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Rassentrennung und Diskriminierung – der Judenstern

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Was Menschlichkeit betrifft









Dem Vorsatz folgt die Tat, deren Bewertung bezüglich Sinn, Wert und Menschlichkeit der Nachsatz bringt.






Die Schikanen mehrten sich: Juden hatten den gelben Judenstern auf den Straßen zu tragen. Ihnen war der Besuch von Konzerten, Theatern und öffentlichen Versammlungen sowie die Benutzung öffentlicher Toiletten untersagt. Arische Bürger hatten alles Jüdische zu meiden. Sie durften sich nicht auf offener Straße mit ihnen unterhalten, sie weder in ihre Häuser einladen noch von ihnen eingeladen werden. Den Juden wurden die privaten Fahrzeuge mit Wagenpapieren und Führerschein abgenommen. Sie wurden Fußgänger, die vom Bürgersteig wegtraten, wenn ein Deutscher in Uniform entgegenkam, egal ob es ein alter, gehbehinderter Mann am Krückstock oder eine Mutter mit ihren Kindern war, die an beiden Händen ihre Taschen trug. Es war ein trauriger Anblick, wenn Eckhard Hieronymus mit Frau und Kindern oder allein durch die Straßen ging und in die Augen der Angst und Verzweiflung jener Menschen mit den blassen, verhärmten Gesichtern und dem gelben Judenstern über ihrer Brust sah. Er blickte in Kinderaugen von unbeschreiblicher Traurigkeit, die ihm das Herz zerrissen, weil er nicht aufschreien konnte, wie er hätte aufschreien sollen. Hinzu kamen die Fragen der Kinder, wenn sie aus der Stadt zurückgekehrt waren, die immer bohrender wurden. Sie waren so berechtigt, wie das Abschweifen im Antwortgeben oder das stumme Achselzucken unberechtigt waren. Es war eine Zeit der fürchterlichen Erkenntnis, dass es in Deutschland nach dem ersten Krieg, wo sich die Menschen nach dem inneren und äußeren Frieden sehnten, so etwas gab, dass es Menschen gab, denen die fundamentalen Menschenrechte abgesprochen wurden, nur weil sie Juden waren. Als ob das ein kriminelles Vergehen war.

Der gestiefelte Deutsche in Uniform hatte sich zum gefürchteten Monster erhoben. Dieses Monster hatte sich von den Maßstäben der deutschen Kultur weit entfernt und wurde von den arischen Mitbürgern, die den Mut hatten, den Verstand zu gebrauchen, zutiefst abgelehnt. Auch sie fürchteten sich vor der barbarischen Unmenschlichkeit, weil sie von Monat zu Monat unsicherer wurden, dass auch sie eines Tages von ihm ergriffen würden. Was sie auf den Straßen sahen und hinter sorgsam verschlossenen Türen hörten, war entsetzlich. Gute Menschen und bewährte Freunde, die den Beweis erbracht haben, ein Freund in der Not zu sein, gingen nun mit dem Judenstern, wurden bespuckt und misshandelt, und man konnte ihnen nicht helfen. Das System entschied über wertes und unwertes Leben. Menschen, vor allem Kinder, die wegen geistiger Behinderungen in Heimen zusammengefasst wurden, bekamen im Rahmen des Euthanasie-Programms die tödliche Injektion. Geisteskranke in Sanatorien und psychiatrischen Kliniken, denen die Unheilbarkeit testiert wurde, wurden auf die gleiche Weise „erledigt“. Die euthanasische Tötungsmaschine kam erst unter dem Druck der immer stärker gewordenen Proteste vonseiten der Kirchen zum Stehen.

