Читать книгу Drei Lästerschwestern auf Borkum - Erich Hübener - Страница 5
Borkumvoraus
ОглавлениеRebekka war mit der Bahn nach Emden gefahren. Der Zug brachte sie direkt an den Fähranleger zur Insel Borkum. Sie bestieg die Fähre „Ostfriesland“, setzte sich auf das Oberdeck und stellte ihren Rucksack neben sich auf die Bank. Das große Gepäck hatte sie schon ein paar Tage vorher nach Borkum geschickt.
Es war ein angenehmer warmer Junitag. Die Nordsee war ruhig und zeigte sich von ihrer besten Seite. Der Wind war eher ein laues Lüftchen und auf der Reling saßen schon mehrere Möwen, die darauf warteten von den Fahrgästen gefüttert zu werden.
Rebekka schloss die Augen und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Im Grunde liebte sie das Meer, die Seeluft, den Geruch von Strand und Tang. Nur Inseln waren ihr irgendwie suspekt. Sie war schon auf mehreren gewesen: Spiekeroog, Langeroog und Baltrum. Aber jedes Mal war sie froh gewesen, wenn sie wieder auf dem Festland angekommen war. Warum, das wusste sie eigentlich auch nicht so genau. Vielleicht war es der Gedanke, dem Meer ausgeliefert zu sein, nicht weglaufen zu können oder überall vom Wasser umzingelt zu sein. Allerdings von Borkum hatte Maren gesagt, sie sei so groß, dass man gar nicht unbedingt das Gefühl habe, auf einer Insel zu sein. Aber das Klima sei sehr gesund und der Himmel besonders blau.
Bis hierher war doch alles ganz gut verlaufen, dachte sie. Und bei der ruhigen See bestand auch kaum die Gefahr, dass sie seekrank werden würde. Vielleicht hatte sie sich auch zu Unrecht gegen diesen Kuraufenthalt gewehrt. Inzwischen hatte sie sich dazu entschlossen den „kostenlosen Urlaub“ anzunehmen. Sollten die Experten doch von ihr denken, was sie wollten. Sie jedenfalls wusste, was sie von sich selbst zu halten hatte. Und auch zu den Umständen ihrer Trennung von Thomas hatte sie inzwischen einen gewissen Abstand gefunden. Sie wollte nicht mehr darüber nachdenken was gewesen wäre, wenn… Nein, sie lebte jetzt, hier und heute. Und sie war auf dem Weg zu einem Kuraufenthalt, wie immer der sich auch entwickeln würde.
Als sie die Augen wieder öffnete sah sie, dass ein paar Bänke weiter vorn ein Mann Platz genommen hatte. Er mochte etwa in ihrem Alter sein, vielleicht ein paar Jahre älter. Ein Inselbewohner ist er anscheinend nicht, denn er hatte einen kleinen Koffer bei sich, dachte sie. Vielleicht ein Vertreter oder ein Geschäftsmann auf Reisen. Ein Kurgast schien er auch nicht zu sein, dafür war das Gepäck zu klein. Andererseits – sie selbst hatte ja auch nur einen Rucksack dabei, obgleich sie sechs Wochen auf der Insel bleiben würde.
Rebekka bestellte bei der Bedienung einen Kaffee und ein Croissant.
„Hebb wi nich“, sagte die Frau, „wi hebbt bloot Hörnchen.“
„Gut“, sagte Rebekka, „dann nehm ich einen Pott Kaffee und ein Hörnchen.“
Die Frau nickte und ging. Rebekka sah abwechselnd auf das Meer und auf den Rücken des Mannes. Als er zur Seite blickte, sah sie sein Profil. Sieht verdammt gut aus, dachte sie. Auch seine Frisur gefiel ihr, blond, nicht zu lang und nicht zu kurz, vom Fahrtwind zerzaust. Ein echter Friese, oder? Fast wie auf dem Traumschiff, dachte sie, nur ein bisschen kleiner. Was hatte Miriam gesagt: Vielleicht findest du ja was für den kleinen Hunger zwischendurch. „Pfui“, sagte sie zu sich selbst und wandte den Blick ab, „du bist noch nicht einmal auf der Insel und hast schon dumme Gedanken.“
Sie genoss den Kaffe und das Hörnchen, blickte auf das Meer und bemerkte dann erst, dass der gutaussehende junge Mann in der Zwischenzeit fortgegangen war. Sie sah sich um, aber auf dem Oberdeck war er nicht. Sie bemerkte verwundert, dass es sie beunruhigte. Vielleicht war er ja nur zur Toilette gegangen. Aber mit dem Trolley? Und ihr fiel das Lied von Udo Lindenberg ein „Vorbei, verweht, nie wieder.“
Der Pott Kaffee drückte auf ihre Blase und sie suchte die Toilette auf. Sie ließ ihren Rucksack stehen und sagte im Vorbeigehen zu der Bedienung „Ich komme gleich wieder.“ Die Frau nickte nur. Viele Worte machen die hier nicht, dachte Rebekka, aber sie kannte es ja, sie war ja schließlich auch im Norden aufgewachsen. Sie folgte dem Schild mit dem Hinweis WC und stieg die eiserne Treppe hinunter. Das Damenklo war gerade besetzt. Rebekka stellte sich neben die Tür und wartete. Wenn das noch lange dauert gehe ich gleich auf das Männerklo, dachte sie. Nach einiger Zeit kam ihr der Gedanke, dass das WC vielleicht aus irgendeinem Grunde geschlossen sei. Sie klopfte an die Tür und hörte sogleich von innen eine weibliche Stimme „Einen Moment noch.“ Wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür mit einem solchen Ruck, dass Rebekka zur Seite springen musste, um nicht getroffen zu werden. Eine etwas beleibte Frau mit einem weißen Strohhut und einem Trolley kam heraus und sagte: „Entschuldigung, die Tür klemmt.“
Rebekka verstand nicht, wie die Frau trotz Trolley in dem engen Raum noch ihr „Geschäft“ hatte erledigen können. „ Außerdem ist das Papier alle“, sagte sie noch, „brauchen Sie ein Tempo?“
„Nein, danke, hab‘ ich selbst“, antwortete Rebekka und dachte, hoffentlich lässt sie mich nun endlich hinein, es wird so langsam dringend.
„Soll ich der Bedienung Bescheid sagen?“, hörte Rebekka sie noch sagen, als sie die Tür schon geschlossen hatte, aber sie antwortete nicht.
Eigentlich unhöflich von mir, dachte Rebekka, während sie ihre Jeans wieder hochzog. Die Frau hatte es doch nur gut gemeint. Na, vielleicht sieht man sich ja noch mal wieder. Dann werde ich mich entschuldigen und gleichzeitig bedanken. Aber als Rebekka an ihren Platz zurückkehrte, war von der Frau nichts zu sehen. Stattdessen räumte die Bedienung gerade das Geschirr ab.
