Читать книгу Es waren Habichte in der Luft - Siegfried Lenz - Страница 8
Zweites Kapitel Flugversuch
ОглавлениеErkki ging nicht gleich zum See hinunter, wo der Bürgermeister auf ihn wartete. Der Mond schien hell, Erkki konnte, als er den Marktplatz überquerte, den Posten vor dem Gefängnis deutlich erkennen. Der Posten rauchte, um die Insekten fernzuhalten. Die Gefängnismauer warf schräge Schatten.
Erkki ging langsam und dachte: ›Ich wußte gleich, daß er nicht Stenka heißt … ich wußte, daß er nie in einem Sägewerk gearbeitet hat … und auch niemals in seinem Leben in Rußland war … in Kalaa war er … an der Schule … ein Lehrer … Sprachen und Pflanzenkunde hat er uns beigebracht … er kam mir doch gleich bekannt vor … es ist ja schon einige Jahre her … aber als er die Ohrläppchen zwischen die Finger nahm … – Der Korporal ist ein Idiot … Ich werde aber nichts erzählen … Gott bewahre … eigentlich geht er mich gar nichts an … schließlich will er ja leben … von mir aus soll er leben … Der Korporal ist ein absoluter Idiot …‹
Er blieb vor einer behäbigen Hütte stehen und starrte auf ein erleuchtetes Fenster. ›Was sie jetzt wohl tun wird? Vielleicht liest sie oder arbeitet noch? Man sollte sie überraschen, man sollte in ihr Zimmer treten, wenn sie es am wenigsten erwartet. Gut!‹ Er drückte die Klinke vorsichtig hinunter und stand vor ihrer Tür. Das Schlüsselloch war zugestopft, es drang kein Lichtschein auf den dunklen Gang. »Mach doch die Zimmertür auf«, sagte er zu sich selbst, »es kann dir doch nichts dabei passieren«, und er legte seine Hand auf den Drücker. Die Tür öffnete sich geräuschlos. Vor einem eisernen Waschtisch stand ein Mädchen: halb entkleidet, lange glatte Beine, runde Schultern, kurz geschnittenes Haar, über dem rechten Ohr lief eine breite Narbe. Einen Herzschlag lang wunderte sich Erkki, daß sie ihr Haar nicht länger werden ließ, damit es die Narbe bedecke. Sie hatte die Träger des Unterkleides von der Schulter gestreift und ein Tuch um ihre Hüften geschlungen. Mit geschlossenen Augen beugte sie den Kopf über eine Emailleschüssel, tauchte einen Schwamm in das Wasser, drückte ihn aus, ließ ihn sich wieder vollsaugen und netzte dann ihr Gesicht und ihren Hals. Erkki stand wenige Schritte hinter ihr, verwundert lächelnd, reglos. Er glaubte die Seife und die Schultern riechen zu können. Seine Augen starrten auf den Flaum in ihrem Nacken, und wenn sie den Schwamm ausdrückte, konnte er den kleinen Brustansatz sehen.
Da spürte das Mädchen, daß es beobachtet wurde, und drehte sich blitzschnell um.
»Erkki!?« rief sie, und aus dem Ruf war eine sanfte Empörung herauszuhören. »Was willst du … jetzt zu dieser Zeit?« Ihre braunen Augen blickten ungläubig staunend auf den Eindringling.
»Ich will zu den Booten«, sagte Erkki langsam, »der Graue wartet auf mich, ich soll ihm das Werkzeug nachbringen. Bei dir brannte noch Licht – schämst du dich, Manja?«
»Nein. Warum? Wir kennen uns doch?« Wassertropfen liefen an ihrer Wange herab, sammelten sich am Kinn und tropften auf den Boden.
»Willst du lange bleiben, Erkki?«
Der Junge schwieg und sah sie ernst an.
»Ich bin nämlich sehr müde, weißt du. Ich habe in den letzten Tagen viel tun müssen.«
»Ich bin überhaupt nicht müde«, sagte Erkki ironisch.
»Leo erlaubte mir, fünf Tage und Nächte lang zu schlafen. Ich fühle mich wie ein Eichhörnchen bei seinem Erwachen im Frühling: etwas unsicher noch, aber prächtig ausgeruht.«
Das Mädchen streifte sich einen Mantel über, setzte sich auf die Bettkante, legte die Hände in den Schoß und blickte zu ihm auf.
»Willst du dich nicht setzen«, fragte sie.
»Ich möchte dich nicht aufhalten«, sagte er.
»Du hältst mich nicht auf«, sagte sie.
