Читать книгу Diese schrecklich schönen Jahre - Susanne Frohlich - Страница 4
2 Ballaststoffe
ОглавлениеBeschäftigt man sich mit der Wechseljahrliteratur, dann müssten wir so lange „Hurra!“ oder „Juchhe!“ schreien, bis sich die Nachbarn beschweren. Überall werden wir aufgefordert, uns ein Loch in den Bauch zu freuen, bloß weil wir „endlich“ über 40 oder 50 oder 60 sind. Klar, an sich ist es schon mal schön, überhaupt älter werden zu dürfen. Ein unglaublich großes Glück, das wahrlich nicht allen vergönnt ist. Schaut man sich so um (und in den Spiegel) und hat gerade keines dieser fiesen Stimmungstiefs, die einem die Wechseljahre bisweilen auch bescheren, können vermutlich 99 Prozent von uns sagen: Ja, gar nicht so übel – mein Leben und ich. Meine Familie. Mein Job. Meine Kinder. Sogar ziemlich super. Wenn man es recht bedenkt. Sollte es hier und da etwas zu korrigieren geben, wäre man ja außerdem noch fit genug, das ein oder andere zu ändern. Auch darüber muss man sehr froh sein.
Einerseits. Andererseits ist das Leben in der Mitte nun auch wieder nicht so dufte, wie dauernd behauptet wird. Nicht so jedenfalls, als hätte man einen dicken Joint geraucht, noch ein paar Stimmungsaufheller eingeworfen und ein Date mit George Clooney im Kalender stehen. Das Älterwerden, das muss auch gesagt werden, hat ein paar echt üble Begleiter. Das hier soll wahrlich keine Anleitung zu „Depressionen leicht gemacht“ sein. Aber ich dachte, es wäre erstens nicht ehrlich und zweitens nicht fair, die dunklen Seiten dieser Lebensphase auszusparen. Das braucht man den meisten gar nicht erst zu sagen. Jede von uns steckt sowieso schon gerade mit einem oder mit beiden Beinen drin – in einem alterstypischen Schlamassel. Dann will man auch mal traurig sein dürfen und nicht dauernd gesagt bekommen, dass diese Heimsuchung, die man gerade erlebt und für die man Gott am liebsten eine knallen würde, in Wahrheit nur eine echt tolle „Herausforderung“ ist, die man mit Freude annehmen soll. Nein, man muss unbedingt auch mal aus Leibeskräften „ScheißeScheißeScheiße!“ brüllen dürfen, anstatt sich immer anhören zu müssen „Alles wird gut!“. Einfach, weil eben nicht alles gut wird.
Ein Unglück kommt selten allein
In der Mitte des Lebens häufen sich ja die Hiobsbotschaften: Man erlebt im Bekanntenkreis oder in der Familie oder selbst die ersten schweren Krankheiten. Der Mann einer Kollegin hat Prostatakrebs, den er vermutlich nicht überleben wird. Eine Freundin hat wegen einer besonders aggressiven Brustkrebserkrankung ein ganzes Jahr Chemo und Bestrahlung hinter sich. Die nächste, elfengleich schmal, hat aus Gründen, die bislang kein Arzt eruieren konnte, den Bluthochdruck eines stark übergewichtigen Rauchers mit Alkoholproblemen. Und dann Helga, die gerade wieder einen üblen Multiple-Sklerose-Schub hatte und seitdem im Rollstuhl sitzt.
So langsam bekommt man eine Ahnung davon, wie unfassbar böse das Schicksal sein kann und wie schnell es mit einem Leben, in dem bislang die größte Sorge darin bestand, ob man zu dick sei, zu Ende gehen kann.
Dazu müssen wir uns jetzt nicht nur mit der eigenen Hinfälligkeit auseinandersetzen, sondern auch und vor allem mit der unserer Eltern. Da hat das Leben ein wirklich mieses Timing: wenn die Mutter plötzlich eine aussichtslose Krebsdiagnose erhält. Wenn sich die ersten Anzeichen einer Demenz zeigen oder wenn einfach ein Oberschenkelhalsbruch die Lebenskoordinaten nicht nur der Eltern komplett durcheinanderbringt. Es ist hart zu erleben, wie einstmals unangefochtene Autoritäten nun hilfsbedürftig werden – obwohl sie selbst das meist entschieden anders sehen. Ausgerechnet jetzt, wo man endlich durchatmen und einmal nur an sich denken könnte, sollen wir schon wieder Verantwortung übernehmen. Bisweilen für Menschen, zu denen man lieber auf Abstand geblieben wäre.
