Читать книгу Atomfieber - Michael Fischer D. - Страница 5
Einleitung
ОглавлениеKaum ein Thema hat die Schweiz während der letzten Jahrzehnte so bewegt, so tief gespalten und so viele emotionale Debatten ausgelöst wie die Atomenergie. Dem unerschütterlichen Glauben an Technologie und wirtschaftlichen Fortschritt standen zuerst pazifistische, dann regionalpolitische und schliesslich ökologische Bewegungen entgegen. Die anfängliche Euphorie, mit der das Atomzeitalter nach 1945 in der Schweiz begonnen hatte, ist nach vielen politischen Kämpfen und den Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima einem politischen Pragmatismus gewichen. Nach dem Super-GAU in Fukushima beschloss der Bundesrat 2011 den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie und leitete damit einen historischen Wendepunkt in der Schweizer Energiepolitik ein.
Die Atompolitik der Schweiz war in den ersten Jahrzehnten geprägt vom Kalten Krieg. Die Angst vor einem atomaren Angriff der Sowjetunion war der Auslöser des Schweizer Atombombenprogramms, das unmittelbar nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945 seinen Anfang nahm und erst kurz vor dem Ende des Kalten Kriegs 1988 beendet wurde. In den 1950er-Jahren schossen die Atompilze nicht nur auf den atomaren Testgeländen in Ost und West in den Himmel, sondern auch in den Köpfen der Schweizer Armeeführung. Einige hochrangige Armeeangehörige waren davon überzeugt, dass sie ihr geliebtes Vaterland nur mit diesen verheerenden Waffen würden verteidigen können. Der Rüstungswettlauf in Ost und West und das durch den grassierenden Antikommunismus geschürte politische Klima der ständigen Angst vor einer sowjetischen Invasion begünstigten die massive staatliche Subventionierung der Atomindustrie.
Die Schweiz als eine «Insel der Seligen», wo die Demokratie und der Wohlstand blühen wie an keinem anderen Ort der Welt, diese idealisierte Vorstellung verdeckt den Blick darauf, dass die Schweiz ebenfalls einige dunkle Kapitel in ihrer Vergangenheit hat, die bis heute weitgehend im Verborgenen liegen. Die Atompolitik ist ein Beispiel dafür. Politische Interessen, militärisches Machtgebaren und die Nutzbarmachung technologischer Entwicklungen brachten während des Kalten Kriegs auch in der Schweiz die Atomindustrie hervor. Sie löste sich erst allmählich aus ihrer ursprünglichen Abhängigkeit von militärischen Interessen. Die enge Verflechtung von Staat, Wissenschaft und Industrie blieb jedoch weiter bestehen und entfaltete ihre Wirkung oft unbemerkt von der Öffentlichkeit.
Die Schweiz ist seit längerer Zeit von Kriegen und Katastrophen verschont geblieben. Auch in der Atomindustrie sind grössere «Zwischenfälle» bisher ausgeblieben, wenn auch die Schweiz bei der Kernschmelze in Lucens 1969 nur haarscharf an einer atomaren Katastrophe vorbeischrammte. Der Mythos, dass in der Schweiz alles viel sicherer und zuverlässiger abläuft als anderswo, ist bis heute intakt. Ab Mitte der 1970er-Jahre wurde die Atomenergie zu einem Spaltpilz, der einen tiefen Riss durch die Gesellschaft zog. Befürworter und Gegner bekämpften sich in den folgenden Jahrzehnten in zahlreichen politischen Schlachten. Die Besetzung von Kaiseraugst wurde 1975 für die Anti-AKW-Bewegung zum Symbol des Widerstands, für die Atomindustrie hingegen zum Stolperstein, der den weiteren Ausbau ihres AKW-Parks verhinderte.
Die Kühltürme der AKWs, die mit ihrer massiven Architektur wie monumentale Kathedralen des technischen Fortschritts in die Landschaft hineinragen, wurden nun zu Mahnmalen für das gefährliche und unberechenbare Zerstörungspotenzial der Atomtechnologie, das vom Menschen offenbar niemals vollständig kontrolliert werden kann. Der Super-GAU in Tschernobyl 1986 rüttelte die Bevölkerung in der Schweiz auf, denn die radioaktive Wolke verbreitete auch hier Angst und Schrecken. Die Katastrophe wurde jedoch bald wieder vergessen. Die Halbwertszeit eines Super-GAUs im kollektiven Gedächtnis der Menschheit dauert weit weniger lang als diejenige der radioaktiven Strahlung, die durch eine Reaktorkatastrophe freigesetzt wird.
Mit dem Super-GAU in Fukushima ereignete sich das Undenkbare 2011 zwar ein weiteres Mal, doch die Reaktionen der Empörung und des Vergessens, die offenbar zu einem Muster im Umgang mit Katastrophen geworden sind, begannen sich erneut zu wiederholen. So schnell, wie die Katastrophe da war, so schnell war sie auch wieder aus dem Bewusstsein verschwunden. Der «Fukushima-Effekt» verpuffte innerhalb weniger Jahre. Der Entscheid des Bundesrates, langfristig aus der Atomenergie auszusteigen, bedeutete allerdings eine historische Weichenstellung in der Energiepolitik. Nach den beiden Abstimmungen zur Atomausstiegsinitiative 2016 und zur neuen Energiestrategie 2017 ist es um das Thema wieder seltsam ruhig geworden. Es stellt sich daher unweigerlich die Frage, wie nachhaltig dieser politische Entscheid tatsächlich gewesen ist.
Die politische Sprengkraft der Atomenergie weckte mein Bedürfnis, historisch etwas tiefer zu bohren und gegen das allgemeine Vergessen anzuschreiben. Dieses Buch bietet erstmals einen umfassenden Überblick über die hoch spannende und wechselvolle Geschichte der Atomenergie in der Schweiz, von der ersten Atombombe bis zum Super-GAU in Fukushima und bis zur darauf folgenden politischen Debatte zum Atomausstieg. Bei meinen Recherchen konnte ich auf die Forschungen und Publikationen zahlreicher Historikerinnen und Historiker, Journalistinnen und Journalisten zurückgreifen, von denen ich zumindest einige namentlich erwähnen möchte: Thomas Angeli, Martin Arnold, Jost Auf der Maur, Silvia Berger Ziauddin, Susan Boos, Peter Braun, Thomas Buomberger, Marcos Buser, Dölf Duttweiler, Urs Fitze, Stefan Füglister, Monika Gisler, Bernd Greiner, Fredy Gsteiger, Stefan Häne, David Häni, Edgar Hagen, Urs Hochstrasser, Peter Hug, Peter Jaeggi, Patrick Kupper, Benedikt Loderer, Otto Lüscher, Sibylle Marti, Alexander Mazzara, Dominique Benjamin Metzler, Felix Münger, Roland Naegelin, Bruno Pellaud, Jean-Michel Pictet, Paul Ribaux, Roman Schürmann, Damir Skenderovic, Helmut Stalder, Helen Stehli Pfister, Bernd Stöver, Jürg Stüssi-Lauterburg, Jakob Tanner, Simon Thönen, Marc Tribelhorn, Tobias Wildi, Reto Wollenmann und Hansjürg Zumstein.