»Das sieht man«, sagte er.
»Spotte doch nicht!«
»Dazu bin ich nicht hergekommen. Ich wollte sehen, wie es dir geht und was die Arbeit macht. Hast du immer noch soviel Freude daran?«
»Natürlich«, sagte sie lakonisch und wippte mit den Beinen.
»Bekomme ich einen Kuß?« fragte er.
Sie schüttelte den Kopf.
»Und warum nicht?«
»Weil du dich über mich lustig machst. Du weißt genau, wie ich meine Arbeit auffasse.«
Erkkis Gesichtsausdruck veränderte sich. »Ich weiß«, sagte er, »wie du zu deiner Arbeit stehst. Ich habe es an mir erfahren. Wenn ich dich fragte: sehen wir uns morgen? sagtest du: übermorgen. Wenn ich dich bat, am Sonntag zu mir zu kommen, kamst du am Dienstag.«
»Na und?«
»Du findest nichts dabei. Um so schlimmer für dich. Soll ich dir sagen, was ich davon halte?«
»Ich bitte darum, obwohl ich weiß, was du zu sagen hast.«
»Jetzt spottest du über mich, Manja. Aber dieser Spott ist nicht angebracht.«
»Warum nicht?«
»Weil du keinen Grund dazu hast. Du machst dich lächerlich durch deinen Eifer für die neue Regierung. Sie haben dir etwas in den Kopf gesetzt, und du läßt dich ausnutzen. Du vergißt, daß es neben der Arbeit auch noch etwas anderes gibt.«
»Was zum Beispiel?« fragte sie herausfordernd.
Erkki hielt ihren Blick aus und sagte: »Unsere Heirat.«
Manja sah auf ihre Fußspitzen.
»Du täuschst dich«, sagte sie nach einer Weile.
»Das mag gut sein. Ich täusche mich in dir. – Sprich nicht weiter, du bist müde und willst ins Bett. – Ich komme immer mehr zu der Einsicht, daß mein Warten sinnlos war. Vielleicht ist jedes Warten im Leben sinnlos, aber ich weiß es nicht. Wenn man jung ist, hält man es nicht für möglich, daß man im Alter andere Ansichten hat. – Doch das will ich dir jetzt gar nicht sagen.«
Er wich ihren Blicken aus und sah auf die breite Narbe über ihrem Ohr.
»Hast du morgen Zeit?« fragte er nach einer Weile.
»Ich weiß es nicht. Wir erwarten morgen Besuch vom Büro.«
Da wandte sich Erkki wortlos um und ging hinaus. Die Hand, in der er den Beutel mit dem Werkzeug trug, war eingeschlafen. Sein Weg führte ihn eine nächtliche Straße hinab, an dem wie auf der Lauer liegenden Gasthaus von Roskow vorüber, über die kleine Holzbrücke und dann an dem engen Bach entlang. Auf dem häßlichen Stein saß der Mond und ruhte sich aus. Der Bach war energisch: er zwängte sich unermüdlich zwischen starken Kieferwurzeln hindurch, er riß, wenn er sich eingeengt fühlte, der Erde einen Fetzen ab, er schliff sich die Steine zurecht, damit sie seinen Lauf nicht hemmten, und diese große Mühe scheute er nicht, nur um sich einem zweifelhaften, lächerlichen Vergnügen hingeben zu können, dem Vergnügen, in einem großen See zu verschwinden, anonym zu werden und für alle Zeit ein unsichtbares Dasein zu führen.
Erkki ging schnell, um die versäumte Zeit einzuholen. Er brauchte nur dem Bach zu folgen, um an sein Ziel zu gelangen. Der Bach floß durch eine Wiese, durch die Birkenschonung, durch den Kiefernwald und vereinigte sich neben der Lichtung mit dem See. Die Boote waren aus dem Wasser gezogen und lagen, mit dem Kiel nach oben, wie schlafende, große Tiere auf dem Sand.
