Читать книгу Ich bin Vera - Marah Malakai - Страница 6
ОглавлениеKapitel 1
Schock
Mein Hals ist zu und das Atmen fühlt sich an wie eine Strafe. Alles in meinem Körper pulsiert und schmerzt. Aber ich atme. Ich lebe noch. Wie der Schrei einer Mutter, die ihr Kind zur Welt bringt, bohrt sich das Gefühl von Achtsamkeit durch meinen Schädel. Ich achte auf meine Beine, eines davon spüre ich weniger, ist es überhaupt noch da? Bin ich noch da? Und wo befinde ich mich jetzt? Hier riecht es nach Desinfektionsmittel, Klänge sind hörbar, Menschen, die sprechen, ich bin nicht allein. Wage ich es, die Augen aufzumachen? Das ist egal, denn irgendwann starren wir der Realität ins Gesicht. Ich bin in einem Krankenhaus, natürlich bin ich das, ich Idiot habe versucht, mich umzubringen. Ein Plastikrohr steckt in meinem Hals und ich kann mich kaum bewegen. Hier stinkt es. Hier stinkt es nach Tod und ich liege hier, wie eine Fliege in der Suppe. Welcher Tag ist heute? Dieses Rohr ist unerträglich, aber ich kann mich nun mal nicht bewegen. In welchem Krankenhaus bin ich eigentlich? Wie lange war ich weg? Wo war ich? Habe ich zuhause abgeschlossen? Wenn nicht sind bestimmt Leute rein und haben die gebrauchten Kondome und das restliche Chaos in der Wohnung gesehen. Sie haben mich gesehen. Oh Gott, meine Nachbarn wissen bestimmt schon, dass ich versucht habe, mich umzubringen. Ist das Wasser zuhause zugedreht? Ich muss mich waschen. Plötzlich bleibt mein Geist stehen, die Decke starrt mich an und ich starre zurück. Stunden vergehen, ohne dass ich irgendwohin kann, mit irgendjemand sprechen dürfte oder diesen Gestank von mir waschen könnte. Ich glaube, ich habe mich vollgeschissen und nun liege ich hier. Gibt es so etwas wie Krankenschwestern hier? Verdammt, ich möchte schreien, aber der Schrei erstickt in mir drin, so tief in mir drin, dass eine Träne meine Augen verlässt. Meine Tränen sind freier als ich selbst. Stille herrscht, doch diese Stille bewegt sich. Sie pumpt Adrenalin durch meinen Körper, mein Herz rast, ich will hier weg, doch ich kann nicht. Habe ich jetzt eine Panikattacke? Mein Gestöhne wird vom Beatmungsrohr in meinem Rachen abgedämpft. Was, wenn ich für immer so liegen muss? Warum wollte ich denn zurück zu diesem Scherbenhaufen? Mein Herz springt gleich aus meiner Brust, so stark schlägt es, dass es mein Gejammer wie eine Trommel begleitet. Und auf einmal nichts mehr, mein inneres Ausrasten verlässt mich schlagartig. Auf einmal wird mir klar, dass ich lebe, wenn auch regungslos an ein Bett gebunden. Dennoch lebe ich. Ich lache hysterisch, Tränen fließen und verdunsten, meine Angst verflüchtigt sich mit ihnen. Die Tür vor mir öffnet sich, endlich eine Menschenseele, die mich hier rausholen kann, einen Seufzer der Erlösung gebe ich von mir. Der Seufzer wird zu Schock, sobald ich sehe, wer den Raum betreten hat. Ein älterer Mann im schwarzen Mantel, ich weiß, wer das ist, tue so, als läge ich noch im Koma, denn wenn man nicht flüchten oder kämpfen kann, soll man sich künstlich belebt stellen. Er kommt auf mich zu, wenn man lange genug mit einer Person gelebt hat, erkennt man diejenige an ihrem Gang. Meine Brust wird hart und Schweiß staut sich genau an dieser Stelle an. Ich tropfe vor Angst. Er setzt sich neben mich, ich kann noch spüren, wie er meine Hand nimmt. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, DASS ich noch etwas spüren kann oder vor Ekel sterben soll aufgrund dessen, was ich spüre. Ruhig bleiben, ich muss nicht mal atmen, die Maschine macht das für mich, ich bin eine Maschine, meine Funktion ist es, Ruhe zu bewahren. „Du warst so ein süßes Kind, bis du mich verpfiffen hast. Kinder sollten gesehen werden und nicht gehört und siehe da, jetzt bist du still. Nächste Woche schalten wir dich komplett aus, tja so spielt das Schicksal. Zuerst schreist du Wolf und dann wirst du gefressen, denn es gibt niemanden, der dich hört.“ Er streichelt mein Bein entlang, das Bein, welches weniger beschädigt ist. Natürlich genau das Bein, das sich nicht regen darf. Er geht immer höher und höher, stoppt, sobald er meinen Kot riecht. Ich stecke wortwörtlich in der Scheiße und genau das rettet mich vor einem Übergriff. Oder geht er jetzt weiter? Dieses Biest könnte problemlos Scheiße fressen, er kennt keine Limits. Was passiert jetzt? Durch meine geschlossenen Augenlider kann ich seinen Gesichtsausdruck nicht sehen. Ist er angeregt? Angewidert? Ich spüre seinen Atem auf meiner Stirn. „Leider kann ich nicht dabei sein, wenn sie dir den Stecker rausziehen, also verabschiede ich mich jetzt schon bei dir und bedanke mich für den Spaß, den wir in den letzten zwei Jahren hatten. Du warst schön willig, so hättest du als Kind auch bleiben sollen. Still.“ Er setzt sich wieder hin, ich spüre, wie seine Körperwärme weniger intensiv wird. Er drückt auf einen Knopf, der Piepston soll wahrscheinlich eine Krankenschwester rufen.
