dachte, du magst meine Eltern?“

„Sicher mag ich sie“, verteidigte ich mich, „ich kenne sie zwar nicht so gut, aber sie sind nett. Warum greifst du mich gleich an? Wir könnten doch mal unter der Woche nach deiner Arbeit kurz in ein Café gehen, oder ein bisschen bummeln, oder am Sonntagnachmittag irgendwo hinfahren?“

„Nein. Was sollen wir in einem Café? Dort gibt man nur sinnlos Geld aus, für Kaffee, der zu Hause besser ist. Reicht dir der Konditoreibesuch am Samstag etwa nicht? Wir sollten unser Geld besser zusammenhalten, drei Kinder werden uns schon einiges kosten, und du wirst ja nichts verdienen.“

„Ich werde dir auf der Tasche liegen, ja?“, zischte ich. Paul lächelte großmütig.

„So soll es doch auch sein! Ich werde die Mutter meiner Kinder gerne ernähren, vertrau mir nur.“

„Herzlichen Dank. Ich könnte aber auch arbeiten, dann wäre das nicht so teuer für dich.“

„Aber schlecht für die Kinder. Meine Kinder sollen einmal nicht seelische Probleme haben, weil sie vernachlässigt wurden.“ Seine Kinder! Wären es etwa nicht auch meine? Aber einen neuen Kriegsschauplatz wollte ich nun nicht mehr eröffnen, die alten waren noch nicht hinreichend beackert.

„Drittens – was war das gleich wieder? Ach ja, deine Wäsche! Nun, das ist doch das Gleiche wie das Herumsitzen im Café – Geldverschwendung! Wozu hast du das gekauft?“

„Ich wollte dir gefallen“, murmelte ich verzagt.

„Aber du weißt doch, dass du mir gefällst. Zeige ich dir das nicht jeden Freitag?“

„Schon. Aber du siehst mich dabei nie an. Ich weiß gar nicht, ob du meinen Körper überhaupt kennst.“

„Ich soll dich ansehen?“ Paul musterte mich verblüfft. „Sag mal, warum magst du mich eigentlich?“, erkundigte ich mich nun neugierig. Mein Körper konnte es ja nicht sein, hatte er ihn überhaupt schon wahrgenommen?

Paul überlegte. „Weil du vernünftig bist, fraulich, liebevoll. Aber wenn ich ehrlich bin, heute irritierst du mich schon etwas.“

„Ach ja? Gut so! Man soll sich seiner Sache nie zu sicher sein. Du magst mich also, weil ich in deine Pläne passe?“

„Natürlich. Warum sollte ich mich mit einer Frau zusammentun, die mein Leben gar nicht teilen will?“

Mist, wenn er es so formulierte, klang es gar nicht so blöd. „Und willst du mein Leben auch mit mir teilen?“

„Wo ist der Unterschied?“, fragte Paul ärgerlich, anscheinend wurde ihm die Debatte zu spitzfindig. Ich gab es auf, und als er auf die Uhr sah, war mir schon klar, was jetzt kam.

„Fast elf! Höchste Zeit fürs Bett, Mäusle. Und diesen Unsinn vergessen wir jetzt mal, ja?“

Ich seufzte und begann vorschriftsmäßig aufzuräumen, während ich überlegte, ob ich nachher vor Paul strippen sollte, wenn ich schon so hübsche Wäsche trug. Mehr als einen nervösen Blick würde mir das wahrscheinlich nicht einbringen. Hatte ich nicht wenigstens ein kesseres Nachthemd? Nein, das weiße mit den Röschen, Pauls letztes Weihnachtsgeschenk, innen mollig angeraut, war schon mein bestes.

Resigniert kletterte ich auf meiner Seite ins Bett und schmiegte mich an Paul, als er unter der Decke nach mir griff. Warum immer unter der Decke? Warum immer im Dunklen?

„Wollen wir mal das Licht anlassen?“, flüsterte ich so verführerisch wie möglich.

„Wozu das denn?“, fragte Paul, „Das kostet nur Energie und ein bisschen geschmacklos ist es doch auch, nicht? Was hast du heute bloß?“

Darauf antwortete ich besser nichts mehr. Wie üblich war Paul so schnell fertig, dass ich den Rest selbst erledigen musste, sobald er schlief. War das sanfte Pochen eigentlich der Orgasmus, von dem Anna gesprochen hatte? Das kannte ich, ja, aber mit einem Mann war ich noch nie so weit gekommen. Nicht nur Paul war in dieser Hinsicht von der schnellen Truppe! Vielleicht waren ja alle – oder doch fast alle – Männer so?

Am Samstag überlegte ich finster, ob ich noch einmal Streit anfangen sollte, aber dann beschloss ich doch, dass mir die Auseinandersetzungen mit Paul zu anstrengend waren. Spaß machte es auch nicht, denn Paul ging ja gar nicht richtig auf mich ein, sondern betrachtete mich nur mit mildem Tadel und schaffte es sicher wieder, dass ich mir dumm und eigensinnig vorkam. Entweder formulierte er besser oder seine Lebensweise war einfach die einzig richtige. Warum schienen dann Leute, die ganz anders lebten, so viel mehr Spaß zu haben, wie Anna etwa?

Kurz vor dem Mittagessen – im Florian, wie immer – zog Paul zwei kleine Platten aus der Tasche und reichte sie mir. Ich betrachtete sie ratlos und blieb dann mitten auf dem Kiesweg des Prinzenparks stehen.

