Читать книгу Punin und Baburin - Иван Тургенев - Страница 2

I.
(1830)

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Der alte Diener Philippitsch trat, mit hohem, in Gestalt einer Rosette geknüpften Halstuch und feiner Gewohnheit nach, auf den Zehen in’s Zimmer. Mit zusammengekniffenen Lippen, einem grauen zusammengekämmten Haarbüschel mitten auf dem Scheitel, näherte er sich seiner gestrengen Herrin, grüßte ehrfurchtsvoll und überreichte meiner Großmutter auf einem eisernen Teller einen großen, mit einem adligen Siegel verschlossenen Brief. . .

»Ist er selbst da?« fragte diese.

»Sie geruhen zu befehlen?« fragte, statt zu antworten, Philippitsch schüchtern.

»Tölpel! Der, welcher den Brief gebracht hat – ist er draußen ?«

»Draußen . . . zu Befehl, draußen . . . er sitzt im Geschäftszimmer.«

Aergerlich drehte die Großmutter ihren alterthümlichen Rosenkranz am Arm mit den Bernsteinkügelchen hin und her . . . »Sag’, ich laß’ ihm befehlen, hereinzukommen, und Du, Monsieur, wirst so gut sein und Dich ruhig verhalten.«

Ich rührte mich schon so nicht und saß mäuschenstill im Winkel auf meinem Schemel.

Die Großmutter hielt mich, wie unser Sprichwort es bezeichnend ausdrückt: »mit Fausthandschuhen aus Igelfell.«

Fünf Minuten später trat ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit schwarzen, dichten Haaren, einem blatternarbigen, bräunlich dunkeln Gesichte, hervorstehenden Backenknochen, einer Habichtsnase und dichten Augenbrauen, unter welchen ruhige und fast melancholisch blickende kleine graue Augen hervorschauten, in’s Zimmer. Diese Farbe der Augen und ihr Ausdruck harmonirte eigentlich nicht mit dem asiatischen Typus des übrigen Gesichtes. Ein langer kaftanartiger Rock bedeckte die ganze Gestalt. An der Thür blieb er stehen und grüßte, doch nur mit dem Kopfe allein.

»Dein Name ist Baburin?« fragte die Großmutter und fügte für sich hinzu: »Ma foi, il a l‘air d‘un arménien.«

»Zu dienen,« antwortete jener mit tiefer ruhiger Stimme. Als meine Großmutter ihn dutzte, schienen sich seine Brauen zitternd zusammenzuziehen. Er konnte doch unmöglich erwartet haben, daß die Großmutter »Sie« zu ihm sagen würde?

»Du bist ein Russe, orthodoxer Religion?«

»Das bin ich.«

Die Großmutter nahm die Brille ab und fing an, sich den Menschen langsam, vom Kopf bis zu den Füßen zu betrachten. Er schlug vor ihrem scharfforschenden Auge den Blick nicht zu Boden und legte nur die Hände auf dem Rücken zusammen. Am meisten interessirte mich sein Bart: er war glatt rasirt, aber solch’ blaue Wangen und ein so blaues Kinn hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen.

»Jacob Petrowitsch,« hub die Großmutter wieder an, »empfiehlt Dich in seinem Briefe sehr, er sagt, Du seist ein mäßiger, nüchterner und arbeitsamer Mensch; warum aber bist Du denn von ihm weggegangen?«

»Weil ihm, gnädige Frau, in seiner Wirthschaft Leute anderer Art, als ich bin, nöthig sind.«

»Anderer . . . Art? Hm, das versteh’ ich nicht recht.« Die Großmutter klapperte wieder mit den Rosenkranzperlen, »Jacob Petrowitsch schreibt mir weiter, Du habest zwei sonderbare Gewohnheiten oder Eigenheiten. Was sind das für Eigenheiten?«

Baburin zuckte leicht die Achseln.

»Ich weiß nicht, was dem Herrn beliebte meine Eigenheiten zu nennen. Vielleicht . . . daß ich durchaus keine körperliche Züchtigung zulasse . . . «

Die Großmutter sah ihn verwundert an. »So? Also hat Jacob Petrowitsch Dich bestrafen lassen wollen?«

Das dunkle Gesicht Baburin’s wurde über und über roth.

»Sie haben mich falsch verstanden, gnädige Frau. Ich habe es mir zum Grundsatz gemacht, über die Bauern keine körperliche Züchtigung zu verhängen.«

Diesmal wurde das Erstaunen der Großmutter noch größer als vorhin, sie schlug sogar die Hände zusammen.