So wie Marianne. „Meine Mutter und ich hatten immer ein schwieriges Verhältnis. Sie ist unglaublich ichbezogen. Immer nur mit den eigenen Problemen beschäftigt. Als mein Vater noch lebte, war das okay. Er hat sie mit Freuden auf Händen getragen und ihren Narzissmus bedient. Seit er vor zwei Jahren gestorben ist, erwartet meine Mutter nun von mir, dass ich das übernehme. Dass ich rund um die Uhr nur für sie zur Verfügung stehe. Für all die Banalitäten, die sie so umtreiben und die selbstverständlich immer vor allem anderen kommen. Ich hatte letztes Jahr eine schwere Zeit im Job und wusste eine Weile nicht, ob ich meine Stelle behalten würde. Hat sie nicht interessiert. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn sie ein echter Pflegefall würde. Die Vorstellung, sie zu mir zu nehmen, ist der Horror. Aber ich könnte es auch nicht übers Herz bringen, sie in ein Pflegeheim zu geben. Ehrlich, ich hoffe, dass meine Mutter eines Tages einfach tot umfällt.“
Eltern allein zu Haus
Lutz, ein Nachbar, erzählt, wie sein Vater ihm ganz andere Probleme macht: „Er kapselt sich ab, seit meine Mutter gestorben ist. Hockt den ganzen Tag vor dem Fernseher, trinkt Bier und raucht. Manchmal finde ich ihn sturzbetrunken in seiner total eingesauten Wohnung. Ausgerechnet dieser früher so wahnsinnig korrekte Mann, der ausgerastet ist, wenn er heimkam und es war nicht alles tipptopp ordentlich. Ich kann kaum arbeiten, weil ich mir solche Sorgen mache, dass er irgendwo eine Zigarette fallen lässt und in seiner Bude verbrennt. Am liebsten würde ich ihn in einem Seniorenwohnheim unterbringen. Aber er flippt total aus, wenn ich ihn darauf anspreche.“
Jeder hat nun sein eigenes Eltern-Päckchen zu tragen. Da ist der 86-jährige Vater eines Kollegen, der meist ziemlich durcheinander ist und trotzdem immer noch mit seinem Wagen über die Autobahn 100 Kilometer weit zu einem alten Schulfreund fährt. „Er will partout nicht seinen Führerschein abgeben. Ich würde ihn am liebsten entmündigen lassen. Am besten noch bevor er ein paar Unschuldige unter die Erde gebracht hat“, sagt sein Sohn und tut es natürlich doch nicht. Wir haben schließlich Respekt vor unseren Eltern und dann doch wieder nicht. Einfach weil sie sich manchmal bockig wie ein Dreijähriger benehmen. Was Christine erzählt, ist typisch: „Die Küche meiner Mutter ist voller verschimmelter Lebensmittel. Alles ist klebrig, staubig. Sie sieht einfach nicht mehr so gut und es fällt ihr zunehmend schwer, alles in Ordnung zu halten. Aber sie will auf keinen Fall, dass ich in ihrem Haushalt mithelfe. Sie sagt: ‚Noch bin ich kein Pflegefall!‘ “ Es ist auch dieser ganz normale schleichende Abschied, der einen als sehr teilnehmenden Beobachter fertigmacht. Wenn man merkt, dass den Eltern der Haushalt über die ergrauten Köpfe wächst, wenn sie plötzlich nicht mehr wissen, was sie eben gesagt haben, wenn sie misstrauisch werden oder aggressiv oder ängstlich. Wenn sie nur noch vor dem Fernseher hocken. Wenn sie ihre ganze Rente auf Kaffeefahrten in nutzlose und überteuerte Dinge stecken.
Obwohl sicher immer mehr Männer ihre Eltern versorgen, gehört „Elternkümmern“ hauptsächlich zu den weiblichen Pflichtfächern. Das beginnt bei Anrufen, Besuchen, gelegentlichem Einkaufen, Putzen und Unterhaltung und endet bei der häuslichen Pflege oder dem Organisieren eines Heimplatzes, der gut genug ist, um einem nicht lebenslang ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Und auch das kommt noch obendrauf auf all das Elend: dass wir in unseren alten Eltern wie in einer Glaskugel unsere gar nicht mehr so ferne Zukunft sehen.
