Читать книгу Dr. Daniel Classic 44 – Arztroman - Marie-Francoise - Страница 3
ОглавлениеEs war eine große Hochzeit, die an diesem sonnigen Samstagvormittag in Steinhausen stattfand, und die junge Braut strahlte über das ganze Gesicht, als sie am Arm ihres frisch angetrauten Ehemannes die Pfarrkirche St. Benedikt verließ.
»Wer hätte gedacht, daß die Beate mal eine solche Partie machen würde«, raunte Amelie Hauser der Wirtin des Goldenen Löwen zu.
Amelie Hauser war die Besitzerin des hiesigen Gemischtwarenladens und hatte sich trotz der Konkurrenz durch den Supermarkt einen Großteil ihrer Kunden bewahrt – vor allem dadurch, daß sie stets über die neuesten Begebenheiten in Steinhausen und Umgebung bestens Bescheid wußte. Natürlich war sie schon von Berufs wegen ziemlich neugierig und hatte jetzt in Hermine Gruber die passende Gesprächspartnerin gefunden.
»Dem Zander wurde der Reichtum ja schon in die Wiege gelegt«, flüsterte die Wirtin des Steinhausener Gasthofes zurück. »Seinem Vater gehört eine Kaufhauskette, und wenn er mal stirbt, erbt der Günther alles.«
Amelie Hauser grinste boshaft. »Na, da hat die Beate keine so feudale Erbschaft vorzuweisen. Sie bringt statt Geld nur ein uneheliches Kind mit in die Ehe.« Dann schüttelte sie fassungslos den Kopf. »Daß ein Mann wie Günther Zander so eine überhaupt angeschaut hat…«
»Wo die Liebe hinfällt, da gedeiht sie.«
Die beiden Frauen fuhren erschrocken herum, als hinter ihnen so unerwartet die tiefe Stimme von Pfarrer Klaus Wenninger erklang. Jetzt sah er Amelie und Hermine mißbilligend an.
»Ich finde es gar nicht schön, wenn man in dieser herzlosen Weise über andere Menschen spricht«, tadelte er.
Die beiden Frauen erröteten tief, murmelten ein paar entschuldigende Worte und entfernten sich dann auffallend schnell.
»Nun, Hochwürden, haben sie zwei Ihrer Schäfchen wieder mal zurechtgewiesen?« fragte Dr. Robert Daniel, der die kleine Szene beobachtet hatte, mit einem amüsierten Schmunzeln.
»Schäfchen«, murmelte der Pfarrer, dann schüttelte er den Kopf. »Da würde mir schon eine passendere Bezeichnung einfallen, aber…« Er zuckte bedauernd die Schultern, dann warf er einen entschuldigenden Blick nach oben, was Dr. Daniel ein Lächeln entlockte. Der gute Pfarrer Wenninger führte seinen Titel eines Don Camillo von Steinhausen wahrlich zu Recht. Allerdings trug wohl gerade das zu seiner großen Beliebtheit bei.
»Sind sie auch zur Hochzeit eingeladen, Herr Doktor?« wollte der Pfarrer jetzt wissen.
Dr. Daniel schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin eher zufällig hier. Ich habe das Grab meiner Frau frisch bepflanzt, und als ich den Friedhof verließ, fand ich mich plötzlich mitten in der Hochzeitsgesellschaft wieder.« Er sah sich suchend um. »Ist die kleine Anna-Lena nicht dabeigewesen?«
Pfarrer Wennninger seufzte tief auf. »Das ist ein Kapitel für sich, Her Doktor, und zwar leider ein ganz besonders trauriges.« Er schüttelte den Kopf. »Ich billige Beates Verhalten ganz und gar nicht, aber sie ist aus dem Alter, wo sie auf mich gehört hat, inzwischen längst heraus. Andererseits… vielleicht ist es für Anna-Lena besser, wenn sie die Hochzeit ihrer Mutter gar nicht mitbekommt. Es wird für sie schwer genug sein zu begreifen, daß der Mann ihrer Mutter nicht gleichzeitig ihr Vater ist.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich würde mich gern noch länger mit Ihnen unterhalten, Herr Dr. Daniel, aber ich glaube, das Brautpaar wartet nur noch auf mich.«
»Wir werden uns sicher bald mal wieder begegnen«, meinte Dr. Daniel und lächelte, weil er ahnte, was der wahre Grund für die plötzliche Eile des Pfarrers war – nämlich das bevorstehende Hochzeitsmenü. Gerade aufs Essen legte Hochwürden Wenninger immer allergrößtenWert.
Dr. Daniel sah der Hochzeitsgesellschaft nach, die sich jetzt auf den Weg zum Goldenen Löwen machte, dann schlug er den Heimweg ein.
Plötzlich erklang hinter ihm fröhliches Hundegebell und dazwischen ein helles Kinderstimmchen.
»Wastl! Wirst du wohl hierbleiben!«
Dr. Daniel drehte sich um und hielt die wuschelige Promenadenmischung, die ihn jetzt eifrig kläffend umrundete, am Halsband fest, dann sah er das Mädchen an, das atemlos auf ihn zugelaufen kam. Ihre langen, blonden Zöpfe flogen, und ihr zartes Gesichtchen war von der Anstrengung gerötet.
»Danke, Herr Dr. Daniel«, japste die Kleine. »Ich hätte nie gedacht, daß der Wastl so schnell laufen kann.«
»Ohne Hundeleine darfst du ihn nicht herauslassen, Anna-Lena«, erklärte Dr. Daniel, dann lächelte er. »Allerdings wäre Wastl sicher nicht mehr weit gelaufen. Er war wohl nur auf der Suche nach dem Herrn Pfarrer.«
Anna-Lena nickte eifrig. »Ja, wahrscheinlich.« Dann ging sie in die Hocke und schlang beide Arme um die liebenswerte Promenadenmischung. »Wenn ich Geburtstag habe, bekomme ich auch einen Hund.«
»So?« entgegnete Dr. Daniel, weil er sich gar nicht vorstellen konnte, daß Beate Zander ihrem Töchterchen einen Hund schenken würde. Bei Anna-Lena wurde ja sogar am Allernotwendigsten gespart, während Beate selbst sich beinahe jeden Wunsch erfüllte.
