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Das Feuer von Zahara

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Shandra starrte nachdenklich vor sich hin. Er sah die Botschaft, er verstand sie und doch auch wieder um nicht.

„Menschen brauchen ein geistiges Zentrum…. Immer. Wenn es dieses geistige Zentrum nicht gibt, muss es geschaffen werden, denn Menschen sind hilflose, ängstliche und hoffnungslose Wesen, wenn sie kein geistiges Zentrum haben.“

Tarith hatte ihm diese Botschaft gebracht und ihn damit in eine geistige Entwicklung hinein manövriert, von der er noch nicht wusste, ob er sie überhaupt wollte.

Er erkannte die schöne Frau, die sich den Namen Tarith gegeben hatte und von Sombra eine Mutantin aus Ninive genannt worden war sofort wieder. Sie hatten sich nicht sehr gut gekannt, dazu war die Zeit zu kurz bemessen gewesen, aber immerhin hatte er sie eine leidenschaftliche Nacht lang in dem schwarzen Zelt gehabt, dass er zusammen mit Rollo und Shira bewohnte, wenn er bei seiner Sippe war. Er und seine Ziehgeschwister hatten sich in dieser einen Nacht nicht nur die Schlafplätze im Zelt geteilt, sondern auch Tarith und diese war es zufrieden gewesen.

Natürlich, Tarith hatte damals wie jetzt ein Ziel, das sie ziemlich konsequent verfolgte. Sie wollte dass Shandra ein Teil derer wurde, die man Angelos nannte und sich die Vernichtung Ninives als Lebensaufgabe gesetzt hatten. Samuel hatte dies verhindert und Shandra hatte mittlerweile begriffen, weshalb.

Ninive war ein Paradoxon, etwas das es eigentlich nicht geben durfte. Aber es stellte vermutlich keine akute Gefahr für die Welt dar. Die Anglialbions dagegen schon.

Nach der Schlacht im Hochland, nach dem grandiosen Sieg, den sich die Bewohner des Hochlandes unter ihrem Strategen Shandra erkämpft hatten, war Tarith wieder bei Shandra aufgetaucht und hatte ihn eingeladen, weitere Nächte bei ihr zu verbringen. Allein diesmal, ohne Rollo und Shira und auch nicht, um Sex zu haben, sondern um Wissen zu erwerben.

Shandra hatte Samuel von Tariths Besuch berichtet und der dämonische Freund hatte nur genickt und ihm auf telepathischem Weg zu verstehen gegeben, dass es aus seiner Sicht keinen Grund mehr gab, Tarith auszugrenzen oder gegen sie anzukämpfen.

„Du bist älter geworden und reifer, du wirst erkennen, was wichtig für dich ist und was nicht. Du bist längst klug genug, um deinen Weg auch ohne mich gehen zu können und ich weiß, dass du keines deiner Ziele mehr aus den Augen verlieren wirst. Nicht wegen Tarith jedenfalls. Geh zu ihr und hole dir das Wissen, das sie dir vermitteln kann, du wirst es gebrauchen können.“

Also hatte Shandra Tariths Vorschlag akzeptiert und war ihr gefolgt.

Er war ziemlich erstaunt gewesen, als sie ihn nach El Zahara geleitet hatte und mit ihm auf den Gipfel das Zahara – Berges stieg. Er war nie zuvor dort oben gewesen und sein Staunen war noch größer geworden, als er von Tarith in ein kleines Gebäude, eine Art Tempel geführt wurde, der auf dem höchsten Gipfel des Berges errichtet worden war.

Es gab im gesamten Hochland, ja in ganz Iberia kein zweites Gebäude wie diesen Tempel und es gab wahrscheinlich auch gar keinen zweiten Platz wie diesen.

„Das, junger Krieger ist der wirkliche Grund, weshalb die Anglialbions die Grazalema erobern wollten. Dieses Gebäude war ihr eigentliches Ziel und sie haben es so gut verschleiert und versteckt, dass keiner – nicht einmal Samuel – auch nur den winzigsten Hinweis darauf in Godfreys Gehirn finden konnte. Nur der König und sein Bruder Reginald Bull wussten um dieses Ziel. Jetzt, Shandra el Guerrero übergebe ich diesen Tempel dir.

Warte mit deinen Fragen, höre erst meine Worte.

Die Menschen hatten bis zum Beginn der heißen Kriege ein unvorstellbares Wissen angesammelt und dieses Wissen, so war ihre Idee, sollte niemals untergehen, ganz egal, was mit der Welt geschah. Aus diesem Grund haben sie Archive angelegt. Archive, das sind Maschinen, in denen das gesamte damals verfügbare Wissen der Menschen gespeichert wurde und um ganz sicher zu gehen, dass nichts unvorhergesehenes geschah, legten sie die Archive in verschiedenen Stufen an. Die erste, die am leichtesten zu verstehende Stufe findest du hier, unter diesem Tempel. Du bist der Auserkorene, du bist der Mensch, der als Erster und vielleicht als Einziger das Feuer von Zahara auf Dauer entzünden kann und dadurch Zugang zum Archiv erhält. Ich schenke dir das Wissen, das in diesem Berg verborgen liegt, denn es wird dir in vielen Entscheidungen deiner nahen und auch ferneren Zukunft eine große Hilfe sein. “

Shandra wusste mit dem Begriff Archiv nichts anzufangen, ebenso wie er sich unter einer Maschine zur Speicherung von Wissen nichts vorstellen konnte. Aber vielleicht, so dachte er bei sich, erklärt sich ja das Archiv von selbst und hinterher weiß ich sowohl was ein Archiv als auch, was eine Maschine sein soll.

„Was muss ich tun, um das zu erlangen? Lohnt es sich überhaupt das Wissen zu erlangen, welches du mir scheinbar so großzügig als Geschenk anbietest? Ohnehin frage ich mich, weshalb ausgerechnet du über etwas verfügen solltest, das mir weitere Hilfen auf meinem Weg bereithält.“

„Du besitzt das Schwert des Nordens. Frage dein Schwert, es wird dir die meisten Fragen beantworten. Ich kann dir den Zugang zu den Archiven nicht ermöglichen, doch ich war es, die schon vor Jahren entdeckt hat, wo sich die erste Stufe der Archive befindet und ich war es, der Menschenleben opfern musste, um zu dieser Entdeckung zu gelangen. Außer mir gab es lange Zeit nur noch einen Menschen, der über diesen Tempel Bescheid wusste. Dieser andere Mensch hat sein Wissen an Edward of Winchester weitergegeben und Edward hat dann Reginald Bull einbezogen, weil selbst er sich allein vor diesem Wissen fürchtete.

Ich kann dir also sehr wohl dieses Geschenk machen, ich verfüge darüber.“

Tarith verabschiedete sich von Shandra und versprach ihm bereit zu sein, wenn er das Archiv wieder verlassen hatte. Dann wollte sie für ihn da sein.

Shandra stand allein in dem kleinen Gebäude aus rötlich schimmerndem Granit und fragte sich, was es in einem quadratischen Raum ohne Zwischenwände und ohne jegliches Mobiliar zu finden geben konnte, doch da er schon mal hier war, befolgte er einfach Tariths Anweisung und zog den weißen Wolf aus der Scheide. Wann immer er das bis jetzt getan hatte, der Geist des Inuit, der diese Klinge geschaffen und in ihr gefangen war, begann sofort mit Shandra zu reden, kaum dass dieser die Klinge auch nur angelüftet hatte. Diesmal blieb das Schwert eine ganze Weile still. Dann aber, mit einem tiefen Seufzen, erschien Shandra der Geist des Inuit und der Schmied war sichtlich erstaunt, Shandra an diesem Ort zu finden.