Es war an einem Mittwochmorgen. Eckhard Hieronymus Dorfbrunner war auf dem Wege zum Domkapitel, wo ihn Bischof Rothmann für elf Uhr zu einem Gespräch gebeten hatte. Die Frühlingssonne strahlte über den Platz. Die erste Wärme tat gut nach einem strengen Winter, der durch die Knappheit an Heizmaterial die Kälte in die Wohnstuben brachte, wo die Menschen Jacken und Mäntel trugen, wenn sie sich zu Gesprächen und Lesungen trafen oder sich zu den Mahlzeiten an die Tische setzten. Die kleine Turmglocke hatte den Einmalschlag getan, der das Ende der ersten Hälfte der elften Stunde angab, als Eckhard Hieronymus über den Platz ging. Er sah einen älteren Herrn im schwarzen Mantel auf sich zukommen, der den Davidstern links in Höhe des obersten Mantelknopfes trug. Der Gang war müde und schwer, fast schlürfend. Das Gesicht war blass und von Falten durchzogen mit schlaffen Tränensäcken unter den Augen.

Der Herr sah zu Boden, kurz bevor sie im Abstand von gut drei Metern aneinander vorübergingen. Eckhard Hieronymus, dem der Herr mit dem Tragenmüssen des Judensterns so leid tat, dass er Gott um Vergebung dieser deutschen Schande bat, war sich beim Anblick des vertrauerten Gesichtes nicht klar, ob es Dr. Weynbrand war, der Kinderarzt, der seine beiden Kinder, einmal beim Scharlach von Anna Friederike und das andere Mal bei einer Gräserallergie mit asthmatischen Anfällen von Paul Gerhard, erfolgreich behandelt hatte. Als sie auf einer Linie waren, der eine in die eine Richtung und der andere in die entgegengesetzte Richtung ging, grüßte Eckhard Hieronymus den älteren Herrn, der mit dem Blick zum Boden zurückgrüßte. An der weichen Stimme, die aufgrund der diskriminierenden Ereignisse rau belegt und angebrochen war, erkannte er den Kinderarzt Dr. Weynbrand wieder. Sie sahen einander ins Gesicht und gaben sich die Hand, wissend, dass sie verbotene Dinge taten. „Ich freue mich, dass wir uns noch einmal sehen“, begann Eckhard Hieronymus, worauf Dr. Weynbrand erwiderte, dass es wohl das letzte Mal sei. „Wie meinen Sie das?“, fragte Eckhard Hieronymus. „Wir haben die Mitteilung bekommen, dass wir unsere Sachen packen sollen und uns in fünf Tagen auf dem Bahnhofsplatz einzufinden haben. Von dort werden wir mit unseren Kindern und Kindeskindern abtransportiert. Wohin wir gebracht werden, genau wissen wir es nicht. Doch wir haben ein ungutes Gefühl.

Man wird uns wohl mit Stumpf und Stiel ausrotten.“ Eckhard Hieronymus war fassungslos. Er versuchte ein passendes Wort zu finden und fand es nicht. Verquert und unpassend, er wusste es, und das Gefühl der Übelkeit stieg in ihm auf, als er dem Kinderarzt in das alt gewordene, sorgenzerrissene Gesicht mit den trüben dunklen Augen sah: „Soll das heißen, dass Sie und die anderen jüdischen Mitbürger Breslau verlassen?“ „Ja, das heißt es; wir können uns hier nur noch verabschieden. Mehr können wir füreinander nicht mehr tun.“ Dr. Weynbrand wunderte sich über das erstaunte Verhalten des Superintendenten Dorfbrunner. Da gab er ein wenig Nachhilfe zur letzten Orientierung, wie weit es mit den Juden gekommen ist: „Bekommen Sie denn nicht mit, dass seit Wochen die Juden aus allen Ecken Schlesiens und wahrscheinlich aus dem ganzen Reich zusammengetrieben und in verschlossenen Güterwaggons nach Osten transportiert werden. Es wird wohl das besetzte Polen sein, wo wir hingebracht und den Gerüchten zufolge in irgendwelche Lager gestopft und zu Tode behandelt werden.“