»Ja«, fuhr Anna-Lena ernsthaft fort. »Meine Mutti hat mich sehr lieb. Sie kauft mir alles, was ich mir wünsche. Erst gestern hat sie mir dieses Kleid geschenkt.« Sie ließ Wastl los, stand auf und drehte sich vor Dr. Daniel. »Ist es nicht hübsch?«
»Ja, Anna-Lena, es ist ein wunderschönes Kleid«, antwortete Dr. Daniel und fragte sich, ob die Sechsjährige wirklich nicht wußte, daß dieses Kleid nicht ihre Mutter, sondern Gerdi Schuster, die Haushälterin des Pfarrers, gekauft hatte, weil sie mit der kleinen Anna-Lena so großes Mitleid hatte.
»Meine Mutti kauft mir immer so viel«, behauptete das Mädchen. »Ich habe lauter hübsche Kleider im Schrank hängen, aber ich ziehe sie nur selten an, weil sie zum Spielen viel zu schade sind.«
In diesem Moment begriff Dr. Daniel. Anna-Lena wußte sehr wohl, daß ihre Mutter ihr nur selten etwas kaufte, und schon gar nichts Neues. Was sie erzählte, waren die unerfüllten Wünsche, die sie im Herzen trug. Dieses Kind sehnte sich verzweifelt nach Liebe… nach einer Liebe, die ihre Mutter nicht bereit war, ihr zu geben.
Sanft streichelte Dr. Daniel über ihr blondes Haar. »Komm, Anna-Lena, bringen wir Wastl nach Hause.«
Das Mädchen nickte. »Tante Gerdi wird sich schon Sorgen um ihn machen.«
»Nicht nur um ihn«, vermutete Dr. Daniel, »sondern vor allem auch um dich.«
Es stellte sich heraus, daß Gerdi Schuster tatsächlich schon in großer Sorge um das Kind gewesen war.
»Vor einer Viertelstunde haben Anna-Lena und Wastl im Garten getobt«, erklärte sie, und man sah ihr dabei die Aufregung noch an. »Als ich jetzt aus dem Fenster schaute, waren sie plötzlich weg.«
»Kinder können manchmal sehr schnell sein«, stimmte Dr. Daniel zu. »Ich erinnere mich da noch sehr gut an meine beiden. Als Stefan und Karina noch klein waren, sind sie mir mal in der Nähe des Waldsees ausgebüchst. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt vor lauter Angst um sie.«
Gerdi nickte. »Das kann ich mir vorstellen.« Dann beugte sie sich zu Anna-Lena hinunter. »Geh schon mal in die Küche, Kleines. Da steht eine Tasse Kakao für dich, und ein Stück Hefezopf mit Butter und Marmelade ist auch da.«
Anna-Lena leckte sich die Lippen. »Mhm, fein.«
Dr. Daniel und Gerdi sahen ihr nach, als sie in die Küche hüpfte.
»Armes Haserl«, meinte Gerdi leise. »Der Vater ist auf und da-von, und die Mutter…« Sie winkte ab.
Dr. Daniel schüttelte den Kopf. »Ich kann Beate wirklich nicht verstehen. Anna-Lena ist so ein herziges Kind. Aber es scheint, als würde sie wirklich gar nichts für die Kleine empfinden. Schon während der Schwangerschaft war sie so nachlässig…« Dr. Daniel stockte. In seinem Mitleid mit dem kleinen Mädchen hätte er beinahe mehr gesagt, als ihm aufgrund seiner ärztlichen Schweigepflicht gestattet war.
Gerdi sah den Arzt an. »Was glauben Sie, Herr Doktor? Wird der junge Zander die Kleine adoptieren? Immerhin ist er jetzt ja mit Anna-Lenas Mutter verheiratet.«
Dr. Daniel seufzte. »Ich denke nicht, daß Anna-Lena durch diese Heirat wirkliche Eltern bekommen wird. Allerdings erwähnt Beate immer wieder, daß Anna-Lenas Vater die Kleine irgendwann zu sich nehmen werde.«
Gerdis Blick war äußerst skeptisch. »Daran glaube ich schon lange nicht mehr. Außerdem… denken Sie, es wäre für das Kind ein Glück wenn es von der Mutter abgeschoben und zu einem für sie völlig fremden Mann kommen würde?«
»Ich weiß nicht, Frau Schuster – ist für ein Kind nicht alles besser als diese Lieblosigkeit, in der Anna-Lena bis jetzt aufwachsen mußte?«
*
»Eine Ruhe ist das«, seufzte Beate Zander genüßlich. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, daß die Haushälterin vom Pfarrer Anna-Lena noch eine Nacht bei sich behalten hat. Wenn wir die Göre nur öfter abschieben könnten.«
Ihr Mann nickte zustimmend. »Anna-Lena ist wirklich lästig.« Er nahm Beate in die Arme und küßte sie. »Ich wollte eigentlich nur heiraten und nicht gleich Vater einer Sechsjährigen werden.«
Beate lachte gurrend über diesen Scherz. »Wer sagt denn, daß du ihr Vater bist? Soweit ich es überblicken kann, bist du nur mein Mann, und Anna-Lena wird nicht ewig bei uns sein.«
Günther seufzte tief auf. »Das versprichst du mir schon seit einem Jahr. Wann wird dein Ex-Freund nun endlich seine Vaterpflichten übernehmen?«
»Ich weiß es nicht«, gab Beate zu. »In letzter Zeit hat er sich überhaupt nicht mehr gemeldet.« Sie zögerte. »Wenn ich ehrlich bin, muß ich zugeben, daß ich momentan keine Ahnung habe, wo er sich überhaupt aufhält.«
»Das heißt, daß wir die kleine Nervensäge noch für unbestimmte Zeit auf dem Hals haben«, stöhnte Günther. »Wahrscheinlich sogar für immer.« Er schwieg kurz. »Sie lügt übrigens wie gedruckt.«
»Ich weiß«, entgegnete Beate lakonisch, dann lächelte sie boshaft. »Allerdings nicht zu unserem Nachteil. Überall erzählt sie herum, wie lieb wir sie hätten und was wir ihr alles kaufen würden.« Sie winkte ab. »Laß ihr den Spaß.« Dann schmiegte sie sich an Günther. »Wir sollten jetzt nicht über Anna-Lena sprechen. Laß uns lieber froh sein, daß wir sie für heute los sind.«
»Du hast recht«, meinte Günther, dann küßte er seine junge Frau, doch allzu lange hatten die beiden nicht mehr Gelegenheit, sich miteinander zu beschäftigen, denn in diesem Moment klingelte das Telefon.