„Du befindest dich an einem bedeutsamen Ort mein Meister, weißt du das?“

„Wissen? Nein, gewusst habe ich es nicht. Nur geahnt. Aber was ist es, das diesen Ort so bedeutsam macht?“

„Zu meiner Zeit gab es ein Wort, das behauptete, Wissen sei Macht. Wenn das stimmt – ich bin überzeugt, dass es stimmt – bist du an einem echten Ort der Macht. Ganz in deiner Nähe befindet sich der Zugang zu einem der Archive der ersten Ebene.“

„Das hat man mir bereits gesagt, doch nicht wie ich an den Ort gelange und auch nicht, was ein Archiv letztendlich ist. Man hat mir aber auch gesagt, du wüsstest, wie ich an diesen Ort des Wissens gelange.“

„Wer immer man sein mag, es muss sich um ein sehr kluges Wesen handeln. Hast du diesem Wesen von mir erzählt?“

„Wenn du mich so fragst, nein. Niemals. Sie hat dich auf meinem Rücken gesehen und gewusst wer du bist.“

„Erstaunlich! Und du hast sie gesagt, das Wesen ist demnach eine Frau? Wer ist sie und woher kommt sie?“

„Sie ist tatsächlich eine Frau, sie nennt sich Tarith, stammt aus der fliegenden Stadt Ninive und man sagt, sie sei ein künstlich geschaffenes Lebewesen, ein Klon.“

„Oh! Meister, du bereitest mir heute viel Freude. Du hast seit unserer letzten Unterhaltung erstaunlich Fortschritte gemacht. Und du bringst mir hoch interessante Nachrichten. Ich hätte nicht erwartet, dass die fliegenden Städte so lange überdauern werden. Wie viele gibt es denn noch davon?“

„Nur diese eine, wie ich erfahren habe, die Stadt die Ninive genannt wird. Meine Informationen besagen aber, dass sie seit einiger Zeit aufgehört hat zu fliegen, dass sie auf einem ganz bestimmten Punkt fest sitzt. Aber weshalb rede ich mit dir über Ninive? Ich wollte von dir erfahren, wie ich Zugang zu diesem Ort der Macht bekomme, an dem ich mich angeblich befinde.“

„Du hast ja Recht, Meister. Tadle mich nur, weil ich so unkonzentriert bin. Ich werde dir gleich sagen, wie du an den Ort gelangst, an den es dich zieht, doch zuvor noch zwei Dinge.

Zuerst eine Information:

Ninive repräsentiert die höchste Stufe dessen, was sich als Anfang unter deinen Füßen befindet. Wenn du alle Stufen der Archive durchlaufen hast, wirst du zwangsläufig nach Ninive gelangen. Dann wirst du erkennen, dass Ninive ein Paradoxon ist und zerstört werden muss, denn Ninive ist Vergangenheit und Gegenwart zugleich. Das wäre nicht weiter schlimm, aber die Intelligenz der fliegenden Städte war so angelegt, dass sie auch versuchen Zukunft zu sein und das darf nicht geschehen, denn dann wäre alles, was nach den heißen Kriegen getan wurde, umsonst gewesen.

Und nun noch eine Frage:

Du hast eine gewaltige Schlacht hinter dir, doch du hast mein stählernes Ich nicht einmal benutzt. Weshalb nicht?“

„Weil ich ein Krieger bin und kein Mörder. Der weiße Wolf macht mich als Kämpfer unbesiegbar. Wozu sollte ich eine solch mächtige Waffe einsetzen, wenn ich mein Ziel auch mit meinen ganz normalen Kräften erreichen kann? Die Zeit, da ich dich brauche wird noch früh genug kommen. Oder hast du ein Problem?“

„Ein Problem ist es nicht. Eher ein Gelüst. Aber mach dir darüber keine Gedanken. Deine Entwicklung verläuft in den richtigen Bahnen. Deine Erkenntnis ist vollkommen richtig und ich bin froh, einen Meister wie dich gefunden zu haben.

Aber nun zu deiner eigentlichen Frage.

Vor dir steht etwas, das man zu früheren Zeiten ein Steuerpult nannte. Einfacher gestrickte Gemüter würden es auch als Altar bezeichnen, denn in diesem Pult versteckt sich etwas, das man durchaus als Mysterium bezeichnen könnte, wenn man wenig Bildung und viel Glauben besitzt.

Du wirst in der Oberfläche des Pultes zwei Handsymbole entdecken. Lege deine Hände genau in diese Symbole, dann wird ziemlich rasch zwischen deinen Händen ein rechteckiges Kästchen auftauchen, in dem du neun leuchtende Felder findest, Jedes Feld hat eine andere Farbe. Drücke mit dem Zeigefinger deiner rechten Hand die Farbkombination grün – rot - rot – grün auf diesen Feldern und der Zugang wird dir offen stehen. Du wirst Treppen hinab steigen und drei weitere Türen finden, die sich alle mit derselben Farbkombination öffnen lassen, wie die oberste Tür. Also vergiss sie nicht. Hinter jeder dieser Türen verbirgt sich Wissen, das dir ab sofort nach deinem Ermessen zur Verfügung steht.

Ehe du die Handsymbole betätigst, musst du mich wegstecken, denn kein Archiv kann mit einer aktiven Waffe in der Hand betreten werden.

Ach ja und noch etwas. In deinem Geist befindet sich eine Sonde. Siehst du sie? Hier, an dieser Stelle. Sie ist noch nicht aktiviert, deshalb habe ich dich auch jetzt erst darauf hingewiesen. Entferne sie trotzdem, denn sonst teilst du deine Informationen schon bald mit der Frau, die sich Tarith nennt.“

Es war wie der Inuit gesagt hatte. Tarith hatte es tatsächlich fertig gebracht, in Shandras Gehirn eine Überwachungssonde zu setzen. Es war nicht schwierig, diese zu entfernen, aber Shandra ärgerte sich über seine Vertrauensseligkeit ebenso wie über Tariths Hinterhältigkeit.

Er steckte den weißen Wolf in die Scheide zurück, dann untersuchte er die Platte des Altars und fand die beiden Handsymbole, nach dem er eine dicke Staubschicht weg gewischt hatte. Die beiden Symbole waren rechtwinklig zu einander angeordnet und Shandra musste sich ein wenig verrenken, um seine Hände korrekt in den Symbolen zu platzieren, doch dann dauerte es nur ein paar Augenblicke und zwischen seinen Händen begann es zu flimmern und das Kästchen mit den neun Farben tauchte auf. Er drückte die Farbkombination, die der Inuit im genannt hatte und im nächsten Augenblick war das Kästchen verschwunden. Stattdessen ertönte aus dem Altar unter seinen Händen ein kratzendes und seufzendes Geräusch und der tonnenschwere Granitblock, der diesen Altar bildete, drehte sich um eine Ecke links von Shandra, schwenkte zur Seite und gab den Blick auf eine steil nach unten führende Wendeltreppe frei. Zugleich ertönte eine sanfte weibliche Stimme, die ihn wissen ließ:

„Ich begrüße dich im Archiv von Zahara, einem Archiv der ersten Stufe. Du, der du Wissen suchst, tritt ein und gehe zu den drei Türen am Ende dieser Treppe. Fürchte dich nicht, wenn dieser Zugang hinter dir verschlossen wird. Es handelt sich nur um eine Maßnahme zu deiner eigenen Sicherheit. Es muss verhindert werden, dass sich noch eine Person zur gleichen Zeit mit dir im Archiv aufhält. Der Ausgang befindet sich an einer anderen Stelle, das Archiv wird dich leiten.“

Shandra betrat die Wendeltreppe und begann hinunter zu steigen, während sich über ihm der Granitblock wieder in seine ursprüngliche Lage bewegte. Sobald der Zugang wieder geschlossen war, flammte im Treppenabgang ein rötliches Licht auf, das hell genug war, damit Shandra sicher und bequem weiter der Treppe folgen konnte und nach ungefähr zweihundert Stufen erreichte Shandra einen kleinen Platz. Von hier aus gingen drei Türen von unterschiedlicher Farbe vermutlich in dahinter liegende Räume und dort wo eine vierte Tür hätte sein können, führte die Treppe weiter nach unten.

Die drei Türen hatten jede eine andere Farbe. Die linke Tür war blau, die mittlere rot und die recht Tür war von gelber Farbe. An jeder Tür entdeckte Shandra auf etwa halber Höhe und am linken Rand ein Handsymbol passend zu einer rechten Hand. Warum es als erstes auf die gelbe Tür zuging, war nicht erklärbar, er tat es einfach. Er legte seine Hand auf das Symbol und als auch hier das Kästchen zu leuchten begann, tippte er rasch ein:

Grün – rot – rot – grün.

