Читать книгу Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde - Robert Louis Stevenson - Страница 9
Die Suche nach Mr. Hyde
ОглавлениеAn jenem Abend kam Mr. Utterson in düsterer Stimmung nach Hause in seine Junggesellenwohnung und begab sich ohne Appetit zu Tisch. Sonntags nach dem Essen setzte er sich für gewöhnlich nah an den Kamin, vor sich auf dem Lesetisch irgendeinen trockenen Band über Theologie, bis die Uhr der benachbarten Kirche zwölf schlug und er nüchtern und dankbar zu Bett ging. An diesem Abend allerdings nahm er, sobald abgeräumt war, eine Kerze und ging in sein Arbeitszimmer. Dort öffnete er den Safe, entnahm dem bestgehüteten Fach ein Dokument, dessen Umschlag es als Dr. Jekylls Testament auswies, und setzte sich mit finsterer Miene hin, um den Inhalt zu studieren. Das Testament war eigenhändig abgefasst, denn da es einmal gemacht war, verwahrte es Mr. Utterson zwar, hatte sich aber geweigert, bei seiner Verfertigung nur die geringste Unterstützung zu leisten. Es bestimmte nicht nur, dass im Fall des Ablebens von Henry Jekyll, Dr. med., Dr. jur., Dr. jur. can., Mitglied der Royal Society etc., dessen sämtliche Besitztümer in die Hände seines »Freundes und Wohltäters Edward Hyde« überzugehen hatten, sondern zudem, dass im Fall von Dr. Jekylls »Verschwinden oder unerklärlicher Abwesenheit für länger als drei Kalendermonate« besagter Edward Hyde an die Stelle von besagtem Henry Jekyll treten sollte, und zwar ohne weiteren Aufschub und, abgesehen von der Zahlung einiger geringer Beträge an die Hausangestellten des Doktors, frei von jeder Belastung oder Verpflichtung. Schon lange war dieses Dokument dem Anwalt ein Dorn im Auge. Es kränkte ihn als Jurist genauso wie als Mensch, der Vernünftiges und Bewährtes im Leben schätzte und Überspanntheit für unanständig hielt. Auch hatte bislang seinen Unmut erregt, dass er über Mr. Hyde nichts wusste; plötzlich aber war es genau umgekehrt sein Wissen über ihn. Es war schlimm genug gewesen, als der Name nur ein Name war, über den er nichts herausbekam. Noch schlimmer machte es, dass sich immer abscheulichere Vorstellungen mit dem Namen verbanden, und erst da stieg aus dem unwirklichen Wabern des Nebels, der sein Auge so lange getäuscht hatte, auf einmal die Gewissheit, es mit einem Teufel zu tun zu haben.
»Ich hielt es ja für Irrsinn«, sagte er, indem er das unerträgliche Schriftstück in den Safe zurücklegte, »langsam aber fürchte ich, in Wahrheit ist es eine Schande.«
Damit blies er seine Kerze aus, zog seinen schweren Mantel über und machte sich auf in Richtung Cavendish Square, dieser Hochburg der Medizin, wo sein Freund, der berühmte Dr. Lanyon, sein Haus hatte und seine zahllosen Patienten empfing. »Wenn einer etwas weiß«, dachte er, »dann ist es Lanyon.«
Der würdige Butler kannte ihn und hieß ihn willkommen. Er brauchte nicht erst zu warten, sondern wurde von der Tür gleich ins Speisezimmer geführt, wo Dr. Lanyon allein bei seinem Wein saß. Er war ein liebenswürdiger, gesunder und munterer Herr mit rotem Gesicht, frühzeitig weiß gewordenem Haarschopf und entschiedenem, ein wenig lautem Auftreten. Bei Mr. Uttersons Anblick sprang er von seinem Stuhl auf und reichte ihm zur Begrüßung beide Hände. Die Herzlichkeit, die der Mann an sich hatte, wirkte auf den ersten Blick vielleicht etwas theatralisch, doch sie entsprang aufrichtigen Empfindungen. Denn die beiden waren alte Freunde, alte Schul- und Collegekameraden, hatten beide echte Achtung vor sich selbst und voreinander und, was nicht immer daraus folgt, waren Männer, die die Gesellschaft des anderen aufrichtig freute.
Nach kurzem Plaudern über dies und das kam der Anwalt auf die Sache zu sprechen, die auf so unangenehme Weise seine Gedanken beherrschte.
