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KAPITEL 2

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Mit einem neuen Bier in der Hand betrat ich den Konzertsaal und setzte mich in eine der hinteren Reihen. Hier schien wirklich einmal ein Kino gewesen zu sein: die Sitzreihen fielen zur Bühne hin ab; die Wände und Sitze waren mit Samt bespannt; links hinter mir kippte ein braun gealterter Lautsprecher krächzende, knirschende Laute über mich wie eine Kohlen-Schütte.

Leute rauchten. Ich steckte mir eine an.

Viele Plätze waren leer.

Das Licht wurde gedimmt und die Musik setzte ein. Eine Band spielte auf der Bühne, da wo früher die Leinwand des Kinos gewesen sein musste. Verschiedene Instrumente lagen dort herum, wie verstreute Kleidungsstücke.

Ich schrieb: amerikanischer Einfluss, Chicago, Jazz, Blues, L.A. Rock etc. blabla. Aber ich ließ Block und Stift sinken, als die Stimmen einsetzten und von diesem Moment an war ich gefangen, herumgeworfen, purzelnd in einer Welt ohne Worte.

Freita dirigierte vom Schlagzeug aus. Die Sänger standen im Publikum (interessant, aber überflüssig); sie sangen korrekt, natürlich, erfrischend. Endlich sang Freita selbst. Ich war wie vom Blitz gerührt: wie sie kletterte, sprang, auf einer Welle ritt, die sie irgendwo aus diesem jungen, schlanken Frauenkörper rausholte, unklar woher. Ich war nackt, meine Kleidung und meine Haut hatte sie mir abgestrichen. Und doch schwitzte ich, schwitzte wie ein Schwein; meine Nerven, Augen, Gehirn, alles arbeitete schwer; meine Finger krallten sich in das Polster. Ich fühlte mich so geliebt, geküsst und geschlagen.

Sie leitete in eine Ballade über und eine wohlige Entspannung wie Opium kam über mich. Ich konnte genießen, ich erkannte mit Klarheit: welche Erfindungsgabe, keine Note roch modrig, mühselig, abgestanden oder hübsch. Ich jauchzte und schrie: keiner drehte sich nach mir um. Wir alle waren in ihrem Bann und sie nahm keine Gefangenen. Ich schüttelte den Kopf, Schweißtropfen flogen, wie wenn ein nasser Hund sich schüttelt: ja, das war ich: ein nasser Hund, verdammt.

Und sie: der Arschloch-Engel schlechthin. Sie war kalt, sie tat weh, sie war Genie, sie war original: keine Sopran-Diva aus Tränen gewaschenem Porzellan, keine vor Gefühl triefende und klebende Soul-Mama. Sie war ein Rätsel vor Gott, sie war die Essenz des Blutes, sie war der Fluch des Uralten, auf uns arme Seelen geworfen, da wir vergessen hatten.

Und jetzt kommen mir diese Worte wie milchiger, schlaffer Abglanz vor; ich kann es nicht wieder erwecken. Ich kann die Symbole nicht deuten; die Sprache, sie öffnet sich mir nicht weit genug; ich kann nicht so tief blicken in meine Kunst, wie sie es konnte in ihre. Vor allem aber sind diese Wörter tot, bewegungslos – und ich schwöre: das damals lebte. Es war da. Was es wollte, war klar. So habe ich es nie wieder erlebt.

Nach dem Konzert saß ich noch lange auf meinem Platz, ausgestreckt, Wörter suchend, Wörter schmeckend; verwirrt wie nach jedem großen, ersten Mal, ergeben in völliger Ruhe. Jetzt stört mich noch nicht, jetzt, dieser seltene Friede, so süß …

Freita stand neben mir, wie vom Himmel gefallen.

»Na, war ᾽ s gut?«, sagte sie.

»Keine voreiligen Schlüsse«, sagte ich. »Ließ den fertigen Artikel.«

Ihre Wangen flackerten leise. Sie roch nach Duschbad. Ich roch wie ein zwei Monate altes Fußhandtuch. Plötzlich riss sie mir Block und Stift aus der Hand und schrieb hastig.

»Ruf an, wenn du fertig bist«, sagte sie, mir beides zurückgebend. Dann ging sie fort. Ich sah ihr nach. Au revoir, Chérie.

Ich saß da, hin und wieder Fetzen von Gedanken notierend. Zeit verging.

Vor der Bühne tauchte ein Männlein auf, schlank, bebrillt.

»Wir würden dann gerne mal Schluss machen«, rief es.

»Ist gut«, sagte ich aufstehend, meine Bierflasche umstoßend. Fluchend hob ich sie auf: Schaum ergoss sich aus ihr wie Magma. Ich vollzog einen kurzen Fellatio mit der Flasche, saugte den Schaum ab. Ich hatte tatsächlich vergessen zu trinken, verdammt.

Beim Rausgehen verabschiedete ich mich im Foyer von meiner Ecke. Auf den Stufen vorm Eingang blieb ich stehen, atmete tief in der milden Nachtluft, Hände auf die Hüfte gestemmt.

Was für ein Götterstreit!

Und Pierretot: bist du Sieger? Oder: Remis? Pha, Remis! Pierretot, steh nicht zurück. Du bist jetzt am Zug, du Freund der Wörter, du Meister der Wörter, Vater so unzähliger, brillanter – Vater … ja, du bist Vater einer Tochter, stimmt. Was machst du hier? Deinen Job? Nun, der ist getan.

Ich ging zur Bushaltestelle, sah auf die Uhr meines Mobiltelefons: 0.57 Uhr! Verdammt, die letzte Bahn war weg. Ich besaß kein Ticket, was ich dem Busfahrer hätte zeigen können. Mein Geld war für das Bier und die Eintrittskarte draufgegangen. Taxi kam also auch nicht in Frage. Man könnte sich ja zur Bank aufmachen und … ach, drauf geschissen.

Ich rollte mir eine Zig und begab mich auf den Heimweg – zu Fuß, rauschend vor Gedanken, brennend vor Wörtern.

Ein bedeckter Himmel zeigte mir seinen Arsch, aber ich sah nur eine einzige Vagina darin.

Das Lachen des Pimmel-Gottes

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