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5. Februar 2013

Was ich mir für das neue Jahr nicht alles vorgenommen habe an guten Taten, für mich selber, für meine Gesundheit, für meine Leistungsfähigkeit. Viel davon umgesetzt habe ich noch nicht, obwohl ja schon wieder fünf Wochen herum sind. Schlechtes Gewissen? Vielleicht ein bisschen. Und vermutlich nur deshalb konnte folgendes geschehen: Vorige Woche habe ich eine kleine Notiz in der Zeitung gelesen mit der verheißungsvollen Überschrift: “Neue Kurse im Aqua-Jogging“. Da ich seit langer Zeit der Überzeugung bin, bei passendem Angebot endlich mal etwas Sportliches machen zu wollen, habe ich zum Telefon gegriffen und angerufen. Etwas erschrocken war ich schon, als ein lebendiger Mensch den Hörer abnahm, denn ich dachte, ich erhielte zunächst Informationen in Form einer automatischen Ansage.

„Ab wann läuft denn der Kurs?“ fragte ich nach ersten Erläuterungen des vermutlich sportlichen Herrn am anderen Ende der Leitung etwas forscher, als mir zumute war.

„Wir haben letzte Woche angefangen, Sie können sofort einsteigen.“ Oh. Nun war es geschehen. So schnell fiel mir keine Ausrede ein. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich unmittelbar anzumelden.

Heute nun ist der erste Tag meiner sportlichen Aktivitäten. Im Schwimmbad treffe ich auf künftige Mitsportlerinnen, die mir als Anfängerin ein paar Dinge auf den Weg geben. Insbesondere registriere ich den Satz „Ab morgen haben Sie Muskelkater. Ich jedenfalls konnte nach dem ersten Tag nicht die Treppe hoch.“ Das sind ja Aussichten.

Richtig glücklich bin ich nicht, als ich in meinem Badeanzug den Weg von den Duschen bis zum Beckenrand gehe. Wabbeln auch bei den anderen die Oberschenkel so sehr? Und wieso bin ich nicht darauf gekommen, die Schienbeine zu enthaaren? Ich bin froh, als ich endlich im Wasser bin. Zum Einsatz kommen allerhand bunte Plastikteile, die bei der sportlichen Ertüchtigung helfen sollen. Die Kursleiterin, eine drahtige Sportstudentin, sieht jeden Fehler, den wir machen; das Wasser ist aber auch zu durchsichtig. Doch insgesamt klappt es ganz gut, obwohl ich mehrfach einen Wadenkrampf habe. Wir werden recht heftig rangenommen, aber zum Spielen sind wir ja nicht hier. Es macht auch Spaß, dennoch bin ich froh, als meine erste Sportstunde seit Jahrzehnten abgepfiffen wird.

Vor dem Verlassen des Wassers höre ich die freundlich gesprochenen Worte „Ladies first“, und darf mich vor dem einzigen männlichen Teilnehmer die Leiter hoch hangeln. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie meine Hinterseite jetzt von unten aussehen mag.

12. Februar

Im Supermarkt an der Kasse. Es ist ziemlich voll im Laden, doch ich bin als nächste an der Reihe. Hinter mir vernehme ich plötzlich von einer jungen Männerstimme diesen Satz: „Klar, dass die Alten mittags einkaufen müssen. Da ist ja viel mehr los als morgens, wenn sie Zeit hätten und nicht stören würden.“

Niemand auch nur annähernd Altes außer mir befindet sich im Kassenbereich. Der meint mich. Offenbar sehe ich nicht aus wie eine Person, die gerade von der Arbeit kommt. Ich könnte ihm jetzt sagen, dass ich mich in der letzten Stunde erfolgreich mit einem englischen Text beschäftigt habe. Als einzige Lösung fällt mir ein, meinen 10-Cent-Betrag hinter dem Komma nun in Ein- und Zwei-Cent-Stücken aus der Geldbörse zu kramen, was ja normalerweise schon dauert, jetzt aber erst recht. Ganz wie die Alten es oft und gerne tun und damit den zügigen Ablauf stören. Das muss jetzt einfach so sein. Natürlich drehe ich mich nicht um, das Gesicht dieses im aktiven Berufsleben stehenden Jungmenschen möchte ich gar nicht sehen. Vermutlich wird er wütend sein und sich in seiner Annahme bestätigt sehen, dass die Alten eben nur stören, wo immer sie auch auftreten. Erst später fällt mir ein bissiger und richtig gemeiner Satz ein, den ich gut vernehmlich hätte vor mich hin sagen können: „Gut, dass manche Menschen noch in jungen Jahren zu Tode kommen, und damit erst gar nicht alt werden können.“ Schade! Diesen äußerst bösartigen Satz wäre ich wirklich gerne losgeworden.

15. Februar

Das Büro, in dem ich arbeite, veranstaltet anstelle der sonst im Dezember üblichen Weihnachtsfeier einen Abend für alle Mitarbeiter in einer Kochschule. Anstatt gemütlich am Tisch zu sitzen und aufs Essen zu warten, wie alle Jahre vorher, sollen wir ein mehrgängiges Menü unter fachlicher Anleitung selbst zubereiten. Auch die beiden Chefs beteiligen sich und haben artig eine der bereit liegenden Schürzen angezogen.

Besonders glücklich bin ich über diese Form der Abendgestaltung nicht; großes Vergnügen am Kochen habe ich schon lange nicht mehr. Vielleicht hätte mein Mann stellvertretend für mich hingehen sollen? Hannes kocht wirklich gern und hätte so manches dazulernen können. Aber egal, ziehen wir es durch.

Eine Auszubildende und ich bleiben in der zweiten Reihe stehen, und gucken über diverse Schultern, denn es gibt mehrere gestandene Hausfrauen im Kolleginnenkreis, die erkennbaren Spaß am Schnippeln und Abwiegen, am Würzen und Rühren und all den anderen Notwendigkeiten haben, die fürs Zubereiten einer ganz besonderen Mahlzeit erforderlich sind, und sich schwer ins Zeug legen.

Wie es kommt, weiß ich nicht, aber plötzlich stehen die Azubi und ich nebeneinander und schneiden Zwiebeln. „Haben sie uns jetzt doch erwischt?“ frage ich, und wir müssen beide laut lachen. Das lassen wir aber schnell wieder bleiben, denn uns erreichen tadelnde Blicke von manchen emsigen Köchinnen, die mit großem Ernst bei der Sache sind.

Dieser etwas übertriebene Ernst verschwindet jedoch mit der Zeit und wohl auch einer beherzteren Inanspruchnahme der dargebotenen alkoholischen Getränke wegen. Einige Stimmen werden immer lauter, die Gesichter röter. Gelacht wird bald über jeden Mist, vor allen Dingen über die nicht immer gelungenen Scherze unserer Chefs. Doch sie meinen es zweifellos gut und wollen, dass alle fröhlich und guter Dinge sind.

Über den Abend hinweg versorgt mit einem Glas Sekt, einem alkoholfreien Cocktail und zwei Gläsern Wein beobachte ich das Auftreten mancher Kolleginnen mit Verwunderung. Nichts scheint ihnen peinlich zu sein. Einige wirken etwas derangiert, zwei von ihnen haben eigenartig starre Blicke.

Natürlich hätte ich nichts gegen ein weiteres Glas Wein gehabt, eigentlich. Doch nie in meinem Berufsleben habe ich es riskiert, mich angetrunken einem Vorgesetzten gegenüber zu präsentieren. Als gegen Ende noch eine Flasche grünes Zeugs in kleine Gläser verteilt wird und ich dankend ablehne, werde ich als „öder Langweiler“ tituliert. Mag schon sein, aber Hauptsache, nicht besoffen.

Am späten Abend zuhause genehmige ich mir dann doch noch ein Glas Rotwein, da ich viel zu überdreht bin, um schon ins Bett zu gehen. Sollten meine Gesichtszüge jetzt noch entgleisen, merkt es ja keiner.

23. Februar

Mein schlechtes Gewissen sorgt dafür, dass ich mich trotz heftigen Schneefalls endlich mal wieder aufmache, das Grab meiner Mutter zu besuchen. Die Anreise zum Melaten-Friedhof ist nicht einfach, denn die Straßenbahn ist voll wegen des bevorstehenden Fußballspiels. Regelrecht reinzwängen muss ich mich, da die FC-Fans versuchen, eine Barriere zu bilden; sie finden, in der Bahn sei für niemanden mehr Platz.

Als ich später den Friedhof verlasse, ist es noch zu früh für die Heimfahrt; das Fußballspiel beginnt erst in einer halben Stunde, also werden die Bahnen immer noch stark frequentiert sein. Mir kommt die Idee, zunächst Richtung Innenstadt zu fahren, um dort in einem Supermarkt einzukaufen. Als ich mit meiner gut gefüllten Plastiktüte endlich die Heimreise antreten will, kommen ausschließlich Sonderzüge, die am Eingangsbereich des Stadions enden. Ärgerlich, aber nicht zu ändern.

Das Spiel hat erst vor wenigen Minuten begonnen, doch schon ist großer Jubel zu vernehmen, und anschließend „Un wenn et Trömmelchen jeht ...“, mit tausendfacher Unterstützung aus Kölner Männerkehlen. Das gefällt mir.

Kurz bevor ich den regulären Haltestellenbereich erreiche, hält mir ein Mann zwei leere Bierflaschen entgegen, wobei er mich freundlich und aufmunternd anlächelt. – ?? –

Er hält mich wohl für eine Leergutsammlerin, vielleicht nicht nur der gut gefüllten Plastiktüte wegen, die ich dabei habe. Ich wage es nicht, abzulehnen, und nehme die beiden Flaschen entgegen. Mein Gesicht ist knallrot, das spüre ich. Ich stelle die beiden Flaschen schließlich neben den nächsten Mülleimer, gucke aber vorher, ob der edle Spender das auch nicht sieht.

25. Februar

Mit meiner Freundin Ines gehe ich ins Kino, ins „Residenz“. Es ist mein Geschenk für sie zum 60. Geburtstag, den sie kürzlich gefeiert hatte. Wir sehen uns den Film „Quartett“ an, in dem es um ehemalige britische Musiker und Sänger geht, die ins Altenheim übersiedeln müssen. Skurrile Charaktere werden mit großem Einfühlungsvermögen, aber auch Witz geschildert. Wir bekommen viel zu lachen, ohnehin fühlen wir uns wohl in dem gemütlichen Vorführraum, dessen Seitenwände ausgestattet sind mit Regalen voller Bücher.

Später gehen wir im „Farmers“ etwas essen. Wir sitzen am Fenster, genießen unsere Mahlzeit und reden über alles Mögliche. Und da beginnt das Problem. Dauernd fallen uns mitten im Satz Namen, Ortsbezeichnungen oder sonstige Dinge nicht ein, die wir aber unbedingt mitteilen wollen und eigentlich auch wissen müssten. Wer uns zuhört, könnte vermuten, wir würden einen Sketch vorführen, dabei ist es bitterer Ernst. Noch können wir darüber lachen, dass es uns so geht, aber wie lange noch? Das Problem mit der Vergesslichkeit wird mit der Zeit wohl eher noch schlimmer, fürchten wir.

26. Februar

Aqua-Jogging. Oder heute mal nicht? Ganz sachte erst, aber dann immer deutlicher wächst in mir der Gedanke, nicht teilzunehmen. Meine Entscheidung zögere ich so lange heraus, bis es ohnehin zu spät wäre, pünktlich im Wasser zu sein. Welch ein tolles Gefühl. So als würde ich die Schule schwänzen. Ich könnte natürlich nun ein bisschen bügeln oder etwas im Haushalt tun, doch wenn ich jetzt im Schwimmbad wäre, könnte ich das ja auch nicht.

Ich lege mich ins Bett, um in meinem Buch weiter zu lesen. Unsere Katze Maja folgt sofort nach. Lange Zeit lese ich, fühle mich richtig wohl dabei, und stehe erst um kurz nach halb sieben auf. Um diese Uhrzeit würde ich nach getanem Wassersport wieder zuhause eintrudeln. Diese mehr als zwei Stunden, die ich im warmen Bett gelegen habe, waren bestimmt besser für mich als das ganze Gehampel im Wasser, vom anschließenden Laufen durch die derzeitige Kälte mal ganz zu schweigen. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Entscheidung, und die Katze vermutlich auch. Nächste Woche jedoch werde ich, die Sportlerin, wieder dabei sein.

28. Februar

Mittagszeit. Ich sitze in der Bahn, gleich neben mir steht ein junger Mann, der laut Musik hört. Ist es HipHop? Jedenfalls sind es merkwürdige Geräusche, die sich ständig wiederholen. Nicht nur ich schaue ihn vorwurfsvoll an, sondern auch andere. Keiner sagt was. Ich möchte das auch nicht tun, denn er wirkt etwas grob. Doch zu meiner Überraschung höre ich plötzlich den Satz: „Können Sie das bitte was leiser machen, wir werden hier schon alle bekloppt.“ Es sind meine Worte, die ich völlig ungewollt und auch ungewohnt laut ausgesprochen habe. Er dreht tatsächlich leiser. Ich bin nun ein bisschen nervös, was sich aber wieder legt, als er drei Stationen vor meiner eigenen Haltestelle aussteigt. Mitsamt seiner immer noch gut zu hörenden komischen Musik.

Immer häufiger habe ich den Mut, mich gegen etwas, das Verhalten eines Mitmenschen beispielsweise, zur Wehr zu setzen. Zwar fällt mir dabei auf, dass ich innerlich unruhig werde, leicht zu schwitzen beginne und das Gefühl habe, mein Herz schlage einen Takt schneller als sonst. Doch das nehme ich in Kauf, da ich weiß, dass ich mich schon Momente später besser fühle, weil ich diesmal eben nicht geschwiegen und mich nur im Stillen geärgert habe.

Insgesamt fällt mir in letzter Zeit aber auch auf, dass ich immer unduldsamer werde. Wenn jemand vor mir langsam hergeht oder dergleichen, werde ich plötzlich ruppig. Auch in der Bahn, wenn jemand mir zu nah kommt, auf dem Nebensitz, kann ich es kaum aushalten, sitzen zu bleiben, ohne ein bisschen zu rempeln. Ich will das dann eigentlich gar nicht, mache es aber trotzdem.

2. März

Im Weidener Rhein-Center findet eine Frühjahrsmodenschau statt, die ich mir anschauen möchte. Früh genug erreiche ich den Laufsteg, um mich in die 1. Reihe stellen zu können. Los gehts mit fetziger Musik. Die Models paradieren im Eilschritt vor den Zuschauern hin und her. Sehr schlanke Damen auf sehr hohen Absätzen führen hübsche Kleidung vor. Schon nach kurzer Zeit fällt mir auf, dass ich permanent versuche, den Bauch einzuziehen. Mit einer neben mir stehenden, etwa fünfzigjährigen Frau komme ich ins Gespräch. Als ich ihr das mit dem Bauch sage, muss sie grinsen.

„Ich würde zwar vielleicht noch in Größe 40 passen, aber ich stelle mir gerade vor, wie ich mit solchen Schuhen stöckeln würde. Wahrscheinlich läge ich innerhalb der ersten fünf Sekunden schon auf den Knien.“ vermutet sie. Wir begutachten dies, finden jenes schön, applaudieren am Ende und gehen wieder unserer Wege.

Später denke ich, dass ich mir für das Frühjahr nichts werde kaufen müssen. Das soeben dargebotene modische Zeug war überwiegend nichts für mich. Hosen mit wildem Muster, ein korallenrotes Kostüm. Und erst die kurzen Jacken und Blazer. Meine müssen stets lang sein, um die Hinterfront zu bedecken, doch solche gibt es in dieser Saison wohl nicht.

Mir ist ohnehin aufgefallen, dass ich viel zu viel Zeug im Kleiderschrank habe. Was ich mindestens ein Jahr nicht mehr anhatte, sollte ich entsorgen; Klamotten, die ich nicht trage, werden nicht moderner durchs Aufbewahren. Auch was mir farblich nicht mehr zusagt, kann weg. In brauner Kleidung fühle ich mich schon länger nicht mehr wohl. Vermutlich meiner grauen Haare wegen, die passen zu Braun nicht gut. Braun und Grau war im Übrigen auch die Zusammenstellung an dem Tag, an dem ich mir den Kommentar anhören musste über die Alten, die mittags gerne einkaufen und somit stören. Wie konnte ich bloß auf eine solch traurige Farbzusammenstellung kommen?

Mit meinem gedanklich zusammen gezimmerten Ergebnis der Modenschau kann ich zufrieden sein: Ich muss nichts Neues kaufen, werde dafür allerhand Altes ausmisten. Das haben die Organisatoren der Schau bestimmt nicht bezweckt; sie wollen ja Kundschaft in die Geschäfte locken.


3. März

Heute besuche ich ausnahmsweise eine Kinovorstellung allein, denn ich konnte niemanden dazu überreden, den Film „Renoir“ mit mir anzusehen. Viel zu früh erreiche ich das „Odeon“ auf der Severinstraße, was mir aber die Möglichkeit gibt, vorher noch etwas zu trinken. Im Nebenraum des Kinos befinden sich Tische und Sitzplätze, und ich kann, während ich meinen Cappuccino trinke, zuhören, worüber sich die Leute an den Nebentischen unterhalten. Wunderbar! Genau wie anschließend auch der Film, der vor allem durch ruhige Bilder und angenehme Farben besticht. Im Vorführraum sitzen fast nur Einzelpersonen, meist ältere Frauen. Genau wie ich. Meinen Kinonachmittag genieße ich wirklich, bin aber doch froh, dass ich nicht immer allein gehen muss.

21. März

Nachts, weit nach Mitternacht, werde ich wach. Ich bin jetzt 61. Die 60 klang irgendwie schöner, eine runde Zahl. Nun eben 61. Auch gut. Das letzte Jahr verging in erschreckendem Eiltempo. Es kommt mir ohnehin so vor, als verginge die Zeit von Jahr zu Jahr schneller. Und ich werde doch dabei auch immer schneller immer älter!

Nach dem Aufstehen steige ich auf die Waage: 69,7 kg; bisschen weniger als vor einigen Tagen. 70 kg ist mein von mir selbst angeordnetes Idealgewicht. Erfreulich, dass ich noch darunter liege. Ob sich das Wasserballett mittlerweile auswirkt?

Heute habe ich frei, spaziere für eine Weile durchs Rhein-Center, und bestelle zur Feier des Tages am Schluss im Eiscafé ein Milchspeiseeis mit Sahne, Schokostreuseln und diversen anderen Leckereien. Peinlich wird es, als die Lieferung kommt, denn es ist eine gewaltige Portion. Mein näheres Umfeld starrt auf mich und den Becher – sind die Blicke vorwurfsvoll oder voller Neid? Aber ich habe doch Geburtstag. Und überhaupt, ich wiege unter 70 kg, da darf ich doch wohl mal zulangen.

Am Nebentisch sitzen fünf Frauen um die 45. Sie werden von der Kellnerin einzeln mit Handschlag begrüßt. Sie reden über Mode und Kleidung, alle tragen viel Schmuck. Gut situierte Frauen offenbar. Und sie lästern ausufernd über eine Gisela. Auf einmal zischen die Worte „Pass auf, da kommt sie.“ herüber.

„Was?“ Eine sitzt mit dem Rücken zur eintreffenden Gisela und lästert munter weiter. „Still jetzt!“ Aha, jetzt hat sie verstanden, Gisela ist im Anmarsch. Und wird von allen aufs Herzlichste begrüßt, auch mit dem süßesten Lächeln vom schlimmsten Lästermaul. Wenn die sympathisch wirkende Gisela ahnen würde, wie über sie geredet worden ist. Was wohl passieren würde, wenn ich jetzt in aller Offenheit schildern würde, was ich in den vergangenen zehn Minuten alles vernommen habe?

27. März

Meine Schwiegermutter Janni und ich fahren nach Linz am Rhein. Nachdem wir am Bahnhof angekommen sind, gehen wir zunächst eine halbe Stunde am Rhein entlang, der mir hier schmäler vorkommt als in Köln. Die Sonne scheint, der Rhein glitzert. Später führt uns der Weg in die historische Altstadt, Fachwerk überall und hübsch gepflasterte Straßen. Jetzt, kurz vor Ostern, ist wenig los, was mir gefällt. Janni findet es zu ruhig; sie hat den Trubel lieber.

Unser Mittagessen können wir im Freien zu uns nehmen. Wir sind froh, nach den langen Wintermonaten mal wieder draußen sitzen können. Ich esse ausnahmsweise Fleisch, da die Speisekarte keins der von mir bevorzugten vegetarischen Gerichte anbietet.

Janni und ich gehen überaus freundlich miteinander um. Wir beide wollen uns so gut benehmen wie nur möglich, damit sich nicht wieder eine Missstimmung aufbaut wie vor Monaten, während und nach unserer Tour nach Aachen. Am Abend jenes Ausflugtages sind wir äußerst heftig aneinander geraten, wie wir es vorher noch nie erlebt haben. Anschließend hatten wir wochenlang nicht miteinander gesprochen.

Jetzt säuseln wir uns regelrecht freundliche Töne entgegen, lächeln pausenlos, und wer uns beobachtet, könnte denken, wir hätten uns so richtig lieb. Aber so wie Janni sich heute gibt, ist sie ja durchaus auch liebenswert. Doch sie kann eben auch anders. Wer weiß, vielleicht denkt sie umgekehrt ähnliches von mir.

Zurück in Köln, warte ich am Hauptbahnhof an ihrem Bahnsteig auf das Eintreffen ihres Zuges. Dort fragt eine ältere Frau, ob wir auch nach Euskirchen wollen. „Kann ich mich zu Ihnen stellen? Ich hab nämlich richtig Angst.“ verrät sie uns. Kurz darauf steigen beide gemeinsam und fröhlich redend in den Eifel-Express.