„Was soll das sein? Reste vom alten Fußboden? Ganz gut erhalten... War das mal das Wohnzimmer?“

„Wieso war? Das wird das Wohnzimmer! Du wolltest doch mitentscheiden – welche Farbe gefällt dir besser? Ich wäre für das Hellbraun, das ist dezenter.“

Ich starrte immer noch auf die beiden Linoleumproben. „Das ist wirklich dein Ernst? Du willst Linoleum im Wohnzimmer legen?“

„Im ganzen Erdgeschoss“, berichtigte er mich freundlich. „das ist pflegeleicht. Du siehst, ich denke an dich! Hellbraun oder Hellgrau?“

„Weder noch. Ich will kein Linoleum auf dem Fußboden, das muss man ja bohnern! Warum ausgerechnet Linoleum? Das ist doch total veraltet!“

„Es ist praktisch. Und in dem Haus lag immer Linoleum. Teppichböden können Hausstauballergien auslösen, sagt Heide. Was hättest du denn vorgeschlagen?“

„Holz!“, fauchte ich, „Holzböden und in den Nassräumen Fliesen natürlich. Was bitte hast du gegen Parkett?“

„Viel zu empfindlich. Was ist, wenn es Kratzer gibt? Denk doch an die Kinder! Und an die Kosten!“

„Wir könnten ja Laminat verlegen, das ist strapazierfähig.“ Ich gab schon wieder nach!

„Laminat? Dann können wir ja auch Linoleum nehmen, notfalls mit Parkettmuster.“

„Grauenhaft. Und du erwartest, dass ich das bohnere, stimmt´s?“

„Sicher. Meine Mutter hat es täglich feucht gewischt und freitags gebohnert, noch mit dem Besen, weil sie meinte, dass die Bohnermaschine nicht gründlich genug ist. Aber wenn du lieber so eine Bohnermaschine willst, dann schenke ich dir eine zu Weihnachten...“

Ich hatte große Lust, in den nächsten Baumstamm zu beißen – oder in Pauls Hand, die gerade nach meiner griff.

„Zu Weihnachten? Du meinst, irgendwelcher lästiger Haushaltskram wird mein Weihnachtsgeschenk? Bin ich die Putzfrau oder was? Ich will keine blöde Maschine! Und wenn du mir so was zu Weihnachten schenkst, schenke ich dir eine Geschenkpackung Staubtücher!“

„Wieso mir?“

Ich blieb stehen und hörte zu meiner Beschämung, wie meine Stimme einen eindeutig schrill keifenden Unterton bekam: „Weil das unser Haushalt wird. Und deswegen sind die Putzmittel nicht meine Privatsache! Zu Weihnachten möchte ich etwas für mich, nicht für den Fußboden!“

„Reg dich doch nicht so künstlich auf, wir haben gerade mal Anfang Mai. Bis Weihnachten fällt mir schon noch etwas ein. Jetzt entscheide dich mal – hellbraunes oder hellgraues Linoleum?“

„Hellgrau“, murrte ich, fest entschlossen, so bald keinen Fuß in dieses Häuschen zu setzen. Paul betrachtete mich kopfschüttelnd. „Komm essen. Danach fahre ich gleich nach Griesbach. Mir ist heute nicht nach Kuchen.“

Ach was – und wenn ich Kuchen gewollt hätte? Mürrisch folgte ich ihm ins Florian und stocherte dann in meinem Geschnetzelten herum, bis Paul fertig war und sich sorgfältig den Mund abtupfte. „Sehr lecker! Aber du kochst schon fast genauso gut. Dieser Sauerbraten gestern – wirklich ausgezeichnet!“

Na toll. Als Köchin war ich immerhin akzeptabel! Ich lächelte etwas mühsam und tat so, als würde ich essen. Als Paul sich verabschiedete, war ich regelrecht erleichtert, eilte nach Hause und rief sofort Anna an.

„Na, wie geht´s?“, fragte sie munter, und ich knurrte in den Hörer.

Anna lachte. „Was ist dir denn über die Leber gelaufen? Ach, warte mal, wir haben ja Samstagnachmittag! Soll ich raten?“ Sie kicherte vergnügt. Ich knurrte weiter. „Rate lieber mal, was Paul mir zu Weihnachten schenken will!“

„Ein Spießerkostüm – beiger Strickjersey? Geschirr mit Zwiebelmuster? Einen Gutschein für die Waschanlage? Bin ich nahe dran?“

„Meilenweit daneben. Eine Bohnermaschine!“

Am anderen Ende blieb es stumm. Dann begann Anna wieder, ganz zaghaft. „Äh – was bitte ist eine Bohnermaschine?“

„Zum Bohnern von Linoleum. Er will das ganze Haus mit Linoleum auslegen! Und die Bohnermaschine ist schon ein verdammt großzügiges Angebot, seine Mutter hat nämlich von Hand gebohnert. Wie findest du das?“

„Ich bin sprachlos. Eine Bohnermaschine, soso. Hast du dich gebührend gefreut?“

„Anna, suchst du Ärger? Ich habe getobt! Wieso ist so ein Mist ein Weihnachtsgeschenk?“

„Darüber solltest du dich mal mit Mutti unterhalten. Papa hat das auch jahrelang gemacht, aber ich glaube, letztes Jahr hast sie es ihm abgewöhnt.“

„Erzähl!“

„Also, unter dem Christbaum lagen lauter so geniale Geschenke. Für mich hatte er zwei Langspielplatten, richtige Vinyldinger, ich hab doch gar keinen Plattenspieler, und das weiß er, allerdings war es seichteste Tanzmusik, also ist es völlig wurscht, wenn ich es nie anhören kann, und einen Werkzeugkasten fürs Auto, ich kann doch nicht einmal den Ölstand selbst kontrollieren und hab eine prima Werkstatt an der Hand “

