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Gemeinsame Geschichten

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Es war eigenartig, den alten Mann in seinem Sessel zu beobachten. In seinen Rücken hatte er ein blaues Kissen gestopft, damit er bequem sitzen konnte. Über den Oberschenkeln lag eine braune Wolldecke, die er sich mit seinen altersfleckigen Händen auf beiden Seiten so lange zurechtgeschoben hatte, bis sie faltenfrei auf seinen Beinen lag. Dazu kam ein roter, fast schon wieder in Mode befindlicher Pullover. Ein enger Kragen, dazu vorne ein V-Ausschnitt, unter dem man den oberen Rand eines schwarzen Shirts sehen konnte. Sein Kopf lehnte bequem an der Lehne des Stuhls, zwischen den beiden halbmondförmigen Holzteilen, die links und rechts die Lehne begrenzten.

Jetzt nahm er die Pfeife aus dem Mund und betrachtete sie einen Augenblick. Fast liebevoll fuhren seine Hände über den warmen Pfeifenkopf, dann über das Mundstück. Er lächelte, als sein Blick auf die Bissspuren fiel. Irgendwann würde er das Mundstück austauschen müssen.

Aber so ist das mit Dingen, die langsam alt werden. Man hat sich an sie gewöhnt, auch wenn sie nicht mehr perfekt sind. Und man ist nicht willens, sie zu verändern.

Mit einer ruhigen Bewegung führte er das Mundstück wieder an die Lippen. Er sog den schweren, grauen Rauch ein. Behaglich schloss er die Augen, während der Schmauch die Mundhöhle füllte. Dann blies er ihn über die Nase wieder aus und öffnete die Augen.

»Verzeihung.« Er nickte kurz in Richtung der Kamera. Dann beugte er sich zur Seite und schoss zielsicher einen Pfropfen Spucke in die Schale, die rechts vom Sessel auf dem Boden stand. »Ein ferronisches Laster.« Er lachte leise.

Die Kamera schwebte ein wenig zur Seite, sodass der alte Mann der irdischen Reporterin direkt in die Augen schauen konnte. Die Kamera bewegte sich lautlos ein Stück nach oben, um die Szene aus dem besten Blickwinkel einzufangen. »Sie wollen wirklich wissen, was sich damals ereignet hat?«

Die Reporterin nickte.

»Gut.« Eine blaue Hand wischte kurz über die Lippen. Der alte Mann lachte. »Da ist man so alt wie ich – und immer noch eitel.« Er lächelte in die Kamera, wie nur alte Männer lächeln können. »Sie schneiden das nachher alles zusammen, oder?«

»Reden Sie einfach. Wir übernehmen den Rest.«

»Gut.« Er räusperte sich. »Was macht ein alter Ferrone auf der Erde? Warum sitze ich hier in einem Sessel, eine Pfeife im Mund, und erzähle Ihnen einen Teil ihrer Geschichte? Weil Ihre Geschichte auch meine Geschichte ist. Es ist meine Geschichte, es ist die Geschichte der Ferronen, und es ist die Geschichte von Perry Rhodan. Und es ist ein Kreis, der sich für mich schließt. Wissen Sie: Ich habe die Menschen immer gesucht. Bevor jemand auf Ferrol, Rofus oder sonst irgendwo im Wegasystem wusste, dass es sie gibt, war ich davon überzeugt, dass es irgendwo da draußen Brüder im All gibt.«

Die Pfeife wanderte wieder zwischen die Lippen. Er nahm erneut einen Zug. Dieses Mal stieß er den Rauch durch den Mund aus. Eine graue Wolke waberte an der fliegenden Kamera vorbei. »Entschuldigung!« Der alte Mann wischte mit der freien Hand durch die Luft, wedelte durch die Wolke, um den Rauch zu vertreiben. »Ich wollte Ihre Aufnahme nicht stören.«

Die Reporterin lachte. »Nein, nein, das stört nicht. Das meiste können wir mit Bildbearbeitung nachher in Ordnung bringen. Aber mir ist es lieber, Sie sind authentisch …«

»Gut.« Der Ferrone sog noch einmal an seiner Pfeife. »Dann will ich mal authentisch sein und Ihnen meine Geschichte erzählen. Unsere Geschichte, wenn Sie so wollen.«


Das Licht des kleinen Mondes schien in dieser Nacht ohne störende Wolken direkt in mein Zimmer. Mein Vater hatte in seiner Jugend angefangen, mit Glas zu arbeiten. Es gab keinen Raum in meinem Elternhaus, in dem er nicht seine Spuren hinterlassen hätte.