Am Abend rufe ich Janni an, um zu fragen, ob sie gut angekommen sei. „Ja, und ich hatte auch fast schon eine neue Freundin. Meine Mitreisende wollte sich nämlich mit mir verabreden. Aber ich hab gesagt, ich würde dauernd durch die Innenstadt von Euskirchen laufen, da würden wir uns sicher mal sehen.“

Schade eigentlich. Janni beklagt sich so häufig, sie habe zu wenige private Kontakte. Erst bei einem unserer letzten Telefonate ging es um das Thema. Das Gespräch endete wieder mal in jammerndem Tonfall. Janni glaubt, keine rechte Freude mehr am Leben zu haben, da sie nur wenig mit Leuten reden könne und kaum noch Besuch bekäme. Ich war froh, als das Telefonat beendet war, denn die fortwährenden Klagen über das schlechte Wohlbefinden kann ich nur schwer ertragen. Fast bin ich mir sicher, dass auch ihrem privaten Umfeld das ständige Jammern zu viel geworden ist, und manche Leute ihres gar nicht so kleinen Bekanntenkreises sich deshalb zurückgezogen haben. Die Kontakte werden weniger, das Klagen darüber größer. Da hätte Janni es auf eine Verabredung zum Kaffee mit der Zufallsbekanntschaft in der Euskirchener Fußgängerzone ruhig mal ankommen lassen können.


30. März

Ostersamstag. Ein Abendessen bei Hannes’ Mutter, doch mit dem Unterschied, dass wir das Essen diesmal selbst mitbringen. Janni fällt es immer schwerer, ein Essen zuzubereiten; vom vorherigen Einkaufen mal ganz abgesehen. Wieso sind wir nicht schon früher auf eine solche Idee gekommen? Es gibt einen Auflauf, bestehend aus Gemüse, Kartoffeln und kleinen Hähnchenschnitzeln, den wir zuhause vorbereitet haben und nur noch für eine Weile in den Backofen schieben müssen. Auf der Hinfahrt habe ich mich schon gedanklich darauf vorbereitet, dass Janni wieder ihr Schicksal beklagen wird, was auch nicht ausbleibt. Dennoch wird es ein recht netter Abend. Vielleicht liegt es an der großzügigen Weinauswahl?

31. März

Den Ostersonntag verbringen wir mit unserer Tochter Britta, ihrem Mann Robert, dessen Eltern sowie Roberts Bruder samt Anhang in der Deutzer Gaststätte „Lommerzheim“. Da keine Reservierung möglich ist, müssen wir früh vor Ort sein, um die Chance auf zwei freie Tische zu bekommen. Ich bin um viertel vor vier als Erste da und bleibe auch stramm vor der Türklinke des Eingangs stehen.

Punkt 16.30 Uhr werden wir in die gastliche Stube eingelassen, in der schon der Köbes dabei ist, den ersten Kranz Bier zu zapfen. Schnell schieben wir zwei Tische zusammen, und Brittas Schwiegermutter Marie beginnt damit, ihre mitgebrachten Servietten, Kerzen und bunten Ostereier auf dem Tisch zu verteilen. Schöne Idee.

Es folgen mehrere Stunden fröhlichen Zechens, eine andere Formulierung würde jetzt nicht passen. Immer wieder sehen wir ungläubige Blicke über unsere Tischdekoration wandern; sowas hat es in diesem Lokal sicher noch nie gegeben.

Guter Dinge und gut abgefüllt kommen Hannes und ich am späten Abend wieder daheim an. Unser Sohn Marvin hatte nicht mitgehen wollen; als Alkoholgegner und Vegetarier hätte er sich im Lokal zweifellos nicht wohl gefühlt. Er sitzt erwartungsgemäß in seinem Zimmer am PC.

5. April

Meiner Kollegin, die etwa 35 Jahre jünger ist als ich, teile ich mit, dass ich gleich nach Büroschluss die „Seniorenwoche“ im Kölner Gürzenich besuchen will. Dort werden Informationen rund ums Älterwerden geboten, Vorträge zur Ernährung und vermutlich allerhand nützliche Ratschläge. Mal gespannt. Der schönste Satz aber, mit dem die Kollegin mein Vorhaben kommentiert, ist dieser: „Da gehörst Du aber eigentlich noch nicht hin!“

12. April

Der Wecker schellt, und während ich mich hinüber lehne, um das Geräusch abzustellen, merke ich, dass ich Magenschmerzen habe. Auch nachts war ich wach, und spürte einen seltsamen Druck im Bauch. Das Essen war schuld, dachte ich, vielleicht war es zu viel. Während ich unter der Dusche stehe, überlege ich, ob es wirklich nur am Essen lag? An den Reibekuchen, dem Lachs und den drei Gläsern Rosé am vergangenen Abend.

Ich vermute eher, es hat mit dem neuen Computer-Programm zu tun, welches nicht nur ich, sondern alle meine Kolleginnen demnächst beherrschen müssen. Ich glaube, ich habe Angst davor. Angst, die Handhabung nicht gut zu verstehen oder umzusetzen. Seit Tagen weiß ich das alles, konnte aber das Thema verdrängen. Nur mein Unterbewusstsein lässt über einen gewissen Magendruck mitteilen, dass was im Argen liegt, dass ich ran muss, mich anstrengen, was auch immer. Jedenfalls fürchte ich mich vor dieser Aufgabe. Je älter ich werde, desto schwerer fällt mir die Umstellung auf neue Techniken.

Mittlerweile bin ich angezogen und geschminkt und gucke mich beinahe aufmunternd im Spiegel an. Es wäre doch gelacht, wenn es nicht gelingen würde. Ich muss mir nur alles, was zu tun ist, genau notieren, notfalls jeden einzelnen Schritt, der zu bewältigen ist, damit das Programm läuft. All meine Zettelchen haben mich doch auch nicht im Stich gelassen, als ich mich vor Jahren zu Beginn meiner Tätigkeit im Büro von einer Unmenge neuer Aufgaben und Arbeitsabläufe konfrontiert sah; ohne meine papiernen Hilfsmittel wäre ich verloren gewesen.

20. April

Meine Freundin Annelie und ich fahren mit dem Zug nach Siegburg. Ein hübscher Ort mit großem Marktplatz, auf dem sich diverse nette Cafés befinden. Es ist recht warm draußen, der Innenstadtbereich voller Menschen, und wir finden nur mit Mühe einen kleinen Tisch für uns. Wir essen Waffeln mit Kirschen und Sahne und begutachten das Publikum. Später führt uns der recht steile Fußweg hoch zum Michaelsberg mit der alten Klosteranlage; bei guter Sicht geht der Blick heute bis nach Bonn und hin zum Siebengebirge. „Toll. Das ist ja wie eine richtige Städtetour. Da braucht man gar nicht weit weg.“ meint Annelie.

„Ich glaube, wir haben noch eine Menge unbekannte Schätze rund um Köln, die wir entdecken könnten. Solange ich noch mein Jobticket genießen kann …“ antworte ich.

27. April

Das Geburtstagsgeschenk der Kinder wird heute in deren Beisein eingelöst: Im Theater am Tanzbrunnen tritt Volker Pispers auf. Wie immer greift er mutig und mit frechen Tönen alles an, was ihm im politischen Alltagserscheinen auf den Wecker geht.

Es gibt viel zu lachen, auch wenn einem oft das Lachen eher im Halse stecken bleiben könnte. Nämlich dann, wenn wir erkennen müssen, wie sehr wir doch von manchen Politikern veräppelt werden. Oder wenn klar ist, dass Entscheidungen nicht etwa zum Wohle des Volkes getroffen wurden, sondern eher, um die eigenen Pfründe zu sichern. Wir sollten in Zukunft viel kritischer hinhören und auch nicht alles glauben, was in den Zeitungen vermeldet wird.

Am späten Abend, als wir die Haustür aufschließen, kommt uns Katze Maja entgegen, und drängt sich fast aus der Tür. Sie hat vermutlich auf dem Teppich im Flur gelegen und auf uns gewartet. Drei ihrer winzigen Stofftiere, mit denen sie häufig spielt, liegen jedenfalls auf dem Boden.

28. April

Auf zum Beethovenpark, in dem wir schon bald die Allee in der Nähe der Kleingartenanlagen erreichen, die von vielen Kirschbäumen gesäumt ist. Alles blüht in zartem Rosa. Auf der Wiese unter einem besonders ausladenden (und daher wohl einladenden) Baum hat sich eine Gesellschaft von Japanern niedergelassen. Gut dreißig Menschen aller Altersstufen feiern fern der Heimat ihr Kirschblütenfest.

Sie haben Essen und Getränke mitgebracht, ein Kofferradio dudelt, und alle wirken ausgesprochen gut gelaunt und schwatzen um die Wette. Die Kinder toben durch die Gegend, achten aber darauf, dass die vielen Tulpen und Vergissmeinnicht, die auf den Wiesen wachsen, keinen Schaden nehmen.

Später sind wir bereits auf dem Heimweg, sehen jedoch vom Auto aus in der Nähe des Militärrings eine Schafherde. Die wollen wir uns mal ansehen. Soeben steigt auch der Schäfer aus seinem modernen Schäferwagen, einem Range Rover, hält in der einen Hand sein Handy, und öffnet mit der anderen das Gatter, welches einen Wiesenbereich einzäunt. Unter lautem Geblöke rennen und drängen die Schafe dorthin, wo es frisches, saftiges Gras für sie gibt. Sie kommen nahe an uns vorbei und es ist eine enorme Geräusch- und Geruchskulisse. Nun grasen sie, was einige Tiere mit angewinkelten Vorderbeinen tun. Vielleicht ist das praktischer, weil sie auf diese Weise die Grashalme genau vor dem Maul haben?

Ein runder Tag, ganz nach meinem Geschmack. Die Natur genießen, heute in Form von Kirschblüten und Schafen.


9. Mai

Beim heutigen „Jazz-Frühschoppen“, den wir wie immer mit unseren Freunden Anita und Ralf im Restaurant „Marienbild“ besuchen, entdecken wir erstaunliche Musikinstrumente: Luftpumpe, winzige Kinderflöte, Plastikgießkanne, eine kleine Blechkanne. Auf all diesen Gerätschaften wird gespielt, und der Musiker, der damit zum großen Vergnügen der Zuschauer interessante Geräusche produziert, geht auch während der Pause herum, um die „Kollekte“ zu sammeln. Wir loben seinen Einfallsreichtum.

„Alles, was sich dem nicht widersetzt, als Blasinstrument zu dienen, kann verwendet werden.“ grinst er uns an.

Während des Vormittags tanzen in unserer Nähe zwei ältere Frauen in kurzärmeligen Blusen. Meine Güte, die Oberarme, die wir auf diese Weise zu sehen bekommen, sind beeindruckend faltig. Beim späteren Blick zuhause in den Spiegel muss ich leider feststellen, dass meine Arme ähnlich aussehen. Muss ich jetzt alle Oberteile mit kurzen Ärmeln ausmustern? Nein, das werde ich nicht tun. Aber bei künftigen Neuerwerbungen sollte ich wohl aufpassen.


3. Juni

Nach einer Urlaubswoche beginnt wieder mein Arbeitsleben. Wie üblich fällt es mir nicht leicht, nach arbeitsfreien Tagen frohgemut den Weg zur Arbeit anzutreten. Nur Mut!

An der Haltestelle treffe ich Elsa, die sich nicht damit aufhält, auf mein freundliches „Guten Morgen“ zu reagieren, sondern mir zuruft: „Jetzt ist es aber gut zu sehen. Jetzt bist Du richtig grau.“

Zweifellos hat sie Recht, aber eine solche Aussage am Montagmorgen kann einen schon runter ziehen.

„Dafür habe ich aber noch alle meine Zähne, wenn sie auch schief sind.“ entgegne ich.

„Da sagst Du aber was. Das sind sie.“ Noch einen drauf.

„Danke für das nette Kompliment.“ quetsche ich heraus, durch meine schiefen Zähne hindurch.

„Damals war das ja auch nicht üblich, dass man die Zähne gerichtet bekam. Ist doch normal für damals.“ Diese Erklärung macht es auch nicht besser.

Nachdem Elsa mir, wie schon so oft, von ihrer permanenten Schlaflosigkeit berichtet hat, erreichen wir die Haltestelle, an der sie aussteigen muss. Und ich bin froh, dass ich nun in Ruhe weiterfahren kann. Ob ich künftig die Straßenbahn nehmen sollte, die zehn Minuten eher fährt? Aber dann viel zu früh am Arbeitsplatz anzukommen, um einer meist netten, nur ab und zu mal unangenehmen Person aus dem Weg zu gehen? Das erscheint mir wiederum auch übertrieben.

Am Nachmittag gehe ich zum Friedhof; heute ist Drei-Jahres-Tag. Meiner Mutter bringe ich Blumen und eine Kerze ans Grab. Das große Gräberfeld ist mittlerweile fast vollständig belegt, wobei das wohl tatsächlich der treffende Ausdruck ist. Ein gewaltiges, vielfarbiges Blumenmeer findet sich, welches heute von der Sonne verwöhnt wird. Es sieht prächtig aus, was nicht nur an den bunten Gestecken liegt, sondern auch daran, dass die gesamte Rasenfläche, welche die Grabstellen umrandet, voller Gänseblümchen und Butterblumen ist. Das würde meiner Mutter gefallen, da bin ich mir sicher.

Nachdem ich meine roten Gerbera und die Kerze deponiert habe, stehe ich am Grab. Mir kommt es so vor, als seien diese drei Jahre, immerhin mehr als 1.000 Tage, unglaublich schnell vergangen. Wenn das in diesem Tempo weitergeht, bin ja auch ich im Nullkommanichts fällig.

7. Juni

Heidi und ich sind auf dem Weg zur Arbeit. Auch sie kenne ich, ebenso wie Elsa, seit Jahren, da wir morgens um die gleiche Zeit die Straßenbahn nehmen. Während unserer gemeinsamen viertelstündigen Fahrt gibt es stets etwas zu erzählen. Heute geht es um das Unvermögen unserer Ehemänner, sich von manchen Dingen zu trennen.

„Ich bin mit einem Sammler verheiratet. Der verwahrt fast alles, weil er meint, es eines Tages noch brauchen zu können.“ erwähne ich.

„So eenen hab ich ooch.“ Heidi stammt aus Brandenburg, und ich höre ihr gern beim Reden zu. „Der hat im Keller Ecken voller Holz, Kisten voller Schrauben und braucht ooch noch die rostigen Nägel. Alle!“

„Manchmal kommt es mir so vor, als lebten wir im Museum. Einige Leute will ich gar nicht mehr zu uns einladen, weil bei denen alles perfekt ist. Da geniere ich mich.“ gebe ich zu.

„Vor paar Wochen hat mein Mann endlich mal anjefangen, den Keller auszumisten. Dauernd hab ich ihn ermahnt. Und dann hat er was jesucht und erinnert sich, dass es in der Mülltonne gelandet ist. Ich bin das jetzt schuld, weil er ja nur wegen mir aufgeräumt hat.“ meint sie, und möchte von mir wissen: „Verwahrst Du denn gar nichts?“

„Es geht so. Aber ich kann mich von Kleidungsstücken nicht so gut trennen. Ich habe Klamotten, die ich auch nach zehn Jahren immer noch mal anziehe. Es kommt auch vor, dass ich was Neues gekauft habe und etwas von den vorhandenen Sachen farblich dazu passt. Dann freue ich mich und sehe erst recht nicht ein, dass ich was wegwerfen oder in die Kleidersammlung packen soll. Wenn unsere Kinder nach unserem Tod die Schränke durchsehen müssen, steht Britta vielleicht da und sagt: “Guck mal, Marvin, diese Bluse hat Mama bei Deiner Einschulung getragen.“

Heidi muss gleich aussteigen, raunt mir aber noch zu: „Det mit dem Schämen würd ich mir aber nochmal überlegen, da müsstest Du drüber stehn. Wenn et bei den Freunden so ordentlich ist und sie trotzdem zu Euch kommen, scheint et ihnen doch zu jefallen.“

„Ich möchte nicht hören, was die hinterher dann zu reden und zu lachen haben, wie es bei uns wieder ausgesehen hat und so.“ erkläre ich.

„Det hörste ja ooch nich. Die sind ja dann aufm Heimweg.“ merkt sie grinsend an und verlässt die Bahn.

8. Juni

Mit Mann und Sohn sitze ich beim Abendessen.

„Nein danke, ich möchte nichts mehr.“ verkünde ich. Hannes und Marvin gucken mich an. Ungläubig. Auch grinsend.

„Ich hab nur gefragt, ob noch was da ist.“ erläutert Marvin.

Ach je, da hab ich wieder mal was falsch verstanden.

„Da gibt es so kleine Hörgeräte. Vielleicht solltest Du doch mal ran.“ ergänzt mein Sohn mit aufmunterndem Blick. Dazu sage ich nichts. Die Dinger sind nicht billig. Außerdem, und das ist wohl der Hauptgrund, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich mich mit so einem Gerät im Ohr wohl fühlen würde. Also vorerst nicht so viele Antworten geben, sie könnten für erneute Irritationen sorgen.

16. Juni

Am Fühlinger See findet ein Drachenbootrennen statt; der „Fastelovends-Cup“ wird ausgetragen. Je zwanzig Personen klettern in eins der Boote, die am Bug mit farbenprächtigen, aber böse blickenden Drachenköpfen dekoriert sind. Die Mannschaften haben sich bunt kostümiert, auch diverse Wikinger sind dabei. Während die aktuelle Hitparade über die Lautsprecher erschallt, gehen bis zu vier Boote ins Rennen, und die Männer paddeln und zeigen, was ihre kräftigen Armmuskeln leisten können.

Ein Stück weiter, in einem ruhigen Uferbereich, der wie ein Biotop angelegt ist, tanzen massenhaft blaue Libellen umher. So viele auf einmal haben wir noch nirgends gesehen. In einem Wiesenbereich lassen wir uns nieder, gucken zu, hören die Anfeuerungsrufe und genießen es, einfach nur in Ruhe zu sitzen und nichts zu tun. Nach einer Weile ist es aber auch genug.

Da ich heute Probleme mit den Knien habe, muss Hannes mir hoch helfen, trotzdem gelingt das Aufstehen nur unter Mühen. „Hoffentlich hat das jetzt keiner gesehen.“ murmele ich vor mich hin, während ich mich umdrehe. Oh. Hunderte von Menschen sitzen oder stehen da, denen meine Hampelei sicher nicht verborgen geblieben ist. Na, wenn schon. Die werden auch mal älter. Ein bisschen peinlich ist es aber doch.

29. Juni

Hannes und ich sitzen in der ersten Etage eines chinesischen Restaurants mit Blick auf den Dom und die Domplatte, die wie stets voller Menschen ist. Vom Essen werden wir schon bald abgelenkt, denn unten setzt sich eine Demonstration in Gang, friedlich, wie es scheint, und wir gucken von unserem Fensterplatz aus zu.

Nachdem wir das Restaurant verlassen haben und noch etwas zuschauen wollen, entsteht plötzlich eine völlig andere Stimmung. Es wird unruhiger, Rufe erschallen, Menschen hasten geradewegs an uns vorbei. Auch Polizisten. Gleich neben uns stoppt ein Einsatzwagen, aus dem zügig mehrere Einsatzkräfte springen, die anhand von Kleidung und Ausstattung als Sondereinheit zu erkennen sind. Hier geht es bald richtig zur Sache, denke ich noch. Unmittelbar darauf stürmen drei von ihnen auf junge Leute zu, auf Demonstranten, zwei von ihnen werden niedergerissen. Hannes ist aufgebracht, und möchte hin.

„Bleib da weg. Du kannst Dich doch nicht einfach dazwischen werfen.“ schreie ich ihn an.

„Aber die haben doch gar nichts getan.“ ruft er mir zu. Ihm tun die jungen Leute leid.

„Die schicken doch keine Sondereinheit, wenn da nur harmlos protestiert wird.“ entgegne ich.

Nur mit Mühe kann ich Hannes davon abhalten, nach vorne zu preschen, um sich einzumischen, eventuell den Polizisten die Meinung zu sagen. Vor uns rennt eine junge Polizistin einer gleichfalls jungen Frau hinterher, holt sie ein und zerrt sie recht unsanft zurück zu den Kollegen.

Rund um das Geschehen versammeln sich immer mehr Menschen, die ratlos oder aufgebracht gucken. So manche Kameras und Smartphones sind bereits bei der Arbeit, alles wird aufgezeichnet. Mir wird das alles immer unheimlicher, ich will nur weg von hier.

„Ich geh jetzt. Hier bleibe ich nicht länger.“ verkünde ich im Weggehen. Hannes lässt sich davon nicht beeindrucken. Er bleibt weiterhin stehen.

Ich gehe Richtung Hohe Straße, drehe mich nach einigen Metern um, und sehe Hannes immer noch an gleicher Stelle. Na dann eben nicht – gehe ich eben alleine. Erst am Ende der Schildergasse, kurz vor dem Neumarkt, schaue ich erneut hinter mich. Von ganz weit hinten schlendert Hannes herbei. Meine Stimmung schwankt zwischen leichtem Ärger und großer Erleichterung. Als er näher kommt, lächeln wir uns an, gehen zur Haltestelle und warten auf die Bahn. Erst später kommen wir auf das Thema zurück und stellen fest, dass wir sehr unterschiedlich mit einer solch ungewohnten, aber auch brisanten Situation umgehen. Über die Ursachen und Gründe, die das Geschehen auf der Domplatte in Gang gesetzt haben, erfahren wir nichts.