Was tun, wenn Vater oder Mutter zum Pflegefall wird?
Sich so viel Hilfe suchen, wie man bekommen kann. Hartnäckig auch bei den Geschwistern (vor allem den Brüdern) Unterstützung einfordern.
Alles, was Ärzte, Pflegedienste, Kranken- und Pflegekasse oder Pflegeheime entscheiden, was sie ablehnen oder wovon sie behaupten, es so und nicht anders tun zu müssen, hinterfragen und gründlich prüfen. Fall nötig auch mit juristischer Hilfe. Keine Angst vor Autoritäten. Selbst wenn sie einen weißen Kittel tragen. Die Annahme, dass das mit Fehlerfreiheit einhergeht, könnte fatal bis tödlich sein.
Jedem erzählen, in welcher Situation man sich befindet. So sammelt man wertvolle Informationen.
Egal, wie eng der Zeitplan ist – unbedingt für Ausgleich sorgen: Mindestens zwei Mal die Woche joggen, spazierengehen, Yoga oder Ähnliches. Regelmäßig kulturelle Veranstaltungen besuchen und Freunde treffen.
Sich klarmachen: Dass Eltern sterben, lässt sich nicht verhindern. Aber man kann sehr viel dafür tun, noch ein paar schöne gemeinsame Erfahrungen zu sammeln. Sogar mit jemandem, der voll bettlägerig ist.
Die Abrechnung
Es gibt noch eine weitere typische Eltern-Kind-Krise in den mittleren Jahren: Wenn kurz vor Schluss noch einmal abgerechnet wird. All die unverarbeiteten Verluste und Kränkungen der Kindheit, mit denen manche einfach nicht abschließen können. Keine Seltenheit. Und längst nicht bloß in Familien, die ausreichend Stoff für einen weiteren Charles-Dickens-Roman abgeben würden.
Allein in meinem erweiterten Bekanntenkreis gibt es gleich mehrere Fälle, in denen erwachsene Frauen ihren Vater oder ihre Mutter oder gleich beide kurz vor dem Ende noch einmal zur Rechenschaft ziehen und reinen Tisch machen wollen. Für vermeintliche Lieblosigkeit, mangelnde Unterstützung, für übergroßen Ehrgeiz, dafür, dass sie einem den Bruder oder die Schwester angeblich vorgezogen haben. Vieles mag wirklich berechtigt sein. Und ich finde es durchaus legitim, einmal ein paar Dinge geradezurücken.
So wie Michaela. Die 56-jährige Industriekauffrau ist in ihrer Kindheit über lange Strecken bei ihrer Großmutter aufgewachsen. „Meine Mutter war sehr kränklich. Manchmal war sie ganze Monate weg. In Krankenhäusern oder irgendwo in Reha. Jedesmal wurde ich dann bei meiner Oma geparkt. Das war ein richtig böser Drachen. Es gab oft Ohrfeigen, Hausarrest und wüste Beschimpfungen. Einmal bin ich eine halbe Stunde zu spät nach Hause gekommen, weil ich im Eifer des Spielens die Kirchturmglocke überhört hatte, da hat sie mich angeschrien, ich sei eine ‚Hure‘ und eine ‚Schlampe‘. Ich war damals erst acht Jahre alt.“ Michaela hat es ihren Eltern nicht übel genommen, sie so oft bei der Großmutter untergebracht zu haben. „Sie hatten ja keine Alternative und sie wussten auch nicht, wie Oma zu mir war. Oder besser: Sie wollten es lieber nicht wissen. Ich mache ihnen deshalb keinen Vorwurf. Ich will nur, dass auch meine Version der Geschichte zu ihrer Berechtigung kommt und nicht immer alle tun, als wäre das toll gewesen, bei Oma zu sein.“
Klar hat man einen Anspruch auf die Würdigung der eigenen Erfahrungen. Manchmal möchte man aber auch sagen: „Das fällt dir aber früh ein!“ Und: „Irgendwann ist man zu alt für eine unglückliche Kindheit.“ Zum Beispiel zu Sylvia, die mit immerhin 49 Jahren „endlich“ mit ihren Eltern abrechnen will. Ich kenne die beiden und stelle mir vor, wie sich Erna, 84, und Horst, 89, – bereits reichlich tatterig und ohnehin voller Angst vor einer sie zunehmend befremdenden Welt – nun mit einer Anklageschrift auseinandersetzen sollen, als stünden sie vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte: „Nie wurde ich gelobt.“ Oder: „Nicht ein einziges Mal wart ihr beim Elternabend.“ Oder: „Immer habt ihr mir meinen Bruder vorgezogen. Er durfte aufs Gymnasium, ich nicht. Wer weiß, was für ein herrliches Leben ich gehabt hätte, wäre ich nicht ‚bloß‘ Anwaltsgehilfin geworden.“
Erna und Horst werden das alles sicher sehr, sehr bedauern. Aber was sollen sie jetzt machen? Auf die große Reset-Taste drücken? Die Welt noch einmal erschaffen? Wäre Sylvia zufriedener, wenn nur noch die Richtigmacher Eltern werden dürften? Wen würde sie aber dann für ihr Unglück verantwortlich machen? Hätte sie mit diesem Anspruch überhaupt selbst Kinder in die Welt setzen dürfen?