„Wi bünt gliks door“, sagte sie und nickte mit dem Kopf in Fahrtrichtung nach vorn. Während Rebekka bezahlte, sagte sie „Das Klopapier ist alle.“
„Jo“, antwortete die Frau und besann sich dann, dass sie höchstwahrscheinlich einen Kurgast vor sich hatte, der nicht unbedingt der plattdeutschen Sprache mächtig war und fuhr deshalb hochdeutsch fort, „das ist immer alle. Manchmal denk ich, die Leute nehmen die ganzen Rollen mit. Son Blödsinn, als ob es in den Hotels auf Borkum kein Klopapier gibt.“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf.
Rebekka blickte in die angegebene Richtung und sah tatsächlich Land. Ein langer, flacher, unbewohnter Streifen am Horizont.
Das hatte sie sich anders vorgestellt. Sie hatte eine Kurpromenade erwartet mit großen weißen Hotelbauten. Aber man war ja auch noch nicht da.
Während die Fähre anlegte war Rebekka allein auf dem Oberdeck. Alle wollten so schnell wie möglich zum Ausgang. Rebekka musste unwillkürlich an eine Herde von Kühen denken, die aus dem Stall ins Freie drängten. Dabei war auch die Frau mit dem weißen Strohhut. Aber vergeblich hielt sie nach dem blonden Haarschopf Ausschau. Während der Kapitän und seine Mannschaft noch damit beschäftigt waren die Fähre ordnungsgemäß zu vertäuen, betrachte Rebekka die illustre Gesellschaft, die sich auf dem Anleger versammelt hatte: Mehrere Taxen warteten auf die Kunden die es besonders eilig hatten, ein pferdebespannter Planwagen sowie eine Ponykutsche warteten ebenfalls auf ihre Gäste und rechts und links standen Frauen und Kinder mit Handwagen. Sie hielten Pappschilder hoch, auf denen die Namen der Gäste standen: Fam. Berger, Fam. Rote und so weiter.
Als Rebekka sich den wartenden Passagieren anschließen wollte, wurde sie urplötzlich gestoppt. Einer der Trageriemen ihres Rucksacks hatte sich am eisernen Geländer verhakt. Im gleichen Moment wurde sie von hinten mehr oder weniger angerempelt. Als sie sich umdrehte, stand er da, ihr großer blonder Hüne. Ihre Blicke trafen sich für Bruchteile einer Sekunde. Rebekka wurde es heiß und kalt zugleich. Er war wirklich eine stattliche Erscheinung. Und er sah tatsächlich gut aus – verdammt gut.
„Verzeihung“, sagte er, „ich wollte Sie nicht …“
„Nein, nein, es war meine Schuld. Der Riemen meines Rucksacks hat sich am Geländer verhakt“, stotterte sie und versuchte gleichzeitig den Trageriemen vom Geländer zu lösen. Als sie es endlich geschafft hatte, war er schon wieder verschwunden. Wohin? Nach rechts oder nach links? Die Treppe hinauf oder die andere hinunter? Auf jeden Fall war er wieder mal verschwunden, bevor Rebekka Zeit gehabt hatte ihn näher zu betrachten. Aber auch in dem Gewimmel von Menschen auf dem Anleger konnte sie ihn nicht entdecken. Sie gab es auf. Wahrscheinlich sollte es nicht sein.
Die Inselbahn erinnerte Rebekka an die Modelleisenbahn ihres Vaters, mit der sie als Kind allerdings nie hatte spielen dürfen. Nur ein bisschen größer, dachte Rebekka, aber traumhaft schön.
Die „Kuhherde“ löste sich ziemlich schnell auf, nachdem die Bediensteten die Schranke der Fähre geöffnet hatten. Gäste und Gastgeber fanden sich schnell. Es gab großen Jubel und man fiel sich in die Arme. Viele schienen Stammgäste zu sein. Die Mehrheit strömte allerdings zur Bahn. Rebekka war eine der Letzten die einstiegen. Aber es dauerte noch eine ganze Weile bis der Zug ruckelte und sich dann langsam in Bewegung setzte. Man hatte anscheinend Zeit. Oder man nahm sie sich. Vielleicht sollte ich das als Erstes lernen, dachte Rebekka, sich Zeit nehmen. Sechs Wochen Zeit lagen vor ihr. Was hatte Maren gesagt „Sieh es doch einfach mal positiv“.
Die Bahn zuckelte durch die Dünenlandschaft. Fehlt nur noch das Schild „Blumen pflücken während der Fahrt verboten“ dachte Rebekka. Na gut, etwas schneller als ein Fußgänger war man schon. Aber mit dem Fahrrad hätte man durchaus nebenher fahren können.
Doch schon nach wenigen Minuten hielt die Bahn an einem Übergang. Kinder mit einem Handwagen und einem Schild „Familie Schneider“ standen an den Gleisen. Familie Schneider bestand aus vier Personen: zwei Kindern einschließlich Vater und Mutter. Als sie ausgestiegen waren begrüßte man sich innig und ausgiebig während ein Arbeiter der Bahn die Koffer aus dem Gepäckwagen hob. Der Lokführer sah dem Treiben aus dem Seitenfenster gelassen zu. Als er den Eindruck hatte, dass alles erledigt war, gab die Lok einen Pfeifton ab und die Bahn setzte sich erneut in Bewegung. Noch zwei Mal legte die Bahn einen solchen Zwischenstopp ein, bevor man den Bahnhof Borkum erreichte. Auch hier wurde man erwartet. Schilder mit Namen wurden hochgehalten, manche der Wartenden riefen: „Huhu! hier her!“
Und dann erblickte Rebekka in dem Schilderwald einen jungen Mann der eine Tafel mit der Aufschrift „Dünenhaus II“ hochhielt. Als sie auf ihn zuging, sagte er „Da“ und zeigte mit der freien Hand auf die andere Straßenseite. Dort stand ein Kleinbus mit der gleichen Aufschrift. Rebekka ging hinüber und sah, dass die Frau mit dem weißen Sonnenhut schon in dem Bus saß. Also offensichtlich eine Leidensgefährtin. „Ach, Sie auch?“, sagte sie und reichte Rebekka die Hand, „wir kennen uns doch von der Fähre, vom Klo“, ergänzte sie und kicherte.
„Ja“, sagte Rebekka, „Sie hatten übrigens Recht, die Klotür klemmt tatsächlich.“
„Und das Klopapier war auch alle, nicht?“
„Richtig“, antwortete Rebekka und fügte hinzu, „die Frau auf der Fähre meinte, dass das Klopapier rollenweise gestohlen würde.“
„Ich war’s nicht“, beteuerte der Strohhut und beide lachten.
In dem Moment erschien eine weitere Frau an der Bustür. Sie war groß, schlank, hatte kurzgeschnittenes graumeliertes Haar und ein etwas kantiges Gesicht. Sie war – auf den ersten Blick – wohl die älteste der drei.