Eckhard Hieronymus befiel die Scham. Er schaute herunter auf die abgetragenen Schuhe mit den verschiedenfarbigen Schnürsenkeln des früher stets makellos gekleideten Kinderarztes, den die Kinder liebten, weil er immer lustig war, einen Scherz für sie auf Lager hatte und ihnen Süßigkeiten in einer Zeit gab, als diese in den Geschäften nicht zu kaufen waren. „Das tut mir sehr leid, Dr. Weynbrand, was Sie da sagen. Es ist für mich unfassbar.“ „Für mich ist es auch schwer vorstellbar, dass Menschen mit Kultur so etwas fertig bringen. Was für mich dabei so schmerzhaft ist, ist die Tatsache, dass die Menschen, die davon wissen, sich in Schweigen hüllen und es geschehen lassen, als wäre das in Ordnung. Ich darf ihnen sagen, dass Sie der Erste sind, der mich als Jude mit dem gelben Stern grüßt. Dafür danke ich ihnen. Die vielen Männer und Frauen, die über viele Jahre mit ihren Kindern in meine Praxis kamen, gehen an mir vorüber, als würden sie mich nicht kennen. Dabei gab es schwerkranke Kinder unter ihnen, denen ich mit viel Mühe das Leben gerettet habe.“

„Das tut mir alles so leid“, wiederholte sich Eckhard Hieronymus, weil er das Ausmaß der Tragödie ahnte und sich scheute, es in Worte zu fassen, was sich düster in seinem Kopf zusammenbraute. „Herr Dorfbrunner“, fügte Dr. Weynbrand hinzu, „was für mich unbegreiflich ist, ist die Konsequenz, dass sich die Deutschen mit einer Schuld beladen, an denen viele Generationen noch zu tragen haben werden. Denn, wenn die Achtung vor dem Leben verloren geht, geht auch die Selbstachtung verloren, die nur solange da ist, wie der Mensch die Schöpfung mit der gehörigen Portion Gottesfurcht achtet. Da spielt es keine Rolle, ob jemand ein Christ ist oder nicht. Da tun Sie mir leid, wenn Sie den Menschen die Nächstenliebe predigen und zugleich wissen, dass die Menschen wegblicken und schweigen, was mit uns Juden passiert. Und das wissen Sie so gut wie ich, dass wir Juden für Deutschland gearbeitet, gekämpft, gelitten und geopfert haben, so wie es alle Deutschen taten. Wir haben die deutsche Sprache und Kultur geliebt, haben unseren Beitrag zur deutschen Kultur geleistet, die in der Welt mit an der Spitze steht. Warum das nun mit uns passieren muss, bleibt eine unermessliche Tragik, die erst in ferner Zukunft, wenn überhaupt, begriffen werden wird. Denn das Opfer, das wir Juden für Deutschland zu bringen haben und bringen werden, das auch unser Deutschland war, ist so beispiellos, wie die Forderung nach einem solchen Opfer und das im höchsten Maße grausame System, wie wir umzubringen sind, beispiellos in der Geschichte der Menschheit ist.“

Eckhard Hieronymus schwieg. Er spürte, wie die Worte hammerschlagartig auf das Hirn drückten. Er hob seinen Blick von den abgetragenen Schuhen mit den unterschiedlichen Schnürsenkeln langsam nach oben und fuhr dabei die Mantelknöpfe von unten nach oben ab. Er sah auf den gelben Judenstern und schließlich in das blasse, sorgenzerknitterte Gesicht von Dr. Weynbrand mit den schlaff herabhängenden Tränensäcken. Die unendliche Trauer in der Trübnis der Augen erschütterte ihn zutiefst. Er wiederholte sich abermals (und sollte es unendliche Male weiter tun), als er mit versagender Stimme sagte: „Das tut mir alles so leid.“ Ihm zitterte die Hand, die er dem Kinderarzt zum Abschied gab, der in fünf Tagen mit so vielen anderen Juden in den Osten zur „Endlösung der Juden“ abtransportiert würde. „Möge Sie Gott segnen und ihnen und den vielen, die mit ihnen gehen, in der größten Not beistehen. Ich werde für Sie beten“. Nach einer Pause, das Unbegreifliche zu begreifen, was nicht zu begreifen war, sagte er: „Beten werde ich für Sie mein ganzes Leben lang.“

