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Dunkle Sonne

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1

Es war dunkel. Nur eine an die Hauslichtanlage angeschlossene Lampe erhellte das Zimmer. Daran gewöhnte man sich. Viel störender war die Tatsache, dass wegen der draußen angebrachten Werbefläche das Fenster nicht mehr zu öffnen war. Leider war Georg auf diese Einnahmequelle angewiesen. Er hätte sonst seine zwanzig Quadratmeter Wohnraum aufgeben müssen.

Zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch keinen Grund mehr, sich darüber Gedanken zu machen. Er hätte die Werbeplatte aus ihrer Verankerung stoßen können, niemand hätte sich daran gestört.

Georg verließ die Wohnung und stieg neun Etagen zu Fuß hinab. Den Lift zu benutzen vermied er wegen der in letzter Zeit häufig auftretenden Stromausfälle. Bunt bedruckte Müllsäcke lehnten, teilweise übereinandergestapelt, am Geländer. Unten öffnete seine Kreditkarte die Tür. Er lief in die Nacht.

Sein Blick wanderte zum Himmel. Er sah ihn sofort: einen gleißenden Stern, der den Dunst der Stadt durchdrang. Ein Licht, das ihm durch die Augen heiß in den Schädel sprang. Seinem Gefühl nach hätte er losschreien, seinen Schmerz hinausbrüllen wollen. Doch Georg stand nur da und starrte in die sternenfunkelnde Finsternis.

Noch zwei Tage, möglicherweise auch drei, und alles würde vorbei sein. Ein gigantischer, durchs All treibender Gesteinsbrocken, durch pures kosmisches Desinteresse geleitet, würde auf die Erde treffen und alles Leben von ihrer Oberfläche tilgen. Die Menschheit war hilflos, ihre Hochtechnologie ein ergebnisloses Schulterzucken.

Das war nicht das Schlimmste. Nicht für Georg. Es gab eine Sache, die ihn viel mehr quälte. Die ihn dazu brachte, nach draußen zu gehen und die Straßen zu durchstreifen.

2

Sabine suchte in ihrer Tasche nach der Kreditkarte, fand sie in dem Täschchen für Kosmetika und führte sie in den Abtastschlitz. Summend öffnete sich die Tür der Wohneinheit.

Ihr Blick fiel auf einen schwarzen Koffer neben dem Flurschrank. Ihr fiel auch der an den Spiegel geheftete Zettel auf. Mit Großbuchstaben stand dort geschrieben:

LIEBE SABINE,

VERZEIH MIR. ICH MÖCHTE DIESE LETZTEN UNS VERBLEIBENDEN TAGE MIT DIR VERBRINGEN.

DEIN ROBERT

Sabine zerknüllte den Zettel und ging ins Wohnzimmer. Was kam Robert in den Sinn, hier aufzutauchen und unerlaubt ihre Wohnung zu betreten?

Sie hatte Robert vor einem halben Jahr vor die Tür gesetzt und bisher nicht daran gedacht, ihn auch nur anzurufen. Es war ihr unangenehm, nur an ihn zu denken.

Sie ging zum Kühlschrank, füllte ein Glas mit Milch, trank es auf einen Zug leer. Auf dem Flur vernahm sie plötzlich Geräusche, der Summer ertönte. Sie lief zur Tür, verharrte einen Augenblick und öffnete.

»Hallo«, sagte Robert leise.

3

Er musste an Vater denken. Schon mit dreizehn war Georg einen Zentimeter größer als er. Wie hatte er sich damals, als stolzes Kind, über diese zehn Millimeter gefreut. Für Vater musste es furchtbar gewesen sein. Dabei war er mehr als froh, dass sein Sohn nicht unter derselben Krankheit litt wie er.

