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2. DIE KUNST DES VERGESSENS

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In der Chemie der Zukunft wird der Gedanke so gut als Stoff gelten wie heute Säuren, Oxyde und anderes als chemische Stoffe gelten. Denn es ist kein „leerer Raum“ zwischen dem, was wir Materie, und dem, was wir Geist nennen. Beide sind Stoffe oder Elemente, die sich unmerklich miteinander vermengen. In Wahrheit ist die Materie nur eine sichtbare Form der feineren Elemente, die wir Geist nennen.

Unser unsichtbares und unausgesprochenes Denken endfließt uns unaufhörlich, ein Element und eine Kraft, wirklich wie der Wasserstrom, den wir sehen können, oder der elektrische Strom, den wir nicht sehen können. Unser Denken vermengt sich mit dem anderer, und aus dieser Kombination werden die neuen Eigenschaften des Denkens gebildet, so wie etwa durch eine chemische Mischung neue Stoffe gebildet werden.

Wenn du aus dir die geistigen Elemente der Qual, des Ärgers, Kummers oder Hasses aussendest, setzt du Kräfte in Tätigkeit, die deinem Geist und Körper verderblich sind. Die Kraft des Vergessens involviert die Kraft, jedes unangenehme und schädigende Element des Denkens zu verbannen und ein nutzbares Element dafür heranzuziehen, kurz, aufzubauen statt niederzureißen. Unser Denken beeinflusst unser Unternehmen günstig oder ungünstig. Es nimmt andere für oder gegen uns ein. Es ist ein Element, das von anderen angenehm oder unangenehm empfunden wird, das sie mit Vertrauen oder Misstrauen gegen uns erfüllt.

Der vorherrschende Zustand unseres Geisteslebens oder der Charakter unseres Denkens formt unseren Körper und unsere Züge. Er macht uns anderen gegenüber hässlich oder schön, anziehend oder abstoßend. Unsere Gedanken bestimmen unsere Gesten, unsere Manieren, unseren Gang. Die geringste Bewegung eines Muskels hat eine Gemütsstimmung, einen Gedanken zur Ursache. Ein entschlossener Geist erzeugt festen, straffen Gang. Ein Mann, dessen Geist schwach und schwankend, ungewiss und hilflos ist, wird eine schwerfällige, schlenkernde und ungewisse Haltung zeigen. Der Geist der Entschlossenheit spannt Nerv und Sehne. Genauer gesagt: das geistige Element der Entschlossenheit ergreift jeden Muskel.

Betrachte unzufriedene, düstere, melancholische und übellaunige Menschen und du siehst, wie die stillwirkende Kraft ihrer widrigen Gedanken die Gesichtszüge dieser Menschen schnitt, aushieb und formte. Solche Menschen sind nie bei guter Gesundheit, denn jene Kraft wirkt auf sie wie ein Gift und ruft irgendeine Krankheit hervor. Ausdauerndes, einem ganz bestimmten Ziele zustrebendes Denken dagegen, zumal wenn dieses Ziel anderen und uns zugutekommt, wird jeden Nerv mit Kraft erfüllen. Es ist eine weise Selbstsucht, die zugleich auf das Wohl anderer und auf unser eigenes abzielt. Im Geist und in der Arbeit sind wir alle vereinigt. Denn wir sind Kräfte, die, sei es zum Guten oder Bösen, wechselseitig aufeinander einwirken, und zwar durch den aus Unwissenheit sogenannten „leeren Raum“. Unsichtbare Nervenströme fließen von Mensch zu Mensch, von Wesen zu Wesen. Jede Form des Seins ist so mit jeder anderen verbunden. Und ein schlechter Gedanke oder eine schlechte Tat ist ein schmerzhafter Schlag, der Myriaden von Organisationen durchbebt. Ebenso erzeugt gutes Denken und gute Tat das gleiche Maß an Freude. Es ist also ein Gesetz der Natur und der Wissenschaft, dass wir anderen nichts wahrhaft Gutes zu tun vermögen ohne uns selbst damit Gutes zu tun.

Harm um einen Verlust, er betreffe Freund oder Besitz, schwächt Geist und Körper. Und ist dem verlorenen Freund keine Hilfe. Eher eine Schädigung. Denn unsere traurigen Gedanken müssen ihn erreichen und eine Quelle des Schmerzes für ihn sein, auch wenn er im „Jenseits“ wäre.