»Ah!« rief sie endlich aus und blickte ihn noch einmal scharf von der Seite an, »das also ist Dein Grundsatz. Nun, mir kann das vollkommen gleichgültig sein, denn ich brauche Dich nicht als Verwalter, sondern als Schreiber, fürs Rechenwesen. Wie ist Deine Handschrift?«

»Ich schreibe gut, ohne orthographische Fehler zu machen.«

»Ach, das ist mir auch gleich. Die Hauptsache ist mir eine deutliche Handschrift, ohne alle diese modischen Schnörkel, die ich nicht ausstehen kann. Nun und was ist Deine andere Eigenheit?

Baburin zögerte etwas und antwortete verlegen:

»Vielleicht hat der Gutsbesitzer damit gemeint – daß ich nicht allein bin.«

»Du bist also verheiratet?«

»Nein, das nicht . . . aber . . .«

Die Großmutter runzelte drohend die Stirn. —

»Es wohnt bei mir noch eine andere . . . männliche Person . . . ein Kamerad, ein armer Mensch, von dem ich mich aber nicht zu trennen gedenke . . . schon zehn Jahre leben wir zusammen.«

»Ein Verwandter Von Dir ?«

»Nein, kein Verwandter – ein alter Kamerad. Im Hauswesen findet durch ihn keine weitere Störung statt,« beeilte sich Baburin hinzuzufügen, wie um einer Entgegnung vorzubeugen. »Er lebt auf meine eigene Rechnung, wohnt mit mir in einem Zimmer und bringt dem Hause eher Nutzen als Schaden, da er, ohne ihm schmeicheln zu wollen, gut liest und schreibt und von musterhaftem Betragen ist.«

Die Großmutter ließ Baburin ausreden und murmelte nur etwas zwischen den Zähnen, während sie die Augen zusammenkniff und ihn immer erstaunter ansah.

»Er lebt also ganz auf Deine Kosten.«

»Ganz und gar.«

»Und Du erhältst ihn nur aus Mitleid ?«

»Nein, ans Recht und Billigkeit . . . da es ja die Pflicht armer Leute ist, andere Arme zu unterstützen.«

»Oho! Ich muß gestehen, das höre ich zum erstenmal. Ich habe bisher geglaubt, daß das eher die Pflicht der Reichen wäre.«

»Für Reiche, verzeihen Sie, ist das eine Art Beschäftigung, für unser eins aber . . .«

»Genug, genug, schon gut,« unterbrach ihn die Großmutter und hielt einen Augenblick nachdenkend inne, murmelte etwas zwischen den Zähnen, was ich bei ihr nicht gern sah, es war gewöhnlich der Verbote , eines herannahenden Unwetters:

»Und wie alt ist Dein Kostgänger ?« fragte sie ihn plötzlich.

»Er ist in meinen Jahren.«

»In Deinen? – Und ich glaubte, er sei vielleicht Dein Pflegesohn, oder so etwas Aehnliches.«

»O nein, er ist nur mein Kamerad – und überdies . . . «

»Genug,« unterbrach ihn die Großmutter zum zweitenmale befehlerisch. »Ich sehe schon, Du bist, was man so einen Philantropen nennt. Jacob Petrowitsch hat ganz recht; in Deinem Stande – ist das wirklich sehr eigenthümlich; Du bist ein Sonderling. Jetzt aber habe ich mit Dir von Deinem Geschäft hier zu reden. Ich werde Dir erklären, was Du eigentlich bei mir zu thun hast. Ja, noch eins, was Deinen Gehalt betrifft, so . . . Que faites-vous ici? wendete sich die Großmutter plötzlich an mich, indem mich ihre stechenden Augen drohend aus dem vertrockneten gelben Gesichte anstierten. »Allez étudier votre devoir de mythologie.«

Ich sprang auf, küßte ihre Hand ehrerbietig und ging hinaus – nicht um meine Mythologie zu studiren, sondern im Garten herumzulaufen.

* * *

Der zum Gute meiner Tante gehörige Garten zwar alt und groß und endigte an einer Seite mit einem Weiher fließenden Wassers, in welchem nicht nur Karauschen und Gründlinge, sondern sogar prächtige Salblinge (la salveline), die heut zu Tage außerordentlich selten geworden sind, plätscherten und spielten. Am jenseitigen Ufer war der Weiher mit dichtem Schilfrohr und Weidengebüsch eingerahmt, während zu beiden Seiten sich am Abhange längs demselben kräftiges Haselnußgebüsch, Geisblatt und Dorngesträuch hinzog, das sich mit dem auf dem Boden kriechenden Wachholder und Liebstöckel zu einem fast undurchdringlichen Ganzen verband. Dort schlug im Frühling die Nachtigall, Drosseln pfiffen ihr munteres Lied und der unermüdliche Kukuk ließ seinen eintönigen Ruf erschallen; dort war es selbst im Sommer kühl und schattig und mein größtes Vergnügen, mich in diesem Dickicht zu vertiefen, wo ich meine heimlichen Lieblingsplätze hatte, die – so glaubte ich damals wenigstens – nur mir allein bekannt waren.