„Grüß Gott“, sagte sie, „ist hier noch was frei?“
Die Frau mit dem Sonnenhut rückte zur Seite und sagte „Klar! Für Leidensgenossinnen haben wir immer Platz.“
Man beäugte sich. Der Fahrer kam, verstaute das Schild im Kofferraum und fuhr los ohne ein Wort zu sagen. Rebekka bemerkte allerdings, dass er sie im Rückspiegel beobachtete. Sie beschloss es zu ignorieren und sah aus dem Fenster. Die Fahrt endete jedoch schon nach wenigen Minuten vor einem außerhalb des Ortes gelegenen Gebäudekomplex. Als die drei ausgestiegen waren, öffnete der Fahrer den Kofferraum und reichte Rebekka ihren Rucksack. Die anderen mussten ihren Trolley selbst herausnehmen. Auf dem Weg zum Eingang sagte die ältere „Mädchen, pass auf, der steht auf dich.“
Rebekka drehte sich halb herum und antwortete „So einer hat mir gerade noch gefehlt, nein danke.“
Die gläserne Eingangstür öffnete sich automatisch. „Das ist ja wie in einem Hotel“, stellte Rebekka erstaunt fest.
„Das ist ein Hotel“, ergänzte die Frau mit dem Sonnenhut, „dachten Sie etwa hier seien Gitter vor den Fenstern?“
„Und in der Ecke stehen Männer in weißen Kitteln und mit Jacken, die man nur hinten zumacht?“ ergänzte die dritte grinsend.
„Nein, nein“, fuhr der `Strohhut´ fort, „so schlimm wird es nun auch wieder nicht. Wir sollen uns hier ja erholen, damit wir hinterher wieder fit sind fürs Arbeitsleben.“
„Oder auch nicht“, ergänzte die ältere, „aber eins steht fest, umsonst schickt man uns hier nicht für sechs Wochen auf die Insel. Die Berufsgenossenschaft und die Rentenversicherung erwarten schon, dass am Ende etwas Positives für sie dabei herausspringt.“
Im Foyer kam ihnen eine kleine, etwas füllige Frau entgegen und sagte: „Moin, schön dass Sie da sind. Jetzt sind wir wohl vollzählig.“
Sie gab jeder die Hand und nannte die Namen: „Frau Rebekka Engler, Frau Erika Schwarz und Sie sind dann wohl Frau Maria Stürmer, herzlich willkommen. Ich bin Frau Nanninga und zuständig für alles Organisatorische in diesem Haus. Ich gebe Ihnen jetzt erst einmal Ihre Zimmerschlüssel. Frau Engler die 38, Frau Schwarz die 37 und Frau Stürmer die 36, das ist im Bettenhaus im dritten Stock am Ende des Ganges. Sie können den Aufzug nehmen oder die Treppe. Ihr großes Gepäck haben wir Ihnen bereits auf das Zimmer bringen lassen. Wir hoffen, dass Sie sich bei uns wohlfühlen werden. Um 17 Uhr bitten wir Sie in den Speisesaal zu kommen“, sie zeigte nach links, „zur offiziellen Begrüßung. In Ihrem Zimmer finden Sie eine Informationsmappe. Schau‘n Sie nach Möglichkeit vorher mal da rein, dann erübrigen sich viele Fragen schon von selbst. Also dann, bis gleich im Speisesaal.“
Die drei nickten und waren sich sofort einig, dass sie den Lift benutzen würden und nicht die Treppe. Als der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte sagte Frau Stürmer „Sind wir hier auf Borkum oder in Indien?“
Die anderen beiden sahen sie fragend an?
„Na“, sagte sie, „die Chefin hat doch gesagt, wir wohnen am Ende des Ganges.“
Es dauerte einen Augenblick bis die anderen zwei reagierten, aber dann lachten sie über den unfreiwilligen Witz der „Chefin“.
„Was haben Sie gesagt?“, fragte Frau Schwarz, „die Chefin? Für mich sieht sie aus wie eine Kröte, mit den vorstehenden Augen“ sagte sie und wölbte selbst ihre Augen nach vorn.
Sie schüttelten sich vor Lachen und Frau Störmer meinte: „Hoffentlich verplappern wir uns nicht mal.“
Rebekka hatte sich jeglichen Kommentars enthalten. Jetzt sagte sie trocken: „Und die Rezeption heißt für mich ab sofort nur noch Krötengrotte.“
Das setzte dem ganzen die Krone auf. Alle drei begannen so sehr zu lachen, dass sie ihr Gepäck erst einmal abstellen mussten. Dann sagte Frau Schwarz: „Hört auf, ich kann nicht mehr, sonst mach ich mir gleich in die Hose.“
„Und du hast nur eine mit!“ spottete Frau Stürmer. Woraufhin Frau Schwarz blitzartig in ihrem Zimmer verschwand und die Tür zuschlug.
„He, Ihr Koffer“ rief Frau Stürmer ihr noch nach. Aber es war schon zu spät, die Tür war zu.
„Also gut“, sagte Frau Schwarz, „gehen wir. Man sieht sich ja spätestens um 17 Uhr im Speisesaal.“
„Das wird sich wohl kaum vermeiden lassen“, ergänzte Rebekka.
Frau Schwarz sah sie verdutzt an. Und dann fingen beide wieder an herzhaft zu lachen.
Rebekkas Zimmer war das letzte „am Ende des Ganges.“ Sie lachte noch, als sie die Tür aufschloss. Das kann ja heiter werden, dachte sie. Die anderen beiden scheinen ja richtige Ulknudeln zu sein.
Sie warf ihren Rucksack auf das Bett und sah sich in dem Zimmer um, das nun für sechs Wochen ihr „zu Hause“ sein würde. Und was sie sah gefiel ihr auf den ersten Blick. Es erinnerte tatsächlich an ein schlichtes Einzelzimmer in einem Mittelklassehotel mit einem Bett, einem Kleiderschrank, einem Nachttischchen mit drei Schubladen und einer Lampe, in der Ecke ein kleiner Schreibtisch mit einem Stuhl, ein Bücherregal, zwei Bilder mit Blumenmotiven, in der anderen Ecke die Nasszelle mit WC und Dusche. An der linken Seite eine Glastür, die auf einen Balkon führte. Die Wände waren schlicht weiß, aber die Tagesdecke auf dem Bett, die Auslegware auf dem Fußboden und die Gardinen waren farblich aufeinander abgestimmt, alles in Orangetönen.
Sie ging auf den Balkon und stellte erfreut fest, dass man von dort aus das Meer sehen konnte. Ihr Balkon war der oberste an der Rückseite des langgezogenen Gebäudes und durch eine Mauer vom Nachbarbalkon getrennt. Rebekka setzte sich in einen der zwei Gartenstühle und genoss die Ruhe. Bis auf das ferne Rauschen des Meeres war es still um sie herum. Dieser Teil der Klinik schloss sich direkt an die Dünen an. Rebekka sah einen kleinen Trampelpfad, der durch die Dünen direkt zum Strand führte. Das ist gut, dachte sie, da ist man in ein paar Minuten direkt an der Nordsee. Es war einfach herrlich. Die Welt war wieder in Ordnung. Auspacken konnte sie später. Sie nahm die Mappe mit der Hausordnung zur Hand und blätterte darin. Es hörte sich alles ganz gut an. Keine größeren Verbote – außer „Alkohol auf dem Zimmer, Rauchverbot im ganzen Haus, Nachtruhe um 22 Uhr“, ansonsten das Übliche.
