Читать книгу My Best Friends Guy - Sabrina Meyer - Страница 3
Kapitel 1
ОглавлениеEin fahrender Zug ist etwas, von dem man nicht überrollt werden wollte. Doch genau das passiert gerade. Natürlich nur in meinem Kopf, der sich nebenbei gesagt wie flauschige Watte anfühlt. Na ja, zumindest bis der Zug oder eher die Dampflok den Teil mit dem Überrollen hinter sich gebracht hat und pfeifend von dannen rollt. Mein Magen verkrampft sich, als die Watte als riesengroßer Stein nach unten plumpst. Ich höre immer noch das Pfeifen in meinen Ohren und kann meiner Exfreundin daher nur bedingt folgen.
„Sean, ist alles in Ordnung?“, fragt Sarah schließlich, als sie bemerkt, dass ich wie ein Fisch auf dem Trockenen japse und meine aufgerissenen Augen verraten, dass ich nicht die Ruhe in Person bin, die ich eigentlich vorgebe zu sein. Panisch nicke ich, ehe ich mich räuspere und auf das Bier auf dem Tisch vor mir zeige.
„Entschuldige, ich habe mich verschluckt.“ Na ja, zumindest erklärt das meine leicht tränenden Augen. Sarah lächelt mich sanft an. Sie denkt wohl, dass ich mich vor Eifersucht so benehme. Doch da liegt sie leider daneben. Oder auch nicht. Denn meine körperliche Reaktion ist eher darauf zurückzuführen, dass mein bester Freund seit meiner Kindheit keine zehn Meter von mir entfernt neben meiner Mutter steht und sich unterhält. Breite Schultern, schmale Hüften und ordentlich frisierte Haare. Genauso sah er vor etwa vier Monaten aus, als ich ihn das letzte Mal besucht habe. Ich glaube, er hat sogar das gleiche Hemd an. Nur die schwarze Brille ist neu.
„Gut. Also ist es okay, dass ich meinen neuen Freund mitgebracht habe? Ich meine, ich möchte nicht, dass es komisch wird zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir wichtig und wenn du Kane erst einmal kennen lernst, dann wirst du merken, dass er ein netter Typ ist.“
Ich nicke, noch immer nicht ganz ich selbst. Meine Mutter lacht über etwas, das Kane sagt und als ob er meinen Blick in seinem Rücken spürt, dreht er sich wie es scheint in Zeitlupentempo um. Seine Augen suchen und finden meine und ich hätte schwören können, dass da ein elektrischer Blitz zwischen uns hin und her wechselt. Doch Kane setzt lediglich ein Lächeln auf, prostet mir mit seinem Wein zu und richtet dann seine Aufmerksamkeit wieder auf meine Mutter. Was zum…? Oh nein, auf keinen Fall. Ich finde endlich wieder Kraft in meinen Beinen und stehe von dem Stuhl auf, an dem ich geklebt habe, seit Sarah und Kane den Garten meiner Mutter betreten haben. Und zwar Hand in Hand. Als ich endlich stehe und gerade zu einer Frage ansetzen will, die Sarah das Lächeln aus dem Gesicht wischen würde, kommt Kane angelaufen. Lässig stellt er sich neben seine Freundin, legt ihr einen Arm um die Schulter und schenkt mir ein freundliches Lächeln, das mich stark an unser erstes Treffen im Kindergarten erinnert.
„Hi, ich bin Kane“, sagt er. Sarah beobachtet mich genau. Sie will wohl sehen, ob ich ihn auf Grund meiner Eifersucht mit meinen Blicken erdolche oder anders eifersüchtig reagiere. Warum zum Teufel stellt er sich mir vor, als ob ich ihn nicht kennen würde? Ich nicke und bringe tatsächlich kein Wort heraus. Sarah, die ein bisschen enttäuscht scheint, schmiegt sich an Kanes größere Gestalt und setzt ein glückliches Gesicht auf.
„Wollen wir uns etwas zu essen holen, Baby? Oder möchtest du nach unserem ausgiebigen Frühstück noch warten? Bei so vielen Krümeln, die ich im Bett gefunden habe, solltest du noch keinen großen Hunger haben. Das war wohl etwas zu viel, was ich da zubereitet habe. “ Okay, von diesen Worten waren bei mir definitiv die Worte Baby, Bett und Krümel hängen geblieben. Und das wollte Sarah auch. Sie wollte, dass ich plötzlich einsehe, wie sehr ich sie liebe und zu ihr zurückkehre. Was aber definitiv nicht passieren wird. Ohne, dass ich auch nur ein Wort zu Kane gesagt habe, verschwindet er in Richtung des Buffets, das neben dem Gartenhaus auf einem langen Tisch und weißen Tischdecken aufgebaut ist. Ich lasse mein angefangenes Bier stehen und laufe ins Haus. Nicht jedoch, bevor meine Mutter mich am Arm aufhält und mich besorgt mustert.
„Geht es dir gut? Ich habe mich gerade mit Sarahs neuem Freund unterhalten und er scheint wirklich nett zu sein. Es tut mir leid, ich wusste nicht, dass Sarah mit einem neuen Freund kommen würde. Ihre Eltern haben nichts gesagt.“ Ich pflastere ein Lächeln auf meine Lippen, gebe ihr einen Kuss auf die Wange und sage leise: „Es ist alles gut Mum. Ich gehe mal nachschauen, welche Getränke ich noch draußen in den Kühlschrank stellen kann.“ Nope, das würde ich nicht. Sobald ich die Tür der Terrasse hinter mir zufallen lasse und die Treppe mit großen Schritten erklimme, ziehe ich mein Handy aus der Tasche und rufe eine Nummer an, die in meinem Kurzzeitspeicher an erster Stelle steht. Es klingelt genau fünfmal und beschert mir Herzrasen. Okay, eigentlich ist Kane dafür verantwortlich.
„Hallo? Sean, ist alles okay? Warum rufst du mich mitten am Tag an?“
„Weil ich dich brauche.“
Ich räuspere mich und sehe über das Kichern hinweg, das auf meine Worte folgt.