»Ich glaube, Lanyon«, sagte er, »du und ich, wir sind wohl die beiden ältesten Freunde, die Henry Jekyll hat, meinst du nicht?«
»Ich wünschte, die Freunde wären jünger«, gluckste Dr. Lanyon. »Aber ich glaube es auch. Nur was heißt das schon? Ich sehe ihn kaum noch.«
»Im Ernst?«, sagte Utterson. »Ich dachte, ihr hättet gemeinsame Interessen.«
»Hatten wir«, lautete die Antwort. »Aber inzwischen ist es zehn Jahre her, dass mir Henry Jekyll etwas zu überspannt geworden ist. Irgendwann ist er auf Irrwege geraten, Irrwege im Kopf; und wenn mich auch um der guten alten Zeiten willen, wie man so sagt, natürlich immer noch interessiert, was er treibt, sehe ich und habe ich den Mann schon seit langem verdammt wenig gesehen. So ein unwissenschaftlicher Quatsch«, fügte der Doktor hinzu und wurde plötzlich purpurrot, »hätte selbst Damon und Pythias auseinandergebracht.«
Diesen kleinen Temperamentsausbruch verfolgte Mr. Utterson mit gewisser Erleichterung. »Sie sind sich nur in irgendeiner wissenschaftlichen Frage uneins«, dachte er; und da er selbst keine wissenschaftlichen Passionen hatte (außer in notariellen Dingen), fügte er sogar hinzu: »Wenn es nichts Schlimmeres ist!« Ein paar Augenblicke ließ er seinem Freund Zeit, sich wieder zu fassen, und ging dann die Frage an, die zu stellen ihn hergeführt hatte. »Ist dir je ein Protégé von ihm über den Weg gelaufen – ein gewisser Hyde?«, fragte er.
»Hyde?«, wiederholte Lanyon. »Nein. Nie von ihm gehört. Nicht zu meiner Zeit.«
Das war alles, was der Anwalt an Auskünften mit nach Hause und in sein großes, finsteres Bett nahm, in dem er sich hin und her wälzte, bis es nach den frühen Morgenstunden allmählich hell wurde. Es war eine Nacht, die seinen aufgewühlten Gedanken, aufgewühlt in völliger Dunkelheit und bestürmt von Fragen, wenig Erleichterung verschaffte.
Sechs Uhr schlugen die Glocken der so angenehm nah seiner Wohnung liegenden Kirche, und noch immer war Mr. Utterson am Grübeln. Bislang hatte das Problem einzig seinen Verstand beschäftigt, jetzt aber nahm es auch seine Phantasie in Anspruch oder vielmehr gefangen, und wie er so dalag und sich in der abgrundtiefen Finsternis der Nacht und des verdunkelten Zimmers herumwälzte, lief Mr. Enfields Erzählung auf einer Rolle leuchtender Bilder an seinem inneren Auge vorüber. Immer wieder sah er das weite Feld der Laternen einer nächtlichen Großstadt vor sich, dann die Gestalt eines rasch dahinschreitenden Mannes, dann die eines Kindes, das vom Arzt gerannt kam, und schon stießen die beiden zusammen, und jener Berserker in Menschengestalt trampelte das Kind zu Boden und ging ungerührt von seinen Schreien weiter. Oder aber er sah ein Zimmer in einem wohlhabenden Haus vor sich, in dem sein Freund im Bett lag und schlief, während er träumte und im Traum lächelte, und dann wurde die Tür des Zimmers geöffnet, die Bettvorhänge wurden beiseitegeschoben, der Schlafende wachte auf, und da! – neben ihm stand eine Gestalt, die die Macht hatte, dass er sogar zu dieser totenstillen Stunde aufstehen und ihr Folge leisten musste. Die Gestalt dieser beiden Erscheinungen verfolgte den Anwalt die ganze Nacht, und döste er doch einmal ein, so nur, um vor sich zu sehen, wie sie noch verstohlener durch schlafende Häuser oder schneller und immer noch schneller, geradezu schwindelerregend durch immer ausgedehntere Labyrinthe der laternenlichthellen Stadt glitt und an jeder Straßenecke ein kleines Mädchen umrannte und schreiend liegen ließ. Und noch immer hatte die Gestalt kein Gesicht, an dem er sie hätte erkennen können, selbst in seinen Träumen hatte sie kein Gesicht, oder doch nur eins, das ihn ratlos machte und vor seinen Augen zerfloss. Und das war der Grund, weshalb den Anwalt eine unvergleichlich heftige, beinahe maßlose Neugier packte, die Gesichtszüge des wirklichen Mr. Hyde zu sehen. Wenn er ihn nur einziges Mal zu Gesicht bekommen könnte, das Geheimnis, glaubte er, würde sich lichten und vielleicht ganz in Luft auflösen, so wie es geheimnisvolle Dinge nun mal an sich hatten, sobald man ihnen auf den Grund ging. Für das merkwürdige Hingezogenwerden oder Gefesseltsein des Freundes (nenne man’s, wie’s einem gefällt) würde er so vielleicht Gründe finden, womöglich sogar für die befremdlichen Klauseln des Testaments. Auf jeden Fall aber würde es sich lohnen, so ein Gesicht zu sehen: das Gesicht eines Menschen, für den Mitleid ein Fremdwort war – ein Gesicht, dessen Anblick genügte, um in dem durch nichts zu beeindruckenden Enfield ein Gefühl von dauerhaftem Hass zu erzeugen.
