Читать книгу Liebeskrank - Kaspar Wolfensberger - Страница 7
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ОглавлениеDa sind Sie ja schon. Hatten Sie frohe Ostern? Waren prächtige Tage, fast sommerlich, nicht wahr?
Treten Sie ein.
Tür fällt sanft ins Schloss.
Schalldicht. Aus Diskretionsgründen, wissen Sie. Und der Spannteppich, genau wie die Vorhänge: schallschluckend. Man hört nicht mal die eigenen Schritte, merken Sie? Sie werden auf Ihrer Aufnahme kein Echo hören, keine störenden Nebengeräusche. Nur die Geräusche, die wir selber machen (lacht). Kristallklare Stimmen. Sie werden entzückt sein, wenn Sie sich das Interview anhören (lacht).
Kommen Sie. Setzen Sie sich.
Möchten Sie Kaffee? Frau Mantel wird Ihnen gern einen bringen.
Nein? Orangensaft?
Auch nicht? Wasser vielleicht?
Ja? Ist aber nur Leitungswasser.
Wasser läuft, Glas wird abgestellt.
Hier, bitte.
Darf ich Ihnen eine anbieten?
Nein? Stört es Sie, wenn ich rauche?
Feuerzeug klickt. Rauch wird ausgeblasen.
Entschuldigen Sie meine Unhöflichkeit von letzter, ich meine vorletzter Woche. Ich …
Doch, doch, das war unhöflich: Ich habe Sie ja sozusagen vor die Tür gesetzt. Und nicht einmal nach Ihrem Namen gefragt. Oder ich habe ihn vergessen – wenn das keine Unhöflichkeit ist. Tut mir leid, aber ich habe ein miserables Namensgedächtnis. Wie war Ihr Name, bitte?
Telefon klingelt.
List.– Ja? – Nein, nicht jetzt, ich bin besetzt. – Was heisst »nicht in Ihrer Agenda«? – Ach so, kann sein. Ja, ja. – Ganz ruhig, Frau Mantel. – Ich weiss. (Schonungsvoll, betont langsam:) Frau Mantel: Bitte keine Anrufe durchstellen, ja? Ich möchte nicht gestört werden. – Eine halbe Stunde vielleicht. Danke.
Entschuldigen Sie. (Mit gesenkter Stimme:) Etwas empfindlich, muss mit Samthandschuhen angefasst werden. Aber sonst eine Perle.
Läuft Ihr Gerätchen schon?
Ja? Man sieht gar nichts. Nun, wo waren wir? Ach ja, bei meiner Unhöflichkeit, wo denn sonst. Ich hatte komplett vergessen, mich vorzustellen, nicht wahr? Wenn das keine Unhöflichkeit war. Verzeihen Sie, bitte. (Lachend:) List ist mein Name. Aber jetzt zu Ihnen.
Quietschendes Geräusch.
Das ist nicht Ihrer, das ist meiner. Wenn ich mich drehe oder vor- oder zurücklehne, quietscht er ein bisschen. Italienisches Design, ergonomische Gestaltung, lässt sich drehen und kippen, höher und tiefer stellen – sehen Sie?
Sessel quietscht.
Alles, was man will. Aber quietscht wie ein altes Fahrrad. Keine Sorge: Ihrer dreht nicht und kippt nicht. Sie können sich unbesorgt zurücklehnen. Sitzen Sie bequem?
Gut.
Sie haben bestimmt noch Fragen, nicht wahr? Das war jedenfalls mein Eindruck. Ja, ja, mein erster Eindruck war, dass Sie sich brennend für die Liebeskrankheit interessieren. Und der täuscht bekanntlich selten. (Halblaut, scherzhaft vertraulich:) Es sei denn, Sie seien meinetwegen gekommen. Nein, Spass beiseite: Ich vermute, Sie hatten sich für das Interview vorbereitet. Sie sind ein guter Zuhörer. Sie …
Stimmt’s etwa nicht?
Doch, doch, zuhören können Sie, das ist mir gleich aufgefallen. Interessiert und aufmerksam. Das kommt selten vor. Glauben Sie mir, ich weiss, wovon ich rede: bei drei Interviews die Woche. Die meisten geben vor, etwas erfahren zu wollen, und dann schwatzen sie einem die Ohren voll. Mit naiven Fragen, stereotypen Einwänden und Besserwissereien. Sie hören zu. Man spürt Ihr Interesse.