12. Juli

Im Alleingang zur Neusser Straße, eine meiner Kölner Lieblingsstraßen, die ich immer wieder gerne besuche. Kleider- und Schuhläden, Uhren- und Schmuckgeschäfte, Stände mit Telefonkram und vieles mehr. Gerüche aller Art wechseln sich ab; auf dieser Straße befinden sich die Dönerbude neben dem Café, der türkische Laden mit Gemüsesorten aller Art, auch fremd aussehenden, und allerhand Kräutern, und der Supermarkt lockt mit dem Geruch nach frisch gegrillten Hähnchen. Mich zieht jedoch ein betörender Kaffeeduft ins Café. Als ich gerade durch die Tür treten will, wird einer der Tische frei vorm Lokal. Meiner! Schnell setze ich mich hin, bevor es ein anderer tut. Gleich neben dem Tisch steht ein Fahrrad mit üppiger Blumendekoration vorne am Lenker, was mich sofort an die letzte Tour nach Amsterdam erinnert.

Doch nun wieder den Blick nach vorn. Ich mag ja nicht nur die Straße an sich, mehr noch interessieren mich die Passanten; was sie anhaben, wie sie sich bewegen, worüber sie reden. Manches Hübsche ist zu entdecken, manches aber ist weniger hübsch. Beispielsweise das wie verrutscht wirkende Tattoo auf einem alternden Frauenoberarm. Vielleicht gehörte die Dame zu einer der ersten, die sich vor Jahrzehnten, als diese Art von Hautdekoration in Mode kam, ein solches Kunstobjekt hat stechen lassen. Ob es etwas Gegenständliches war oder vielleicht von Anfang an eine abstrakte Darstellung sein sollte? So genau ist es nicht zu erkennen. Schön ist der Anblick nicht. Viel besser gefallen mir dagegen die beiden Frauen, die einen Arm voller Blumen mit sich tragen; sie waren auf dem nahe gelegenen Markt auf dem Wilhelmplatz einkaufen. Viele junge Leute gehen vorbei, die nur ihr Smartphone beachten und im Gehen heftig darauf herumtasten. Der Umgebung wird kein Blick gegönnt.

Ein paar Meter weiter steht ein Mann, der über die Straße ruft: „Ich hab schon Brot gekauft, brauchst nichts mitbringen.“

„Hä“ fragt von gegenüber ratlos eine Frau, offenbar hat sie nicht verstanden. Er wiederholt den gleichen Satz lauter, doch die Botschaft kommt immer noch nicht an.

„Er hat schon Brot gekauft. Sie brauchen keins mehr zu holen.“ brüllen lachend im Chor drei Schülerinnen der Dame zu, die sofort erleichtert wirkt; jetzt weiß sie Bescheid.

„Habt Ihr klasse gemacht, Mädels.“ grinst der Mann und geht, fröhlich seinen Stoffbeutel schwenkend, weiter.

Nun kommt ein Transvestit in Sicht, der seinen stattlichen Umfang in Spitzenbluse und Minirock gezwängt hat, dazu trägt er Schuhe mit hohen Absätzen. Seinem Gesicht, welches eine wallende blonde Lockenmähne umgibt, ist eine hohe Zufriedenheit anzusehen, auch Stolz. Von meinem Sitzplatz aus sehe ich, wie sich immer wieder Leute, mehr oder weniger unauffällig, nach ihm umdrehen. Mein Highlight erlebe ich in dem Moment, in dem ein älterer Mann etwas zu lange das ihn irritierende Bild des blonden Menschen im Blick hat, derweil weitergeht und gegen einen Laternenmast läuft.

Kleine Erlebnisreisen sind für mich immer wieder das Größte – und wenn es nur eine einzelne Straße ist.

14. Juli

„Brückenmusik 19“. Unter diesem Titel wird eine Woche lang ein ganz besonderes Klangerlebnis im Inneren, quasi im Hohlraum der Deutzer Brücke dargeboten, veranstaltet von der Therapeutischen Hörgruppe Köln. Die Beschreibung, auf der etwa 440 Meter langen Strecke Vibration und Bewegung auf immer wieder andere Art zu erleben, lockt mich an. Mit fünf Euro darf ich dabei sein.

Um 15.00 Uhr wird an diesem Tag das Tor geöffnet, doch da ich bereits um viertel vor drei auf dem Mäuerchen im Eingangsbereich sitze, darf ich schon die Stätte betreten, als ein Mitarbeiter vom Kassenpersonal erscheint.

Ein paar Treppen hoch und wieder runter, einmal heftig bücken, um zwei oder drei Meter unterhalb einer Stahlkonstruktion durchgehen zu können, dann bin ich im Brückenraum. Es vibriert heftig, offenbar fährt soeben eine Bahn über mir entlang. Ich höre Motorengeräusche vieler Fahrzeuge, kann das Rollen von Autoreifen erkennen, und einmal wird anhaltend gehupt. Auch die unterschiedlichen Klänge, die, begleitet von mehrfarbigen Lichtelementen, im Inneren des Brückenraums zu vernehmen sind, überraschen. Dann ein fortwährendes Klackern; manche der hohen Töne lassen mich an den Tinnitus denken, der mich ab und an heimsucht. Schließlich ein dumpfes, nicht unmelodisches Stampfen, welches mich an eine Passage von „In-a-gadda-da-vida“, einem alten Musiktitel von Iron Butterfly, erinnert.

Gegen Ende, auf der Deutzer Seite des Brückenraums, gehe ich auf ein noch nicht klar erkennbares Gebilde zu. Beim Näherkommen entpuppt es sich als kleine Raumeinheit, die von einem Perlenvorhang umgeben ist. Mitten drin an einer Säule ein schwarzer Telefonhörer, der dort an seiner Leitung baumelt. Was tut man mit so einem Hörer? Man hält ihn sich ans Ohr. Musikklänge, aber auch Wortfragmente sowie Stimm- oder Lautübungen sind zu auszumachen (Ooohh, Maaah, Dididi und solcherlei Töne). Vielleicht ist eine Übungsstunde der therapeutischen Hörgruppe aufgenommen worden.

Ich mache mich wieder auf den Rückweg, und bestaune noch einmal Geräusche und Lichtinstallationen aller Art. Erneut der Blick auf den Betonboden, der von allerhand Schuhabdrücken verziert ist. Offenbar ist der Boden nach Fertigstellung der Brücke bereits betreten worden vor dem endgültigen Trocken des Betons.

Beim Blick nach vorn sehe ich zwei Gestalten auf mich zukommen; bisher war ich allein im Objekt. Zögernd kommen sie, wobei die kleinere Person langsam zur Hand der größeren greift. Eine junge Frau, wie ich schließlich erkenne, die vermutlich Angst vor mir hat. Wahrscheinlich hat ihnen niemand vermittelt, dass schon jemand im Brückeninnern herumläuft.

Als wir uns begegnen, tauschen wir ein kurzes Hallo aus, und ich sehe, dass die Frau wie gelöst wirkt. Weiter gehts Richtung Ausgang. Noch einmal, wie auch schon auf dem Hinweg, ein Blick aus einem kleinen Fensterchen hinunter auf den Rhein, der unterhalb der Brücke, fernab jeglicher Sonnenstrahlen, eintönig grau dahin fließt.

„War mal interessant. Vielen Dank.“ teile ich beim Verlassen der Anlage dem Mann an der Kasse mit. Beim anschließenden Gang über die Deutzer Brücke, den ich mir als Abschluss gönne, hole ich tief Luft. Dies hier oben ist wohl doch der bessere Weg.

16. Juli

Hannes und ich möchten Seeluft schnuppern, daher fahren wir für einige Tage nach Belgien. Eine kleine Wohnung finden wir im von uns anvisierten Ort De Haan. Schnell die Koffer abstellen, auspacken können wir später.

Und dann ans Meer. Das Rauschen des Meeres hören. Einfach toll. Die Wellen umspülen die Füße. Das Laufen im weißen Sand ist angenehm, doch sobald man steht, spürt man, wie man ganz sachte einsinkt, millimeterweise geht es nach unten. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auf Muscheln oder Krebse treten. Immer noch ein bisschen weiter gehen wir, und noch ein bisschen. Das Laufen über den Sand sorgt für eine permanente Fußmassage.

Beim ersten Rundgang durch De Haan sehen wir einige Gebäude aus der Zeit der Belle Epoque, zum Teil wunderschöne Häuser. Auch der alte Bahnhof ist sehenswert. Darüber immer wieder Schwärme von schwarzen Vögeln. Schaurig schön, fast gespenstisch wirkt das alles.

Am Abend besuchen wir das Lokal „t’Alternatief“, und sitzen im lauschigen Innenhof, in dem an sechs Tischen Platz für vierzig Gäste ist. In einer winzigen Küche werden tolle Gerichte zubereitet; Hannes bekommt ein Fischgericht und ich eine vegetarische Lasagne. Auch was an den Nachbartischen angeliefert wird, sieht verlockend aus. Ein kreatives Küchenpersonal ist hier zugange.

Nach dem Essen wollen wir gar nicht gehen. Über uns fliegen Möwen, und wir hören, dass das Meer ganz nah ist.

17. Juli

Ein Marktbesuch in De Haan. Später sitzen wir am Rande des Platzes im Straßencafé, und freuen uns über eine Vorführung der besonderen Art, denn ein redegewandter und geschickter Händler von Ananasschneidegeräten zeigt sein Können. So wie er das Vorführgerät handhabt, scheint dies die einfachste Sache der Welt zu sein, und die Geräte finden reißenden Absatz.

Einige Kundinnen sind sehr rundliche Personen in sehr kurzen Hosen. Niemanden außer uns interessiert der nicht so gelungene Anblick. Oder aber sie gucken auch so verstohlen hin wie wir.

Die gesamte belgische Küste entlang fährt die „Kust-Tram“, eine Bahn, mit zahlreichen Haltestellen, von De Panne bis Knokke und wieder zurück. Wir starten unsere Fahrt in De Haan. Es schaukelt gewaltig, auch den Fahrer haut es auf seinem Sitz ziemlich hin und her.

In Knokke geraten wir in eine lange Einkaufsstraße; viele Menschen sind bepackt mit Tüten voller „teurer Namen“. Später leisten wir uns ein Eis, welches pro Bällchen € 3,50 kostet, dafür ist das Rezept aus Australien. Bei „Delhaize“ erwerben wir belgische Köstlichkeiten, nämlich Pralinen, Maronencreme, Aprikosencreme und Bonbons. Dann rein in die nächste Bahn.

In Zeebrügge bestaunen wir kleine und große Schiffe sowie Riesencontainer. Das Kreuzfahrtschiff AIDA liegt ebenfalls vor Anker. Um ein paar Ecken herum erreichen wir das ehemalige, nahezu ungenutzte Hafenviertel. Große Hallen mit zerbrochenen Fensterscheiben. Verwaltungshäuser, aus deren Briefkästen alte, ausgeblichene Werbeblätter herausquellen. Kleine Läden, an denen sich rundum ein Saum von Wildwuchs angesiedelt hat. Alles wirkt wie tot. Doch mittendrin entdecken wir die sympathische kleine Hafenkneipe „Sea-Witch“, deren Einrichtung sicher seit Jahrzehnten nicht erneuert worden ist. Junge Leute betreiben das Lokal, und wir müssen warten, bis endlich ein Tisch frei wird, weil unglaublich großer Andrang herrscht. Ein Geheimtip?

18. Juli

Auch heute wieder eine Tramfahrt, diesmal nach Oostende. Riesige Tanker, die wir ein gutes Stück weit im Meer entdecken. Auch Segelboote.

„Kannst Du Dich mal wieder nicht satt sehen““ frage ich Hannes, der irgendetwas im Uferbereich betrachtet.

„Doch, eigentlich will ich nur sehen, wie der Typ da aufs Schiff klettert, ob der so gelenkig ist.“

Leider erfahren wir es nicht, denn der Typ sortiert immer nur etwas von hier nach da und wieder zurück, und irgendwann fehlt uns die Geduld.

Für die vielen Touristen, die überall herumlaufen, und in verschiedenen Sprachen alles kommentieren, gibt es Fischstände. Hannes kauft Kibbeling, doch gleich nach dem ersten Bissen wirft es das Zeug weg. Nicht mehr gut, offenbar. Später gehen wir durch diverse Straßen, die zwar voller Leben sind, aber eigentlich ist es von allem schon ein bisschen zu viel.

Eine Stadtrundfahrt durch Oostende machen wir, die unter anderem zehn Minuten durch einen Park führt.

„Vielleicht haben die insgesamt nicht so viel Sehenswertes, dass sogar der Park mit ins Programm muss?“ sinniert Hannes.

In einer etwas abgelegenen Straße finden wir ein Lokal, welches rappelvoll ist. Recht laut ist es drinnen, aber alle sind guter Stimmung. Auch hier stellen wir fest, dass wir überall, wo wir was essen oder trinken, weit länger bleiben als die anderen Gäste. Wenn es aber doch so viel zu sehen gibt.

Hannes besucht ein Schiffsmuseum, was mich nicht so interessiert. Daher setze ich mich in der Nähe auf eine Bank und sehe mich um. Die Leute kommen mir alle entspannt und geduldig vor, keiner wirkt, als wäre er in Eile. Auf den Straßen wird selten gehupt. Und kaum mal ein Handy an einem Ohr oder Fingergefummel auf einem Smartphone.

19. Juli

Eine Tramfahrt bis De Panne. Hier nun eine völlig andere Landschaft und vor allem andere Sprache; es dominiert Französisch. Im Außenbereich des Lokals „Au chien vert“ am Rande einer lebhaften Fußgängerzone trinken wir etwas und essen Croque Monsieur. Auch hier wieder viele dicke Frauen, die vielfach von eher schlanken Männern begleitet werden. Belgien hat eine anerkannt gute Küche, und auch die Angebote auf den Speisekarten erwecken den Eindruck, recht nahrhaft zu sein.

Am Abend gehen wir nochmal ins „t’Alternatief“, und essen einen bunten Salat mit flambierten Garnelen und Linsencurrysauce. So ein tolles Essen am Ende der Reise. Gutes Essen gab es eigentlich überall – bis auf den Kibbeling am Hafen. Nirgends in den Restaurants jedoch sahen wir frische Blumen auf den Tischen; die belgischen Gastronomen bevorzugen Plastikblumen.

Wir haben viel gute Seeluft geatmet, schöne Dinge gesehen, hatten viel Zeit für Gedanken, fürs Miteinanderreden und Beobachten. Ob es uns gelingen könnte, wenigstens einmal jährlich an die See zu fahren?

22. Juli

Montag. Der erste Arbeitstag nach meinem Urlaub. Jedesmal vergesse ich, dass es so kommt: Keinerlei Frage meines Chefs, ob mein Urlaub schön war. Völliges Desinteresse offenbar. Dass meine Pflanze die Flügel hängen lässt wegen Nichtgießens, macht es auch nicht besser. Die Kollegin hat es bloß vergessen.

In solchen Momenten kommt mir mein Vorhaben, hier noch so viele Monate ausharren zu wollen, schon äußerst verwegen vor. Die Lichtblicke werden für mich wieder meine Wochenenden sein. Als ich am Mittag das Gebäude verlasse, empfinde ich ein Gefühl der Befreiung.

Abends erzähle ich Hannes von meiner miesen Arbeitsstimmung. Mein Chef redet, wie mir scheint, nur das Nötigste mit mir, und eine Kollegin muss offenbar würgen, wenn sie mir im Büroflur begegnet. Das muss sie allerdings nur immer dann, wenn außer uns beiden niemand in Sichtweite ist. Zumindest dafür hat Hannes sofort eine Erklärung parat: „Kein Wunder. Du hast ja auch wieder die komische Creme an Dir. Es riecht fürchterlich.“

Meine ganz normale Körperlotion aus dem Drogerie-Markt soll stinken? Ich bin erschüttert, mir fehlen erstmal die Worte. Vielleicht sollte ich demnächst nach nichts riechen, wenig reden, alle in Ruhe lassen, nichts Positives erwarten und versuchen, diesen Zustand so lange wie möglich auszuhalten.

23. Juli

Der Aufzug des Bürogebäudes hält im Erdgeschoss, doch wegen eines mitgeführten Fahrrads passen nicht alle, die in die 6. Etage wollen, hinein. Mein Chef, bereits in der Tiefgarage zugestiegen, steht schon drin, aber ich verzichte darauf, mich noch rein zu quetschen.

„Ich hab es nicht so eilig, nach oben zu kommen.“

Alle hören diese Worte. Auch mein Vorgesetzter. Und ich fühle mich jetzt schon viel besser.

25. Juli

Eine halbe Stunde vor meinem mittäglichen Dienstschluss werde ich vom Chef angelächelt. Wieso denn das? Meine Irritation wird aber sogleich geklärt, denn ich werde gefragt, ob ich noch eine dringende Sache erledigen kann, was bedeutet, dass ich länger arbeiten muss. Dafür lohnt es sich offenbar schon, ein Lächeln einzusetzen.

Als ich am späten Abend versuche, einzuschlafen, denke ich, dass ich nicht wieder alles zu nah an mich herankommen lassen darf. Fast bis zur Atemlosigkeit; das Luftholen fällt mir momentan etwas schwer. Ich hole mir ein weiteres Kopfkissen, und das Ergebnis ist eine Art von Sitzen im Bett. Am Morgen bin ich erfreut, dass ich offenbar nicht erstickt bin.

25. August

Marvin hat in den letzten Tagen mehrmals Verabredungen gehabt, um sich von seinen Leuten zu verabschieden. Der Abschied vom alten Leben. Bald geht es nach Hamburg; eine Ausbildung, vermittelt durch einen unserer alten Freunde, soll aus Marvin einen PC-Spezialisten machen.

Zunächst fanden wir es absurd, für eine Lehrstelle, die bestimmt auch in Köln zu finden gewesen wäre, den Wohnort zu wechseln. Doch für Marvin scheint es eine echte Herausforderung zu sein. Er wirkt zufrieden und ausgeglichen. Ob er froh ist, seine Eltern bald vom Hals zu haben? Zumindest wird er nicht betrübt darüber sein, uns nicht mehr täglich sehen zu müssen. Einige neue Kleidungsstücke hat er sich gekauft, und sein Zimmer regelrecht entrümpelt. Auch das kommt mir vor wie ein Abschied.

29. August

Britta und Robert kommen zum Abschiedsessen für Marvin. Unter anderem gibt es Salat. Als ich Marvin die Salatsoße anrühren sehe, wird mir bewusst, dass das vorerst zum letzten Mal geschieht.

1. September

Marvin ist schon am frühen Morgen aktiv. Sein Zimmer ist tadellos aufgeräumt, der Müll ist in der Tonne, auch das Bett ist abgezogen. Ohne neues Bettzeug, als wolle er das Zimmer nicht wieder benutzen. Vielleicht war nur die Zeit zu knapp dafür? Der Raum wirkt, als wolle er sein bisheriges Leben vollständig hinter sich lassen.

Am frühen Vormittag wollen wir uns auf den Weg zum Hauptbahnhof machen. Von der Katze verabschiedet Marvin sich besonders ausführlich, auf dieses wunderbare Tier zu verzichten, wird ihm bestimmt schwer fallen.

Am Bahnsteig stellen wir fest, dass die Wagen-Nummer, für die er eine Platzreservierung hat, fehlt. Doch da wir früh genug da sind, findet Marvin einen freien Platz in einem anderen Abteil. Schließlich folgt noch der Hinweis, dass der Zug mit Verspätung abfahren wird, und wir hoffen, dass dieser etwas holprige Start keinen Hinweis auf weitere Misslichkeiten gibt.

Mir fällt das Zucken um Marvins Mund auf beim Abschied. Richtig gerne macht er sich wohl nicht auf den Weg, aber vielleicht ist es auch nur die Unsicherheit, da er ja nicht weiß, was alles auf ihn zukommen wird. Hannes und ich werden umarmt und gedrückt, Marvin wendet sich ab und steigt in den Zug.

Ich kann mich nur über solche Eltern wundern, die ein Fest veranstalten, weil das letzte Kind aus dem Haus ist. „Last Child out“. Mir ist nicht nach Feiern zumute. Trotzdem glaube ich, dass es höchste Zeit war, dass Marvin auf eigenen Füßen steht. Es wäre immer schwerer geworden, für ihn und auch für uns.

2. September

Noch haben wir nichts von Marvin gehört. Die Gedanken darüber pendeln von „Der ist noch nicht dazu gekommen“ bis „Was mag da passiert sein?“. Am Nachmittag bin ich unentschlossen, was ich tun soll. Genug liegt an, aber womit anfangen? Ich flüchte mal wieder für Stunden in den Inhalt eines Buches.

Nachts um zwei bin ich hellwach. Kein Licht, natürlich nicht. Sonst war um diese Zeit oft noch ein Lichtschein unter Marvins Zimmertür zu sehen gewesen. Ob er jetzt wohl schläft?

Ob ich mir zu viele Gedanken mache, was er wann und wie lange tut? Er ist doch erwachsen. Später höre ich Geräusche, die ich nicht zuordnen kann. Wenn früher so etwas vorkam, dachte ich, es seien welche, die Marvin produziert hat. Oder zumindest würde er auch hören, falls es was Besonderes gäbe, an der Haustür beispielsweise. Aber jetzt?

3. September

Endlich ein Anruf von Marvin; wir sind erleichtert. Er hatte sich in seiner neuen Umgebung um vieles kümmern müssen, und schlicht keine Zeit für eine Nachricht gehabt.

Im Kölner Dom findet heute eine Orgelfeierstunde statt. Eine Stunde lang können wir zuhören. Mir gefällts, Hannes nicht. „Schreckliche Musik“ findet er. Dagegen setze ich mich mit klaren Worten zur Wehr, weil er mit seiner abwertenden Äußerung ja auch versucht, meinen Geschmack niederzumachen.

