Читать книгу Franziska Dank sagen - Ingrid Fischer - Страница 3
Als wär's der letzte Tag
ОглавлениеFranziska beschloss eines schönen Vorfrühlingstages wieder einmal in die Stadt zu fahren, um ihre Freundin Mona zu besuchen.
Mona hatte sie vor einigen Jahren während deren Studienzeit kennengelernt, und die beiden Frauen trafen sich in unregelmäßigen, jedoch immer wiederkehrenden Abständen, und dann war es, als wären sie nie getrennt gewesen.
Franziska stand vor dem lachsfarbenen Wohnhaus von Mona, die dort eine kleine Zweizimmerwohnung hatte.
Das Wiedersehen war die reine Freude für die beiden Frauen, und so war es auch kein Wunder, dass die zwei erst die Lichter löschten, lange nachdem alle anderen im Haus schlafen gegangen waren.
Nun könntest Du glauben, dass die beiden am nächsten Morgen gar nicht so recht aus dem Schlaf fanden, jedoch weit gefehlt. Beide liebten sie es, in der noch frischen Morgenluft auf dem Balkon zu sitzen und das gemeinsame Frühstück zu genießen.
Es war Sonnabend, und ein herrliches Wochenende lag vor ihnen.
Mona war Sozialarbeiterin und erzählte Franziska oft und gern von ihrem Beruf. Sie liebte es, wenn Franziska sich für ihren Beruf interessierte, denn Mona war mit Leib und Seele dabei, und auch wenn es da schwere und bittere Zeiten gegeben hatte, verlor sie nie den Mut und ging immer wieder von Neuem mit Optimismus und Tatkraft an ihre Aufgabe.
Ihre Arbeit bestand in der Betreuung von Jugendlichen, und ihre große Liebe gehörte einem Projekt, in dem sie mit Jugendlichen gemeinsam eine Art Jugendheim betrieb. Dort konnten die Jungen und Mädchen hinkommen, um ihre Freizeit zu verbringen, um für die Schule zu arbeiten, um von ihren Problemen zu berichten, um miteinander zu feiern...
Für diesen Sonnabend war eine Fete im Jugendheim geplant, und Mona wollte auch hingehen, um die jungen Leute zu unterstützen und um mitzufeiern. Als sie Franziska fragte, ob sie nicht Lust hätte mitzukommen, war schnell klar, dass sie beide gemeinsam hingehen würden.
Franziska war verblüfft, mit wie viel Fantasie und Liebe die Räume für die Feier hergerichtet worden waren. Sie hatte dunkle Räume erwartet, in denen hier und da ein paar Kerzen die Dunkelheit unterbrachen. Aber das hier war etwas Anderes. Hier gab es riesige Dekorationen, große Wandbilder, Luftballons, Luftschlangen, Girlanden, ... es war bunt und hell und freundlich. So recht für eine ausgelassene Stimmung gemacht.
Einen DJ gab es auch, und der kannte mehr als nur eine Sorte Musik. Franziska ging während der Feier zu ihm und erzählte ihm, dass sie freudig überrascht war.
„Das ist doch klar. Wir alle kennen Monas Geschmack. Sie liebt weder düstere Räume noch ständig nur Rap. Und so mit der Zeit haben wir auch an anderen Musikrichtungen Gefallen gefunden."
Die Feier wurde ein großer Erfolg. Man konnte spüren, wie viel Spaß die Jugendlichen daran hatten… und als sie zu später Stunde zu Ende ging, waren noch einige geblieben, um aufzuräumen und alles in Ordnung zu bringen.
Franziska konnte es Mona ansehen, wie sehr sie sich darüber freute. Irgendwie waren es „ihre" Kinder.
Franziska und Mona sprachen am folgenden Morgen über die gelungene Feier und wie sehr es Mona freute, dass die Jugendlichen sich für ihre Sache verantwortlich fühlten.
Mona berichtete aber auch darüber, dass es ihr nicht in jedem Fall gelang, zu den jungen Leuten durchzudringen, dass der eine oder andere einfach aus ihrem Blickfeld verschwand.