Von da an behielt Mr. Utterson die Tür in der kleinen Ladenstraße fest im Auge. Morgens, ehe die Kanzlei öffnete, mittags, auch wenn viel zu tun war und die Zeit knapp, nachts, wenn der Mond sein Gesicht durch den Großstadtnebel schob, bei jedem Licht, ob im Gedränge oder wenn alles leer war, zu jeder Stunde traf man den Anwalt auf seinem selbstgewählten Posten an.
»Wenn Mr. Hyde Verstecken spielen will«, sagte er sich, »dann werde ich Mr. Seek sein und ihn suchen.«
Und schließlich wurde seine Geduld belohnt. Es war eine klare, trockene Nacht; Frost in der Luft; die Straßen so blank wie der Fußboden eines Tanzsaals. Von keinem Wind zum Zittern gebracht, warfen die Laternen ein regelmäßiges Muster aus Schatten und Licht. Gegen zehn, als die Geschäfte geschlossen waren, lag die Seitenstraße völlig verlassen und, trotz Londons leisem Grollen ringsum, ganz still da. Kleinste Laute kamen von weither, deutlich waren Alltagsgeräusche in den Häusern auf beiden Straßenseiten zu vernehmen, und jedem Fußgänger eilte der Klang seiner sich nähernden Schritte eine lange Zeit voraus. Mr. Utterson stand erst seit einigen Minuten auf seinem Posten, als er sonderbar leichte Schritte näher kommen hörte. Im Lauf seiner nächtlichen Patrouillen hatte er sich längst an die eigentümliche Wirkung gewöhnt, mit der sich die Schritte eines einzelnen, auch wenn er noch sehr weit weg war, auf einmal deutlich von dem ungeheuren Brummen und Rattern der Großstadt abhoben. Allerdings hatte auch noch nichts seine Aufmerksamkeit so heftig und entschieden gefangen genommen, und so zog er sich mit einer starken, einer abergläubischen Zuversicht auf Erfolg zurück in den Hofeingang.
Die Schritte kamen rasch näher, und als sie in die Straße einbogen, wurden sie mit einem Mal sehr laut. Indem er um die Ecke spähte, konnte der Anwalt in dem Durchgang bald sehen, mit welcher Sorte Mensch er es zu tun hatte. Er war klein und sehr einfach gekleidet, und sein Anblick ging dem Beobachter selbst aus dieser Entfernung irgendwie mächtig gegen den Strich. Dennoch hielt er zielstrebig auf die Tür zu und überquerte die Fahrbahn, um Zeit zu sparen, und wie einer, der nach Hause kam, zog er noch im Gehen einen Schlüssel aus der Tasche.
Mr. Utterson trat vor und berührte ihn, als er vorbeiging, an der Schulter. »Mr. Hyde, richtig?«
Mr. Hyde schrak zurück, wobei er zischend den Atem einzog. Aber sein Schreck dauerte nur einen Augenblick; und obwohl er dem Anwalt nicht ins Gesicht blickte, erwiderte er kühl und vollkommen ruhig: »Das ist mein Name. Was wollen Sie?«
»Ich sehe, Sie wollen grad hineingehen«, gab der Anwalt zurück. »Ich bin ein alter Freund von Dr. Jekyll – Mr. Utterson aus der Gaunt Street –, Sie werden von mir gehört haben. Und da ich Sie gerade treffe, dachte ich, Sie könnten mich hineinlassen.«
»Sie werden Dr. Jekyll nicht antreffen. Er ist ausgegangen«, antwortete Mr. Hyde, indem er den Schlüssel ins Schloss steckte. Plötzlich aber fragte er, noch immer ohne aufzublicken: »Wie haben Sie mich erkannt?«
»Zunächst«, sagte Mr. Utterson, »würden Sie mir Ihrerseits einen Gefallen erweisen?«
»Mit Vergnügen«, antwortete der andere. »Worum geht es?«
»Würden Sie mich Ihr Gesicht sehen lassen?«, fragte der Anwalt.