Anschließend gehen wir noch auf ein Kölsch zur „Tant“ auf der Cäcilienstraße. Kurzfristig hatten wir uns entschlossen, diesen Besuch einzuschieben; es wartet ja niemand auf uns daheim. Mit meinem Opa Kurt durfte ich, als Fünfjährige, hin und wieder sonntags zum Frühschoppen mitgehen ins Lokal. Wir saßen stets vorne im Thekenbereich, was Hannes und ich jetzt ebenfalls tun. Der Gastraum kommt mir klein vor, ich hatte ihn größer in Erinnerung.

4. September

Zwar war mir klar, dass wir Marvin lange Zeit nicht sehen würden, aber so richtig bewusst wird es mir erst jetzt. Mich an den Gedanken zu gewöhnen, fällt doch schwerer als erwartet.

So oft es möglich ist, halte ich mich im Garten auf. Jäten hier, zupfen da. Als ich, eingebuddelt ins Erdreich, ein verrostetes Spielzeugauto finde, überfällt mich ein Anflug von Traurigkeit, aber ich reiße mich schnell zusammen. Ist doch völlig normal alles. Maja sitzt täglich stundenlang vor Marvins Zimmertür, damit sie es nicht verpasst, wenn er kommt, vermuten wir. Nachts schläft sie auf seinem Stuhl.

Am Nachmittag ruft Hannes’ Bruder Bert an und teilt mit, dass Mutter Janni gestürzt sei und einen Oberschenkelhalsbruch erlitten habe. Morgen wird sie operiert.

7. September

Mit Brittas Schwiegermutter Marie besuche ich in der Abtei Brauweiler ein Konzert unter dem Titel „Classic Nights“. Am Tag war das Wetter gut, doch abends zieht sich der Himmel zu. Die Veranstaltung kann daher nicht, wie geplant, unter freiem Himmel stattfinden, die Stühle werden kurzerhand in den Kreuzgang geräumt. Die Zuschauer sitzen etwas beengt, aber es geht besser als gedacht. Und die Musik ist hervorragend. Für Hannes wäre es nicht das Richtige gewesen.

14. September

Erneut wird heute klassische Musik geboten, „alte Musik“, vorgetragen von Ars Choralis Coeln und Instrumentalensemble in der Kirche St. Andreas (Exultet Celum: die musizierenden Engel im Dom, Musik des 13. und 14. Jahrhunderts aus Handschriften der Kölner Diözesan- und Dombibliothek).

Auch diesmal treffe ich mich mit Marie, und zwar vor dem Blumenladen im Hauptbahnhof. Während ich warte, bitten mich drei Mädchen darum, ein Foto von ihnen zu machen.

Vertrauensvoll halten sie mir ihr Smartphone entgegen, welches ich, Besitzerin eines altmodischen Mobiltelefons, in die Hand nehme und versuche, durch das Loch zu gucken. Großes Gelächter. Sie glauben bestimmt, ich hätte sie veräppelt, aber ich dachte einen Moment lang tatsächlich, ich müsse da irgendwo durch gucken. Es gelingt mir schließlich, ein akzeptables Bild von ihnen zu machen, und ich bekomme noch ein freundliches Dankeschön zu hören, woraufhin sich die Mädels kichernd davon machen.

In St. Andreas wird noch geprobt, wir sind viel zu früh da. Der Pfarrer steht in Shorts vor den Sängerinnen, mit denen er diverse Stücke übt. Zum eigentlichen Auftritt erscheint der Mann im Anzug, und die Damen tragen lange Kleider in kräftigen Farbtönen, dazu bunte Ketten und funkelnde Ohrringe. Große Blumenbuketts und Kerzen runden das stimmungsvolle Bild ab.

Die Musikbegleitung erfolgt durch Flöte, Fidel, Glocken und Harfe sowie einem Tamburello; es werden nur Instrumente eingesetzt, die es zur Zeit der Entstehung dieser wunderbaren Musik bereits gab. Choräle und Solostücke wechseln sich ab. Am Schluss kommt eine junge Organistin auf die Bühne, die ein Stück von Bach interpretiert. Mir gefallen die Vorführungen sehr, und in mir entstehen überraschend positive Gedanken beim Zuhören.

15. September

Endlich mal wieder im Blücherpark. Der quadratisch angelegte Park wurde aufwändig instand gesetzt aus Anlass des 100. Geburtstages. Die beiden steinernen Löwen, die den Treppenaufgang links und rechts flankieren, sind wieder vollständig. Haben Köpfe.

Hannes und ich laufen durchs Laub der vielen großen Kastanien; ein tolles Geraschel. Herbststimmung. An einem Ufer des Gewässers ist ein Fotograf mit einem Model beschäftigt, welches dafür sorgen muss, dass die mitgebrachten Tücher fotogen in der Luft flattern. Beide sind offenbar Profis, denn sie lassen sich nicht durch uns und weitere Zuschauer aus dem Konzept bringen. Klick-klick, schön lächeln – schon ist das nächste Foto fertig.

Neben dem Biotop im Eckbereich des Gewässers einige Enten, die voller Inbrunst baden. „Die haben offenbar großes Vergnügen.“ meint Hannes. Wir sehen Schwäne, auch diverse Libellen. Doch wo sind die Schnappschildkröten, die dieses Gewässer all die Jahre bevölkert haben? Keine einzige ist zu sehen, kein Kopf ragt aus dem Wasser. Später sitzen wir am Ufer im Café. Die Kellnerin, die uns Kaffee und Johannisbeer-Butterkuchen bringt, kann meine Frage nach den Tieren auch nicht beantworten.

„Schnappschildkröten? Weiß ich nix von. Dafür hab ich viel zu viel zu tun. Keine Zeit.“ Ich schäme mich fast, überhaupt gefragt zu haben.


21. September

Die Band Köbes Underground spielt auf im Tanzbrunnen am Rhein. Wir setzen uns auf eine Bank am Rheinufer und wollen ein wenig zuhören. Der Himmel über Köln zeigt sich vielseitig: Zunächst hellblau und weiß, später werden daraus Grautöne. Weiße Kondensstreifen kreuz und quer über dem Dom. Schließlich verfärbt sich der Himmel rosa-orange, welches schon bald in Rot übergeht. Wir erfreuen uns am Anblick des Doms und der anderen Kirchen am gegenüber liegenden Ufer. Der Rhein fließt gemächlich in sattem Grau vor sich hin. Die Schiffe sind innen beleuchtet, manche bestückt mit Lichterketten. Allerhand Vögel sind unterwegs, auch Formationen von Zugvögeln, die Richtung Süden fliegen. Mittlerweile ist es dunkel geworden, nur noch selten kommen Leute an uns vorbei. Auf der Straße und in den Häusern am gegenüber liegenden Ufer gehen immer mehr Lichter an. Und wir können all das ganz in Ruhe betrachten und dabei Musik hören.

27. September

Nach vier Wochen haben Hannes und ich uns tatsächlich daran gewöhnt, dass wir hier im Haus allein leben. Erschreckend schnell ist das gegangen. Positiv an unserem Zweipersonenhaushalt ist, dass nicht mehr so oft Wäsche zu waschen ist. Ein Drittel weniger Klamotten, Handtücher, Bettwäsche und dergleichen. Ein bisschen weniger einkaufen natürlich; die Kocherei muss insgesamt anders geplant werden.

Was nach so kurzer Zeit auffällt, ist die Tatsache, dass es längst nicht mehr so oft Rohkost gibt wie vorher. Die vielen bunten Salate in allen Variationen zuzubereiten, hatte Marvin nicht nur stets vorgeschlagen, sondern sie auch in Eigenregie hergestellt. Da müssen wir nun selber ran.

Vorteilhaft ist, dass ich nicht mehr bekümmert darüber sein muss, dass Marvin nachts lange wach bleibt; ich merke es ja nicht. Vermutlich wird er jedoch tatsächlich früher im Bett sein als bisher, allein aufgrund der Tatsache, dass morgens um 6.15 Uhr sein Wecker schellt. Auch ein junger Mensch wird es empfindlich spüren, wenn er mehrere Nächte zu wenig Schlaf bekommen hat.

Nicht allzu viele Gedanken mache ich mir darüber, ob er seine alltäglichen Dinge geregelt und anstehende Probleme gelöst bekommt. Das traue ich ihm einfach zu. Der nicht mehr permanente elterliche Beistand wird für Marvin wahrscheinlich auf Dauer viel besser sein, da er wirklich alleine zurechtkommen muss. Vielleicht habe ich viel zu oft angeboten, dies oder jenes für ihn zu erledigen; der Entwicklung seiner Selbstständigkeit wird das kaum zugute gekommen sein. Schließlich glaube ich, dass auch sein Selbstbewusstsein gesteigert wird, wenn er alles in Eigenregie geregelt kriegt.

27. September

Zwei Wochen lang war Hannes‘ Mutter im Krankenhaus, nachdem sie in ihrer Wohnung gestürzt war und sich einen Bruch zugezogen hatte. Seit einigen Tagen nun befindet sie sich in einer Reha-Klinik.

Anfangs war sie ziemlich verwirrt; sie glaubte, vom Krankenhaus aus gleich wieder heim zu können, obwohl Ärzte und Pflegepersonal ihr mehrfach erklärt hatten, dass das ohne Nachbehandlung nicht möglich wäre. Sowieso ist sie etwas durcheinander, und seit kurzer Zeit wissen wir auch, weshalb. Hannes’ Bruder Bert hat ihre Krankenakte lesen und darin den Hinweis auf eine bestehende Demenz entdecken können.

Hannes ruft heute bei ihr in der Klinik an, um zu hören, wie es geht. Ich halte mich zurück, rede nicht mit ihr und lasse lediglich schöne Grüße ausrichten. Seit langer Zeit fragt Janni nicht mehr nach mir, daher werde ich sie jetzt auch nicht behelligen. Bei Hannes‘ und meinem letzten Besuch bei ihr zuhause vor wenigen Wochen bedankte sie sich bei ihm mit den Worten: „Nett, dass Du mich mal wieder besucht hast.“ Für mich reichte ein knappes „Tschüss, bis bald mal wieder.“ Ganz unterschwellig nagt an mir zwar die Erkenntnis, dass ich mich meiner Schwiegermutter gegenüber auf solche Weise nicht sonderlich gut benehme, jedoch fühle ich mich auch ein wenig beleidigt. Ein kindisches Verhalten, das ich zeige, aber es ist nicht zu ändern.

Später mache ich mir aber doch Gedanken über das Thema Demenz. Wie gehen wir als Familie damit um? Was wird auf uns zukommen? Auch finanziell. Eine später erforderliche Betreuung kann ja nicht ausgeschlossen werden. Wir werden abwarten müssen, wie es weitergeht mit der Schwiegermutter.

2. Oktober

Endlich mal wieder in Wuppertal. Mit dem Auto sind wir schon am frühen Vormittag in die Stadt gekommen, und zwar in erster Linie, um einige Touren mit der Schwebebahn zu fahren. Gleich auf dem Weg vom Parkplatz zum Bahnhof Vohwinkel sehen wir schräg über uns einen Zug fahren. Durch den Fahrtwind, den er verursacht, prasseln mengenweise Kastanien auf uns herab; die fünf schönsten stecke ich in meine Tasche.

Kaum dass wir oben am Bahnsteig der schönen alten Station stehen, pendelt auch schon ein Zug heran – im Vier-Minuten-Takt geht das hier. Die Fahrt beginnt. Vorbei an Häusern aus der Gründerzeit mit nahezu unverstelltem Blick in die Fenster der ersten Etagen.

Ein Stück weiter auf dem Weg große Backsteinbauten; stillgelegte Fabriken, mit zerborstenen Fensterscheiben und bemalten Mauern, im Außenbereich mit allerhand Wildwuchs. Mir gefällt dieses saftige Grün neben den dunkelroten Backsteinen mit ihrem farbenfrohen Graffiti. Nach einer Kurve, es schaukelt beträchtlich, führt ein Teil der Strecke über die Wupper. Uferflächen voller Sträucher der unterschiedlichsten Art. Dazwischen rotes Weinlaub.

Wir fahren weiter, steigen aus, wo es uns gefällt, was mit der Tageskarte ja ohne weiteres möglich ist. Die Fahrtzeit zwischen Vohwinkel und Oberbarmen dauert etwa eine halbe Stunde, und es gibt so viel zu sehen, dass wir großen Spaß an der Aktion haben. Überall unter uns ist eine lebendige Betriebsamkeit zu erkennen. Wir staunen über die teils prächtigen Bahnhöfe. Die Haltestellen Werther Brücke und Völklinger Straße sind wunderbar instandgesetzt; wie vor über 100 Jahren, zur Zeit der Gründung.

Ein Fahrzeugmodell aus jener Zeit erreicht soeben den Bahnhof. Eine bereits wartende Gruppe älterer Menschen wird begrüßt vom Personal, welches bekleidet ist wie wohl vormals üblich, zeigt die Fahrtausweise für diese Sonderfahrt, und die Tour kann beginnen. Vom Aussehen her, auch wir sind älter und genauso grauhaarig wie all die Leute hier, könnten wir gut dazu passen, doch es ermangelt uns an den entsprechenden Fahrkarten. Also warten wir auf den nächsten regulären Zug.

In der Nähe der Haltestelle Berliner Straße genießen wir Kaffee und Kuchen. Links und rechts geht der Blick in Richtung der grünen Hügel, viele Häuser in Hanglage. Dann wieder Fachwerk, verschieferte Häuser, und auch hier einige prächtige Gebäude aus der Gründerzeit, mit vielen Verzierungen an den Türen und Fenstern. Voller positiver Eindrücke machen wir uns am frühen Abend auf den Heimweg und sind uns einig: Wir kommen bestimmt bald wieder.

3. Oktober

Ein Gang allein vorbei am Rautenstrauchkanal in Lindenthal. Während des Spaziergangs ist nicht nur das schöne Gelände entlang des Wassers zu bewundern, sondern man kann auch gut erahnen, welche Mode derzeit aktuell ist. Eine junge Frau stöckelt in atemberaubenden High-Heels durch die Anlage; sie wird später bestimmt prächtigen Muskelkater haben.

Ein Teil der gut betuchten Lindenthaler Damenwelt führt den Nachwuchs aus, teils noch im Wagen, teils an der Hand. Auch die Kinder sind überwiegend aufs Feinste gekleidet; irgendwelche Spiele auf dem Boden und sich dabei womöglich schmutzig zu machen ist sicher verpönt. Alle gehen manierlich neben Mama oder Oma her. Auch manche Hunde werden, brav angeleint, mitgeführt. Es kommt mir vor, als würden sich alle um mich herum bewusst vorschriftsmäßig bewegen, sogar die Haustiere.

Und diverse Jogger rennen herum. Sie wollen oder müssen so fit wie möglich bleiben, um weiterhin in ihren Berufen viel Geld verdienen zu können. So mancher von ihnen wohnt vielleicht in einem der prächtigen Häuser, die, weiter hinten, durch die meist noch belaubten Bäume hindurch zu erkennen sind mit ihren schimmernden Fenstern.

Das erinnert mich daran, dass ich, anstatt hier herumzulaufen und mir hämische Gedanken (etwa Neid?) über vermeintlich wohlhabende Menschen zu machen, vielleicht besser mal die eigenen Fenster geputzt hätte. Nötig wäre es gewiss. Aber ich möchte diesen wunderschönen Samstagnachmittag doch lieber draußen verbringen. Wer weiß, wann der Herbst mit Regen, Sturm oder Kälte einsetzen wird. Das Fensterputzen kann ich dann immer noch auf die imaginäre Liste setzen.

Durch die Bäume der Allee geht mitunter ein böiger Wind, der nicht nur viele Blätter herunter fallen lässt. Auch das begleitende Rauschen gefällt mir. Über den Kanal fliegt ein Reiher; ihm bei seinem eleganten Flug zuzusehen sorgt erkennbar für Staunen und Bewunderung bei all den Leuten, die extra für ihn stehen bleiben.

Als ich auf einer Bank sitze, ist sogar ein zehnminütiges Sonnenbad möglich. Zuerst muss ich mich zwingen, so lange still zu sitzen, aber langweilig ist es zweifellos nicht. Ständig ist etwas in Bewegung rundherum.

Auch die vielen Farben der Blätter an Bäumen und Sträuchern sind sehenswert. Manches prangt noch in sattem Grün, diverse Brauntöne sind zu entdecken, dazwischen immer wieder Gelb oder dunkles Rot. Diese wunderbaren Herbstfarben – wie ich sie liebe.

Auf einmal erreicht mich ein unverkennbarer Geruch; es riecht nach Erbsensuppe. Nicht überall in dieser feinen Gegend gibt es heute ein Sonntagsessen (schon wieder diese hämische Denke – was ist mit mir los?) Ich mache mich auf den Rückweg, der mir natürlich völlig andere Sichtweisen und Blickwinkel bietet. So entdecke ich an einer Hauswand ein buntes Bild - Airbrush. Ich freue mich stets, wenn ich etwas so Überraschendes finde. Da hat jemand Freude an Kunst und will diese mit anderen Menschen teilen.

Von ferne kommen mir zwei Frauen entgegen, die während ihrer Unterhaltung wild zu gestikulieren scheinen, manche Handbewegungen sehen schon sehr dramatisch aus. Meine Güte, was für eine Schau die abziehen, denke ich noch. Beim Näherkommen der beiden allerdings muss ich mich für meine Überlegungen schämen, denn ich erkenne, dass sie sich in Gebärdensprache unterhalten; die Damen sind taubstumm. Da bin ich mal wieder Opfer meiner Vorurteile geworden, was ich wirklich nicht in Ordnung finde.

11. Oktober

Eine Beerdigung, mal wieder eine. Rolf Kiklasch war ein ganz besonderer Mensch. Nicht nur offen für alles Künstlerische, sondern einer, der auch im Alter von fast 80 Jahren noch viel bewegt hat. Über den von ihm gegründeten Verein „Ümit“ (türkisch: Hoffnung) kümmerte er sich unter anderem darum, türkische Jugendliche von der Straße zu holen.

Rolf, der meist bunt gekleidet durch die Gegend lief oder mit dem Motorroller, auf dem Kopf ein Helm mit braungeschecktem Kuhfell, durch Köln tuckerte, formulierte sein Lebensmotto so: „Ich will die Welt ein bisschen bunter und toleranter machen.“

Die Trauerhalle des Ostfriedhofs ist überfüllt, einige Leute müssen im äußeren Türbereich stehen. Was hätte der liebenswerte, aber auch selbstbewusste Rolf wohl von sich gegeben, wenn er das hätte sehen können? Sicher einen Satz wie diesen: „Och, damit hab ich aber gerechnet.“

15. Oktober

Morgens auf dem Weg zum Büro, an der Haltestelle stehen viele Menschen. Laut Display ist es in der Innenstadt zu einem Straßenbahnunfall gekommen. Daher ist zu erwarten, dass die erste Bahn, die von dort in unseren Stadtrandbereich kommt, um anschließend wieder Richtung Zentrum zu fahren, rappelvoll sein wird. Wie schon öfter in solchen Fällen steige ich daher in die Bahn, die zunächst in Gegenrichtung bis zur Endstation fährt; ich möchte nämlich einen Sitzplatz haben. Das klappt auch planmäßig, und ich bedauere all die Personen, die später äußerst beengt in der Bahn stehen müssen, während ich mich über meine gute Idee freue.

Leider komme ich zwanzig Minuten zu spät im Büro an, wo mir vom Chef auf mein freundliches „Guten Morgen“ und meine Entschuldigung nichts als ein hektisch und streng ausgesprochener Satz entgegen gerufen wird mit gleichzeitiger Übergabe einer Akte: „Das muss aber bald fertig sein, gleich ist Termin.“

Dummerweise funktioniert aber der Anschluss der PC-Maus nicht. Trotzdem meine Knie und auch mein Rücken solche Aktionen nicht gut vertragen, muss ich mich unter meinen Tisch begeben, dort eins der vielen Kabel heraus stöpseln und eine andere Maus anschließen. Bloß, welches Kabel ist es? Und was, wenn ich beim Herausziehen eines falschen Steckers das ganze System lahm lege? Nichts klappt. Doch meine Kollegin Conny, die zufällig ins Zimmer kommt und meine Notlage erkennt, kommt zu Hilfe.

„Lass mich mal ran.“ Und sie braucht nicht mal eine Minute, um alles ans Laufen zu kriegen. Ich bin sehr erleichtert, kann ich mich doch nun endlich an die dringende Arbeit machen. Leider fließen bei mir unvermittelt ein paar Tränen. Zwar finde ich schnell meine Fassung wieder, aber meinem Gesicht sieht man den kurzen Tränenausbruch dennoch an. „Das ist es doch nicht wert.“ findet meine hilfsbereite Kollegin. Recht hat sie ja, aber manchmal passiert es eben.

Mein Chef, dem ich die paar Änderungen, die im Vertrag noch durchzuführen waren, kurz darauf und immer noch rechtzeitig vor dem besagten Termin, auf den Tisch lege, sieht mich und meine leicht verquollene Augenpartie etwas skeptisch an, sagt aber nichts.

Ich fühle mich jetzt wie erschlagen und hole mir aus dem Automaten einen starken Kaffee. Wieder zurück an meinem Arbeitsplatz hole ich tief Luft und frage mich, wie das alles bloß geschehen konnte. Und wieso habe ich so übertrieben reagiert und die Tränen nicht zurückhalten können? Ich starre in meinen Kaffeebecher und mache mir ein paar Gedanken.

