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Ein Gnadenhof in Wiesental

Wiesental war lange ein friedliches Dorf. Es war schwer zu finden und zählte nicht einmal 50 Einwohner. Jeder kannte jeden, alle duzten sich. Und einige wussten mehr über einen, als man selbst von sich wusste. Das erfuhr man dann von Freunden oder Nachbarn, die es angeblich gut mit einem meinten, indem sie von dem neuesten Dorftratsch berichteten.




Im Tal der Ihren und Our

Man hätte denken können, wenn es eine Gegend gibt, in der der Hund begraben ist, dann ist es die abgelegene deutsch-belgische Grenzregion am Oberlauf der Our, einem Nebenfluss der Sauer. Der Fluss schlängelt sich hier durch ein idyllisches Tal, saftig-grüne Auen, die Hänge sind Mitte Mai in leuchtendes Eifelgold, üppig blühende Ginsterbüsche getaucht. Einer der schönsten Radwege der Eifel-Ardennen verläuft hier.

Die sehr schöne Naturlandschaft liegt wenige Kilometer vor St.Vith zwischen den Weilern Hemmeres, Elcherath und Lommersweiler. Wer sich mit der wechselvollen Geschichte der Region beschäftigt, ist froh, dass die Deutschen heute in Frieden mit ihren Nachbarn in einem zusammengewachsenen Europa leben. In Hemmeres, in der alten Bannmühle übernachtete im September 1944 Ernest Hemingway, als er die amerikanischen Truppen als Kriegsberichterstatter bei ihrem Vorstoß nach Deutschland begleitete. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges führte ein Abschnitt der Vennbahn durch das Dorf. Gleich, ob die Bewohner Deutsche oder Belgier waren, alle verstanden sich, denn hier sprach man dasselbe Platt. Das galt für den Dialekt.

Sie verstanden aber nicht, was einer der ältesten Bewohner von Wiesental trieb. Der Mann hieß Georg Krapinski. Er war nach dem Krieg aus der heute zu Polen gehörenden Kaschubei in die Eifel gekommen. Mehr als 45 Jahre hatte er als landwirtschaftlicher Helfer auf verschiedenen Höfen gearbeitet. Aber die schwere Arbeit in den Ställen und auf den Feldern hatte seiner Gesundheit zugesetzt. Wenn er sich gebeugt über den Hof des kleinen halbverfallenen Bauernhauses schleppte, konnte man nur Mitleid mit ihm haben. Den Hof hatte er von dem Geld gekauft, das er in vier Jahrzehnten auf die hohe Kante gelegt hatte. Es war ein fünfstelliger Betrag, denn für eine Frau und eine Familie hatte er in den zurückliegenden vier Jahrzehnten nie sorgen müssen. Er war unfreiwillig Junggeselle geblieben, obwohl er ein herzensguter, wenn auch nicht gerade ein schöner Mann war.

Seine Liebe galt den Tieren, nicht nur den Kälbchen, Rindern, Kühen, Pferden und Schweinen, mit denen er fast ein Leben lang gearbeitet hatte, sondern vor allem denen, die wie er ein langes Arbeitsleben hinter sich hatten, von der Arbeit kaputt waren oder schlecht behandelt wurden. Ihnen wollte er einen schönen Lebensabend bieten. Er wollte nicht mit den großen Gnadenhöfen in Deutschland und Österreich konkurrieren. Es sollte kein auf Hunde, Pferde oder ehemalige Zirkustiere spezialisierter Gnadenhof mit tiermedizinischen Betreuungsleistungen sein. Er wollte leidenden Tieren helfen, ihnen auf seinem Hof eine Zuflucht und neue Heimat bieten. So klein sein Hof auch war, für drei, vier Tiere sollte er ein Gnadenhof werden.

Der Raufbold

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