Jetzt bloß nicht die Augen öffnen, du hast es bald geschafft, bloß still bleiben. Nur noch einen winzigen Moment. Ich höre Schritte, er ist bald weg. Die nackte Hand der Schwester berührt mein Gesicht und ich schreie auf wie ein Huhn, das gerupft wird. Mist, ich wäre fast in Sicherheit gewesen. Fast. Meine Augen sind weit auf, niemand spricht. Die beiden bleiben fassungslos stehen, als stünde Hitler Ukulele spielend im Zimmer. Die Schwester befreit sich aus ihrer Erstarrung und rennt aus dem Zimmer, um einen Vorgesetzten zu holen. Ich bin allein mit meinem Stiefvater im Zimmer. Stille herrscht, nichts wird gesagt, nicht mal die Vergangenheit wird ausgesprochen. Als stünde ein Fremder vor mir und kein Vergewaltiger. Auch wenn ich schreien wollte, würde kein Ton rauskommen. Er könnte ganz einfach über mich herfallen, mich erwürgen, doch wir sind in einem öffentlichen Krankenhaus und er tut es nicht. Stattdessen lächelt er mich an, lange und unangenehm, bis er Schritte hört. Da beschließt er, sich umzudrehen und zu gehen. Die Schwester und der Arzt, die ins Zimmer fast hineinstürmen, werden von ihm ignoriert. Wie ein Geist schlendert er den Spitalflur entlang, zwischen den Kranken verabschieden sich seine Schritte. Ob er wiederkommt? Das tun Schatten immer.
Das Beatmungsgerät wird aus meinem Hals entfernt, ich kann atmen. Grelles Sonnenlicht scheint mir ins Gesicht, seine Wärme taut mich langsam auf. Ich werde gesäubert, bevor man mir Fragen stellt und meine Reaktionsfähigkeit testet. Wie heiße ich? Wo sind wir? Weiß ich noch, was passiert ist? Die Stimme des Arztes ist beruhigend tief, er spricht langsam wie mit einem Kind. Wie ein Mensch, der Hilfe braucht, werde ich zwar behandelt, wie ein kaputtes Spielzeug fühle ich mich aber an. Ich kann auf keine der Fragen Antwort geben, nicht, weil ich nicht mehr weiß, dass wir in Berlin sind oder dass ich versucht habe, mich umzubringen, sondern weil ich nicht mehr weiß, wer ich bin. Ich kenne diesen Körper nicht mehr und bin nicht mehr der Sprache mächtig. Auch wenn ich wollte, könnte ich den Leuten, die vor mir stehen, nichts mitteilen. Eine Wand aus Eis hat sich zwischen mir und meiner Umwelt gebaut, ich kann die Figuren hinter dieser Wand erkennen und doch nichts mit ihnen anfangen. Bin ich ganzkörperparalysiert? Ja, wahrscheinlich auch geistig. Ich beobachte, wie der Arzt jemanden per Telefon benachrichtigt. Wird er meiner Mutter sagen, dass ich noch lebe? Und wenn sie herkommt, was dann? Soll sie in Tränen ausbrechen vor Freude, dass ihr Kind einen Körper halbwegs noch bewohnt? „Können Sie mich hören, wenn ja, dann blinzeln Sie einmal.“, sagt der Arzt zu mir, nachdem er sein Telefonat beendet hat. Kann ich die Wand zum Schmelzen bringen? Was, wenn sie mich mehr fragen, sobald ich Antwort geben kann? Sie könnten mich nach meinem Stiefvater fragen und ich wüsste nicht, was ich sagen soll. Doch ich blinzle aus Reflex, der Drang nach Verbundenheit mit der Außenwelt ist jetzt wichtiger als meine Angst vor dem Ungewissen.