Eine Stunde Unmut, Zorn oder Angst, ausgesprochen oder verborgen, nimmt uns sehr viel Kraft und macht uns überdies anderen unerträglich, ja, schafft uns Feinde. Mittelbar oder unmittelbar schädigt sie uns auch im Beruf. Saure Blicke und Worte vertreiben gute Kunden. Murren und Hassen bedeuten Prügelung des eigenen Geistes. Kraft, solcherart ausgegeben, könnte zu unserer Freude, zu unserem Nutzen verwendet werden sowie etwa ein Spazierstock Prügel oder Annehmlichkeit sein kann.

Die Fähigkeit, schädigende Gedanken zu bannen oder zu vergessen, ist sonach ein wichtiges Mittel, um Körperkraft und Geistesklarheit zu gewinnen. Körperkraft und Geistesklarheit verbürgen Erfolg in allen Unternehmungen.

Sie rufen auch Geisteskraft hervor. Und die Kräfte unseres Geistes wirken zu unserem Vor-oder Nachteil auf die Körper derjenigen ein, die tausend Meilen von uns entfernt sind. Der Grund hierfür besteht darin, dass es eben eine uns allen zugehörige, vom Körper abgesonderte und selbständige Kraft gibt. Diese Kraft ist immer am Werk, wir mögen schlafen oder wachen. Unerkannt, unbewusst und also unweise gebraucht, taucht sie uns in den Schlamm des Elends und Irrtums. Einsichtsvoll und weise benützt, bringt sie uns jedes erdenklich Gute.

Diese Kraft ist unser Denken, sind unsere Gedanken. Jeder unserer Gedanken ist für unsere Gesundheit und unseren wirklichen Erfolg von vitaler Wichtigkeit. Denn nicht alles, was der Welt als Erfolg erscheint, ist wirklicher Erfolg. Erfolg auf Kosten der Gesundheit, zum Beispiel, ist kein wirklicher Erfolg.

Jeder Geist bildet, meist unbewusst, seinen besonderen Charakter, seine Art, zu denken, selbst heran. Und es ist klar, dass langgeübte Art nicht sogleich verändert werden kann. Wir haben beispielsweise unseren Geist unbewusst daran gewöhnt, schlimmen oder verdrossenen Gedanken nachzuhängen. Wir haben nie erkannt, dass Brüten über eine Enttäuschung, Leben in Kummer, Furcht vor Verlust, Qual der Angst, dies oder jenes werde sich nicht erfüllen, wie wir es wünschen, eine zerstörende Gewalt schufen, die unsere Kraft versiechen machte, Krankheit hervorrief, uns unserem Beruf nahm und den Verlust von Geld oder gar von Freunden verursachte.

Vergessen lernen ist daher ebenso notwendig und nützlich als Gedächtnisübung. Wir denken täglich an viele Dinge, an die ganz und gar nicht zu denken uns weit besser täte.

Die Kunst des Vergessens besteht darin, die unsichtbare Kraft, die uns schädigen kann, hinwegzubannen und eine Kraft dafür heranzuziehen, die uns nützlich ist.

Begehre eindringlich und ausdauernd die Eigenschaft des Charakters, die dir mangelt, und du wirst eine Stärkung dieser Eigenschaft herbeiführen. Begehre mehr Geduld oder Festigkeit, Urteilskraft oder Mut, frohe Hoffnung oder Pünktlichkeit — und du wirst diese Eigenschaften in dir wachsen fühlen. Diese Eigenschaften sind wirkliche Elemente. Sie gehören der höheren, bisher noch unerforscht gebliebenen Chemie der geistigen Welt an.

Der entmutigende, hoffnungslose, jammernde Mann hat unbewusst Entmutigung und Hoffnungslosigkeit begehrt. Und so hat er sie denn empfangen. Dies ist sein unbewusst geistiges Training für das üble. Der Geist ist sozusagen magnetisch, er zieht immer das Denken an, das er an sich ziehen will oder dem er sich öffnen will. Gib dich der Furcht hin — und du wirst dich immer mehr fürchten. Höre auf, ihr zu widerstehen, bemühe dich nicht, sie zu bemeistern — und du öffnest ihr Tür und Tor, du lädst sie ein, verlangst nach ihr. Raffe dich aber auf, erschaue dich selbst im Geiste oder in der Vorstellung als mutig — und du wirst starken Herzens werden! Du verlangst dann nach Mut!