„Any, ich meine das Ernst.“
„Du meinst, du willst mir jetzt deine unsterbliche Liebe gestehen?“ Und wieder fängt das Kichern an.
„Hast du zu viel getrunken? Oder schläfst du noch und brauchst einen Kaffee, um mir richtig zuzuhören?“ Na also, das Gekicher stoppt. Stattdessen knurrt Any.
„Hör mir mal zu, mein Freund. Bei mir ist es mitten in der Nacht. Ich bin müde. Aber auf keinen Fall werde ich jetzt einen Kaffee trinken.“
„Und wenn ich dir sage, dass meine Exfreundin Sarah mit ihrem neuen Freund auf der Grillparty meiner Mutter aufgetaucht ist?“
„Das wäre einen Schluck Cola wert, mehr aber auch nicht. Und das bringt mich irgendwie auf den Gedanken, dass ich durstig bin.“
Ich kann hören, wie es raschelt und dann eine Kühlschranktür geöffnet wird. In Gedanken sehe ich meine beste Freundin, wie sie im Hotelzimmer zur Minibar geht und den Inhalt studiert.
„Und wenn ich dir sage, dass ihr neuer Freund Kane ist?“
„Kane? Dein Kane? Unser Kane?“
„Ja, Kane. Nicht mein Kane...aber ja, unser Kane.“ Das ergibt keinen Sinn, aber gottseidank waren gute Freunde dazu da, einen auch in umnachtetem Zustand zu verstehen.
„Das ist einen Kaffee mit einem ordentlichen Schuss wert.“ Ich kichere und halte meinen Mund mit der Hand zu.
„Okay, spuck es schon aus. Wie kann das sein? Er steht auf Männer. Das wissen wir sicher.“ Ich nicke, obwohl Any mich ja nicht sehen kann. Meine Beine sind nervös und brauchen Bewegung, also laufe ich in meinem ehemaligen Zimmer auf und ab. Der Teppich zeigt mir dafür den Weg, den ich schon unzählige Male in meiner Jugend gelaufen bin.
„Ja, er steht auf Männer.“
Any schnaubt frustriert, ehe der Groschen bei ihr fällt.
„Willst du damit sagen, sie bringt einen falschen Freund mit nach Hause, um dich eifersüchtig zu machen?“
„Jupp. Zumindest denke ich das.“
„Und sie scheint nicht zu wissen, dass Kane Probleme haben wird, ein verliebtes Pärchen mit Küssen und Handanlegen zu mimen?“
Ich zucke bei diesen Worten zusammen und atme hörbar tief durch.
„Ich weiß es nicht.“ Ich kann richtig sehen, wie Any auf ihrer Unterlippe kaut und sich alle Fakten durch den Kopf gehen lässt.
„Also, ich fasse mal zusammen. Du hast mit Sarah Schluss gemacht, bevor es ernst wurde, weil du dir endlich eingestanden hast, dass du Gefühle für Kane hast. Deinen besten Freund aus der Kindheit. Doch bei deinem letzten Besuch habt ihr euch gestritten, weil du seinen Freund nicht ausstehen konntest. Dann bist du nach Hause geflüchtet, hast mit Sarah betrunken geknutscht und bist immer noch mit ihr befreundet. Aber dass du nicht bei einer Frau landen möchtest, sondern lieber bei den Herren der Schöpfung, hast du beiden bisher noch nicht gesagt.“ Ich beiße die Zähne zusammen. Any scheint das telepathisch zu spüren, denn sie fährt fort: „Und deine Mutter kennt Kane, kann sich durch ihre Demenz aber nicht mehr an ihn erinnern.“
Wieder nicke ich.
„Das ist ja besser als meine Seifenopern im Fernsehen.“
„Any!“
Sie lacht und fragt: „Was ist? Stimmt doch.“
„Und was soll ich jetzt machen?“
„Spiel mit.“
Ich runzele die Stirn und nehme mein Handy vom Ohr, um es anzustarren. Warum um Himmels Willen sollte ich so etwas machen? Diesmal kam die Telepathie nicht durch, also drücke ich mein Handy ans Ohr und wiederhole laut: „Warum sollte ich das machen?“ Any schnaubt.
„Weil es Spaß machen würde?“
Mir liegen etwa fünfzig Erwiderungen auf der Zunge, die von Sarkasmus bis Wut reichen. Also beiße ich mir auf die Zunge und werfe mich aufs Bett. An die Decke starrend warte ich auf eine Erklärung.
„Sean, hör zu. Es gibt einen Grund, warum er das macht. Keine Ahnung welchen, aber er ist bestimmt nicht heut Morgen aufgestanden und hat sich gesagt: Hey, heute spiele ich mal den Freund von der Exfreundin meines guten alten Freundes Sean. Und das hört sich nicht nur blöd an, weil in diesem Satz dreimal das Wort Freund vorkommt. Du hattest doch sowieso vor, nächsten Monat zu Kane zu fliegen, oder? Und du möchtest Sarah als Freundin behalten. Wenn du sie bloßstellst, dann hat sich das erledigt. Glaub mir, Frauen sind nachtragend. Versuch ihn irgendwo abzufangen und mit ihm zu reden. Oder versuch ihn in eine Ecke zu drängen und zu küssen. Dann weißt du endlich Bescheid. Und ich kann sagen: Ich habe es dir doch gleich gesagt.“
„Any!“ Bei dem erneuten Kichern in der Leitung muss ich unwillkürlich grinsen. Der Knoten in meinem Magen hat sich endlich gelöst und Anys Worte setzen sich in meinem Kopf fest.
„Sarah ist nur eine Woche hier, bevor sie wieder in die Stadt fährt.“
„Na siehst du, ein paar Tage hältst du doch durch, oder? Lass sie ihr Gesicht wahren, mach gute Miene zum bösen Spiel und alles wird gut.“
Nachdem Any aufgelegt hat, nagen weiterhin Zweifel an mir. Ich finde es eigentlich immer gut, einfach meine Meinung zu sagen. Das spart einem viel Drama.