Pünktlich um 17 Uhr traf man sich im Speisesaal, 22 Personen, mehrheitlich Frauen unterschiedlichen Alters. Rebekka stellte fest, dass sie mit ihren 28 Jahren wohl die jüngste unter ihnen war. Auf den Tischen standen Namenskärtchen und es sollte wohl so sein, dass Rebekka und ihre Zimmernachbarinnen an einem Tisch saßen.
„Na, das ist aber nett“, meinte Frau Schwarz, „hoffentlich halten es die anderen Gäste aus.“
Frau Schwarz aus Kassel war – wie man auf Hessisch sagt - `immer mit der Schnutte vorneweg´.
„Wenn wir nun wahrscheinlich sechs Wochen mehr oder weniger zusammenleben werden, schlage ich vor, dass wir als Erstes das blöde Sie streichen“, meinte sie. Die anderen nickten sofort. „Also ich heiße Erika“, sagte sie und gab Frau Stürmer die Hand. „Ich heiße Maria“ und Rebekka schloss sich an und sagte : „Ich bin die Rebekka.“
Es herrschte allgemeines Gemurmel rundum, das aber sofort verstummte, als eine junge, blonde Frau in Jeans und einem weißen T-Shirt den Raum betrat.
„Moin“, sagte sie, „oder auch guten Tag oder grüß Gott. Ich bin Frau Freese,
die Chefin von dem ganzen Laden hier, was sich aber hauptsächlich darauf bezieht, dass ich für alles meinen Kopf hinhalten muss, was schiefgeht oder nicht funktioniert.“ Einige der Anwesenden lachten kurz.
„Also“, fuhr sie fort, „das ist die Truppe, mit der Sie – und auch wir – die nächsten sechs Wochen zusammenleben werden. Es gibt noch mehrere Gäste im Haus, aber die sind schon länger hier und werden deshalb auch früher abreisen. Ich denke, Sie haben alle schon in unsere Infomappe geguckt. Die Hausordnung soll Sie nicht einschränken. Es ist nur einfach sinnvoll, wenn so viele Personen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Erwartungen hier zusammenleben müssen, dass man dann bestimmte Spielregeln einhält, damit man sich nicht gegenseitig ärgert oder verletzt. Einverstanden?“
Die Allgemeinheit nickte zustimmend.
„Wegen des generellen Rauchverbots im Haus haben wir dort“ – sie zeigte auf die Eingangstür - „ für die Raucher um die Ecke einen Raucherpavillon eingerichtet.“ Sie machte eine kleine Pause, so, als ob sie darüber nachdachte, was sie noch hätte sagen wollen. Dann fuhr sie fort: „Und nun zum Essen. Morgens und abends gibt es ein Buffet. Mittags wird Ihnen das Essen am Tisch entsprechend Ihrer Vorbestellung serviert. Natürlich sind wir auch auf Vegetarier und Veganer eingestellt, Sie müssen es nur rechtzeitig anmelden. Wir würden Sie trotzdem darum bitten, nach den Malzeiten das Geschirr von den Tischen abzuräumen.“ Sie blätterte ihren Notizblock um. „Auf Ihren Zimmern liegt ein für Sie individuell ausgearbeiteter Therapieplan, der verbindlich ist. Außerdem gibt es Vorträge zu verschiedenen Themen, die Sie mindestens einmal in der Zeit Ihres Aufenthaltes besucht haben sollten. Das jeweilige Tagesprogramm finden Sie am Schwarzen Brett.“ Denkpause. „Es gibt mehrere Freizeitangebote in offenen Gruppen: Kunsthandwerk, Sport und eine Theatergruppe. Sie können sich auch selbst sportlich im Fitnessraum oder in unserem Schwimmbad betätigen oder auch in unsere Sauna gehen.“
Denkpause. „Die Nordsee ist nicht unbedingt zum Schwimmen geeignet. Sie sollten trotzdem nach Möglichkeit einmal täglich ins Wasser gehen, aber nur an den dafür ausgewiesenen Stellen, hier vorn am Hauptstrand oder weiter hinten im Osten am FKK-Strand.“
„Da will ich hin“, knurrte Maria aus dem Mundwinkel.
„Bist du dafür nicht schon zu alt?“, flüsterte Rebekka.
„Und du zu jung“, antwortete Maria und beide mussten dabei ein Lachen unterdrücken.
„Das Salzwasser ist gut für die Haut und der Temperaturunterschied zwischen Wasser und Luft regt den Kreislauf an“, setzte Frau Freese ihre Informationen fort, „außerdem tut die Seeluft Ihren Bronchien gut.“
Langsam wurden die Zuhörer unruhig. Frau Freese bemerkte es und sagte: „Sie haben es gleich geschafft, meine Damen und Herren, aber bei uns sagt man `Wat mutt, dat mutt!´“
Ein hörbares Raunen ging durch den Raum.
„Wie Sie wahrscheinlich schon festgestellt haben, gibt es auf den Zimmern weder Telefone noch Fernseher. Das ist durchaus beabsichtigt. Es gibt drei Fernsehräume in denen das Programm allerdings festgelegt ist: Raum eins = Erstes Programm, Raum zwei = zweites Programm und Raum drei = NDR. So ersparen wir uns und Sie sich unnötige Diskussionen und Sie haben drei Programme, zwischen denen Sie sich entscheiden können. Und wir würden Ihnen auch empfehlen, Ihre Handys und Smartphone möglichst wenig zu benutzen, schon gar nicht, um in der Familie oder gar im Betrieb anzurufen und zu fragen, wie es denn ohne Sie so geht. Das führt zu nichts und würde unseren Therapieplan mit Ihnen total durcheinanderbringen. Trennen Sie sich von Ihrem Alltag, machen Sie eine Pause, entschleunigen Sie sich und nehmen Sie sich einfach Zeit.“
Ein Mann meldete sich und fragte: „Wann hat man denn Zeit, ich meine freie Zeit?“
„Sehr viel mehr als Sie denken“, antwortete Frau Freese, „es hat schon Gäste gegeben, denen ging die viele Freizeit auf die Nerven. Aber auch daran haben wir gedacht und für Sie unseren Hausbus eingerichtet, der Sie ja schon vom Bahnhof abgeholt hat. Er fährt zu bestimmten Zeiten in den Ort. Aber kleinere Gruppen fährt unser Jochen auch außerhalb der festen Zeiten hin und her. Der letzte Bus abends fährt um 21.45 Uhr vom Bahnhof ab. Sollte eine Veranstaltung länger dauern, dann müssen Sie sich vorher bei Frau Nanninga abmelden.“
„Bei der Kröte“, flüsterte Erika, und die anderen beiden konnten sich das Lachen kaum verkneifen.
„Das wär‘s dann von mir“, sagt Frau Freese, „ haben Sie noch Fragen?“
Anscheinend niemand.