Erkki verharrte, als er vor der Lichtung stand, einen Augenblick im Schatten der Kiefern. Am Wasser saß ein Mann und blickte zu einer Insel hinüber, die sich im Licht des Mondes gespenstisch-fahl aus dem Wasser erhob. Eine Raubmöwe, die jemand beim Ausruhen gestört hatte, flog heiser schreiend aus dem Schilf, strich zweimal an der Lichtung vorbei, ließ sich auf einer Kiefer nieder und spähte aus rotgeränderten Augen auf den Mann am Wasser. Obwohl dieser Erkki den Rücken zukehrte, mußte er bemerkt haben, daß sich ihm jemand genähert hatte. Er sagte, ohne seinen Kopf zu wenden: »Na, komm schon her, was stehst du und siehst mir ins Genick … Ich habe dich längst kommen gehört … pünktlich bist du nicht, Erkki.«
»Ich konnte nicht früher kommen«, sagte Erkki und trat aus dem Schatten. »Ein Lehrer ist ausgebrochen. Ich wollte gerade fortgehen, als die Miliz kam. Sie haben eine Haussuchung vorgenommen.«
»So. – Hast du das Werkzeug mitgebracht?«
»Ja.«
»Die Boote müssen noch heute nacht fertig werden. Nimm dir ein Messer und kratze die Bordwände ab. Oder hast du Glasscherben da? Die eignen sich noch besser dafür.«
»Nein«, sagte Erkki, »Glasscherben habe ich nicht mitgebracht. In der Aufregung dachte ich nicht daran.«
Der Graue strich sich mit der Hand von hinten über den rasierten Schädel, ergriff ein Messer, prüfte die Schärfe der Schneide, indem er mit dem Daumen daran rieb, und ließ sich neben einem Boot mit dumpfem Laut auf die Knie nieder. Mit harten, zuckenden Bewegungen fuhr sein Messer über das Holz. Dabei verkniff er das Gesicht und fuhr mit seinem Kopf vor und zurück wie eine Eidechse mit ihrer Zunge.
Nach einer Weile fragte Erkki: »Werden sie den Lehrer fangen?«
»Ja. Vielleicht wird es nicht nötig sein.«
»Wieso?«
»Er wird sich selber fangen. Er wird Sicherheitsnetze auslegen, in denen er sich verstrickt.«
»Glaubst du daran?«
»Ich weiß es.«
Beide Männer arbeiteten schweigend weiter. Erkki dachte: ›Ich werde nichts erzählen … Gott bewahre … erstens hat er mir nichts getan … zweitens will er ja auch leben … ich wußte doch gleich, daß ich ihn schon einmal gesehen hatte … er kann einem leid tun, obwohl er ein Mensch ist … weil er ein Mensch ist … Na, wenn Leo das bemerkt, schlägt er ihn tot, und wenn er erfährt, daß ich alles wußte, geht es mir nicht besser … aber … wie will … soll … er das erfahren? Das ist ausgeschlossen.‹
Der Bürgermeister arbeitete schneller als Erkki, obschon er eine Hand ständig in Gebrauch hatte, um die Insekten abzuwehren. Während seine Rechte das Messer führte, schlug er mit der Linken auf den schweißglänzenden, muskulösen Nacken, vor die niedere Stirn, oder er griff schnell in die Luft und rieb seine Handfläche an der grauen Hose ab. Als sie fast fertig waren, sagte der Graue:
»Hast du etwas Tabak in der Tasche? Die Insekten setzen mir so zu, diese langbeinigen Giftspritzer. Ich werde ihnen Dampf in die Rüssel blasen, das wird ihnen die Lust am Angriff nehmen.«
»Ja, ich habe Tabak.«
Erkki stand auf und ging zu dem anderen hinüber, der sich ebenfalls erhoben hatte und in seiner Hand eine Pfeife hielt.
»Ist das guter Tabak?«
»Ich weiß nicht«, antwortete Erkki.
»Du weißt das nicht«, sagte der Graue lauernd. »Du weißt nicht, ob der Tabak gut oder schlecht ist? Na, gib ihn mal her.«
Er stopfte sich seine Pfeife voll. Erkki hatte unterdessen sein Feuerzeug aus der Tasche gezogen und das kleine Rädchen mehrmals bewegt, bis der Funke an den Docht gesprungen und dieser aufgeflammt war. Die Flamme schwankte und warf spaßige Schattenfiguren auf ihre Gesichter, reckte sich wild hinauf und tanzte über der schmalen Öffnung, als der Graue, plötzlich, ohne die Pfeife in Brand gesetzt zu haben, heftig dagegen blies. Die Flamme verlosch. Erkkis Mund formte sich zu einer Frage, doch der Graue gab ihm zu verstehen, indem er einen breiten, am Nagel gespaltenen Finger auf die Strichlippen legte, daß ein lautes Wort nicht am rechten Platze sei. Die Raubmöwe schrie heiser auf und erhob sich von der Kiefer. Erkki bemerkte, daß die Hand des Bürgermeisters das Messer fest umschlossen hielt.
»Ist da jemand?« zischte Erkki.
