Читать книгу Der nächtliche Wald - Roman Fessler - Страница 4

Kapitel 2

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Lady Margaret fasste den Ankömmling genauer ins Auge. Sie konnte seine Gesichtszüge aus dieser Entfernung nicht genau erkennen. Er hatte schulterlanges braunes Haar, trug Hemd und Hosen von der Art, wie es die Clans aus den Highlands im Norden bevorzugten, und machte einen sehr kräftigen und kriegerischen Eindruck. Er schien schwer bewaffnet zu sein. Neben dem gewaltigen Schwert an seinem Gürtel trug er eine Streitaxt und Pfeil und Bogen auf dem Rücken mit sich. In den Satteltaschen vermutete sie Dolche und Kurzschwerter. Entweder war dieser Mann ein Söldner auf der Suche nach einem neuen Brotherrn oder ein Wolfsjäger, der dem Earl seine Dienste anbieten wollte. In diesem Fall wäre er auf Tantallon Castle ein sehr willkommener Gast. Erst in der vorherigen Woche hatten Wölfe vier Schafe getötet und die Hirten in Angst und Schrecken versetzt.

Aber eigentlich waren die Hirten nicht wegen der Wölfe in Panik geraten. Der Grund, warum sie die Herde des Earl einfach so im Stich gelassen hatten, war das gewesen, was in der Nähe des zweiten Schafskadavers im Gebüsch neben einer verlassenen Feuerstelle versteckt war. Unter Zweigen und Blättern hatten sie Teile einer in Stücke gehackten menschlichen Leiche entdeckt. Und damit nicht genug. Ein Unterarm war offensichtlich über dem Feuer gebraten worden. Aus dem Muskel unterhalb des Ellbogens waren Stücke herausgeschnitten worden, gerade so, als ob jemand mundgerechte Stücke für eine Mahlzeit hatte zubereiten wollen. Als die Hirten in der Asche des Feuers auch noch zwei Finger fanden, die ganz deutliche Bissspuren aufwiesen, rannten sie schreiend davon und brachten sich so schnell sie konnten in Sicherheit, ohne auch nur einen Moment an die Schafe zu denken, für die sie verantwortlich waren.

Als die Männer des Earl die Stelle erreichten, wo die Hirten den grausigen Fund gemacht hatten, waren die Schafe in alle Winde verstreut. Die Wölfe hatten sich noch zwei Lämmer geholt und die Herde auseinandergejagt. Die Hirten waren bis in die Abendstunden hinein damit beschäftigt, die Tiere wieder einzusammeln. Dunbar, der Arzt des Earl, hatte damals die Soldaten begleitet und den Leichnam (oder was davon übrig war) genauer in Augenschein genommen. Als er eine Stunde später vor dem Earl stand, konnte er nur bestätigen, was die Hirten schon zuvor festgestellt hatten. Es handelte sich zweifellos um die Leiche eines Mannes, der getötet und anschließend gebraten und verspeist worden war. Zumindest teilweise. Teile der Leiche waren spurlos verschwunden. Vergraben oder gegessen. So lautete das Urteil des Arztes.

Earl William zeigte keinerlei Reaktion. Er saß mit versteinerter Miene auf seinem Stuhl im Audienzsaal und bekreuzigte sich, als Kaplan Erik die Hände faltete und Gott darum bat, die Seele des Opfers in Gnaden bei sich aufzunehmen. Lady Margaret wurde leichenblass und erhob sich stöhnend und bat ihren Mann, sich zurückziehen zu dürfen. Alle erwarteten, dass sie in Ohnmacht fallen würde, doch sie gab sich keine Blöße und lehnte die angebotene Hand ihrer ersten Kammerfrau ab. Mit erhobenem Haupt hinkte sie langsam davon, während sich hinter ihr der Earl mit finsterer Miene erhob und seine engsten Vertrauten zu sich in die Bibliothek bat.

Als die Diener den Raum verlassen hatten und William mit seinen Beratern alleine war, ließ er sich in den Stuhl hinter seinem Schreibtisch fallen, atmete einige Male tief und schwer und schlug dann mit der rechten Faust auf die Tischplatte. Fluchend fuhr er hoch und meinte zähneknirschend, es sei jetzt an der Zeit, diesem Spuk ein Ende zu bereiten. Das sei bereits der dritte Tote innerhalb weniger Wochen, den dieses Monster auf dem Gewissen habe. Die Leute begannen bereits, vom Teufel zu reden.

Kaplan Erik gab zu Bedenken, dass man die Macht des Bösen nicht unterschätzen dürfe. Doch davon wollte der Earl nichts wissen. Er betonte noch einmal mit allem Nachdruck, was er bereits nach dem Fund der zweiten Leiche gesagt hatte. Hier sei kein Dämon am Werk, sondern eine kranke, irregeleitete Seele, die verführt worden sei vom Geschwätz all derer, die nicht müde wurden, zu behaupten, der Satan könne mit einer Handvoll Kräutern und einigen ketzerischen Sprüchen herbeigerufen werden. William geriet immer mehr in Wut.