„Gut, Sie reagieren. Ihre Mutter ist auf dem Weg ins Krankenhaus, wir werden einige Tests mit Ihnen durchführen müssen. Sie sind jetzt in Sicherheit, haben Sie mich verstanden?“ Ich starre ihn an, blinzle einmal, denn sagen, dass es nicht so ist, bringt mir nichts.
Allein in einem leeren Zimmer, regungslos in falscher Sicherheit warte ich ab, welcher schlechte Scherz als Nächstes kommt. Wie kann eine Mutter reagieren auf ein Kind, das jenes Leben nicht wollte, das ihm geschenkt wurde? Wird sie entsetzt sein, gar schockiert, so wie ich es bin? Wird Freude durch ihren Körper strömen angesichts der Tatsache, dass nicht beide ihrer Kinder tot sind?
Ich tauche lieber in die Stille des Krankenzimmers mit meinen Gedanken, die Antwort ist auf dem Weg und ich gehe nirgendwo hin. Wie friedlich der Klang der Stille doch ist, regungslos gehen Qualen doch am ehesten vorbei. Ob Eric, mein Stiefvater, mich deswegen besucht hat? Damit mein Leid bittersüß über mich ergehen soll? Diese Gedanken stören schon wieder meinen Frieden, doch was will man tun, wenn der eigene Geist alles ist, was einem zur Verfügung steht? Man bleibt unter Schock, zählt die vielen runden Bällchen am Verputz und verzählt sich dann wieder.
Hier war kein Vergewaltiger, das hast du dir nur ausgedacht, weil du einen Gehirnschaden vom Sturz trägst, hier ist kein böser Mann, Mama, die haben nur gespielt. Hier gibt es keine Monster, nur Patienten, die lügen, sie sind ja krank und kranke Blicke trügen.
Summend balanciere ich mich zwischen Schlaf und Wachsein. Eins, zwei, drei, hier kommt die Polizei, vier, fünf, sechs, sieben, Flucht den Dieben, acht, neun, zehn, Papa sagt, er will mich sehen. Die Dunkelheit hinter meinen Augenlidern kann mich in Sicherheit wiegen, solange ich mag.
Zu früh gefreut, ich höre Schritte. Mutter ist da.
Sie sagt nichts, starrt mich nur an, fassungslos, als stünde sie vor einem Wunder. Ihr Herzschlag ist von meinem Bett aus spürbar. So verbunden waren wir zuletzt bei meiner Geburt. Sie muss mich nicht mal berühren, muss kein Wort sagen, dennoch fühle ich dieses uralte Gefühl von Heimlichkeit.
Ich sehe dich. Deine Taten und alles, was du mir sagen möchtest. Ich sehne mich nach deiner Hand auf meiner Wange, die mir Trost und Mut schenken soll. Mutter, mach nun Schritte auf mich zu und erlöse mich meines Leidens, verzeih den Hass, den ich einst hatte, ich mach es auch nie wieder.
„Frau Stätter, ich lasse Sie nun etwas allein, der Arzt wird später vorbeikommen, um mit Ihnen zu sprechen.“ Die Krankenschwester verlässt den Raum. Ich werde lang umarmt, die Tränen meiner Mutter befeuchten mein Haar, sie reinigen mich. Mutter seufzt ganz stark, ihr warmer Atem riecht nach Zimt, wie an Weihnachten.
„Ich kann nicht glauben, dass du aufgewacht bist, ich weiß nicht, was ich sagen soll, oh mein Gott, wir hätten fast, wir hätten fast … die Hoffnung aufgegeben.“ Ihre Tränen färben ihre Worte, während Mutter spricht. Was für ein sinnliches Bild die Liebe abgibt. Grell, intensiv, tiefgehend ist jeder Atemzug, den wir nehmen, weil wir jetzt beieinander sind, Mutter und Kind. Ich möchte wieder in der sicheren Gebärmutter sitzen. Warm, dunkel in den Verbunden zu einem anderen Lebewesen, zwei Körper in einem und dieses Mal werde ich richtig geboren.
Du wirst mich nicht mit einem fremden Mann betrügen, meine Sicherheit für deine Geilheit und Abenteuerlust auf Spiel setzen. Und ich werde im Gegenzug mit dem richtigen Geschlecht zur Welt kommen. Es wird keinen Streit zwischen dir und Vater geben und jeder Festtag kann gemeinsam gefeiert werden. Wir feiern weder Jesus noch die anderen Heiligen, sondern unsere Einigkeit.