Bläst lange Rauch aus.
Zuhören ist eine Kunst, wissen Sie. Als solche ist sie zwar lernbar, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Zuhören ist nämlich auch eine Begabung. Zuhö…
Oh, doch. Nur keine falsche Bescheidenheit.
Für Ärzte und Psychotherapeuten ist Zuhören natürlich das tägliche Brot. Zuhören, zuhören und nochmals zuhören, das ist das A und O unseres Berufs. In der Sprechstunde zuhören, auf Patientenvisite zuhören, immer und überall zuhören. Auch auf Sendung übrigens. Haben Sie Liebeskrank schon mal gesehen?
Jetzt schütteln Sie bloss nicht wieder den Kopf!
(Lachend:) Ich bitte Sie: War nur ein Scherz. Es geht hier nicht um meine Sendung. – Was wollten Sie wissen? Verzeihen Sie meine Vergesslichkeit. Eine Alterserscheinung. Dieses Problem haben Sie natürlich nicht. Ich darf Sie ja nicht nach Ihrem Alter fragen, aber nach meiner Schätzung können Sie höchstens fünfund…
Also, meinetwegen brauchen Sie das Gerät nicht auszuschalten, so persönlich verläuft unser Gespräch denn doch nicht. Oder wollten Sie bloss etwas einstellen? Egal, kommen wir zur Sache: Lesen Sie das Wochenmagazin?
So? Ich fast nie. Ist mir zu sehr Boulevard. Aber ein paar Ausgaben vom letzten Sommer habe ich mir aufbewahrt. Die Interviews mit Liebenden! Die sollten Sie lesen.
Jetzt staunen Sie, was?
Dass ich Ihnen die Lektüre einer Wochenzeitung empfehle, wo es Ihnen um wissenschaftliche Informationen geht. Ich sage Ihnen, weshalb: Weil der Autor, vermutlich ohne es zu wissen, mit diesen Interviews die Liebeskrankheit in allen ihren Formen beschreibt. Auf schlichte, allgemein verständliche Art. Ganz unwissenschaftlich, aber trotzdem. Er befragte eine ganze Menge Menschen, was ihnen Liebe bedeute. Und wissen Sie was? Fast die Hälfte der Befragten zeigte ein leichtes bis mittelschweres LIPS, ein paar wenige ein schweres. Das ging aus den Antworten klar hervor, jedenfalls für den Fachmann. Gut, ein paar Gesunde waren auch darunter. Ein paar Verliebte, ein paar zufriedene Paare. Dann ein paar Schwärmer und Romantiker, aber ganz symptomfrei waren die nicht. Romantische Schwärmerei ist oft ein Vorstadium der Liebeskrankheit. Der Rest: Unglücklich Verliebte, Abgewiesene, Sitzengelassene, Enttäuschte, zu kurz Gekommene und so fort. Die einen zeigten eher die depressive Form, andere eine von Ängsten oder Zwängen begleitete Variante, wieder andere eher ein maniformes, euphorisches oder paranoides Zustandsbild. Ein vollständiger Katalog der Liebeskrankheiten, sage ich Ihnen. Prima Artikel, wirklich. Kennen Sie den Autor?
Ich bitte Sie, schauen Sie nicht so entgeistert!
Ich will Sie doch nicht in Verlegenheit bringen. Man kann nicht jeden kennen, das weiss ich doch selber. Ich erinnere mich ja auch nicht. Obwohl ich vielleicht sollte. Warten Sie, es fällt mir bestimmt wieder ein. Wie hiess er schon wieder? Hmm. Ratzkopp? Oder Rotzkapp? So ähnlich jedenfalls. Tut ja nichts zur Sache. Aber die Artikel waren klasse. Warten Sie, ich suche sie raus.
Doch, kein Problem. Dauert nicht lange.
Gedämpftes Rumoren.
(Ächzend:) Nein, tut mir leid, ich finde sie im Augenblick nicht. Wie gesagt: hervorragendes Anschauungsmaterial zum Thema Liebeskrankheit. Gleichzeitig mit jener Interviewserie startete dann meine Sendung. Die bescherte uns im Seeblick einen merklichen Zuwachs an Liebeskranken. Wir mussten viele auf den Schlossberg umleiten. Sie kennen doch den Schlossberg?