„Anna, kommst du heute noch zur Sache?“

„Ja doch! Für Mutti gab es einen totalen Luxusstaubsauger, mit allen Schikanen, inklusive zweihundert Staubsaugerbeutel und Mikrofilter und allen Schrott, den man jetzt so hat. Er hat ihr alles mit leuchtenden Augen erklärt, daraufhin hat sie die Kiste genommen und auf seinen Platz geknallt und ihm dafür den Whiskey und die Krimis und den Lambswool-Pullover weggenommen. Papa schaute blöd, und sie hat ganz cool erklärt: »Ich finde, wenn du dich so darüber freust, soll es dein Geschenk sein. Mir ist der Staubsauger egal, ich will Geschenke für mich, nicht für den Putzjob. Der Pulli passt mir auch, und die Krimis kenne ich noch nicht.« Dann hat sie sich mit ihrem Kram in ihr Zimmer verzogen, gesüffelt, gelesen und sich um nichts mehr gekümmert. Papa musste die Nussschalen und Plätzchenkrümel selbst mit seinem Weihnachtsgeschenk aufsaugen, Mutti hat bis Neujahr gestreikt und ich hab ihm das Versprechen abgenommen, mich nächstes Mal vorher um Rat zu fragen. Sie kann ihm ja dafür mal schonend beibringen, was eine CD ist und dass ich nur Miles Davis, Mendelssohn und Irish Folk mag. Ganz kapiert hat er das Ganze noch nicht, aber jetzt hat er eine Heidenangst vor uns. Ich hab versucht, ihm zu erklären, dass er sich wohl auch nicht über eine neue Schneeschaufel freuen würde oder ein Knacki über neue Fußketten, aber leicht verwirrt ist er immer noch.“

„Das mit der Fußkette ist gut, das probiere ich bei Paul mal aus. Mensch, Anna, er hat mich gestern und heute so tierisch genervt!“

„Du brauchst einen neuen, eindeutig! Aber wie entsorgen wir Paul?“

„Sei nicht so rüde! Mir wird es schon noch gelingen, ihn umzuerziehen.“

„Optimistin! Legionen von Frauen zu allen Zeiten haben das geglaubt, und keiner einzigen ist es gelungen. Er will sich doch auch gar nicht ändern, er findet sich doch perfekt so, wie er ist!“

„Wenn ich eine Zeitlang stichele, dann vielleicht nicht“, wandte ich ein, ohne wirklich von diesem Plan überzeugt zu sein. „Trotzdem solltest du dich mal anderweitig umsehen. Sicherheit ist eben auch nicht alles.“

„Wem sagst du das“, seufzte ich, „ich staune ja selbst, dass ich mich binnen einer Woche so ändern konnte. Ich dachte immer, einem wirklich zuverlässigen Mann könnte ich alles verzeihen. Kann es sein, dass du mein Herz vergiftest hat?“

„Großer Gott, Xenia, was für ein Klischee! Hast du wieder einen Schulterbeißer gelesen?“

„Einen was?“ Ich war sofort abgelenkt.

„Na, einen von diesen Kitschromanen, Glühende Leidenschaft und so, du weißt doch, wo der Held auf dem Umschlag so aussieht, als wollte er die halbnackte Heldin in die Schulter beißen.“

Ich kicherte. „Schulterbeißer heißen die? Genial! Nein, hab ich nicht gelesen. Aber du hast mich gegen Paul aufgehetzt, gib es zu!“

Anna lachte leise in den Hörer. „Dir die Augen geöffnet, meinst du wohl! Mir scheint, du wirst erwachsen.“

„Was soll denn das heißen?“, fragte ich leicht beleidigt. So kindlich war ich mit sechsundzwanzig ja wohl nicht mehr – seit mindestens acht Jahren war ich erwachsen. Das sagte ich Anna auch, aber sie wirkte immer noch eher amüsiert.

„Nein, erwachsen bist du erst, wenn du nicht mehr die Defizite aus deiner Kindheit ausgleichen willst. Bloß weil deine Eltern so flippig waren, brauchst du nicht unbedingt den totalen Biedermann, und ich glaube, das wird dir jetzt klar. Keine Sorge, ich habe nie behauptet, selbst erwachsen zu sein. Du kennst doch meine harmlosen Eltern, nicht? Vielleicht suche ich deshalb immer so schräge Kerle, aber dieses Bedürfnis habe ich noch nicht überwunden.“

„Na, wenn sie nicht schräger drauf sind als dein Gerd, Vegetarier und künftiger Einödbauer, dann halte ich dich nicht für wahnsinnig gefährdet“, witzelte ich. „Und du glaubst, ich lege gerade mein Sicherheitsbedürfnis ab?“

„Ja, das glaube ich. Du bist bald reif für einen abenteuerlicheren Typ.“

„Besten Dank! Bitte such mir keinen aus der Sammlung

deiner Abgelegten aus, über die Herren weiß ich schon zu viel.“ Ich konnte Anna förmlich grinsen hören. „Nein, die eignen sich auch nicht für dich. Wollen wir heute Abend mal um die Häuser ziehen und nach Schnäppchen suchen?“

„Och nö... heute nicht. Aber ich verspreche dir, wenn ich Bedarf habe, wende ich mich vertrauensvoll an dich. Wo du mich doch immer so schön psychoanalysierst! Heute möchte ich den Kram auf meinem Schreibtisch abarbeiten. Einmal alles dem Kurier mitgeben und dann nichts mehr zu tun haben!“