„Frau Stätter, wir müssen einige Untersuchungen durchführen, tut mir leid, dass ich Sie unterbrechen muss, aber es geht jetzt gleich los, könnten Sie ins Wartezimmer gehen? Ich zeige Ihnen, wo es ist.“
„Natürlich, ist gut, ich komme gleich wieder.“ Mutter küsst meine Hand und sagt, dass sie bald wiederkommt. Das tut sie oft. Solange ich denken kann, verspricht sie mir, dass sie da sein wird. Mein Geist wehrt sich gegen die Vorstellung, sie könnte lügen und noch einmal gehen. Spannung staut sich im Magen an und klettert zu den Stimmbändern hoch, doch zum Schreien bin ich zu müde. Also schenke ich dir Glauben, Mutter, vielleicht aus Erschöpfung, vielleicht, weil du es verdienst, vielleicht, weil es leichter ist, so von dir getrennt zu werden.
Der Gestank von Desinfektionsmittel liegt zwischen uns, die Distanz wird immer größer. Die Fachleute schauen mich bemitleidend an und repetieren mir, dass wir das schon hinbekommen. Ich frage mich, was wir hinbekommen wollen. Werden wir meinen Körper wieder funktionstüchtig machen? Werde ich springen? Werde ich lachen? Können wir Eis essen gehen und wieder Karussell fahren? Dieses Mal springe ich nicht davon und breche mir auch nichts, ich verspreche. Ob Vater sich wundert, wo ich bin? Wenn er mich findet, verliere ich das Versteckspiel. Er gewinnt meistens, denn er weiß, wie sein Kind tickt. Er weiß es bestimmt. Er weiß, dass ich unglücklich bin, hier mit Mutter und Eric, telepathisch, ganz magisch. Ganz bestimmt, bestimmt. Vater kommt gleich und holt mich ab, er nimmt Mama mit und Eric lassen wir hier, der darf mit dem anderen Pfleger weiterarbeiten.
Wir fahren ans Meer und verbuddeln mich im Sand. In der kühlen Dunkelheit wird mein Körper zu Wasser und die Zellen bilden sich neu. Ein neues Gesicht, neue Haare, bessere Augen, ein größeres Lächeln, das meine Eltern zusammenhalten wird. Erstmal ausgebuddelt werden sie mich lieben.
Ganz bestimmt.
Ich werde bis zum Oberkörper in ein Rohr gesteckt, das Geräusch der Untersuchungsmaschine klingt wie eine sterbende Meerjungfrau, zumindest stelle ich mir das so vor. Ich muss meine Fantasie über die Realität stellen, um es hier auszuhalten. Wegrennen kann ich nicht, doch mein Geist kann mich forttragen. Eins, zwei, drei, atmen – eins, zwei, drei, atmen – eins, zwei, drei, atmen. Liegend auf meinem imaginären Meer, atme ich tiefer und tiefer in die Minuten hinein.
Tiefes, kraftvolles Blau umhüllt mich. Darf ich dieses Mal versinken, Mutter? Ganz sanft wird mir dann die Luft aus den Lungen entzogen, aber es kommt keine Panik auf. Hier im Reich der Fantasie gibt es keine Angst, keine Furcht und keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Ich kann mit Haien schwimmen, ohne dass sie mich beißen, mit Kraken reden, ohne dass sie nach mir greifen. Ich kann hier das Kind sein, das ich nie sein durfte. Endlich darf ich auch krank sein.
Zwischen dem Geräusch der Untersuchungsmaschine – keine Ahnung, wie das Ding heißt, ist mir auch egal – und meiner idealen Welt kommen Erinnerungen auf. Wie viele Stunden habe ich damit verbracht, in einem Büro zu sitzen? Stundenlang habe ich auf der Tastatur gehämmert und mit jedem Schlag habe ich mich geweigert, in mich hinein zu hören. Doch die Schläge sind jetzt nach innen gerichtet. Ich kann eh nicht entkommen, also gebe ich mich hin. Der Hässlichkeit meiner Lebenserfahrung stehe ich gegenüber, denn ich wollte leben, stimmt.
Überraschenderweise sind nur die Erinnerungen an die Realität hässlich, den Rest meiner Gedanken mag ich, auch wenn sie lügen. Sie lügen für mich.
Komm, erzähl mir weitere Geschichten von schönen Landschaften, befehle ich meinem Gehirn. Spalte mich so oft, bis ich nur das Schöne in mir sehe. Lebensweisheit? Die ist egal. Erwachsen und selbstständig sein? Wollte ich denn das jemals wirklich? Ich erinnere mich an das Vorstellungsbüro der Anwaltskanzlei, in der ich gearbeitet habe, wie fest ich gelogen habe über meine Pläne und Ziele. Ich hatte nie vor, einen Fonds für arme Kinder zu errichten, es klingt so edel, wenn wir sagen, dass wir helfen wollen, als wären wir dann ein kostbares Mitglied der Gesellschaft. So kostbar und unentbehrlich, ja, solche Leute müssen wir einfach fördern, indem wir ihnen einen guten Job mit hohem Gehalt geben. Es ist völlig wurst, aus welchen Gründen wir Menschen wirklich helfen wollen, keiner kann meinen egoistischen Durst nach Ansehen und Anerkennung kennen. Nur ich kann es wissen, wie oft ich nur an mich selbst denke.