Mein Älterwerden ist mir manchmal suspekt. Alle anderen im Kollegenkreis sind meines Erachtens schneller als ich, können besser hören, sind überwiegend technisch viel besser drauf, und haben den Mut, in den Programmen ihrer Computer dies oder jenes auszuprobieren, um die Lösung für ein aufgetretenes Problem zu finden. Sicher sind meine Unzulänglichkeiten den Chefs und Kollegen schon aufgefallen. Oder habe ich nur den Eindruck und bilde mir das ein? Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht in diffuse Vermutungen hinein steigere, die bar jeder Grundlage sind.

Endlich, nach zunächst ernsthaften Zweifeln an meiner derzeitigen oder noch zu erwartenden Leistungsfähigkeit, beschließe ich, dass das heute alles nur dumm gelaufen ist. Und dass ich noch nicht zu alt und zu blöd für meinen Job bin. Noch einmal tief durchatmen und, ein bisschen trotzig und inzwischen sogar wieder recht zuversichtlich, widme ich mich meiner nächsten Aufgabe.

18. Oktober

Gestern Abend habe ich im Fernsehen den Film „Stiller Abschied“ gesehen. Darin wird voller Einfühlsamkeit geschildert, wie sich die Krankheit einer dementen Frau über Monate hinweg entwickelt. Die Hilflosigkeit der Angehörigen wird verdeutlicht. Das Entsetzen. Bald schon wird klar, dass die Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Für mich ist es ein äußerst berührender Film. Ich denke anschließend nicht nur an meine Schwiegermutter, bei der ja auch manche befremdlichen Veränderungen festzustellen sind, sondern auch an meine eigenen Auffälligkeiten.

Am vergangenen Wochenende traten bei mir nämlich gewisse Probleme mit dem Wiederfinden von Wörtern auf. Eigentlich wollte ich Hannes darum bitten, aus dem Kühlschrank die von Britta produzierte Marmelade an den Frühstückstisch mitzubringen. „Das Glas mit dem dunklen Inhalt und dem bunten Deckel.“ musste als Erklärung dienen, denn der Begriff „Holunder“ blieb meinem Gedächtnis fern. Und wieso habe ich vorgestern Wäsche nicht in den Wäschekorb getan, sondern zunächst versucht, sie in den Mülleimer im Badezimmer zu stopfen? Sofort ist es mir aufgefallen, aber die Idee war kurzfristig da. Schließlich die Erklärung, wir würden am Abend eine französische Pizza backen; entstanden nur deshalb, weil mir das Wort „Flammkuchen“ nicht einfiel. Mannomann, wie wird das bloß weitergehen?

30. Oktober

Mit Annelie treffe ich mich im Trödelcafé hinterm Kaufhof. Später gehen wir noch ein Stück den Rhein entlang und können sogar noch auf einer Bank sitzen und ein paar Sonnenstrahlen einfangen. Ich erwähne, dass ich mich leicht angegriffen fühle. Im Rückblick auf den Besuch bei der Schwiegermutter vor wenigen Wochen sage ich, dass sie sich wortreich bedankt hat für den Besuch ihres Sohnes, während ich daneben stand und erkennen musste, dass sie sich über meine Anwesenheit offenbar nicht nennenswert gefreut hat.

„Da hättest Du doch sagen können, und was ist mit mir? Über meinen Besuch hast Du Dich nicht gefreut?“

„Konnte ich noch nie. In solchen Momenten, und davon habe ich viele erlebt, fehlen mir schlicht die Worte. Meine Enttäuschung zeige ich dann auch gar nicht. Wahrscheinlich lächele ich dann sogar, obwohl das dann doch völlig unnötig ist.“

„Aber ich kann Dich verstehen.“ meint Annelie. „Mich erschrecken solche Situationen auch immer. Und ich will dann meist nur weg. Sofort. Und anschließend ärgere ich mich, manchmal stundenlang, dass ich nicht reagiert habe.“

„Ach, wie ich das kenne.“

„Die andere Seite kann nur soweit gehen, wie man selbst es zulässt. Wenn man es geschehen lässt, sich nicht wehrt …“ sagt Annelie.

„Ob man das noch lernen kann?“ frage ich schließlich.

Da sind wir stark im Zweifel, alle beide, vermuten aber, dass wir über die Jahre hinweg, was das Verarbeiten solcherlei Enttäuschungen im Leben betrifft, zumindest ein dickeres Fell entwickelt haben werden.

13. November

Für meine Kolleginnen und mich beginnt eine neue Ära, denn der Umzug in neue Büroräume steht bevor, mit allem, was dazu gehört. Mit dem Verpacken unserer Siebensachen und dem Beschriften der Kartons. Mit dem Ausmisten und Entsorgen von Dingen, die in den Schreibtischschubladen vorgefunden werden.

Manches führt auch zum Nachdenken: Warum habe ich etwas gehortet, was es in einem kleinen Lagerraum für alle Kollegen erreichbar in ausreichenden Mengen gibt? Überhaupt findet sich so viel unnützer Kram, vermutlich nicht nur in meinen eigenen Schubladen.

Doch nicht nur das Hervorräumen und Verpacken in Umzugskartons beschäftigt mich, sondern auch die Ungewissheit, wie es mir persönlich in den neuen Räumen ergehen wird. Da diverse Arbeitsbereiche zusammengelegt oder neu aufgeteilt werden, soll ich künftig das Zimmer mit einer anderen Kollegin teilen als bisher. Ich kenne sie zwar schon lange und kann sie gut leiden, doch wie wird es uns bekommen, wenn wir uns stundenlang gegenüber sitzen?

Für mich ist es mal wieder typisch, dass ich mir Gedanken darüber mache, wie es werden wird, anstatt mich darüber zu freuen, dass es noch mal eine andere, neue Umgebung gibt. Frisch gestrichene Zimmer, mit einem anderen Blick nach draußen, mit neuen Impulsen und Eindrücken.

Heute ist mein letztes Zusammensitzen mit der bisherigen Kollegin, die mir stets angenehm war. Ich habe den Fotoapparat dabei, um noch einmal von unserem bisherigen Bürofenster aus den Dom zu fotografieren; zwar ist er einige Kilometer entfernt, aber Domblick ist Domblick. Ihn werde ich vermissen.

Auch das Zimmer, der Arbeitsplatz wird von mir abgelichtet. Niemand außer mir macht Fotos. Die meisten Kolleginnen und Kollegen machen wohl gar nicht solch ein Aufheben um den Umzug. Ein neuer, anderer Arbeitsplatz eben. Sonst nichts. Für mich bedeutet es aber, dass ich wohl den letzten Platz einnehmen werde in meinem Berufsleben. Danach folgt nur noch die Zeit als Rentnerin. Nach meinen Berechnungen sind es bis dahin noch gut 740 Arbeitstage. Im März 2017 werde ich 65 und darf gehen.

15. November

Heute wird umgezogen. Nach und nach liefert die Umzugsfirma die Schreibtische, Stühle, Schränkchen, Pflanzen und all den anderen Kram an und verteilt sie auf die neuen Räume. In unserem Zimmer sind schon diverse Regale aufgestellt, die noch ausgewischt werden müssen. Auch in den benachbarten Büroräumen herrscht große Betriebsamkeit. Alle wollen offenbar mit richtig sauberen Möbeln ihr Dasein unter der neuen Adresse beginnen. Da auch einer unserer Chefs sich nicht vor dem Gebrauch von Putzlappen und Reinigungsmitteln scheut und damit seine eigenen Möbel bearbeitet, legen sich alle schwer ins Zeug, um zu putzen, zu schrubben, zu wienern.

„Wenn meine Familie mich jetzt sähe, wie ich hier am schrubben bin, die würden es kaum glauben. Ich bin nämlich eigentlich gar nicht so ein Putzteufel.“ erkläre ich meiner neuen Kollegin Sandra.

„Ich auch nicht. Hauptsache, das, was man sieht, ist in Ordnung.“ entgegnet sie breit grinsend. Also eine ähnliche Wellenlänge. Schon mal ein positiver Punkt.

Ich habe Glück, denn mein Bürostuhl gehört am Nachmittag zu den ersten Sitzmöbeln, die angeliefert werden. Erst als ich sitze, fällt mir auf, wie müde ich bin, was ich aber niemandem vermitteln mag. Keiner soll auf die Idee kommen, ich sei nicht mehr belastbar genug, zu alt gar. Lieber werde ich kommentarlos durchhalten, auch wenn ich zuweilen denke, mein Rücken breche gleich durch.

19. November

Der erste Arbeitstag in den neuen Gefilden. Und welche Überraschung: Jeder Mitarbeiter findet einen wunderschönen Blumenstrauß auf seinem Tisch vor, versehen mit einem Kärtchen, einem Dankeschön. Drei dicke Rosen, Herbstblüher in mehreren Farben, Eukalyptusblätter und Efeu mit viel Filigranem dazwischen. Die Ehefrau eines unserer Chefs hat sie gestern verteilt. Auf diese Weise möchten sie sich dafür bedanken, dass alle beim Umzug kräftig mitgewirkt und sich dabei richtig ins Zeug gelegt haben. Diese Anerkennung tut so gut, es geht richtig zu Herzen.

Später stehe ich vor dem Automaten, um mir einen Kaffee zu holen, als eine junge Kollegin herantritt. Sofort kommt sie auf unseren gerade erst bewältigten Umzugstag zu sprechen und erwähnt dabei auch, dass sie am Ende des Tages fix und fertig gewesen sei. Ich gebe zu, dass es mir auch nicht anders ergangen sei. Und im Stillen bin ich richtig froh, zu hören, dass auch eine dreißig Jahre jüngere Frau den Tag kaum besser überstanden hat als ich. An meinem Alter lag es also nicht.

22. November

Am Abend sind Hannes und ich mit Konrad bei „Lommerzheim“ in Deutz verabredet. Da ich im Gegensatz zu beiden Männern ausreichend Zeit habe, um für uns einen der raren Plätze zu sichern, stehe ich früh genug vor dem Lokal in der Masse der täglich dort ab 16.00 Uhr versammelten Menschen, die einen gemütlichen Abend verbringen wollen. Dennoch gelingt es mir gerade noch, den letzten Tisch hinten links zu ergattern; die zwei noch freien Stühle muss ich sodann vehement vor dem Zugriff sitzplatzloser Menschen verteidigen, bis endlich Hannes und Konrad kurz hintereinander eintreffen.

Konrad, das sehe ich schon beim Eintreten ins Lokal an seinem Gang und am Gesichtsausdruck, ist guter Dinge und wirkt stolz. Er hat nämlich den Mut gehabt, mit 61 Jahren noch eine neue Firma zu gründen, wird Autos vermieten, alte Autos, für Festivitäten und, wie er es ausdrückt, „für Angeberaktionen aller Art“.

Konrad träumt. Zwar hat er diverse Pläne, was das Vermieten der vorwiegend britischen Automodelle betrifft, doch an einem endgültigen Konzept für seine Geschäftsidee muss er noch feilen, wie er sagt.

Ich kommentiere das Ganze so: „Ich bin froh, wenn ich im Job eher meine Ruhe habe und nichts Ungewöhnliches mehr passiert. Aber wenn alle so denken würden wie ich, gäbe es wohl kaum je Firmengründungen.“

Konrad schaut mich skeptisch an – oder gar verächtlich? Ich habe auch den Eindruck, dass er hämisch guckt, als ich vermittele, dass ich nicht mehr viele Ansprüche an mein Leben habe, auch keine besonderen Wünsche. Und dass mir vielleicht auch Kraft und Energie fehlen, um noch irgendwas Besonderes aufzuziehen. Zum ersten Mal gebe ich damit zu, dass es bei mir nicht mehr reicht, für Neues oder für etwas, das Mut zur Veränderung erfordert.

Am späten Abend, nach dem soundsovielten Kölsch, kommen, im Gegensatz zu seiner tapfer verteidigten Idee der Firmengründung, doch ganz andere Worte. Konrad ist sich nämlich keineswegs sicher, ob das mit der Autovermietung der richtige Weg ist, will es aber auf jeden Fall durchziehen. Er möchte nicht, auch vor sich selbst, zugeben, dass alles vielleicht doch zu viel ist. Und er erwähnt, dass er viele Kontakte hat und fast ständig unterwegs ist, weil er sich dann keine Gedanken um sich und sein Leben zu machen braucht. „Abends falle ich ins Bett. Ich mache vieles, um mir selbst zu beweisen, dass ich das noch kann.“ nuschelt er, während er in sein halbvolles Bierglas starrt. Ist das Aussprechen von Wahrheiten nur möglich bei einem gewissen Alkoholpegel?

1. März 2014

Karnevalssamstag. Auf zum „Funken-Biwak“ auf dem Neumarkt. Dem Aufmarsch der Roten Funken gilt es zuzusehen; später werden auch Abordnungen andersfarbiger Kölner Funken erwartet sowie Auftritte mehrerer Kölner Karnevalisten. Viele der Zuschauer sind kostümiert. Kinder, die auf Papas Schultern sitzen, gucken mit staunenden Blicken umher. Zu sehen sind viele Fantasiekostüme, zusammengestellt aus dem, was der Kleiderschrank, die Kiste mit Geschenkverpackungen oder die Küchenschränke hergegeben haben. Ein Mann hat einen umgedrehten Seiher auf dem Kopf, garniert mit Plastikblumen, und es sieht sogar gut aus. Ein anderer trägt eine gehäkelte bunte Kopfbedeckung. Überall schunkelnde und singende Menschen, viele von ihnen mit einem Kölschglas in der Hand. „Was ist los? Der Karneval ist los.“ höre ich in schönstem Sächsisch neben mir.

Nach einer Weile gehe ich in die Schildergasse, und dort, an der Ecke Gürzenichstraße/Quatermarkt, marschiert eine Gruppe der „Altstädter“ in ihren traditionellen Farben Grün, Schwarz, Rot und Weiß im Gleichschritt Richtung Neumarkt. Viel Jubel bei den Zuschauern.

2. März

Die Aufstellung der Schul- und Viertelszüge erfolgt rund um den Chlodwigplatz. Am heutigen Sonntag wird gezeigt, was sich die Schulen an karnevalistischen Ideen haben einfallen lassen. Außerdem geht es um lokalpolitische Begebenheiten.

Zunächst gehen wir an der Grünanlage der Ulrepforte entlang. Da die Straßen ringsum für Autofahrer gesperrt sind, können wir ungestört und in aller Ruhe das Gemäuer der alten Stadtmauer betrachten und fotografieren; das ist was für uns.

Nun nähern wir uns dem Chlodwigplatz und können einer niederländischen Musikgruppe zuhören, die mit Trompeten und allerhand anderen Instrumenten ihre Version des Brings-Hits „Superjeile Zick“ zum Besten gibt. Ein ganz anderer Rhythmus als sonst, und die Fröhlichkeit der jungen Musikanten ist geradezu ansteckend.

Wir gehen weiter und sehen, dass sich der Zug mittlerweile in Bewegung gesetzt hat; die ersten Teilnehmer passieren das Severinstor; dort beginnt offiziell der Umzug, und wir hören die ersten lauten „Kamelle“-Rufe. Köln und seine Eigenheiten werden auf die Schippe genommen: Schlaglöcher auf den Straßen, die Aufstiegssorgen des 1. FC Köln, die Situation in den Kindertagesstätten und vieles mehr.

3. März

Heute nun der Rosenmontagszug. Besonders beeindruckend sind auch diesmal die Vereine, die ihre Verkleidung einem bestimmten Motto unterworfen haben, und gut gelaunt miteinander den Weg entlang ziehen. Auch viele Kinder sind, ebenfalls kostümiert, dabei, wobei die kleinsten im Kinderwagen sitzen. Da haben sich Menschen, vielleicht Stammtischfreunde oder Vereinsmitglieder, lange auf den Karneval vorbereitet, die Kostüme geplant und geschneidert, voller Vorfreude auf die gemeinsame Zeit des Umherziehens auf den Straßen und des Feierns.

Schließlich gibt es noch die großen Karnevalsgesellschaften, auf deren mitgeführten Tafeln ersichtlich ist, woher sie stammen. Es sind ebenso welche dabei aus den nicht so wohlhabenden Kölner Vororten wie aus feineren Gegenden. Spaß an der Sache scheinen die meisten zu haben, trotzdem kommt es mir so vor, als gingen diejenigen aus den einfacheren Stadtteilen mit größerer Fröhlichkeit an die Sache heran. Jedenfalls entdecke ich unter den Herren im teuren Ornat manches mürrische Gesicht. Vielleicht ist so mancher dabei, der sich genötigt sieht, einer der namhaften Karnevalsgesellschaften beizutreten, trotz hoher Gebühren und teurer Kostüme. Eine gesellschaftliche Verpflichtung vielleicht? Oder gut fürs berufliche Fortkommen?

Die seit Jahren immer wieder als eine der besten Fußgruppen ausgezeichneten Kölschen Sonnenkinder haben sämtliche Kölner Brücken im Kleinformat dabei, und die Lösung des Problems der maroden Kölner Brücken wird so angegangen: „Machen wir eben die Müllemer Böötche wieder flott.“

Es folgt eine Gruppe mit Domfiguren als Hampelmänner. „Dä Dom jeht am Schluss.“ erfahren wir nebenbei vom Gruppenleiter, der diese Erkenntnis gerade jemandem telefonisch vermittelt.

Auch die zehn älteren Frauen, die mit schwarzen, von bunten Federn garnierten Hütchen am Straßenrand stehen und nach der Musik der nächstgelegenen Musikanlage tanzen und schunkeln, wirken äußerst zufrieden und begeistert.

Zwei als Clowns verkleidete, etwa vierjährige Kinder mit bunt bemalten Gesichtern stehen beisammen und führen offenbar ein ernstes Gespräch. Wie gerne würde ich erfahren, um was es wohl gehen mag. Ein Terrier, bekleidet mit Pulli und Mütze in Rot-Weiß, den Kölner Farben. Gleich danach ein Mönch mit Kinderwagen. Wir schauen zu, werden von der Sonne beschienen und fühlen uns sehr wohl. Später finden wir am Chlodwigplatz im Café „Kult“ einen Fensterplatz, und können Kaffee trinkend weiter zugucken.

18. März

Für heute ist ganztägig ein Streik der Kölner Verkehrs-Betriebe angesetzt. Was ich niemandem vorher angekündigt habe, setze ich nach Büroschluss am Mittag in die Tat um: Ich mache mich zu Fuß auf den Heimweg. Für den knapp sieben Kilometer langen Weg die Aachener Straße entlang bis zuhause brauche ich eineinhalb Stunden; einen Kilometer schaffe ich demnach in etwa 13 Minuten. Ist doch gar nicht so übel, finde ich. In drei Tagen werde ich schließlich 62.

Nicht nur alle möglichen Dinge, an denen ich üblicherweise mit der Bahn vorbeifahre, kann ich während der Strecke etwas genauer betrachten. Mir fällt auch auf, dass die Gehwegplatten, die schon vor langen Jahren verlegt worden sind, weitaus gleichmäßiger und gerader liegen als jene neueren Datums; bei diesen gibt es viel mehr Stolperkanten.

25. März

Allein im Museum. Ganz bewusst habe ich mich dazu entschieden, ohne Begleitung das Max-Ernst-Museum in Brühl zu besuchen. Ich kann da stehen bleiben, wo ich möchte, und die Bilder oder Skulpturen betrachten, die mich besonders interessieren.

Mein Favorit seit Jahren ist der „Tannhäuser“, ein Objekt, bestehend aus einer Heugabel mit Löwenkopf, der seine Zunge herausstreckt und dem Besucher frech ins Gesicht guckt.

Obwohl ich schon mehrfach in diesem Museum war, entdecke ich immer noch Objekte, die mir bisher nicht aufgefallen waren. Ändern sich vielleicht die Interessen und der Geschmack mit den Jahren? Oder werden ab und zu Bilder und Objekte ausgetauscht, weil nicht alle gleichzeitig unterzubringen sind?

Vor einem Schaukasten mit diversen Textdokumenten bleibe ich amüsiert stehen, als ich ein Schulzeugnis von Max Ernst betrachte. Bei den Noten ist beim Fach Zeichnen vermerkt: „Er hat nicht teilgenommen.“ Möglicherweise waren ihm die Arbeiten, die sein Lehrer ihm und seinen Mitschülern vorgegeben hatte, schlicht zu blöd. Ein Satz, den Max Ernst gesprochen hat, ist so überliefert: „Kein Taucher weiß vor seinem Sprung, was er zurückbringen wird. Ebenso sucht sich der Maler seine Sujets nicht aus.“ Ich stelle mir den jungen Max Ernst – genug Fotos gibt es ja aus den Jahren – so vor, dass er, umgeben von Farben und Materialien aller Art vor seiner Staffelei saß, und sich selbst davon überraschen ließ, was er zustande bringen würde.

Ziemlich ermattet trete ich schließlich nach mehr als zwei Stunden aus dem Museum an die kühle, aber wunderbar frische Luft. Nicht nur die vielen Eindrücke, sondern vermutlich auch die abgestandene, verbrauchte Luft in den Ausstellungsräumen haben mir zugesetzt.

26. März

Heute bin ich mit meiner Freundin Ines verabredet in Rodenkirchen. Es herrscht strahlendes Wetter und wir gehen für eine Weile den Uferweg am Rhein entlang. Am Sandstrand, den es so nur in wenigen Kölner Uferbereichen gibt, sitzen sogar schon ein paar junge Leute und freuen sich offenbar über die Aussicht auf die vorbeifahrenden Schiffe oder die umher fliegenden Möwen.

Beim Italiener auf der Hauptstraße genießen wir einen bunten Salat mit gebratenem Lachs. Ein Schaufensterbummel entlang der Hauptstraße beschließt unseren Rundgang. Ich sollte künftig öfter mal jemanden außerhalb der Innenstadt treffen.