»Laß doch«, murmelte Günther, als Beate sich melden wollte.
»Vielleicht ist es wichtig«, wandte sie ein, dann hob sie den Hörer ab. »Zander!« Unüberhörbarer Stolz schwang in ihrer Stimme mit, als sie den neuen Namen nannte.
»Hier ist Gerdi Schuster«, gab sich die Haushälterin des Pfarrers zu erkennen. »Es tut mir leid, wenn ich Sie stören muß, aber Anna-Lena hat ganz plötzlich hohes Fieber bekommen.«
»Na und?« entgegnete Beate ungehalten. »Ist das etwa ein Grund, mich um diese Zeit noch anzurufen? Hören Sie, Gerdi, Kinder haben schnell mal irgend etwas. Vielleicht hat sie sich eben erkältet.«
»Ich weiß nicht«, meinte Gerdi gedehnt. »Anna-Lena klagt über Kopf- und Halsschmerzen.« Sie zögerte. »Und sie möchte nach Hause.«
»Kommt überhaupt nicht in Frage!« wehrte Beate entschieden ab. »Mein Mann und ich haben Karten für die Oper, und ich denke gar nicht daran…«
»Beate, Ihr Kind ist krank«, fiel Gerdi ihr ins Wort. »Glauben Sie nicht, daß Anna-Lena wichtiger ist als die Oper? Abgesehen davon, daß es jetzt schon nach acht Uhr abends ist.«
»Das geht Sie ja wohl kaum etwas an!« brauste Beate auf, weil sie gerade bei einer offensichtlichen Lüge ertappt worden war. »Außerdem – was soll ich tun? Wenn Anna-Lena Fieber hat, dann braucht sie einen Arzt.«
Gerdi begriff einfach nicht, wie Beate so eiskalt sein konnte, wenn es um ihr Kind ging.
»An einem Sonntag und noch dazu um diese Zeit werde ich Dr. Leitner sicher nicht mehr erreichen«, wandte sie ein. »Beate…«
»Meine Güte, Sie machen wirklich aus einer Mücke einen Elefanten!« hielt Beate ihr vor. »Ich bin sicher, daß Anna-Lena morgen wieder kerngesund sein wird. Aber wenn Sie sich Sorgen machen, dann steht es Ihnen ja frei, in der Waldsee-Klinik anzurufen. Da ist nämlich auch am Sonntag um diese Zeit mit Sicherheit jemand anwesend. Mich lassen Sie damit aber gefälligst in Ruhe. Und richten Sie Anna-Lena aus, daß sie sich nicht so anstellen soll. Wegen ein bißchen Fieber muß sie nicht gleich nach Hause kommen. Sie wird hier bestimmt auch nicht schneller gesund als bei Ihnen.«
Damit legte Beate einfach auf.
»Unerhört!« schimpfte sie vor sich hin, dann wandte sie sich Günther zu. »Die wollte mir um diese Zeit doch tatsächlich Anna-Lena aufhalsen, nur weil sie ein bißchen erkältet ist und Fieber hat.«
Günther seufzte tief auf. »Dieses Kind geht mir allmählich auf die Nerven. Kannst du es nicht zur Adoption freigeben? Je eher wir den Fratz los sind, um so besser.«
Beate ließ sich auf das Sofa fallen. »Das hätte ich gleich nach der Geburt tun sollen, aber da hat meine Mutter noch gelebt, und sie hätte es mir niemals verziehen, wenn ich das Kind weggegeben hätte. Außerdem ging das damals alles so schön. Anna-Lena war praktisch ständig bei der Oma, und ich konnte mein eigenes Leben genießen.«
»Jetzt ist deine Mutter aber tot«, wandte Günther ein. »Und du mühst dich seit über zwei Jahren mit einem Kind ab, daß du
vermutlich gar nicht haben wolltest.«
»Du hast recht«, stimmte Beate zu. »Aber ich fürchte, es wird nicht ganz einfach sein, Anna-Lena loszuwerden. Wer adoptiert schon eine Sechsjährige? Die wollen ja alle nur Babys haben. Außerdem müssen wir an unseren Ruf denken – vor allem deinetwegen. Immerhin wirst du irgendwann Chef einer großen Firma sein, und dann könnte dir unnötiges Getratsche nur schaden.«
»Irgendeine Lösung werden wir schon finden.« Er nahm Beate heftig in die Arme. »Und dann, mein Schatz, beginnt unser Leben erst wirklich.«
*
»Sie hat einfach aufgelegt«, erklärte Gerdi Schuster an Pfarrer Wenninger gewandt, dann erzählte sie ihm, was Beate gesagt hatte.
»Was soll ich denn jetzt tun, Hochwürden?« fügte sie ratlos hinzu. »Dr. Leitner ist noch neu hier, da möchte ich ihn ungern an einem Sonntagabend privat stören.« Sie warf dem Kind, das mit hochroten Wangen und feuchtgeschwitzten Haaren auf dem Sofa lag, einen besorgten Blick zu. »Vielleicht ist es ja wirklich nur eine harmlose Erkältung.«
»Nein, Gerdi, so einfach können wir es uns nicht machen«, entgegnete Pfarrer Wenninger entschieden. »Ich werde Dr. Daniel anrufen. Er ist zwar kein Kinderarzt, aber er kennt Anna-Lena seit ihrer Geburt und wird sicher rasch herüberkommen, um sie sich anzusehen.«
Das tat er dann auch. Es dauerte nicht einmal fünf Minuten, bis Dr. Daniel im Pfarrhaus eintraf.