Mr. Hyde schien zu zögern, fuhr dann aber, wie nach einem plötzlichen Einfall, mit trotziger Miene herum, und wie gebannt starrten die beiden einander ein paar Sekunden lang an. »Jetzt werde ich Sie wiedererkennen«, sagte Mr. Utterson. »Könnte von Nutzen sein.«
»Ja«, gab Mr. Hyde zurück, »überhaupt ist es gut, dass wir uns begegnet sind. Apropos: Besser, Sie haben meine Adresse.« Und er nannte die Nummer einer Straße in Soho.
»Gütiger Gott!«, dachte Mr. Utterson, »ist es möglich, dass er genauso an das Testament gedacht hat?« Aber er behielt seine Empfindungen für sich und grummelte bloß zum Dank für die Adresse.
»Und jetzt«, sagte der andere, »wie haben Sie mich erkannt?«
»Aufgrund einer Beschreibung«, lautete die Antwort.
»Wessen Beschreibung?«
»Wir haben gemeinsame Freunde«, sagte Mr. Utterson.
»Gemeinsame Freunde?«, wiederholte, etwas heiser, Mr. Hyde. »Wen denn?«
»Zum Beispiel Jekyll«, sagte der Anwalt.
»Nichts hat der erzählt!«, schrie Mr. Hyde und wurde vor Zorn rot. »Ich hätte nicht geglaubt, dass Sie lügen würden!«
»Ich denke«, sagte Mr. Utterson, »Sie vergreifen sich im Ton.«
Der andere brach lauthals in ein wildes Lachen aus, und mit unfassbarer Schnelligkeit hatte er im nächsten Moment die Tür aufgeschlossen und war in dem Haus verschwunden.
Nachdem Mr. Hyde ihn zurückgelassen hatte, stand der Anwalt noch eine Weile da, ein Inbild der Unruhe. Dann schritt er langsam die Straße hinauf, hielt aber alle paar Schritte inne und fasste sich an die Stirn wie ein Mensch, der sich keinen Rat mehr weiß. Das Problem, das ihn nicht losließ, während er so dahinging, war eines von denen, die selten gelöst werden. Mr. Hyde war bleich und zwergenhaft, er machte einen missgestalteten Eindruck, ohne dass man irgendeine Missbildung hätte benennen können, sein Lächeln war unangenehm, er hatte sich gegenüber dem Anwalt mit einer Art mörderischen Mixtur aus Scheu und Unverschämtheit aufgeführt, und er sprach mit belegter, wispernder, etwas brüchiger Stimme. Alle diese Punkte ließen sich gegen ihn einwenden, konnten aber auch zusammengenommen das unbegreifliche Gefühl aus Ekel, Widerwillen und Furcht nicht erklären, mit dem Mr. Utterson ihn betrachtete. »Dahinter muss noch etwas anderes stecken«, sagte sich der Gentleman in seiner Ratlosigkeit. »Es steckt noch mehr dahinter – wenn ich nur wüsste, wie ich es nennen soll. Bei Gott, der Mann hat kaum etwas Menschliches an sich! Wirkt er nicht wie ein Höhlenmensch? Sollte es sein wie in der alten Geschichte von Dr. Fell? Oder schimmert da bloß eine verkommene Seele durch, die eben dabei ist, ihre irdische Hülle ganz zu entstellen? Ja, das wird es sein – denn ach, mein armer alter Harry Jekyll, habe ich je Satans Signatur auf einem Antlitz gesehen, dann auf dem deines neuen Freundes.«
Um die Ecke der Seitenstraße lag ein Platz, an dem lauter alte schöne Häuser standen, die jetzt aber größtenteils heruntergekommen und etagen- oder zimmerweise an Leute jeder Art und jedweden Berufes vermietet waren: Landkartenstecher, Architekten, Winkeladvokaten und die Vertreter zweifelhafter Unternehmen. Ein Haus allerdings, das zweite von der Ecke, war noch immer vollständig bewohnt, und vor der Tür dieses Hauses, das unverkennbar Wohlstand und Komfort ausstrahlte, war es abgesehen vom Oberlicht jetzt auch in Dunkelheit getaucht, blieb Mr. Utterson stehen und klopfte. Ein gepflegter älterer Diener öffnete.
»Ist Dr. Jekyll zu Hause, Poole?«, fragte der Anwalt.