„Das ist der Nachteil, wenn man zu Hause arbeitet. Kann mir nicht passieren!“

Anna arbeitete seit ihrer Magisterprüfung in einem Verlag, der hauptsächlich Veranstaltungsprospekte und Broschüren für verschiedene Firmen herausbrachte, auch nicht gerade das, was sich eine belletristisch interessierte Germanistin gewünscht hatte. Aber Germanisten und Kommunikationswissenschaftler mit einigermaßen anständigem Magister gab es stapelweise, auf jeden Job meldeten sich hunderte Bewerber. Der Job bei der Pressestelle von MicroElectronics war auch nicht gerade mein Traum, aber ich war froh, dass ich ihn ergattert hatte. Wenigstens Berufserfahrung konnte man so doch sammeln! Es sei denn, ME ging pleite, bevor ich am ersten Juli anfangen konnte – ein typisches Start-up, immer am Rande des Abgrunds. Nun, für den Notfall hatte ich ja immer noch meinen Schreibservice, von dem ich knapp leben konnte. Die Wohnung war abbezahlt, und ein kleines Wertpapierdepot hatte ich auch noch. Paul wusste über meine Finanzen nicht genau Bescheid, aber das war mir auch lieber so, seine Strategien waren mir sicher zu konservativ, und so hätten wir nur noch einen weiteren Streitpunkt, denn mit meiner Nachgiebigkeit war es nun vorbei. Linoleum! dachte ich verächtlich, als ich den Rechner hochfuhr.

Den ganzen Samstag tippte ich fieberhaft und besserte bei mehreren Seminararbeiten unsaubere Zitierweisen aus, rief ab und zu die Verfasser an, um schräge Aussagen zu überprüfen, und hatte am Abend schließlich drei Arbeiten ganz fertig, die nun eingetütet im Flur lagen und auf den Kurierdienst am Montag Morgen warteten. Für einen kleinen Online-Buchhändler fertigte ich nach den Daten auf der CD, die er mir geschickt hatte, rund hundert Mahnungen an und kuvertierte sie. Dass sich das lohnte? Das waren auch wieder hundert Euro, ohne Porto. Wenn das öfter anfiel, war es doch einfacher, eine Teilzeitkraft einzustellen, oder? Ich wusste allerdings nicht genau, welche Nebenkosten bei einer 400EuroKraft dazukamen, aber mir konnte es ja nur recht sein, wenn ich den Auftrag bekam. Insgesamt konnte ich am Samstagabend auf 450 Euro zurückblicken, wenn die Kunden die Rechnungen pünktlich zahlten. Das waren dann netto... egal, das Finanzamt zog doch immer mehr ab, als ich berechnet hatte. Leben konnte ich davon jedenfalls, aber der Trubel in einem echten Büro war sicher doch spannender.

Spät abends klingelte das Telefon. Ob ich auch ein handschriftliches Manuskript abtippen könnte? Etwa sechshundert Seiten? „Eine Dissertation?“, fragte ich geschäftsmäßig zurück.

„Nein, äh – einen Roman.“ Anscheinend ein Erstlingswerk, so verlegen klang die Stimme am anderen Ende.

„Kein Problem. Ohne Fußnoten geht das ohnehin schneller. Das kommt dann auf zwei Euro pro getippte Seite. Wollen Sie das Manuskript selbst vorbeibringen oder mit Citykurier schicken?“

„Ich bringe es Ihnen morgen früh vorbei, wenn es sie nicht stört, so am Sonntag...“

„Nein, ich habe morgen gut Zeit, damit anzufangen.“

Gut, das konnten rund 200 Euro sein, je nachdem, wie arg er gekritzelt hatte. So ein schüchternes Stimmchen – der traute seinem Herzenserguss wohl keine allzu große Qualität zu? Mir konnte es egal sein, er bekam seinen Ausdruck und zwei CDs, dazu die Rechnung. Die Suche nach einem Verlag war dann sein Problem!

Als ich schon fast im Bett lag – herrlich, alleine, ohne Paul, der sich im Dunklen hastig auf mir abarbeitete – klingelte das Telefon schon wieder. Gundula, die Krimis aus dem Amerikanischen übersetzte. Sie sei spät dran, das Manuskript müsse am Freitag beim Verlag sein, und sie habe zur Zeit solche Rückenschmerzen, dass sie nur im Liegen mit der Hand schreiben könne – rund dreihundert Seiten, könnte ich das noch schaffen?

„Klar doch. Bring es mir morgen früh vorbei, ich fange gleich an.“

Sechs Seiten pro Stunde schaffte ich locker, wenn ich mich beeilte, sogar noch mehr. Das würde eine harte Woche! Gundula hatte auch jedes Mal eine andere Begründung dafür, dass sie ihre Übersetzungen nicht selbst tippte! Warum sagte sie nicht einfach die Wahrheit? Ich komme mit meinem Computer nicht zurecht? Rückenschmerzen waren jedenfalls neu. Zufrieden vergrub ich den Kopf im Kissen, das noch leicht nach Pauls Seife duftete, und beschloss, in der kommenden Woche das Geld nur so zu scheffeln und außerdem Kontakt zu Heide aufzunehmen. Wenn sie schon dermaßen oberschlau war, sollte sie mich ruhig beraten!