»Still«, befahl der Graue und starrte in den dumpfen, nach Harz riechenden Schatten der Kiefern. Der Morgen lauerte schon feucht hinter den Bäumen und zwinkerte auffordernd dem Tau zu, der sich gewaltsam auf das Gras und auf die Büsche stürzte. Vögel begannen in ihrer Sprache zu reden, fingen mit der ewigen Liebhaberei an oder untersuchten Blätter und Äste, ob sich nicht irgendwo ein Frühaufsteher unter den Käfern hervorwage.
Da drangen aus dem Wald Geräusche, als ob sich jemand gewaltsam durch das Unterholz fortbewegte. Das magere Knacken hinfälliger, abgelebter Äste schlug an die Ohren der beiden Männer. Einen Augenblick lang dachte Erkki, daß es vielleicht Stenka, der Lehrer, sein könne, der die Nacht dazu benutzte, um sich unbemerkt aus Pekö zu entfernen. Die Geräusche wurden immer deutlicher. Plötzlich fuhr sich der Graue mit der Hand von hinten über den rasierten Schädel und lachte laut auf: aus dem Schatten war ein sonderbarer, in eine völlig zerrissene Pelzjacke gekleideter Mann auf die Lichtung getreten. Blätter hatten sich an seiner Kleidung festgesetzt. Um den Pelz zusammenzuhalten, hatte der Eigentümer in Bauchnabel- und Brusthöhe eine Schnur um den Körper gewunden. Unter der Schnur waren mehrere fette Kalmuswurzeln eingeklemmt, die frisch gepflückt schienen, denn das Wasser tropfte noch von ihren Spitzen auf den Sand der Lichtung. Der Kopf war klein und in strähniges Haar eingewickelt. Die linke Hand war zur Faust geballt, in der rechten trug er zwei große, braune Vogelfedern.
Erkki sah ungläubig auf diese Erscheinung. Er schüttelte in großer Verwunderung seinen Kopf.
Der Graue verschluckte ein heiseres Lachen und fragte halblaut: »Kennst du ihn nicht?«
»Nein.«
»Das ist der Petrucha. – Er ist wahnsinnig. Er könnte einem, wie er so dasteht, einen Schrecken einjagen. Früher soll er Mönch gewesen sein. Jetzt lebt er hier am See in einer Schilfhütte. Er ist schon eine Ewigkeit lang auf der Suche nach seinem Bruder. – He, Petrucha! Komm näher!«
Der Graue nahm Erkki das Feuerzeug aus der Hand, setzte seine Pfeife in Brand, schlug die Beine übereinander, lehnte sich gegen den Rumpf eines Bootes und lächelte.
Der Wahnsinnige ging langsam auf die Männer zu. Vor dem Teereimer blieb er stehen, schnüffelte, indem er sich darüber beugte, steckte einen Finger in die schwarze Masse und wischte ihn wieder an seinem Pelz ab. Dann tauchte er die beiden Vogelfedern ein und klebte sie sich an die Stirn. Seine Augen flackerten unruhig in ihren Höhlen. Als er sich noch einmal versichert hatte, daß die Federn fest an seiner Stirn klebten, kletterte er auf ein Boot, riß eine Kalmuswurzel heraus, biß davon ab und sagte mit einer merkwürdig heulenden Stimme:
»Meine Herren! Alle Menschen sind gewaltige Vögel! Sie brauchen nur den Kopf, meine Herren, dranzubehalten und über die Wolken zu erheben, dann seid Ihr beide, meine Herren, Drossel, Krähe oder Storch!«
Ein greller, heulender Ton stieß zwischen den Barthaaren aus seinem Munde hervor, dann sprang er, mit den Armen die Gebärde des Fliegens andeutend, auf den Sand. Bei seinem Aufprall hörten die Männer ein gläsernes Klirren. Der Alte stand auf und bewegte sich, an der Kalmuswurzel kauend, langsam auf Erkki zu.
Er sagte: »Mein junger Herr! Gestern vormittag traf ich den Frühling. Er stand vor einer Bank und spaltete schon Trockenfleisch für seine Winterreise. Wenn man jung ist, soll man Reisen machen – iiiih!«
Erkki erschrak, als der heulende Ton dicht an seinem Ohr hervorgestoßen wurde. Er mußte an Stenka denken.
Der Graue zog an seiner Pfeife und grinste. Er versperrte mit seinen Schuhsohlen einem grünglänzenden Käfer den Weg. Als das Tier zurückkriechen wollte, trat der Bürgermeister mit dem Absatz darauf.