Ein leises Zischen ertönte, dann ging die Tür nach innen auf und Shandra betrat einen kleinen Raum, der ringsum – selbst die Decke - in einem schönen Sonnengelb gestrichen war. Auf dem Fußboden lag ein weiches, glattes Material von dunkelbrauner Farbe, auf dem er trotz der harten Sohlen seiner Mokassins beim Gehen keinerlei Geräusche verursachte. An der Wand der Tür durch die Shandra eingetreten war, genau gegenüber lag, war ein Tisch in die Wand eingelassen und vor dem Tisch stand ein bequem aussehendes Ding, das man am ehesten mit einem Stuhl vergleichen konnte. Allerdings war dieser Stuhl von einer Machart, wie Shandra noch nicht gesehen hatte.

Auf dem Tisch aber, genau in dessen Mitte, entdeckte Shandra eine Art runden Hut, eine Haube, die eindeutig dafür bestimmt war, auf eines Menschen Kopf gesetzt zu werden. Shandra überlegte noch, wie er sich jetzt verhalten sollte, als ihn ein erneutes leises Zischen störte und als er sich umdrehte, sah er, dass die Zugangstür zu dem Raum fest verschlossen war. Dann ertönte wieder aus dem Nichts die angenehme weibliche Stimme, die er schon einmal gehört hatte.

„Willkommen in der Welt der Sprachen, Fremder.

Du hast gut gewählt, dass du zuerst durch diese Tür gegangen bist, denn so wirst du als Erstes die Macht der Sprachen und ihre unterschiedlichen Ausdrucksweisen erkennen und erlernen. Die anderen Welten werden sich dir dann umso leichter erschließen.

Nun setz dich auf den Stuhl und nimm die Haube, die dort auf dem Tisch liegt. Wenn du diese Haube auf deinen Kopf setzt, ist dein Gehirn direkt mit meinen Datenbanken verbunden und ich werde zunächst feststellen, welche Sprachen du schon sprichst, zu welchen Sprachen du besonders begabt bist und zu welchen Sprachen du keinerlei Beziehung besitzt. Auf Grundlage dieser Informationen werde ich das Lernprogramm erstellen und wenn du vor deinen Augen ein gelbes Licht siehst, beginnt die Sprachschulung und sie dauert, bis ein blaues Licht aufleuchtet. Dann nimmst du die Haube ab, denn du hast die wichtigsten Sprachen deiner Hemisphäre gelernt.

Beginne jetzt.“

Shandra führte die Anweisungen der Stimme ohne zu zögern aus. Ein vorsichtigerer Mensch als er, ein Zauderer, hätte sich vielleicht davor gefürchtet, über die Haube und eine mentale Verbindung in etwas hinein gezogen zu werden, das er nicht mehr kontrolliert werden konnte, Shandra dachte anders.

Das ganze System, in dem er sich momentan befand, war viel zu aufwändig, als dass es der Manipulation einzelner Menschen hätte dienen sollen. Dazu bedurfte es wesentlich geringerer Anstrengungen. Deshalb konnte er sich dieser Haube bedenkenlos anvertrauen, sie konnte nur für das gedacht sein, was diese angenehme weibliche Stimme versprochen hatte.

Den Stuhl zu benutzen, sich einfach hin zu setzen, stellte ein wahres Vergnügen dar. Nie zuvor hatte Shandra eine auch nur annähernd so angenehme und bequeme Sitzgelegenheit benutzen dürfen, wie diesen Stuhl. Es fühlte sich fast an, als säße er auf einem lebenden Wesen, das ihn sanft und liebevoll in die Arme schloss, dessen einziges Bestreben es war, Shandras Wohlbehagen sicher zu stellen. Der Stuhl war so beschaffen, dass er unter Shandras Fußsohlen begann und bis hinauf an den Nacken reichte. Die Seiten der Sitzfläche waren hoch gezogen, damit saß Shandra wie in einer Schale und diese Schale passte sich in der Dauer eines Lidschlages an die Konturen seines Körpers an. Die Temperatur der Schale war absolut identisch mit der Temperatur von Shandras Haut und so stellte sich bei Shandra das Gefühl ein, er und der Stuhl wären eine Verbindung eingegangen und der Stuhl wäre nun ein Teil von Shandras Körper.

Shandra schloss kurz die Augen, ließ das angenehme Gefühl der Bequemlichkeit auf sich wirken, dann streckte er die Hände aus, griff nach der Haube und stülpte sie über seinen Kopf.

Die Haube besaß ähnliche Eigenschaften wie der Stuhl. Zunächst, bei der ersten Berührung durch Shandras Hände, hatte sie sich fest und kühl angefühlt. Doch schon in der kurzen Zeit, während der Shandra die Haube über seinen Kopf hob genügte, um den Temperaturausgleich herzustellen. Das eigentliche Überstülpen ging so leicht und wie selbstverständlich von statten, dass Shandra das Gefühl bekam, diese Haube sei eigens für seinen Kopf gefertigt worden. Deshalb wunderte er sich auch nicht, dass er sie weder zurecht rücken noch sonst in irgend einer Form etwas an ihrem Sitz verändert musste, die Haube passte ihm wie angegossen und sie saß damit auch in der einzig möglichen Art auf dem Kopf ihres Benutzers.

Ein sanftes Kribbeln zog sich von Shandras Schläfen durch seinen gesamten Körper bis hinunter zu seinen Fußsohlen, dann ertönte die Frauenstimme wieder, die ihn informierte:

„Jetzt verfügst du über die vollständigen Kenntnisse jeder lebenden Sprache Europas. Zusätzlich aber auch über die beiden toten Sprachen dieses Kontinentes, über Latein und Altgriechisch.

Nutze sie gut.

Im nächsten Schritt werden dir die Fertigkeiten des Lesens und des Schreibens übermittelt.“

Wieder spürte Shandra das sanfte Kribbeln und dann ein Zucken in seinen beiden Handgelenken, dann erschien eine kleine, rechteckige und nahezu rein weiße Fläche vor seinen Augen und die Stimme verlangte:

„Versuche es. Schreibe mit deinem Zeigefinger deinen Namen in die weiße Fläche.“

Shandra hatte nie Schreiben gelernt, doch er wusste, was von ihm erwartet wurde und er konnte der Erwartung genügen. Ohne weiter nachdenken zu müssen, bewegte er seinen rechten Arm, seine Hand schwebte über der Fläche, sein Zeigefinger streckte sich und Shandra schrieb in schön geschwungenen Buchstaben auf die Fläche

Shandra el Guerrero

Wieder erklang die Stimme und erläuterte ihm sein eigenes Tun:

„Die Welt der Sprache manifestiert sich auf mannigfaltige Art und Weise. Die wichtigsten Darstellungen der Sprache erfolgen durch das Aufzeichnen von Schriftzeichen und durch die Verwendung von Tönen. Lesen und Schreiben hast du bereits gelernt, auch das Hören und Sprechen stehen dir uneingeschränkt zur Verfügung. Du wirst nun noch mit der Sprache in Form von Gesang und Liedern vertraut gemacht, danach wirst du die Haube ablegen, die Welt der Sprachen verlassen und zur nächsten Welt reisen.

Es war schön, Mensch, mit dir zu arbeiten.“

Als auch dieser Lernprozess zu Ende war und das leise Kribbeln aufgehört hatte, fühlte sich die Haube plötzlich hart und kalt an und Shandra spürte das dringende Bedürfnis, sie so schnell als möglich abzunehmen. Auch der Stuhl verlor mit einem Mal alle seine bequemen Eigenschaften und forderte ihn förmlich zum Aufstehen auf.

Damit war klar, dass die Stimme recht gehabt hatte und es in diesem Raum nichts mehr für ihn zu lernen gab.

Shandra legte die Haube wieder sorgfältig auf den Tisch, genau an die Stelle, an der er sie gefunden hatte, stand auf und trat vor die verschlossene Tür des sonnengelben Raums und diese öffnete sich, er konnte hinaus treten in den Treppenschacht und dann in eine der anderen Türen eintreten.

Shandra entschied sich dafür, die rote Tür zu öffnen und als er eintrat wurde er wiederum von einer Stimme empfangen. Sie war ebenfalls weiblich, doch sie sprach in einer anderen Tonlage als die erste Stimme.

„Mensch ich begrüße dich in der Welt der Bilder.