»Haben Sie die Temperatur gemessen?« wollte er von Gerdi Schuster wissen.
Die Haushälterin nickte. »Vor einer Stunde etwa. Da lag sie bei neununddreißig Grad, aber inzwischen scheint das Fieber noch gestiegen zu sein.«
Dr. Daniel fuhr sich mit einer Hand durch das dichte blonde Haar.
»Im Augenblick grassiert in Steinhausen ja wirklich eine schwere Erkältungswelle mit hohem Fieber«, meinte er. »Aber ich bin Gynäkologe und kann nicht mit letzter Sicherheit beurteilen, ob sich Anna-Lena nicht vielleicht doch etwas anderes eingefangen hat. Gerade mit Kinderkrankheiten bin ich nicht mehr ganz auf dem Laufenden.«
»Sollen wir sie vielleicht doch in die Waldsee-Klinik bringen?« fragte Pfarrer Wenninger.
Dr. Daniel kam zu keiner Antwort mehr, denn jetzt öffnete Anna-Lena die Augen.
»Ich will zu meiner Mutti«, flüsterte sie.
Liebevoll streichelte Dr. Daniel durch ihr feuchtes Haar. Von Gerdi wußte er bereits, daß Beate nicht bereit war, ihr krankes Kind nach Hause zu holen.
»Deine Mutti ist nicht daheim, Kleines«, erklärte er, um dem Kind unnötigen Schmerz zu ersparen. »Tut dir etwas weh, Anna-Lena?«
Die Kleine nickte. »Mein Hals… und mein Kopf…«
Dr. Daniel runzelte die Stirn. Waren in Steinhausen nicht gerade ein paar Scharlachfälle aufgetreten?
Entschlossen stand er auf. »Ich rufe Dr. Leitner an.«
Es dauerte nicht lange, bis sich der neue Steinhausener Kinderarzt meldete.
»Herr Kollege, hier Daniel. Es tut mir leid, wenn ich Sie zu Hause stören muß, aber ich habe da ein Kind mit hohem Fieber, Hals- und Kopfschmerzen.«
»Kein Problem«, meinte Dr. Markus Leitner spontan. »Schließlich bin ich ja Kinderarzt geworden, um in solchen Fällen zu helfen. Ist der kleine Patient bei Ihnen oben?«
»Nein, im Pfarrhaus.«
Wenn Dr. Leitner darüber erstaunt war, so wußte er es geschickt zu verbergen.
»Ich komme sofort«, erklärte er nur und war auch tatsächlich schon wenig später zur Stelle. In knappen Worten informierte Dr. Daniel ihn über die unglücklichen Familienverhältnisse der Kleinen und gab damit auch eine Erklärung für Anna-Lenas Anwesenheit im Pfarrhaus.
»Möglicherweise ist das alles nur eine Reaktion auf die Hochzeit ihrer Mutter«, meinte Dr. Leitner. »Aber das werden wir gleich herausfinden.«
Er betrat das Wohnzimmer, grüßte Pfarrer Wenninger und Gerdi Schuster mit einem freundlichen Lächeln und wandte sich dann dem kranken Kind zu.
»Hallo, Anna-Lena, ich bin der neue Doc«, erklärte er und setzte sich spontan auf die Kante des Sofas. »In meiner Praxis hätte ich ganz tolle Spielsachen. Da wäre unser Kennenlernen sicher fröhlicher verlaufen, aber das holen wir dann später noch nach.«
»Ja, Herr Doktor«, flüsterte Anna-Lena.
Dr. Leitner schüttelte den Kopf. »Nein, mein Schätzchen, ich bin nicht der Herr Doktor. Ich heiße Markus. So, und jetzt wollen wir mal sehen, was dir fehlt. Du mußt keine Angst haben, Kleines, ich werde dir nicht weh tun. Als erstes drehst du dich mal zur Seite, dann sehen wir nach, wie hoch dein Fieber ist.«
Anna-Lena gehorchte, doch dann liefen plötzlich Tränen über ihr Gesichtchen.
»Na, na, so dicke Tränen wegen ein bißchen Fiebermessen?« fragte Dr. Leitner. »Das ist doch nun wirklich nicht so schlimm.«
Anna-Lena schüttelte den Kopf. »Deswegen weine ich ja auch nicht. Ich möchte doch nur heim zu meiner Mutti.«
Markus und Dr. Daniel tauschten einen langen Blick, dann streichelte der Kinderarzt über Anna-Lenas heiße Wange.
»Sobald deine Mutti wieder zu Hause ist, darfst du heim, ja?« meinte er. »In der Zwischenzeit müssen wir uns aber anders behelfen.« Er schwieg einen Moment. »Den Dr. Daniel kennst du doch schon lange, nicht wahr?« Er wartete Anna-Lenas zaghaftes Nicken ab, dann fuhr er fort: »Glaubst du, es wird leichter, wenn er deine Hand hält?«
Wieder nickte Anna-Lena, und Dr. Daniel ging sofort neben ihr in die Hocke, ergriff ihre glühendheiße Hand und streichelte sie zärtlich.
»Na, siehst du, mein Schätzchen«, erklärte Dr. Leitner. »Jetzt kriegen wir das alles in den Griff.« Er holte ein steril verpacktes Holzspatel aus seiner Tasche. »Nun machst du deinen Mund mal ganz weit auf, Anna-Lena, damit ich einen Abstrich nehmen kann. Das tut auch gar nicht weh. Es kann nur sein, daß du ein bißchen würgen mußt, aber es ist dann gleich vorbei.«
Die Abstrichuntersuchung, die Dr. Leitner sofort vornahm, ergab tatsächlich, daß sich Anna-Lena mit Scharlach angesteckt hatte.
»Es war gut, daß Sie mich gleich angerufen haben, Herr Kollege«, urteilte Markus.