Die sterbende Meerjungfrau meiner Fantasie bringt den falschen Helden in mir um. Der Kopf wird abgebissen und ausgespuckt. Herrlich, diese Freiheit, die dir Wahnsinn gibt. Ich kann kein edler Ritter mehr sein, also bin ich es auch nicht. Nun darf ich das verdorbene Wesen sein, das ich immer schon war, denn ich bin krank – sieht man doch. Nur wissen die anderen nicht, was genau mit mir nicht stimmt, ob es der Körper oder die Seele ist. Um ehrlich zu sein macht’s mir keinen Unterschied, als ich mich noch bewegen konnte, war die Seele schon in Trümmern.
Der erste große Riss passierte, als mein Stiefvater bei uns eingezogen ist. Den Platz meines Vaters wollte er einnehmen, mir sagen, was gut und böse war und wieso Linkshänder in die Hölle kommen. Eines Tages war ich allein zuhause und beschloss, mich in Mutters Kleiderschrank auszutoben. Ich probierte die Pelzmäntel, den Schmuck, einfach alles, einmal an. Ich war Whitney Houston in Bodyguard, Glamours und in Gefahr. Eric kam von der Arbeit im Spital früher nachhause und schickte die Nanny nachhause. Er ertappte mich. Der Blick, der mich traf, war schärfer als eine Peitsche, doch die Taten, die folgten, brannten umso mehr.
„Ab in den Keller mit dir!“
Er zog mich aus und sperrte mich ein im Dunkeln. Im finsteren, kalten Keller drohte er mir, meiner Mutter zu sagen, was ich getan hatte und mich wegzugeben oder für immer im Keller einzusperren. Verrotten könne ich, falls ich es jemals wieder wagen würde, mich wie eine Schwuchtel aufzuführen.
Stunden vergingen und kamen mir vor wie Tage. Nackt und verzweifelt verfluchte ich meine Mutter, meinen Körper und jeden Augenblick mit diesem Manne. Ich trat aus Versehen in eine Pfütze am Boden und blieb dort stehen. In der Panik stellte ich mir vor, das sei der Ozean und ich ein Delfin, der drin schwimmt. Eine kleine Ewigkeit verbrachte ich Zeit mit den Meeresschildkröten und tanzte mit den Fischen.
Irgendwann kam er wieder, gab mir Kleidung und sagte: „Zieh dich an, deine Mutter kommt gleich. Ein Wort und du bist weg.“
Nun tanze ich wieder mit den Fischen im Netz, nur dieses Mal kann ich nicht weg.
Ein Pfleger kommt auf mich zu und sagt, die erste Untersuchung sei jetzt vorbei.
Blutentnahme, Röntgenbilder, Blutdruckmessungen, alles wird arrangiert für den braven Patienten. Wie dieses Wunder entstanden ist, mein Aufwachen meine ich, kann sich keiner der Experten erklären. Es ist schon mal klar, dass ich eingeschränkt bin, keinen Ton und keine Bewegung gebe ich von mir. Als würden die Ärzte einen Eiszapfen kontrollieren. Einen Eiszapfen, den sie fast zum Schmelzen gebracht und dann den Abfluss runtergespült hätten. Doch jetzt, da ich selbst atmen und zwinkern kann, geht das nicht. Herrlich, das Minimum an Affront und schon dem Tode entwichen. Und das zum zweiten Mal.
Ich bin wieder in meinem Krankenzimmer, die Vorhänge sind zu, damit kein starkes Licht hineinströmt und uns blendet. Der Arzt redet mit Mutter, er erklärt ihr, dass dieses plötzliche Aufwachen ein Wunder sei und sie sich selbst nicht erklären können, wie das geschehen konnte. Siehst du, Mutter, nun bin ich ein Wunderkind.
„Wir müssen abklären, wo und wie Ihr Sohn in Zukunft gepflegt werden soll. Es ist klar, dass er das Leben lang beeinträchtigt sein wird. Seine Werte liegen zwar gut, doch das Knochenmark ist völlig abgezweigt. Ob die betroffenen Gehirnregionen sich jemals völlig erholen, ist sehr fraglich.“
Sie reden, als wäre ich nicht da und in gewisser Weise bin ich es auch nicht. Wie ein Neugeborenes fühle ich einfach um mich herum. Die Sorge meiner Mutter, ihr verzweifeltes Alleinsein mit dieser Situation und das distanzierte Mitgefühl der Ärztin liegen auf mir wie Beton. Wehren tue ich mich kein bisschen, wie denn auch? Atemzug für Atemzug lasse ich diese Stimmung auf mir weilen.