Bilder stellen das älteste Informationssystem der Menschen nach der Sprache und damit der Überlieferung dar. Schon unsere ältesten Urahnen, von denen wir nicht wissen, ob sie tatsächlich schon Menschen waren, haben der Nachwelt Bilder hinterlassen, wodurch diese in der Lage war, die Lebensweise der Ahnen kennen zu lernen. Bitte nimm jetzt Platz, setze die Haube auf und wir beginnen mit der Übertragung der Daten.“

Der Stuhl war ein genaues Duplikat des Stuhls in der Welt der Sprache. Die Haube aber war anders. Größer, schwerer und sie reichte bis zu der Stelle seines Hinterkopfes, an welcher dieser in den Nacken überging. Die Seiten waren so tief nach unten gezogen, dass sich sowohl die Schläfen als auch die Ohren innerhalb der Haube befanden und es gab eine Art Visier, das sich von selbst herunter klappte und vor Shandras Augen legte, sobald die Haube sich seinem Schädel angepasst hatte. Shandra entspannt sich rasch wieder, obwohl es doch kurz unheimlich geworden war, als die Haube ihn sozusagen seiner Sicht beraubt hatte. Er kuschelte sich in die Wärme des Sessels und kaum hatte die Entspannung eingesetzt, begann es vor seinen Augen zu flimmern, das schon bekannte Kribbeln in den Schläfen begann und wurde dieses Mal viel stärker als bei den ersten Übertragungen. Zusätzlich spürte Shandra auch eine Reaktion im Nacken. Die Übertragung dauerte diesmal sehr lang und Shandra spürte, wie er ermüdete, wie der Schlaf nach ihm griff und dann war er nicht mehr in der Lage, sich gegen den Schlaf zu wehren, seine Augen vielen zu und er war weg.

Als er wieder erwachte, besaß er nicht den Hauch einer Ahnung, wie lange er geschlafen hatte, aber er fühlte sich frisch und erholt und er war hungrig und vor allem sehr durstig. Kaum hatte er seine Sinne wieder ein wenig unter Kontrolle, hörte er die Stimme wieder.

„Mensch, nun besitzt du viele Informationen über deine Vergangenheit, über die Wurzeln aus den du gekommen bist und über Dinge, die das Ausmachen, was aus den Menschen geworden ist. Die Datenbanken haben dir allerdings nur die Informationen zugespielt. Die Interpretation dieser Informationen ist deine Angelegenheit. Nun Mensch, musst du die Welt der Bilder verlassen. Lege die Haube ab, erhebe sich aus dem Stuhl und verlasse den Raum.

Es war schön, mit dir zu arbeiten.“

Wieder verschwand die Bequemlichkeit von Stuhl und Haube und wieder wurde Shandra auf diese Weise praktisch aus dem Raum komplimentiert. Er nahm es gelassen und stand dann vor der letzten der drei Türen. Er überlegte, ob er auch diese Tür nun sofort öffnen oder sich erst etwas zu essen und zu trinken besorgen sollte, als sich plötzlich in der Fläche der Wand an einer Stelle, an der es zuvor nicht die kleinste Spur einer Fuge gegeben hatte, eine Klappe öffnete. Auf der Klappe tauchte ein Tablett auf und auf diesem Tablett lagen einige Stücke Käse unterschiedlicher Art, blaue Trauben und zwei reife Birnen, sowie ein ganzes Fladenbrot. Neben dem Tablett stand eine gläserne Karaffe und ein ebenfalls gläserner Becher und in der Karaffe befand sich frisches, kühles Quellwasser.

Shandra konnte also seinen Hunger und seinen Durst stillen und brauchte nicht zu einem anderen Zeitpunkt wieder zu kommen.

Er war schon beinahe fertig mit Essen, als ihm plötzlich etwas bewusst wurde.

Er hatte niemals zuvor in seinem Leben Käse und Weintrauben gesehen und der Begriff Tablett war in seinem Sprachschatz ebenso wenig enthalten gewesen, wie der Begriff Karaffe. Dennoch war ihm alles so vertraut, als hätte er diese Dinge sein Leben lang um sich gehabt.

Das also hatte das Archiv bei ihm bewirkt!

Shandra konnte es kaum mehr erwarten, bis sich die dritte – die rote – Tür öffnete und er erfuhr, auf welche Art des Wissens er hier stoßen würde.

Diesmal sprach die Stimme eines Mannes zu ihm. Eine sonore Stimme, die nicht weniger angenehm klang, wie zuvor die beiden Frauenstimmen.

„Ich begrüße dich Mensch, du hast die Welt der Naturwissenschaften betreten und wirst nun einen Teil des wahren Wissens erhalten.

Ich lehre dich die Welt der Zahlen und der Begriffe sowie den Umgang mit ihnen. Ich führe dich ein in die Welt der Stoffe und ihrer Eigenschaften sowie in der die der Kräfte und ihrer Prinzipien. Um die Welt zu verstehen, sind die Kenntnisse, die ich dich lehre unerlässlich, deshalb lerne gut und bewahre, was ich dir gebe. Nun nimm deinen Platz ein und lass uns beginnen.“

Weder der Stuhl noch die Haube in diesem Raum glichen denen, die er in den beiden Räumen zuvor gesehen hatte.

Der Stuhl war wuchtiger und größer, die Seitenwände viel höher gezogen, so dass Shandra sich vorkam, als hätte er in einem Raum im Raum Platz genommen. Der Effekt allerdings war derselbe. Äußerste Bequemlichkeit war gegeben, doch ebenfalls neu waren die Gefühle von Wärme, Geborgenheit und Sicherheit die ihn umspannen.

Auch die Haube übertraf die aus der Welt der Bilder, was Größe und Ausführung anbelangte. Das Nackenteil reichte hinunter bis zur Mitte von Shandras Rücken und die Seiten waren soweit herein gezogen, dass nur noch seine Nase, der Mund und die Kinnpartie unbedeckt blieben.

Wieder glitt Shandra in die Phase der Entspannung, das Kribbeln setzte ein und einen Augenblick später war Shandra eingeschlafen.

Als er diesmal die Augen öffnete und in die Welt zurückkehrte, war es das nagende Hungergefühl, das seinen Tiefschlaf gestört hatte. Sein Magen knurrte, als hätte er seit Tagen nichts mehr zu essen bekommen und sein Mund war so trocken, dass er vermutlich nur zu krächzen fähig gewesen wäre, hätte jemand verlangt, dass er etwas sagte.

„Wie lange war ich denn diesmal weg? Ich habe das Gefühl, ich könnte einen halben Ochsen weg putzen und einen See leer trinken!“

„War das eine ernst gemeinte Frage?“

Die sonore Stimme war noch dieselbe, wie vor seinem Tiefschlaf und irgendwie hatte Shandra das Gefühl, mit dieser Stimme tatsächlich ein Gespräch führen zu können.

„Natürlich war das eine ernst gemeinte Frage, hätte ich sie sonst gestellt?“

Aus der Stimme klang fast so etwas wie Humor mit, die minimalste Andeutung eines Lachens, als sie antwortete:

„Im Umgang mit Menschen empfiehlt es sich doch immer wieder mal nachzufragen. Da wird schon des Öfteren etwas einfach so daher gesagt, eine Frage gestellt, ohne dass tatsächlich eine logische und vernünftige Antwort erwartet wird. Aber du scheinst da anders zu sein, deshalb meine Antwort:

Zweiundvierzig Stunden, achtundzwanzig Minuten und vierzehn Sekunden vom letzten bis zum ersten Lidschlag.

Wird die Antwort so akzeptiert?“

„Natürlich, sie ist ja präzise genug. Dann brauche ich mich auch nicht zu wundern, dass ich solchen Durst und solchen Hunger habe. Ist unsere Sitzung zu Ende?“

„Unsere Sitzung ist tatsächlich zu Ende. Du hast die erste Stufe von Mathematik und Geometrie gelernt, du hast ein Grundwissen in Physik, Chemie und Biologie erhalten und mit diesem Wissen solltest in der Lage sein, dir über mancherlei Dinge Gedanken zu machen und sie zu deuten.