Anschließend nimmt Ines mich noch mit zu sich nachhause, wo ich im Wohnzimmer sogleich die tollen Osterdekorationen bewundere. Wirklich schön sieht es aus. Ich dagegen hole kaum einmal etwas aus den Schränken, um neu zu dekorieren. Nicht nur in der Osterzeit, sondern generell, seit die Kinder erwachsen sind. Wieso eigentlich? Mangelnde Zeit oder kein Interesse?

Im Garten hat Peer allerhand angepflanzt. Winzige Grünlinge gucken aus dem Boden, Radieschenpflanzen, die schon richtig flott aussehen. Ines sagt, dass Peer großen Spaß an dieser Arbeit hat, mit all der Vorfreude auf das selbst gezogene Gemüse.

Hatte ich mir nicht auch solcherlei Beschäftigung vorgenommen für meine Zeit als Rentnerin? Für einen Moment bin ich Feuer und Flamme, doch während ich diese Flächen betrachte, vielleicht sind es dreißig Quadratmeter, entsteht überraschend ein leichter Widerwille in mir. Ich stelle mir nämlich vor, ich müsste ein solches Feld bearbeiten, mich täglich kümmern, beobachten, wässern und düngen, Unkraut herausziehen oder gar Schnecken entfernen. Außerdem haben wir längst nicht so viel Platz im Garten. Und dann die Igel und die Eichhörnchen. Würden sie nicht all die Pracht vorzeitig ausgraben oder zumindest anfressen? Vielleicht wird es bei mir mal einen Kasten voller Kräuter geben, mehr aber wohl nicht.

27. März

Ich wünsche mir einen Spaziergang im Dansweiler Wald, den Hannes und ich nach etwa zwanzig Minuten Autofahrt erreichen. Sofort empfängt uns eine fantastische Luft. Und absolute Ruhe; wir sind fast alleine. Mehrmals jedoch begegnet uns ein junger Mann, der uns joggend über den Weg läuft. Mal von rechts, mal von links, einmal überholt er uns. Wir müssen lachen, als wir ihn zum dritten Mal sehen. Ihn und seinen Hund, der wacker nebenher trabt.

Schmetterlinge, Marienkäfer, dicke Hummeln und natürlich allerhand Vögel umschwirren uns. Auch ein braunrot gefärbtes Blatt, welches bis jetzt noch an einem Baum ausgeharrt hatte. Auf einem eingezäunten Terrain stehen mehrere Kästen, kaum einen Meter über der Wiese. Ich vermute Bienenstöcke, doch Hannes glaubt mir nicht. Eine Frau sitzt auf einer Bank in der Nähe.

„Wissen Sie, was das ist?“ fragt Hannes.

„Bienen.“ Na also!

Auf mehreren Feldern sprießt es schon grün, bis etwa dreißig Zentimeter in die Höhe. Was das wohl wird? Roggen? Weizen? Viel Ahnung haben wir ja nicht gerade. Da sollten wir doch bald mal nachsehen, was das wird.

Plötzlich ertönt aus nächster Nähe lautes Sägegeräusch, und uns entgegen kommt eine Frau mit einem Jagdhund, welcher sich nervös umschaut. „Beruhige dich. Das ist kein röhrender Hirsch.“ erklärt sie ihm, während sie sanft den Hunderücken tätschelt. Der Hund zeigt sich beruhigt und geht mit der Chefin weiter des Weges.

Später sitzen wir gut durchlüftet und mit gewaltigen Sauerstoffmengen versehen im Auto, um heimwärts zu fahren.

„Ich finde, alle paar Wochen sollten wir hier im Wald mal nachschauen wie es aussieht. Wollen wir?“ frage ich aufmunternd. Hannes ist nicht abgeneigt. Somit haben wir wieder eine neue Idee für später!

25. Mai

Unser Lieblingsfreiluftlokal „Söckchen“ an der Frankenwerft/Ecke Markmannsgasse ist gut besucht, doch wir möchten nach unserem Spaziergang am Rheinufer ganz gern noch ein Sonntagabendbier trinken. Daher fragen wir einen einzeln sitzenden Mann, ob wir zu ihm an den Tisch dürfen, wogegen er nichts hat. Schnell kommen wir ins Gespräch. Ein Amerikaner, der auf seine Frau wartet, die mit der Reisegruppe ein Museum besucht.

„Wir sind auf einer Rheinkreuzfahrt, und ich lasse mich von meiner Frau eigentlich zu allem überreden. Bloß in ein Museum kriegt sie mich nicht.“

Er erzählt, dass er 70 Jahre alt sei und mit 64 noch einmal beruflich umgesattelt habe.

„Wegen Margaret. Die wollte das so. Nun bin ich vom Banker zum Farmer geworden und baue Wein an. Die beste Entscheidung meines Lebens. Abends bin ich zwar jetzt immer sehr müde, aber glücklich.“

Freundlich verabschieden wir uns schließlich voneinander; er muss zum Schiff. Und wir haben auch noch ein Ziel.

Heute ist nämlich Kommunalwahl, und wie schon häufig finden wir uns nach dem Wahlende um 18.00 Uhr im Rathaus ein, um auf erste Zahlen und Ergebnisse zu warten. Fast eine Stunde müssen die bisherigen oder künftigen Ratsmitglieder ausharren. Geht es doch darum, zu wissen, ob sie demnächst einen Sitz im Rat der Stadt haben werden. Einige der Anwärter kennen wir zumindest aus den Medien. Und sie, die nach außen hin so wirken, als seien sie entspannt und locker abwartend, zeigen sich doch teilweise etwas nervös. Da mahlen Zähne heftig aufeinander, was die Wangen nicht verbergen können. Ein zunächst lockeres Aufeinanderzugehen zweier Personen wird abrupt unterbrochen von hektischen Blicken auf den Monitor, der aktuelle Ergebnisse zu versprechen scheint. Als ein WDR-Journalist den Raum betritt, geht eine gewisse Unruhe durch den Fraktionssaal, aber der Mann verzieht sich wieder. Fehlalarm. Kurz nach 19.00 Uhr endlich erste Ergebnisse. Doch erst Stunden später werden annähernd präzise Zahlen vorliegen. Dann erst wird sich herausstellen, was das für den einzelnen Politiker bedeutet. Doch so lange wollen wir nicht warten, und machen uns auf den Heimweg.

15. Juni

Das habe ich aber schon lange nicht mehr gemacht: Ich sitze vor dem PC und spiele „MahJong“. Und sofort zieht das Spiel mich wieder in seinen Bann. Weiter und weiter suche ich nach zwei Motiven, die zueinander passen, frei erreichbar sind und weggeklickt werden können. Ich werde immer hektischer, sitze kerzengerade auf meinem Stuhl und spüre, dass ich meine Zähne fest aufeinander beiße. Wärmer wird mir auch.

Die Augen starren auf das bunte Geflimmer. Ich brauche lange, bis ein Spiel beendet ist. Darum starte ich ein neues Spiel. Vielleicht schaffe ich es jetzt schneller? Es geht tatsächlich etwas zügiger, dafür sind am Ende noch Karten im Spiel, die nicht aufzudecken sind. Drauflos geklickt und schlecht geplant oder überlegt. Neues Spiel!

Mittlerweile hänge ich regelrecht in den Seilen, stütze das Kinn auf. Meine Augen beginnen zu tränen. Mein rechter Arm macht auch Ärger; bekomme ich etwa einen Mausarm? Außerdem kommt es mir vor, als würden meine Füße immer dicker.

Ich hatte mir vorgenommen, bis viertel nach elf zu spielen. Eine weitere Partie ist beendet, doch es ist erst neun Minuten nach elf. Also noch eins. Maja kommt, springt auf den Tisch und sieht mich vorwurfsvoll an, so kommt es mir jedenfalls vor. Recht hat sie. Schluss jetzt, ab ins Bett!

18. Juni

Im Büro googele ich rein interessehalber mal das „Alpen-Flair“, ein Musik-Festival in Südtirol, welches Britta und Robert besuchen werden. Während ich die Namen der auftretenden Künstler durchlese, geht überraschend laut die passende Musik los – Rockmusik. Einen Moment brauche ich, bis ich merke, dass die Geräusche, die durchs Büro schallen, von meinem PC kommen. Oh! So schnell wie ich es möchte, bekomme ich die Töne gar nicht wieder abgestellt. Meine Kollegin findet die unerwartete Musikeinlage lustig, die Chefs äußern sich nicht näher.


24. Juni

Aufgrund eines Zeitungsartikels, der unser Interesse geweckt hat, fahren Hannes und ich nach Monheim, um das dortige Rheinufer zu besuchen. Jede Menge Muscheln und Steine in allen Größen und Farben. Einige der schönsten Steine nehme ich mit.

In Ufernähe viel Blühendes, vor allem Lupinen. Und Stauden mit kleinen gelben Blüten, vermutlich Unkraut, aber trotzdem schön. An den Endpunkten der Kribben sitzen Angler, bewegungslos, und stets allein. Sie brauchen offenbar Ruhe und wollen ungestört sein.

Sobald größere Schiffe vorbeikommen, dauert es nicht lange, und die Wellen schlagen ans Ufer. Und wenn man dann einen Moment lang die Augen schließt, das Geräusch der Wellen und dazu das Geschrei der Möwen hört, kann das Gefühl entstehen, man sei am Meer.

Wir sind lange unterwegs. Nicht nur, dass wir der mancherorts dicken Steine wegen nur langsam vorankommen. Mehr noch, weil wir dauernd was zum Fotografieren finden. Oder zum Aufheben und Mitnehmen. Da wir viel nach unten schauen, finden wir auch diverse ausgehöhlte Fische. So lässt sich bestens erkennen, wie das Skelett eines solchen Lebewesens aufgebaut ist. An anderer Stelle die Überreste einer Ratte. Viel ist von ihr nicht übrig, aber die scharfen Vorderzähne sind bestens erhalten.

Nun gerät ein völlig verrosteter Einkaufswagen ins Blickfeld, und so, wie er da am Uferrand steht, mit dem träge dahin fließenden Rhein im Hintergrund, hat er fast schon den Charakter eines Kunstwerks. Und dann die vielen Kronkorken zwischen den Steinen und Muscheln; einige besonders schöne nehmen wir mit. Ich habe die Befürchtung, dass sich für uns heute ein neues Sammelgebiet aufgetan hat.

Schließlich erreichen wir das alte Segelschiff, dessen Abbildung im Zeitungsartikel uns in erster Linie angelockt hat. Vermutlich ist es nicht mehr fahrtüchtig, denn die dicken Ketten, mit denen es an der Ufermauer befestigt ist, sind teilweise schon von kleinen Pflanzen überwuchert.

Im „Vater Rhein“ nehmen wir ein Mittagessen zu uns. Ich wähle das Garnelenpfännchen, mit frischen und getrockneten Tomaten, garniert mit winzigen Blumenstängeln. Wenn diese nur als optische Auflockerung gedacht gewesen wären, hätte der Koch sie bestimmt nicht auf dem Teller drapiert. Also rein damit. Es ist das erste Mal, dass ich was Blühendes zu mir nehme. Lecker, wie in Honig getränkt.

Während der Rückfahrt sprechen wir über Klaus, der seit vielen Jahren die Reparaturen an unserem Auto durchführt. Gestern hatte Hannes einen Termin vereinbaren wollen und musste von Klaus‘ Partnerin erfahren, dass er im März verstorben ist. Nicht mal sechzig Jahre alt ist er geworden. Seit Jahren hatte er einer leichten Herzerkrankung wegen sehr auf seine Gesundheit geachtet und versucht, so stressfrei wie möglich zu leben.

Von heute auf morgen kann es geschehen, das haben wir ja schon mehrfach in unserem persönlichen Umfeld erfahren. Also sollte man das Leben genießen, so gut es nur geht.

27. Juni

Meine Freundin Margret wird heute 65. Ich rufe an, um zu gratulieren. Sie erwähnt, dass sie am 1. Juli in Rente geht.

„Ist das jetzt für Dich nicht ein komisches Gefühl, so kurz vorm Ende?“ frage ich sie.

„Nee, komisch überhaupt nicht, aber vielleicht kommt das noch.“

Sie hat als einzige Frau im Freundeskreis von der Ausbildung bis zur Rente durchweg ganztags gearbeitet, mit Ausnahme einiger Monate nach der Geburt ihres Sohnes, und da kommt ihr das alles nicht komisch vor? Vielleicht hätte ich einen anderen Begriff wählen sollen.

Unser Telefonat muss schnell enden, da Margret in wenigen Minuten im Restaurant sein muss. Nur Single-Frauen hat sie eingeladen, wozu ich eben nicht gehöre.

1. Juli

Den Urlaub zuhause verbringen. Länger schlafen, an manchen Tagen kleine Unternehmungen, an anderen diverse Brasseleien daheim oder im Garten. Das ist ja das Schöne am Daheimbleiben während der Ferienzeit: Man muss nicht ständig etwas unternehmen, bloß weil man in der Ferne weilt und für das Geld, das man für die Reise ausgibt, so viel wie möglich ansehen oder besuchen muss. Soll sich ja lohnen, das Ganze.

Vor ein paar Tagen hatten wir die Idee, den umgestalteten Horremer Bahnhof sehen zu wollen. Acht Minuten Fahrt mit der S-Bahn, fünf Minuten das Kennenlernen des frisch renovierten, nicht allzu umfangreichen Bahnhofsgebäudes und anschließend ein kurzer Weg Richtung Horremer City. Dort begrüßte uns ein Fanfarenzug mit großem Tamtam. Nun ja, nicht uns. Der Umzug fand statt zur 1150-Jahr-Feier des Ortes. Ein guter Kaffee rundete unseren Besuch ab, und wir wollten wieder heimwärts fahren.

Wegen eines Oberleitungsschadens jedoch fiel der Zug aus, und wir mussten mit einem gut gefüllten Regionalexpress vorlieb nehmen. Einige Umwege und Umsteigevorgänge später erreichten wir unser Zuhause, nach mehr als einer Stunde. Aber wir freuen uns ja immer, wenn wir was Besonderes erleben, also nicht meckern.

2. und 3. Juli

Für zwei Tage fahren Hannes und ich nach Trier, der ältesten Stadt Deutschlands. Unser Hotel liegt an einer Straße schräg gegenüber der Römer-Brücke. Wie in jeder fremden Stadt machen wir zuerst eine Stadtrundfahrt, bewundern die teils prächtig renovierten alten Häuser und erreichen endlich das Amphitheater, welches um 100 n. Chr. von den Römern erbaut worden ist, und damals Platz bot für 20.000 Zuschauer. Einige Treppen führen hinunter und wir können die Innenanlagen und die unteren Bereiche des Theaters ansehen. Von hier aus konnte seinerzeit für Spezialeffekte gesorgt werden. Den Zuschauern konnte etwa der Eindruck vermittelt werden, Darsteller, aber auch Tiere, die zur Vorstellung gehörten, würden aus dem Boden wachsen. Momentan finden in der Arena Übungen einer Gladiatorenschule statt, die überwiegend von jungen Menschen besucht wird. Es sieht aus, als würden sie fechten. Die Fahrt mit dem Bus geht weiter, und wir haben die Gelegenheit, die Konstantinbasilika zu besichtigen. Eine enorme Höhe hat das Bauwerk, welches gerade mit einer neuen, beeindruckend großen Orgel ausgestattet wird.

In einem Lokal essen wir abends eine Kleinigkeit. Genau vor uns steht ein Brunnen, der zur 2000-Jahr-Feier den Bürgern der Stadt Trier vom ansässigen Handwerk gestiftet worden ist. Später umrunden wir den Brunnen und freuen uns über die wunderbaren bronzenen Figuren. Jede nur vorstellbare Handwerkskunst wird dargestellt. Am Hauptmarkt finden wir einen guten Platz in einem der zahlreichen Cafés, und betrachten das lebendige Markttreiben. Märkte, egal wo auch immer, sind für uns stets sehenswert.

Es ist Abend. Unser Hotel hat eine Terrasse, die im 2. Obergeschoss liegt, und daher einen prächtigen Blick über die Mosel, die Römerbrücke sowie das gegenüberliegende Ufer bietet. Bei genauerem Betrachten sehen wir in den baumbestandenen Hängen gegenüber mehrere, fast versteckt liegende Häuser. Der Ausblick von dort oben muss grandios sein.

Nach zwei Krügen Bitburger Pils, welches einen spürbar anderen Alkoholgehalt hat als unser Kölsch, verziehen wir uns in unser Zimmer. Ich stelle mir vor, dass das Bier ein prima Schlafmittel ist, doch leider drängt sich der Kaffee vom späten Nachmittag dazwischen. Ich kann nicht schlafen. Daheim haben wir ja getrennte Schlafzimmer, dort könnte ich jetzt wieder das Licht anmachen und lesen, aber hier wage ich das nicht. Hannes, der schon vor sich hin schnarcht, würde sonst wach. Ich höre ihm für eine Weile beim Schnarchen zu, plötzlich aber ist es ganz ruhig, und ich beginne, mir Sorgen zu machen, ob er überhaupt noch atmet. Die Atmung setzt wieder ein, Hannes lebt.

Aber wie selbstverständlich ist das überhaupt? Wie kann ich sicher sein, dass alles immer seinen normalen Gang weitergeht? Dass wir weiterhin relativ gesund und munter bleiben? Wie oft kommt es wohl vor, dass ein nicht mehr junger Mensch mitten im Schlaf stirbt? Bei all diesen unguten Gedanken wünsche ich mir lieber, er würde wieder schnarchen, egal, wie laut.

Da! Mein geheimes Flehen wird erhört.

Aber schlafen kann ich weiterhin nicht. Deshalb stehe ich auf, um für eine Weile aus dem Fenster zu schauen. Jetzt, mit der Nachtbeleuchtung, haben die Brücke und das örtliche Drumherum einen ganz besonderen Reiz. Es ist kurz nach drei, und allerhand LKW sind schon auf Tour. Gegenüber stehen zwei einsame Frauen, im Abstand von wenigen Metern. Konkurrenz belebt zwar eigentlich das Geschäft, aber es hält niemand an. Als ich kurz nach fünf erneut ans Fenster gehe, sind die Damen weg. Es ist hell und der Tag beginnt.

Am Morgen begeben wir uns auf eine Bootstour. Ruhig und behäbig zieht das Schiff seine Bahnen; sehr friedlich wirkt alles, was an beiden Uferseiten zu sehen ist. Später kommen wir an einer Schiffswerft vorbei; dort werden sämtliche Moselschiffe überprüft und gewartet. Auf einer Art riesigem Schlitten werden die Schiffe seitwärts aus dem Wasser gezogen, und einige Meter vom Ufer entfernt in Augenschein genommen. Hannes würde sich die Anlage gerne näher anschauen; dort herrschen Aktivitäten vor, was auf dem Wasser eher nicht der Fall ist. Immer wieder Schwäne, die im Familienverbund elegant vorbei schwimmen. Hin und wieder springt blitzschnell ein Fisch aus dem Wasser, um ein Insekt einzufangen. Auch viele Schwalben sind vor Ort, die tief übers Wasser fliegen, um etwas in den Schnabel zu bekommen. Es sieht oft so aus, als würden sie mit ihren weißen Bäuchen übers Wasser gleiten. An einer Brücke hat sich eine Anzahl Gänse versammelt. Die Tiere fühlen sich vom vorbeiziehenden Schiff offenbar gestört, denn sie zetern heftig. Vier Paddler kommen uns entgegen, deren Boot kräftig ans Wackeln kommt durch den Wellengang.

Bevor wir uns später auf die Rückfahrt nach Köln machen, statten wir der Porta Nigra noch einen Besuch ab – das noch bestens erhaltene römische Stadttor (180 n. Chr.). Beeindruckend sind die gewaltigen Steine, mit denen das mehrstöckige Bauwerk errichtet worden ist. Wie haben die Römer das mit den vor 2.000 Jahren zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten bloß bauen können? Hannes, der ein großer Römer-Fan ist, hält mir mal wieder einen Vortrag darüber, was sie damals alles geleistet haben.

Ein als römischer Legionär verkleideter Mann führt eine Gruppe Jugendlicher durch das Gebäude. Er macht seine Sache wohl richtig gut, mit viel Geschrei, denn die Schüler hören alle interessiert zu.

4. Juli

Meinen letzten Urlaubstag genieße ich am Rhein, indem ich den Weg an den Poller Wiesen entlang gehe. Ausflugsschiffe, Transport- und Containerschiffe, Motorboote. Paddler, die dem kräftigen Wellengang trotzen müssen.

Der weitläufige Wiesenbereich ist gut besucht. Jogger, Radfahrer, Hundebesitzer; alle brauchen Auslauf. Ein junger Mann versucht, seinen Drachen in die Luft zu bringen. Ein Stück weiter werden Fotos gemacht von einem jungen Paar, welches in beigefarbenem Kleid beziehungsweise einem Anzug gleicher Farbe posiert; zwei Frauen, die vermutlich die zeitliche Nähe zum „Christopher Street Day“ für ihre Verpartnerung gewählt haben. Viele Schmetterlinge tanzen herum, die meisten sind weiß. Als farblicher Kontrast dazu ein Großaufgebot an Raben, die nicht nur umherfliegen, sondern streckenweise auf dem Wiesengelände auch zu Fuß unterwegs sind. Heute ist es schwül, was das Atmen ein wenig stört. Egal! Aufenthalte am Rhein wirken stets belebend auf mich.