Ich kann nur zusehen, wie schwer dieses Leben ist, wie eine Fliege an der Wand. Werten will ich aber nicht, denn schlussendlich wollte ich es. Ich wollte leben, sage ich mir immer und immer wieder. Schau, sie sorgen sich um dich. Du wirst gefüttert und gewaschen, gehegt und gepflegt. Alles hier dreht sich um dich, sei doch dankbar. Schlussendlich könnte ich tot sein und nichts von alledem mitbekommen. Wie sehr meine Mutter mich braucht, für ihr eigenes Glück, auch wenn ich ihr nichts dafür geben kann. Ich bin wahrlich nochmals geboren, und dass die Ärztin mich Sohn genannt hat, macht mir nichts aus. Es ist nicht wichtig, welchen Körper ich für dieses zweite Leben gewählt habe, ich kann ihn eh nicht spüren. Einen zweiten Namen? Egal.
Sie haben nun fertig geredet und Mutter schenkt mir endlich ihre Aufmerksamkeit. „Tom, wir werden uns gut um dich kümmern, ich verspreche es dir. Wir werden alles daransetzen, dass es dir so gut wie möglich geht. Ich weiß nicht, wie, aber ich weiß, dass es so sein wird.“
Ihre Stimme ist so sanft wie damals, nachdem ich zur Polizei gegangen bin. Sie versprach, nachdem die Autoritäten Eric mitnahmen, das gleiche. Dass ich für meinen Mut belohnt werden solle und niemand mehr uns schaden könne und dass es uns gut gehen würde. Von diesem Moment an sollte ich häufiger auf das Märchen der Sicherheit reinfallen. Immer und immer wieder kam es dazu, dass sie die Schatten um uns herum einfach ignorierte, auch nachdem wir vom Gericht aus von Eric sicher waren. Ich war es stets, der Behutsame, der Aufpasser, der Beschützer. Ich allein, wird es dieses Mal anders sein?
Kann ich es mir leisten, daran zu zweifeln, dass Hilfe kommen wird? Bin ich geistig reich genug, um daran zu denken, hilflos zu sein? Wie sehr möchte ich meine Ängste jetzt mitteilen, selbst ein Säugling kann schreien, doch mir bleibt nur das Zwinkern. Also, Mutter, hier hast du mich, mein volles Vertrauen, entweder das oder ich spalte mich in tausend Stücke vor Angst.
Mir kullern die Tränen von den Wangen, Mutter wischt sie mir ab, bevor sie zu Boden fallen, und sagt mit sanfter Stimme: „Weine ruhig, mein Kind, weine, lass alles raus. Ich bin hier.“
Welch Erlösung, weinen zu dürfen, ich möchte nie mehr aufhören. Das ganze Zimmer soll überflutet werden, bis wir alle drin schwimmen können. Ein kleiner Ozean, in dem wir alle sicher uns treiben lassen dürfen und wenn wir genug haben, ertrinken wir einfach.
Irgendwann hört man auf zu weinen und schwimmt an der Oberfläche der eigenen Gedanken. Ganz still und friedlich, denn man spürt nichts mehr, was einen aufhält, einfach zu sein.
Meine Mutter spricht nicht, sie streichelt mir einfach über das Haar. Mein Haar, das viel zu kurz ist, empfängt all die Wärme, die ich in diesem Moment brauche. All die Zuneigung, die ich mir erhofft hatte, wird mir gegeben. Also trinke ich sie Schluck für Schluck, als wäre sie Milch von der Brust.
Keine Ahnung, wie viel Zeit vergeht, ist mir auch egal, wenn ich mich damit ablenke, wie schnell mir meine Sicherheit genommen wird, schwelge ich wieder in Kummer und Not. Klammere dich fest an diesen einen Moment, erlaube ihn voll und ganz, so hast du Reserve, sobald der Richter der Zeit entschieden hat, dass es nun vorbei ist.
Und siehe da, der Hammer wurde geschlagen, die Zeit der Besuche nähert sich dem Ende. Wenn ich doch bloß schreien könnte, um meine Mutter an mich zu fesseln. Doch ich kann nicht, sie wird gebeten, zu gehen, ich müsse die nächsten paar Tage hier bleiben zur Beobachtung. Ein wenig wie ein Tier im Zoo oder ein Experiment, das Daten liefern soll. Es gibt organisatorisch viel zu tun, wo ich hinkommen werde, wer sich um mich kümmern soll, wie oft, Zeitmanagement, Kosten und so weiter. Das alles liegt jedoch außerhalb meines Einflusses. Ich werde keine Entscheidungen mehr treffen und nichts mitbestimmen. Ein Zeuge der Ereignisse, die um mich geschehen, das bin ich geworden und mehr kann ich nicht.