„Dann danke ich Ihnen, und tschüß.“
Man klatschte artig Beifall. Als alle schon im Hinausgehen waren, rief Frau Freese: „Doch noch eins. Vielleicht sollte ich Ihnen erklären, warum wir hier zu jeder Tageszeit moin sagen. Also das hat nichts mit `guten Morgen´ zu tun. Das kommt aus dem Plattdeutschen. Da heißt moi nämlich schön und moin ist die Abkürzung für: Ich wünsch dir einen moien – also schönen Tag.“
Jetzt schaltete Erika sich ein und meinte: „Aber abends, wenn Sie ins Bett gehen, dann sagen Sie nicht moin, oder?“
„Nein“, antwortete Frau Freese, „dann sagen wir einfach nur Nacht."
Ein paar lachten verhalten. Dann drängte man zur Tür hinaus und umringte das berühmte „Schwarze Brett“.
„Tschüß“ sagt man bei uns in Augschburg aber auch nicht“ warf Maria ein.
„Was denn?“
„Pfiad de oder pfiad Gott.“
„Und was heißt das?“
„Das ist auch eine Abkürzung. Eigentlich ist es ein sehr frommer Wunsch der meint, Gott möge dich auf allen deinen Wegen begleiten und behüten.“
„Nett“, meinte Rebekka, und zu Erika gewandt sagte sie : „und was sagt ihr in Hessen?“
„Wir sagen „Mach‘s gut“ und das meint so viel wie „Lass es dir gut ergehen.“
„Deutsche Sprache, schwere Sprache“ sagte Maria mit gespielt ausländischem Akzent.
Das Abendbuffet fand allgemeine Zustimmung. Es gab mehrere Brotsorten, Wurst, Käse, Marmeladen, Butter, Margarine, Diätbutter, verschiedene Joghurtarten, Obst und diverse Getränke, Tee, Wasser und mehrere Fruchtsäfte. Alle Zutaten waren mit ihrem Zuckergehalt, ihren Kalorienwerten und eventuellen Konservierungsstoffen gekennzeichnet.
„Das find ich gut“, sagte Maria, „vor allem mit den Kalorienangaben. Dann kann man sich doch ein bisschen danach richten.“
„Quatsch“, kommentierte Erika Marias Bemerkung gleich, „muss ich mich in meinem Alter noch schlankhungern?“
Rebekka und Maria sagten nichts, aber ihr Grinsen und ihre Blicke sagten alles.
„Ja, ist ja gut“, sagte Erika, „ein paar Kilo weniger könnten mir nicht schaden. Aber meinem Mann gefalle ich so, wie ich bin. Und das ist für mich die Hauptsache. Er sagt immer, er liebt jedes Gramm an mir.“
„Ja, ja“, meinte Maria, „das sagen alle Männer, die rundliche Frauen haben. Und dann drehen sie sich nach jedem jungen schlanken Mädchen um.“
„Meiner nicht“, protestierte Erika.
„Jedenfalls nicht, wenn du dabei bist“, meinte Maria.
Erika dachte einen Moment nach und sagte dann: „Ja, du hast wahrscheinlich Recht“, und nach einer kurzen Pause knurrte sie „diese Scheißkerle“.
Und alle lachten.
Zuerst redete man über das Essen „Hast du die Wurst schon probiert?“ und „Der Käse ist wirklich gut“. Aber bald schon begannen sie mit einer Tätigkeit, die im Laufe der nächsten sechs Wochen zu ihrer Lieblingsbeschäftigung werden sollte, nämlich über andere reden.
„Guck mal, der Mann da drüben“ oder „Und die Frau mit dem bunten T-Shirt da hinten in der Ecke“ flüsterten sie hinter vorgehaltener Hand. Es war nicht bösartig, eher so eine Art Gesellschaftsspiel der drei. Darin waren sie sich gleich einig.
Als sie schließlich den Speisesaal verließen, zeigte Rebekka demonstrativ auf ein kleines Hinweisschild neben der Ausgangstür: `Bitte keine Speisen mit auf das Zimmer nehmen´.
„Schade“, sagte Erika, stellte den Joghurt auf die Anrichte und legte die beiden Bananen dazu.
„Ertappt“, sagte Rebekka und gluckste.
„Was soll ich machen?“, fragte Erika, „ich brauche spät abends immer noch `ne Kleinigkeit, sonst knurrt mir nachts der Magen und ich kann nicht schlafen.“
„Ach, du Ärmste“, sagte Maria mit gespieltem Mitleid und legte ihren Arm um Erika, „hoffentlich überlebst du die sechs Wochen hier.“
Und Rebekka sah Erika an, als ob sie sie bedauerte.
„Ihr habt gut lästern“, sagte sie, „ich hab halt die schlechten Gene meiner Mutter geerbt. Die war nämlich auch vollschlank.“
„Ja“, sagte Maria, „und ein Gen scheint bei dir besonders stark ausgeprägt zu sein.“
Erika sah Maria mit zusammengekniffenen Augen scharf an: „Und ? , welches?“
„Das Essengehn“, spottete Maria und machte, dass sie fortkam. Und das war auch gut so, denn sonst hätte sie sich zumindest einen Rippenstoß von Erika eingehandelt.
„Wollen wir in die Cafeteria gehen?“ ,fragte Rebekka im Vorbeigehen.
„Nein“, entschied Maria, „wir müssen erst unsere Koffer auspacken und alles einräumen“.
„Ja, Mama“, sagte Rebekka, und jetzt war es an ihr schleunigst das Weite zu suchen. „Du mit deinem Ordnungstick“, rief sie noch aus sicherer Entfernung.
„Ich glaube, es schadet gar nichts, wenn ich mich in der Hinsicht mal ein bisschen um dich kümmere“, antwortete Maria.
„Ja, M…“ Rebekka hatte es schon auf den Lippen, aber dann traute sie sich doch nicht.
"Darf ich denn wenigstens `Ma´ zu dir sagen? Ich bin das so von Maren her gewohnt."
"Aber nur, wenn du es als Abkürzung von `Maria´ verstehst und nicht als Abkürzung für `Mama´."
"Das kommt darauf an, wie du es verstehst" antwortete Rebekka und blickte Maria spitzbübisch an.
Erika schlug vor sich um acht in der Cafeteria zu treffen. „Ich habe gehört, dass es abends so eine Art Aufenthaltsraum sein soll“, ergänzte sie noch.
„Na dann, macht‘s gut“, sagte Erika.
„Pfiad Gott“, antwortete Maria.
Und Rebekka sagte : „Tschüss, bis gleich in der Cafeteria.“ Und nach einer kleinen Pause fügte sie noch hinzu: „Ach, Maria, wenn du noch meinen Schrank kontrollieren willst – ich wohne in Zimmer 38. Aber komm bitte nicht zu früh.“ Sprach‘s und rannte davon.
Rebekka legte ihre Sachen mehr oder weniger ordentlich in den Schrank und in die Schubladen. Ordnung war nicht so ihr Ding.
Sie ging auf den Balkon und blickte über die Dünen auf das Meer. Wieder kam ihr ein Lied von Udo Lindenberg in den Sinn „Hinterm Horizont geht’s weiter, zusammen sind wir stark.“ Maria und Erika werden mich schon vor dem Inselkoller bewahren dachte sie und freute sich auf die nächsten Tage. Aber sechs Wochen sind doch eine ganz schön lange Zeit.
