Читать книгу Tamora - Im Sumpf des Lasters - Thomas Riedel - Страница 5

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Kapitel 2

Tamora nahm das Mobilteil ihres Telefons zur Hand und drückte auf das grüne Hörersymbol für die Gesprächsannahme. »Jaaaa …?«, sagte sie und suchte ein Gähnen zu unterdrücken.

»Du klingst ja noch ganz schlaftrunken. Jetzt sag nur nicht, dass ich dich geweckt habe«, entschuldigte sich die Anruferin. »Ich bin wirklich davon ausgegangen, du wärst schon längst aufgestanden.«

»Heute wollte ich mal ein, bis zwei Stunden länger liegen bleiben … Du hast mich gerade aus einem irre schönen Traum gerissen, May«, stellte Tamora leicht verärgert fest. Sie hatte die Stimme ihrer Freundin direkt erkannt, auch ohne dass May ihren Namen nannte. »Was hast du denn auf dem Herzen?«

»Ich wollte eigentlich nur wissen, ob du Zeit hast? Du hast mir doch aufgetragen, dass ich dich anrufen soll, wenn ›Sie‹ wieder da ist.«

Tamora überlegte kurz, aber ihr fiel nicht ein, worauf May gerade hinauswollte. »Was meinst du, May. Hilf mir mal auf die Sprünge.«

»Na, ich meine die Prostituierte, an der du Interesse hattest ... Du hast heute Morgen aber eine echt lange Leitung«, erwiderte May lachend.

»Ach, richtig! Stimmt ja, darüber haben wir gesprochen.«

»Ich war vor einigen Minuten mal kurz unten im Salon und da kam sie gerade herein … Also, ich meine, wenn du willst, dann kannst du ja hereinschauen. Ich habe ihr davon aber noch nichts gesagt. Weißt du, … sie ist etwas merkwürdig.«

»Mit einem Wort, du und deine Angestellten, ihr meidet sie, wenn es geht, oder?«

»Na, so kann man das nun aber auch nicht sehen. Immerhin verdienen wir ja gut an ihr. Dennoch hat sie es nicht gern«, stellte May fest.

»Was?«

»Dass man sich viel mit ihr unterhält. Ob du das jetzt immer noch machen willst, musst du selbst wissen. Ich habe mein Versprechen jedenfalls eingehalten und dich verständigt.«

»Weiß dein Mann eigentlich davon?«, erkundigte sich Tamora.

»Er hat nichts dagegen einzuwenden. Er meint, es sei ausschließlich deine Sache.«

Tamora dachte kurz nach. Zeit hätte ich ja, das wäre kein Hinderungsgrund. Soll ich wirklich hingehen oder es lassen?

»Sag mal, bist du noch da?«, meldete sich May nach einer Minute des Schweigens.

»Natürlich.«

»Und … was meinst du? Hast du es dir überlegt?«, erkundigte sich May voller Neugierde.

»Ja, einverstanden«, erwiderte Tamora entschlossen. »Ich werde gleich bei dir vorbeischauen.«

May lachte. »Du musst dich wohl erst überwinden?«

»Na ja, so ganz alltäglich ist das nicht.«

»Nun, wie auch immer … dann sag ich mal: bis gleich.«

»Ja, bis gleich.« Tamora beendete das Gespräch. Eine Weile starrte sie nachdenklich aus dem Fenster auf die Straße hinunter. Soll ich es wirklich machen? Hm, … Aber irgendwie bin ich mir selbst gegenüber dazu verpflichtet. Ist schon ein komisches Gefühl. »Ach, alles Quatsch!«, schimpfte sie sich plötzlich laut. »Jetzt sollte ich nicht mehr groß überlegen. Es ist doch letztlich ganz einfach. Mehr als Nein sagen, kann sie ja nicht … Also, … nur zu!«

*

Schnell hatte sie sich frisch gemacht, angezogen und etwas aufgehübscht. Mit ihrem Wagen fuhr sie in die Londoner Innenstadt. Schon seit einigen Jahren wohnte sie etwas außerhalb in ›Twickenham‹. Das hatte zwar den Nachteil eines etwa zehn Meilen längeren Anfahrtsweges, wenn sie in die City wollte, doch hatte sie dort die ständige lästige Parkplatzsuche, der Lärm und letztlich die wahnsinnig hohe Miete gestört. Als sie die hübsche Eigentumswohnung im Vier-Familien-Haus in der ›Pope’s Avenue‹ gefunden hatte, im Ortsteil ›Strawberry Hill‹, nahe dem Golf Club, war sie vor Freude in die Luft gesprungen.