Kaum hatte ich nun Großmutters Cabinet verlassen, so eilte ich spornstreichs in eins jener Verstecke, das ich »die Schweiz« getauft hatte. Ich stutzte plötzlich, denn ich sah zu meiner höchsten Verwunderung durch das dichte Geflechte der halbvertrockneten Sträuche und grünen Zweige, daß außer mir noch sonst Jemand meine »Schweiz« entdeckt hatte. Eine ungeheuer lange Figur in einem gelben Flauschrock und einer hohen altmodischen Mütze stand gerade auf meinem heimlichen Lieblingsplätzchen. Leise schlich ich mich näher heran und blickte in ein mir ganz fremdes, ebenfalls unförmlich langes, welkes bartloses Gesicht, mit ungewöhnlich kleinen, entzündeten, rothen Augen und einer urkomischen Nase; lang und spitz hing sie über ein paar dicken Lippen herab. Und diese Lippen bebten und schwollen an, indem sie einen leise zitternden Pfiff hervorstießen, während die langen Finger der knöchernen Hand, die er in gleicher Höhe etwa mit der Brust hielt, eine kreisartige Bewegung beschrieben. Ich drängte mich noch näher heran, um besser sehen zu können . . . Der Unbekannte hielt in jeder Hand eine kleine flache Schale, etwa in der Art derjenigen, mit denen man die Kanarienvögel zum Singen zu bringen sucht. Da brach ein trockener Ast unter meinem Fuße; der Unbekannte fuhr zusammen, heftete seine blöden Augen auf das Dickicht, stolperte, indem er zurücktreten wollte; stieß gegen einen Baum, stöhnte laut auf und blieb stehen.

Ich trat auf den kleinen freien Platz hinaus. Der Unbekannte lächelte.

»Guten Tag,« sagte ich.

»Guten Tag, junges Herrchen!«

»Mir mißfiel, daß er mich so ohne Umstände »junges Herrchen« zu nennen wagte. Was fiel ihm ein, mich so familiär zu behandeln!

»Was machen Sie hier?« fragte ich ihn, einen strengen Ton anzunehmen suchend.

»Je nun, sehen Sie,« antwortete er, ohne daß er zu lächeln aufhörte, »ich fordere die Vögelchen zum Singen auf.« Und dabei zeigte er mir die Lockschälchen. »Die Finken antworten ganz prächtig. Sie, der Sie noch so jung an Jahren sind, muß der Vogelgesang sicherlich in Entzücken versetzen. Wenn Sie zuhören wollen, so will ich zu zwitschern anfangen, o, jene dort werden mir sogleich antworten – wie wunderbar angenehm das ist!«

Und dabei fing er an, seine Schälchen an einander zu reiben. Wirklich antwortete ihm ein munterer Finke sogleich von einer in der Nähe stehenden Eberesche her. Der Unbekannte lächelte mir wieder schweigend zu und winkte mit den Augen nach oben.

Dieses Lächeln und Winken, jede Bewegung des Unbekannten, seine lispelnde schwache Stimme, »die eingebogenen Kniee und mageren Hände, ja selbst seine unförmliche Mütze wie sein langer Flausch athmeten so viel Gutmüthigkeit, blickten so ungetrübt, unschuldig und drollig, daß ich ihn schon viel freundlicher fragte:

»Sind Sie schon lange hier?«

»Erst seit heute.«

»Sind Sie nicht vielleicht derselbe, von dem . . .«

»Herr Baburin mit der gnädigen Frau gesprochen hat,« vervollständigte er meine Frage. »Derselbe, derselbe.«

»Ihr Kamerad heißt Baburin und Sie ?«

»Mich nennt man Punin; Punin ist mein Name. i Er Baburin und ich Punin.« Und er setzte seine Schälchen wieder in Bewegung. »Hören Sie, hören Sie wohl den Finken; ei, der Schelm, wie laut er zwitschert.«

Wie es kam, weiß ich nicht, aber dieser Sonderling gefiel mir mit einem male ganz außerordentlich.

