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Kapitel 1

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Der strahlendste Stern des Imperiums


Du machst einen Fehler! Einen furchtbaren Fehler! Du hättest dich niemals von ihr erweichen lassen dürfen …

Pertia ter Galen starrte wie hypnotisiert aus der transparenten Kanzel des Transfergleiters, der soeben die unsichtbare Grenze zur Hochsicherheitszone des Hügels der Weisen passierte und in einer sanften Kurve nach Süden schwenkte. Die Kursänderung war wohlkalkuliert, denn nun schob sich die in der Sonne funkelnde Fassade des Kristallpalasts majestätisch ins Sichtfeld der Passagiere, was allenthalben für begeisterte Ahs und Ohs sorgte. Augenblicklich waren die ausgedehnten Parkanlagen der Tarukk-Hochebene und das westlich davon in der Ferne erkennbare, schroffe Profil des Shuluk-Ahaut-Massivs nur noch Nebensache.

»Mami! Sieh doch!«

Halias begeisterte Stimme ließ ter Galen ihre Sorgen und Befürchtungen für einen Moment vergessen. Zum Glück war ihre Tochter angeschnallt; andernfalls hätte es sie wohl nicht auf dem Sitz halten können.

Auch Pertia fiel es schwer, sich dem Zauber des Augenblicks zu entziehen. Fast sechs Jahre war es nun her, seit sie Arkon I und damit jenes Bauwerk hinter sich gelassen hatte, das man im Volksmund völlig zu Recht als strahlendsten Stern des Imperiums bezeichnete.

Damals war sie der von ihrer Familie angebahnten Hochzeit mit einem blasierten Adelsspross in letzter Minute entkommen, was ihrem potenziellen Ehepartner eine große Beule und ihr selbst die lebenslange Verachtung ihres Khasurns eingebracht hatte. Für ihren dominanten Vater war sie stets nur eine Figur im Spiel der Kelche gewesen und hatte eine Rolle verkörpert; eine Rolle, mit der sie sich von Jahr zu Jahr weniger hatte arrangieren können.

Es war alles andere als leicht gewesen, unterzutauchen. Doch mithilfe einiger enger Freunde hatte sie es geschafft. Ausgestattet mit einer neuen Identität, falschen Personaldateien und einer in den Speichern der imperialen Datenbanken verankerten und sorgfältig konstruierten Vergangenheit, war es ihr gelungen, in die Raumflotte einzutreten und es dort bis zum Orbton zu bringen.

Dabei hatte sie stets darauf geachtet, nicht über Gebühr aufzufallen. Als man Freiwillige für eine Stationierung auf der Randwelt Lumaria gesucht hatte, war sie daher eine der Ersten gewesen, die sich gemeldet hatten. Je weiter weg von Arkon, so ihr Kalkül, desto besser.

Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits mit Halia schwanger gewesen. Zwar hatte es sie viel Geduld gekostet, Egijor davon zu überzeugen, sich bis an die Außengrenzen des Imperiums zurückzuziehen. Doch schließlich hatte ihr Partner eingesehen, dass sie nur dort halbwegs sicher vor den Nachstellungen von Pertias Familie sein konnten.

Pertia ter Galens Flucht bedeutete für ihren Vater einen beispiellosen Gesichtsverlust, und sie wusste genau, dass er diesen nicht einfach hinnehmen würde. Er würde alle Hebel in Bewegung setzen, um sie aufzuspüren und für ihren Ungehorsam zu bestrafen – und wenn es um Hebel ging, schöpfte der Patriarch aus einem reichhaltigen Fundus!

Genau deshalb ist das, was du tust, Wahnsinn, ging es nicht zum ersten Mal durch ihren Kopf. Ein winziger Fehler reicht bereits aus. Selbst wenn du dein Äußeres verändert hast – man wird dich erkennen, und dann wirst du Halia nie wiedersehen …

Der Kelch des Gos'Khasurn, des Kristallpalasts, wirkte sogar aus der Entfernung gewaltig; nicht nur, weil er alle anderen Bauwerke auf dem Hügel um ein Vielfaches überragte. Der an der Basis fünfhundert Meter durchmessende Stiel ragte aus einem Wald von Brücken, Bögen und pflanzenbewachsenen Flanierstraßen empor. Die Außenhaut glitzerte, als sei sie mit Myriaden Edelsteinen besetzt. Nach rund zweihundert Metern begann sich der Sockel schnell zu verbreitern, bis er schließlich in gut einem Kilometer Höhe seine größte Ausdehnung erreichte und jene Trichterform bildete, die für die arkonidische Architektur so typisch war.