„Sean?“, erklingt die Stimme meiner Mutter aus dem Erdgeschoss. Pflichtbewusst rappele ich mich auf und laufe die Treppen wieder runter. Meine Mutter steht in der Küche und sieht sich ratlos um.
„Schatz, hast du schon die Snacks rausgebracht? Und ist genug Wein im Kühlschrank?“ Ich gehe zu ihr und drücke ihre Schultern, die viel zu zerbrechlich wirken.
„Das habe ich schon vor zwei Stunden gemacht, Mum. Mach dir keine Sorgen.“ Fahrig fährt sie sich mit zitternden Händen durchs Haar.
„Achso, gut. Dann habe ich das wohl vergessen.“
Mein Herz krampft sich schmerzhaft zusammen. Meine Mutter ist noch keine sechzig. Das würde sie erst in wenigen Tagen sein. Und mittlerweile vergaß sie selbst kleine Dinge und nicht nur Menschen oder vergangene Ereignisse. Und das mindestens dreimal. Das Leben spielt einem manchmal Streiche, die nicht zum Lachen sind. Aber heute möchte ich auf keinen Fall in Selbstmitleid verfallen. Stattdessen schiebe ich meine Mum zur Tür.
„Geh ruhig raus und unterhalte dich. Schau mal, es sind noch mehr Nachbarn gekommen. Sag doch Hallo und ich kümmere mich um alles.“ Meine Mutter schenkt mir ein dankbares Lächeln und folgt meinem Rat. Die Planung der Feierwoche hatte sie schon nach ihrer Diagnose aufgenommen, sodass eigentlich alles glatt laufen sollte. Seit einigen Monaten hat sie ihren Job als Innenarchitektin aufgegeben und findet sich mittlerweile gut in das Leben ohne festen Arbeitsplan ein. In einer Ecke der Küche befindet sich ein großer roter Fleck, den einer unserer Gäste hinterlassen hat. Ich weiß, dass meine Mutter keine Unordnung oder Flecken auf ihren kostbaren Fliesen duldet, also laufe ich in den Flur, um Putzzeug aus der Kammer zu holen. Doch als ich mich gerade hinunter beuge, um den Eimer samt Wischmopp aufzuheben, werde ich ins Innere gedrängt. Nachdem die Tür zugefallen ist, wird es stockdunkel.
„Sean…“ Kane beendet seinen Satz nicht und ich höre ihn tief einatmen.
„Ist das dein Ernst? Du sperrst uns hier im Dunkeln in einer Kammer ein und kannst dann nicht mal mit mir reden?“ Oha, da war es wieder, mein freches Mundwerk. Hallo Freund, wo hast du nur gesteckt? Kane stößt ein zittriges Lachen aus. Weil wir so nahe beieinanderstehen, spüre ich, wie er seinen Arm hebt. So wie ich ihn kenne, fährt er sich mit den Fingern durch seine ordentliche Frisur. Als er merkt, was er da tut, nimmt er seinen Arm schnell wieder runter. Schmetterlinge in meinem Bauch führen einen Tango auf und ich nenne mich in Gedanken einen Narren.
„Du hast recht. Aber ich habe einfach reagiert. Sarah lässt mich keine Minute aus den Augen. Unter dem Vorwand, mal ins Bad zu müssen, habe ich mich davonstehlen können.“
„Und, musst du mal ins Bad? Denn ganz ehrlich, dann haben wir ein Problem.“
„Warum?“ Kanes Stimme ist seltsam tief. Ohne es zu wollen, spannt meine Hose und nun bin ich froh, dass es in der Kammer kein Licht gibt.
„Weil der Türknauf kaputt ist. Es gibt nur einen draußen und naja, wir sind hier drin.“ Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Unter der Tür kommt ein schmaler Lichtschein durch, sodass ich sehen kann, dass Kane sich gegen die Tür lehnt.
„Wie kommt es, dass ich mit dir immer in solchen Situationen lande?“ Zum Glück hörte man seiner Stimme das Lächeln an.
„Hey, es ist nicht meine Schuld, dass du mich hier reingeschubst hast.“ Kane schweigt und meine Gedanken wandern in die Vergangenheit.
„Und die Sache mit dem verschlossenen Schuppen kannst du mir auch nicht vorwerfen. Ich meine, woher sollte ich denn wissen, dass der Parkwächter abends kommt und alle Türen verriegelt.“
Kane lacht leise, aber angespannt.
„Und was war mit dem Klassenzimmer in der Grundschule? Oder dem Kajak Laden am See?“, fragt er herausfordernd.
Mir wird warm ums Herz und mit einem Mal ist es mir egal, dass wir hier eingeschlossen sind.
„Die Übernachtung in der Schule hast du auch für eine gute Idee gehalten. Wir hätten vielleicht unseren Eltern Bescheid geben sollen, aber die Sache mit dem Kajak Laden war doch gar nicht so schlimm. Wir hatten genug zu knabbern und für unsere Rettung brauchten sie nur eine Stunde.“ Zum Glück stand damals ein Telefon auf dem Tresen und Kane hatte die Nummer seiner Eltern im Kopf. Von uns beiden war er immer der verantwortungsvollere, sich Nummern merkende Sohn gewesen, der dafür aber auch immer die härteren Strafen bekam.
„Warum bist du hier?“, stelle ich schließlich die Frage aller Fragen. Es gäbe noch mehr Fragen, aber ich habe keine Ahnung, wann uns jemand hören und in die Freiheit entlassen würde.
„Ich arbeite für zwei Wochen im Laden meines Onkels in der Stadt. Und Sarah bestand darauf, dass ich heute mitkomme.“
„Heißt das, also ich meine, seid ihr…?“ Als Kane sich abrupt von der Tür abstößt und direkt vor mir steht, bemerke ich erst, dass ich ihm nähergekommen bin. Auch wenn die Kammer nicht sehr groß ist, anscheinend habe ich ein zwei Schritte ganz unbemerkt in seine Richtung getan. Mein Herz setzt einige Schläge aus und spätestens jetzt stelle ich meine sexuelle Orientierung in Frage. Er riecht nach Seife und Waschmittel.