Nicht mal die Experten sind sich einig, was das überhaupt sein soll: eine Erziehung ohne die klitzekleinste Chance für Kinder, ihren Eltern später Vorwürfe zu machen. Am Ende müssten wir die Verantwortung für alles, was in unserem Leben schiefläuft, selbst übernehmen! Das sollten Eltern ihren Kindern nun wirklich ersparen.
Schwamm drüber
„Über verschüttete Milch soll man nicht klagen“, lautet ein chinesisches Sprichwort. Und auch wenn es so klingt, als hätte Eckart von Hirschhausen einen Glückskeks zu Mittag gehabt – ich finde, es lohnt sich, darüber nachzudenken. Gerade weil der Stapel an offenen Rechnungen im Laufe der Jahre sonst so hoch wird, dass er die gute Laune darunter begräbt. Es macht einem das Leben sehr viel leichter, ohnehin reichlich abgestandene Ärgernisse einfach mal zu entsorgen: die Probleme in der Kindheit ebenso wie den Verrat der einstmals besten Freundin, den Ärger über den Ex, den Frust über die Kollegin, die einen damals beim Chef angeschwärzt hat, dass der ehemalige Freund einem seine Rostlaube – „prima Zustand“ – für ungefähr tausend Euro zu viel angedreht hat und dass der Typ nach der gemeinsamen Nacht nie mehr angerufen hat. Ja, sogar den Seitensprung des Gatten. Sofern er eine einmalige Sache bleibt.
Nachtragen bedeutet ja nichts anderes als in einer Zeitschleife in den finstersten Momenten seines Lebens stecken zu bleiben und sich dauernd mit Menschen und Angelegenheiten zu beschäftigen, die so viel Aufmerksamkeit wahrlich nicht verdient haben. Und dann ist man in dieser Gedankenwelt auch noch quasi Daueropfer. Eine Rolle, die ich persönlich ziemlich unerfreulich finde. Ich gönne es anderen einfach nicht, mir den Tag, ganze Wochen oder sogar ein halbes Leben versauen zu können. Ich habe tatsächlich Besseres zu tun, als meine Zeit mit Schuldzuweisungen, Racheplänen und diesen dauernden inneren Monologen zu verbringen, in denen man übt, was man dem anderen an den Kopf knallen könnte. Falls man ihn mal wieder sieht. Natürlich wird man großartig aussehen und total souverän auftreten. Ganz so, als würde man im Unterschied zu ihm auf ein rundum erfolgreiches Leben blicken. Aber ehrlich: Das wird den nicht die Bohne interessieren. Das Problem war ja gerade, dass dieser Mensch sich uns in keinster Weise verpflichtet fühlte. Und es ihm offenbar herzlich egal war, was er bei uns angerichtet hat. Kurz: Er ist schon längst ganz woanders, während wir ihm immer noch Zugang zu unserem emotionalen Hauptschalter gewähren.