Gehe jetzt hinaus in deine Welt und lerne mit deinem Wissen umzugehen. Wenn du die Tür zu meiner Datenbank hinter dir geschlossen hast, musst du den Schließmechanismus noch einmal aktivieren und deinen neuen Zugangscode festlegen. Merk in dir gut, denn mit diesem Zugangscode kannst du einerseits jederzeit hier her zurückkehren und andererseits auch die Archive der zweiten Stufe öffnen. Diese Archive werden an Hand deines Codes sofort wissen, mit welchem Status du eintrittst und wie sie dich weiter belasten können, ohne dir zu schaden.

Nun geh hinaus und tu, was das Leben dir abverlangt. Es war schön, mit dir zusammen zu arbeiten.“

Draußen an der Treppe sah Shandra sich um, ob er vielleicht die Klappe mit Essen und Wasser wieder finden würde, doch nirgendwo gab es auch nur den kleinsten Hinweis, dass es eine solche Klappe jemals gegeben hatte. Ihm blieb also nichts anderes übrig, als hungrig und durstig wie er war, sich den Weg hinaus zu machen. Verlaufen konnte er sich nicht, es gab nur einen Weg hier her und nur einen, der von dem kleinen Platz mit den drei Türen wieder weg führte. Shandra begann die Treppe hinunter zu steigen und als er unten angekommen war, mochte kaum mehr als eine Viertelstunde vergangen sein. Das schätzte er. Außerdem hatte Shandra die Treppenstufen gezählt und so errechnet, dass er ziemlich genau vierzig Meter Höhenunterschied bewältigt hatte.

Er war dennoch erstaunt, dass er sich letztendlich dann genau in der Höhle wieder fand, in der er zum ersten Mal das Grün schimmernde Eisenerz gefunden hatte und vor deren Eingang ein gewisser Michael Twitter furch den Biss einer außergewöhnlich großen Kobra den Tod gefunden hatte.

Draußen war es bereits dunkel, als Shandra aus der Höhle auf den kleinen Vorplatz hinaus trat und hinauf zum Berg Zahara schaute. Was er dort sah, erstaunte ihn noch viel mehr, als die Tatsache, dass er gerade in dieser Höhle den Ausgang aus den Archiven gefunden hatte.

Am höchsten Gipfel des Berges Zahara, genau dort wo der kleine Tempel stand, loderte eine große und damit weithin sichtbare, gelb und orange schillernde Flamme senkrecht in die Höhe. Auf dem Weg hinauf entdeckte Shandra eine wahre Prozession von Menschen, die brennende Fackeln in den Händen trugen und vom Berg herunter stiegen, während andere noch auf dem Weg nach oben waren.

„Das Leben ist schon voller Überraschungen. Was das wohl zu bedeuten hat?“

Shandra hatte nur so vor sich hingemurmelt und war deshalb überrascht, dass er eine Antwort bekam.

„Die Menschen brauchen ein geistiges Zentrum, eine Anlehnung an etwas, das ihnen hilft mit ihren Ängsten und Nöten zu Recht zu kommen. Das war schon immer so und es wird immer so bleiben. Götter dienen den Menschen, nicht umgekehrt.“

Die Frauenstimme trieb Shandra augenblicklich den Zorn ins Gemüt, denn wer da geantwortet hatte, war niemand anders als Tarith. Er nahm sich aber sofort selbst an die Leine und antwortete betont gelassen und kühl:

„Was willst denn ausgerechnet du hier? Glaubst du tatsächlich immer noch, mich zu deinen Zwecken manipulieren zu können? Tarith, du überschätzt dich und deine Fähigkeiten. Ich gehe meine eigenen Wege, deine Interessen bedeuten mir nichts. Dein Hass auf Ninive ist etwas, mit dem du selbst fertig werden musst und deine Rache nimm ebenfalls selbst in die Hand, wenn du willst, dass sie vollzogen wird.

Abgesehen davon solltest du jetzt entweder ganz still stehen bleiben oder dich so schnell wie nie in deinem Leben bewegen.“

„Ich verstehe nicht ….“

„Du hast dir einen sehr ungünstigen Platz ausgesucht, um auf mich zu warten. Wo du stehst, beginnt das Revier von Väterchen Schlange. Ich hatte schon einmal mit ihm zu tun, deshalb weiß ich, dass er ziemlich ungehalten reagiert, wenn ein Mensch auch nur in die Nähe seines Reiches kommt. Du bist sogar ein paar Schritte in sein Reich eingedrungen. Dreh deinen Kopf doch mal ganz langsam nach links und schau, was dort auf dich wartet.

Aber hüte dich davor zu schreien. “

Tarith war klug genug, Shandras Anweisung zu befolgen. Sie drehte den Kopf und im nächsten Augenblick sah sie aus, als wäre sämtliches Leben aus ihr gewichen. Starr wie ein Steinbild stand sie im Licht des zunehmenden Mondes und war genau so fahl im Gesicht wie eine Statue aus Marmor. Sie starrte in die kalt und boshaft glitzernden Augen der größten Kobra, die ihr jemals begegnet war.

Väterchen Schlange hatte Shandra das Tier genannt und das zu Recht.

Der größte Teil ihres Körpers war zusammen gerollt und bildete einen dicken Knäuel am Boden. Aus diesem Knäuel aber ragte das Vorderteil ihres Körpers senkrecht auf und der Kopf der Schlange befand sich eine ganze Handbreit oberhalb Tariths Scheitel, die Schlange sah auf die Frau herab. Die Schlange befand sich im Zustand höchster Erregung, denn die Haube war zu einer Größe aufgebläht, die Tariths Kopf übertraf und das scharf gezeichnete Brillensymbol auf der Haube glitzerte weiß im Mondlicht. Der Schlangenrachen war weit aufgerissen, die Giftzähne waren wohl so lang wie Tariths kleiner Finger und die Frau meinte von diesen Zähnen Gifttropfen träufeln zu sehen. Die Pendelbewegungen des Oberkörpers der Schlange waren nur noch minimal, sie war kaum mehr einen Hauch davon entfernt, anzugreifen und den tödlichen Biss in die ungeschützte Haut am Hals oder Gesicht Tariths zu setzen.

Ihre Stimme war kaum lauter als das Säuseln des Nachtwindes.

„Gütiger Himmel, Shandra! Hilf mir wenn du kannst.“

„Ich könnte es versuchen, doch um sicher Erfolg zu haben, müsste ich Väterchen Schlange töten. Weshalb aber sollte ich das tun? Väterchen Schlange ist zwar nicht gerade mein Freund, aber er hat mir schon einmal einen sehr guten Dienst getan, Weshalb also sollte ich ihn töten wollen?

Nein meine liebe Tarith, du musst schon selbst sehen, wie du aus diesem Schlammassel heraus kommst. Vielleicht kannst du ja gleichzeitig darüber nachdenken, warum Menschen, denen du ohne ihre Zustimmung eine Hirnsonde setzt, nicht unbedingt zu deinen besten Freunden zählen wollen.

Ich muss jetzt los. Ich wünsche dir alles Gute und wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja wieder.“

Shandra drehte sich langsam und behutsam um, er wollte die riesige Schlange nicht zusätzlich reizen und in Panik bringen, denn damit wären Tariths Überlebenschancen gleich null gewesen. Er schlich sich davon und drehte sich auch nicht mehr um, ehe er außer Sichtweite Tariths war. Er begann stattdessen mit zügigen Schritten den Berg hinauf zu steigen, auf das Tor El Zaharas zu, denn er wollte natürlich wissen, was der Grund für die Prozession hinauf zum Gipfel des Berges war.

Es war seltsam, die ganze Stadt kam ihm wie ausgestorben vor. Das Stadttor war geschlossen gewesen und Shandra war über die – völlig unbewachte – Mauer geklettert. Nun lief er durch die schmalen Gassen Stadt um zu Torwalds Haus zu gelangen. Dieser, so nahm Shandra an, würde ihm Auskunft über die seltsame Prozession geben können.

Torwalds Haus war unverschlossen, doch nirgendwo im Haus brannte Licht. Es gab keinen Hinweis darauf, dass sich jemand im Haus aufhielt. Doch als Shandra durch den Patio und den Wohnbereich hindurch die Terrasse erreichte, die auf den Garten des Hauses hinausging, sah er dort eine dunkle, große Gestalt an der Brüstung lehnen.