Oftmals hörte Mona dann davon, wie es ihm oder ihr ging, und manchmal waren die Dinge, die sie hörte, nur schwer zu verdauen. Da gab es einige, die schon in sehr jungen Jahren in eine Drogenkarriere hineingerieten oder andere, die viel zu früh schwanger wurden, Mädchen, die auf dem Strich landeten, andere, die eine kriminelle Karriere begonnen hatten, aber auch viele, viele, die ein ganz „normales" Leben führten ohne große Dramen.
„Es gibt immer wieder einige, die mir große Sorgen bereiten, die ich einfach nicht erreiche und die in mir nur die Erwachsene sehen, die ihnen vorschreiben will, wie sie zu leben haben und ihnen genau dasselbe erzählt, wie ihre Eltern … und das ödet sie dann an."
Mona berichtete ihr von einem jungen Mädchen, das nur unregelmäßig kam und sich dann oft sehr auffällig benahm. Sie schien Probleme magisch anzuziehen. Jenny war bereits beim Kaufhausdiebstahl erwischt worden und ebenfalls bei anderen Delikten.
So hatte sie auch schon einige Autos aufgebrochen, und an einigen Betrugsgeschichten war sie auch beteiligt gewesen.
Zum Glück für Jenny sind nicht alle diese Straftaten aufgedeckt worden. Aber Mona hätte gern verhindert, dass Jennys Karriere auf dieser Spur weiter verlief.
„Vielleicht sollte ich mal mit ihr reden. Mich kennt sie nicht."
„Ich bin zwar ausnahmsweise mal nicht sehr optimistisch, aber einen Versuch ist es wert."
Franziska begleitete Mona in der nächsten Zeit ins Jugendheim und lernte die jungen Leute dort mit der Zeit kennen. Sie wurde recht schnell akzeptiert, weil bald klar war, dass man mit Franziska reden konnte, dass sie ein stets offenes Ohr für die Probleme der Jugendlichen hatte. Hier gab es keine festgeschriebenen Rezepte. Franziska hörte jedem zu und sagte ihm dann offen und ehrlich, wie sie die Sache sah, ohne sofort zu werten, ohne zu verurteilen.
Jenny hatte sie bislang noch nicht kennengelernt. Eigentlich hatte Franziska das Gespräch über Jenny fast schon vergessen, denn hier gab es so viele, die an einem ehrlichen Gespräch interessiert waren.
An einem der nächsten Wochenenden gab es wieder eine Fete, und die Planung lief wie beim letzten Mal wie am Schnürchen ab. Franziska hatte einiges für die Fete gebacken und dafür auch großen Applaus bekommen.
Wie beim letzten Mal gab es tolle Dekorationen, abwechslungsreiche Musik und viel gute Stimmung.
Zu später Stunde tauchten einige junge Leute auf, die schon sehr angeheitert waren. Sie hatten Einiges an alkoholischen Getränken mitgebracht und schienen sofort die gesamte Aufmerksamkeit an sich zu reißen.
Anscheinend ließen sich die meisten davon aber nicht stören. Sie ignorierten Jenny und ihre Freunde einfach. Es wurde weiter ausgelassen gefeiert und getanzt, und mit der Zeit war von der vorübergehenden Störung nichts mehr übrig geblieben.
Als Franziska kurze Zeit später auf die Toilette ging, fand sie dort Jenny, der schrecklich übel war, und die mit kalkweißem Gesicht über einem Toilettenbecken hing und dabei schweißüberströmt war.
Franziska lief zu ihr, um zu sehen, wie sie ihr helfen konnte. Von der überfröhlichen Jenny war nichts mehr zu merken. Sie schien sich pausenlos nur zu übergeben, und in den Phasen dazwischen heulte sie wie ein Schlosshund, und Franziska konnte sie kaum verstehen, weil sie dabei so sehr lallte.
Das ging eine Weile so. Erst als ein paar der anderen Mädchen kamen, bat Franziska diese, doch Mona Bescheid zu sagen und herzuschicken.
Jenny wurde dann mit vereinten Kräften nach oben ins Betreuerzimmer getragen. … Franziska legte ihr kühle Tücher auf die Stirn und in den Nacken und Mona kochte ihr Tee.