Wenn die Leute nicht ständig zu hören bekämen, dass man sich den Teufel und seine Dämonen dienstbar machen könne durch Menschenopfer und andere gotteslästerliche Rituale, würden auch nicht immer wieder wankelmütige, schwache Geister dem Wahn verfallen, es versuchen zu wollen. Denn darum gehe es doch hier. Teufelsbeschwörung! Ketzerei!

Erik wollte gerade wieder die Hand erheben und vorsichtig etwas zu Bedenken geben, als Nigel Hawthorne, der große Gelehrte und Menschenkenner, das Wort an sich riss und Partei für den Earl ergriff, indem er dessen Ansicht unterstützte, dass es sich hier ganz klar um einen Fall von Schwarzer Magie handeln müsse. Die Frage sei nur, ob der Versuch bereits erfolgreich war oder ob der Delinquent bislang erfolglos versucht habe, den Beistand finsterer Mächte heraufzubeschwören. Des weiteren müsse man so schnell wie möglich herausfinden, was der Schuldige im Schilde führe oder, anders gesagt, zu welchem Zweck er sich die Kräfte der Hölle dienstbar zu machen wünsche. Hawthorne erinnerte an den französischen Dauphin, der versucht hatte, mit Hilfe des Teufels auf den Thron in Paris zu gelangen. Sollte es sich hierbei eine Verschwörung gegen den Earl handeln, müsse man endlich entschlossen und mit aller gebotenen Härte gegen den Feind vorgehen.

Man hatte beschlossen, mit allen Mitteln nach dem oder den Mördern zu fahnden. Der Earl ließ Gerüchte über eine gewaltige Summe verbreiten, die demjenigen ausbezahlt werden sollte, dem es gelänge, den Schuldigen aufzuspüren. Innerhalb weniger Tage strömten aus allen Teilen des Landes mehr oder weniger zwielichtige Gestalten nach East Lothian, um sich an der Menschenjagd zu beteiligen. Die Bauern auf dem Land und die Bürger in den Städten wussten schon bald nicht mehr, wen sie mehr fürchten sollten, die menschenfressenden Schwarzmagier oder das geldgierige, mordlüsterne Gesindel, das vorgab, Jagd auf die Ketzer machen zu wollen und dabei die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte. Man hörte von Diebstahl und Vergewaltigung. Misstrauen gegen die Fremden machte sich breit. Der Earl ließ zwei Verdächtige kurzerhand aufhängen, um für Ruhe zu sorgen. Trotzdem kamen immer mehr Fremde ins Land. Die meisten versuchten ihr Glück auf eigene Faust oder zogen in Gruppen durch die Wälder und Moore auf der Suche nach dem Versteck der Teufelsanbeter. Nur wenige kamen ins Schloss und boten ihre Dienste direkt dem Earl an und waren bereit, sich seinen Männern anzuschließen.

Dieser Fremde, der gerade von seinem Pferd stieg, als sich die Zugbrücke hinter ihm schloß, schien einer davon zu sein. So sehr Lady Margaret auch grübelte und sich zu erinnern versuchte, sie konnte sich nicht entsinnen, diesen Mann je zuvor gesehen zu haben. Und doch starrte Alison ihn an, als käme er ihr bekannt vor. Die junge Frau schien alles um sich herum vergessen zu haben und hatte nur noch Augen für den Ankömmling dort unten im Schlosshof. Als Lady Margaret ihre Tochter vorsichtig an der Schulter berührte, nachdem sie zwei Mal ihren Namen genannt und vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, zuckte Alison erschrocken zusammen und sah einen Augenblick ihrer Mutter so verständnislos ins Gesicht, dass man hätte meinen können, sie wüsste nicht, wen sie vor sich hatte. Dann lächelte sie kurz, senkte aber sofort ihre Augen, als sie dem fragenden Blick ihrer Mutter begegnete. Lady Margaret warf dem Fremden noch einen letzten Blick zu, dann ging sie an der Seite ihrer Tochter zurück ins Schloss.

Dort herrschte gespenstische Stille. Den Frauen fielen als erstes einige Mägde auf, die erregt miteinander tuschelten und so in ihre Geheimnisse vertieft zu sein schienen, dass sie die herankommende Schlossherrin gar nicht wahrnahmen. Als Lady Margaret sie mit einem kalten, harten Unterton in ihrer Stimme fragte, ob es ihnen an Arbeit mangele, schüttelten sie verlegen und furchtsam ihre schamroten Köpfe und nahmen vor den missbilligenden Blicken ihrer Herrin Reißaus. Lady Margaret war nun noch übellauniger als zuvor. Cullen war noch immer nicht mit ihrer Medizin erschienen und darüber hinaus ging etwas vor in ihrem Haus, wovon sie nichts wusste. Wutschnaubend stieg sie die Treppen hinab und hinkte mit zornigem Blick und zusammengebissenen Zähnen so schnell sie konnte durch die große Halle, hinüber in den Audienzsaal, wo ihr Mann im Kreise seiner Berater an einem Tisch saß und mit den Ankömmlingen redete.

Der nächtliche Wald

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