Wie fast alle Knaben war ich Fremden gegenüber entweder sehr scheu, oder machte mich überwichtig; mit diesem hier aber fühlte ich mich gleich so vertraut, als ob wir jahrelang bekannt gewesen wären.

»Kommen Sie mit mir,« sagte ich ihm, »ich weiß ein noch viel besseres Plätzchen, als dieses hier; da ist auch eine Bank, auf die wir uns setzen und von dort das Floß sehen können.«

»O, recht gern, kommen Sie,« antwortete mein neuer Freund. Ich ließ ihn vorausgehen. Im Gehen warf er den Körper hin und her, den Kopf hintenüber und ging mit Riesenschritten vorwärts.

»Ich bemerkte, daß hinten unter seinem Rockkragen eine Art Quaste hing.

»Was haben Sie denn da hinten hängen ?« fragte ich ihn.

»Wo ?« fragte er seinerseits und befühlte sich den Kragen. »Ach, das da? ei, das ist eine Quaste, wahrscheinlich soll das hübscher aussehen, deshalb ist sie auch wohl dort angenäht. Mir kann’s schon recht sein; sie hindert mich ja weiter nicht.«

Ich führte ihn zu meiner Bank und wir setzten uns nebeneinander hin.

»Hier ist’s schön!« sagte er mit Wohlbehagen tief aufathmend. »Wunder – wunderschön, hier wird Einem so wohl und so weh!«

Ich blickte ihn von der Seite an.

»Sagen Sie doch um’s Himmels Willen, was haben Sie da für eine Mütze?« rief ich unwillkürlich. »Zeigen Sie doch!«

»Ei, recht gern, junges Herrchen, recht gern.«

Er nahm seine Kopfbekleidung ab; ich streckte die Hand aus, sie zu nehmen, blickte ihn an und brach in ein lautes Lachen aus. Punin war vollkommen kahlköpfig, kein Haar auf seinem spitzzulaufenden, glänzendweißen Schädel zu sehen, nur einige wenige dünne Haare waren noch auf dem Hinterkopfe geblieben.

Er fuhr mit der Hand über denselben hin und lachte mit mir. Wenn er lachte, verzog sich sein Gesicht gerade als ob er sich verschluckt hätte, sein Mund öffnete sich weit, die Augen schlossen sich und drei Reihen Runzeln liefen von unten nach oben wie Wellen über – seine Stirn.

»Nicht wahr,« sagte er endlich, »ein Kopf wie ein Ei?«

»Ein richtiges Ei, da haben Sie recht,« bestätigte ich ihm entzückt. »Und, sind Sie schon lange so ?«

»Ach, schon lange – und was für Haare ich hatte! Das reine goldene Fließ, wie jenes, nach welchem die Argonauten über’s Meer schifften.«

Obgleich ich erst zwölf Jahre alt war, so wußte ich doch schon aus meinen mythologischen Studien, wer die Argonauten waren; mich setzte daher diese Bemerkung im Munde eines so ärmlich gekleideten Menschen noch mehr in Erstaunen.

»Sie haben also die Mythologie studirt?« fragte ich ihn, das Ungethüm von Mütze, das die Gestalt eines alten wattirten Helms hatte, in der Hand drehend und wendend.

»Auch die hab’ ich studirt, mein liebes, junges Herrlein! Ach, manches hab’ schon im Leben durchgemacht. Jetzt aber geben Sie mir, bitte, mein Sturm- und Wetterdach zurück, meinen kahlen Schädel zu schützen.«

Er stülpte sein Ungethüm wieder auf und fragte mich, während er seine struppigen weißlichen Augenbrauen glattstrich, wer ich denn eigentlich wäre und wer meine Eltern?

»Ich bin der Enkel der hiesigen Gutsbesitzerin,« antwortete ich, »ich bin ihr einziger Enkel, Papa und Mama sind beide todt.«

Punin schlug gottesfürchtig ein Kreuz. »Gott verleih’ ihnen die ewige Ruh’ und das Himmelreich! Eine Waise also und – ein Erbe! Ja, ja, das adelige Blut war mir bei Ihnen gleich bemerkbar; das fällt gleich in die Augen, wallt und kocht . . . sch . . . sch . . . sch . . . sch!« Er bewegte seine dünnen Finger auf und ab, um zu zeigen; wie das Blut wallt. »Nun, wissen Ihre Wohlgeboren nicht vielleicht, ist mein Kamerad mit Ihrer Großmutter einig geworden, hat er die Stelle bekommen, die ihm zugesagt war?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

Punin seufzte laut auf.