Nach einer ganzen Weile schlief Jenny ruhig ein. Franziska und Mona liefen nach unten und konnten feststellen, dass hier schon ohne sie aufgeräumt und geputzt worden war.
Sie dankten den jungen Leuten herzlich und fragten sie auch noch nach Jenny und ob einer eine Idee hätte, was jetzt mit Jenny geschehen sollte.
„Das ist schwierig," meldete sich eines der Mädchen zu Wort, „Jenny war mit ihrem jetzigen Freund hier. Und der hat sich aus dem Staub gemacht. Zu Hause wird sie auch keiner vermissen, vielleicht öffnen ihr ihre Eltern jetzt mitten in der Nacht nicht einmal die Tür."
Die beiden Frauen beschlossen, Jenny vorerst zu sich nach Hause mit zu nehmen. Dann konnte man weiter sehen.
Am nächsten Morgen schlief Jenny sehr, sehr lange. Franziska und Mona saßen schon seit mehreren Stunden bei ihrem ausgiebigen Sonntagsfrühstück, als Jenny auf dem Balkon auftauchte.
„Ich glaub, ich hab' gestern ganz schönen Scheiß gebaut. Ich hoffe, ich hab' nichts allzu Schlimmes angestellt."
Und dann saß Jenny bei den beiden auf dem Balkon und redete mit ihnen über Gott und die Welt, als hätte es den letzten Abend überhaupt nicht gegeben.
Mit einem Mal wurde Jenny still. Sie schien den beiden Frauen zuzuhören, wenn man sie jedoch genauer betrachtete, konnte man erkennen, dass sie mehr nach innen horchte. Und irgendetwas bewegte sie sehr.
Franziska bemerkte Jennys Stille und gab Mona ein Zeichen, doch für einen Moment ruhig zu sein und Jenny anzuschauen.
Und irgendwie bemerkte Jenny nun, dass sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Sie wurde rot im Gesicht wie ein junger Backfisch. Ertappt! Und auf einmal schossen Tränen aus Jennys Augen, und diese Traurigkeit schien nach und nach den gesamten Körper zu schütteln.
Franziska legte in ihrer ganz eigenen Art eine Hand auf Jennys Schulter. Dann, als das Schluchzen immer heftiger wurde, legte sie einen Arm um sie.
Mona stand ruhig auf und deutete an, dass sie Tee kochen wolle.
„Es ist in Ordnung, wenn Du weinst. Und wenn Du reden möchtest, kannst Du das auch tun."
Die Minuten vergingen. Jenny weinte und konnte sich kaum beruhigen. Franziska saß einfach nur an ihrer Seite, hielt sie im Arm und reichte ihr ein Taschentuch nach dem anderen.
„Es fühlt sich alles so mies an. So sinnlos"
„Was meinst Du damit?"
„Nichts, von dem was ich tue, ist von Bedeutung. Und so wird das ganze übrige Leben sein. Nichts ist von Bedeutung. Ein langweiliges Leben."
„Du hast noch alle Wege offen. Du kannst tun, was Du möchtest. Es ist Deine Entscheidung."
„Es ist alles so leblos und spießig. Schule, Ausbildung, Beruf, Karriere oder Familie, Mann, Kinder … Alles so programmiert. Ich will leben. Richtig leben und das auch am ganzen Körper spüren."
„Hast Du eine Vorstellung, was das sein könnte? Was möchtest Du tun, damit Du das Leben am ganzen Körper spüren kannst?"
„Aufregende Dinge tun. Verbotene Dinge tun. Nicht den eingefahrenen Wegen folgen. Meinetwegen 42 Kilometer laufen oder Bungeejumping. Bergklettern oder Fallschirmspringen. Eine Bank ausräumen, den großen Coup landen. Egal was, Hauptsache ich spüre, dass ich lebe."
„Ich kann die Sehnsucht nach diesem Gefühl gut nachempfinden. Sich durch und durch mit dem Leben eins fühlen. Nur leben. Im Hier und Jetzt. - Das kann für Dich Bungeejumping oder etwas Verbotenes sein. - Für mich ist es etwas anderes: Ein Sonnenaufgang, eine Nacht, die ich mit Freunden verbracht habe. Kinderlachen, laut, herzhaft und ehrlich. Die Umarmung eines guten Freundes oder einer Freundin. Ein ehrlicher, liebevoller Händedruck, das Essen, das ich selbst gekocht habe und das allen schmeckt, einen anderen zu lieben und ihm das auch zu sagen. Und noch viel, viel mehr. Was würde Dich wirklich am meisten bewegen? ... Stell Dir vor, heute wäre der letzte Tag Deines Lebens!"