Es gibt in der unsichtbaren Natur kein Höchstmaß für den Zustrom dieser geistigen Eigenschaften. Mit dem Worte Christi: „Bittet, so wird euch gegeben werden!“ ward uns gesagt; dass wir durch unser Verlangen jeder Eigenschaft, deren wir bedürfen, teilhaftig werden können. Und wenn unser Verlangen weise ist, werden wir des Besten teilhaftig werden können. Jede Sekunde eines weisen Verlangens erhöht unsere Kraft. Und wir müssen diese Erhöhung unserer Kraft niemals wieder verlieren.

Ein Mensch kann völlig ungelehrt sein und dennoch eine Geisteskraft aussenden, die andere, nah und fern, glückspendend berührt und beeinflusst, während ein Gelehrter sein Gehirn um ein Geringes mühselig abplagt. Die geistige Kraft des ungelehrten Mannes kann also weit fruchtbarer sein als die des Gelehrten. Der Intellekt soll eben mehr sein als ein Sack, darin man Tatsachen aufbewahrt. Der Intellekt soll dazu dienen, Ersprießliches zu wirken. Bücherschreiben ist nur ein Fragment der Arbeit des Intellektes.

Die größten Männer haben zuerst gedacht und dann gehandelt, wie Columbus, Napoleon, Fulton, Morse, Edison und andere beweisen, die die Welt vorwärts brachten und ihr außerdem sagten, wie sie vorwärts gebracht werden kann.

Dein Plan, Ziel oder Vorsatz — sie mögen sich nun auf Geschäft, Erfindung oder Kunstwerk beziehen — sind wirklicher Aufbau unsichtbaren Gedanken-Elementes. Solcher Gedankenaufbau ist auch ein Magnet. Er beginnt damit, so schnell als möglich helfende Kräfte heranzuziehen. Beharre auf deinem Plan oder Zweck — und diese Kräfte kommen immer näher, werden immer stärker und bringen so immer bessere Ergebnisse hervor.

Lass deinen Vorsatz fallen — und du bringst den Zustrom dieser Kräfte zum Stocken und zerstörst überdies auch den unsichtbaren, magnetischen Bau, den du bereits aufgeführt hattest. Der Erfolg in jedem Beruf hängt von der Erkenntnis und Befolgung dieses Gesetzes ab. Ausdauerndes Beharren bei einem Ziel ist eine wirkliche, magnetische Kraft, die stetig mehr und immer mehr Hilfen schafft, um jenes Ziel endlich erreichen zu können. Ist dein Körper in dem Zustand, den wir Schlaf nennen, so sind diese Kräfte dennoch tätig. Sie wirken dann auf andere Geister ein. Ist dein letzter Gedanke vor dem Einschlafen ein Gedanke der Qual oder Angst gewesen, ein Gedanke des Hasses gegen irgendwen, so wird er schlimme Folgen für dich haben. Dachtest du hoffnungsvoll, heiter, vertrauend, bejahtest du friedvoll alle Menschen, so empfingst du stärkste Kraft und wirst daraus gute Frucht ernten. Ging die Sonne über deinem Grimm unter, so wird dein wütiges Denken auf andere einwirken, während du schläfst — aber nur dir die Schädigung bringen. Die Kunst des Vergessens zu üben ist darum sehr nötig. Wir müssen den Strom, der uns im Schlaf Böses zuführt, verwandeln in einen Strom, der uns nur Gutes zuträgt. Heute denken tausende und abertausende Menschen niemals daran, den Charakter ihrer Gedanken zu kontrollieren. Sie lassen ihre Gedanken treiben. Sie sagen niemals zu einem Gedanken, der sie beunruhigt: „Ich will dich nicht denken!“ — Unbewusst verlangen sie vielmehr nach dem, was ihnen schlecht bekommt und ihre Körper werden von der Art des Denkens, an das sie sich fest saugen, krank gemacht.

Wenn du die Schädigung, die dir ein beunruhigtes Denken zufügt, klar erkennst, wird dir die Kraft zuzuströmen beginnen, mit ihr fertig zu werden. „Widerstehet dem Teufel und er wird von euch fliehen!“ sagt die Schrift. Es gibt aber keine Teufel außer den schlecht gebrauchten Kräften des Geistes. Aber diese sind überaus mächtig darin, uns zu betrüben und zu quälen. Ein mürrischer oder melancholischer Gemütszustand ist ein Teufel. Er kann uns krank machen, kann uns Freunde und Geld verlieren machen. (Geld bedeutet den Genuss von Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten. Ohne Geld können wir nicht unser Bestes tun oder unser Bestes sein. Die Sünde, die in der „Liebe zum Geld“ eingeschlossen ist, besteht darin, das Geld als solches mehr zu lieben als die notwendigen Dinge, die allein durch Geld erlangt werden können.) Um in einem Unternehmen den größten Erfolg zu erzielen, in einer Kunst am weitesten zu kommen oder irgendeine Angelegenheit zu fördern, dazu ist nötig, dass wir zu bestimmten Tageszeiten alles vergessen, was jenes Unternehmen, jene Kunst oder Angelegenheit betrifft. Indem wir dies tun, beruhigen wir unseren Geist und sammeln frische Kraft zu erneuter Leistung.