Petrucha beugte sich hinter Erkki, wo auf einem Boot ein Messer und ein Hammer lagen.
»Kratzen«, sagte er dann auf einmal, »kratzen, kratzen. Messer gehören in die Brust oder zum Brot. Mit Glas kratzt man, hier.«
Er faßte mit der Hand in einen Beutel, den er hinter dem Rücken hervorholte, und brachte eine Axt, Büchsen, Lappen, Federn und einige Glasscherben zum Vorschein. Er reichte hastig Erkki die Scherben hinüber.
»Zum Kratzen«, heulte er und stopfte das andere Zeug wieder in den Beutel. Der Graue nickte und murmelte:
»Hübsch, ganz hübsch.«
Da drehte sich der Alte plötzlich um, reckte seinen kleinen Kopf aus den Schultern heraus, sog, während seine Nasenflügel zitterten, die Luft ein, gierig, als ob sich ein Hungernder von der Luft sättigen wollte. Dann kreischte er:
»Der Wind ist abgereist. Jetzt können die Boote ins Wasser; sie werden euch nicht riechen auf der Insel. Die Mönche, die bärtigen Könige! Fahrt hinüber zu ihnen! Sie wollen wie der da« – er schaute auf den Himmel – »in reiner Luft leben, in weißer, göttlicher Luft. Aber sie denken nicht daran, daß kein Mensch in dieser sauberen, gläsernen Luft leben kann. Da muß man sterben wie ein Fisch auf dem Sand. Diese Luft ist nur für ihn gemacht … iiiih!«
Er sah den Grauen an und kicherte:
»Du siehst schon so aus, als ob die Revolution deine Geliebte wäre; ein fettes Weib …«
Der Bürgermeister preßte den Finger mit dem gespaltenen Nagel auf die schmalen Lippen und sah den Wahnsinnigen mit einem harten Blick an. Plötzlich schrie er:
»Hör auf, du bärtiger Idiot, halte dein Maul, sonst werde ich dich an deinen Haaren aufhängen. Dann kannst du zappeln wie ein angepflockter Frosch.«
Der Alte blickte ängstlich-lauernd auf den Grauen. Als er merkte, daß es nur bei der Drohung blieb und man ihm nichts tun wollte, ging er mit kleinen Schritten zu Erkki hinüber und stellte sich dicht vor ihn hin. Wie um sich zu besinnen, schloß er die Augen und begann kindisch mit seinem kleinen Kopf zu wackeln, bis er, die Lider wieder hebend, seine Hand ausstreckte und Erkkis rötliches, sich kräuselndes Barthaar zu streicheln begann.
»Junger Bart«, sagte er, seine heulende Stimme zitterte wie eine defekte Sirene. »Heimliche Geschichten sind in den Bärten, schützen vor Sonnenbrand, nicht?«
Der Graue zog wieder an seiner Pfeife und lächelte.
»Du mein Jesus«, sagte der Alte, »einen Bart kann man nicht ausziehen wie ein Hemd, der sitzt einem immer an der Kehle, wenn man sie nicht durchschneidet. Du mein Jesus, die Nacht schaukelt auf den Zweigen.«
»Hübsch«, kicherte der Graue, »er ist wahnsinnig, aber das war hübsch.«
Erkki stand ruhig da und ließ den Alten gewähren, der ihm mit der Hand über den Bart strich.
Petrucha sagte: »Du bist jung, woher kommst du? Roch dein Vater nach Zwiebeln, ja?«
»Ich bin in Kalaa geboren«, antwortete Erkki und trat einen Schritt zurück.
»So, in Kalaa; das war ein guter Einfall von dir, in Kalaa zur Welt zu kommen. Dein Vater war wohl ein Kirchturm?«
Erkki biß die Zähne aufeinander und machte eine ungeduldige Kopfbewegung. Der Alte war ihm lästig.
»Starb dein Vater an der Schwindsucht? Du mein Jesus, wenn jemand an der Schwindsucht stirbt, dann ist er so dünn wie ein Grashalm.«
Erkki blickte schweigend auf die Stirn des Mannes und dachte: ›Er fiebert, er ist krank, man sollte ihn in ein Spital bringen.‹
Der Bürgermeister drückte seinen Körper vom Boot ab, indem er den Rücken krümmte, und ging, das Messer in der Hand, zu Petrucha. Er sagte:
»Hör auf mit diesem dämlichen Geplapper – wenn deine Mutter das hörte, sie würde sofort von der Gicht geplagt werden. Hast du noch eine Mutter?«
Der Alte schwieg ängstlich und blickte in den Sand.
