Читать книгу Ein Leben voller Leichen - Gernot Heigl - Страница 2
Оглавление• Eine schonungslose Analyse als Vorwort
Die Jagd nach Mördern. Exklusiven Storys. Blut. Leichen. Schicksalen. Egal wie grausam und gruselig. Darüber zu berichten, war mein Job. Meine Passion. Meine Berufung. Interessant. Herausfordernd. Kurzweilig.
Helfen. Schützen. Retten. Rund um die Uhr. Das war meine Mission. Tausende Einsätze bei Feuerwehr und Rotem Kreuz. Actionreich. Spannend. Oft gefährlich und riskant.
Ja, ich war ein „harter Kerl“. Ging im wahrsten Sinn des Wortes durchs Feuer. Stieg für Storys über Leichen. Habe stets funktioniert. Rund um die Uhr. Ohne Emotionen zuzulassen. Ohne Empathie offen zu zeigen.
Gefühle verdrängen, mein täglich Brot. Auch im Privatleben. Mein Großvater starb unter meinen Händen. Die Großmutter war bereits tot, als ich sie fand. Eine gute Freundin verlor ihr Leben durch einen Autounfall. Meine beiden Hunde musste ich frühzeitig beerdigen. Ein Feuer vernichtete meine Wohnung. Einbrecher durchwühlten zweimal mein Haus...
Tausende Verbrechen. Hunderte Leichen. Unzählige Tatorte. Schicksalsschläge ohne Ende. Schock. Tragik. Trauer. Soweit meine Erinnerungen reichen... Gepaart mit glücklichen Gefühlen für erfolgreiche Blaulicht-Einsätze, gerettete Menschenleben. Kein Widerspruch, sondern eine dynamische Ergänzung.
Gratulationen seitens der Chefredaktion für außergewöhnliche Storys, gruppendynamisches Schulterklopfen unter KameradInnen. Das war's. Abschütteln. Aufstehen. Bereit für die nächste Aktion.
Emotionslosigkeit als Schutzschirm. Verdrängen als Allheilmittel. Vergessen statt verarbeiten. Trotz furchtbarster Szenen und schrecklichster Storys.
Nach außen hin der perfekte Schein von Unantastbarkeit. Eine stoische Fassade mit einem „perfektioniert-coolen“ Erscheinungsbild. Tief in meinem Inneren jedoch herrschte oftmals Leere. Dominierte das Empfinden bitterer Traurigkeit. Mündete Nachdenklichkeit in Stille. Darüber reden - unmöglich. Stark sein, war die Devise. Für Job und Mission.
Der Preis des jahrelangen Einsatzes zu jeder Tages- und Nachtzeit, dem hektischen Getippe, den Sirenen-Alarmen, der Blaulicht-Action: Albträume. Haarausfall. Tinnitus. Migräne. Herz-Zwischenschläge. Salopp formuliert: stressbedingte Begleiterscheinungen. Ergänzt mit unvergesslichen Bildern aus Tragik und Trauer. Bildern, die man lieber nie gesehen hätte. Bildern, die einen verfolgen. Bildern, die immer wieder erscheinen. Bis heute...
Dieses Buch heischt nicht nach Mitleid. Nein. Mein Tun spiegelt stets meine Überzeugung wieder, zum jeweiligen Zeitpunkt das Richtige getan zu haben. Job und Mission aus Leib und Seele. Ich bereue nichts!
Auf eindringliche Weise wird dieses Buch aber vielen LeserInnen vor Augen führen, wie schnell sich das Leben auf dramatische Weise verändern kann. Alles auf den Kopf stellt. Alles aus den Fugen gerät. Einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Von einer Sekunde auf die andere.
Im schlimmsten Fall endet ein Schicksalsschlag mit dem Tod. Ernüchternd und erschreckend zugleich die Erkenntnis: Niemand ist davor gefeit, selbst Opfer oder Hinterbliebener zu werden. Heute. Morgen. Überall und jederzeit. Sich in „falscher“ Sicherheit zu wiegen kann fatale Folgen haben. Ebenso wie Leichtsinn und der absurde Glaube, „mir passiert so etwas eh nicht...!“
Viel zu oft habe ich gehört: Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas zustoßen kann! Nie hätte ich gedacht, dass es meine Frau, meinen Mann, meinen Sohn, meine Tochter, meine Familie trifft... So etwas liest man normalerweise in Zeitungen oder sieht es in den Nachrichten. Von anderen. Da sind diese Vorfälle aber weit weg...
Kein Roman, kein Thriller ist schmerzhafter, zerstörerischer und brutaler als die Realität selbst. Genau diese Realität findet sich in nachfolgenden Kapiteln wieder. Mit Tatsachen-Berichten. Echten Fällen. Echten Dramen. Echtem Leid. Echten Opfern. Echten Hinterbliebenen. Ungeschminkt. Ungeschönt. Unzensiert.
Dieses Buch versteht sich als eine Art „Weckruf“. Mahnt zur bedachten, alltagstauglichen Vorsicht. Motiviert zum Genießen im Hier und Jetzt. Warnt vor endlosem Verschieben. Gut gemeinte Bekundungen „Irgendwann reisen wir...; In der Pension werde ich...“ mutieren häufig zu traurigen, leeren Phrasen. Denn oftmals kommt es anders, als geplant.
Als jahrelanger Boulevard-Journalist „offenbare“ ich auch Einblicke in das Leben eines Polizei-Reporters. Einem Wechselspiel aus Redaktions-Wahnsinn, Zeitdruck und dem Kampf um exklusive Storys. Begleitet von düsteren Wahrnehmungen an Tatorten sowie erschütternden Begegnungen mit trauernden Angehörigen.
Ergänzt durch „dramatische Erlebnisse und Ängste“ aus Einsatztätigkeiten bei Feuerwehr und Rettung. Ich war einer von ihnen. Mitten drinnen. Deshalb sind mir aus Überzeugung und persönlichem Anliegen nachfolgende Zeilen wichtig. Im Wissen, dass viel zu viel gejammert, selten aber gedankt wird:
Tribut und Respekt gezollt sei all jenen, die unermüdlich, 365 Tage, rund um die Uhr, ihren (freiwilligen) Dienst bei Blaulichtorganisationen versehen. Ebenso all jenen bei Polizei und Kriminalpolizei, die für unsere Sicherheit sorgen und/oder akribische Aufklärungsarbeit leisten, um Täter überführen zu können.