»Robert«, verbesserte Dr. Daniel. »In einem so kleinen Ort wie Steinhausen sollte man auch unter Kollegen nicht ganz so förmlich sein.«
Dr. Leitner lächelte. »Dieser Meinung bin ich eigentlich auch.« Er zögerte, dann fügte er hinzu: »Wolfgang hat mir übrigens schon eine Menge über Sie erzählt.«
»Und Sie haben ihm hoffentlich nur die Hälfte geglaubt«, ergänzte Dr. Daniel.
»Ich weiß nicht«, entgegnete Dr. Leitner, während er in seiner Tasche nach einem passenden Medikament für Anna-Lena suchte. »Was er gesagt hat, klang durchweg sehr glaubhaft, und nun, da ich Sie endlich mal näher kennengelernt habe, denke ich, daß er da keineswegs übertrieben hat.« Jetzt holte er eine schmale, längliche Packung hervor und wandte sich Gerdi Schuster zu. »Leider habe ich den Saft nicht mehr bei mir, den ich Scharlachkindern normalerweise verschreibe. Dieses Wochenende wurden meine Vorräte ziemlich geplündert, weil doch einige Scharlachfälle aufgetreten sind. Geben Sie Anna-Lena ab morgen früh dreimal täglich ein Zäpfchen – so lange, bis die Packung aufgebraucht ist. Sie wird sich zwar morgen abend schon wieder besser fühlen, trotzdem darf die Behandlung nicht abgebrochen werden.« Er öffnete die Packung und entnahm ihr ein Zäpfchen. »Das erste bekommt sie jetzt gleich von mir.«
Wieder setzte er sich zu Anna-Lena auf das Sofa und bat sie, sich zur Seite zu drehen. Und während er sie in einem kurzen Gespräch ablenkte, führte er ihr rasch und geschickt das Zäpfchen ein.
»Au«, jammerte Anna-Lena leise.
»Nein, mein Schätzchen, das tut doch überhaupt nicht weh«, wehrte Dr. Leitner ab. »Anfangs ist nur der Druck ein bißchen unangenehm, aber das hört gleich auf.« Sanft streichelte er über ihr Haar. »Du wirst jetzt schön schlafen, und morgen fühlst du dich bestimmt schon besser.« Er lächelte sie an. »Am Mittwochfrüh besuchst du mich dann in meiner Praxis, einverstanden?«
Anna-Lena nickte schwach. »Ja, Herr Doktor… Markus.«
»Fein, mein Schätzchen.« Er winkte ihr noch zu, dann verließ er zusammen mit Dr. Daniel, Gerdi und Pfarrer Wenninger das Wohnzimmer.
»Ein süßes Mädel«, urteilte Dr. Leitner, und dabei huschte ein Hauch von Melancholie über sein Gesicht, was Dr. Daniel sofort bemerkte. Doch er kannte den jungen Arzt nicht gut genug, um sich eine diesbezügliche Frage zu erlauben.
»Herr Doktor«, meldete sich Gerdi zu Wort. »Ich… ich weiß nicht, ob ich das kann… ich meine, wenn sich Anna-Lena gegen diese Zäpfchen wehrt… oder wenn sie ihr sogar weh tun…«
Dr. Leitner lächelte. »Die tun ihr mit Sicherheit nicht weh. Sie sind der Kleinen nur etwas unangenehm.« Dann wurde er wieder ernst. »Sie dürfen sich da nicht erweichen lassen. Anna-Lena muß das Medikament bekommen, denn mit den Spätschäden, die durch Scharlach verursacht werden können, ist nicht zu spaßen.«
Gerdie seufzte abgrundtief, woraufhin sich Dr. Daniel einmischte.
»Wissen Sie was, Gerdi, ich nehme Anna-Lena mit zu mir«, schlug er vor. »Rufen Sie Beate morgen früh an, und sagen Sie ihr, daß die Kleine Scharlach hat. Ich bin sicher, daß sie viel zuviel Angst vor der Ansteckung hat, als daß sie darauf bestehen würde, Anna-Lena zu sich zu holen.«
»Die ist doch nur froh, wenn sie die Kleine los ist«, grummelte Gerdi.
Dr. Daniel nickte. »So sehe ich das leider auch. Also, Gerdi, ich nehme Anna-Lena mit und behalte sie bei mir oben, bis sie gesund ist.«
Dankbar stimmte Gerdi diesem Vorschlag zu. Sie hätte es nicht übers Herz gebracht, der Kleinen gegen ihren Willen ein Medikament zu verabreichen, das sie ablehnte.
Als sich Dr. Leitner dann endgültig verabschiedet hatte, kehrte Dr. Daniel ins Wohnzimmer des Pfarrers zurück, wickelte die jetzt schlafende Anna-Lena in eine Decke und trug sie zu seinem Auto. Wenig später lag sie in Dr. Daniels Gästezimmer, ohne von ihrem Umzug etwas mitbekommen zu haben.
Voller Mitleid sah Dr. Daniel auf das Mädchen hinunter, und dabei war es ihm wieder unbegreiflich, wie Beate es schaffte, zu diesem liebenswerten Kind überhaupt keine Beziehung aufzubauen.
*
Der Morgen im Hause Daniel verlief ein wenig stressiger als sonst. Unmittelbar nach dem Duschen betrat Dr. Daniel das Gästezimmer und sah, daß Anna-Lena aufgewacht war.
»Na, Kleines, wie fühlst du dich?« wollte er wissen.
»Mein Hals tut noch immer weh«, erklärte sie, dann sah sie sich erstaunt um. »Bin ich denn nicht mehr bei Tante Gerdi?«
Spontan setzte sich Dr. Daniel zu ihr ans Bett. »Nein, Anna-Lena, wir haben gestern beschlossen, daß du für ein paar Tage zu mir kommst – genauer gesagt, bis du wieder gesund bist, aber das wird schon sehr bald der Fall sein.« Während er gesprochen hatte, hatte er ein Zäpfchen aus der Verpackung genommen. »So, Kleines, jetzt drehst du dich bitte schön zur Seite.«
»Nein!« erwiderte Anna-Lena und begann zu weinen. »Ich will das nicht mehr! Es tut weh!«
»Nein, Anna-Lena, es tut nicht weh, aber es muß wirklich sein«, erklärte Dr. Daniel, obwohl es ihm schwerfiel, angesichts dieser bitteren Tränen hart zu bleiben. »Du willst doch wieder gesund werden, oder?«
Heftig schüttelte Anna-Lena den Kopf.