»Ob du noch eine Mutter hast?«
»Nein.«
»Genau so siehst du aus. Wer eine Mutter hat, besitzt ein halbes Vermögen. Hast du noch eine Mutter, Erkki?«
Erkki schüttelte den Kopf.
»Ich habe auch keine mehr«, sagte der Graue grinsend. »Sie überließ mich mir selbst, als ich geboren wurde. Ich weiß nicht einmal, wie sie aussah …« Er zerdrückte ein Insekt und wischte die Hand an der Hose ab.
»Glaubst du, daß dein Bruder noch lebt?«
Petrucha nickte.
»Er lebt noch«, heulte er, »er hält sich versteckt hinter Häusern, hinter Bäumen, hinter Sträuchern. Er lebt mit den Sträuchern.«
»Was will er von seinem Bruder«, fragte Erkki den Bürgermeister leise. »Warum sucht er ihn?«
»Warum suchst du eigentlich deinen Bruder?« fragte der Graue laut den Alten. »Was willst du von ihm?« Er wischte sich mit der Hand von hinten über den rasierten Schädel.
Der Alte unterdrückte ein Rülpsen, blickte auf seine schmutzigen, aufgerissenen Hände und erzählte, während seine Augen flackerten: »Als ich wegmußte, für zwölf Jahre, da sagte ich dem Bruder: Du könntest meiner Frau helfen. Sie ist allein, so allein wie ein Habicht, hihihi … Ich hatte damals gerade geheiratet. Mein Bruder zog zu der Frau, um ihr zu helfen. Das erfuhr ich aber erst, als ich schon fort war. – Ich war weit fort. Hinter dem Buckel der Welt. Aber meine Axt blieb zu Hause, die durfte nicht mit …
Als ich zurückkam, wollte ich meiner Frau eine gelbe Schüssel mitbringen. Du mein Jesus, eine neue Schüssel … Die ist jetzt kaputt!«
»Warum ist die Schüssel kaputt?« fragte der Bürgermeister belustigt.
»Ich habe sie zerschlagen. Die Schüssel mußte sterben, meine Herren. Sie zersprang ohne großen Lärm. Plrrrr machte sie nur … Als ich zurückkam und in die Küche ging, da saß ein kleines Mädchen neben meiner Frau am Herd. Der Winter wird ihr das Kind nicht gebracht haben, dachte ich, der Winter bringt keine Kinder. ›Woher hast du das Mädchen?‹ schrie ich sie an. ›Von wem ist es?‹ Das Kind sah mich an und weinte. Die Frau jammerte: ›Von deinem Bruder!‹« …
»›Wo ist mein Bruder?‹ schrie ich. ›Ich weiß es nicht‹, sagte sie. Da warf ich die Schüssel. Sie machte bestimmt nur pllrrrr, meine Herren. Ich wollte die Frau treffen, aber die trat zur Seite, und die Schüssel zersprang am Herd. Du mein Jesus, dicht am Kopf des kleinen Mädchens zersprang die Schüssel; ich sah noch, wie Blut über das Ohr lief. Schönes Blut. Es war nicht grün, es war rot. Rot wie die Augenränder der Raubmöwe.«
Der Graue lächelte:
»Und seitdem suchst du deinen Bruder, den Holzschiffer?«
Petrucha nickte und zog seine Axt aus dem Beutel. Plötzlich heulte er auf und lief watschelnd in den Wald zurück, während das Lachen des Bürgermeisters ihn verfolgte.
»Er ist wahnsinnig«, sagte der Graue nach einer Weile, »er ist vollkommen verrückt.«
Erkki atmete hastig; die heulende Stimme des Alten klang noch in seinen Ohren.
Das Morgengrauen wagte sich hervor, es war wie ein lautloser Angriff auf die Nacht. Die Nacht war wie ein Käfig ohne Ventilation. Das Morgengrauen schien Frischluft zu bringen.
»Wir wollen gehen«, sagte der Graue. Er wartete, bis Erkki das Werkzeug zusammengesucht hatte, und starrte zur Insel hinüber.
»Ob Roskow seinen Laden schon offen hat?«
»Ich glaube schon, er wird heute kaum geschlafen haben.«
»Warum?«
»Die Miliz hat ihm die Tür eingeschlagen.«
Der Bürgermeister grinste. »Um so besser. Dann kann ich mir gleich einen Schnaps holen. Hübsch, ganz hübsch!«
Sie gingen am Bach entlang nach Pekö zurück. Als sie auf der kleinen Holzbrücke vor Roskows Gasthaus standen, war es taghell. Der Graue klopfte seine Schuhe am Geländer ab. Dabei fiel der Dreck in den Bach. Erkki sah ihm zu.