Plötzlich musste sie an den blonden jungen Mann von der Fähre denken. Wo er jetzt wohl sein mochte? Irgendwo auf der gleichen Insel. So nah und doch so fern. Und er wusste gar nichts davon, dass sie …
Es klopfte. „Ja“, rief sie noch vom Balkon aus.
Maria erschien in der Tür. „Na, willst du mich nun doch kontrollieren?“ meinte Rebekka schnippisch.
„Ach wo, Schätzchen, das war doch nur ein Spaß.“
Sie trat auf den Balkon. „Wau“, sagte sie, „unser Küken hat den schönsten Balkon. Von hier aus kann man ja bis aufs Meer blicken.“
„Ja“, sagte Rebekka, „stand doch in dem Brief. Alle Zimmer mit Meerblick. Kann man von deinem Balkon aus nicht aufs Meer sehen?“
„Doch, schon“, sagte Maria, „komm, ich zeig dir, wie das bei mir funktionieren würde.“
Sie schwang ein Bein über das Geländer und beugte sich so weit hinaus, dass sie fast hinabgestürzt wäre. „So“, sagte sie stöhnend, „kann ich von meinem Balkon aus auch das Meer sehen.“
Sie lachten und Rebekka half ihr zurück auf den Balkon.
„Schätzchen, das ist ja traumhaft hier. Ich befürchte, dass ich dich des Öfteren besuchen werde, wenn du nichts dagegen hast.“
„Ja, gerne“ , antwortete Rebekka, „aber nur, wenn du nicht immer Mutterstelle an mir vertreten willst.“
„Ach Schätzchen, du darfst nicht alles glauben, was ich sage.“
Wieder klopfte es und Erika kam herein. Sie stürzte gleich auf den Balkon.
„Ich fasse es nicht“, sagte sie gespielt entrüstet, „wieso hast du den schönsten Balkon?“
„Jeder bekommt das, was ihm zusteht“, sagte Rebekka und spielte die feine Dame.
„Ich finde, wir machen diesen Balkon zu unserem zentralen Treffpunkt“ , schlug Erika vor.
„Und wir nennen ihn „Bienenstock“ , ergänzte Maria.
„Werde ich auch einmal gefragt?“, protestierte Rebekka, „schließlich ist es ja mein Balkon.“
„Na gut“, ruderte Erika zurück, „bei dem Namen darfst du entscheiden.“
„Wie nett von euch“, lenkte Rebekka ein. Und nach kurzem Zögern meinte sie: „Was haltet ihr davon, wenn wir ihn Schwalbennest nennen. Seht ihr, er hängt doch fast wie ein Schwalbennest an der Wand“ , ergänzte sie.
„Das ist eine tolle Idee“, stellte Maria fest, „einen Moment.“ Sie verschwand und kam schon nach wenigen Minuten mit einer Sektflasche und drei Pappbechern zurück.
„Wo hast du die denn so schnell hergekriegt?“ , fragte Rebekka verblüfft.
„Hat mir Jochen geschenkt“. Die anderen schauten sie zweifelnd an.
„Nein, natürlich nicht“, korrigierte sie sich selbst, „die hab‘ ich im Koffer ins Haus geschmuggelt. Ich dachte mir, dass es dafür sicher eine passende Gelegenheit geben würde. Und nun passt es“, sagte sie, öffnete vorsichtig die Flasche und goss die Pappbecher voll.
„Prost“, sagte sie dann, „auf das Schwalbennest.“
Sie stießen an und Rebekka meinte, dass es doch ein bisschen stillos sei, so, mit Pappbechern. Aber Maria sagte : „Live ist live“. Und die anderen antworteten und sangen: „Nana, na, nana“.
Die Cafeteria war noch schwach besetzt. Die drei suchten sich einen Tisch in einer Ecke. Erika hatte allerlei Prospekte mitgebracht, die sie jetzt auf dem Tisch ausbreitete. „Hier“, sagte sie, „hab ich mir vorher vom Fremdenverkehrsbüro Borkum zuschicken lassen. Jetzt können wir uns in Ruhe überlegen, was wir in unserer freien Zeit anstellen wollen.“
„Wann haben wir denn freie Zeit?“, fragte Rebekka.
„Wahrscheinlich am ehesten nachmittags“, stellte Maria fest, „denn zwischen Frühstück und Mittag sind alle Anwendungen, Gespräche und Therapien, da bleibt sicher nicht viel Zeit.“
„Höchstens für einmal um‘n Pudding“, meinte Rebekka.
„Waaas?“ , fragte Erika?
„Na, einmal um‘n Pudding. Das sagt man bei uns so, wenn man `ne kleine Runde dreht.“
„Witzig“, meinte Erika, „aber ich werd‘s mir merken.“
„Aber am Nachmittag sind die ganzen Aktivitäten“ , meinte Maria.
„An denen man teilnehmen kann, aber nicht muss“ , stellte Erika klar.
„Willst du dich von vorn herein drücken?“ , fragte Maria.
„Ne, das nicht. Aber wenn wir schon den ganzen Vormittag mit den gleichen Leuten zusammen sind, dann muss es nicht auch noch am Nachmittag sein, oder“
„Wo du Recht hast, hast du Recht“, bestätigte Rebekka, „aber nun lasst uns doch mal sehen, was man sonst noch so unternehmen kann.“
„Ich würde mir am liebsten zuerst den Ort ansehen, die Kurpromenade und die Fußgängerzone“, meinte Erika.
„Und ein bisschen shoppen gehen“, bemerkte Maria anzüglich.
„Genau“, gab Erika freimütig zu, „und ich will mir unter allen Umständen gleich mal diesen tollen Schuppen ansehen, dieses `Gezeitenland´. Hört euch bloß mal an, was es da alles gibt!“
Sie begann vorzulesen: „Dampfbad, Whirlpool und Panoramasauna. Da kannst du beim Schwitzen auf die Nordsee gucken.“
„Brauchen wir nicht“, entschied Maria, „ das haben wir am FKK-Strand live und in Farbe. Und noch dazu kostenlos.“
„Ja, aber nur bei schönem Wetter“, schränkte Erika ein.
„Komm, lies weiter“, drängelte Rebekka.
„Hier“, setzte Erika neu an, „Wellness-Anwendungen jeglicher Art:
Borkumer- Hamam-Massage, das ist so was mit viel Schaum und Duftöl. Und hier, Friesische Rasul-Zeremonie, so mit Heilschlick direkt aus dem Watt. Aromaöl-Ganzkörpermassage und Hot-Stone Massage. Aber am besten finde ich ja dies hier: Rendezvous der Sinne, Dampfbad, Ganzkörperpeeling oder Seifenschaummassage, danach prickelnder Sekt und Pralinen.“
„Hört sich toll an“, warf Rebekka ein.
„Aber es kommt noch besser“, legte Erika nach, „Romeo und Julia, zwei Stunden separate Nutzung der Waschstube.“
„Kann ich mir sehr romantisch vorstellen“ , meinte Rebekka.
„Gibt es da auch Sekt und Pralinen?“ , fragte Maria.
