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Gestohlene Worte

Enttäuscht hielt ich zum wiederholten Male die Absage eines Verlages in Händen. Einen Lyrikband mit meinen Gedichten wollte niemand drucken.

Gedemütigt und ziellos schlich ich durch die Straßen Berlins. Dumpfes Donnergrollen kündigte ein Gewitter an. Als die ersten Tropfen fielen, flüchtete ich mich ins Café Krenzel.

Bevor ich etwas bestellte, betrachtete ich die Barschaft meines Portemonnaies, die mir klarmachte, dass sie allenfalls für einen Kaffee oder Cappuccino ausreichen würde. Die Köstlichkeiten in der Kuchenvitrine und die hinreißend aussehende Bedienung zogen meinen Blick magisch an. Der Hunger nagte noch heftiger an mir.

Ellen trat an den Tisch, um meine Bestellung aufzunehmen. Das Schild an ihrer Bluse verriet mir ihren Namen. Kurz entschlossen gönnte ich mir einen Latte macchiato und ein Stück der appetitlich aussehenden, süßen Baisertorte. Das mit der Bezahlung würde sich schon irgendwie regeln lassen. Als Künstler musste man eben hin und wieder ein Lebenskünstler sein.

Mit einem strahlenden Lächeln sah ich Ellen an, als sie mir die Gaumenfreuden auf den Tisch platzierte. „Lassen Sie es sich schmecken“, sagte sie freundlich.

Ich bedankte mich artig und hoffte inständig, dass ihre Freundlichkeit anhielt, wenn es später um die Bezahlung ging. Zunächst einmal genoss ich, ganz in der Gegenwart verhaftet, die vor mir stehenden Leckereien. Zwischendurch schaute ich Ellen verheißungsvoll an, wenn sie an meinem Tisch vorbeischwebte, um andere Gäste zu bedienen. Meine Sympathiebekundungen blieben nicht wirkungslos. Ellen lächelte zurück und legte einen eleganten Hüftschwung an den Tag, wenn sie an mir vorbeiging.

„Ja, hier könnte ich ewig sitzen, der leise dahinplätschernden Kaffeehausmusik lauschend, dem Treiben der Besucher hier drinnen und den draußen vorbeieilenden Passanten zuschauen“, sinnierte ich. Die Atmosphäre des Cafés und die zauberhafte Bedienung inspirierten mich zu einem Gedicht. Aus meinem Stift ergossen sich mühelos die Reime in mein Notizbuch, das ich stets bei mir trug.

Allzu schnell kam die Stunde der Wahrheit. Ich schreckte auf, als Ellen an meinen Tisch trat und mich ansprach: „Ich habe gleich Feierabend und möchte kassieren, bevor meine Ablösung kommt. Sie hatten einen Latte macchiato und ein Stück Torte, das wären dann zusammen 6,80 Euro.“

Ich kramte umständlich meine Geldbörse hervor und öffnete sie zögernd, um Zeit zu gewinnen. Aber wozu? Der Inhalt gab den geforderten Betrag nicht her, das wusste ich. Verlegen stotterte ich: „Oh, ich ... ich habe das falsche Portemonnaie eingesteckt. Wie peinlich. Ich kann leider nicht den vollen Betrag zahlen. Ich bringe gleich morgen das restliche Geld vorbei.“

„Ja, ja, wer’s glaubt, wird selig“, stieß Ellen ärgerlich hervor. Dann fiel ihr Blick auf mein Gedicht. „Darf ich mal sehen?“, fragte sie neugierig.

Ich hielt ihr meine poetischen Worte entgegen: „Aber bitte!“

Sie schien beeindruckt. „Wissen Sie was, Ihr Gedicht gefällt mir. Ich nehme es in Zahlung. Sie dürfen jederzeit wiederkommen, auch wenn Sie knapp bei Kasse sind. Ein Gedicht für eine Köstlichkeit aus der Kuchenvitrine. Abgemacht!“, ermunterte sie mich.

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ein solches Angebot konnte ich nicht ausschlagen. Erleichtert nickte ich und stammelte: „Übrigens, ich heiße Leon. Leon Berger.“

Von Stund an ging ich fast täglich ins Café Krenzel. Ellen, meine Muse, und die Kaffeehausatmosphäre stimulierten mich zu den kühnsten und lyrischsten Versen, die je meiner Feder entsprangen. Wie vereinbart, durfte ich einen Teil meiner Zeche mit Poesie begleichen.

Angebote zu einem Rendezvous außerhalb des Cafés lehnte Ellen unter fadenscheinigen Gründen höflich, aber bestimmt ab. „Gewiss ist sie bereits vergeben“, dachte ich betrübt. „Die Zeit wird alles zum Guten für mich wenden“, tröstete ich mich.

Wochen und Monate vergingen.

Eines Tages war Ellen wider Erwarten nicht an ihrem Arbeitsplatz. „War sie erkrankt?“, sorgte ich mich. „Oder hatte sie nur den Bus verpasst und kam verspätet?“, hoffte ich.

Die Kollegin, bei der ich mich nach ihr erkundigte, erklärte mir: „Nein, die Ellen, die hat gekündigt. Die kommt nicht mehr. Die hat jetzt einen Job, der besser bezahlt wird.“ Als was und wo Ellen jetzt arbeitete, entzog sich ihrem Wissen.

Enttäuscht und mit einem flauen Gefühl im Magen verließ ich das Café. Ich lief rastlos durch die Straßen. Vor dem Schaufenster einer Buchhandlung blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich war fassungslos. „Nein! Nein!“, schrie eine innere Stimme in mir. „Das kann nicht wahr sein. Nein! Nein!“

In großer Aufmachung mit einem Bild von Ellen verkündete ein Plakat:

Ellen Ehrlich, der neue Star am Poetenhimmel! Ihr erster Lyrikband Kaffeehausgedichte avanciert gleich zu einem Bestseller

Ich stürzte in den Laden und griff mir eines der Bücher. Es waren meine Gedichte. Ich hatte meine Seele für ein paar Kuchenstückchen verschachert!

„Ich werde nie wieder ein Kaffeehaus betreten!“, schwor ich mir. „Nie, nie wieder!“

Sammelsurium - Fünf-Minuten-Lektüre

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