Vater sprach häufig von Mutter. Sie fehlte ihm. Georg hatte nur ein verschwommenes Bild von ihr, nichts, was er sich vor Augen führen konnte. Nur ein Gefühl. Zwei Tage nach seinem vierten Geburtstag war sie gestorben. Sie hatte tot im Bett gelegen, und den Ärzten war es nicht gelungen, eine Todesursache auszumachen. Entgegen ihrem Willen ließ Vater sie einäschern. Es fehlte das Geld für eine richtige Beerdigung. »Sie hatte sich über ihren Tod oft Gedanken gemacht«, pflegte er hin und wieder zu sagen. »Es war vielleicht eine Art Vorahnung. Sie wollte immer richtig begraben werden.«

Ob Vater noch immer allein in der Wohnung lebte, wusste Georg nicht. Die letzte Weihnachtskarte hatte er vor drei Jahren erhalten, die letzte Geburtstagskarte lag noch weiter zurück. Daran war er selber schuld. Er hatte nichts mehr von sich hören lassen.

Ohne Eile ging er den Fußweg entlang. Die Luft war warm und die Stadt für diese Zeit ungewöhnlich ruhig. Vor dem U-Bahn-Eingang am Ende der Straße versammelten sich Leute, die im letzten Augenblick noch irgendwohin wollten. Sie warteten vergeblich. Das städtische Verkehrsnetz lag seit Stunden still.

Georg machte einen Bogen um die Menge und verschwand in einer Seitengasse. Laute Musik tönte über ihm. Sie kam aus einem der wenigen werbefreien Fenster, das weit geöffnet war und hinter dessen Scheiben helles Licht brannte.

Durch die laute Musik drang Geschrei. Eine männliche aggressive Stimme und die erregte Antwort einer Frau.

Da hatte jeder Mensch nur noch wenig mehr als zwei Tage zu leben, und diese Leute wussten nichts Besseres zu tun, als sich anzubrüllen. Aber vielleicht löste dieser besondere Zustand angestaute Aggressionen. Das nie Ausgesprochene, ständig Verdrängte entlud sich in den letzten möglichen Augenblicken.

Georg ging weiter. Der Streit schien beendet, nur das Rumoren der Musik drang noch an sein Ohr. Aus den Augenwinkeln bemerkte er das Aufflammen der Treppenbeleuchtung. Wenige Sekunden später verließ eine mit einem dunklen Mantel bekleidete Frau den Hauseingang. Ihr blondes, halblanges Haar war ein unsteter Lichtfleck in der Finsternis. Georg folgte ihr.

Ein quälender Druck stieg in ihm auf. Ein verzweifeltes Gefühl, das seinen Weg nach oben suchte. Es pochte als heißes Blut in den Schläfen und fand sich als kalter Schweiß auf seinen Handflächen.

Georg näherte sich der Frau, die schnell vor ihm herlief. Ein schwacher Duft erreichte ihn. Ihr Parfum! Drei hastige Schritte, und er packte sie von hinten. Georg fühlte einen warmen, weichen Körper, während sich die Frau heftig wehrte und mit den Ellenbogen nach hinten stieß. Als sie anfing, um Hilfe zu rufen, verschloss er ihr mit einer Hand den Mund. Mühsam zwang er sie auf den Boden und rollte sie herum. Seine Hand wanderte zwischen ihre Beine, riss die Kleidung beiseite. Dann wälzte er sich auf sie, presste seinen Körper auf ihren zitternden Leib, der sich in hilfloser Gegenwehr aufbäumte. Dabei blickte er in ihre weit aufgerissenen Augen, in denen sich winzige Lichtpunkte spiegelten.

Georg spürte ihre Haut auf der seinen und vermochte dennoch nichts zu empfinden. Sein Drängen war ein gefühlloses Aneinanderreiben von Fleisch. Es gab nichts Warmes an dieser Bewegung. Sosehr er sich auch mühte, es ging nicht. Er ließ von ihr ab, fiel zur Seite. Die Frau kroch sofort zur Hauswand und zog die Knie an. Ihr Gesicht zeigte blasse rote Flecken.

4

Die Erstarrung überfiel Sabine in dem Augenblick, als sie die Beine hochzog. Ihr Körper verlor jegliches Gefühl, der Schmerz verwandelte sich in dumpfes Unbehagen. Was hatte ihr der Selbstverteidigungskurs vor einem halben Jahr eingebracht? Ganz automatisch hätten die Reaktionen ablaufen müssen. Eintrainierte Bewegungen. Alles Unsinn! Das funktionierte vielleicht bei anderen.