Ach, kommen Sie, gucken Sie mich nicht schon wieder so an! Ich komme mir bald vor wie Ihr Examinator, wenn Sie so dreinschauen. Ich rede von der Klinik am Schlossberg, von unserer Konkurrenz, sozusagen. Dort schickten wir die Liebeskranken hin, die wir nicht selber aufnehmen konnten. Obwohl die ein anderes Spezialgebiet haben. Psychotraumatologie. Die Klinik ist spezialisiert für die Behandlung von seelisch Traumatisierten.
Ach so, das wissen Sie? Na gut. Aber wir sprachen von der Behandlung der Liebeskrankheit. Sie werden wissen wollen, wie es um die Erfolgsrate steht. Sehr einfach: ein Drittel wird geheilt, ein Drittel gebessert, ein Drittel bleibt unverändert oder wird schlimmer. Mit anderen Worten: fast gleich wie bei andern psychischen Erkrankungen. Die leichten Fälle kommen natürlich gar nicht in die Klinik. Aber unter denen, die bisher bei uns landeten, gab es ein paar besonders schwere. (Räuspert sich.) Dazu sind Kliniken schliesslich da. Leider waren auch Todesfälle (hustet heftig) … ’tschuldigung, Todesfälle zu verzeichnen.
Seufzt.
Sehen Sie, LIPS ist eben nichts Harmloses. Manchmal geht es um Leben und Tod. Da war zum Beispiel ein jung…
Sessel quietscht.
Moment. Jetzt muss ich Sie bitten, Ihr Gerät für einen Augenblick auszuschalten. Das ist off the record.
Es klickt zweimal.
Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ja ganz weiss im Gesicht.
Alles in Ordnung?
Die Geschichte geht unter die Haut, nicht wahr? Mir geht es genauso: Es nimmt mich jedes Mal mit, wenn ich an die Tragödie denke. Erst sieb… (hustet), erst siebzehnjährig!
Räuspert sich.
Der Fall hat Frau Katz den Ruf gekostet.
Seufzt.
Dabei war sie eine hervorragende Person, wissen Sie. Sie nicken, war sie Ihnen ein Begriff?
Ach ja?
Seufzt erneut.
Der Ruf der Klinik wurde leider auch beschädigt. Es gab Schlagzeilen in der Tages- und der Boulevardpresse.
Klaps auf die Tischplatte.
(Aufgeräumt:) Nach Amsterdam stehen wir hoffentlich wieder besser da. Je nachdem, wie das Echo auf den Kongress ausfällt. Sie kommen doch auch, oder?
Ach so, stimmt. Schade.
Während ich fort bin, muss der Klinikbetrieb natürlich weitergehen. Dann ist Hundt allein zuständig.
Was haben Sie?
Doktor Hundt, mein Co-Chefarzt. Nachfolger von Frau Katz, wissen Sie. Ach so, Sie wundern sich bestimmt über die Namen! Ich weiss, ich weiss. Aber wir sind nicht die einzigen mit einem Chefärzte-Zoo. Den gibt’s auch anderswo: Frosch und Stoerk, beispielsweise. Nein, was sage ich: Froesch und Stork. Professor Franz Froesch, Chefarzt der Klinik am Schlossberg. Co-Chefarzt, zusammen mit Doktor Susanne Stork. Stork, die Koryphäe der Psychotraumatologie. Kennen Sie sie?
So? Sie sehen (lachend), gewisse Namen kann ich mir merken: die von Chefärzten. Die sind immer schön kurz, wissen Sie. (Scherzhaft seriös:) Es ist nämlich ein ungeschriebenes Gesetz, dass Psychiatrie-Chefärzte in unserer Region einen einsilbigen Namen tragen. Seit Generationen. Vielleicht sind Sie zu jung, um sich an alle zu erinnern: Gut, Klug, Rath, Scherz und Stolz. Das waren die Säulen unserer Psychiatrie. Damals noch mehrheitlich Schweizer. Heute ist die Schweizer Psychiatrie – fast hätte ich gesagt: Gott sei Dank – ja fest in deutscher Hand. (Räuspern.) Fragen Sie mich nicht, wieso. Hat sich einfach so entwickelt. Darüber müssen sich andere Gedanken machen, nicht unsereiner.