Da war die große Deckenlampe im Wohnzimmer, die er aus fast einhundert kleinen Glasstücken zusammengesetzt und mit klobigen Bleistreben verlötet hatte. Da war die Stehlampe auf der kleinen Kommode im Flur. Wenn man sie anschaltete, erstrahlte sie in einem sanften Rotton. Drehte man jedoch den Glasaufsatz auf die Rückseite, konnte man erkennen, dass ihm das rote Glas auf der Rückseite ausgegangen war. Schwarze, grüne und braune Glasstücke füllten den Rest der Wölbung. Und das Licht, das diese Seite gab, war viel bunter als der reine Rotton der anderen Seite. Sein Meisterwerk war aber das Fenster, das er für mein Kinderzimmer angefertigt hatte.

Ich war sein erstes Kind, ein Sohn. Und ich blieb das einzige Kind.

Seine ganze Liebe, seine ganze Kreativität steckte er in das Fenster für mein Zimmer. Es bestand auf fünf Teilen. Vier Stücke bildeten den Rand, während in der Mitte ein kreisrundes Glasstück eingefasst war. Die vier Stücke hatte er mit wunderschönen Mosaiken versehen. In der Mitte des Fensters war die Wega zu sehen, hell flammend und umgeben von weißem Glas, durch welches das Mondlicht jetzt des Nachts in mein Zimmer schien.

Für jeden der Planeten der Wega hatte mein Vater einen farbigen Glassplitter ausgewählt, der die jeweilige Welt symbolisierte. Selbstverständlich war es unmöglich, die Planeten astronomisch korrekt anzuordnen. Daher bildeten sie vier Gruppen um die Sonne; in jeder Gruppe entfernten sie sich in der richtigen Reihenfolge in einer Spirale von innen nach außen von der Wega fort.

Die sechs inneren Planeten im linken oberen Geviert des Fensters waren mit einer Ausnahme kleine, rot leuchtende Glasstücke. Maldonado war vor vielen Jahren herausgefallen, als ein Dheka gegen die Scheibe geflogen war. Ich fügte ihn später wieder ein, aber er saß immer noch ein wenig schief. Nur für Furrlan, die Welt der Kristallgebirge, hatte mein Vater ein weißes Glasstück gewählt.

Dann folgten die Planeten der Lebenszone, sie waren im Fenster rechts oben abgebildet. Die Wasserwelt Reyan in Blau, Ferrol in Jadegrün, Rofus in Grün, Ablon in einem sanften Rot und Carpa in Orange. Rechts unten und links unten folgten die mittleren und die äußeren Planeten. Die letzten zehn waren schwarze kleine Glasstücke – weit weg von der Wega waren ihre Vorbilder draußen im Raum, und genauso lichtlos wie ihre Vorbilder waren die Glasstücke.

Mein Vater starb, als ich noch keine sechs Jahre alt war. Ich habe diesen Teil der Geschichte schon ein paar Mal erzählt. Aber an dieser Stelle unterbreche ich eigentlich immer, weil jemand im Publikum ein Geräusch macht, als würde er mir keinen Augenblick glauben. Das ist seltsam. Die Menschen glauben immer, dass das Wegasystem damals schon die Heimat einer hochtechnisierten Kultur war, in der man sich mit einem einzigen Schritt per Transmitter von Planet zu Planet bewegte.

Aber wir Ferronen atmen auch, wir essen, wir trinken – und wir sterben. Damals wie heute …

Mein Vater wurde krank. Die erste Zeit dachte meine Mutter noch, dass er sich wieder berappeln würde. Die Medikamente schlugen an. Er ging zwar nicht mehr arbeiten und verbrachte Stunden damit, spazieren zu gehen und zu lesen. Für mich war das ein wundervolles Jahr, da ich zu jeder Tageszeit mit meinem Vater reden und spielen konnte. Doch dann wurde er immer schwächer. Die Spaziergänge wurden immer seltener, bis sie ausfielen.