Tatsächlich tauchte Gundula am Sonntagmorgen um halb sieben auf; ich nahm gähnend, mit verstrubbeltem Haar und schlampig zugebundenem Morgenrock ihre Kladde entgegen und warf einen flüchtigen Blick hinein. Ziemlich lesbar. Ich versprach ihr, sie könne es am Donnerstagabend wieder abholen, obwohl mir dabei selbst etwas mulmig wurde. Andererseits würde intensivste Arbeit mich von dem fruchtlosen Nachdenken über Paul abhalten...

Ich hatte schon eine Datei eingerichtet und die ersten dreieinhalb Seiten getippt, geduscht und mich angezogen (Jogginghose und ausgeleiertes T-Shirt, wozu war Sonntag), einen etwas ältlichen Müsliriegel verdrückt und die Wohnung flüchtig aufgeräumt, als es um acht wieder klingelte.

Durch den Spion sah ich mir völlig unbekannten Mann, etwas über mittelgroß, dünn, schwere Hornbrille, starker Adamsapfel, das Hemd bis zum Kragen geschlossen, aber ohne Krawatte, etwas, was ich als Gipfel des schlechten Geschmacks empfand. Ich öffnete mit vorgelegter Kette, der Typ sah aus, als wollte er mir den Wachturm andrehen oder Blindenware verkaufen. Hausierer und die Zeugen Jehovas kamen hier gerne am Sonntagmorgen und wunderten sich dann über die fehlende Begeisterung. „Guten Tag – äh – ich bringe das Manuskript. Soll ich gleich etwas bezahlen?“

Ich bat ihn erleichtert herein. Er überreichte mir einen zerfledderten Schnellhefter, zahlte hundert Euro an, füllte ein Auftragsformular aus (schließlich kannte ich ihn ja noch gar nicht), stotterte noch ein bisschen herum und schlich dann wieder davon. Na, das konnte ja ein langweiliger Text sein! Aus dem Tagebuch eines Schneckensammlers oder so... Er sah nicht aus, als könnte er sich irgendwelche aufregenden Geschichten ausdenken.

Ich packte den Schnellhefter auf den Schreibtisch und setzte mich wieder an Gundulas Übersetzung. Bis zum Abend hatte ich immerhin über hundert Seiten geschafft und schon einmal einen neugierigen Blick in den Schnellhefter geworfen. Offenbar eine recht tempoarme Liebesgeschichte! Als am Montag der Kurier alle fertigen Aufträge abgeholt und mehrere neue gebracht hatte, war ich bei Gundulas Manuskript schon fast in der Mitte angekommen und sehr zufrieden mit mir. Ich sah die Neueingänge schnell durch, erledigte zwei kleinere Arbeiten sofort und legte sie wieder in den Ausgang (der Kurier kam nachmittags noch einmal), kochte mir ein Süppchen aus der Tüte und tippte verbissen weiter.

Schön, dass der Laden so gut lief, aber etwas langweilig war mir schon, immer nur fieberhaft tippen, immer alleine dasitzen... Mein Leben lang wollte ich das auch nicht machen! Damit war ich wieder mal bei Paul angekommen und beschloss, mir eine Stunde Mittagspause auf dem Balkon zu gönnen, die Sonne schien gerade so angenehm. Paul... Mein Leben lang mit der Bohnermaschine herumfahren – war das mein Traum? Auch nicht! Ich musste ihn unbedingt umerziehen, das klappte bestimmt, egal, was Anna sagte. Gut, vorgestern hatte ich noch keinen Erfolg gehabt, aber ich musste mir nur eine bessere Methode ausdenken... Nicht jetzt, es war zu warm zum Denken. Ich setzte den Walkman auf und zündete mir eine Zigarette an. Herrlich war es hier draußen! Ich könnte mich richtig bräunen, auch wenn Paul mir daraufhin Heides Warnungen vor Hautkrebs ausrichten ließe. Gegenüber hörte man heftiges Geräume. Ich schob die Sonnenbrille ein bisschen beiseite und linste hinüber. Ach, Knackarsch baute seinen Liegestuhl auf. Niedlich! In Badeshorts kam sein Rücken besonders gut zur Geltung. Ich betrachtete ihn eine Zeitlang unauffällig und widmete mich dann wieder meinem Roman. Schließlich war die Stunde vorbei, die ich mir gesetzt hatte, und nicht ohne Bedauern kehrte ich mit sanft geröteten Armen wieder an meine Tastatur zurück. Ohne den engen Abgabetermin hätte ich vielleicht geschwächelt, aber Gundula würde mich erwürgen, wenn ich am Donnerstagabend nicht fertig war. Der Typ von gegenüber sonnte sich den ganzen Nachmittag, bis sein Ostbalkon endgültig im Schatten lag. Auf meinen knallte natürlich immer noch die Sonne, aber ich hämmerte stur weiter auf die Tasten ein. Bei Seite 204 machte ich Schluss und legte eine neue Datei für den Stotterer an.

Der Roman begann wirklich sterbenslangweilig, und ich war in Versuchung, am Rand eine Spalte mit Hinweisen anzubringen, wo er kürzen, raffen und sich kräftiger ausdrücken sollte. Andererseits ging mich das nichts an, seine Lektorin war ich nicht, und so tippte ich die eher öden Szenen kommentarlos ab. Abends schuftete ich mich noch eine Stunde im Fitnesscenter ab – wenn man den ganzen Tag nur am Schreibtisch gesessen hatte, tat das richtig gut. Danach eine heiße Dusche und ab ins Bett!