»Ach, wenn wir uns hier niederlassen könnten, wenn auch nur eine Zeit lang! So aber das ewige Hin- und Herziehen, ohne Obdach, ohne Ruhe, die Seele kann da gar nicht wieder zu sich selbst kommen . . .«

»Sagen Sie mir doch,« unterbrach ich ihn, »gehören Sie nicht . . . zum geistlichen Stande? War Ihr Vater nicht im Dienst der Kirche?«

Punin wendete sich zu mir um und blinzelte mich an. »Was ist wohl die Ursache dieser Frage, mein Jüngling?«

»Je nun, Sie gebrauchen zuweilen solche Ausdrücke, wie man sie in der Kirche hört, wenn der Psalmist die Horen (horae) liest.«

»Sie meinen slavonische Phrasen? Je nun, das braucht Sie nicht in Erstaunen zu setzen, im gewöhnlichen Leben sind solche Reden und Sprüche nicht anwendbar, wenn man aber in Begeisterung geräth, dann freilich kommen Einem erhabene Gedanken. Hat Ihnen denn Ihr Lehrer der russischen Literatur das nicht erklärt ?«

»Nein, davon hat er nie mit mir gesprochen,« antwortete ich. »Wenn wir auf dem Lande sind, habe ich auch keine Lehrer. In Moskau aber ihrer eine Menge.«

»Und bleiben Sie lange auf dem Lande?«

»Etwa zwei Monate, nicht länger, Großmama sagt, daß mich das Landleben verwöhnt. Eine Gouvernante ist auch hier bei mir.«

»Eine Französin?«

»Ja, eine Französin.«

Punin kratzte sich mit dem Finger das Ohr. – »Eine alte Mamsell wahrscheinlich ?«

»Ja, sie nennt sich Mademoiselle Friquet.«

Ich schämte mich mit einem male gestanden zu haben, daß ich zwölfjähriger Mensch nicht einen Erzieher, sondern noch eine Erzieherin habe und ich beeilte mich hinzuzufügen: »Aber ich mache mir nichts aus ihr, lasse mir nichts von ihr gefallen . . . «

Punin schüttelte den Kopf. »O, adeliges Junkerlein, Junkerlein! wirst bald kein Russe mehr sein – kommt fremdes Zeug in den Kopf hinein – wirst selbst ein Fremder sein! . . .«

»Wie, Sie reden ja in Versen ?« fragte ich verwundert.

»Das merken Sie jetzt erst? Oh! sattle ich nur meinen Pegasus – kommt meine Rede gleich in Fluß! . . .«

In diesem Augenblicke erschallte im Garten hinter uns ein greller Pfiff. Mein Gesellschafter sprang behende auf, – »Leben Sie wohl, junges Herrlein; mein Kamerad sucht und ruft mich . . . Was wird er mir Neues sagen? Leben Sie wohl und bleiben Sie mir gewogen.«

* * *

Er huschte durch die Büsche und verschwand; ich aber blieb noch auf meiner Bank sitzen. Ich fühlte eine gewisse angenehme Veränderung in mir vorgehen, gerade als ob ich um Vieles älter geworden. Einen Menschen der Art hatte ich noch im Leben nicht gesehen. So saß ich eine Zeitlang in Gedanken . . . da fiel mir meine vergessene Mythologie ein und ich schlenderte nach Hause. Zu Hause erfuhr ich, daß die Großmutter Baburin bei sich als Gutsschreiber angestellt habe; man hatte ihm im Dienerschaftsflügel auf dem Stallhofe ein Zimmerchen angewiesen, wohin er auch schon mit seinem Kameraden übergezogen war.

Als ich am andern Morgen meinen Thee getrunken hatte, machte ich mich sogleich, ohne bei Mademoiselle Friquet um Erlaubniß zu bitten, auf den Weg dahin. Ich fühlte das Bedürfniß, mich wieder mit jenem sonderbaren Menschen zu unterhalten. Ohne an die Thür zu klopfen – eine Gewohnheit, die bei uns ganz unbekannt war – trat ich ohne Weiteres in’s Zimmer. Wen ich gesucht hatte, meinen neuen Freund Punin, fand ich nicht vor, wohl aber seinen Beschützer, den Philantropen Baburin. Er stand ohne Rock mit weit , auseinandergespreizten Beinen vor dem Fenster und rieb sich sorgfältig mit einem langen Handtuche den Kopf ab.

»Was ist Ihnen gefällig 2« sagte er mich anblickend, ohne seine Beschäftigung einzustellen und die Brauen, wie unzufrieden über die Störung, zusammenziehend.