Meine Mutter band sich nie wieder an einen Mann. Obwohl wir zu zweit weiter in meinem Elternhaus wohnten, lebten wir jeder in seinem eigenen Kosmos. Sie war damit beschäftigt, das Haus in Schuss zu halten und dafür zu sorgen, dass es genauso aussah wie an dem Tag, als mein Vater starb. Ich hingegen wollte Veränderung, etwas Neues erleben, seinen Tod hinter mir lassen und mein eigenes Leben beginnen. Wir stritten uns oft und leider auch viele Male laut. Aber wir stritten uns nie über die Glasgegenstände meines Vaters.

Und so war das Fenster in meinem Kinderzimmer und späteren Jugendzimmer eine von den wenigen Gegebenheiten, die mich konstant durch die vielen Jahre begleiteten. Jeden Abend, wenn der kleine Mond schien, funkelten die Planeten in ihren unterschiedlichen Farben. Es war nicht zu vermeiden, dass ich mir ausmalte, meinen Fuß auf sie zu setzen. Ich stellte mir vor, wie der Sternenhimmel auf einem anderen Planeten aussehen würde.

Als ich größer wurde, lernte ich, dass die Sterne zu weit von uns entfernt waren, um ihre Position am Sternenhimmel zu ändern, nur weil ich einen anderen Planeten im selben System betreten hatte. Aber damals … damals glaubte ich, dass ich am Himmel statt dem Großen Thort andere Sternbilder erkennen würde, die andere Geschichten erzählen würden als die Sterne meiner Heimat.

Erst prägte ich mir die Namen aller Planeten ein. Ich las alles, was ich über sie fand. Lernte ihre Namen auswendig herzusagen. Die Menschen kennen das auch. Bei Ihnen gibt es Eselsbrücken, wie Sie das nennen. Wir kennen das System auch, aber wir nennen es nicht nach Eseln, sondern bei uns heißt dieses Verfahren Daremas Kette. Und wie eine Kette reihte ich die Planeten in Gedanken hintereinander ein, um sie mir zu merken. Ich schloss die Augen und wanderte vor meinem inneren Auge die vier farbigen Spiralen entlang, die von der Wega in der Fenstermitte meines Schlafzimmers hinausführten in den Raum.

Aber ich beließ es nicht dabei, nur ihre Namen zu lernen. Ich las alles über Sagen und Geschichten der Welten. Später tauschte ich die Geschichten gegen Sachbücher aus. Doch ich behielt alles in meinem Gedächtnis, was ich über sie gelesen hatte. Zusätzlich zu den Geschichten reicherte ich aber Wissen an. Junge Menschen können das – sie können ganz viel lesen und sich das ganze Wissen den Rest ihres Lebens merken, wenn sie wirklich Feuer und Flamme für das sind, womit sie sich gerade beschäftigen. Und ich war Feuer und Flamme, brannte hell für die Geschichte und den naturwissenschaftlichen Hintergrund der Besiedelung des Wegasystems.

Bald wusste ich nicht nur den Namen eines jeden einzelnen Planeten und die Farbe seines Glasstücks im Fenster meines Vaters. Ich kannte auch die wissenschaftlichen Daten, soweit sie uns Ferronen damals bekannt waren. Die Schwerkraft, die Atmosphärenzusammensetzung, die Gestaltung seiner Oberfläche.

Bald entwickelte ich meine Lieblinge. Neerona war nur spärlich besiedelt. Hier gab es weite Gegenden, in denen noch nie ein Ferrone seinen Fuß gesetzt hatte. Selbstverständlich wollte ich Thorta sehen, die Rote Stadt, die Hauptstadt des ganzen Systems. Es zog mich hinaus in die Berge Ferrols, in Gedanken schritt ich die Hetar-Berge ab, bis ich jeden Gipfel mit Namen kannte. In Gedanken tauchte ich in den Wasserstoffozeanen von Lossosher und schwamm in einem Schutzanzug durch Grolls Methanseen. Ich wollte wissen, ob man den Wind und die Kälte auf Gol überstehen konnte, ich überlegte, ob ich mich in Yakkorim niederlassen sollte, dem äußersten von Ferronen besiedelten Planeten.

