Читать книгу Geschichten vom Kleinen Teufel - Matthias Pröschel - Страница 6
ОглавлениеDer kleine Teufel im Spezialpostamt
Es war ein schöner, sonniger Tag. Der kleine Teufel hielt seine Nase in die warme Sommerluft, spazierte neugierig durch die Stadt und bestaunte die Schaufenster. Da sah er plötzlich ein großes, hohes Haus. Über der Tür stand mit in Stein gemeißelten Buchstaben „Spezialpostamt“.
»Was ist denn ein Spezialpostamt?« fragte sich der kleine Teufel und schlüpfte durch die breite Tür hinein. Dort beobachtete ein Mann an einem Monitor, wie die Menschen auf den Fluren hin- und herliefen. Der kleine Teufel sprang auf den Tisch, tippte dem Mann auf die Hand und fragte:
»Hallo, können Sie mir bitte sagen, was ein ‚Spezialpostamt‘ ist?« Der Mann zuckte zusammen.
»Wer bist denn du? Und wie kommst du denn hier überhaupt hinein?«
»Na durch die Tür, wie die anderen Leute auch.«
»Da hat doch wieder einer die Tür nicht abgeschlossen.«, ärgerte sich der Mann.
»Was ist denn nun ein Spezialpostamt?«, drängelte der kleine Teufel.
»Naja, in unserem Spezialpostamt werden Spezialbriefe und kleine Spezialpäckchen sortiert und dann verschickt.«
»Wie ‚sortiert‘? Was ist das?«, wollte der kleine Teufel wissen.
»Zuerst sehen wir nach, ob nichts Gefährliches in den Briefen und Päckchen ist. Solche Sachen wie Flöhe oder Giftspinnen, kleinen Skorpione oder Zitteraale. Entdecken wir zum Beispiel ein gefährliches Tier, kommt es in den Zoo. Bei allen anderen Briefen und Päckchen lesen wir, wo sie hin geliefert werden sollen: Ist es nah, kommen sie in das erste Stockwerk; muss man sie mit dem Auto fahren, kommen sie in das zweite, dritte oder vierte Stockwerk; braucht man ein Schiff, um sie zu transportieren, gehen sie in das fünfte, sechste oder siebte Stockwerk und muss man sie mit einem Flugzeug verschicken, müssen sie in das achte, neunte oder zehnte Stockwerk.«
»Oh je!«, sagte der kleine Teufel. »Da möchte ich aber nicht hier arbeiten. Die vielen Sachen immer die Treppen hochtragen.«
»Mmh«, schmunzelte der Mann am Computer. »Hier wird aber gar nichts getragen. Wir haben nämlich eine Rohrpost!« »Häh, eine Rohrpost? Werden die Päckchen mit einem Spuckrohr nach Afrika oder Amerika verschossen?«, staunte der kleine Teufel.
»Nein«, lachte der Mann, »Wer kann denn soweit spucken? Wie unsere Rohrpost funktioniert, ist ein Geheimnis! Das darf keiner wissen und eigentlich darfst du auch gar nicht hier sein. Deshalb begleite ich dich jetzt auch wieder hinaus auf den Fußweg.«
»Och, schade«, sagte der kleine Teufel und ließ sich etwas enttäuscht hinaustragen. Gerade, wo es doch so interessant wurde. Kaum war der kleine Teufel wieder auf der Wiese vor dem Postamt, versteckte er sich hinter einer Parkbank, wartete bis die Tür aufging und schlüpfte unerkannt wieder hinein. Er schlich an dem Wachmann mit dem Computer vorbei und sprang in einen Korbwagen voller Päckchen, den eine Frau gerade über den Flur schob. Als der Korbwagen in einem Zimmer anhielt, krabbelte er hinaus und setzte sich auf einen Schrank. Was er von dort aus sah, ließ seine Augen ganz groß werden: Da waren lauter dicke Glasröhren, die bis in das zehnte Stockwerk reichten und in denen Büchsen hin- und herflogen. Als die Zimmertür aufging und eine Frau mit roten Fingernägeln sich an den Schreibtisch vor die Glasröhren setzte, wurde seine Neugier immer größer.
»Was macht sie denn da?« dachte sich der kleine Teufel und schaute ganz genau hin. Die Frau schraubte eine Büchse auf, legte ein kleines Päckchen hinein, schraubte die Büchse wieder zu und steckte sie durch eine kleine Tür in die Glasröhre. Dann legte sie einen Hebel neben ihrem Schreibtisch um und die Büchse sauste wie der Blitz durch die Röhre bis in das zehnte Stockwerk.
»Wow! Das war echt toll! Es macht bestimmt Spaß, die Röhre so hochzusausen.«, dachte der kleine Teufel.
Als die Frau wieder eine Büchse in der Glasröhre legte, krabbelte der kleine Teufel schnell hinterher. Die Frau legte den Hebel um und schwupps flog die Büchse nach oben. Und der kleine Teufel flog hinterher. Er spürte, wie die Luft gegen seinen Po drückte und sein Schwanz umherwedelte. Dann blieb die Büchse plötzlich stehen und weil der kleine Teufel das nicht wusste, flog er weiter und donnerte mit seinen Hörnern in den Büchsenboden. Er steckte fest, strampelte mit den Füßen und drückte mit seinen Armen gegen die Büchse. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür von der Glasröhre und eine Frau mit einer großen runden Brille griff nach der Büchse, in der der kleine Teufel mit seinen Hörnern feststeckte. Als sie den kleinen Teufel sah, schrie sie ganz laut:
»Hilfe, ein Teufel!« und fiel vor Schreck vom Stuhl.
Dabei ließ sie aber die Büchse los und diese raste wieder in der Glasröhre mit dem kleinen Teufel nach unten. Dort angekommen bumste erst der kleine Teufel auf den Boden und dann knallte die Büchse auf seinen Kopf, so dass der kleine Teufel plötzlich bis zum Bauchnabel in der Büchse steckte. Die Frau mit den roten Fingernägeln sah die Büchse und wunderte sich: »Na, habe ich die Büchse nicht gerade nach oben geschickt? Vielleicht habe ich vergessen, den Hebel umzulegen? Komisch, dann tue ich das eben nochmal.« und schwupps ! – flog die Büchse wieder nach oben. Als die Büchse oben angekommen war, flog der kleine Teufel aber noch weiter und wurde durch den Büchsenboden völlig in die Büchse gedrückt. Die Frau mit der großen runden Brille hatte sich gerade von ihrem Schreck erholt, sah die Büchse und nahm sie aus der Röhre.
»Ach, da ist ja die Büchse endlich!« sagte sie und schraubte den Deckel ab. Als sie hineingriff, hüpfte der kleine Teufel heraus.
»Schon wieder ein Teufel!« schrie die Frau und fiel wieder vom Stuhl. Der kleine Teufel aber sprang vom Schreibtisch, rannte aus dem Zimmer im zehnten Stockwerk alle Stufen der langen Treppe hinunter, am Wachmann vorbei aus dem Haus!
Völlig außer Atem setzte er sich auf die Wiese vor dem Postamt ins Gras und rief:
»Nie wieder gehe ich in ein Spezialpostamt! Da wird man in Büchsen hin- und her geschossen und ständig fallen Leute vom Stuhl!«
Er kletterte auf einen Baum, legte sich in eine Astgabel, schlief erschöpft ein und träumte von umherfliegenden Büchsen.