„Klar, und Zutaten für Ganzkörperpeeling. Aber peelen musst du dich selbst.“
„Wie soll das denn gehen?“ , fragte Rebekka.
„Na, das ist ein Angebot für zwei.“
„Ach soooo“, sagte Rebekka und kicherte.
„Aber ich denke, damit ist ein Männlein und ein Weiblein gemeint“ stellte Erika klar.
„Na und?“, fragte Maria, „wo ist das Problem?“
„Hast du denn schon einen an der Hand?“
„Ne, aber was nicht ist, kann ja noch werden. In einer Kur kann viel passieren.“
„Und du würdest da mit einem Kurschatten hingehen?“
„Ja, warum nicht? Wenn er nett und attraktiv ist und das Vergnügen bezahlt.“
„Davon laufen aber nicht so sehr viele frei herum.“
„Und du würdest dich nicht schämen mit einem wildfremden Mann da hinzugehen?“ , fragte Rebekka.
„Ach Kindchen, das Schämen hab ich mir schon lange abgewöhnt. Was glaubst du, was alles am FKK-Strand …“
„Okay“, unterbrach Erika sie, „schön der Reihe nach. Ich bin dafür, dass wir uns morgen erst mal den Ort ansehen und wenn übermorgen schönes Wetter ist, dann gehen wir auch mit an den FKK-Strand.“
Rebekka enthielt sich jeglichen Kommentars. Sie war in Gedanken noch bei dem Dampfbad für zwei.
Maria nahm das Prospekt zur Hand und meinte dann: „Aber die Preise sind ganz schön gepfeffert.“
Rebekka studierte die Preise und sagte dann: „Man muss sich auch mal was gönnen. Muss ja nicht täglich sein. Oder du musst dir einen reichen Kurschatten zulegen.“
„Ach Quatsch“, konterte Maria, „das Peeling mit Meerwasser und echtem Borkumsand machen wir uns am FKK-Strand selbst.“
„Klar“, stimmte Rebekka zu, „und eine bringt den Sekt mit und die andere die Pralinen.“ Sie lachten über ihren genialen Einfall und blätterten weiter in den Informationen: Borkum von A – Z, Wanderwege, Kutterfahrten, Ausflüge zu den Nachbarinseln, Wattwanderungen, Inselrundflüge und jede Menge kulturelle Veranstaltungen.
„Wir werden uns bestimmt nicht langweilen“, stellte Erika abschießend fest.
„Wollen wir uns denn auch einen Strandkorb mieten?“, fragte Rebekka.
„Nee“, meinte Erika, „da passen doch nur zwei Personen rein.“
„Oder drei besonders schlanke“, stellte Maria fest, was ihr einen Fußtritt unterm Tisch einbrachte.
„Also good, kiek wi mol“, meinte Rebekka und wechselte schnell das Thema. „Einen Inselrundflug würde ich gerne machen. Seht euch doch mal diese Foto an, Borkum aus der Vogelperspektive. Toll, oder?“
„Passen da denn drei Personen rein, in so eine kleine Kiste?“, fragte Erika.
„Ja, drei plus Pilot, wenn …“
„Wehe“ sagte Erika, „noch eine Bemerkung und ich kündige euch die Freundschaft.“
„Ach Bärlein, wir lieben dich doch so wie du bist“, sagte Maria und nahm Erika in den Arm.
Sie planten und plauderten, phantasierten und lachten. Aber schon gegen 21 Uhr zogen sich alle auf ihre Zimmer zurück. Der erste Tag war lang gewesen und sie hatten ja noch soooo viele Tage vor sich.
Maria wollte noch etwas lesen. Der größte Teil ihres Gepäcks hatte aus Büchern bestanden. Sie begann mit dem Buch `Wind aus West mit starken Böen´ von Dora Held. Die Handlung spielte auf Sylt und Maria meinte, das könnte zusammenpassen, Insel zu Insel.
Erika spielte ein bisschen mit ihrem Smartphone, wobei sie sich bei dem Gedanken ertappte zu Hause anrufen zu wollen und zu fragen, ob alles klappt. Aber sie beherzigte dann doch, was die Chefin bei der Begrüßung gesagt hatte und rief nicht an.
Rebekka hatte sich auf den Balkon gesetzt und tat etwas, was sie sich schon lange vorgenommen hatte. Sie wollte ein Tagebuch schreiben. Dieses kleine rote Büchlein mit einem niedlichen kleinen goldenen Schloss hatte sie sich extra vorher zu diesem Zweck gekauft. Jetzt begann sie.
Liebes Tagebuch, ich kann dir nicht versprechen, dass ich jeden Tag etwas schreiben werde, aber dir, und nur dir allein werde ich meine geheimsten Gefühle, Wünsche und Hoffnungen anvertrauen. Darum beginne ich auch mit den Menschen, die ich gleich am ersten Tag meines Aufenthaltes kennen – und schätzen gelernt habe. Da sind zuerst zwei meiner Leidensgenossinnen, Erika und Maria. Sie sind etwas älter als ich, aber sie scheinen sehr viel Spaß am Leben zu haben. Ich freue mich auf die nächsten Tage und Wochen mit ihnen. Aber das Tollste ist schon vorher passiert, auf der Fähre. Liebes Tagebuch, wenn es so etwas gibt wie Liebe auf den ersten Blick, dann hab ich mich heute, gleich am ersten Tag in einen jungen Mann verliebt, dem ich nur ganz kurz begegnet bin. Aber mein Herz jubelte und mein Magen hüpft vor Aufregung wenn ich an ihn denke. Ich weiß nicht, ob ich ihn jemals wiedersehen werde, ich hoffe es. Und vielleicht passiert ja dann noch mehr. Gute Nacht.
Beim Frühstück am nächsten Morgen waren alle ganz aufgeregt. Sie hatten ihren detaillierten Therapieplan für die erste Woche mitgebracht.
„Das fängt ja gut an“, sagte Erika, „oder besser gesagt, eigentlich gar nicht gut. Ich hab nachher gleich ein Gespräch beim Chefarzt und ich habe am Nachbartisch erfahren, dass das gar nicht so angenehm sein soll.“
„Muss ich da auch hin?“, fragte Rebekka.
„Ja, früher oder später ist jede von uns dran“, wusste Erika. „Was hast du denn für heute Vormittag drinstehen?“
„Ich habe zwei Termine“, antwortete Rebekka, „einen bei Dr. Leist, dem Physiotherapeuten und danach Gruppentherapie. Weißt du, was das ist?“
„Ja“, antwortete Maria, „das hab ich schon zur Genüge mitgemacht. Da sitzt man mit mehreren Leuten zusammen und muss unter Anleitung eines Therapeuten aus seinem Leben erzählen, so nach dem Muster, na, was haben wir denn für ein Problem? Und dann redet man darüber.“
„Muss ich da alles erzählen?“, fragte Rebekka erschrocken.
„Ja, natürlich, bis ins kleinste Detail“, behauptete Erika.
„Nein, natürlich nicht. Du musst nur das erzählen, was du erzählen willst“, korrigierte Maria sie.