Wessen Denken sich immer um die gleiche Sache dreht, wer immer nachsinnt oder grübelt, was er tun oder lassen solle, vergeudet diese Kraft gleichsam in der Tretmühle des Gehirns. Wir sagen uns im Gedanken immer wieder das Gleiche. Wir bauen also stetig das gleiche Gedankengebäude auf, eines die nutzlose Wiederholung des andern.

Wenn wir immer geneigt sind, über eine bestimmte Angelegenheit nachzusinnen oder uns über sie auszusprechen, wenn wir sie nicht vergessen und uns ihrer zu allen Zeiten und an allen Orten erinnern wollen, wenn wir in Wort und Gedanken nicht in den Ton verfallen wollen, der die Gesellschaft um uns herum beherrscht; wenn wir erst gar nicht versuchen, ein Interesse daran zu gewinnen, was von anderen gesprochen wird; wenn wir entschlossen sind, nur über das zu sprechen, was uns angeht oder überhaupt zu verstummen: dann sind wir in Gefahr, Monomanen zu werden, Menschen mit fixen Ideen.

Solch ein Kranker schafft sich seinen Ruf selber. Er ist von einer Idee besessen und, vielleicht ganz unbewusst, entschlossen, diese Idee jedermann aufzuzwingen. Er ist außerstande, seine Lieblingsidee oder sein Steckenpferd auch nur zeitweilig zu vergessen und auf die Gedanken anderer einzugehen. Aus diesem Grund verliert er die Kraft des Vergessens, die Kraft, jenen ihn ganz erfüllenden Gegenstand ganz aus seinem Gehirn hinauszuwerfen. Er treibt dann immer tiefer in jene Idee hinein und umgibt sich mit ihrer besonderen Atmosphäre.

Menschen, die um solch einen Kranken sind, spüren den Einfluss dieser besonderen Idee und empfinden sie unangenehm, denn das Denken eines Menschen wird von jenen, die um ihn sind, durch einen noch nicht benannten Sinn empfunden. In der Schärfung dieses Sinnes liegt das Geheimnis deines günstigen oder ungünstigen „ersten“ Eindruckes auf Menschen. Du lebst in dem Geist, der dir endfließt, du sendest ein Element aus, das andere für oder gegen dich einnimmt, gemäß ihrer Fähigkeit oder Feinsinnigkeit, dieses Element aufzunehmen. Du wirst von der Geistigkeit anderer, seien diese fern oder nahe, ebenso beeinflusst. Wir sprechen auch dann zu anderen, wenn unsere Zungen still sind. Wir erwecken auch Neigung und Abneigung, Liebe oder Hass, wenn wir in der Zurückgezogenheit unseres Zimmers leben.

Ein Mensch, von einer Idee besessen, wird oft zum Märtyrer oder hält sich dafür. Es bestand und besteht aber niemals die Notwendigkeit für ein Märtyrertum. Märtyrer ist nur der Unwissende. Märtyrertum schließt immer einen Mangel an Urteil und Takt in der Vorführung eines der Welt neuen Prinzips ein. Mache dir klar, was Märtyrertum heißt und du wirst finden, dass der Märtyrer versuchte, dem Volk eine Idee in einer angriffsweisen und feindseligen Form aufzuzwingen. Menschen von großer Fähigkeit sind, indem sie sich ganz und gar einer Idee hingegeben haben, zuletzt von ihr besessen worden. Die Gegnerschaft, die sie von anderen erfuhren, war eben zuerst in ihnen. „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen“, sagte Christus, „sondern das Schwert“.