„Du riechst nach Sarah“, flüstere ich in die Stille. Kane richtet sich noch gerader auf und ich hätte mir in den Hintern treten können für diese unbedachte Äußerung.
„Ich meine, das Waschmittel. Das gleiche benutzt Sarah.“
„Sie hat meine Sachen gewaschen.“ In der Stille des Raums sind unsere Atemgeräusche unnatürlich laut. Kane hat meine Frage hinter der Frage noch nicht beantwortet. Doch ehe ich zu einem erneuten Versuch komme, ihn auszuhorchen, rüttelt jemand von außen an dem Knauf und die Tür springt auf. Das Licht blendet mich, aber ich kann auf Kanes Gesicht für eine Sekunde einen unzufriedenen Ausdruck ausmachen. Dann ist es wie zuvor im Garten, obwohl seine Augen mich sehr intensiv mustern. Warum zum Teufel bin ich erregt? Nur von seinem Blick? Und naja, von seiner Nähe?
„Hier seid ihr.“ Sarahs Stimme durchbricht den Augenblick und Kane tritt als erster aus der Kammer. Ich lächele Sarah an und spiele vor, dass es mir nicht das Geringste ausmacht, dass sie uns befreit hat. Während ich also nach dem Eimer und dem Wischmopp greife, sage ich laut und unbeschwert: „Danke für die Rettung. Wir wollten eigentlich nur Reinigungssachen holen, als die Tür zufiel. Ich muss dringend dafür sorgen, dass sie repariert wird.“ Als ich an Sarah vorbei in Richtung Küche gehe, sieht sie mir argwöhnisch hinterher. Ich spüre ihren Blick noch in meinem Rücken, was schneller hilft, meine Erregung zu senken, als eine kalte Dusche. Aus der Küche und während des Wischens höre ich ihre Stimmen, kann aber kein Wort verstehen. Schließlich kommen sie Hand in Hand angelaufen und ich hätte mir am liebsten den Finger in den Mund gesteckt und Würgelaute von mir gegeben. Ich weiß, ich weiß, sehr erwachsen.
„Also, wie geht es deiner Mum wirklich? Wie sieht der Plan aus?“
Sarah war eine Zeitlang mein Fels in der Brandung gewesen. Sie hat mich umarmt, als wir vom Arzt das Ergebnis bekamen und war da als meine Mutter das erste Mal vergessen hatte, wer ich bin. Das war einer der vielen Gründe, warum ich den Kontakt nicht ganz abgebrochen habe. Ich liebe sie, aber nicht auf die Art, die sie sich wünscht.
„Nach dem heutigen Zusammentreffen wollen wir morgen einen Ausflug zum See machen. Vorausgesetzt, der heutige Tag erschöpft sie nicht zu sehr. Übermorgen hat sie etwas geplant, in das sie mich nicht einweihen möchte. Es wird wohl die letzte Geburtstagswoche sein, die sie mitbekommt, also spiele ich mit. An ihrem Geburtstag werden wir in ihrem Lieblingsrestaurant feiern und Mr. Parker hat danach eine Band angeheuert, die im Club nebenan spielt. Und davor werden wir in den Kletterwald gehen.“
„In den Kletterwald?“, fragt Kane mich ungläubig.
Leicht lachend hebe ich die Schultern, ehe ich den Wischmopp im Eimer ausdrücke.
„Was soll ich sagen, sie hat es sich gewünscht.“ Kane scheint nicht anders zu können, als mein Grinsen zu erwidern und mein Körper scheint wieder einmal sehr glücklich darüber zu sein, ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen.
„Was genau hat es denn mit dieser Geburtstagswoche auf sich?“
Ha, als ob er das nicht wüsste. Aber anscheinend will er sich ahnungslos stellen und Sarah scheint ihm nichts erzählt zu haben.
„Das machen wir jedes Jahr so. Seit mein Vater an Krebs gestorben ist, feiert meine Mutter eine Woche lang ihren Geburtstag. Wir unternehmen all das, was ihr Spaß macht und was sie durch die Arbeit oder wegen meiner Fußballspiele, des Gitarrenunterrichts oder anderen Sachen nicht geschafft hat.“ Ein unangenehmer Schmerz zieht durch meine Brust und ich kann gar nicht anders, als mit der Hand drüber zu streichen. Kane und Sarah schenken mir beide einen verständnisvollen Blick. Kane weiß, dass mein Vater zwei Tage vor dem Geburtstag meiner Mutter gestorben war. Kurze Zeit später sind wir umgezogen und als eine Art Ehrung meines Vaters und um die Traurigkeit zu verscheuchen veranstalten wir jedes Jahr diese besondere Woche für meine Mutter. An meinem Geburtstag weigere ich mich allerdings, so etwas zu machen. Eine verrückte Woche im Jahr reicht.
„Weißt du noch letztes Jahr, das Bungee Jumpen von der Brücke? Du hast mir davon erzählt und ich hatte solche Angst, dass sie sich dieses Jahr wieder so etwas überlegt“, sagt Sarah leise lachend.
Ich schüttele mich übertrieben, um zu überspielen, wie meine Beine anfangen zu zittern.
„Das werden wir nie wieder machen. Nie nie wieder.“ Ich klinge so vehement, dass Kane eine Augenbraue nach oben zieht. Ich hatte ihm davon erzählt, weil er nicht hatte kommen können. Der Arme lag mit einer Grippe im Bett und ich hatte ihm noch wochenlang in den Ohren gelegen, dass ich noch nie in meinem Leben solche Angst gehabt hatte. Natürlich erzählte ich die Story auch Sarah, als wir unser zweites Date hatten. Im Nachhinein fällt mir auf, dass ich Kane nicht viel über Sarah erzählt habe. Im Grunde genommen habe ich ihm nicht einmal ihren Namen verraten und er hatte nicht danach gefragt. Genauso wenig wie er mir von Pete erzählt hatte vor meinem Besuch.
„Okay, Baby, lass uns wieder nach draußen gehen. Sean, sollen wir etwas mitnehmen?“ Dieses „Baby“ hinterlässt einen pelzigen Geschmack auf meiner Zunge, aber ich gebe mich unbeeindruckt.