Aber ich gebe zu: Manchmal denke ich trotzdem über die Anschaffung einer Voodoo-Puppe nach. Eine, die so aussieht, wie mein Nachbar. Und ein paar Nadeln, die ich immer in das Ding stecken kann, sobald er mich wieder einparkt oder seine stinkende Mülltonne vor meine Tür stellt. Dann fällt mir Regine ein. Vor mehr als zehn Jahren schon wurde sie geschieden. Von Stefan, der sie wirklich mies behandelt hat. Seitdem nimmt sie übel. Aktiv, indem sie jedem, der es nicht wissen will, davon erzählt. Ja, auch neuen Männern, was nicht besonders gut ankommt (und nebenbei auch einer der Gründe sein könnte, weshalb sie immer noch Single ist). Passiv, indem sie Stefans Leben aus der Ferne verfolgt. Immer in Erwartung, dass das Schicksal ihn bestraft für das, „was er mir angetan hat“. Tut es aber nicht. Nicht mal mit einem schlechten Gewissen. Stefan hat sich ja nicht mal für Regines Befinden interessiert, als sie noch zusammen waren. Warum sollte er jetzt damit beginnen? Er hat sie schon längst nicht mehr auf seinem Radar, während sie ihm sogar erlaubt, auch zukünftige Beziehungen zu beeinflussen. „Ich kann keinem Mann mehr vertrauen!“, sagt sie immer.
Es gibt längst viele Studien, die bestätigen, was hier passiert: dass Nichtverzeihen auch ein Akt der Selbstbestrafung ist und eng mit dem Selbstmitleid verpartnert. Dem überhaupt größten Bremsklotz im Leben. Auch gesundheitlich ist Nachtragen nicht zu empfehlen. Es fördert Bluthochdruck, Migräne, Depressionen und Schlafstörungen. Umgekehrt reduziert Verzeihen sämtliche Stresssymptome von Kopf- und Magenschmerzen bis hin zu Müdigkeit und Schwindel. Studienteilnehmer, die über eineinhalb Monate lang je 90 Minuten pro Woche an einem „Vergebungsunterricht“ teilnahmen, waren aber nicht bloß körperlich, sondern auch seelisch stabiler. Noch Monate nach dem Kurs fühlten sich Männer wie Frauen vitaler und optimistischer. Wie gesagt, ich finde das auch manchmal schwer. Aber da jeder von uns auf die ein oder andere Art sehr viel Toleranz verbraucht – erstaunlicherweise oft die am meisten, die am wenigsten bereit sind, etwas davon zurückzugeben –, ist es ja außerdem ein schöner Gedanke, dass einem vielleicht auch einfach mal verziehen wird. Es sind ja nicht immer nur die anderen die Bösen. Nachsicht ist überhaupt ein mindestens so wichtiges Accessoire für die mittleren Jahre wie der siebenfache Vergrößerungsspiegel im Bad.
Und ewig grüßt das Murmeltier
Das Leben ist kein Ponyhof. Das braucht man gerade berufstätigen Frauen nicht zu sagen. Sie verdienen – bei gleicher Qualifikation – immer noch weit weniger als Männer. Und zum Ausgleich arbeiten sie dann doppelt so viel im Haushalt. Umso mehr übrigens, je länger sie verheiratet sind – so eine Studie der Uni Bamberg. Was die Geschlechter aber eint: dass man sich vorher immer nicht vorzustellen vermag, wie wahnsinnig lange man später ein und dieselbe Sache tun wird. Routine – das ist auch so ein Ballaststoff in den mittleren Jahren. Und man wird sofort sehr, sehr müde, wenn man mal eben überschlägt, wie oft man als Krankenschwester noch Katheter legen oder Kissen aufschütteln wird oder sich als Friseurin die immer gleichen Urlaubsgeschichten anhören muss. Gar nicht zu reden vom Dauerfrust über einen unfähigen und/oder cholerischen Chef. Mit einem Job verhält es sich im günstigsten Fall wie mit der Liebe. Zu Beginn ist alles neu und aufregend. Man ist begeistert, steckt viel Energie in die Sache, genießt die Herausforderung und springt jeden Morgen voller Tatendrang aus dem Bett. Früher oder später verflüchtigt sich das Hochgefühl.
Langeweile schleicht sich ein, gleichzeitig hat man schon das Maximale dessen erreicht, was möglich ist. Das wären dann die idealen Voraussetzungen, endlich seiner wahren Bestimmung zu folgen: also Schauspielerin zu werden oder Schriftstellerin oder endlich einen Senfladen zu eröffnen oder eine kleine Boutique mit all den Dingen, die man selbst gern kauft – kurz: ein sinnstiftendes Leben zu führen, in dem die Work-Life-Balance aber so was von stimmt.