»Probleme, Papa?« fragte sein Sohn Stefan von der Tür her.
»Sieht so aus«, antwortete Dr. Daniel und wies mit einer flüchtigen Kopfbewegung zu dem Medikament, das er Anna-Lena gerade verabreichen wollte.
Stefan lächelte. »Akute Ablehnungshaltung. Keine Sorge, Papa, das kommt in der Klinik laufend vor – und nicht nur bei Kindern. Bei so einem kleinen Zwerg ist das Problem allerdings leicht zu beheben.« Damit nahm er Anna-Lena auf die Arme und hielt sie fest, bis Dr. Daniel ihr das Zäpfchen eingeführt hatte.
Anna-Lena schluchzte herzzerreißend, was bei Dr. Daniel dazu führte, daß er beinahe so etwas wie ein schlechtes Gewissen bekam, und die Rechtfertigung, daß die Kleine das Medikament bekommen mußte, nützte in diesem Fall leider auch nicht viel. Stefan bemerkte natürlich, was mit seinem Vater los war, und grinste.
»Erinnerst du dich noch, wie ich in diesem Alter gebrüllt habe, wenn du mit Zäpfchen angekommen bist?« fragte er. »Bei mir warst du in dieser Beziehung übrigens nicht so mitfühlend.«
Dr. Daniel betrachtete die kleine Anna-Lena, die jetzt wieder eingeschlafen war.
»Ja, weißt du, Stefan, mit zwei kleinen Kindern war ich etwas mehr in Übung – doch jetzt…– in meiner Praxis werde ich normalerweise doch mit anderen Fällen konfrontiert.«
»Das glaube ich gern«, stimmte Stefan zu, dann warf er dem schlafenden Mädchen einen kurzen Blick zu. »Wieso ist sie überhaupt hier?«
Dr. Daniel seufzte, dann schilderte er seinem Sohn, was am Abend zuvor geschehen war.
»Diese Beate ist kalt wie Eis«, urteilte Stefan. »Eigentlich verdient sie es gar nicht, ein so süßes Kind wie Anna-Lena zu haben.«
Bei diesen Worten fiel Dr. Daniel wieder der melancholische Ausdruck auf Dr. Leitners Gesicht ein, und er beschloß, mit Wolfgang darüber zu sprechen. Immerhin waren die beiden einmal zusammen zur Schule gegangen, und nach Dr. Leitners Bemerkungen zu schließen, mußten sie schon begonnen haben, ihre damalige Freundschaft wieder aufleben zu lassen.
»Mußt du heute nicht zum Dienst?« wollte Dr. Daniel jetzt von seinem Sohn wissen.
Stefan grinste. »Auch ein Assistenzarzt hat gelegentlich mal einen freien Tag.« Dann legte er seinem Vater eine Hand auf die Schulter. »Geh du ruhig in deine Praxis, Papa. Ich kümmere mich schon um Anna-Lena.«
Erstaunt sah Dr. Daniel ihn an. »Was ist los mit dir, mein Sohn? Erwachen in dir vielleicht schon Vatergefühle?«
Im selben Moment schlug Stefans vorher sehr friedliche Stimmung ins Gegenteil um.
»Also, weißt du, Papa«, entgegnete er energisch. »Wenn man sich um ein krankes Kind kümmert, muß man nicht unbedingt gleich selbst welche haben wollen. Immerhin gehört das ja auch zu meinem Beruf, aber wenn du noch öfter solche Andeutungen machst, dann werde ich es mir wohl doch noch genauer überlegen müssen, bevor ich dir meine Hilfe anbiete.«
»Gnade, Stefan!« flehte Dr. Daniel. »So war’s doch nicht gemeint.«
»Dann sag es bitte nächstes Mal auch nicht so«, erwiderte Stefan, und erst jetzt erkannte Dr. Daniel, daß sein Sohn die vorangegangenen Worte tatsächlich ernst gemeint hatte.
»Hör mal, Stefan, seit wann reagierst du so überempfindlich?« hakte Dr. Daniel nach. »Ist etwas nicht in Ordnung?«
»Papa, tu mir einen Gefallen und mach, daß du in deine Praxis kommst«, erklärte Stefan, und obwohl er sich dabei um einen scherzenden Ton bemühte, erkannte Dr. Daniel doch die versteckte Aggressivität, die hinter seinen Worten stand. »Du gehst mir im Moment ein bißchen auf die Nerven.«
»Das will ich natürlich nicht«, meinte Dr. Daniel und wandte sich zur Tür, doch dort drehte er sich noch einmal um. »Ich verlasse mich darauf, daß du zu mir kommst, wenn du mit einem Problem nicht mehr allein fertig wirst.«
Stefan nickte nur, dann wandte er seinem Vater demonstrativ den Rücken zu und kümmerte sich fast fieberhaft um die kleine Anna-Lena. Nur mit Mühe konnte Dr. Daniel einen Seufzer unterdrücken. Anscheinend kamen auch innerhalb der Familie mal wieder gewisse Schwierigkeiten auf ihn zu.
»Mein großer Bruder ist zur Zeit nur schwer zu verkraften«, meinte Karina, die einen Teil des Streitgesprächs zwischen Vater und Sohn mitbekommen hatte.
»Weißt du denn, was mit ihm los ist?« hakte Dr. Daniel nach.