»Ist Punin nicht zu Hause?« fragte ich so ungezwungen wie möglich.

»Herr Punin, Nikander Wawilitsch, ist augenblicklich nicht zu Hause,« antwortete Baburin, ohne sich zu beeilen; »erlauben Sie mir jedoch, Ihnen zu bemerken, junger Mensch, daß es nicht anständig ist, so, ohne zu fragen, in ein fremdes Zimmer einzudringen.

Junger Mensch? das mir? Wie durfte er es wagen! – Vor Zorn stieg mir das Blut zu Kopf.

»Sie kennen mich wahrscheinlich noch nicht,« hub ich nicht mehr in ungezwungenem, wohl aber in hochfahrendem Tone an: »ich bin der Enkel Ihrer Gutsbesitzerin!

»Das ist mir vollkommen gleich,« erwiderte Baburin, sein Handtuch wieder zur Hand nehmend. »Wenn Sie auch der Herrschaft Enkel sind, so steht Ihnen damit das Recht nicht zu, ohne anzuklopfen und zu fragen in ein fremdes Zimmer zu dringen.«

»Was ist denn das hier für ein fremdes Zimmer ? Was fällt Ihnen ein? Ich bin hier – wie überall – im eigenen Hause.«

»O nein, da sind Sie in einem gewaltigen Irrthum. Hier bin ich zu Hause, weil nach Abmachung dieses Zimmer mir für meine Arbeit überwiesen ist.«

»Ich bitte, keine Lehren;« unterbrach ich ihn; »ich weiß besser als Sie, daß . . .«

»Sie müssen noch lernen,« fiel er mir scharf in’s Wort, »Sie sind noch in dem Alter, wo man lernt und nicht lehrt . . . Was mich betrifft, so kenne ich meine Verpflichtungen, aber auch meine Rechte vollkommen gut; wenn Sie also fortfahren, auf diese Weise mit mir zu reden, so muß ich Sie bitten, mich zu verlassen . . .«

Womit dieser Streit geendet haben würde, weiß ich nicht, in diesem kritischen Augenblicke aber kam, hin und her schwankend und mit langen Schritten, Punin in’s Zimmer. Aus unsern Gesichtern errieth er wahrscheinlich, daß irgend eine unfreundliche Begegnung zwischen uns stattgefunden haben müsse, denn er streckte mir freundlich lächelnd seine beiden Hände entgegen und rief aus:

»Ah Herrlein, Herrlein! mich zu besuchen gekommen!« (Was ist denn das? Dachte ich, es scheint fast, als ob der Sonderling mich schon dutzt?) »Wollen wir rasch in den Garten gehen; was ich da Herrliches gefunden habe! . . . Was sollen wir im dumpfigen Zimmer sitzen.«

Ich folgte Punin; auf der Thürschwelle hielt ich es jedoch meiner Würde angemessen, noch einen herausfordernden Blick auf Baburin zu werfen. Er antwortete mir mit einem gewissen geringschätzenden Achselzucken und blies sogar auf sein Handtuch, wahrscheinlich um anzudeuten, wie wenig er sich aus mir mache.

»Welch’ ein unverschämter Mensch Ihr Freund ist!« sagte ich zu Punin, als sich die Thür hinter uns geschlossen hatte.

Mit großer Bestürzung blickte mich Punin, plötzlich stehen bleibend, an.

»Von wem belieben Sie so zu reden?« fragte er mich anstierend.

»Nun, natürlich von ihm . . . wie nannten Sie ihn doch noch . . . von diesem Baburin.«

»Von Paramon Semeonitsch?«

»Nun ja, von jenem braunen Tatarengesicht.«

»Ei, ei, ei! Herrlein, Herrlein! Wie können Sie wohl dergleichen reden?! Paramon Semeonitsch ist der ehrenhafteste, würdigste Mensch auf Gottes Erdboden, voll der strengsten Grundsätze, ein ganz außergewöhnlicher Mensch! Freilich, beleidigen läßt der sich nicht, weil er seinen Werth kennt. Mit dem, mein Lieber, muß man höflich umgehen, das ist – und hier neigte sich Punin herab zu meinem Ohr und flüsterte – ein Republikaner!«

Verdutzt blickte ich Punin an. Eine solche Aufklärung hatte ich durchaus nicht erwartet. Aus meinen Geschichtsbüchern wußte ich, daß die Griechen und Römer in früheren Zeiten einmal Republikaner gewesen waren und stellte mir diese in Helmen und runden Armschilden und mit bloßen Beinen vor; daß es aber in unserer Zeit, besonders in Rußland im Twerschen Gouvernement, noch Republikaner geben solle, das verwirrte meine Begriffe und schien mir unbegreiflich.