Der Dienstag war ebenfalls strahlend schön. Bis die Sonne am frühen Nachmittag auf meinen Balkon schien, hatte ich Gundulas Übersetzung tatsächlich fertig – neuer Rekord, so viel hatte ich noch nie in so kurzer Zeit geschafft. Andererseits passte bei zwölf Punkt und eineinhalbzeiligem Abstand nicht besonders viel auf eine Seite, und die dreihundert Seiten, von denen sie gesprochen hatte, kamen nicht annähernd zusammen, genau genommen waren es nur 278. Erleichtert druckte ich die letzten zwanzig Seiten aus, legte den ganzen Stapel in eine frische Mappe, zog den Text zweimal auf CD, packte sie dazu, legte die Rechnung bei und schob alles beiseite. Erst den täglichen Kleinkram, wieder Mahnschreiben, zwei Prospekttexte, für die ein Layout zu entwerfen war, eine kurze, aber kniffelige Seminararbeit, die fast nur aus Fußnoten bestand...

Ich müsste mal in die Stadt, beschloss ich, ich hatte fast keine Hüllen und keine CDs mehr. Die CDs kosteten höchstens zwanzig Cent pro Stück, aber ich stellte sie, hübsch beschriftet, den Kunden mit einem Euro in Rechnung: Bis jetzt hatte keiner protestiert. Erst noch eine Stunde sonnen und die nächsten zehn Seiten des faden Romans tippen, nahm ich mir vor, dann könnte ich mich aufmachen. Und auf dem Rückweg vielleicht wirklich mal die Kiste durch die Waschanlage fahren, um Paul eine Freude zu machen...

Die Hitze auf dem Balkon war schon fast zuviel, und das Anfang Mai! Ob der ganze Sommer derartig heiß werden würde? Ich ließ meine nackten Arme und Beine braten, aß einen Apfel und schmökerte weiter in meinem Krimi. Heute war gegenüber leider nichts los, anscheinend musste der junge Mann doch ab und an auch arbeiten. Apropos... Ich kehrte ungern an meinen Rechner zurück.

Langsam gewann der Roman an Tempo, der etwas skurrile Held hatte nun seine Angebetete angesprochen und sie zu sich eingeladen, und sie schien sogar recht willig zu sein. Das allerdings missfiel dem Helden offenbar. Kopfschüttelnd tippte ich weiter. Immerhin, fünf handschriftliche Seiten ergaben bei dieser Riesenklaue eine Druckseite, so waren das nur einhundertzwanzig Druckseiten. Schade, nur zweihundertvierzig Euro, zweihundertsechzig mit allen Nebenkosten. Maximal!

Ich trabte nun doch lieber in die Stadt. Draußen war es herrlich, nicht annähernd so heiß wie auf dem Balkon. Im Kaufhaus holte ich mir zweihundert CDs und zweihundert Mappen, dazu Gummibänder, Toner auf Vorrat und fünftausend Blatt Papier (das wurde glücklicherweise geliefert, ich hätte es kaum tragen können). Eigenartig, überlegte ich mir, als ich den Supermarkt schräg gegenüber vom Bonifatiushof ansteuerte, man denkt immer, Papier sei etwas Federleichtes, dabei gibt es nichts Schwereres. Nicht umsonst durfte man Bücherkisten nur halb voll packen, und fünftausend Blatt Druckerpapier wogen so viel wie – wie – auf jeden Fall eine ganze Menge.

Ich holte mir neue Äpfel, Müsliriegel, edle Pralinés, einige Zeitschriften, ein neues Duschbad und Spülmittel, außerdem einen Vorrat an Päckchensuppen. Über das gutbürgerliche Essen am Freitag für Paul wollte ich später nachdenken.

Zu Hause rief ich Gundula an, die sofort vorbeikam und begeistert den Papierstapel an ihr Herz drückte. In ihrer Freude zahlte sie auch sofort, was mich wiederum in Hochstimmung versetzte.

Ich verbrachte die ganze Woche zwischen Schreibtisch, Fitnessstudio und Balkon und fühlte mich am Freitag ungewöhnlich energiegeladen. Außerdem gefiel ich mir recht gut, ich hatte schon eine leichte Bräune aufzuweisen, strotzte vor Kraft, hatte merkwürdigerweise fast zwei Kilo abgenommen und stellte bei der Abrechnung fest, dass ich in dieser Woche über tausend Euro verdient hatte. Damit war mein Girokonto so weit im Plus, dass ich mal wieder ein bisschen an der Börse aktiv werden könnte, auch wenn es in diesen unsicheren Zeiten schwierig war, zu erkennen, was sich lohnte. Feige zog ich mich schließlich auf einen Renten und einen globalen Aktienfonds zurück. Damit konnte mir nicht allzu viel passieren, hoffte ich.

Bis Freitagnachmittag hatte ich auch die Wohnung wieder in Ordnung gebracht, bis auf den eigenartigen Roman alles fertig gestellt und via Kurier auf den Weg gebracht, die Zutaten für einen wirklich guten Salat mit gebratener Putenbrust besorgt, den Wein temperiert und mir überlegt, wie ich heute Paul etwas geschickter in meinem Sinne beeinflussen könnte. Ganz sicher war ich freilich nicht, ob meine Pläne funktionieren würden. Na, mal sehen.