Ohne Moos nix los
Im Prinzip wäre nichts dagegen einzuwenden, aber solange man noch von Euros lebt und nicht von schönen Ideen, gilt es zunächst einmal an das Naheliegendste, an das Einkommen, zu denken. Ich kenne ausreichend Frauen, die einen Neuanfang gewagt haben – und mittlerweile für weniger Geld mehr denn je arbeiten müssen.
Es lohnt sich deshalb, mit Frauen zu sprechen, die spät noch genau das zu ihrem Beruf gemacht haben, wovon andere träumen. Aber Vorsicht, es könnte sein, dass die Schauspielerin, die sich auf Provinzbühnen und mit Werbung für eine Haftcreme durchschlägt, anfängt zu weinen, wenn sie hört, dass Sie Ihre feste Stelle mit Urlaubsanspruch, Weihnachtsgeld, geregelten Arbeitszeiten und der Aussicht auf eine Rente gegen etwas eintauschen wollen, das einen dazu zwingt, noch mit 84 Jahren Zeitungen auszutragen. Hilfreich auch, sich einfach einmal im Hochsommer einen ganzen Tag lang in einen von diesen hübschen kleinen Läden zu stellen, von denen Frauen so träumen. Nur um zu erleben, wie unfassbar öde es sein kann, nicht mal eben für eine Stunde wenigstens ins Eiscafé gehen zu können.
Die Liste der vermeintlich idealen Beschäftigungen, um sich endlich selbst zu verwirklichen, ist enorm lang. Seltsam nur, dass über jedem dieser vermeintlichen Traumjobs der Satz schwebt, der vermutlich sowieso eigens für Frauen erfunden wurde: „Geld ist nicht alles.“ Man müsste schon Barbie oder Barbara Becker sein. Dann könnte man immer noch Rennfahrerin, Schmuckdesignerin, Astronautin oder Pilates-Model werden. Alle, die von ihrer Arbeit leben müssen, die eine Rente brauchen, vielleicht sogar noch eine Familie finanziell zu versorgen haben, sollten ihre Pläne einem gnadenlosen Realitäts-Check unterziehen. Wenn man sich dann immer noch entscheidet, etwa Psychologie zu studieren, obwohl man befürchten muss, nach dem Abschluss keine Stelle zu finden – Chapeau! Wenn man glaubt, dass die Welt auf eine weitere Familienaufstellerin oder Aura-Soma-Beraterin oder Heilpraktikerin gewartet hat, könnte man allerdings ein ziemliches Fiasko erleben.
Wieso nicht einfach nebenbei das ausleben, was da noch an unentdeckten Talenten und unerfüllten Sehnsüchten in einem schlummert? Eine Freundin schreibt neben ihrem Job in einer Behörde hier in Frankfurt leidenschaftlich gern gute Kurzgeschichten. Eine andere singt in einem Chor. Und eine Kollegin verbringt ihre gesamte Freizeit in ihrem Atelier, wo sie ausschließlich männliche Akte malt. Es hat auch etwas sehr Befreiendes, sich den Spaß an manchen Dingen nicht dadurch zu verderben, dass man damit dringend Geld verdienen muss.
Später ist früher, als man denkt
Eigentlich kann man ohnehin froh sein, mit über 40 überhaupt noch einen Job zu haben, selbst wenn er einen langweilt. Ich kenne einen privaten Stammtisch von Frauen aus der Werbebranche. Als er gegründet wurde, waren die meisten Teilnehmerinnen um die 30. Jetzt sind sie Anfang 40 und bis auf zwei Frauen haben alle ihre Jobs verloren. Einige wenige sind nach längerem Suchen in anderen Agenturen untergekommen. Die überwiegende Mehrheit jedoch versucht sich mangels Alternativen als Selbstständige durchzuschlagen. Die Kampagnen für die Produkte, die ihre und meine Generation jetzt angeblich so dringend braucht – gegen Altersflecken, für mehr Spannkraft der Haut, gegen Rückenbeschwerden und Haarausfall – werden nun von Jüngeren entworfen. Von Frauen, die wie schon ihre Vorgängerinnen glauben, dass man sie, wenn sie nur richtig tüchtig sind, immer weiter nach oben an die Spitze befördern wird. Bis sie Kinder kriegen oder älter werden. Gut, man hätte sie mit 30 einmal fragen können: „Sag mal, wie viele deiner Vorgesetzten sind eigentlich Frauen?“ Oder: „Was denkst du, wie soll das weitergehen, wenn du mal mehr als ein freies Wochenende im Monat brauchst?“
Aber irgendwie funktioniert das mit der Erfahrungsvermittlung unter Frauen nicht auf diese Weise. Also nicht so, dass die Jüngeren gebannt an den Lippen der Älteren hängen, um von deren Erfahrungen zu profitieren. Die Jüngeren denken, was wir auch gedacht haben, als wir so alt waren wie sie: dass bei ihnen alles anders sein wird. Die Männer, die Arbeitswelt, ihre Zukunft. Ihre Liebsten werden selbstverständlich mit Freude beim Putzen, Kochen, Aufräumen und bei der Wäsche helfen und zwischendurch den Boden anbeten, auf dem wir wandeln.