„Ihr könnt mehr Eiswürfel mitnehmen, die sind glaube ich fast alle.“
Nachdem ich in der Küche allein bin, schlage ich meinen Kopf nur einmal gegen den Küchenschrank. Das nenne ich Selbstbeherrschung.
Das Piepen meines Weckers reißt mich aus einem mehr als merkwürdigen Traum. Ich schlurfe ins Badezimmer und stütze mich auf dem Waschbecken ab. Aus irgendeinem Grund gibt es da aber dieses seltsame Etwas in meinem Gesicht.
„Warum lächelst du?“, frage ich mein Spiegelbild. Die Antwort braucht nur drei Sekunden, um durch mein müdes Hirn zu rauschen. Und diese lautet: weil ich Kane heute wiedersehen werde. Also mache ich mich mit neuem Elan fertig und hüpfe die Treppen nach unten. Es ist noch nicht einmal acht Uhr, aber aus der Küche höre ich das Geräusch der Kaffeemaschine und im Wohnzimmer den Fernseher, auf dem die Nachrichten laufen. Das ist eine Angewohnheit meines Vaters gewesen, die meine Mutter übernommen hat, während er in der Küche das Frühstück zubereitete. Nur stand er damals währenddessen nicht mitten im Wohnzimmer und starrte auf den Boden.
„Mum?“, frage ich vorsichtig. Sie hebt den Kopf und streicht sich die Locken hinters Ohr, die ihr in die Augen gefallen sind.
„Ich weiß nicht mehr, was ich holen wollte.“ Ich gehe zu ihr und gebe ihr einen sanften Kuss auf die Wange.
„Das ist nicht schlimm. Wenn es wichtig war, dann fällt es dir wieder ein.“ Sie nickt, aber ich bin mir sicher, dass sie immer noch versucht, sich zu erinnern. Es wurmt sie, dass sie so schnell Sachen vergisst. Ich spüre eine Last auf meinen Schultern, die mich nach unten drückt. Doch spätestens, als ich die Sachen für unseren Ausflug zusammensuche, wird mir leichter ums Herz. Ich muss mich dringend mit Kane aussprechen und aufpassen, Sarah nicht bloßzustellen. Als wir im Park ankommen, haben sich bereits alle eingefunden. Meine Mutter trägt eines ihrer Lieblingssommerkleider und strahlt über das ganze Gesicht.
„Bist du bereit?“, frage ich sie.
„So bereit wie immer.“
Als wir die Autotüren öffnen, schlägt uns die Hitze des Sommers und der Geruch nach See entgegen. Für unsere Partygäste ist der heutige Tag eine Überraschung. Ich muss unwillkürlich lächeln, als ich sehe, wie aufgeregt Sarah die beiden Männer am Seeufer bei ihrer Arbeit beobachtet. Nur Kane richtet sofort seine Aufmerksamkeit auf mich. Seine Augen schauen so intensiv, dass ich mich räuspern muss, ehe ich das Wort an unsere Freunde richten kann.
„Wir freuen uns, dass ihr alle heute die Zeit gefunden habt, ein weiteres Abenteuer mit meiner Mutter zu erleben. Die zwei Herren dort drüben haben genug Tauchausrüstungen für alle dabei. Wer möchte, kann sich einweisen lassen und einen ersten Tauchgang im See ausprobieren. Ich habe mir sagen lassen, dass es genug Fische und allerlei von Menschenhand verlorene Sachen auf dem Grund des Sees zu sehen gibt. Für diejenigen wie mich, die kalte Füße haben, gibt es Ruder- und Tretboote und der Grill versorgt uns Mittags mit Nahrung. Miss Pearce hat außerdem ihren weltberühmten Salat gemacht.“ Die Gäste geben zustimmende Geräusche von sich, was Miss Pearce unwillkürlich erröten lässt.
„Na dann, auf los geht es los“, sagt meine Mutter, während sie freudig in die Hände klatscht. Es dauert nicht lang, da taucht Sarah neben mir auf.
„Was heißt das, du hast kalte Füße? Du wirst doch wohl mitmachen, oder nicht?“
Lächelnd schüttele ich den Kopf.
„Dieses Mal setze ich aus. Aber ich weiß, dass du es gern ausprobieren möchtest. Nur zu, Mum wird sich freuen, wenn ihr das gemeinsam macht.“ Ups, vielleicht sind das nicht gerade die richtigen Worte gewesen. Sarah strahlt, als ob ich ihr ein Geschenk gemacht hätte. Und zwar eines mit einer großen roten Schleife zum Geburtstag. Meine Mum kann sie wirklich gut leiden und hat wohl auch gehofft, dass wir heiraten und ihr Enkelkinder schenken würden. Was Sarah jedoch nicht weiß, ist, dass ich ein ernsthaftes Gespräch mit meiner Mutter geführt habe, als die Diagnose im Krankenhaus gestellt wurde. Ich weiß nicht, warum ich es nicht früher gemacht habe. Immerhin bin ich mir langsam sicher, zu welchem Geschlecht ich mich mehr hingezogen fühle. Und es war nicht leicht, mit ihr darüber zu sprechen. Aber zu der Zeit konnte sie sich noch an Kane erinnern und nach einigen Tränen – und ich sage nicht, ob nur einer von uns beiden geweint hat oder nicht – hat sie mich umarmt und gesagt, dass sie mich immer lieben würde und ich schon einen Weg fände, ihr Enkelkinder zu schenken. Diese Erinnerung verbinde ich mit einem glücklichen, traurigen und befreienden Gefühl. Das ist typisch meine Mutter. Worte des Komforts und gleich ein großes Abenteuer mit dran. Ich meine Kinder! Wie soll ich mit Anfang zwanzig daran denken, eine Familie zu gründen, wenn ich mein Liebesleben noch nicht in Ordnung gebracht habe? Außerdem lebe ich derzeit mit meiner Mutter zusammen. Das ist irgendwie ein großer Deal Braker für mich. Nichts desto trotz mag Mum Sarah wirklich sehr gern und daher entsprechen meine Worte der Wahrheit. Nur will ich Sarah keine falschen Hoffnungen machen. Ich beobachte, wie sie zu Kane geht und dieser den Kopf schüttelt. Sie redete kurz auf ihn ein und er schüttelt wieder den Kopf. Als sie die Lippen aufeinanderpresst und in Richtung der Tauchlehrer davonstürmt, schließe ich daraus, dass Kane diese Auseinandersetzung gewonnen hat. Ich warte ab, was passiert, bin mir aber ziemlich sicher, dass er ebenfalls keine große Lust aufs Tauchen hat. Ein Großteil unserer Gäste beteiligt sich am Abenteuer, nur die älteren Frauen, Kane und ich bleiben übrig. Während ich einige große Picknickdecken und Körbe mit gekühlten Getränken aus dem Kofferraum hole, greift Kane mir ohne zu fragen unter die Arme. Wir arbeiten schweigend zusammen. Die Stille ist zum Glück nicht unangenehm und ich kann nicht anders, als immer wieder zu ihm rüber zu schielen, während wir die Decken auf einer großen Wiese direkt neben dem Wasser ausbreiten und die Kühlboxen verteilen.