Doch was war in diesem Augenblick noch wichtig? Auch Robert, dem sie vorhin entflohen war, hatte versucht, sie gegen ihren Willen zu nehmen.

In ihren Gedanken tauchte mit einem Mal Eileen auf. Sie war der wichtigste Halt für sie in den letzten drei Jahren. Wichtiger noch als ihre Eltern oder einer der Männer, die sie kannte. Doch der Kontakt zu Eileen war schon vor Monaten abgebrochen. Ein unsinniger Streit, etwas Belangloses. Der Gedanke schmerzte, dass sie sie nie wiedersehen würde. Doch irgendwie war sie sicher, dass auch Eileen in diesem Augenblick an sie dachte. Dass sie trotz der fehlenden Versöhnung ein Gefühl der Wärme verband.

Sie blickte auf und starrte den Mann an. Fast regungslos hockte er da und rieb seine Finger. Der Anblick ließ seltsame Gefühle in ihr aufkommen.

5

Er hörte, wie sie Beschimpfungen murmelte. Leise und monoton, als wäre sie sich dessen nicht bewusst. Als sie merkte, dass er ihren Blick erwiderte, wich sie ihm aus und zog die Knie noch ein Stück höher.

»Ich wollte das nicht …«, flüsterte er und hatte das Gefühl, nur unverständlich zu stammeln.

»Scheißkerl!«, Ihre Stimme war heiser. »Scheißkerl!«

Georg musterte ihr Gesicht. Trotz des Überfalls strahlte es eine ungewöhnliche Weichheit aus. Es verwirrte ihn.

»Machst du so etwas öfter?«, fragte sie mit gefassterer Stimme.

Georg schüttelte den Kopf.

»Du hast noch nie mit einer Frau geschlafen«, sagte sie so sicher, als wäre es auf seine Stirn geschrieben.

Georg sog die warme Nachtluft durch die fast geschlossenen Lippen. Was konnte ihm das Geständnis angesichts des bevorstehenden Endes noch ausmachen? Sein Nicken war eine kaum merkliche Bewegung.

Er beugte sich nach vorn, um den aufkommenden Schmerz zu dämpfen. Ein Schmerz, der, von den Augen ausgehend, sich über den ganzen Kopf ausbreitete. Wellen quälender Hitze.

»Was hast du?«, hörte er ihre Stimme. Georg blickte auf und sah, wie sie ihm die Hand entgegenstreckte. Als sie ihn berührte, war er erstaunt über die Rauheit ihrer Finger.

6

Lautes Gebrüll war auf einmal zu hören. Georg blickte sich um und sah eine Gruppe Jugendlicher von der Kreuzung her kommen. Sie schlugen mit Eisenstangen auf abgestellte Fahrzeuge ein und warfen Steine gegen Fenster.

»Komm!«, rief er und stand auf. Seit letztem Monat warnte man vor den sich überall bildenden Jugendbanden. Sie durchstreiften ganze Stadtbezirke, verprügelten Passanten oder schossen auf sie und plünderten Geschäfte.

Georg beugte sich zu ihr hinunter. Bewegungslos hockte sie am Boden.

»Wir müssen hier weg«, drängte er. »Die schlagen uns sonst zu Tode.«

»Geh, hau ab!«, erwiderte sie.

Er fasste ihre Hand und versuchte sie hochzuziehen. Als sie sich losreißen wollte, traf ein kleiner Stein ihre Stirn. Sie zuckte zusammen. Er packte ihren widerstrebenden Körper und zog sie empor. Ein Stein traf ihn schmerzhaft auf den Rücken, die Schreie kamen näher. Da begannen sie, zu laufen. Steine und Feuerwerkskörper sausten an ihnen vorbei oder trafen auf die Häuserwände.