Der Transfergleiter flog einen weiten Bogen, sodass seine Insassen die ausladenden Dachgärten mit ihren künstlichen Wasserfällen, den Springbrunnen und von Blüten geschmückten Stufenterrassen ausgiebig bewundern konnten. Schließlich kam er der Wandung des Palasts so nah, dass auch die Erker, Balkone und privaten Landeplattformen der wohlhabenden Khasurne zu sehen waren. Sie verteilten sich scheinbar ungeordnet über die flimmernde Pracht.

»Mami!«, beschwerte sich Halia. »Du guckst ja gar nicht!«

»Doch, mein Schatz«, gab Pertia leise und wie in Trance zurück. »Wunderschön …«

Die Jahre in der Fremde hatten sie tatsächlich vergessen lassen, wie unvergleichlich Arkon I im Allgemeinen und der Regierungshügel im Besonderen waren. Die Trichterbauten der einzelnen Ministerien und hochrangigen Khasurne, die den Palast wie die Mitglieder einer Elitegarde umringten, waren harmonisch in einen gigantischen Paradiesgarten eingebettet. Die Wetterkontrolle sorgte für einen makellos blauen Himmel, und die Hunderte von Gleitern, Fähren und Zubringern glitzerten im Sonnenlicht, als hätte jemand einen Sack mit Tottra-Perlen über allem ausgeschüttet.

Halias Augen waren weit aufgerissen, ihr Kopf zuckte hektisch hin und her. Die Fünfjährige schien nicht zu wissen, wohin sie zuerst blicken sollte, und ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet.

Mit einem Lächeln strich Pertia durch die langen, schneeweißen Haare ihrer Tochter. Wie oft hatte sie Halia ihren sehnlichsten Wunsch abschlagen müssen? Und wie oft hatte sie sich danach wie die schlimmste Mutter des Imperiums gefühlt?

Wie alle Nachkommen von Flottenangehörigen hatte auch Halia seit Vollendung des vierten Lebensjahrs eine der Faehrl Makama, der Kinderakademien, besucht und dort die Holos über die Heimat ihres Volkes, die Perle des Imperiums, das an Wundern überreiche Herz der arkonidischen Kultur bestaunt. Eine Sonne mit 27 Planeten und 159 Monden, ein vor Leben und Aktivität berstendes System, das seit Jahrtausenden wuchs und gedieh, ein einmaliges Zeugnis von Schönheit und Stärke, wie es nur eine von den She'Huhan auserwählte Zivilisation hervorbringen konnte.

Es hatte nicht lange gedauert, bis Halia die ersten Fragen stellte. »Wann fliegen wir nach Arkon Eins? Wann darf ich den Kristallpalast sehen? Wann kann ich einer Parade der Hofdamen bewohnen und vielleicht sogar einen Blick auf die Imperatrix erhaschen?« Immer drängender und leidenschaftlicher hatte das Mädchen um einen Besuch Arkons gefleht – und immer tränenreicher und enttäuschter waren die Reaktionen ausgefallen, wenn Pertia abgelehnt hatte.

Eines Tages hatte es Pertia ter Galen nicht mehr länger übers Herz gebracht und nachgegeben. Gefolgt waren lange und ermüdende Diskussionen mit Egijor. Erst hatte er versucht, sie von ihrem Plan abzubringen – und die Argumente, die er vortrug, waren bestechend scharf und logisch. Als er merkte, dass er sie trotzdem nicht umstimmen konnte, hatte er sie begleiten wollen, doch auch das lehnte Pertia ab.

Egijor war noch nie auf Arkon gewesen. Er war auf einer Kolonialwelt im Estran-Sektor geboren worden. Kennengelernt hatten sie einander während der Ausbildung an Bord eines Schweren Kreuzers. Obwohl er der Einzige war, der über ihre Vergangenheit Bescheid wusste, hatte er nicht den Hauch einer Ahnung, was für ein Moloch der Palast sein konnte und wie schnell man selbst als Unbeteiligter zwischen den Intrigen der Adelsfamilien zerrieben werden konnte.

Schließlich hatte sie ihn überzeugt – und irgendwann sogar sich selbst. Zumindest so weit, dass der Trotz ihre Angst überwog. Es war das verbürgte Recht jedes Arkoniden, mindestens einmal in seinem Leben den Kristallpalast betreten und die geheiligten Stätten seiner Ahnen sehen zu dürfen. Jeden Tag nahmen Zehntausende dieses Recht in Anspruch. Weder ihr herrschsüchtiger Vater noch der Rest ihrer verkommenen Familie würden ihrer Tochter dieses einmalige Erlebnis verwehren!


Eine halbe Stunde später setzte der Transfergleiter auf dem Landefeld eines der Verteilerhäfen auf. Mehrere hochgewachsene Naats in martialisch anmutenden Uniformen kontrollierten die elektronischen Dokumente, die jeder Besucher ständig mit sich zu führen hatte, und gaben die Armbänder aus, die sie als Touristen auswiesen.

Perry Rhodan Neo Story 16: Palast der Intrigen

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