Dr. Weynbrand bedankte sich für diese Worte, und während sie sich die Hände hielten, wobei Eckhard Hieronymus die Magerkeit der anderen Hand in seiner Hand spürte und auf sich als unbeschreibliches Mahnmal wirken ließ, schloss der Kinderarzt die letzte Begegnung mit den Davidversen aus dem 56. Psalm ab: „Ich will Gottes Wort rühmen, rühmen will ich des Herren Wort. Auf Gott hoffe ich und fürchte mich vor den Menschen nicht, denn sie können meiner Seele nichts antun.“ Eckhard Hieronymus dankte ihm und verneigte sich vor dem Kinderarzt, der ihm, weil er etwas kürzer war, schräg nach oben und scharf ins Gesicht blickte. Sie lösten die Hände voneinander und gingen auseinander, der eine in eine ungewisse Zukunft voller Ängste und Schrecken und der andere in die schreckliche Gewissheit des Todes.


Eckhard Hieronymus hatte sich um einige Minuten verspätet. Bischof Rothmann wartete auf ihn. Er saß hinter dem Schreibtisch, als Eckhard Hieronymus an die Tür klopfte und nach dem „Herein!“ den großen Raum betrat. Der Bischof war alt und sein Gesicht war schmal geworden, das von Sorgenfalten durchzogen war. Er stand nicht mehr weit vor der Grenze der Pensionierung beziehungsweise dem Ruhestand. Er erhob sich und begrüßte Eckhard Hieronymus in einer herzlichen Weise, wie er es immer tat, wenn sie zusammenkamen. „Setzen wir uns wieder in die Ecke!“, sagte er mit leicht erregter Stimme und wies auf den niedrigen Klubtisch mit den vier Polsterstühlen hin, die auf der anderen Seite des Raumes dem Schreibtisch gegenüber standen. Der Bischof sah Eckhard Hieronymus länger als sonst an, weil ihm die innere Unruhe auffiel, in der sich der Superintendent befand. „Geht es ihnen nicht gut, lieber Kollege Dorfbrunner?“, fragte der Bischof nach einer Weile des anschauenden Schweigens. Eckhard Hieronymus sah auf seine Hände, die auf den Schenkeln ruhten, und bemerkte das Zittern der Finger, das er nicht unter Kontrolle brachte. „Herr Bischof“, antwortete er auf diese Frage, „ich muss mich entschuldigen“, der Bischof unterbrach ihn, „Sie brauchen sich doch nicht entschuldigen, lieber Kollege.“ „Doch für meine Aufregung muss ich mich entschuldigen, weil sie hier fehl am Platze ist, wenn Sie mit mir sprechen wollen.“ Der Bischof sah ihn fragend mit einem milden Lächeln an, um Eckhard Hieronymus zu beruhigen, ihn innerlich zu stärken, ihm wieder auf die Beine zu helfen.

„Was ist denn passiert, lieber Dorfbrunner?“ Eckhard Hieronymus erzählte von der Begegnung mit dem Kinderarzt Dr. Weynbrand auf dem Domplatz, der von den Judentransporten in den Osten und davon sprach, dass er sich mit den Kindern und Kindeskindern und den noch verbliebenen Breslauer Juden in fünf Tagen auf dem Bahnhofsplatz einzufinden habe, wo sie mit dem Handgepäck der letzten Habe in Güterwagen verladen in den Osten gebracht werden. Der Bischof machte ein ernstes Gesicht, weil auch er gegen die Unmenschlichkeit der Nazis war und gegen diese Unmenschlichkeit nichts tun konnte und auch nichts tat. „Es ist eine fürchterliche und zutiefst bedauerliche Geschichte“, sagte der Bischof, „ich begreife es nicht, dass Menschen dazu fähig sind, anderen Menschen so ein Leid anzutun. Wo ist die deutsche Kultur hingeraten, dass so etwas möglich ist?“ Dieser Frage setzte Eckhard Hieronymus die zweite Frage hinzu: „Wo ist das Christentum, wo sind die Christen, wo ist die Hilfe, das Helfenwollen, wenn Menschen in größter Not sind? Es sind doch unsere Nachbarn, unsere Nächsten, Menschen, mit denen wir über Generationen friedlich zusammenlebten, die ihren Beitrag zum Zusammenleben und zur deutschen Kultur gebracht haben, die nun auf die grausamste Weise ausgesondert, misshandelt und in Lager gepfercht werden. Dr. Weynbrand sprach von Lagern im besetzten Polen, wohin sie gebracht und umgebracht würden. Warum schweigen die Christen, warum schweigen wir, anstatt unseren Nächsten zu helfen, gegen die eklatante Unmenschlichkeit zu protestieren, das System des Bösen vor uns und der Welt an den Pranger zu stellen?