»Ich werde nachsehen, Mr. Utterson«, sagte Poole und führte den Gast, noch während er sprach, in eine große behagliche Diele mit niedriger Decke und gefliestem Boden, die (nach Art eines Landhauses) von einem hellen, offenen Kaminfeuer erwärmt wurde und mit kostbaren Eichenschränken eingerichtet war. »Wollen Sie hier am Kamin warten, Sir, oder soll ich Ihnen im Speisezimmer Licht machen?«
»Hier ist gut, danke«, sagte der Anwalt, trat näher und lehnte sich gegen das hohe Kamingitter. Diese Diele, in der er nun allein zurückblieb, war der liebste Ort seines Freundes, des Doktors, und Utterson selbst nannte sie gern den angenehmsten Raum in ganz London. An diesem Abend aber schauderte ihn. Schwer lastete Hydes Gesicht auf seiner Erinnerung. Er verspürte (was selten vorkam) Ekel und Lebensüberdruss, und in seiner düsteren Stimmung glaubte er, in dem Geflacker des Feuerscheins auf den polierten Schränken und dem ruhelosen Hin und Her des Schattens an der Zimmerdecke eine Bedrohung zu lesen. Er schämte sich seiner Erleichterung, als Poole kurz darauf zurückkehrte, um ihm zu melden, dass Dr. Jekyll ausgegangen sei.
»Ich sah Mr. Hyde durch die Tür des alten Anatomiesaals hineingehen, Poole«, sagte er. »Hat das seine Richtigkeit, wenn Dr. Jekyll nicht da ist?«
»Durchaus, Mr. Utterson, Sir«, gab der Diener zurück. »Mr. Hyde hat einen Schlüssel.«
»Ihr Herr scheint diesem jungen Mann ziemlich großes Vertrauen entgegenzubringen, Poole«, meinte der andere nachdenklich.
»Ja, Sir, tut er«, sagte Poole. »Wir wurden alle angewiesen, ihm zu gehorchen.«
»Ich bin Mr. Hyde wohl nie begegnet?«, fragte Utterson.
»Oh, aber nein, Sir. Er speist nie hier«, gab der Butler zurück. »Tatsächlich sehen wir ihn sehr selten in diesem Teil des Hauses. Meistens kommt und geht er durch das Laboratorium.«
»Also dann, gute Nacht, Poole.«
»Gute Nacht, Mr. Utterson.«
Und so machte sich der Anwalt mit einem mehr als schweren Herzen auf den Heimweg. »Armer Harry Jekyll«, dachte er, »ich müsste mich sehr täuschen, wenn er nicht bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt! Er war wild, als er noch jung war; natürlich, lange her. Nur gibt’s nun mal vor Gott keine Verjährungsfrist. Ja, das wird es sein – das Gespenst einer alten Sünde, das Geschwür einer lange geheimgehaltenen Schande: Jahre, nachdem das Gedächtnis den Fehltritt vergessen und die Eigenliebe ihn verziehen hat, kommt pede claudo die Strafe.« Und erschrocken über diesen Gedanken, grübelte der Anwalt eine Zeitlang über die eigene Vergangenheit nach und kramte in jedem Winkel seines Gedächtnisses, ob nicht irgendwo der Springteufel einer alten Missetat zufällig ans Licht käme. Seine Vergangenheit war nahezu makellos, so sorglos wie er konnten nur wenige Menschen im Buch ihres Lebens blättern. Und dennoch belastete ihn viel Schlechtes, das er getan hatte, auch wenn er sich dann wieder an einer bescheidenen und furchtsamen Genugtuung aufrichtete, weil er vieles vermieden hatte, was er leicht hätte tun können. Und als er sich dann erneut dem Ausgangspunkt seiner Überlegungen zuwandte, sah er plötzlich einen Funken Hoffnung. »Dieser junge Hyde«, dachte er, »wenn man ihn eingehender unter die Lupe nähme, wird auch er seine Geheimnisse haben – finstere Geheimnisse, bei seinem Aussehen, Geheimnisse, neben denen die übelsten des armen Jekyll wie der Sonnenschein wären. So wie es ist, kann es nicht weitergehen. Es läuft mir kalt den Rücken hinunter bei dem Gedanken an diese Kreatur, die sich wie ein Dieb an Harrys Bett schleicht. Armer Harry! Was für ein Erwachen! Und welche Gefahr. Bekommt dieser Hyde nämlich erst eine Ahnung von dem Testament, könnte er es eilig haben mit dem Erben. Ja, dem muss ich einen Riegel vorschieben – wenn Jekyll mich nur lässt«, fügte er hinzu, »wenn Jekyll es nur zulässt.« Denn wieder sah er vor seinem inneren Auge, klar und deutlich wie ein Transparent, die merkwürdigen Klauseln des Testaments.