„Guten Abend Torwald. Warum stehst du so allein im Dunkeln?“

„Weil ich mir Gedanken mache, wie ich diesen Unfug am Berggipfel beenden kann. Aber wer bist du? Du hörst dich an wie …“

„Wie der, der ich ja auch bin. Ich bin Shandra, aber was soll die Frage?“

„Shandra! Du bist es tatsächlich! Mann, Junge, was bin ich froh, dich zu sehen! Nun brauche ich nicht weiter nachzudenken, mein Problem ist gelöst!“

„Oh Torwald, werter Freund, las mich nicht dumm sterben, erzähl mir von deinem Problem und seiner Lösung. Was hat es mit mir zu tun?“

„Alles. Wirklich alles.

Man hat dich vor sechs Tagen mit einer fremden Frau den Berg hinauf steigen und in den kleinen Tempel gehen sehen. Kurze Zeit später schoss über dem Tempel eine große Flamme in die Höhe und ging nicht mehr aus. Sie brennt seither ununterbrochen und immer mit gleicher Kraft und Größe, niemand kann verstehen, wie so etwas möglich ist.

Kurz nachdem die Flamme zu brennen begann, kam die Frau in die Stadt zurück, stellte sich auf den Marktplatz und begann die Leute zusammen zu rufen. Als der größte Teil der Bevölkerung um sie versammelt war, hat sie uns erklärt, dass der größte Stratege und Held, den der Clan je besessen hatte in den Berg gegangen sei, um sich dort von den Strapazen der Schlacht zu erholen. Shandra el Guerrero würde so lange in dem Berg bleiben, bis die Grazalema wieder bedroht wurde, erst wenn der Clan und das Land in höchster Gefahr waren, konnte man wieder mit seiner Rückkehr und seiner Hilfe rechnen. Zum sichtbaren Zeichen seines Aufenthaltes im Berg hatte sich die Flamme über dem Tempel entzündet und sie würde nicht mehr erlöschen, so lange Shandra el Guerrero sich im Berg befand.

Die Leute waren betroffen, denn Shandra el Guerrero war ein ziemlich beliebter und noch sehr junger Mann gewesen, weshalb sollte er den Clan so plötzlich verlassen?

Die Frau – sie nannte sich selbst den Erzengel Tarith – erklärte uns, dass es den Menschen Shandra el Guerrero nie wirklich gegeben habe, dass er – du also – von Anbeginn an eine Legende verkörperte und dass wir, die wir zu dieser Zeit im Hochland lebten, das Glück gehabt hatten, die Entstehung einer Legende mit zu erleben.

Als nächstes forderte sie uns auf, sämtliche Feuer in der Stadt zu löschen und in der Nacht vor dem Vollmond mit Fackeln zum Berg zu gehen, zu beten und dann die Feuer der Stadt genährt von der Flamme Shandras neu zum brennen zu bringen.

So sollte es von nun an und für immer gehandhabt werden, denn nur unter diesen Bedingungen würde die Flamme leben und Shandra für die schlimme Not, die eines Tages kommen mochte, beriet sein.“

Shandra schüttelte den Kopf und wusste eine Weile nicht, was er zu alle dem sagen sollte. Die Frau Tarith hatte ihn ohne Hemmungen benutzt und war bereit gewesen, sogar seinen Tod vorzuspiegeln, nur um ihn an den Karren ihrer eigenen Interessen spannen zu können.

Shandra starrte nachdenklich vor sich hin. Er sah die Botschaft, er verstand sie und doch auch wieder um nicht.

„Menschen brauchen ein geistiges Zentrum…. Immer. Wenn es dieses geistige Zentrum nicht gibt, muss es geschaffen werden, denn Menschen sind hilflose, ängstliche und hoffnungslose Wesen, wenn sie kein geistiges Zentrum haben.“

Er sah wieder hoch, schaute Torwald in die Augen und meinte:

„Dieses hinterhältige Weib! Ich hoffe, Väterchen Schlange wird seine Aufgabe wieder gut erledigen. Doch jetzt lass uns gehen und unsere Schwestern und Brüder wieder zu Verstand zu bringen.“

„Was hast du vor?“

„Ich werde es machen wie Tarith, ich werde mich auf den Marktplatz stellen und die Leute zusammen rufen. Ich werde ihnen erklären, dass ich nicht tot bin und dass diese Tarith eine schreckliche Lügnerin ist. Das wird sie wieder zur Vernunft bringen. Ich bin weder dafür geeignet noch bereit, eine Legende zu sein und gar noch angebetet zu werden.“

„Du wirst dich aber damit abfinden müssen, dass es so ist. Die Frau hat genau diesem Ereignis vorgebeugt. Sie hat den Menschen erklärt, dass genau das passieren könnte, was du jetzt zu tun vorgeschlagen hast. Sie hat erklärt, dass dieses Ereignis, wenn es denn eintrat, auf ein Blendwerk des Teufels zurück zu führen sei und man die Person, die von sich behauptet Shandra el Guerrero zu sein, sofort steinigen müsse.

Ich befürchte, die Menschen der Stadt sind so sehr manipuliert worden, dass sie den Märchen Tariths bedingungslos glauben. Ich befürchte, du bringst dich in ziemliche Gefahr, wenn du dein Vorhaben umsetzt.“

„Und du Torwald? Weshalb glaubst du nicht an Tariths Märchen?“

„Weil ich ein Mitglied des Rates der Ältesten Weisen bin. Weil ich gelernt habe, deine Gedankenstrukturen zu erkennen wie einen eindeutigen Beweis für deine Existenz. Und weil ich diese Gedankenstrukturen zwar sechs Tage und fünf Nächte lang nirgendwo spüren konnte, aber seit dem frühen Abend sind sie wieder da und dabei so stark wie nie zuvor. Deshalb.“

„Dann sag mir, väterlicher Freund, was können wir gegen diesen Aberglauben tun?“

„Für den Moment nichts. Tarith hat den Menschen El Zaharas etwas gegeben, an das sie glauben können. Ihnen diesen Glauben an dich wieder zu nehmen, dürfte schwierig werden.“

Shandra starrte erneut nachdenklich vor sich hin. Er sah die Botschaft und jetzt verstand er sie doch noch.

„Menschen brauchen ein geistiges Zentrum…. Immer. Wenn es dieses geistige Zentrum nicht gibt, muss es geschaffen werden, denn Menschen sind hilflose, ängstliche und hoffnungslose Wesen, wenn sie kein geistiges Zentrum haben.“

Tarith hatte nichts anderes getan, als den Menschen in El Zahara ein geistiges Zentrum zu schaffen. Eine Legende, ein unerklärliches Zeichen und einen Tempel, mehr brauchte es dazu nicht. Das dumme war nur, dass er selbst, Shandra el Guerrero von ihr als Inbegriff dieses geistigen Zentrums auserkoren worden war.

Shandra schrak aus seinen Gedanken auf, denn Torwald fuhr fort zu erklären.

„Wir haben nur eine Chance. Wir müssen in einer gemeinsamen Aktion aller geistigen Kräfte den Schlaf der Menschen manipulieren und ihnen in ihren Träumen versuchen die Realität zu erklären. Gelingt das nicht, dann befürchte ich, du wirst dein weiteres Leben als Legende verbringen müssen.“

„Verdammt, wie ist so etwas möglich? Litten die Menschen von El Zahara an einem unerkannten, verborgenen Mangel? Wie kann es sein, dass da ein Prediger auftaucht und im Handumdrehen aus zwei Clanfrauen Verräterinnen macht und damit nicht genug, kommt nur wenig später eine scheinbar junge und gut aussehende Frau – sie ist nicht einmal ein richtiger Mensch – daher und macht aus den Menschen einer ganzen Stadt eine Horde religiöser Eiferer! Sind die denn alle nicht mehr ganz klar in der Birne? Oder bin ich es, der das eine oder andere nicht begreift?“

Jetzt war es Torwald, der nachdenklich vor sich hin starrte, ehe er den Kopf hob und ganz genau Tariths Worte benutzte.