Georg war ausdauerndes Laufen nicht gewohnt. Es dauerte nicht lange, und seine Beine wurden langsamer und das Atmen zur quälenden Herausforderung. Die Stelle, an der ihn der Stein getroffen hatte, begann stärker zu schmerzen. Sie hatte mehr Energie in sich, ihr Atem klang ruhig und gleichmäßig.

Als er bemerkte, dass die Schreie leiser wurden, drehte er sich um und sah, wie der Mob in eine andere Straße einbog, einem lohnenderen Ziel entgegen. Er trat zu der Frau, die in einiger Entfernung wartete. Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander. Der Gestank nach Verbranntem lag in der Luft. Plötzlich erlosch die Straßenbeleuchtung.

»Fassen Sie mich an«, sagte sie.

Er tastete nach ihr und traf ihre ausgestreckte Hand. Langsam gingen sie im Dunkeln weiter. Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Finsternis, schwach traten die Umrisse der Umgebung hervor. Sie passierten eine Kreuzung und kamen auf einen breiten Fußweg. Rechts von sich hörten sie zwei Männer miteinander reden. Ohne einen Laut schlichen sie an ihnen vorbei und hatten nach etwa hundert Metern die düstere Silhouette einer Parkanlage vor sich.

»Bleiben wir hier!«, sagte sie. »Wir können im Park übernachten. Die Temperatur ist völlig ausreichend.«

7

Wärmende Sonnenstrahlen auf dem Gesicht, erwachten sie mückenzerstochen am nächsten Morgen. Aus einem der ausgeplünderten Läden um das Parkgelände besorgte Georg etwas zum Essen. An mehreren Stellen der Stadt stiegen tiefschwarze Rauchfahnen zum Himmel. Es herrschte eine merkwürdige Stille. Wie ein zum Zerreißen gespanntes Band, das jeden Augenblick die Grenze der Belastbarkeit überschreiten konnte, schwebte sie über der Stadt.

Der Tag verging, während sie den großflächigen Park erkundeten, mit anderen Personen ins Gespräch kamen, sich von einem heftigen Regenschauer durchnässen und von der Sonne wieder trocknen ließen.

Georg hatte schon lange nicht mehr so viel Zeit für sich gehabt. Es gelang ihm sogar, nicht ständig an den die Erde bedrohenden Asteroiden zu denken.

Als es Nacht wurde, durchkämmte eine der Jugendbanden das Gelände. Georg verharrte mit Sabine in dichtem Gebüsch und wartete.

Später, als der letzte Schein der Sonne vom Horizont verschwunden war und der wolkenfreie Himmel eine unendliche Tiefe gewonnen hatte, in der schwach die Sterne funkelten, saß Georg mit ihr auf einem Flecken Gras, umgeben von Büschen und Bäumen. Die Zeit hatte aufgehört zu existieren. Nur schwach vermochte er die Umrisse ihres Gesichts auszumachen.

»Mir wird kalt«, sagte sie, umfasste seine Hand und zog ihn zu sich. Er näherte sich langsam ihrem Gesicht, ohne zu begreifen was geschah. »Du verdammter Idiot«, flüsterte sie, bevor sich ihre Lippen vorsichtig berührten. Er spürte Wärme und Weichheit, ertastete zärtlich ihren Körper. In der Nähe fielen plötzlich Schüsse, Leuchtkugeln tauchten die Umgebung in rot-grünes Licht. Irgendwo riefen Leute.

8

Sie schwieg, streichelte sein Gesicht und verwischte die Tränen. Er spürte die Bewegungen ihrer Finger auf seinem Rücken, wie sie seine Haut liebkosten. Seine Hand, die auf ihrem Bauch lag, fühlte die Bewegungen ihres Körpers, sein Auf- und Abschwingen bei jedem Atemzug. Ein Gefühl, das ihn beruhigte und nach einer Weile ganz und gar erfüllte.

Er betrachtete ihr Gesicht. Mit geschlossenen Augen lag sie da, die Arme von sich gestreckt. Nur ihr ruhiger werdender Atem war noch zu hören.

Ringsum herrschte absolute Stille.

Er blickte auf.

Zwischen zwei Bäumen sah er den Stern den Horizont berühren.

DUNKLE SONNE

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