Jedenfalls hatte ich noch etwas Zeit, also konnte ich gleich einige Seiten weiter tippen. Langsam wurde die Beziehung zwischen dem Helden und seiner Angebeteten etwas eigenartig. Er stand offenbar darauf, wenn sie widerborstig war, sich ihm verweigerte oder ihm sehr energisch widersprach. War er ein bisschen masochistisch veranlagt? Ich tippte und blätterte um. Nein, im Gegenteil, er suchte einen Vorwand für seine eigene Gewalttätigkeit. Ich schrieb eine Szene ab, in der er seine Freundin ziemlich kräftig übers Knie legte und sie dann mehr oder weniger gegen ihren Willen nahm (das wurde sehr detailfreudig beschrieben). Na, hoffentlich ließ sie ihn daraufhin stehen! Wie kam dieser verhuschte Kerl eigentlich auf diese Ideen? Waren das seine sexuellen Phantasien? Und wie sollte ich mein maliziöses Grinsen unterdrücken, wenn er sein Machwerk abholte? Bevor ich weiter verfolgen konnte, ob die Freundin diesem kranken Kerl den Laufpass gab oder sich womöglich auf diese Spiele einließ, musste ich abbrechen, um den Salat anzumachen und frisches Baguette aufzuschneiden. Ich ließ das Manuskript auf dem Schreibtisch liegen und richtete auf dem Tisch alles her. Paul war wie immer auf die Minute pünktlich. Dafür hatte ich ihn immer geliebt, aber mittlerweile ging mir sogar das auf die Nerven!

„Hallo, Mäusle!“ Ich bekam ein keusches Küsschen auf die Wange, Paul trat ein, drückte mir den neuen Wein in die Hand und betrat das Wohnzimmer. Als ich die Salatschüssel hereinbrachte, hatte Paul die Maus bewegt und den zuletzt geschriebenen Text studiert.

„Was ist denn das für eine Sauerei?“, fragte er empört.

„Ganz schön abstrus, was? Das ist ein Roman, aber ich glaube nicht, dass der arme Kerl dafür je einen Verleger findet. Außerdem ist die Story nicht gut aufgebaut, der Anfang ist viel zu lahm. Komm essen!"

„Wie kann man einer Frau so etwas abzuschreiben geben!“ Paul setzte sich, immer noch mit zornrotem Gesicht.

„Was hat das damit zu tun? Mann oder Frau, jeder weiß doch, was es im SM-Bereich alles gibt. Hoffentlich grinse ich nicht, wenn der Kerl das Manuskript abholt. Gib mir deinen Teller!“

Paul hielt seinen Teller hoch. „Je eher du mit dieser Arbeit aufhören kannst, desto besser! Wenn ich gewusst hätte, dass du solchen Schmutz tippen musst...“

„Was dann?“, erkundigte ich mich und tat mir selbst auf, „Hättest du es mir verboten?“

„Sicher. Niemand möchte, dass seine Frau sich mit solchen Dingen befassen muss.“

Ich legte meine Gabel hin und verwarf meinen diplomatischen Plan.

„Lieber Paul, du hast mir nichts zu verbieten, ist dir das klar?“

„Wie redest du denn? Ich meine es doch nur gut mit dir. Schließlich mache ich mir doch Sorgen um dich.“

„Nicht nötig, ich kann gut auf mich selbst aufpassen. Was schadet es, wenn ich einen Softporno abtippe? Sollte ich mal an einen kriminellen Text geraten, informiere ich schon die Polizei, keine Angst.“

„Mir gefällt das alles nicht. Gib es doch auf, wegen der paar Euro...“

„Wegen der paar Euro? In dieser Woche habe ich brutto über tausend Euro verdient! Warum sollte ich das aufgeben?“

„Du hast was?“ Paul wurde ganz blass. Was hatte er plötzlich? „Dann kommst du im Monat ja auf – warte mal – auf rund viertausend Euro?“

„Wenn der Laden weiter so brummt... Aber brutto, vergiss das nicht!“

Er sah immer noch verstört vor sich hin. Ich verstand ihn nicht. „Freu dich doch für mich. Ich ärgere mich doch auch nicht, wenn du mal eine Gehaltserhöhung kriegst.“ Paul sah auf. „Den Hohn kannst du dir sparen, ja?“

„Wieso Hohn? Was ist denn los mit dir?“

„Du verdienst mehr als ich!“

„Na und? Dafür ist dein Gehalt sicher. Bei mir kann es doch auch passieren, dass plötzlich gar keine Aufträge mehr reinkommen, wenn die Leute sparen wollen und ihren Kram lieber selbst tippen. So preiswert bin ich schließlich auch nicht.“

„Hör mit diesem billigen Trost auf. Was hast du mir noch verheimlicht?“

Ich ließ die Gabel wieder fallen. „Verheimlicht? Ich habe diese Woche zum ersten Mal so viel verdient und es dir sofort erzählt! Spinnst du jetzt?“

„Diese Wohnung gehört dir, ja?“

„Also, das weißt du aber doch!“

„Wie viel musst du noch abzahlen?“ Er verhörte mich geradezu! „Gar nichts. Ich hab sie von der Lebensversicherung meiner Eltern bezahlt.“

„Wie viel Geld hast du auf der Bank?“ „Nicht so arg. Etwa achtzehntausend Euro, denke ich, ich müsste ins Depot schauen. Warum?“ Er ging auf meine Gegenfragen gar nicht ein, sondern aß und fragte.