5. Juli

Geduscht, mit duftig frischem Haar, gefeilten Nägeln, aufgeräumter Tasche und sogar geputzten Schuhen mache ich mich am Morgen auf den Weg zur Arbeit. Auf den Weg in mein letztes Arbeitsjahr; so zumindest ist mein derzeitiger Plan.

Am Mittag gehe ich ein paar Kleinigkeiten im Supermarkt kaufen. Es fällt Regen, mein Schirm aber befindet sich zuhause. Nach ersten Unmutsgedanken bin ich überraschend zufrieden damit, nass zu werden. Warme Luft, feine Tropfen, auch die nicht kalt, was daher von mir schnell als angenehm empfunden wird. Haare, Bluse und Hose sind nun nass, da kann ich das Ganze auch genießen. Entgegenkommende Fußgänger, aber auch Autofahrer denken bestimmt, ich hätte eine Schraube locker, da ich sicher mehr lächele als mir als begossenem Pudel angebracht erscheinen sollte. Nur wenige, auch schirmlose und somit nasse Leute, die mir zu Fuß oder mit dem Rad entgegen kommen, grinsen mich an.

13. Juli

Hannes und ich besuchen und bestaunen das neue Gebäude in der Flora, dem Botanischen Garten. Rund um die prächtigen Blumen und sonstigen Gewächse im Gelände duftet es alle paar Meter anders. Doch wir sind hier wegen der großen Skulpturen, über die wir in der Zeitung gelesen haben: Dralle Menschen im Badedress marschieren mit dem Surfbrett unterm Arm Richtung Wasser. In diesem Fall Richtung erblühender Seerosen. Woanders setzt eine Badenixe zum Sprung an. Wenige Meter weiter ein Mann, der mit dem Fernglas in weite Höhen schaut. Ein anderer trägt einen riesigen Sonnenschirm vor sich her, darunter schreitet eine Dame, die durch den Schatten geleitet wird. Schöne Skulpturen, alle originell und witzig. Der ohnehin sehenswerte Park wird dadurch noch attraktiver.

Am Abend sehe ich mir das WM-Spiel Frankreich gegen Deutschland an. Nachdem die deutsche Mannschaft gewonnen hat, findet vor dem uns gegenüber liegenden Haus ein kleines Fest statt. Die Bewohner sind schwarz-rot-gelb bekleidet, schwenken den vorbeikommenden Autofahrern entsprechende Fahnen entgegen und tröten laut in ihre Trompeten. Lautes Hupen ist die Antwort. Nach einer halben Stunde ist der fröhliche Spuk vorbei.

23. Juli

Eine Autotour ins Bergische Land. Einfach drauflos fahren und uns überraschen lassen. Schon bald sehen wir links und rechts der Straße die grau geschieferten Häuser, welche typisch sind für die Gegend, mit weißen Fensterrahmen, grünen Holzläden und Türen in Schwarz mit weißen Einlassungen. Die Gegend ist wunderschön. Wir können weit übers Land hinweg gucken, entdecken kleine und größere Hügel, manche davon baumbestanden. Die vielen Grüntöne, vorne eher dunkel, nach hinten heller werdend, wirken wie ein schönes Gemälde. Nirgends läuft jemand herum, auch kein Auto ist in Sicht. Leider gibt es keine Möglichkeit, rechts heranzufahren und kurz das Auto zu verlassen, um in Ruhe zu gucken. Eine Pause machen wir in Wipperfürth. In einem der Cafés am Marktplatz finden wir einen Platz an einem Tisch im Schatten.

Später sehen wir uns auf dem Platz noch ein wenig um. Wieso stehen weit hinten so viele Leute? Was schauen sie sich an? Sie bestaunen einen DKW; ein Fahrzeug, das seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr gebaut wird. Umringt von Menschen unseres Alters warten wir, bis die meisten sich verzogen haben, um ungestört ein paar Fotos zu machen. Jüngere Leute gucken leicht verwundert. Sie können mit einem solch alten Auto vermutlich nicht viel anfangen. Und denken vielleicht an ihren Opa, der auch immer so glänzende Augen bekommt und verzückt hinterher schaut, wenn ihm ein so altes Fahrzeug begegnet.

Wir fahren weiter und kommen in Hückeswagen an der „zornigen Ameise“ vorbei, einem Lokal, um das herum massenhaft Motorräder geparkt sind; ein Treffpunkt für die vielen Motorradfahrer, die in dieser Gegend mit hoher Geschwindigkeit unterwegs sind. Wenn sie in die Kurven gehen, berührt das Knie fast den Boden. Gefährlich, finde ich. Aber die Fahrer genießen den Tag zweifellos.

Am Schluss machen wir noch einen Abstecher zur Bever-Talsperre; der Anblick der vielen Segelschiffe auf dem Wasser ist wunderbar.

26. Juli

Haltestelle Rudolfplatz. Kurz nach dem Aussteigen sehe ich einen grünen Kronkorken auf den Pflastersteinen liegen – den haben wir noch nicht. Leider ist es nicht möglich, ihn aufzuheben, denn hinter mir gehen Leute, und einer von ihnen würde mich, da er mit meinem abrupten Anhalten nicht rechnen konnte, sicher über den Haufen rennen. Seit wir in Monheim erste Exemplare dieser für unsere Begriffe oft hübschen Objekte aufgehoben haben, sind schon über fünfzig zusammengekommen. Untergebracht in einer Glasvase machen sich die kleinen bunten Dinger für unseren Geschmack richtig gut.

3. August

Am Rheinauhafen gibt es heute im Rahmen der „50-er Jahre-Ausstellung“ eine Oldtimer-Show. Viele schöne Modelle, alle aufs Feinste poliert. Alle auch aufs Feinste bestaunt. Viele ältere Männer stehen mit gezückten Kameras und teilweise ehrfürchtigen Blicken vor den Fahrzeugen.

„Da werden sicher so manche Träume wieder wach.“ mutmaßt Hannes. Bei mir werden auch Erinnerungen wach. Da steht nämlich, fast etwas verschämt wirkend, jedenfalls recht klein, ein VW-1500. Mit einem solchen Auto habe ich im Jahr 1973 das Autofahren gelernt.

Weiter gehts. In diversen Fahrzeugen entdecken wir vorne eine kleine Blumenvase, fixiert am Armaturenbrett, und bestückt mit bunten Plastikblumen. So eine Vase hatte auch mein Vater in einem seiner Autos, entweder im Goggo-Mobil oder im Käfer. Und plötzlich kommen bei mir allerhand Episoden aus jenen Jahren an die Oberfläche.

Am Jachthafen entlang führt uns später der Weg zurück Richtung Deutzer Brücke. Im Außenbereich des „Söckchen“ trinken wir etwas, und hören Musik, die aus dem offenen Kneipenfenster herausschallt. Musik aus unseren Jugendjahren. Die Kinks, die Searchers, die Stones oder Peter & Gordon. Aber auch Gesänge von Drafi Deutscher, Jan & Kjeld und Peter Kraus fehlen nicht; Musik, welche für uns seinerzeit geradezu verpönt war, die wir aber jetzt ganz lustig finden.

„Spielen Sie die Musik heute zu Ehren der 50-er Jahre-Feier?“ frage ich die Kellnerin.

„Nein, die läuft immer nachmittags, wenn der Chef nicht da ist. Dann kann ich spielen, was mir gefällt.“ sagt sie.

Wir bestellen noch ein Bier und finden es richtig spannend, abzuwarten, welcher Titel als nächstes kommt. Ein Mann versucht auf dem Gehweg, seine Begleiterin zu einem Tänzchen zu bewegen, doch sie wehrt entrüstet ab. Kurz darauf tanzen drei etwa fünfzehnjährige Jungen breit grinsend am Fenster vorbei. Wir hören immer weiter zu, was dazu führt, dass wir viel länger bleiben als vorher geplant.

15. August

Konrad und sein Geschäftspartner Steffen holen uns ab mit einem ihrer Fahrzeuge, einem Rolls Royce; überraschend darf Hannes ans Steuer. Einige technische Erläuterungen und los geht die Fahrt. Nachdem wir angekommen sind, führen uns Konrad und Steffen stolz die Halle mit all den prächtigen Fahrzeugen vor – Rolls Royce, MG und dergleichen. Die Halle ist geradezu wohnlich eingerichtet mit Pflanzen, Bildern, diversen Kunstgegenständen und einem Aquarium voller bunter Fische.

Anschließend gehen wir ins Rodenkirchener „Treppchen“, und Konrad, vermutlich voller Vorfreude auf den erhofften künftigen Wohlstand, bestellt diverse Leckereien, auch einen guten Wein. Während des Essens schwärmt er von den Fahrten, bei denen er die Autos abgeholt hat. Einer der Rolls Royce stammt aus Hull in Irland. Er berichtet von der Überfahrt mit der Fähre und erzählt von Leuten, die er währenddessen kennen gelernt hat.

Auch hier, wie so oft im Leben, scheint der Weg interessanter gewesen zu sein als das Ziel. Wir hören Konrad träumen von einer Zukunft, die als Verleiher dieser prächtigen Fahrzeuge grandios werden muss. Hoffentlich gelingt es.

„Magst Du jetzt noch immer Deinen alten Volvo oder muss es demnächst aus so eine Karosse sein?“ frage ich Hannes am späten Abend.

„Wär schon toll …“ schwärmt er, mit leicht verzücktem Blick.

21. August

Am Abend startet der „HRS Business Run“. Eine Veranstaltung, bei der lauffreudige Kollegen und Firmenchefs über eine Distanz von 5,4 Kilometern zeigen können, was sie drauf haben. In der Woche vorher war schon eine fröhliche Anspannung innerhalb des Teams der teilnehmenden Chefs und Kolleginnen zu spüren. Doch zwei, drei Tage vorher haben einige den Eindruck, sich nicht wohlzufühlen.

„Wir wollen alle irgendwie kneifen, wir kennen das alle.“ sagt Tine, „das ist immer vor solchen Veranstaltungen. Ich kenn das auch vom Marathon, jedesmal dasselbe.“

Doch alle, die sich angemeldet haben, machen mit. Zu mehreren Kolleginnen sind wir dabei, um die Läufer anzufeuern, zu unterstützen, Taschen zu tragen und zu fotografieren. Es soll ja alles den Teamgeist fördern, und ich finde, es entsteht ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Auch der zwischenzeitliche Regen macht nicht viel aus. Der Lohn für alle am Schluss: Zwei Fässchen Kölsch, die von den Chefs spendiert werden, und für jeden, der möchte, eine Currywurst.

26. August

Ob es den Kindern gut geht? Von beiden haben wir nichts gehört in letzter Zeit. Ich weiß ja, dass sowohl Britta als auch Marvin beruflich viel um die Ohren haben. Auch kann ich mich gut daran erinnern, dass ich es vor Jahrzehnten nicht anders gemacht habe. Kaum, dass ich mal daran gedacht habe, außer der Reihe meine Eltern anzurufen oder gar zu besuchen. Vermutlich habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, dass sie, insbesondere meine Mutter, sich sorgen könnten. Aber ich mache mir Sorgen, traue mich aber wiederum auch nicht, einfach mal anzurufen. Sind ja erwachsene Menschen, die alles Mögliche im Kopf haben, nur nicht gerade die Eltern. Trotzdem!

28. August

Ein unangenehmer Bürovormittag: Zeitdruck, Probleme mit dem Drucker, Papierstau am Kopierer – alles kommt mal wieder zusammen. Und schon beginnt mein in solchen Situationen typisches Ohrenrauschen. Die jüngeren Kolleginnen, die auch oft mit technischen Schwierigkeiten zu tun haben, werden meines Erachtens viel besser damit fertig. Ob es wohl doch für mich Zeit wird, zu gehen? Mal denke ich so, mal wieder anders.

Am Nachmittag treffe ich mich mit einer Bekannten, jammere ihr hinsichtlich des vermurksten Vormittags was vor und erwähne gewisse Fluchtgedanken.

„Stell Dich doch nicht an, Du kannst doch noch. Warum willst Du denn so früh aufhören?“ fragt sie mich voller Unverständnis. „Wenn ich gedurft hätte, hätte ich noch weitergemacht. So ein Tag mit Arbeit hat doch eine ganz andere Qualität.“ ergänzt sie.

Am Abend lese ich Neues von der Berlinerin Heidi Hetzer, die sich vor wenigen Wochen mit „HUDO“, ihrem 1930-er Hudson, auf den Weg gemacht hat, um die Welt zu erkunden; auf den Spuren von Clärenore Stinnes, die von 1927 bis 1929 als junge Frau die gewaltige Strecke bewältigt hat. Was währenddessen alles passiert, wird mir per Mail-Abo mitgeteilt. Zuweilen erhalte ich zwei Beiträge pro Tag in Form von Texten, Fotos oder Audiobeiträgen. Probleme, die ich zu meistern habe? Die kommen mir auf einmal gar nicht so groß vor im Vergleich zu den Schwierigkeiten der 77-Jährigen.


30. August

Einladung bei Ines und Peer zum Essen. Ziemlich schnell geht es um das Thema „Viel Zeit im Ruhestand.“

„Ich kann mich dann jeden Tag im Garten um mein Gemüse kümmern. Und ernten.“ freut sich Peer.

„Ja,“ kommt die Ergänzung von Ines, „und ich kann das dann alles verarbeiten, einmachen und so.“

Große Begeisterung in ihrem Blick ist nicht so recht zu erkennen. Dennoch: Als wir die ganzen frischen Salat- und Gemüsezutaten während des Essens bewundern, gucken die beiden schon sehr stolz. Und ob wir uns nur einbilden, das alles würde besser schmecken als Gekauftes, glaube ich eigentlich nicht, was ich auch vermelde. Prompt kommt von Hannes ein überraschender Einwurf: „Ich könnte mir auch vorstellen, so was anzufangen.“

Oh! Nur das nicht, denke ich. Nur gut, dass wir längst nicht so ein großes Grundstück haben wie Ines und Peer. Ein derartiger Aufwand in Sachen Gemüseanbau wäre bei uns gar nicht machbar, was bei mir für ein inneres Aufatmen sorgt.

„Ich will dann im ganzen Haus mal alles instand bringen oder verändern, was nicht mehr in Ordnung ist oder uns gefällt.“

Einen ähnlichen Satz wie diesen von Peer habe ich in fast allen Fällen gehört, wenn es um „die Zeit danach“ ging. Auch ich bilde mir ja ein, dann – nach dem Tage X – alles viel ordentlicher zu machen als bisher, sorgfältiger, regelmäßiger, wie zum Beispiel das Staubwischen. Nur ein ganz leichter Zweifel besteht, dass das möglicherweise nur ein Traum bleiben wird. Eine sorgfältige Hausfrau zu sein, ist mir mein Leben lang noch nicht gelungen. Ausgerechnet dann, wenn es vielleicht überall drückt und zwickt und das Bücken nicht mehr so leicht fällt, sollte das gelingen?

4. September

Immer „wehrhafter“ werde ich offenbar. In der Bahn: Ein junger Mann telefoniert laut, berichtet von seinen erholsamen Nächten, vom entspannten Frühstück und wie gut es ihm geht. Frohe Nachrichten eigentlich. Aber er trompetet dermaßen laut in sein Handy, dass es eine Zumutung für alle Mitfahrenden ist.

„Meine Güte, geht das nicht was leiser?“ möchte ich wissen.

Der Mann guckt mich an, telefoniert aber weiter, bei gleicher Lautstärke. Keine Reaktion also. Die kommt dafür vom einzigen weiteren jungen Mann in meiner Nähe. Er guckt mich derart finster und böse an, dass es zum Fürchten sein müsste. Er nimmt vermutlich Partei für seinen Altersgenossen gegen mich, die Alte. Daraufhin rutscht mir noch raus: „Sie gucken ja auch schon so dämlich wie der Typ da drüben.“ Diesen Einwand überhört er, vermutlich ist das auch besser so. Vielleicht wäre ich von ihm noch angegriffen worden. Ich bin froh, als beide ausgestiegen sind. Sollte ich das Einmischen in unangenehme Situationen künftig Jüngeren überlassen? Genervt geguckt haben ja mehrere Leute.

Etwas anderes habe ich zuletzt gemacht, da war eine junge Passantin das Opfer. Sie überquerte links von mir die Straße, wollte dann nach rechts gehen, unmittelbar vor mir, kreuzte also meinen Weg, und ich hätte bloß stehen bleiben müssen. Doch mir war nicht danach, ausgebremst zu werden. Also habe ich ihr bei meinem unbeirrten Weitergehen leider einen kräftigen Tritt gegen den rechten Knöchel verpasst. Ob ich allmählich gemeingefährlich werde?

7. bis 10. September – Dublin mit Britta

Sonntagvormittag Ankunft in Dublin. Auf dem Weg zum „Castle-Hotel“ entlang der belebten O’Connell Street werden wir begleitet von Massen von Fußballfans. Auf den Bürgersteigen sind Stände aufgebaut mit Fanartikeln, anhand derer wir erkennen, dass die Mannschaften von England und Irland gegeneinander spielen werden. Es gibt keine Schals mit dem Aufdruck der verehrten Mannschaft, wie wir sie kennen, sondern eher so kleine Dinger in entsprechender Farbgebung, die man sich ans Revers oder an den Hut stecken kann. Nachdem wir im Hotel eingecheckt und die Koffer untergebracht haben, ziehen wir los, um die Umgebung zu erkunden.

„Guinness is good for you“ – diesen Werbespruch lesen wir, und viele andere Werbetafeln rund um dieses Bier beherrschen die Wände eines Pubs, den wir besuchen. Ein Lokal mit sehr alter Einrichtung, die bei Britta und mir sofort ein Lommerzheim-Feeling aufkommen lässt.

„Are you from Austria? You speak like my wife, she’s from Austria.“ Mit diesen Worten spricht uns ein Mann am Nebentisch an. Wir reden miteinander, aber da wir nicht alles verstehen, was er uns sagen oder fragen will, fühlt er sich vielleicht nicht richtig ernst genommen, und verzieht sich bald.

Bei der späteren Stadtrundfahrt erläutert uns der Tour-Guide allerhand Sehenswertes; wenn es gerade nichts zu erklären gibt, singt er.

Montag

Beim Frühstück im Hotel kommen wir uns vor wie in einem Taubenschlag. Viele Leute, viele Geräusche. Und viel zu essen. „Please a little bit of scrambled eggs, tomatoes and ham.“ bestelle ich bei der Buffetkraft. Ein voller Teller wird mir überreicht, von wegen a little bit, aber ich schaffe es, ihn zu leeren. Lange nicht mehr habe ich morgens so viel zu mir genommen.

Danach gehen wir auf Tour durch den Innenstadtbereich. Die vielen Läden, bunt und einladend gestaltet. Vielfarbig. Ich kaufe Frühstückstee, allerdings nur der schönen Blechdose wegen, die es ohne Inhalt nicht gibt. Dabei habe ich Britta kurz vorher erklärt, dass wir zuhause nichts mehr kaufen für den Haushalt. Nur noch Zeug, welches gegessen oder getrunken werden kann. Nun also die Dose …

Nach einer Kaffeepause in einem Pub gehen wir zum Trinity-College, nicht nur, um die imposanten Gebäude in der weitläufigen Anlage dieser Universität zu bestaunen, sondern um uns das „Book of Kells“ anzuschauen. Doch die wartende Menschenmenge und voraussichtliche Dauer von neunzig Minuten bis zum Einlass lässt uns zurückschrecken. Wir sind uns schnell einig: So bildungsbeflissen sind wir nicht, dass wir die kostbare Dubliner Zeit fürs Warten vergeuden. Außerdem hatten Britta und ich schon vor Jahren, gleich zu Beginn unserer ersten Städtetour nach München, beschlossen, auf das Betreten von Kirchen und Museen weitgehend zu verzichten. Es hat sich stets bewährt, lieber zu beobachten, wie sich die Menschen in ihrer Stadt, in ihrem persönlichen Umfeld bewegen.

Daher gleich weiter zum Dublin Castle, unserem nächsten Programmpunkt. Im dortigen Parkbereich nehmen wir eine kleine Mahlzeit zu uns, Sandwich und Bagel, erstanden in einem der vielen Shops rundum, und sehen uns um. Der mit viel Sträuchern und Blühendem gestaltete Bereich mit den dahinter liegenden prächtigen alten Gebäuden ist sehr schön anzusehen. Alles wirkt ruhig und friedlich. Doch ohne dass wir sie haben herankommen sehen, beginnt plötzlich eine Schar junger Menschen, die Wegesränder auszustechen. Ein Forschungsprojekt? Es wirkt, als würden sie alle im gleichen Takt mit ihren Werkzeugen auf den Boden einstechen.

Mit dem Rundfahrtbus fahren wir bis zur Brauerei „Guinness“. Wir hören spannend Dargebotenes über die Geschichte des Bierbrauens und darüber, wie wichtig gute Zutaten wie Hopfen, Malz, Hefe und Wasser sind. Eine Bierprobe soll am Schluss alles abrunden, doch vorher werden wir darüber unterrichtet, wie man richtig trinkt: Man nimmt das gefüllte Glas zur Hand und riecht zunächst am verlockenden Inhalt, hebt den Arm, wobei der Ellenbogen quer zum Körper gehalten wird, führt das Glas zum Mund, nimmt einen Schluck und lässt das Bier im Mund verweilen. Dann erst schluckt man das kühle Nass.

Im Obergeschoss der Brauerei, einem großen, rundum verglasten Raum mit Blick über Dublin bis hin zur Küste, bekommt jeder Besucher eine Pint und darf überprüfen, ob das soeben Gelernte auch umzusetzen ist. Bei mir klappt es gut. Doch ich finde den Raum, auf den ungehindert die Sonne scheint, ziemlich überheizt. Schnell spüre ich, dass ich ein rotes Gesicht bekomme. Und schnell kann ich so manchen Blick der Umstehenden bei meinem Anblick übersetzen: „Ob die zuviel getrunken hat?“ Aber mich kennt außer Britta hier ja niemand, also tue ich, als wären mir derartige Vermutungen egal.