Müssen wir uns nicht schämen, wenn wir da schweigend zusehen oder einfach wegsehen?“ Nun trat die Blässe auf das Gesicht des Bischofs, der in ein längeres Schweigen geriet, als gäbe es auf diese Fragen keine Antwort, zumindest solange keine Antwort, wie er der Bischof von Schlesien ist. Dann setzte er vorsichtig und mit größter Zurückhaltung an: „Lieber Dorfbrunner, ich verstehe ihre Gewissensnot gut, denn auch ich leide seit Monaten unter dieser Not. Aber sagen Sie, was können wir als Kirchenmänner gegen das barbarische Teufelswerk und für die armen Menschen tun, die nun in den Osten gebracht, und wie Sie schon sagten, mit großer Wahrscheinlichkeit umgebracht werden und dabei einen qualvollen Tod erleiden. Auch ich habe die armen Kinder vor Augen und ihre Todesschreie im Ohr, wenn sie von ihren Müttern weggerissen und vor den Augen ihrer Mütter getötet werden. Sagen Sie, was können wir tun, dieser Barbarei Einhalt zu gebieten? Fällt ihnen dazu etwas ein?“

„Zumindest sollten wir als Kirchenmänner nicht wegsehen, was vor unseren Augen geschieht, und auch nicht schweigen zu dem, was wir da sehen. Darum sind wir Kirchenmänner geworden“, fuhr Eckhard Hieronymus fort, „um aus dem Glauben an unseren Herrn heraus das Böse anzuprangern. Denn nur mit der Glaubenskraft können wir vor der Gemeinde stehen und ihr das Wort Gottes verkünden. Wir selbst müssen glaubwürdig vor dem Herrn, vor uns und vor der Gemeinde sein. Da dürfen wir keine Angst haben, müssen vielmehr die Furcht vor der Welt überwinden. Wie sagt es Paulus im Römerbrief (14. Kapitel): „Darum schaffet, dass nicht verlästert werde, was ihr Gutes habt. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott gefällig und den Menschen wert. Darum lasset uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Auferbauung untereinander.“ Nehmen wir uns diesen Apostel als Vorbild, sprechen wir vor der Gemeinde die Wahrheit, beten wir für die Menschen in Not aufrichtig und mit ganzem Herzen. Tun wir das, was wir tun können und als Kirchenmänner tun sollen.“

Darauf sagte der Bischof: „Dann sitzen auch wir in den Kellern der Gestapo, werden von den Nazis auf deren Weise mundtot gemacht und schließlich ‘entsorgt’. Wer uns in unsere Stellungen folgen wird, werden dann Leute sein, die vom Reichsbischof vorgeschlagen werden. Dann haben sie Prediger mit dem Parteiabzeichen gleich auf den Kanzeln. Damit wäre der Gemeinde nicht gedient. Dazu kommt, dass ich mich nicht mehr stark genug fühle, um den Kampf mit den Nazis auszufechten und durchzustehen. Ich bin erschöpft und stehe kurz vor dem Ruhestand.“