Sie werden es schon gemerkt haben – ich verließ bald die Pfade der Wissenschaft. Ich war noch jung, keine vierzehn. Irgendwann glaubte ich, dass ich alles gelesen hätte, was es über die Welten zu lesen gab. Die Sagen und Mythen kannte ich, die von der Vorzeit unserer Geschichte kündeten. Die Naturwissenschaft gab mir den Schlüssel in die Hand, um die Gegenwart zu verstehen. Also blieb es mir nur noch, das Tor in die Zukunft aufzustoßen. Unsere Kulturen ähneln sich da sehr. Ich begann folgerichtig damit, Zukunftsromane zu lesen.

Ich kann mir vorstellen, wie jetzt viele Menschen die Augenbrauen hochziehen und darüber nachdenken, wie so etwas möglich sein kann. Immerhin waren wir Ferronen doch so etwas wie die technische Zukunft der Menschheit. Zumindest war das der Eindruck, den die Menschen bei unserer ersten Begegnung bekommen mussten. Immerhin …


Ein Hustenanfall unterbrach die lange Rede. Die Hand mit der Pfeife bebte, sodass sich kalte Asche über den Teppichboden verbreitete. Die Reporterin gab ihrem Kollegen ein Handzeichen; dieser verschwand schnell in der Küche, um etwas Wasser zu holen. Auf halbem Weg kam ihm ein älterer Herr entgegen, in seiner Hand ein Glas mit einer klaren Flüssigkeit.

Er eilte an der Reporterin vorbei und drückte dem alten Ferronen das Glas in die Hand. Dieser nahm es dankbar entgegen und trank es in langen Zügen aus. Dann räusperte er sich. Das leere Glas reichte er dem Mann zurück, der nach einem freundlichen Nicken in Richtung des Ferronen wieder in der Küche verschwand.

»Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn tun würde.« Seine Stimme klang wieder genauso wie zu Beginn des Gespräches. Es war die Stimme eines alten Mannes. In seiner Sprachmelodie war immer noch ein Rest des Ferronischen zu hören, das Vokale anders betonte und Silben gerne streckte.

Die Reporterin schaute dem Terraner samt Schmerbauch, Schnurrbart und beginnender Glatze fassungslos hinterher.

»Oh, ich habe Sie noch nicht vorgestellt. Tut mir leid. Mark gehört so sehr zu meinem Leben, dass ich immer davon ausgehe, dass alle Menschen Bescheid wissen. Wir haben uns auf Ferrol kennengelernt – er war eine Art Ermittler für die terranische Regierung; kein Agent, mehr so etwas wie ein junger, gut aussehender Privatdetektiv.« Der Ferrone lachte. »Ich wurde ihm als Kontaktmann zur Regierung zugeteilt. Es ging um einen Anschlag auf den Thort, den Mark vereitelte. Ein wenig scheine ich dabei geholfen zu haben, denn er bestand darauf, mich weiter zu beschäftigen. Wir haben eine Menge Abenteuer erlebt. Einige von ihnen wären es wirklich wert, dass man sie erzählt. Aber das ist hier nicht unser Thema.« Er hustete kurz. »Sie sind aber herzlich eingeladen, sich diese Geschichten einmal anzuhören.«

»Möchten Sie noch ein Glas Wasser?« Die Reporterin klang besorgt.

»Nein, danke. Es geht.« Wie zur Bestätigung räusperte er sich ein paar Mal, ohne husten zu müssen. »Es war kein reines Wasser. Ich trinke es gerne mit einem Schuss Essig. Das soll Menschen dagegen helfen, dass sie schwitzen. Bei Ferronen führt es dazu, dass wir weniger ausspucken. Im Umgang mit Menschen habe ich gelernt, dass sie zwar Spucknäpfe haben und überall ihre Kaugummis hinspucken, wenn keiner schaut. Aber der reine Akt des Ausspuckens ist nicht beliebt. Da haben auch Jahrzehnte des Kontakts zwischen unseren Kulturen nichts verändert. Wir sind blauhäutig, wir haben tief liegende Augen, wir kommen aus einem anderen Sonnensystem – alles in Ordnung. Aber dass wir spucken müssen, weil wir nicht schwitzen können … nein, das geht überhaupt nicht. Wahrscheinlich könnten wir einfacher mit baumelnden Geschlechtsteilen durch die Innenstädte Ihrer Welt gehen, als immer wieder anzuhalten, um uns bei warmem Wetter durch ein heftiges Ausspucken zu erleichtern.«

Perry Rhodan Neo Story 4: Gemeinsame Geschichten

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