Moment! Damit das klar ist: Ich lebe seit über dreissig Jahren in diesem Land. Ich weiss, das hört man mir nicht an. Ich gehöre eben nicht zu den Grützi-Grützi-Deutschen, die sich einbilden, sie könnten dieses Idiom je lernen. Das masse ich mir nicht an, dass lasse ich hübsch bleiben. Mein Züricherdütsch wäre eine Beleidigung für alle Schweizer Ohren. – Wo waren wir? Ach ja, bei den grossen Namen. Den kurzen. Ja, die merkt man sich natürlich. Rath war eine internationale Grösse, auf den dürfen wir stolz sein. Das Rath-Syndrom, wissen Sie. Ist Ihnen als Wissenschaftsjournalist bestimmt ein Begriff, oder?
Eben. Ja, ja, das waren noch Chefärzte!
Seufzt wieder.
Sie sagen mir, wenn ich zu viel abschweife, ja?
Nun, was ich sagen wollte: Einen echten Chefarzt, so wie früher, finden Sie in der ganzen Region, vielleicht im ganzen Land nicht mehr. Einen echten Professor erst recht nicht. Aus einem einfachen Grund: Es werden nur noch Co-Chefärzte berufen. Auch an den Universitätskliniken: Co-Chefärzte, Co-Direktoren und Co-Professoren. Lauter subalterne Gestalten, aber keine echten Chefs mehr. Jeder immer nur zuständig für ein Teilgebiet, einen Forschungszweig, eine Spitalabteilung oder ein Klinikdepartement. Teile und regiere, das ist die Devise des Regierungs- und des Universitätsrats. Wie im alten Rom. Da mit nur ja keiner zu mächtig werde. Auch wenn sie es natürlich ganz anders begründen. Keine gute Idee, wenn Sie mich fragen. Es gibt keine saubere Linie, keine klare Zuständigkeit mehr. Keine Unité de doctrine. An der Universität werden kaum noch magistrale Vorlesungen gehalten.
Und die Klinikleitungen sind nicht etwa transparenter geworden. Im Gegenteil. Damit den Intrigen und Machtspielen so richtig Tür und Tor geöffnet werden, ist man auf die gloriose Idee gekommen, die Co-Chefärzte im Turnus zu Klinikdirektoren zu ernennen. Da versucht jeder, die Anordnungen seiner Vorgänger aufzuheben und so viele eigene Ideen wie nur möglich durchzuboxen. Nach zwei Jahren fängt dann alles von vorne an. Ich weiss, wovon ich rede. Kollege Hundt ist derzeit unser Direktor. Obwohl er erst seit einem Jahr Co-Chefarzt ist. Seit Frau Katz nicht mehr lebt.
Zieht durch die Nase hoch. Kurze Pause.
Kennen Sie übrigens die Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie? Die Professoren an unserer Universität? Wissen Sie, wie die alle heissen?
Nein? Müssten Sie aber!
Ich sag’s Ihnen: Scheu, Sorg, Trost, Blass und Kalt. Das sind unsere Psychiatrieprofessoren. Spricht Bände, nicht wahr? Früher hiessen die Grössen unseres Fachs noch Freud, Jung, Reich, Stolz und Rath. Heute Scheu, Sorg, Trost, Blass und Kalt. Ja, ja. Sie sollten sie mal sehen: Scheu, Sorg, Trost, Blass und Kalt, da würde Ihnen ein Licht aufgehen. Verzeihen Sie, ich bin ein Lästermaul. Für seinen Namen kann einer schliesslich nichts. Aber dennoch, Nomen est Omen.
Telefon klingelt.
(Unwillig:) Frau Mantel, ich … Ach so, Sie sind’s. – Ich bin besetzt, Herr Hundt. – Nein, ich …
(Hinter vorgehaltener Hand:) Entschuldigen Sie.
(In normaler Lautstärke:) Wenn’s nicht zu lange dauert. – Ja, ja. Worum geht es? – Mhm.
(Gelangweilt:) Was Sie nicht sagen. So, so. – Mhm, mhm. – Kleinen Moment, Herr Hundt. Ich muss nur kurz …
(Flüsternd, hinter vorgehaltener Hand:) Tut mir leid. Wir müssen leider Schluss machen. – Moment noch, warten Sie!
Seitenblättern.
(Flüsternd:) Hier: Geht das? Ja? Gut. Wiedersehen.
(Wieder lauter:) So, Herr Hundt, bin wieder da.