„Aber ich will doch gar nichts erzählen. Und schon gar nicht so vielen fremden Menschen. Was geht die meine Vergangenheit an.“
„Ja, das ist ja gerade das Besondere daran. Du kennst die Leute nicht und sie dich auch nicht. Und du wirst sie höchstwahrscheinlich auch niemals wiedersehen. Es sei denn, du willst es. Aber das ist ein anderes Thema. Aber weil man sich nicht kennt, kann man ganz vorbehaltlos miteinander reden. So ist jedenfalls die Idee. Und das miteinander reden ist die Therapie. Reden statt sich abzukapseln.“
„Und das soll helfen?“, fragte Rebekka.
„Ja, manchmal schon.“
„Und die anderen erzählen auch aus ihrem Leben?“
„Ja, so ist es gedacht.“
Rebekka schwieg, aber die Skepsis war ihr ins Gesicht geschrieben.
„Und du, Erika? Was machst du noch?“
„Ich beginne heute mit einem Yoga- Kurs zur Entspannung.“
„So mit Füße hinterm Kopf verschränken“, spottete Maria. Und alle lachten als sie es sich bildlich vorstellten.
„Ich hoffe nicht“, meinte Erika schließlich, „dafür bin ich nicht sportlich genug. Ich wäre mehr für leichte gymnastische Übungen, autogenes Training oder Meditation.“
„Na dann euch allen viel Spaß“, beendete Maria die Runde und wollte sich gerade erheben.
„Was machst du eigentlich?“, fragte Rebekka jetzt.
„Ich bin bei meinem persönlichen Psychologen zum Vorgespräch. Er heißt Dr. Keimer und wird die gesamte Zeit für mich zuständig sein.“
„Hoffentlich ist er sympathisch“, meinte Erika, „sonst könnten die sechs Wochen lang und anstrengend werden.“
„Ich erzähl‘ es euch später.“
Erika verspürte das Bedürfnis, die Stimmung ein bisschen aufzuhellen und sagte „Heute Nachmittag mischen wir Borkum auf und machen alles, was uns Spaß bringt, shoppen, Kaffee trinken, über andere Leute lästern…“
„Genau, das machen wir. Wir sollen uns hier doch schließlich erholen“, ergänzte Maria.
Die Frühstückstafel löste sich auf und alle gingen ihrer Wege.
Am Mittagstisch war es erstaunlich ruhig. Selbst Erika, die eigentlich nie den Mund halten konnte, war nicht zum Plaudern aufgelegt. Außer „Wie war‘s bei dir?“ und „Ging so“ kam kein Gespräch zustande. Alle waren mit dem Essen beschäftigt. Es gab Hähnchenbrust, Erbsen- und Möhrengemüse und Petersilienkartoffeln.
Und dann geschah doch noch etwas nicht Alltägliches. Es lag daran, dass Maria im Grunde Vegetarierin war. Nicht so extrem, ab und zu durfte es auch etwas Fleisch sein. Aber heute war ihr nun gerade nicht danach. Darum fragte sie: „Will jemand von euch meine Brust?“
Rebekka und Erika sahen sich an und hatten beide gleichzeitig den selben Hintergedanken. Maria war wohl noch in Gedanken bei ihrem letzten Termin und merkte es nicht sofort. Sie setzte dem ganzen noch die Krone auf indem sie sagte: „Wieso? Die ist ganz zart.“
Da war es bei Rebekka und Erika mit der Beherrschung vorbei. Rebekka prustete als erste los. Fast wäre ihr dabei der letzte Bissen aus dem Mund gefallen. Erika dagegen verschluckte sich so sehr, dass sie aufsprang und hinausrannte.
Erst jetzt bemerkte Maria die „Zweideutigkeit“ ihres „Angebotes“, reagierte aber nicht darauf, sondern meinte trocken: „Na gut, esse ich sie eben selbst.“
Als Erika zurückkam sagte sie „Also, Maria, beim Essen zukünftig bitte nicht solche Kalauer. Ich wäre ja fast gestorben.“
Und Rebekka meinte „Hoffentlich gibt es in den nächsten Wochen nicht noch einmal Hähnchenbrust. Ich glaube, das halte ich nicht durch.“
Die anderen Gäste schauten herüber und konnten gar nicht verstehen, warum die drei verrückten Nudeln einen Lachanfall bekommen hatten.
Und es war auch noch nicht vorbei. Schon allein bei dem Gedanken an die Situation gluckerte Erika leise vor sich hin und Rebekka sagte: „Hör auf! Du steckst mich sonst wieder an.“
Maria saß mit unbewegter Miene dabei und blickte abwechselnd nach rechts und links zu ihren Freundinnen. Natürlich brodelte auch in ihr ein Vulkan, der zu einem Lachanfall auszubrechen drohte, aber sie beherrschte sich.
Erika versuchte die Situation zu retten indem sie das Thema wechselte. „Also“, sagte sie, „um 14 Uhr fährt der Bus. Seid ihr dabei?“
„Seker“, antwortete Rebekka, „ich meine sicher.“
„Darf ich auch mit?“, fragte Maria und machte einen auf `unschuldiges Mädchen´.
„Natürlich“, sagte Erika, „aber nur, wenn du mir versprichst, uns nie wieder deine Brust anzubieten.“
Sie räumten schnell den Tisch ab und verließen fluchtartig den Speisesaal. Erst draußen gackerten sie los.
„Was isst man denn in Augsburg so?“, fragte Erika.
„Kaas-Spatzen“, antwortete Maria sofort.
„Waaas?“, fragte Erika erstaunt, „Spatzen?“
„Spätzle, Bärchen“, klärte Maria sie auf, „und dazu sagt man bei uns `Spatzen´. Und in Hessen? Was isst man da am liebsten?“
„Eher so Deftiges“, antwortete Erika, „aale Worscht und Schwaddemagen.“
„Und grüne Soße", ergänzte Rebekka, „die kenne ich von meinem Besuch in Frankfurt. Im Frühjahr, wenn es die ersten frischen Kräuter gibt, dann mache ich mir die `grüne Soße´ zu Hause manchmal sogar selbst.“
„Ja, so mit frischen Kartoffeln und hartgekochten Eiern“, schwärmte Erika und man konnte förmlich sehen, wie ihr schon bei dem Gedanken daran das Wasser im Mund zusammenlief.
„Und was gibt es in Norddeutschland für Spezialitäten?“, fragte Maria.
„Bohnen, Birnen und Speck oder Grünkohl mit Pinkel“, antwortete Rebekka.
„Was ist das denn, Pinkel?“, fragte Erika, „hört sich aber nicht gerade anständig an.“
„Das ist eine dünne geräucherte Mettwurst, die im Grünkohl mit gekocht wird.“
„Das ist, glaube ich, nicht mein Ding“, meinte Maria.
„Meine Oma hat früher immer gesagt `Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt´ oder wie Maren sagen würde `You eat, what comes on the table´." zitierte Rebekka ihre Freundin und löste damit schallendes Gelächter aus.
„Ich seh‘ schon“, meinte Maria, nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatten, „ich glaube, ich bleibe doch lieber bei meinen Spätzle.“