„Menschen brauchen ein geistiges Zentrum…. Immer. Wenn es dieses geistige Zentrum nicht gibt, muss es geschaffen werden, denn Menschen sind hilflose, ängstliche und hoffnungslose Wesen, wenn sie kein geistiges Zentrum haben.“

„Ja, ich weiß. Jetzt da du es ebenfalls sagst, fange ich an es zu glauben. Doch ich habe nicht das geringste Interesse daran, Mittelpunkt des menschlichen Anlehnungsbedürfnisses zu werden. Dann muss ich mir einen geeigneten Ersatz ausdenken.“

Torwald zog die Augenbrauen hoch, sah Shandra wie vorsichtig prüfend an und wollte wissen:

„Einen Ersatz für dich? Da bin ich gespannt, wie du den so schnell beschaffen willst.“

Zum ersten Mal seit geraumer Zeit tauchte das schelmische Grinsen wieder in Shandras Gesicht auf, das ihn in früheren Zeiten sowohl beliebt als auch gefürchtet gemacht hatte.

„Natürlich gibt es für mich nur schlecht Ersatz. Es sei denn, wir würden … wie wär’s mit dir Torwald? Bei den Chrianos gibt es Heilige die tragen den Ehrentitel Santo vor ihrem Namen. Du wärst dann Santo Torwald, das hört sich doch nicht so schlecht an, oder?

Aber im Ernst, ich denke, ich will auf etwas ganz anderes hinaus, du brauchst also nicht so entsetzt und abwehrend schauen.

Das geistige Zentrum der Menschen sollte keinesfalls ein Mensch sein. Einen Menschen zur Legende zu machen würde bedeuten, dass wir eigentlich nichts anderes wären als die Chrianos. Wir wären – wenn ich die Symbolfigur bliebe – von mir aus Shanderos oder dergleichen. Das ist Unsinn, absoluter Unsinn. Weißt du wer das richtige Medium wäre? Al Andalus zum Beispiel oder, noch besser, Iberia.

Die Freiheit unserer Heimat ist das höchste Gut, das wir besitzen und verteidigen müssen. Die Unabhängigkeit unserer Sitten und Gebräuche, der Respekt gegenüber unserer Sprache, die Heiligkeit unserer Nation.

Shandra el Guerrero wäre davon leicht zu ersetzen.“

Torwald hatte Shandra mit immer größer werdenden Augen gelauscht, nun fragte er ihn:

„Mein Junge, du überraschst mich immer wieder aufs Neue. Wo bringst du das bloß alles her? Und noch eine Frage, wo warst du die letzten Tage tatsächlich?“

„Ich habe gelernt. Unablässig und ungeheuer viel gelernt. Um dir das im Einzelnen zu erklären, würde ich allerdings sehr lange brauchen. Länger jedenfalls als ich weg war. Lass es also einfach so stehen, dass ich lernen war. Doch nun zu unserem Thema zurück, du musst nachher hinausgehen und den Leuten sagen, dass ich morgen zur Mittagszeit auf dem Marktplatz mit ihnen reden werde. Ich aber werde noch einmal los laufen und sehen, ob Vater Schlange mir noch etwas von Tarith übrig gelassen hat. Ich komme wieder in dein Haus, wenn ich zurück bin.“

Shandra rannte in höchst möglichem Tempo den Berg hinunter und schlug den Weg zu der Höhle ein. Er hoffte inständig Tarith unversehrt zu finden, denn er brauchte sie. Er brauchte sie dringend, denn durch ihre geschickten Lügen hatte sie Shandra in das böse Dilemma gebracht, sie sollte ihn auch wieder herausholen.

Shandra hatte Glück, Tarith lebte tatsächlich noch. Doch ihr Leben war teuer bezahlt worden. Vater Schlange war verschwunden und vor Tarith lag eine groß gewachsene, blonde und junge Frau am Boden. Ihre ehemals weiße Haut war vom Gift der Kobra schwarz und lila verfärbt. Ihre Gesichtszüge in den grausamen Schmerzen des Gifttodes nahezu bis zur Unkenntlichkeit verkrampft und dennoch gab es tausend Kleinigkeiten, die Shandra sofort sagten, wer da tot am Boden lag, denn es gab nur einen Menschen im ganzen Hochland, den er nahezu so gut kannte wie seinen Ziehbruder Rollo.

Die Tote war Shira.

Zum ersten Mal in seinem Leben spürte Shandra seine Knie weich werden, zum ersten Mal wurde er mit dem Tod in einer unmittelbaren Form konfrontiert. Zum ersten Mal stand er vor einem Toten, den er als Lebenden so sehr geliebt hatte, dass er gerne sein eigenes Leben für diesen Mensch gegeben hätte.

Tarith kniete neben Shiras Leiche zu Boden, hatte den Kopf der jungen Frau in ihrem Schoß liegen und weinte. Shandra kniete sich neben Tarith in den Sand, fasste nach Shiras Hand, streichelte sie kurz und legte sie dann auf die Brust seiner Ziehschwester. Er sah hinauf zu ihrem Gesicht, er entdeckte die zwei tiefen Löcher mit den faulig schwarz verfärbten Rändern, wo die Giftzähne der Schlange in Shiras Wangenfleisch eingedrungen war und seine Stimme hatte nicht viel Ähnlichkeit mit der Stimme eines Menschen, als er wissen wollte:

„Wie ist das geschehen?“

Da war nur ein einziger Mensch, dem er diese Frage stellen konnte und Tarith weinte und weinte und weinte. Ihre Schultern wurden von Krämpfen geschüttelt, ihre Hände glitten immer wieder fahrig über Shiras Gesicht, ihr langes Haar lag wie ein schwarzer Schleier über ihrem Kopf, Tarith gab ein Bild der unsäglichen Trauer ab.

„Wie ist das geschehen?“

Immer noch bekam Shandra keine Antwort, obwohl seine Stimme beim zweiten Fragen einen gefährlichen Beiklang bekommen hatte. Tarith hatte sich so tief über Shiras Oberkörper gebeugt, dass man das blonde Haar der Toten nur noch unter Tariths schwarzer Flut ahnen konnte. Da zuckte Shandras rechte Hand vor, mit einem rohen Griff in Tariths schwarzes Haar riss er ihren Kopf nach oben, konnte jetzt ihr Gesicht sehen und blickte in eiskalte, blaue Augen, aus denen noch niemals, aus welchem Grund auch immer, Tränen geflossen waren.

Ein kurzer Blick in diese blauen Augen genügte Shandra, dann knurrte er:

„Du brauchst nichts mehr zu sagen, ich weiß was geschehen ist und ich sage dir, dafür wirst du teuer bezahlen. Du wirst dir wünschen, deine hässlichen Tricks für dich behalten zu haben und du wirst dich nach dem Biss von Vater Schlange sehnen. Nun steh auf und komm mit.“

Shandra lud sich Shiras Leiche auf die Arme, er stand auf als trüge er nur eine Feder, nicht mehr und machte sich auf den Weg nach El Zahara. Tarith schlurfte hinter ihm drein und ihr ganzer Körper sprach aus, dass sie aufgegeben hatte. Sie stand unter einem Bann, unfähig noch zu kämpfen, sich zur Wehr zu setzen.

„Wie ist es geschehen?“

Rollo stellte genau dieselbe Frage wie Shandra sie gestellt hatte, auch für Ragnar und Sombra war die Beantwortung dieser Frage von großer Wichtigkeit.

„Tarith hat etwas fertig gebracht, was vielleicht noch niemals einem Adepten gelungen ist. Sie hat es tatsächlich geschafft, mit Väterchen Schlange in einen Rapport zu treten und ihn so daran zu hindern, sie anzugreifen. Allerdings nur so lange, als sie sich absolut ruhig verhielt. Schon die kleinste Bewegung genügte um die Aggression der Schlange wieder aufwallen zu lassen und Tarith in Lebensgefahr zu bringen. Darauf hat Tarith reagiert, indem sie begann, ein anderes Opfer zu suchen und zu rufen. Allerdings konnte sie dazu keinen allgemeinen und öffentlichen Ruf aussenden, sondern musste einen intimen persönlichen Modus benutzen. Sie wollte ja verhindern, dass ich etwas bemerkte. Somit kamen für einen Ruf nur drei Menschen in Betracht, denn nur drei kannte sie gut genug, um im intimen Modus den Kontakt herstellen zu können. Ich war einer davon und natürlich der absolut ungeeignete. Blieben zwei, nämlich Rollo und Shira. Rollos mentalen Fähigkeiten sind etwas begrenzter als meine oder als es die Shiras waren, er hätte einen Ruf im intimen Modus vielleicht nicht erkannt oder aber einfach nicht verstanden, also blieb Shira. Der Zufall wollte es, dass Shira sich gerade auf dem Weg nach El Zahara befand und gar nicht so weit weg war. So konnte sie von Tarith zielstrebig in die tödliche Falle gelockt werden.“

„Und weshalb ist sie dann bei Shiras Leiche geblieben, bis du wieder zurück warst?“

„Aus purer Gehässigkeit. Sie wollte mich leiden sehen. Sie hat nicht damit gerechnet, dass ich so reagiere und vor allem nicht, dass ich so schnell herausfinde, was sie getan hat.“

Rollo wandte sich ab, wie sich auch Ragnar und Sombra abgewandt hatten, auch er wollte mit seinen Gedanken allein sein. Shandra dagegen wurde nun richtig aktiv. Er hatte seinen ursprünglichen Plan etwas abgeändert und die Bewohner El Zaharas zum Tempel auf die Bergspitze berufen, anstatt zum Marktplatz. Neben dem Tempel hatten er und Torwald einen Scheiterhaufen errichtet und auf diesem Scheiterhaufen wartete Shiras Leiche darauf verbrannt zu werden, damit ihr Geist sich in die andere Welt, das nächste Leben bewegen konnte.