Aber nun ist für die Welt die Zeit gekommen, das Schwert in die Scheide zu stecken. Viele Menschen gebrauchen unbewusst Schwerter, wenn sie anderen raten, was ihnen als Besseres erscheint. Da ist das Schwert des scheltenden Reformers, das Schwert des Widerwillens gegen andere, weil sie das nicht beachten wollen, was du sagst. Da ist das Schwert des Vorurteils, weil andere deine besonderen Gewohnheiten nicht annehmen wollen. Jeder Gedanke, der sich gegen andere richtet, ist ein Schwert und fordert das Schwert von der anderen Seite. Der Gedanke, der von dir kommt, ist der, den du dafür zurück erhältst und er wird die gleiche Eigenschaft haben. Das kommende Reich des Friedens wird aufgebaut sein durch die Versöhnung der Gegensätze, durch die Verwandlung der Feinde in Freunde, denn den Menschen wird gesagt werden, dass in ihnen viel mehr Gutes als Böses ist. Verleumdung und üble Nachrede werden in jener Zukunft nicht mehr sein. Die Menschen werden einander angenehmer und nützlicher sein, denn sie werden die Gesetze kennen, die Gesundheit, Freude und Seligkeit schaffen. Die Gesetze, die wir noch nicht kennen. Der Anwalt jener Zeit (ach, sie könnte ja morgen anbrechen!) wird dem Kranken mit dem Lächeln der Freundschaft begegnen, auch wenn er weiß, dass die kränksten Leute immer die ärgsten Sünder sind. Denn gerade der abstoßendste Mensch, das Geschöpf voll Trug, Verrat und Tücke, bedarf unseres Mitleids am allermeisten! Wie schädigt sich der Arme, wie viel Schmerz und Krankheit schafft er sich durch seine Gedanken!

Du denkst von einem Menschen nicht gut, der dich gering schätzte, beleidigte, verletzte oder ungerecht gegen dich war. Du musst Stunde für Stunde, Tag für Tag an ihn denken. Und du wirst dessen endlich überdrüssig und kannst es dennoch nicht loswerden. Es beunruhigt und quält dich, es reibt dich auf, macht dich krank. Und du kannst nichts dagegen tun und musst immer wieder in diesem lästigen und ermüdenden Gedankennetz herumlaufen. Es verbraucht deinen Geist. Und was den Geist verbraucht, verbraucht den Körper.

Du musst leiden, weil du das gegnerische und feindselige Denken des andern zu dem deinen gemacht hast. Er denkt von dir, wie du von ihm. Er sendet dir eine Welle feindseligen Denkens zu. Ihr gebt und erhaltet so beide die Schläge der unsichtbaren Kräfte. Du kannst diesen schweigenden Kampf wochenlang fortsetzen und wenn du es tust, sind eben beide geschädigt. Dieser Widerstreit entgegengesetzter Willensmächte und Gewalten tobt um uns alle. Die Luft ist voll von ihm.

Die Kunst, Feinde zu vergessen oder ihnen nur ein freundliches Denken zuzuleiten, ist deshalb ein Akt des Selbstschutzes. So streckt der Mensch die Arme vor, um einen körperlichen Schlag abzuwehren. Ausdauernd freundliches Denken verdrängt endlich das übelwollen und nimmt den Schmerz. Das Gebot Christi, Feinden Gutes zu tun, ist auf ein natürliches Gesetz begründet. Es besagt, dass dem Gutdenken oder dem Wohlwollen jene höhere Kraft innewohnt, die den Schaden, den Missgunst oder Hass uns zuzufügen trachten, abwehren und verhindern können.

Verlange nach Vergessenheit, wenn du an einen Menschen oder an ein Geschehnis nur mit dem Schmerz denken kannst, den Kummer, Zorn oder ein anderer schmerzlicher Grund hervorrufen. Das Verlangen ist ein Zustand des Geistes, der Kräfte in Bewegung setzt, die das herbeischaffen, dessen du bedarfst. Das Verlangen ist eine wissenschaftliche Grundlage des Gebetes. Bettle nicht. Verlange ausdauernd deinen Anteil an Kraft aus den Elementen, die um dich herum sind, damit dein Gemüt sich beruhige.

Was dir so werden kann, kennt kein Letztes, Höchstes.

Dass es bisher keinem Menschen gelungen ist, die volle Höhe dieser Kraft zu erreichen, ist kein Beweis dafür, dass sie nicht doch erreicht werden kann. Die Welt sieht täglich herrlichere und wundersamere Dinge. Wer noch vor wenigen Jahrzehnten prophezeit hätte, man werde einst die menschliche Stimme von New York nach Philadelphia hören, würde als Wahnsinniger erledigt worden sein. Und doch benützen wir heute das Wunder des Telefons alltäglich.

Die Möglichkeit des Unmöglichen

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