Sie sahen einander schweigend an, und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Die Wege des Denkens unterschieden sich dadurch, dass der Eine zur Verkündigung der Wahrheit mit der Bloßstellung der Nazi-Barbarei und der Andere zur Ruhe mit dem Ruhestand drängte. Die Situation bedrückte Eckhard Hieronymus mehr als den Bischof. Der Eine hielt sich den Apostel Paulus vor Augen und im Herzen, der Andere jedoch den Ruhestand; der Eine spürte den Auftrag des Wortes im Gewissen, der Andere versuchte sich, von der drückenden Last im Ruhestand zu entledigen, sich von den quälenden Dingen, die draußen passierten, “zu befreien”. So saßen sie sich um den Klubtisch im großen bischöflichen Amtsraum gegenüber und schauten sich schweigend an. Es war den Gesichtern anzusehen und den Atemstößen anzuhören, dass im Schweigen die vielen Fragen lagen, die einer Antwort dringend bedurften.

Der Bischof ergriff das Wort: „Bruder Dorfbrunner, warum ich um das Gespräch gebeten habe, sind zwei Punkte. Erstens: Sie wissen, dass Pfarrer Altmann von der Elisabeth-Gemeinde in Burgstadt vor zwei Tagen verstorben ist. Sie haben mehrere Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Wie ich weiß, waren Sie auch freundschaftlich mit ihm verbunden. Nun wollte ich Sie bitten, mich bei den Trauerfeierlichkeiten um diesen guten Pfarrer, der sich als Geistlicher um seine Gemeinde verdient gemacht hat, zu vertreten. Würden Sie das für mich tun?“ Eckhard Hieronymus überlegte nicht lange und sagte zu. Er mochte Pfarrer Altmann aufgrund seiner Geradheit. Er war ein Mann, der nie unter der Bürde klagte, die ein Geistlicher in der schweren Zeit zu tragen hatte. Da fiel es Eckhard Hieronymus nicht schwer, dem Wunsch des Bischofs zu entsprechen.

„Der zweite Punkt“, fuhr der Bischof fort, „betrifft ihre Predigten. Ich möchte Sie in geistiger Brüderlichkeit zur Vorsicht ihrer Worte raten. Es ist mir zu Ohren gekommen, dass Parteileute die Gottesdienste besuchen, nicht um das Wort Gottes in sich aufzunehmen, sondern sich Notizen der Predigt zu machen, wenn es um zeitgeschichtlich relevante Dinge geht, und diese an die Gestapo weitergeben. Es ist ihnen nicht verborgen geblieben, dass Priester und Pastöre, die sich wahr und kritisch geäußert haben, von den Gestapoleuten in ihre Keller geschleppt und auf die rüde Weise der Nazis verhört und in Arbeitslager gebracht wurden, von wo sie nicht zurückkehrten. Davor möchte ich Sie warnen, dass das nicht mit ihnen passiert. Sparen Sie zeitkritische Passagen aus ihren Predigten aus, die von den Denunzianten weitergetragen und von den Geheimdienstleuten nur verdreht werden. Halten Sie sich saumnah an den Bibeltext, damit ihnen keiner die Staatsfeindlichkeit anhängen kann.“

„Staatsfeindlich ist man doch schon“, erwiderte Eckhard Hieronymus, „wenn man die Wahrheit sagt und das sagt, was man sieht und jeder von uns sehen kann. Paulus war auch ein Staatsfeind, weil er sagte, was er für wahr und richtig hielt.“ Darauf meinte der Bischof: „Und Sie wissen auch, wie Paulus unter dem römischen Diktator geendet hat. So ein Ende möchte ich ihnen ersparen. Denken Sie darüber nach. Etwas vorschreiben, nein, das will ich nicht. Bedenken Sie, dass Pastöre und Prediger in Schlesien knapp geworden sind, weil die Gestapo ständig mit neuen Forderungen und Drohungen kommt und jede Woche an ihnen Verhöre vornimmt und sie in den Kellern und Gefängnissen verschwinden lässt. Bruder Dorfbrunner, Sie werden hier gebraucht; nehmen Sie das auf die rechte Schulter, wenn Sie auf der linken den Rest der Verantwortung tragen!“



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