Sie werden sehr gern eine Auszeit nehmen, um ihre Kinder beim Großwerden zu begleiten. Im Beruf wird es so vielversprechend weitergehen, wie es begonnen hat. Man wird gefördert und geschätzt. Den reichen Erfahrungsschatz, den man sich am Anfang durch sehr viele Überstunden und großes Engagement angeeignet hat, wird die Firma später auch finanziell großzügig honorieren. Bis man irgendwann in Rente geht. Die wird natürlich ausreichend üppig ausfallen, um den gewohnten Lebensstil weiterhin zu finanzieren. Erzählt eine ältere Frau etwas von beruflichen Sackgassen, von Chefs, die einen sofort ausbremsen, sobald man Mutter wird, von Kündigungen, weil schon eine Jüngere und Günstigere in den Startlöchern steht, von Männern daheim, die mit jedem Ehejahr eher weniger im Haushalt tun, von einer Rentenerwartung, für die man eigentlich ein Rezept für einen wirkungsvollen Stimmungsaufheller braucht, ist sie vermutlich bloß frustriert. Oder hat einfach nicht so gut ausgesehen oder war nicht so klug. Auf keinen Fall lässt sich ihr Leben mit dem vergleichen, das man für sich selbst vor Augen hat.
Wenn es dann genauso wird wie das, wovor uns unsere Mütter immer gewarnt haben, ist es leider zu spät. Nun will auch die nächste Generation nicht hören, dass ihr dasselbe blüht. „Und? Soll ich jetzt vielleicht vor der Agentur Flugblätter verteilen? Oder mich in der Kantine an die Espressomaschine ketten, damit sie ein paar Seniorinnen einstellen?“, fragt die Tochter einer Freundin, nachdem sie gerade einen heiß begehrten Texterjob in einer der angesagtesten Agenturen Deutschlands ergattert hat (die übrigens von einem gänzlich Frauen-freien Vorstand geleitet wird). Nö.
Es genügt eigentlich, wenn wir einander etwas besser zuhören. Auch den Frauen, die uns jetzt ein Stück voraus sind. Den 70-Jährigen oder 80-Jährigen. Wenn wir uns mit ihrem Leben, ihren Problemen beschäftigen. Denn die werden in nicht allzu langer Zeit auch unsere sein. Und nein, bloß weil wir jetzt noch besser aussehen, uns mehr leisten können, fitter sind, nicht die letzten zwei Wochen im Monat von Kartoffelbrei leben müssen und Männer noch nicht „Wie geht’s uns denn heute, Oma?“ zu uns sagen, bedeutet das nicht, dass uns ihr Leben erspart bleibt. So viel jedenfalls sollten wir aus der Geschichte gelernt haben. Es ist unsere Zukunft, die wir da sehen, und noch können wir sie verändern. Und übrigens: Ich kaufe nichts mehr von Firmen, die offenbar Minderjährige beschäftigen, um sich Werbung für Senioren auszudenken. Irgendwo muss man ja mal anfangen …
An Frau Dr. Herbst
Ich habe bereits mit 40 angefangen, mich vier Jahre jünger zu machen.
Jetzt bin ich 58 – also offiziell 54. Ein Kollege, der mir draufkam, fand das unglaublich peinlich und macht sich jetzt dauernd lustig über mich. Muss ich mich da schämen?
Martha, 58, aus Berlin
Dr. Herbst: Glückwunsch, dass er offenbar erst mal ein anderes Indiz brauchte als Ihr Aussehen, um Ihnen überhaupt auf den Schwindel zu kommen. Sollte er Sie noch mal darauf ansprechen, sagen Sie ihm einfach: Wenn ich die Jahre abziehe, die ich mit Männern wie Ihnen vergeudet habe, bin ich sogar erst 34. Höchstens!