Читать книгу Die zerbrochene Tänzerin - Lucie Schmidt - Страница 4
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ОглавлениеSo geschah es viele Jahre. Bis der Wind eines Tages wieder einmal vorbei kam und sich alles änderte.
Der Tag war drückend heiß und die Luft hing schwer und träge im Raum. Daher begrüßte der Dachboden den Wind mit Erleichterung. Erhoffte er sich doch etwas Abkühlung. Der Wind jedoch war nicht er selbst. Anstatt, wie sonst, leichtfertig durch den Dachboden zu stürmen und jede Menge Staub aufzuwirbeln, hielt er direkt auf die Spieluhr zu und öffnete sie.
Es dauerte nicht lange, bis eine zerklüftete Felslandschaft entstand. Klippen fielen dreizehn Meter tief, bis sie auf kräftige Wellen trafen, die sich wieder und wieder gegen die Steine warfen. Wildes Gestrüpp trotzte jedem Wetter und hier und da konnte man sogar eine Möwe hören, die in der Ferne kreischte.
Die Tänzerin erschien barfuß. Langsam tastete sie sich auf dem unebenen Boden zum Rand der Klippe vor und warf einen unsicheren Blick nach unten. Sie sog den Geruch von Meer und Salz ein und als sie aufblickte, stockte ihr der Atem. Sie kannte das Meer. Sie hatte schon ein paar Mal an einem Strand getanzt. Doch das hier war etwas Anderes. So hoch oben auf der Klippe konnte sie bis zum Horizont sehen, der unendlich weit weg zu sein schien. Noch nie war so eine Weite vor ihren Augen entstanden und noch nie hatte sie das Gefühl gehabt, über das Ende der Welt hinaussehen zu können.
Dann setzte die Musik ein. Voller Ungeduld zerrte sie an ihr. Warf sie zurück und ließ sie wieder fliegen. Die Melodien waren wirr und durcheinander, als wüssten sie nicht, was sie fühlen sollten. Rastlosigkeit und Unruhe wechselten sich mit ruhigen, sinnlichen Passagen ab, nur, um im nächsten Moment wieder ausgelassen und wild zu sein. Der Tänzerin machte dies allerdings nichts aus. Sie liebte es, sich zur Musik zu bewegen und genoss jeden einzelnen Ton und die Bewegung, die er bei ihr auslöste.
Der Dachboden sah fasziniert zu. So leidenschaftlich hatte er die Tänzerin noch nie tanzen gesehen. Jeder Schritt, jede Handbewegung, jede Drehung schien eins mit der Musik zu sein. Er konnte nicht einmal sagen, ob die Musik die Tänzerin beeinflusste oder ob es umgekehrt war. Doch so unberechenbar die Musik an diesem Tag auch war, sie verzauberte dennoch jeden, der sie hörte.
Die Tänzerin wirbelte herum, setzte zu einem kleinen Sprung an und landete unglücklich in einer unscheinbaren Mulde. Kurz knackte es, als sie mit dem Fuß wegknickte und mit einem schmerzerfüllten Schrei auf dem Boden aufschlug. Augenblicklich verstummte die Musik. Geschockt hielt der Dachboden den Atem an. Und selbst der Wind wich erschrocken zurück.
Nur am Rande nahm die Tänzerin wahr, wie der Horizont verblasste und die Klippen begannen, sich aufzulösen. Der salzige Geruch des Meeres verschwand. Zurück blieb nur die drückende Hitze, die sich auf dem Dachboden angestaut hatte.
Die Tänzerin kauerte auf der grauen Spiegelfläche. Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie vorsichtig ihren Knöchel abtastete. Er fühlte sich heiß an und begann schon anzuschwellen. Auch die Schmerzen wurden schlimmer. Die Tänzerin wollte nur noch zurück in ihre Spieluhr und sich in ihre Kissen kuscheln, bis ihr Knöchel wieder in Ordnung war.
Da erst wurde ihr bewusst, dass sie immer noch auf der Spiegelfläche saß. Normalerweise glitt sie zurück in ihre Kissen, sobald die Musik langsam verstummte und die Szenerien zu verschwinden begannen. Doch sie saß noch da. Ungläubig glitten ihre Finger über das glatte Grau. Sie kniff die Augen zusammen und flehte die Spieluhr an, sie wieder aufzunehmen. Doch nichts passierte. Verzweifelt stand sie auf und zuckte unwillkürlich zusammen, als sie versuchte, den Fuß aufzusetzen. Langsam humpelte sie zum Deckel der Spieluhr. Jeder Schritt tat ihr weh und sie musste aufpassen, nicht wieder hinzufallen. Aber sie brauchte nur drei, dann war sie am Deckel angekommen und tastete ihn Millimeter für Millimeter ab. Sie suchte nach einem versteckten Eingang. Irgendwo musste es doch eine verborgene Tür oder Luke geben, durch die sie wieder zu ihren Kissen konnte. Doch so sehr sie auch suchte, sie fand nichts.
Verzweifelt rutschte die Tänzerin zu Boden und fing bitterlich an zu weinen. Was sollte sie nur tun? Ihr Knöchel war kaputt. Sie hatte Schmerzen. Ihr war kalt und sie hatte keinen Platz mehr, an dem sie sich ausruhen konnte. Noch nie hatte sie sich so verloren gefühlt.