Bedauernd schüttelte Karina den Kopf. »Leider nicht, aber rein gefühlsmäßig würde ich annehmen, daß ein weibliches Wesen dahintersteckt. Stefan hat keinen Appetit, ist furchtbar launisch und geht meistens schon vor neun Uhr abends zu Bett. Das kann eigentlich nur Liebeskummer sein.«
Dr. Daniel erwiderte nichts darauf, weil für seine Begriffe auch eine Krankheit hinter Stefans Verhalten stecken konnte. Allerdings hoffte er dennoch, daß seine Tochter recht hatte. Mit Liebeskummer war Stefan noch immer fertig geworden – auch wenn es gelegentlich sehr schmerzlich für ihn gewesen war.
*
Unmittelbar nach der Vormittagssprechstunde lief Dr. Daniel rasch in seine Wohnung hinauf, um nach Anna-Lena zu sehen, doch seine Sorge war unbegründet. Stefan kümmerte sich beispielhaft um das kleine Mädchen.
»Allmählich scheint sie einzusehen, daß sie um die Zäpfchen doch nicht herumkommt«, meinte Stefan. »Mittags war es schon gar nicht mehr so problematisch. Ihre Temperatur ist übrigens auch schon gesunken.«
»Ans Fiebermessen habe ich heute früh gar nicht mehr gedacht«, fiel es Dr. Daniel ein, dann legte er seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. »Danke, daß du mir da ein bißchen hilfst.«
»Schon gut, Papa. Ich weiß ja, was du immer um die Ohren hast.«
Stefans Einsicht verleitete Dr. Daniel beinahe dazu, noch einmal das Thema vom Morgen aufzugreifen, doch dann ließ er es lieber bleiben. Er wollte nicht wieder eine Mißstimmung heraufbeschwören. Statt dessen verabschiedete er sich von Stefan und fuhr rasch zur Waldsee-Klinik.
Er hatte die Eingangshalle gerade betreten, als ihm die junge Krankenpflegehelferin Darinka Stöber entgegenkam.
»Guten Tag, Herr Dr. Daniel«, grüßte sie freundlich, zögerte einen Moment und fuhr dann fort: »Ich bin froh, daß ich Ihnen gerade begegne.«
Väterlich legte Dr. Daniel einen Arm um ihre Schultern. »Na, Darinka, was hast du denn auf dem Herzen?«
Das junge Mädchen atmete tief durch. »Wissen Sie, es ist… ich möchte mit Bianca zusammenziehen, aber meine Großeltern… die sind doch in allem ein bißchen altmodisch. Sie denken immer, ich müßte erst heiraten, bevor ich von zu Hause ausziehen darf.«
Dr. Daniel nickte. Er kannte das Ehepaar Stöber zur Genüge um zu wissen, daß Darinka gelegentlich einen ziemlich schweren Stand hatte. Das Mädchen hatte schon als Kind Mutter und Vater verloren und war bei den Großeltern aufgewachsen. Als sie zum ersten Mal in Dr. Daniels Praxis gekommen war, war sie zwölf Jahre alt gewesen und hatte voller Angst gesteckt, weil sie der festen Meinung gewesen war, sterben zu müssen. Sie hatte ihre erste Regelblutung bekommen ohne zu wissen, weshalb sie plötzlich so viel Blut verlor. Dr. Daniel hatte damals sehr behutsam Aufklärung betrieben und dabei noch einiges ans Tageslicht befördert, was das Mädchen über kurz oder lang zur Außenseiterin gemacht hätte, wenn es nicht abgestellt worden wäre.
Das Ehepaar Stöber hatte nämlich völlig übersehen, daß Darinka inzwischen vom Kind zum Teenager herangewachsen war und nun an Kinderstunden und Kinderbüchern natürlich kein Interesse mehr hatte. Dr. Daniel hatte mit Darinkas Großeltern daraufhin ein ernstes Gespräch geführt und da-für gesorgt, daß das junge Mäd-chen Taschengeld bekam, damit sie sich die gängigen Jugendzeitschriften besorgen und so bei den Klassenkameraden mitreden konnte. Und nun schien es also wieder Probleme zu geben.
»Hast du denn deinen Großeltern schon gesagt, daß du ausziehen möchtest?« wollte Dr. Daniel wissen.
Darinka zögerte, dann schüttelte sie den Kopf. »Ich will ganz ehrlich sein, Herr Doktor, ich habe gehofft, daß Sie vielleicht…« Sie wagte es nicht, den Satz zu beenden.
Dr. Daniel lächelte. »Natürlich, Darinka. Keine Sorge, ich krie-
ge das schon irgendwie hin. Schließlich will ein Mädchen in deinem Alter irgendwann auch einmal selbständig werden.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Es tut mir leid, aber ich muß jetzt weiter.«
Als die junge Krankenpflegehelferin sah, welche Richtung er einschlug, hielt sie ihn noch einmal zurück.
»Der Chefarzt ist schon in die Kantine gegangen.«
Dr. Daniel nickte. »Das paßt ja ausgezeichnet. Ich habe auch schon einen Bärenhunger, und fürs Mittagessen daheim wird heute die Zeit ohnehin nicht reichen.«
Als Dr. Daniel die klinikeigene Kantine betrat, sah er den Chefarzt Dr. Wolfang Metzler schon
an einem der kleineren Tische sitzen.
»Darf ich mich zu dir gesellen?« fragte Dr. Daniel, hatte dabei aber schon Platz genommen.