„Morgen komme ich wieder.“, sagt Mutter, mein Herz kann nicht anders als vor Panik zu rasen. Morgen? Wie lange geht das? Toben müsste ich jetzt, aber nein, meine Lage verbietet mir einfach jegliche Form des Ausdrucks. Bin ich eigentlich noch ein Mensch? Was bringt mir dieses neue Leben, wenn ich nicht antworten kann und reagieren? Was bedeutet es, zu sprechen, wenn niemand dir eine Antwort geben kann? Wieso wollte ich nochmals zurück, gefangen in einer Situation, in der ich gefangen bin. Noch gefangener in einem Körper, den ich nie wollte.
Mutter verlässt das Zimmer und ich stehe vor einem Entscheid. Ich kann mich gefangen fühlen oder aufgehoben, gefesselt oder befreit. Denn schlussendlich bin ich befreit von jeglicher Verantwortung und Druck, irgendwie oder irgendwas zu müssen? Ja, dieser Gedanke fühlt sich gut an, halte dich daran fest. Ich bitte die Engel der Vernunft, mir mehr davon zu schicken und mich auf diesem Weg zu bewahren. Einem Teil von mir sind die guten Gedanken aber völlig egal. Dieser Teil rennt durch meinen Schädel und schreit, tobt und bebt. Diese Emotion, die durch die Reibung meiner Gedanken generiert wird, kann ich einfach nicht aufhalten. Ich benenne dieses Gefühl Panik, keine Ahnung, ob es der richtige Begriff ist, Worte sind zu limitiert, um diese interne Bewegung der Psyche festzuhalten.
Atmen, das kann ich, die Angst aus mir hinaus atmen, das muss ich. Aus allen Poren, mit jeder Faser meines Wesens. Der Raum um mich herum wird kleiner und kleiner, bis er meine Stirn erreicht, er berührt meine nassen Hände, umarmt jeden Schweißtropfen, der mir auf der Haut entlang hinunter kullert.
Ein, aus, ein, aus, ein und aus. Dieser Mechanismus, den kann ich noch beeinflussen, so stelle ich mir ein wenig die Geburt vor. Die Schmerzen sind so stark, dass du es nicht aushältst, also bleibt dir nichts anderes übrig als zu atmen und mit dem Schmerz mitzugehen. Weiter geht’s, alles dreht sich, die Erde bebt so stark, dass die Wände gleich einstürzen, als wären sie aus Sand gemacht.
Mitten in meinem Sumpf der Ängste höre ich eine Stimme. „Gib dich hin, voll und ganz. Lasse dich toben und schreien, du verletzt niemanden damit. Lasse deiner Not freien Ausdruck, deine Stimme wird erhört. Geh weiter in die Panik hinein, immer tiefer und tiefer, du hast nichts mehr zu verlieren.“
Ich folge diesen sanften Worten und lasse mich im mentalen Treibsand versinken. Stück für Stück werde ich verschlungen. So viele Teile meines Wesens werden abgeschliffen, alle, die diesen Weg nicht gehen wollen, sterben hinweg. Ich staune, wie nahe Tod und Leben sind, als würden diese Gegensätze gerade tanzen. Die Führung wechselt ab, mal du, mal ich. Zusehen kann ich nur diesem Spektakel an Verzweiflung und Erlösung, das in mir stattfindet.
Immer weiter, immer tiefer, immer präziser gebe ich mich dem Gefühl meiner Furcht hin. Ich hasse diesen Körper seit meiner Geburt. Er ist mir kein Spiegel, sondern ein Fischernetz, das mich zappeln lässt. Seit ich sechs bin, denke ich: „Ach, dürfte ich bloß ein Mädchen sein und eines Tages Leben in mir gebären.“ Ich hasse diesen Körper, weil er mir die Freiheit nimmt, das, was ich bin, auszudrücken. Ich hasse diesen Körper, der wie eine zu enge Schale meinen Geist umschließt. Ich hasse ihn, weil er mir weh tut, auch wenn ich ans Bett gebunden nichts mehr spüre.
Dieser Hass, er brennt wie Feuer und zum ersten Mal darf ich alles niederbrennen, statt es zu unterdrücken. In diesem Gefängnis aus Fleisch und Blut erlebe ich die Freiheit, zu hassen, mit voller Wucht. Keine Predigt der Liebe kann mich aufhalten, niemand soll mir sagen, ich solle nicht so empfinden, kein Gott, kein Staat, kein Nachbar. Verbrenne mich, wandle mich zu Asche, bereinige mich, du Zorn in mir. Alle Stimmen, die mich bis dahin aufgehalten haben, sind jetzt still. Sie wurden im Treibsand erstickt.