»Am leichtesten kann sich der Mensch von seinen Fesseln befreien«, zitierte der Bürgermeister. Das hatte er irgendwo aufgeschnappt. Dann ging er zum Gasthaus hinüber und blieb unter einem gelben Emaille-Plakat stehen, auf dem eine Bierfabrik im Westen die Qualität ihres Getränkes anpries. Ein fetter Fünfzigjähriger mit blanker Stupsnase und gekämmtem Bart setzte gerade ein Glas an. Über das Schild lief eine Spinne. Der Graue wischte sie herunter und trat mit dem Absatz darauf.
»Willst du nicht mit hineinkommen, Erkki?« fragte er.
»Nein, Leo erwartet mich sicherlich schon.«
An einem Fenster tauchte Roskows Kopf auf. Er betupfte mit einem Tuch seine Bartflechte und sah auf den Bürgermeister hinab. Als er bemerkte, daß dieser zu ihm hereinkommen wollte, verschwand er vom Fenster. Erkki befreite seine Schuhe von Erde und Lehm und ging allein weiter. Er brauchte niemand zu grüßen, denn um diese Zeit ließ sich kein Mensch auf der Straße sehen. Die Sonne kündigte sich bereits an, ihre ersten Strahlen schienen ihm auf den Rücken. Vor dem Gefängnis standen zwei Posten: einer knabberte an seinen Nägeln, der andere rauchte und umarmte sein Gewehr. Erkki blickte schnell hinüber zu den kleinen, vergitterten Fenstern; hinter manchen brannte noch eine zuverlässige elektrische Birne. In ihrem Licht bewegte sich dann und wann eine Gestalt. Aus der Entfernung sahen die Köpfe sonderbar aus, als ob sie präpariert worden wären, wie Schrumpfköpfe, die von manchen Wilden als Andenken an ihre Gegner aufgehoben werden. Als er den riesigen, braunen Schlüssel umdrehte, klackte es wieder. Die Tür zum Blumenladen war abgeschlossen. Demnach mußte Leo noch schlafen. Erkki fühlte sich totmüde. Er warf den Beutel mit dem Werkzeug vor den grünlichen, halbblinden Spiegel und stieg langsam die ächzende Treppe hinauf. Plötzlich prallte er zurück. Die Witwe war lautlos aus ihrem Zimmer getreten und hinderte ihn, die letzte Stufe zu nehmen. Offenbar hatte sie vergessen, die obere Hälfte ihres Kattunkittels zu schließen. Sie versperrte mit ihrem Körper den Weg und beugte sich zu Erkki hinab. Sie stützte sich mit einer Hand auf das Geländer und mit der anderen gegen die Wand. Ihre nackten Füße steckten in ausgetretenen Filzlatschen.
»Ach, du bist es, Erkki«, winselte sie werbend und schob ihr Gesicht nah an das seine heran. Er sah sie gleichgültig an.
»Was hast du eigentlich gegen mich«, fragte sie leise. »Verachtest du mich vielleicht?«
»Vielleicht.«
»Warum bloß? Um alles in der Welt, was habe ich dir denn getan? Komm, erzähl mir, was du gegen mich hast.« Sie gab den Weg frei.
»Wenn ich nicht so müde bin und etwas mehr Zeit habe«, sagte Erkki, ließ sie stehen und verschwand in seiner Kammer. Das Fenster stand offen, Stenka lag mit verschränkten Armen auf dem Bett. Er atmete unregelmäßig und zuckte mit der Oberlippe, um eine Fliege zu verjagen. Die Fliege setzte sich auf den Spiegelscherben und kehrte nach einer Weile wieder zurück. Aus Stenkas Tasche war ein broschiertes Buch herausgefallen. Erkki buchstabierte: D.e.u.t.s.c.h.e G.r.a.m.m.a.t.i.k u.n.d S.p.r.a.c.h.l.e.h.r.e – Er schob das Buch vorsichtig in die Tasche des Schlafenden zurück und dachte: ›Von mir hat er nichts zu befürchten … um Gottes Willen … er hat mir ja nichts getan.‹
Nebenan begann die Witwe unterdrückt zu weinen.
Stenka schlug die Augen auf und sah Erkki verwirrt an. Dann richtete er sich mühsam auf und lächelte:
»Du bist ja beinahe die ganze Nacht fortgewesen«, sagte er. »Willst du dich jetzt hinlegen?«
Erkki schüttelte den Kopf.