Dr. Metzler grinste. »Fragst du immer erst hinterher?«
»Wenn ich in Eile bin, dann schon.«
»Das bist du ja ständig«, ent-gegnete Dr. Metzler. »Ich habe übrigens gehört, daß du einen
kleinen Untermieter bekommen hast.«
Dr. Daniel schüttelte den Kopf. »Was du nicht alles hörst.« Dann seufzte er. »Neuigkeiten sprechen sich in Steinhausen anscheinend schnell herum.«
»Das war doch schon immer so. Wie geht’s Anna-Lena?«
»Schon ein bißchen besser. Stefan kümmert sich im Moment um sie.«
»Damit wären wir gleich bei dem Thema, das mich im Augenblick beschäftigt. Dein Stefan gefällt mir nämlich überhaupt nicht.«
Dr. Daniel seufzte wieder. »Ich weiß. Er ist launisch, ständig müde und vermutlich entsprechend unkonzentriert.«
»Du bist ja erstaunlich gut informiert«, stellte Dr. Metzler fest. »Kennst du dann auch den Grund dafür?«
Bedauernd schüttelte Dr. Daniel den Kopf. »Leider nicht. Karina vermutet hinter seinem Verhalten Liebeskummer, aber ich bin nicht ganz sicher, ob das die einzige Erklärung sein kann.«
»Dann sollten wir versuchen, den wahren Grund schnell herauszufinden, bevor Stefan hier in der Klinik wirklich mal einen folgenschweren Fehler macht.«
»Ich werde mich bemühen«, versprach Dr. Daniel. »Allerdings bereitet mir Anna-Lena im Augenblick die größeren Sorgen.«
Dr. Metzler zog die Augenbrauen hoch. »Soweit ich mich erinnere, bist du doch Gynäkologe.«
»Richtig. Ich war dabei, als die Kleine zur Welt gekommen ist, und ich sehe, wie sie sich entwickelt. Beate benimmt sich ihr gegenüber, als hätte sie ein Herz wie Eis.«
»Das hat sie auch«, knurrte Dr. Metzler verärgert. »Markus war von dem Schicksal der Kleinen übrigens auch ganz betroffen. Wir haben heute früh kurz telefoniert.«
»Es ist gut, daß du dieses Thema anschneidest, Wolfgang«, meinte Dr. Daniel. »Ich habe gestern abend bemerkt, daß Dr. Leitner ein wenig melancholisch geworden ist, als er sagte, Anna-Lena wäre ein süßes Mädel.«
Dr. Metzler nickte. »Das glaube ich gern. Markus und Sigrid haben sich immer viele Kinder gewünscht, doch als es nach den ersten Ehejahren nicht klappte, haben sie sich untersuchen lassen.« Er schwieg kurz. »Markus ist nicht zeugungsfähig. Er wollte sich aus diesem Grund sogar schon von Sigrid trennen, um ihr die Möglichkeit zu geben, daß sie in einer zweiten Ehe Kinder haben könnte, doch Sigrid hat das strikt abgelehnt. Ihre Liebe zu Markus war für sie wichtiger als alles anders.« Wieder machte er eine kurze Pause. »Allerdings habe ich das Gefühl, daß die beiden noch immer unter ihrer Kinderlosigkeit leiden.«
Dr. Daniel war der gleichen Meinung. Er überlegte einen Moment. »Haben sie noch nie über eine Adoption nachgedacht?«
»Ich weiß es nicht«, gestand Dr. Metzler. »Das Thema ist für Markus offenbar so schmerzlich, daß ich nicht weiter nachhaken wollte. Aber ich denke, man muß sich mit der eigenen Kinderlosigkeit erst wirklich abgefunden haben, um daran denken zu können, ein fremdes Kind zu sich zu nehmen.«
*
Während Anna-Lenas Krankheit hatte Beate Zander nicht ein einziges Mal angerufen, um sich nach dem Befinden ihres Kindes zu erkundigen. Um so unbegreiflicher war es Dr. Daniel, daß die Kleine in so inniger Liebe an ihrer Mutter hing.
Daß das in Wirklichkeit gar nicht der Fall war, konnte Dr. Daniel nicht wissen. Anna-Lena spielte ihm und allen anderen nur etwas vor, weil sie sich verzweifelt nach etwas Mutterliebe sehnte. Sie wollte so sein wie ihre Freundinnen aus dem Kindergarten, die immer so viel von ihren Muttis erzählten.
Wie es in Anna-Lenas Herz tatsächlich aussah, wußte nur einer – ihr zerliebter Plüschhund, den sie von ihrer Oma bekommen hatte und der sie seit der Babyzeit begleitete. Ihm erzählte sie alles, was ihr kleines Herz so schwer machte. Auch jetzt war sie wieder in ein Gespräch mit ihrem Lieblingsspielzeug vertieft.
»Weißt du, Waldi, so schlimm ist diese Krankheit gar nicht«, meinte sie mit ernsthafter Miene und sah ihrem arg mitgenommenen Spielgefährten dabei tief in die dunklen Knopfaugen. »Diese komischen Zäpfchen, die ich immer noch bekommen muß, sind zwar nicht schön, aber ansonsten ist Dr. Daniel furchtbar lieb zu mir.« Sie seufzte tief auf. »Ich mag ihn ganz schrecklich gern. Stefan auch. Und Karina hat mich gestern ganz fest in den Arm genommen. Das war schön.«
Sinnend blickte sie vor sich hin, erinnerte sich in jeder Einzelheit an die Umarmung der hübschen jungen Frau.
»Sie hat über meine Haare gestreichelt«, erzählte sie ihrem Hund. »Dr. Daniel macht das auch oft.« Wieder seufzte sie. »Wenn Mutti das doch auch mal tun würde.« Treuherzig sah sie ihren Plüschhund an. »Sie mag mich nicht, weißt du. Wahrscheinlich, weil mein Papi sie mit mir allein gelassen hat. Sie spricht immer ganz böse von meinem Papi.« Eine Weile überlegte sie, dann fuhr sie fort: »Ob Günther jetzt mein Papi werden wird?« Sie schüttelte den Kopf. »Hoffentlich nicht. Der mag mich nämlich auch nicht.«
Und dann kullerten plötzlich große Tränen über ihr zartes Gesichtchen.
»Am liebsten würde ich nie mehr heimgehen«, schluchzte sie leise. »Bei Dr. Daniel ist es viel schöner. Hier mögen mich alle.«
»Halli-hallo!« erklang plötzlich eine fröhliche Stimme von der Tür her. »Kennst du mich noch?«
Anna-Lena blickte auf und direkt in die sanften, dunklen Augen des Kinderarztes Dr. Leitner.
Sie nickte. »Du bist der Doktor. Markus, nicht wahr?«
»Richtig.« Dr. Leitner setzte sich zu ihr aufs Bett und sah sie aufmerksam an. »Hast du eben geweint?«
Anna-Lena schüttelte sofort den Kopf.