„Hast du…möchtest du eine Runde Ruderboot fahren?“, frage ich. Fast könnte man meinen, Kane wäre erleichtert. Vielleicht wollte er das gleiche fragen? Wollte er auch mit mir allein sein, um reden zu können?
„Ja, klar.“
Also suchen wir uns ein Boot aus. Aufgrund der Erfahrung jahrelanger Freundschaft setze ich mich an die Spitze, während Kane in der Mitte Platz nimmt, mit dem Rücken zu mir, um die Ruder zu übernehmen. Er ist eindeutig stärker als ich und ich muss gestehen, dass der Anblick seiner muskulösen Arme in dem T-Shirt es wert ist, in der prallen Sonne in einem Boot auf den See zu fahren. Ich kann Sarahs erstaunten Blick sehen, als wir davonfahren, doch damit würde ich mich später auseinandersetzen. Eine halbe Stunde später sind außer Sichtweite um eine Biegung des Sees gelangt . Keiner von uns spricht. Ob aus Angst, Angespanntheit oder einfach um den Frieden noch etwas länger zu wahren, kann ich gar nicht genau sagen. Schließlich lässt er das Boot an einer flachen Stelle auflaufen und dreht sich zu mir um. Zwei Libellen fliegen um uns herum und Kane beobachtet sie staunend. Er scheint so im Reinen mit sich zu sein, dass ich die letzten Monate schmerzhaft als tiefe Leere in meinem Innersten wahrnehme. Ich weiß nicht mehr, was in seinem Leben vorgeht. Ist er noch mit diesem Pete zusammen? Warum diese ganze Scharade? Und obwohl ich diese Themen ansprechen sollte, spreche ich das Erste aus, was mir wie ein ungefährliches Thema vorkommt: „Ich hätte mein Notizbuch mitnehmen sollen. Es ist lange her, dass ich dich zeichnen konnte. Du siehst so in dir ruhend aus, wie die Yogalehrerin meiner Mutter sagen würde.“
„Du machst neuerdings Yoga?“, fragt Kane mit einem eher schiefen Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreicht.
„Nein. Meine Mutter hat damit vor zwei Monaten angefangen und seitdem muss ich zweimal die Woche aus dem Haus flüchten, um meine Augen zu schonen und die schrill laute Stimme der Lehrerin nicht bis oben zu hören.“
„Ich habe mich schon gewundert, dich weder gestern noch heute mit deinem Buch zu sehen. Noch vor Kurzem hast du alles gezeichnet, was deine Aufmerksamkeit eingefangen hat.“
Das stimmt nicht ganz. Achtzig Prozent meiner Zeichnungen hatten Kane als Motiv und einige Wenige seinen Freund Pete mit Teufelshörnern und na ja eben einigen anderen nicht sehr schmeichelhaften Körperteilen. Der Fantasie sei hier keine Grenze gesetzt.
„Um ehrlich zu sein bin ich kaum noch zum Zeichnen gekommen. Ich habe im Frühjahr einen großen Auftrag für eine Kinderbuchreihe abgeschlossen und der nächste Auftrag ist für den Herbst geplant. Bis dahin genieße ich die Zeit mit meiner Mum. Obwohl ich im nächsten Monat zwei Wochen Urlaub eingeplant habe. Ich wollte dich besuchen kommen, mich bei dir entschuldigen für mein Verhalten auf der Party und dir von meiner Mum erzählen.“ Als Kane mich mit seinem Blick auf meinem Platz festnagelt, krampft sich mein Magen zu einem nervösen Ball zusammen. Ich schlucke und sein Blick huscht zu meinem Adamsapfel. Und so schnell seine Anspannung aufgetaucht war, verschwindet sie auch schon wieder. Sein Körper wird weicher und als er sich zur Seite beugt und eine Hand ins flache Wasser hält, versuche ich mich innerlich zusammenzureißen.
„Dann kann ich ja einen Punkt auf meiner Liste abhaken. Ich dachte schon, du würdest länger brauchen, um dich für dein Verhalten zu entschuldigen.“
Mein erleichtertes Aufseufzen bringt das Lächeln zurück in sein Gesicht.
„Da wir das geklärt haben, willst du mir nicht verraten, was diese ganze Sache mit Sarah soll?“ Kane lehnt sich zurück und als ich den Schalk in seinen Augen sehe, weiß ich, dass ich meinen besten Freund zurückhabe. So war es früher immer zwischen uns. Wir waren auf einer Wellenlänge, konnten den anderen lesen und es gab keine verkrampften Momente. Bis zum Tag X zumindest. Oder, wenn ich ehrlich war, auch schon einige Male davor.
„Ich beantworte ein paar Fragen, wenn du mir meine beantwortest. Aber die Auflösung muss ich Sarah überlassen.“
Ich nicke zustimmend. So oder so, ich würde rausfinden, warum er Sarahs Freund spielte. Und, was noch wichtiger ist, ich würde meine Gefühle näher ergründen. Also frage ich: „Na dann, schieß los. Wie lautet deine erste Frage?“
Kane überspielt sein Lachen mit einem Brummen und antwortet: „Warum hast du mich nicht angerufen, als du die Diagnose deiner Mum bekommen hast?“
Für diese Antwort musste ich nicht lang überlegen.