„Depot? Wie hast du das Geld angelegt?“

„Aktien, Fonds und Anleihen, einen Teil in Festgeld oder Cashfonds. Warum?“

„Du bist reicher als ich.“

„Quatsch! Du hast doch das Häuschen, das muss mehr wert sein als diese Wohnung und das mickrige Depot.“

„Da liegt eine Hypothek drauf. Du bist reicher als ich. Würdest du mich dein Geld verwalten lassen?“

„Nein.“ Auch wenn er jetzt sauer wurde, aber das ging zu weit. „Ich kann das sehr gut selbst.“

„Das glaube ich nicht. Ich lasse mich regelmäßig beraten, in meiner Sparkassenfiliale, also bin ich immer aktuell informiert. Wer hat dir deine Anlagen empfohlen?“

„Niemand. Ich kann so was selbst beurteilen. Auch wenn es dich erstaunt, aber ich verstehe eine ganze Menge von der Börse. Meine Fonds haben sich in der Krise alle prima gehalten. Warum soll ich das nicht selbst machen, wenn ich es gut kann?“

„Weil ich dich beschützen möchte. Das ist doch meine Aufgabe!“

„Aber Paul, wovor denn schützen? Und wenn ich wirklich mal fix handeln muss, geht das via Internet ohnehin viel schneller. Du trabst doch immer noch brav zur Bank, um zu traden, oder?“

„Dieses Internet ist mir suspekt“, knurrte er, ließ sich aber nicht lange ablenken.

Das Dessert, Nusseis mit Aprikosensauce, schmeckte ihm zwar, aber den Schock hatte er noch nicht überwunden.

„Was ist die Wohnung wert?“

Ich zuckte die Achseln. „Die momentanen Immobilienpreise habe ich nicht so ganz im Kopf. Naja, ziemlich neu, zwei Zimmer, gute Lage, solide Bausubstanz, Balkon, Infrastruktur – ich schätze zwischen zweihundert und zweihundertfünfzig. Warum?“

„Das Geld sollten wir in Ausbildungsversicherungen für die Kinder investieren.“ Wie bitte?

„Ich will die Wohnung nicht verkaufen. Die kann man doch prima vermieten, und wenn die Kinder studieren, können sie hier wohnen.“

„Unsinn. Wir verkaufen sie, so bald wie möglich.“

Ich warf meinen Löffel klirrend in die Eisschüssel. „Paul, es reicht! Wieso wir? Ist dir klar, dass das meine Wohnung ist? Ich entscheide, ob sie verkauft wird! Ich laufe doch auch nicht rum und sage, wir verkaufen dein Häuschen!“

„Das ist ja wohl etwas anderes.“ Allmählich wurde er auch sauer. Ich erkannte, dass er heute versuchte, meine Unterwürfigkeit zu testen, und bis jetzt immer schmählich gescheitert war. „Das ist genau das Gleiche! Jeder kümmert sich um seinen Besitz, oder?“

„Du redest wie so eine grässliche Emanze. Als nächstes willst du noch Gütertrennung!“ „Natürlich! Was hätte ich von Gütergemeinschaft? Du verkaufst all meinen Besitz und ich darf nicht einmal den Boden in deinem Haus aussuchen, das ist ja auch nicht unser Haus!“

„Hochinteressant!“ Er schleuderte seine Serviette von sich. „Sei mal ganz ehrlich: Willst du mich überhaupt noch heiraten?“ Ich zögerte. Ehrlichkeit oder Takt? „Danke, alles klar!“ Paul stand so heftig auf, dass der Stuhl umkippte, holte seinen Wein aus der Küche, sah kurz auf die Uhr und verschwand grußlos. Ich kicherte hilflos, als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Wollte er gucken, ob er zum Krimi noch zurechtkam? Und dass er den Wein wieder mitnahm – das war wohl als Strafe für mich gedacht?

War es jetzt aus? Ich glaubte es nicht so recht, aber im Moment war es mir auch egal, weil ich so wütend auf ihn war. Ich überlegte, ob ich Anna anrufen sollte, um ihr alles brühwarm zu tratschen, aber als ich flüchtig aus dem Fenster sah, bemerkte ich, dass gegenüber wieder Licht brannte. Schnell löschte ich meine eigene Beleuchtung und stellte mich ans Fenster. Zuerst konnte ich nur den ungehinderten Blick in die Wohnung genießen, aber dann kam der gut aussehende Mieter ins Bild, heute in weißem Hemd und schwarzen Hosen, richtig schick, ein bisschen piratenmäßig. Im Licht der Deckenlampe schimmerten seine braunen Haare nahezu golden. Fasziniert betrachtete ich ihn. Wirklich, ein attraktiver Mann... Ob er eine Freundin hatte?

Er hatte.

Plötzlich streckte er die Hand aus und eine andere Hand legte sich hinein. Er zog sie zu sich, der Hand folgte eine Frau. Sehr blond, sehr braungebrannt, sehr schlank, in einem kurzen roten Kleid mit Carmen-Ausschnitt. Ich betrachtete sie missmutig, während sie von ihrem Gastgeber ein Glas Sekt entgegennahm. Die war schlanker als ich, eindeutig. Gut durchtrainiert, die Waden wirkten fest und wohlgeformt – und knackbraun. Sonnenstudio, dachte ich abfällig und staunte über mich selbst. War ich etwa neidisch? Ich kannte den Kerl doch gar nicht!

Sie stießen miteinander an, dann nahm er ihr das Glas aus der Hand und stellte es ab. Besser als Kino! Ich spürte den leisen Krampf im Bauch, der sich stets unmittelbar vor einer Liebesszene einstellte, den kleinen Gleich-küssen-sie-sich-Stich. Tatsächlich, sie küssten sich, und zwar nicht kameragerecht, sondern richtig leidenschaftlich. Das Gefühl in meinem Bauch verstärkte sich. Gott, wie peinlich – wurde ich jetzt etwa beim Zugucken erregt? Wie ein mieser Spanner... Aber den Blick abwenden konnte ich auch nicht.

Der Mord von gegenüber

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