»Ja, ja, mein Lieber, ja, Paramon Semeonitsch ist ein Republikaner,« wiederholte Punin; »so und nun werden Sie künftig wissen, wie Sie von einem solchen Menschen zu reden haben! Jetzt aber kommen Sie in den Garten. Stellen Sie sich vor, ich habe da ein Kukuksei in einem Rothschwänzchennest gefunden! Wunderbar, nicht wahr?«

Ich folgte Punin in den Garten, immer aber wollte mir Baburin nicht aus dem Sinn und ich wiederholte beständig in Gedanken: Republikaner! Re- pu—bli–ka—ner! »Aha,« schloß ich endlich, »jetzt weiß ich auch, woher er einen so blauen Bart hat.«

* * *

Mit diesem Tage stellte sich mein Verhältniß zu den beiden Persönlichkeiten fest. Baburin erweckte in mir ein mehr feindliches Gefühl, welches sich jedoch bald mit einer gewissen Achtung gegen denselben verband. Noch mehr aber fürchtete ich ihn, selbst auch dann noch, als das Schroffe in seinem Wesen gegen mich nach und nach verschwand. Daß ich Punin durchaus nicht fürchtete, braucht wohl kaum erwähnt zu werden; ich achtete ihn nicht einmal, ich hielt ihn geradeheraus – für einen Narren; ich war ihm aber von ganzem Herzen zugethan. Ganze Stunden allein mit ihm zuzubringen, seinen Erzählungen zu horchen, war für mich ein großer Genuß. Der Großmutter gefiel diese »intimité« mit, wie sie es nannte, gemeinen Menschen, »du commun«, durchaus nicht; sobald ich mich jedoch nur wegschleichen konnte, eilte ich immer gleich zu meinem sonderbaren Freunde. Unsere Zusammenkünfte wurden besonders häufig, nachdem uns Mademoiselle Friquet verlassen hatte, welche die Großmutter zur Strafe dafür nach Moskau zurückschickte, daß sie es sich hatte einfallen lassen, einem durchreisenden Stabscapitän der Armee über die in unserem Hause herrschende entsetzliche Langeweile zu klagen. Auch Punin fühlte sich durch die fortdauernden langen Unterhaltungen mit mir, dem zwölfjährigen Knaben, – nicht gelangweilt; er schien sie sogar selbst zu suchen.

Wie manche Erzählung bekam ich so zu hören, auf dem trockenen dichten Rasen, im Schatten einer dichtbelaubten säuselnden Silberpappel, oder im Schilfrohr am Weiher, oder auf dem feuchten grobkörnigen Sande am Ufer sitzend, aus welchem dicht verschlungene, schlangenförmig sich windende, knorrige Baumwurzeln hervorstarrten! Hier erzählte mir Punin ausführlich seine ganze Lebensgeschichte, seine glücklichen und unglücklichen Stunden, an welchen ich stets so aufrichtig Theil nahm. Sein Vater war Diakonus bei einer Dorfkirche gewesen – ein ausgezeichneter Mann, wie er sagte – nur zuweilen, wenn er einmal ein Gläschen zu viel getrunken hatte, unerbittlich strenge.