„Weil ich sauer auf dich war. Schon vor meinem Besuch bei dir zeigte sie Anzeichen. Ich hatte Angst, es beim Namen zu nennen. Eigentlich wollte ich dir gleich am Anfang von meinen Befürchtungen erzählen. Aber als du deine Tür geöffnet hast und mir gleich nach unserer Begrüßung Pete vorgestellt hast, war mein Plan wie weggewischt. Wir sind beste Freunde seit dem Kindergarten. Selbst unser Umzug hat daran nichts geändert. Wir waren auf dem gleichen College und haben uns ein Zimmer geteilt. Als Pete laut und deutlich sagte, dass er mich nicht leiden kann und du ihn auch noch verteidigt hast, da konnte ich einfach meinen Mund nicht halten. Und trotzdem tut es mir leid, dass er in den Pool gefallen ist. Und dass ich ihn beschimpft habe und dass ich ihm Salz in seinen Joghurt getan habe.“ Meine Stimme wurde immer defensiver, doch Kane lachte jetzt so laut, dass es wohl jeder am anderen Ufer hören konnte.
„Du meinst, es tut dir leid, dass du ihn in den Pool gestoßen hast.“ Als Kane aufsteht und sein Shirt und anschließend seine Hose auszieht, schnappe ich unbewusst nach Luft. Er wirft mir einen nachdenklichen Blick zu, dann hüpft er nur in Boxershorts bekleidet aus dem Boot, direkt hinter mich.
„Was…?“ Zu mehr komme ich nicht, denn er hebt mich aus dem Boot und wirft mich ins Wasser. Meine Finger krallen sich in den weichen Sand und ich muss so sehr prusten, dass ich Wasser schlucke und husten muss.
„Du hinterhältiger Bastard.“ Als ich aufstehe und meine nassen Haare nach hinten streiche, grinst Kane mich breit an. Und da ist sie wieder, diese Leichtigkeit zwischen uns.
„Das war Petes Rache. Ich musste ihm versprechen, dich mindestens einmal nass zu machen.“
„Auftrag ausgeführt. Heißt das, ihr seid immer noch zusammen?“ Mein Magen krampft sich zusammen und ich warte atemlos auf seine Antwort.
„Ist das wirklich deine erste Frage an mich?“
„Die erste von sehr vielen. Ja.“
„Nein, wir sind nicht zusammen.“
„Warum?“ Mist, die Frage war mir einfach so rausgerutscht. Eigentlich müsste ich jetzt mitfühlend seine Schulter tätscheln und nicht wie ein eifersüchtiger Idiot klingen. Doch Kane sieht ziemlich zufrieden aus, als er an mir vorbei ins Wasser watet.
„Das wäre deine zweite Frage. Vorher bin ich dran.“ Da er einfach so davonschwimmt, bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm hinterher zu schwimmen. Kane ist ein ganzes Stück besser als ich darin und hat schon nach kurzer Zeit einen ordentlichen Abstand zwischen uns gebracht. Das gefällt mir gar nicht, also versuche ich nicht wie ein beleidigtes Kind zu schauen, als ich ihn endlich in der Mitte des Sees einhole, während er dort feixend auf mich wartet.
„Also? Frage?“, japse ich.
„Pete denkt, dass du eifersüchtig auf ihn warst. Stimmt das?“ Kane schaut mich ernst an und seine Augen hinter der Brille bitten mich stumm um die Wahrheit. Vorhin hatte ich mir vorgenommen, meine Gefühle zu ergründen. Ich will es langsam angehen lassen. Aber Kane hat anscheinend andere Vorstellungen. Mein Mund fühlt sich trocken an und ich versuche mit den Schultern zu zucken, was schwimmend mitten im See schwieriger ist als gedacht.
„Wahrscheinlich hat er recht. Mir war das zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz klar. Aber mittlerweile hatte ich genug Zeit, diese Woche Revue passieren zu lassen und ein paar Gespräche mit Any unter dem Einfluss von zwei drei Gläsern Whiskey haben geholfen.“ Ich sehe ein Schimmern in seinen Augen aufleuchten. Das kann natürlich nur eine Spiegelung der Sonne durch das Wasser sein, aber ich hätte schwören können, dass sich da etwas raubtierhaftes in seine Gesichtszüge stahl. Nervosität rauscht durch meinen Körper und ich bin mir dessen bewusst, dass ich zwar vollständig angezogen bin, Kane aber nur in seiner Unterhose eine Armlänge von mir entfernt schwimmt. Und es ist das erste Mal, dass ich ihn halbnackt sehe, nachdem ich mir eingestanden habe, dass ich mehr für ihn fühle als beste Freunde fühlen sollten.
„Und war diese Eifersucht auf deine Gefühle in Bezug auf mich als deinen besten Freund bezogen?“ Oder ist da mehr?
Diese Worte braucht Kane nicht auszusprechen. Ich höre sie überdeutlich in meinem Kopf.
„Jetzt bin ich wieder mit meiner Frage dran.“ Ich schlucke und denke an mein Warum von vorhin. Sollte ich lieber etwas anderes fragen? Zum Beispiel, warum er mit einem Mal eine Brille trägt? Ich schüttele den Kopf, was Kane wieder zum Lächeln bringt. Er weiß von den Diskussionen in meinem Kopf.
„Warum?“, stelle ich schließlich die Frage erneut. Und ich muss nicht ausführen, was genau ich damit meine. Ohne zu zögern antwortet Kane mir: „Um ehrlich zu sein, hat Pete mir einen Gefallen getan. Der Gastgeber der Party, auf der Pete ins Wasser gefallen ist, war mein Ex. Wir hatten uns einvernehmlich getrennt, aber ich war ziemlich deprimiert und dann kam dein Besuch dazu. Ich kenne Pete von einem Gelegenheitsjob nach dem College. Er bot an, meinen Freund zu spielen und ich erzählte ihm von dir und irgendwie bekam er den Eindruck, dass du mir nicht guttust. Also hat er versucht dir zu verstehen zu geben, dass du undeutliche Signale aussendest. Außerdem wollte er dich testen.“
Automatisch schüttele ich den Kopf, doch dann denke ich an diese Woche zurück. Ich hatte mich von Sarah getrennt, noch ehe es ernst wurde zwischen uns. Ich war verwirrt und ziemlich gereizt. Schließlich nicke ich.