Lachen, ich muss lachen. So nahe am Wahnsinn war ich noch nie. Fast wie eine Achterbahn fährt dieser Zustand durch mich hindurch. Hoch und tief, rechts und links und kopfüber, dabei habe ich mich keinen Zentimeter bewegt.
Nach einer Weile der Ruhe passiert etwas. Gradual, ganz langsam, spüre ich, wie etwas in mir aufsteigt. Wie ein kleines Licht schießt ein Wort aus meinem Munde.
„W-w-wass-eer …“
Mein erster Laut seit langem erlischt die Brandreste meines Zorns.
Die Krankenschwester … sagt man das eigentlich noch, Krankenschwester? Ist das nicht beleidigend oder so? Naja, die Pflegerin kommt, um nach mir zu schauen. Endlich etwas menschlicher Kontakt. Sie sieht, dass der Blutdruck zu hoch ist und dass ich ganz nass bin. Ihre Miene wird ernst.
„Was ist denn bloß los?“, fragt sie, als könnte ich eine präzise Antwort geben. Wie respektvoll und beleidigend zugleich. Sagen möchte ich, dass ich gerade am Krepieren bin, an Panikattacken werde ich hier auf diesem Bett sterben. Aber aus meinem Mund kommen nur die Laute „W-waa-ss-eer“ heraus.
Die Pflegerin schaut mich an, als hätte sie einen Hund miauen hören. Ganz erstaunt starrt sie mich an und gibt mir Wasser zum Trinken. Das mit dem richtig Schlucken habe ich anscheinend verlernt, wie ein Baby mache ich mich voll. Durst habe ich eh nicht, also ist das weniger schlimm, ich werde trocken gemacht.
Na los, worauf wartest du? Trockne mich ab! Ich kann nicht. Schon ironisch wie ich früher innerlich immer gegen alles rebelliert habe, was ich autonom hätte machen sollen. Mich waschen, pflegen, nach draußen gehen und so weiter. Dieses widerspenstige Gefühl habe ich stets ignoriert. Ich konnte, also musste ich. Das Leben lang wurde ich so gepusht, ich wollte nie der Mann im Haus sein oder werden. Aber die Umstände ließen es nicht anders zu. Wer hätte Mutter vor ihrem gewalttätigen zweiten Ehemann geschützt? Niemand, nicht mal Vater, der jetzt auch nicht hier ist. Und auf einmal muss ich auf diese kleine Stimme hören, die nichts, aber auch gar nichts machen will. Denn ich kann nicht, du musst für mich.
Die Pflegerin geht raus, sie wird wahrscheinlich einem Arzt sagen, dass ich sprechen kann. Also sprechen ist übertrieben. Ich stottere eine Silbe nach der anderen und das nur mit einem einzigen Wort. Aber hey, für einen Suizidversuch-Überlebenden schon mal ein Anfang. Das Personal hier wird sicherlich ganz verblüfft sein. Wollt ihr mich aufnehmen? Mein erstes Wort: Jippie, Freude soll herrschen, es ist weniger verloren gegangen als man dachte.
Wie fest wir Menschen uns an alte Lebensweisen festklammern. Wir würden doch jahrelang über ein kaputtes Milchglas weinen und versuchen, die Scherben zusammen zu kleben, um die Milch wieder da hinein zu bekommen. Wir trauern so gerne, so lange und so intensiv über das, was war und was gewesen hätte sein können. Lächerlich das Ganze, wie viel Zeit ich damit verschwendet habe, zu weinen. Vielleicht repetiere ich darum das Wort Wasser immer und immer wieder. Ich hatte eine Flut in mir. Kommt, liebe Pfleger und Pflägerinnen Ärzte und Ärztinnen, ertrinkt in meiner Trauer. Lasset uns baden und planschen, als wären wir alle gemeinsam am Meer. Meinem Meer. Da gefällt es mir besser als hier. Wir sind alle dort und machen Urlaub, vergessen den Alltagsstress. Wir spielen Strandspiele, sonnen uns, bis wir rot sind wie Tomaten und gehen nie mehr nachhause.
Zuhause gibt es keine Spiele, kein Meeresrauschen, kein Lachen. Dort gibt es nicht mal das Weinen, denn Weinen ist lächerlich. Auf keinen Fall darf man zuhause Gefühle zeigen, sonst wird man im Keller eingesperrt, bis man keine mehr hat. Wenn man erstmal gesäubert ist von dieser Plage, dann, erst dann darf man wieder raus.
Doch am Meer gelten andere Regeln, es waren noch andere Zeiten. Damals, in der Zeit vor meinem Stiefvater, gingen wir einmal im Jahr dorthin, während des Sommers im Süden. Wir durften lachen und laut sein. Ich konnte tanzen und mich drehen, bis mir schlecht wurde. Also reise ich in meinem Geist wieder dorthin und bleibe für immer dort. Egal, wie lange das ist. Egal, wie lächerlich ich bin.