Punin selbst hatte seine Erziehung im Seminar genossen, war jedoch bei der Prüfung »durchgefallen« und da er keine Neigung zum geistlichen Berufe in sich fühlte, hatte er diesen gegen den weltlichen vertauscht, hatte in Folge dessen durch Feuer und Wasser gehen und das ganzes Märtyrthum eines armen Menschen durchmachen müssen, bis er zuletzt an den Bettelstab gerathen war. »Und wenn ich dazumal nicht mit meinem Retter und Wohlthäter Paramon Semeonitsch bekannt geworden wäre,« fügte Punin gewöhnlich hinzu, »so wäre ich wohl im Schlamm des Lasters versunken und stecken geblieben.« Eine besondere Vorliebe hatte Punin für schwülstige zu seiner Zeit noch übliche Reden; alles setzte ihn in Erstaunen, über das geringste gerieth er wie ein Kind in Entzücken. Um ihm nachzuahmen fing auch ich bald an Alles zu übertreiben, so daß meine alte Amme zu mir zu sagen pflegte: »Du sprichst ja als ob Du besessen wärest; schlag’ fleißig das Kreuz, was schwatzest Du für unsinniges Zeug!« So sehr mich aber auch Punin’s Erzählungen unterhielten, so liebte ich doch noch mehr, wenn wir zusammen lasen. So saßen wir oft in einem unserer heimlichen Plätzchen nebeneinander und ergötzten uns an irgend einem nach Schimmel riechenden alten Folianten. Mit welchem Wohlbehagen horchte ich den schwülstigen Versen, die er besonders liebte und die er mir mit näselnder Stimme verzückt vordeclamirte. Eine besondere Eigenthümlichkeit hatte er noch beim Vorlesen: zuerst brummte er leise vor sich den Vers her – er nannte das »Brouillonlesen;« dann schmetterte er denselben Vers »in’s Reine« laut hervor und sprang vor Aufregung zitternd auf. . . So lasen wir mit ihm die Autoren jener alten Zeit: Lomonóssow, Ssumarókon und Kantemir (je älter die Verse waren, desto mehr waren sie nach Punin’s Geschmack), ja selbst »die Russiade« von Cheraskow. Soll ich die Wahrheit gestehen, so muß ich sagen, daß mir damals diese »Russiade« am meisten gefiel. In derselben ist die Hauptperson der Handlung eine muthige Tatarin, eine Riesen-Heldin, deren Namen ich jetzt sogar vergessen habe; ich erinnere mich, mäuschenstill, während mir bald kalt bald warm wurde, dagesessen zu haben, sobald nur von ihr die Rede war.

In unserem Hause stand die Literatur und besonders die russische Poesie in schlechtem Rufe; man hielt sie, wie in ähnlichen Kreisen überall damals, für etwas unanständiges, abgeschmacktes; nach der Meinung der Großmutter konnte jeder Dichter nur ein Trunkenbold oder ein ausgemachter Dummkopf sein. In ähnlichen Begriffen aufgewachsen, hätte ich eigentlich mich mit Widerwillen von Punin abwenden müssen, um so mehr, als derselbe unsauber und nachlässig gekleidet war, was meine aristokratischen Gewohnheiten beleidigte, das Gegentheil aber von dem geschah: – meine Zuneigung zu ihm wuchs von Tag zu Tag und ich fing sogar selbst an mich im Verseschreiben zu üben; mein erstes Gedicht war die Beschreibung einer Drehorgel, in welchem folgende Zeilen mir besonders gelungen schienen:

Es drehet sich die dicke Walz’

Und ihre Zähne machen – Schnalz!


Auch Punin gefiel die Tonnachahmung des Anschlagens der Zähne, meinte aber sonst, der Stoff des Gedichts sei kein erhabener und ermögliche keinen rechten lyrischen Schwung.

Ach, alle diese poetischen Versuche, unsere einsame Lectüre, unser idyllisches Zusammenleben sollten mit einemmale ein unerwartet schnelles Ende nehmen. Wie ein Donnerschlag brach das Unheil über uns herein.

* * *

Die Großmutter sah streng auf Reinlichkeit und Ordnung, ganz in der Art wie damals die an die pünktlichste Ausführung von Befehlen gewöhnten Generale; so mußte denn auch unser Garten ziemlich rein und ordentlich gehalten werden. Zu dem Zwecke wurden denn auch alle ledigen Bauernbuschen (die Haus und Land besitzenden Bauern hatten ihre anderweitigen Feldarbeiten), alle alten Bauerninvaliden und die überzähligen und sonst unbeschäftigten Haus- und Hofdiener zusammengetrommelt und zum Jäten und Reinigen der Wege und Beete, zum Auflockern der Erde u. Dgl. m. Angehalten. Einst nun, als Alles eifrig zusammen arbeitete, begab sich die Großmutter in den Garten und nahm mich mit sich. Ueberall zwischen den Bäumen, auf den Rasenplätzen und am Weiher schimmerten die weißen, rothen und dunkelblauen Hemden der Arbeitenden hervor, überall hörte man das Harten der Rechen, den dumpfen Stoß der Spaten, das Graben der Schaufeln. Durch die Reihen der Arbeiter gehend, bemerkte die Großmutter mit ihrem Falkenblick sogleich einen von ihnen, der weniger eifrig als die andern zu arbeiten schien und mit einer gewissen Unlust vor ihr die Mütze abnahm. Es war dies ein noch junger Bursche mit einem vom Trunk bereits entstellten Gesicht und müden, trüben Augen. Sein leichter Nankin-Kaftan war so zerrissen und gestickt, daß er kaum noch auf seinen schmalen Schultern zusammenhielt.

Punin und Baburin

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