„Ja, kann sein. Das war nicht meine Absicht, aber zu der Zeit ging mir vieles durch den Kopf und ich habe dich vermisst und mich auf die Zeit zu zweit gefreut.“
Kane schaut mich unentschlossen an, ehe sich der Ausdruck in seinem Gesicht in Zielstrebigkeit ändert und er sagt: „Ich meine damit nicht nur deinen Besuch. Auch davor einige Male. Viele Male, wenn ich die Gelegenheiten mitzähle, die ich ignoriert habe, weil ich dachte, ich bilde sie mir ein.“ Kane kommt langsam näher, so als wolle er mir Zeit lassen, vor ihm wegzuschwimmen. Anspannung macht sich in mir breit. Aber wenn ich mir einmal etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich es auch durch. Auf gar keinen Fall würde ich vor ihm fliehen. Also, ich meine nicht noch einmal.
„Also, was hatte deine Eifersucht zu bedeuten?“
„Sie bezog sich nicht nur auf dich als meinen besten Freund.“
Ich flüstere die Worte, da Kane mittlerweile so nahe ist, dass sich unsere Lippen fast berühren. Unsere Beine streifen sich immer wieder und eine gespannte Vorfreude überfällt mich. Wie würde es sein, männliche Lippen auf meinen zu spüren? Wie würde es sein, Kanes Lippen auf meinen zu spüren? Als ob er meine Gedanken liest, überwindet er den verbleibenden Abstand zwischen uns. Er schaut mich fragend an, gibt mir Zeit, einen Rückzieher zu machen. Doch das würde ich auf keinen Fall machen. Die Anspannung in mir ist so hoch, dass ich fast vergesse, zu atmen. Ganz langsam kommt sein Gesicht näher und als er mich schließlich küsst, hält die Welt um mich herum an. Lodernde Gefühle rasen durch mich hindurch und mit einem Stöhnen vertiefe ich den Kuss. Kane zieht mich an sich und seine Hand an meinem Hinterkopf verhindert, dass ich vielleicht doch noch flüchten kann. Der Kuss entfacht ein Feuerwerk an Gefühlen in mir, die mir völlig unbekannt sind. Unsere Zungen tanzen und sein Geschmack vernebelt mir die Sinne. Seine Erektion streift immer wieder meine Eigene, die in der engen Unterhose schmerzlich gegen den Stoff drückt. Erst als wir drohen, im Wasser unterzugehen, trennen wir uns wieder. Ich schnappe nach Luft und schaue Kane mit großen Augen an.
„Das war…“
„Ja.“ Seine Erwiderung ist kurz und knapp und drückt doch so vieles aus. Seine Hand wandert von meinem Hinterkopf zu meinem Arm und dann zu meiner Hand. Er verflechtet seine Finger mit meinen, während ich immer noch bemüht bin, mich über Wasser zu halten und nicht einfach unterzugehen. Obwohl eine Mund zu Mund Beatmung von Kane in diesem Moment sehr reizvoll wirkt.
„Warum genau sind wir in die Mitte des Sees geschwommen? Am Ufer könnten wir wenigstens stehen und liefen nicht Gefahr, wie Steine zu Boden zu sinken.“
Kanes Lachen beschert mir ein Kitzeln im Bauch und ohne, dass ich es will, stiehlt sich ein breites Grinsen in mein Gesicht.
„Glaub mir, es ist besser so. Ich bin mir nicht sicher, ob ich genug Selbstbeherrschung habe, nicht einfach über dich herzufallen. Außerdem hätte ich schneller vor dir wegschwimmen können, hätten mir deine Antworten nicht gefallen. Genauer gesagt, du hättest einfach wieder zur Party schwimmen müssen, denn ich wäre mit dem Boot auf und davon gewesen, noch ehe du das Ufer erreicht hättest.“
„Nein, du hättest mich nicht zurückgelassen. Dafür bist du viel zu anständig. Und außerdem, wer sagt, dass ich etwas dagegen hätte, wenn du über mich herfällst?“ Ich versuche verführerisch zu klingen, was mir aber kläglich misslingt. Kane kommt wieder näher und drückt mir einen sanften Kuss auf. Diesmal fehlt die wilde Leidenschaft, und trotzdem spüre ich die Berührung seiner Lippen bis in die Zehenspitzen.
„Es gibt noch etliche Fragen zu klären und ich kenne dich. Wir werden langsam machen. Immer, wenn Sarah uns aus den Augen lässt, werde ich dich küssen. Ich werde mich an dir reiben und dir einen Vorgeschmack geben, wie es zwischen uns sein wird. Und wenn du soweit bist, werden wir einen Schritt weitergehen. Aber wir werden nichts überstürzen und wir werden nichts bereuen.“ Ich kann nicht mehr tun, als zu nicken. Kane löst seine Finger von meinen und schwimmt zurück in Richtung Boot. Und während ich ihm hinterherschwimme, wird mir klar, dass er recht hat. Vielleicht wären wir etwas zu weit gegangen und ich hätte mich später damit unwohl gefühlt. Vielleicht auch nicht, aber dass er daran gedacht hat, zeigt mir wieder, was für ein außergewöhnlicher Mann Kane ist. Die letzten Monate waren schmerzlich gewesen. Die Zeit der Grübeleien ist für mich endgültig vorbei. Und wenn ich ehrlich bin, dann kann ich jetzt endlich wieder richtig atmen. Der Druck, den ich vorher nicht einmal wahrgenommen hatte, war verschwunden. Zurück blieben Vorfreude und Leichtigkeit, die mir ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern. Sehr männlich, ich weiß.