„Ich glaube, wenn heute mein letzter Tag wäre, dann wüsste ich, was ich am liebsten täte."
„Kannst Du es Dir vorstellen? Es gibt Menschen, die es schaffen im Hier und Jetzt zu leben. Aber vielleicht brauchen alle anderen dabei Hilfe. Zum Beispiel die Vorstellung, heute wäre ihr letzter Tag. … Schleiß die Augen und stell Dir vor, es wäre wirklich so; heute ist Dein letzter Tag. Was möchtest Du noch unbedingt tun?"
Jenny schwieg eine Weile. ... „Da fallen mir so viele Dinge ein. ... Noch einmal eine ganze Nacht lang durchtanzen, einfach nur tanzen. Einen hohen Berg besteigen. Meiner Lehrerin die Meinung sagen. Und meinem Freund, ... wie gemein ich ihn finde, dass er mich so im Stich gelassen hat. Meiner besten Freundin sagen, wie gern ich sie hab. Noch einmal Karussell fahren. Einmal Champagner trinken. Meine Oma besuchen. Noch einmal ihren Pflaumenkuchen essen. Einmal in Mathe eine Eins schreiben. Nachts im See baden. Einmal auf einer Bühne stehen und tanzen ..."
Jenny war still geworden. Ihr Blick schien ins Leere zu gehen. Aber ihr Mienenspiel verriet, dass sie tief bewegt war. … Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und dann füllten sich ihre Augen mit Tränen. Alles lag so dicht beieinander.
Mona erschien mit einer frischen Kanne Tee, und Jenny tauchte wie aus weiter Ferne wieder auf. Es wurde ein langes Frühstück auf dem Balkon, und es wurde noch viel geredet und auch gelacht. Dann entschloss sich Jenny zu gehen.
„Gut Jenny, wenn Du gehen möchtest, dann geh. Wenn Du nicht weißt wohin, dann kannst du auch noch bleiben."
„Danke Mona, aber ich hab' noch ein paar Dinge zu erledigen." Und schon war Jenny zur Tür hinaus.
Mona und Franziska redeten noch eine ganze Weile lang über die letzten Stunden. Und Franziska fragte sich in den kommenden Tagen oft, wie es Jenny gehen mochte, was sie jetzt wohl gerade tat. Und dann, nach ein paar Tagen, an einem Samstagmorgen, klingelte es wieder an der Tür.
„Ich hab' frische Brötchen mitgebracht. Ich dachte, ihr seid sicherlich gerade am Frühstücken."
„Das ist eine tolle Idee, Jenny. Komm' und setz' Dich zu uns auf den Balkon. Ich hab' mich oft gefragt, wie es Dir nach dem Besuch bei uns ergangen ist."
Und dann erzählte Jenny, dass sie versucht hatte, jeden Tag so zu leben, als sei es der letzte. Sie hatte sich mit ihrer besten Freundin ausgesöhnt und auch mit ihren Eltern, Pflaumenkuchen bei ihrer Oma gegessen, hatte sich von ihrem Vater einmal Bungeejumping spendieren lassen, trug jetzt rot gefärbte Haare, kümmerte sich liebevoll um ihre kleine Schwester und um ihren Hund, und dann erzählte sie ihnen von ihrem neuesten Vorhaben: In Mathe eine Eins schreiben.
„Das geht nicht einfach so von heute auf morgen. Ich habe richtig dafür büffeln müssen. Montag ist es soweit."
„Wie fühlst Du Dich bei all dem?"
„Das ist ein richtiger Kick. Aufregend. Und wenn ich es mir wirklich wünsche, gehen all die Dinge, die ich tun möchte, in Erfüllung."
Viel später erfuhren Mona und Franziska, dass Jenny eine Tanzausbildung angefangen hatte.