Zwischen dem Scheiterhaufen und dem Tempel stand Shandra auf einem eilig errichteten Podest und zu seinen Füßen hockte Tarith auf der Kante desselben und starrte anteillos vor sich hin. Sie war von Shandra unter einen absoluten Ultrablock gezwungen worden, niemand, den Shandra kannte, wäre in der Lage gewesen, sie aus diesem Block heraus zu holen. Sie selbst am allerwenigsten.

Sombra hatte diesen Block als brutal kritisiert und Shandra deswegen Vorhaltungen gemacht, selbst Ragnar hatte ihn nicht billigen wollen. Shandra hingegen blieb unerbittlich.

„Sie hat den Menschen in eine hinterhältige Falle gelockt, den ich neben Rollo am meisten geliebt und respektiert habe. Shira hat Tarith niemals auch nur ein böses Wort gegeben und mit Shiras Hilfe hätte Tarith sich befreien können, ohne dass meine Schwester hätte sterben müssen. Ich kann mich bemühen wie ich mag, ich finde nirgendwo in mir Mitleid für sie. Dabei habe ich noch nicht berücksichtigt, was sie alles unternommen hat, um mich zu manipulieren. Was ich heute Nacht tun muss, habe ich ihr zu verdanken, denn sie zwingt mich auf ihre Lügen zu reagieren und mit einer erfundenen Ideologie meinem Volk zu erklären, dass nicht ich es bin, der als Legende verehrt und idealisiert werden darf, dass es da etwas anderes – besseres – gibt, an das ich eigentlich aber selbst nicht glaube.

Ihr könnt mich nicht umstimmen, also hört auf, mich böse anzuschauen und behaltet auch eure Bemerkungen für euch. Tariths Block wird, wenn es denn in meinem Ermessen bleibt, nie mehr aufgelöst werden. Sie wird eines Tages sterben und ihr Leben wird das einer Pflanze gewesen sein.“

Kurze Zeit später, die Einwohner von El Zahara hatten sich vollzählig am Tempel auf dem Gipfel des Zahara – Berges versammelt und schauten gespannt zum flachen Dach des Tempels hinauf, wo unter der hell leuchtenden Flamme zusammen mit der Priesterin Tarith ein Mann in einem weiten Umhang und einer über den Kopf gezogenen Kapuze stand.

Tariths Blicke wirkten abwesend, ihre Augen ein wenig glasig, dennoch suchte sie jetzt die Versammlung ab und kam offenbar zu dem Ergebnis, dass alle Menschen der Stadt versammelt waren. Sie trat an die Kante des Dachs, hob die Arme bis alles Raunen und Murmel in der Versammlung verstummt war, dann begann sie zu den Menschen von El Zahara zu sprechen.

„Menschen der Stadt, ich habe euch noch einmal zusammen gerufen, weil es etwas zu sagen gibt, das nicht weniger wichtig ist, wie das was ich euch vor einigen Tagen verkündet habe.

So hört, was ich zu berichten habe.

Als erstes muss ich euch mitteilen, dass ich mich in mehrfacher Hinsicht geirrt habe. Die Flamme, die über diesem Tempel brennt hat nichts mit Shandra el Guerrero zu tun und Shandra ist auch nicht der Mann, der als Legende in unseren Herzen leben muss, um eines Tages wiederkehren zu können, wenn die Not am größten ist.

Ich habe mich in der Auslegung der Worte des Geistes, der zu mir sprach, geirrt. Ich habe mich geirrt, denn seht, Shandra el Guerrero lebt und ist nach El Zahara zurückgekehrt und der steht hier neben mir, obwohl die Flamme brennt.

Ich gestehe einen großen Fehler ein. Deshalb werde ich mich als Priesterin und Seherin aus eurem Volk zurückziehen und in die Einsamkeit gehen, aus der ich gekommen bin. Shandra aber wird euch erklären, was es mit der Flamme tatsächlich auf sich hat.“

Tarith verbeugte sich demütig vor den staunenden Menschen Zaharas und trat ein paar Schritte zurück, während Shandra ihren Platz einnahm und dabei die Kapuze und den Umhang abnahm, so dass jeder erkennen konnte, dass er selbst und aus Fleisch und Blut bestehend bei ihnen stand.

„Schwester und Brüder des Clans der Grazalema nun hört was ich euch zu sagen habe.

Die Frau Tarith hat sich nicht geirrt, sie hat euch wissentlich belogen. Sie hat versucht aus meiner Abwesenheit für sich einen Nutzen zu ziehen und mich zu ihren Zwecken einzuspannen. Um das zu erreichen musstet ihr glauben, ich sei in den Berg gegangen und würde erst irgendwann wieder heraus kommen.

Ich war tatsächlich im Berg, doch es bestand nie die Gefahr, dass ich dort festgehalten werde. Ich war im Berg und habe festgestellt, dass in diesem Berg wichtige Geister der Vergangenheit existieren und von diesen Geistern habe ich gelernt. Sie haben mich gelehrt, was wirklich zählt, was wirklich wichtig ist in unserer Welt.

Es ist niemals ein einzelner Mensch, egal wie bedeutend seine Taten auch sein mögen. Es sind andere Werte, die zählen. Die Familie oder die Sippe, der Clan, die Heimat, die gemeinsame Sprache und – vor allem anderen – die Freiheit der Gedanken und des Handelns.

Diese Werte – so haben es die Geister im Berg vorgesehen – sollen hier gepflegt, gelehrt und dauerhaft gewürdigt werden. Deshalb soll es Menschen aus den Reihen des Clans geben, die ebenfalls in den Berg gehen um zu lernen. Diese Menschen aber werden hier in EL Zahara eine Einrichtung schaffen, um den Menschen von Al Andalus mit dem Erlernten den Weg ebnen, zu einem Volk zu werden, zu einer Nation, die sich selbst und ihre Heimat künftig gegen Eindringlinge aus fremden Ländern verteidigt und nie mehr zu lässt, dass Eroberer unsere Heimat ausbeuten und zerstören.

Das ist es, was die Flamme uns sagen will, deshalb brennt das Feuer und nicht, weil ein Krieger eures Volkes ein paar Söldner und Geistesverbieger aus Anglialbion erschlagen hat.

Denkt darüber nach und lasst euren Ältesten Weisen Torwald wissen, zu welchem Ergebnis ihr gekommen sein.

Und nun lasst uns den Scheiterhaufen für meine geliebte Schwester Shira anzünden, damit sie den Weg in die nächste Welt findet. “

Shandras Worte lösten unter den Menschen von El Zahara heftige Diskussionen aus. Doch als Shandra gleich darauf mit einem Ast aus dem Scheiterhaufen an die lodernde Flamme trat und den blitzschnell aufflammenden Ast dann an Ragnar reichte und dieser den Scheiterhaufen entzündete, wurde es still im Volk. Eine der ihren verlies den Clan für immer, das war es wert, die Gespräche zu unterbrechen und ein paar Momente darüber nachzudenken, dass das Leben immer voller Überraschungen war und ganz plötzlich zu Ende sein konnte.

Shandra el Guerrero

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