»Natürlich mußt du jetzt schlafen, du mußt sehr mü-
de sein. Ich stehe auf.« Er erhob sich und trat an das Fenster.
»Wo Leo nur bleibt?«
»Er ist fortgefahren«, sagte Stenka, »noch gestern abend.«
»Wohin?«
»Nach Kalaa.«
»Nach Kalaa?« Erkki glaubte, der Mann würde unsicher werden bei diesem Wort. Er stellte sich vor, daß an allen Holzwänden in Kalaa Aufforderungen zur Ergreifung des Lehrers klebten. Stenka nahm sein Ohrläppchen zwischen die Finger. Einige Wildtauben flogen am Fenster vorüber. Erkki ärgerte sich über die Sicherheit dieses Mannes. Er sagte: »Der Lehrer wurde noch nicht gefangen. Er scheint schlau zu sein, schlauer jedenfalls als die meisten von ihnen. Ich bin gespannt, wann sie ihn bekommen. Daß sie ihn bekommen, ist gar keine Frage, fragt sich nur, wann …«
»Was werden sie mit ihm tun?«
»Aufhängen«, sagte Erkki und erschrak über die Unmittelbarkeit seiner Antwort, »bestenfalls erschießen.«
»Weißt du das genau?«
Er nickte. – Stenka wandte sich vom Fenster ab und zog seinen Karton hervor. Auf der Straße bellte ein Hund.
»Was willst du tun? Willst du gehen?«
»Nein. Ich will meine Uhr in den Karton legen. Wenn man auf das Mitgefühl der Zeit angewiesen ist, braucht man keine Uhr. Ich habe noch nie Uhren leiden können.« Er zitterte vor Kälte.
»Du sprichst wie ein Lehrer«, sagte Erkki mit zynischem Lachen. »Du sprichst wie ein Lehrer von seinem wackligen Katheder.« Seine Augäpfel traten weit hervor. »Ich wollte, sie fingen ihn noch heute. Dann würde ich mir einen guten Platz am Galgen besorgen. Ich würde den Platz sogar bezahlen. Lehrer sind die gefährlichsten Kreaturen, hier, auf dieser Welt. Sie haben die Menschen völlig in ihrer Hand; sie können sie aufhetzen und verblöden lassen. Wer jung ist, läßt sich immer beeinflussen, und …«
Stenka stand halbgebeugt da und beobachtete ihn wie ein wachsamer Hund.
» … und die Eltern müssen ihre Kinder selber erziehen.«
Er spuckte zum Fenster hinaus. »Wenn sie ihn heute fangen, ich besorge mir einen guten Platz. Das steht fest. Man sollte der Miliz helfen, ihn zu finden.«
Es herrschte einen Augenblick Stille. Über dem Garten schwebte ein Habicht wie ein in der Luft befestigtes Staubtuch.
»Außerdem«, sagte Erkki etwas leiser, »könnte man zu etwas Geld kommen, wenn man ihn an den Galgen lieferte.«
Er zog den Spiegelscherben vom Nagel herunter und säuberte ihn an seinem Ärmel. Stenka öffnete seinen Karton und legte die Uhr hinein. Er spürte, daß diese Worte nicht echt gewesen waren. Was sollte er tun? Wenn er fortginge: sie hätten ihn in spätestens vier Stunden eingefangen. Er dachte an seinen Freund in Kalaa, mit dem er zusammen auf dem Seminar gewesen war. Ob er es wohl wagte, ihn noch einmal zu verstecken? Von ihm hatte er den Karton bekommen und die schäbige Kleidung. »Du mußt schäbig aussehen, wenn du nicht verdächtigt werden willst«, hatte sein Freund gesagt. Aber der hatte leicht reden, man ließ ihn ungeschoren, weil er der Partei angehörte.
Erkki sagte plötzlich: »Hast du keine Angst? – Du bist doch ein Lehrer?«
»Nein, ich bin kein Lehrer. Ich sagte dir, daß ich in einem Sägewerk gearbeitet habe.«
»In einem Sägewerk, oh, natürlich. In einem Sägewerk; beim Borken verschwinden ja die Schwielen. Ich dachte im Augenblick nicht daran. Wie konnte ich vergessen, daß man an der Kreissäge so viel Zeit hat, die deutsche Sprache zu lernen!«
Sie schwiegen.
Von der Witwe nebenan war nichts zu hören.
Der Habicht flog zu den Kiefern hinüber.