Da das Wetter gut ist, besser als noch vorgestern in Köln, bewegen wir uns viel draußen. Und bald schon fällt auf, dass die meisten Menschen an der Ampel bei Rot keineswegs stehen bleiben, auch alte Menschen mit Rollator oder Mütter mit Kinderwagen. Sie kennen die möglicherweise veralteten Taktschaltungen, die an fast allen Kreuzungen dafür sorgen, dass über geraume Zeit die Verkehrsteilnehmer aller Richtungen rotes Licht sehen. Doch wir lernen schnell dazu, und lassen uns von den Menschen mitziehen.

Auch auffallend und für uns ungewohnt ist, dass auf den Straßen immer mal wieder ein Mensch laut schreit. Gestern sahen wir eine Frau, die einem Mann (ihrem?) die halbvolle Bierdose aus der Hand riss und unter lautem Gezeter damit wegging. Es gab wohl Ärger über den Alkoholkonsum. Heute steht eine gut angezogene Frau an einem Obststand, und wettert mit vielen, unfreundlichen Gesten herum, ohne offenbar jemanden ganz speziell zu meinen.

Auf der Suche nach einem Restaurant begegnen wir diversen richtig fein gemachten Damen samt den dazu passenden Herren. Quer durchs Viertel, dessen Straßen mit dicken Pflastersteinen bestückt sind, bemühen sich viele Frauen, den abendlichen Weg mit extrem hohen Absätzen zu bewältigen. Wir hatten schon davon gehört, dass man in Irland ausgesprochen gut gestylt das Haus verlässt, um Restaurants, Bars oder sonstige Clubs zu besuchen, aber dass uns an einem ganz normalen Montagabend so viele feine irische Ladies begegnen, überrascht uns doch.

Endlich finden auch wir ein ansprechendes Lokal, um ein Essen zu uns zu nehmen; Britta bestellt Fleisch mit Gemüse, und ich Lasagne mit Salat, beide Gerichte mit Fritten. Die sehr dick geschnittenen Kartoffelprodukte werden gewissermaßen hochgestapelt serviert, und man muss beim Aufspießen vorsichtig zu Werke gehen, damit nicht der gesamte Stapel auseinander rutscht.

Nach dem schmackhaften Essen besuchen wir ein Lokal im Kneipen- und Barbezirk Temple Bar, in dem Live-Musik dargeboten wird. Viel irische Musik. Herrlich! Ein älterer Mann steht mitten im Lokal und tanzt allein vor sich hin.

Später, auf dem etwa zwanzigminütigen Weg zum Hotel, treffen wir mehrfach auf sehr betrunkene Menschen, Männer und auch vereinzelt Frauen. Sie torkeln recht schwungvoll durch die Gegend, und einmal werden wir unfreiwillig Zeugen, wie ein Mann mittleren Alters sich erst an eine Wand lehnt, um sich dann langsam zu Boden rutschen zu lassen. Er sortiert sich in eine gemütliche Position und bleibt liegen, was außer uns niemanden zu irritieren scheint.

Von einem Straßencafé aus können wir einen städtischen Mitarbeiter bestaunen, der mit dem Fahrrad angebraust kommt, das Rad am Wegesrand fallen lässt, zur Telefonzelle rennt, in den Händen eine Sprühflasche mit Reinigungsmittel sowie eine Rolle Küchenkrepp, um zügig und äußerst umsichtig die Utensilien im Telefonhäuschen zu reinigen. Dann schnell wieder raus, das Reinigungszubehör in den Gepäckkorb hinten geworfen, und weiter, hin zur nächsten Telefonzelle. Ich weiß nicht, ob ich jetzt jemandem Unrecht tue, aber ich glaube kaum, dass ich jemals in Köln einen städtisch beauftragten Menschen so schnell habe arbeiten sehen wie diesen hier in Dublin. Wirklich alle Achtung!

Dienstag

Im Frühstücksraum gelingt es mir beinahe, einen mit diversen Tellern beladenen Kellner umzulaufen, weil ich versuche, rechts an ihm vorbei auszuweichen. Doch die Iren sind es gewöhnt, nach links auszuweichen, ganz so, wie sie es von ihren Autostraßen gewöhnt sind. Einen vermutlich folgenschweren Zusammenstoß können wir beide nur mit viel Glück vermeiden, und der Mann kann darüber ebenso lachen wie ich.

Kurz darauf setze ich für Sekunden eine Alarmanlage in Gang, da ich einen Schritt aus einer offenen Tür wage, weil ich den dahinter liegenden, hübsch anmutenden Hotelgarten genauer betrachten möchte.

Endlich sitzen wir und können frühstücken. Mit dem Mann am Nebentisch kommen wir ins Gespräch; er ist Australier und befindet sich auf einer Europa-Reise. Und er meint, wir Europäer hätten es ungleich leichter als Australier, da wir fast alle Ziele so beneidenswert schnell erreichen könnten. Was ihm bisher in Europa besonders gut gefallen habe? Vieles, aber der Aufenthalt in Budapest sei für ihn das Größte gewesen.

Nach dem Frühstück steuern wir die laut Stadtführer älteste Einkaufsstraße Irlands an. Ein Straßenzug, der auf beiden Seiten kleine Geschäfte von etwa fünf Metern Breite beherbergt, alle farbenfroh und originell gestaltet. Nicht eine der weltweit gleichartig aussehenden Ladenketten ist hier vertreten. Am Ende der Straße erreichen wir einen kleinen Markt, der zwar ein überschaubares Warenangebot führt, welches aber für den normalen täglichen Gebrauch durchaus reicht.

Im Park St. Stephens Green nehmen wir auf einer Bank einen Snack ein, vor einem großen Teich. Von der Nachbarbank aus werden Tauben gefüttert. Da vermutlich Mittagspause ist, wird die Grünanlage bevölkert von jungen Leuten, ausnahmslos gekleidet in Anzug oder Kostüm. Sie sehen aus wie bei uns die Mitarbeiter in Vorstandsetagen, aber vielleicht gehört solch ein Outfit hier zur üblichen Arbeitskleidung fürs Büro.

Ausnahmsweise wollen wir heute doch mal in eine Ausstellung; uns lockt das „Little Dublin Museum“ an. Die Räume in dem prächtigen alten Haus, auf mehrere Stockwerke verteilt, sind nach Jahrzehnten geordnet; es darf ausdrücklich fotografiert werden. Viel schöner alter Kram ist zu bestaunen. Ein eigener großer Raum ist der irischen Band U2 gewidmet, die sowohl Britta als auch ich mögen.

Erneut in den Bus, bis zur „Old Jamesson‘s Distillery“. Auch hier eine Führung durchs Haus und die Anlage. Schließlich werden Freiwillige aus dem Publikum gesucht, die Whiskey testen wollen. Es soll herausgefunden werden, ob und wie sich derlei Getränke aus Amerika, Kanada, Schottland und eben Irland unterscheiden. Jeder möge auch bitte sagen, was er beim Probieren empfindet. Britta, als erfahrene Ehefrau eines Whisky schätzenden Mannes, meldet sich. Sie und die weitere teilnehmende Frau neben zehn männlichen Whiskey-Testern machen ihre Sache recht ordentlich; am Schluss erhalten alle ein Zertifikat.

Anschließend gibt es noch eine Verkostung für alle, wobei ich zunächst die schöne Farbe des Getränks bewundere, um dann, nach und nach, ganz langsam, meinem Getränk zuzusprechen.

„Du hattest aber Mut, den Whiskey pur zu probieren.“ wundert sich Britta.

„Wieso?“ frage ich etwas unwirsch.

„Uns ist doch gesagt worden, Leute ohne Whiskey-Erfahrung sollten den lieber mit Gin Tonic verdünnt zu sich nehmen.“

„Hab ich nicht gehört. Außerdem hätte ich dann den Geschmack ja gar nicht erkennen können.“

Ein paar Vokabeln während der einleitenden Informationen sind mir wohl durchgegangen, doch immerhin habe ich mir viel Zeit genommen, um das Glas zu leeren. Dadurch ist mir das Getränk vielleicht nicht so schnell zu Kopf gestiegen wie anderen Teilnehmern der Runde. Rote Gesichter sind die Folge, wie gestern bei mir, obwohl das für meine Begriffe ja eher an der Wärme gelegen hatte.

Mittwoch

Unser Hotelzimmer ist geräumt; das Gepäck dürfen wir im Empfangsbereich stehen lassen und später abholen; unser Flugzeug startet erst am Nachmittag. Wir machen uns auf zu einer Docklands-Tour mit dem Bus. Zwar bekommen wir wenig zu sehen von den Hafenanlagen, dafür durchquert der Bus richtig schicke Neubaugebiete in den Stadtrandbereichen. An der viel gepriesenen U2-Mauer steigen wir aus, fühlen uns aber ein bisschen veräppelt, denn so toll sind die Graffiti gar nicht. Nun müssen wir etwa eine Stunde warten, bis der nächste Bus uns aufgabelt. Allerdings können wir eine Weile am Ufer des Liffey spazieren gehen, und trinken vor einem Kiosk etwas. Hier sind keine Touristen, hier können wir ein wenig typisches Dubliner Leben beobachten.

Am Flughafen gibt es eine Verspätung. Die Maschine, die uns nach Hause bringen soll, ist noch nicht abflugbereit. Doch daher können wir vom Fenster der Abflughalle aus zugucken, wie das Flugzeug geleert, wieder mit Gepäck und dem Catering befüllt sowie betankt wird. Mit halbstündiger Verspätung startet unser Flieger, und wir werden problemlos befördert.

Während der vier Tage in Dublin sind uns viele nette und angenehme Zeitgenossen begegnet. Außerdem haben wir sehen können, wie freundlich und ungezwungen die Menschen miteinander umgehen. Und ich kann sagen, dass ich große Sympathien für das irische Volk entwickelt habe.

13. September

In Erinnerung an die schöne Zeit mit Britta in Dublin besuchen Hannes und ich am Alter Markt das irische Lokal „Corkonian“. Wir sitzen draußen, auch am Nebentisch ältere Leute, unüberhörbar stammen sie aus Sachsen. Hannes geht kurz nach drinnen.

„Sind Sie auf Städtetour?“ frage ich den Mann, der ständig zu mir guckt.

„Nö. Wir sind eingeladen von nem Freund, der ooch aus Sachsen stammt. Der zeigt uns ein paar Tage lang Köln.“

Ich erwähne, dass meine Mutter in Dresden geboren ist. Eine Stadt, die er auch gut kennt und sehr schön findet.

Hannes kommt zurück und fragt leise: „Hat der Dich angesprochen, als ich weg war?“

„Nee, ich war das.“

„Du?“ Ratloser Blick.

„Ja, ich finde, in meinem Alter darf man so was. Dem war schon klar, dass ich weiter nichts von ihm wollte. Es ging nur ums Reisen.“

28. September

„Wat fott is, is fott!“ Hannes besucht mit mir das aktuelle Bühnenstück im Hänneschen-Theater; es ist die 17.00-Uhr-Vorstellung. Schon im gut gefüllten Foyer sehe ich fast nur Grauhaarige; hier passen wir wirklich hin. Wir sind wohl nicht die Einzigen, die ungern zu einer Abendvorstellung gehen mögen. Es heißt zwar, ältere Menschen benötigten nicht mehr so viel Schlaf, doch in unserem Fall trifft das eher nicht zu. Wir sind oft schon vor 22.00 Uhr müde und längst nicht mehr so lange fit und wach wie früher.

Hannes bewundert in erster Linie das Bühnenbild: Kleine Häuser, dargestellt wie im Mittelalter, schöne Farben, gut beleuchtet. Und dass die für uns nicht sichtbaren, doch hörbar gut gelaunten Menschen, welche die Stabhandpuppen über ihren Köpfen auf der Bühne ihr munteres Spiel treiben lassen, ihr Bestes geben, bleibt auch nicht unbemerkt. Wir bekommen ein nettes Stück geboten, nicht Kompliziertes, aber recht unterhaltsam.

Ich wage nicht zu fragen, ob das alles meinem Ehemann gefällt. Dass ihn das Bühnengeschehen nicht gerade vom Hocker reißt, kann ich erkennen, und sein Mienenspiel kommt mir bei manch unauffälligem Seitenblick so vor, als wolle Hannes gleich aufstehen und gehen, doch er hält durch.

Am Schluss senkt sich die Bühnenwand, die zwölf Puppenspieler mit ihren jeweiligen Figuren sind nun zu sehen. Beeindruckend, wie die Leute es schaffen, sich auf so engem Raum neben- oder hintereinander zu bewegen, und die schweren Puppen agieren zu lassen. Vor Jahren war ich mit Marvin mal zu einer Führung im Hänneschen-Theater, während der wir eine solche Figur kurz haben halten dürfen. Zu „Bohemian Rhapsody“ von Queen geht die Vorführung zu Ende, und noch während wir applaudieren, erfahre ich von Hannes: „Nochmal will ich aber nicht mit.“

2. Oktober

Eine 35-jährige Kollegin, gerade vom Hörsturz halbwegs genesen und seit heute wieder anwesend, begrüßt mich morgens. Wie es zu der Erkrankung kam, möchte ich von ihr wissen. Zu viel hat sie während der vergangenen Jahre privat und beruflich an sich herankommen lassen, davon ist sie überzeugt. Dabei habe ich sie all die Jahre über stets für ihren Mut bewundert, wenn es galt, sich gegen etwas zu wehren oder mit energischen Worten ihre Meinung kundzutun, auch den Chefs gegenüber.

Sind denn nicht gerade solche Menschen stressresistenter, die sich nicht alles bieten lassen, sondern mit klaren Worten zur Wehr setzen? Ich dachte immer, ein Hörsturz gelte nach allgemeiner Erfahrung als körperliches Signal für Menschen, die eben gerade nicht mutig genug sind, sich bei Bedarf zur Wehr zu setzen. Ich selbst habe ja bereits die Diagnose Hörsturz mit den Erklärungen vom Arzt zu hören bekommen, mir zu viel habe aufhalsen lassen, nicht oft genug „Nein“ gesagt zu haben. Und dann kommt von der Kollegin der Satz: „Eigentlich gebe ich mich oft so barsch, weil ich immer Angst vor zu viel Angriff habe. So will ich gleich von vorneherein zu viel Druck oder Ärger abwimmeln.“ Nach kurzem Nachdenken legt sie nach: „So richtig wohl fühle ich mich dabei nicht immer. Auch hinterher nicht. Ich gefalle mir oft selber nicht.“

Sie sieht sehr verletzlich aus in dem Moment. Das sonst so hochmütige, zuweilen sogar freche Gesicht wirkt momentan verändert, der Blick etwas unsicher. Doch wenige Augenblicke später hören wir auf dem Flur unseren Chef kommen, der mit jemandem spricht. Sofort nimmt das Gesicht meiner Kollegin wieder den altbekannten Ausdruck an. Auch die Körperhaltung wirkt angespannt. Vielleicht ist sie oft voller Angst? Und ich hatte immer geglaubt, Leute, die sich durchsetzen können, sich beizeiten wehren und dergleichen, hätten es besser, wären vielleicht zufriedener, weil sie sich nicht alles gefallen lassen. Mit unseren frisch gefüllten Kaffeetassen machen wir uns auf den Weg in Richtung unserer jeweiligen Büros.

10. Oktober

Abends ein Treffen im Weidener „Latänche“ mit Renate und Margret, die ihre ebenfalls verrentete Nachbarin Leni mitgebracht hat. Das Thema „Ruhestand“ steht ganz oben auf der Liste der Dinge, über die wir sprechen.

Margret erklärt: „Ich habe mir ganz viele Bücher gekauft, die ich lesen will, und mir auch sonst eine Menge vorgenommen. Aber eigentlich mache ich gar nicht viel. Schlafen bis acht, halb neun. Alles lasse ich in Ruhe angehen. Und abends liege ich auf dem Sofa, um fernzusehen. Und bin trotzdem recht früh wieder müde. Ich glaub, ich brauch noch ne Weile, um mich von meinem Arbeitsleben zu erholen.“ Am späteren Abend vernehmen wir von ihr aber auch andere Worte: „Da hab ich mich so auf den Ruhestand gefreut, und jetzt weiß ich oft nichts mit mir anzufangen.“

Leni hat ihr Rentnerleben ganz anders begonnen: „Ich habe mir gleich am Anfang, als ich in Rente ging, sehr viel vorgenommen und mich in Vereinen angemeldet, damit ich ja nicht versauere, dass es mir nach zwei, drei Monaten zu viel wurde. Ständig war ich unter Druck, weil ich irgendwohin musste. Ein Druck, an dem ich aber selbst schuld war.“

Gut zu wissen!

Und Renate, die seit knapp zwei Jahren Rentnerin ist, hat sich anfangs gefreut, dass die Anwaltskanzlei sie hin und wieder aushilfsweise bestellt hat. „Mein ehemaliger Chef hat die Gabe, immer wieder die falschen Leute einzustellen. Nach wenigen Tagen kommen die einfach nicht mehr oder kündigen. Und dann krieg ich den dringenden Anruf, ob ich einspringen kann. Eigentlich will ich gar nicht wochenlang hintereinander arbeiten, aber wenn ich mich beschwere, ruft der anschließend vielleicht gar nicht mehr an, weil er beleidigt ist. Und hin und wieder, so für eine Urlaubsvertretung etwa, möchte ich ja schon bestellt werden. Im Moment jedenfalls reicht es mir bis oben hin.“ sagt sie und sieht ziemlich genervt aus.

Am Ende des gesprächsintensiven Abends habe ich zusätzlich zu meinen Scampi mit Salat sieben Kölsch zu zahlen. Hat die Kellnerin gepfuscht oder habe ich tatsächlich so viel getrunken? Als ich zuhause ankomme, fühle ich mich bettschwer, lösche bald das Licht, schlafe wohl schnell ein.

Nachts werde ich wach und wundere mich über die Geräusche, die offenbar von der Straße herkommen. Gegenüber wird seit Tagen ein großer Parkplatz neu planiert, doch ich finde es erstaunlich, dass da auch nachts gearbeitet wird. Dürfen die das?

Erneut werde ich wach, das Brummen ist noch da, kommt mir aber jetzt schwächer vor. Ich gucke aus dem Fenster, der Parkplatz gegenüber liegt in völliger Dunkelheit. Wie das? Und woher kommt das Brummen, welches mir allerdings im Liegen stärker vorkommt?

Ganz allmählich dämmert es mir: Das Brummen und Rauschen entsteht in meinen Ohren. Im Kopf. Habe ich zu viel Bier getrunken? Rauscht es deshalb? Ich kann es kaum fassen, aber mir brummt der Schädel, was sich insbesondere auf die Ohren auswirkt. Die Kellnerin hat nicht geschummelt, es waren eindeutig sieben Kölsch, aber eine solche Menge habe ich doch schon öfter … Früher konnte ich doch … Vermutlich werde ich mich auch in dieser Hinsicht anpassen müssen, meinem Alter gemäß. Wie blöd!


31. Oktober

In der Deutzer Arena läuft die „Rocky Horror Show“, zu der wir von Britta und Robert eingeladen worden sind. Es geht um die Erlebnisse eines recht biederen jungen Paares, welches nach einer Autopanne bei strömendem Regen Hilfe sucht bei den Bewohnern eines nahe gelegenen Schlosses. Hilfe finden sie nicht, stattdessen werden sie Zeugen der Erschaffung von Rocky; Frank N. Furter, der „Sweet Transvestite“, ist der Schöpfer dieses Retortenwesens. Allerhand Skurriles, viel Fantasie und Freizügigkeit, und überwiegend tolle Musik wird geboten.

Ein Teil des Publikums ist entsprechend gekleidet. Frauen

im Hausmädchen-Kostüm, einige Männer in Korsett und Strapsen. Nicht alles, was wir zu sehen bekommen, ist ein schöner Anblick; beispielsweise weiße Haut, mit Gänsehaut überzogen, weil es für derartig knappe Garderobe zu kalt ist. Doch für manchen Menschen ist es eventuell nur auf diese Weise möglich, sich ein wenig auszuleben.

Viele etwa Vierzigjährige sind unter den Zuschauern. Vielleicht haben sie früher von Türen aus heimlich den Film gesehen, wenn die Eltern ihn im Fernsehen angeguckt haben. Die Besucher werden mit Konfetti und Reis beworfen, mit Wasser besprüht. Später fliegt uns Toilettenpapier um die Ohren, und am Ende Spielkarten.

Die Musik ist überwiegend bekannt, obwohl wir den Film aus dem Jahre 1980, der als Ursprung für dieses Musical gilt, lange nicht gesehen haben. Bei mir entsteht wie vor Jahrzehnten eine Gänsehaut, als die Hauptdarsteller Janet und Brad aufs hell erleuchtete Schloss zugehen („There’s a Light, over at the Frankenstein Place …“). Im Kino wurden dazu seinerzeit massenhaft Feuerzeuge angezündet, was hier nicht erlaubt ist. Nun sind es bunte Leuchtstäbe; in allen Farben zwar, aber kein Vergleich zu damals.

Das Stück ist gut, und am Schluss gibt es Standing Ovations für die Darsteller. Während wir die Spielstätte verlassen, sehen wir das ganze Ausmaß dessen, was hier umher geschmissen worden ist.

„Das alles hier sieht aus wie ein großes Kunstwerk.“ meint Robert beim Rundumblick. Später in der Bahn sehen wir Fahrgäste mit Konfetti im Haar. Aha, die waren auch da.

Evelyn plant ihren Ruhestand

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