Sie war ein eher naturverbundener Mensch und wäre es nach ihr gegangen, so hätte sie sich am liebsten irgendwo in der Wildnis, fernab jeder Zivilisation, vergraben. Sie träumte von einem kleinen Haus, guter Musik und ihrer Arbeit. Damit wäre sie schon glücklich gewesen, aber im Augenblick war all das nicht drin. Später einmal, in einigen Jahren, wenn es ihr finanziell besser ging, ja, dann wollte sie ihre Pläne verwirklichen.

Auch an diesem Morgen war sie beruflich unterwegs. Aber das verstanden die wenigsten aus ihrem Bekanntenkreis. Sie waren mehrheitlich der Ansicht, dass Tamora ihr Geld im Schlaf verdiente oder sich danach auf der Straße nur zu bücken brauchte. Dabei ging sie einem harten Job nach, nur wollte davon kaum einer etwas wissen:

»Du bist doch immer zu Hause und hast keinen Chef. Du kannst tun und lassen was du willst.«

»Ihr seid mir gut«, antwortete sie dann jedes Mal. »Na, eines Tages stelle ich ihn euch vor, dann werdet ihr staunen, weil auch ich einen Boss habe.« Nein, sie nahmen es ihr nicht ab. »Also ist eurer Meinung nach, nur derjenige ein schwer arbeitender Mensch, der morgens aus dem Haus geht und in einem Büro seine Brötchen verdient?«

»Ja.«

»Gut, was hindert mich daran anderswo, außerhalb meiner eigenen vier Wände, ein Büro einzurichten? Das wird sogar vom Fiskus anerkannt. Dann würde auch ich aus dem Haus gehen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.« Tamora amüsierte sich köstlich. Damit hatte sie alle in die Enge getrieben.

»Das ist noch immer ein Unterschied«, gaben einige zu bedenken.

»Seht ihr«, riefen andere fröhlich, »jetzt gibt sie endlich zu, dass sie es besser hat als wir.«

»In Manchem habe ich es tatsächlich besser. Ich bin keine Angestellte und in die korsetthaften Abläufe eines Betriebes eingeschnürt. Allerdings bekomme ich auch kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld. Bei mir ist wirklich einiges anders. Bezahlter Urlaub? … Wenn ich Ferien machen will, dann verdiene ich nichts.« Warum muss ich nur gerade jetzt wieder daran denken?, fragte sie sich und grübelte darüber nach. Ach ja, richtig, ich bin beruflich unterwegs: in diesem Augenblick.

Eigentlich gab ihr Beruf sie niemals frei. Er war immer da. Andere Leute schlossen abends im Büro die Schubladen ab und hatten für viele Stunden ihre Ruhe – sogar geregelte Freizeit an den Wochenenden – und sie? Ich hätte niemals Schriftstellerin werden sollen, dachte sie spontan und fragte sich: Wie bin ich eigentlich dazu gekommen?

Sie wollte sich gerade weiter den Kopf darüber zerbrechen, als sie im letzten Augenblick Mays Einfahrt bemerkte. Gedankenversunken wäre sie beinahe an ihr vorbeigefahren. »Noch mal gut gegangen«, murmelte sie halblaut vor sich hin. »Ich sollte während der Fahrt nicht meinen Gedanken nachhängen.« Sie nahm ihre Handtasche vom Beifahrersitz, schloss den Wagen ab und schritt über die Stufen zum Haus hinauf.

May musste sie vom Fenster aus schon gesehen haben, denn noch bevor sie an der Tür läuten konnte, wurde ihr bereits geöffnet.

»Komm rein! Es ist wirklich eine Seltenheit, dich zu sehen. Du machst dich ganz schön rar«, begrüßte ihre Freundin sie mit einem strahlenden Lächeln.

»Weißt du …«, begann Tamora zögernd, »ich bin mir nicht wirklich sicher, ob es richtig ist, dass ich hergekommen bin.«

May war einer der wenigen Menschen, der sie verstand. »Verstehe mich nicht falsch. Ich klage ja gar nicht und bin schon mit den Brotkrümeln zufrieden, die ich von dir bekomme. Es ist einfach jammerschade, dass wir uns nur so selten sehen. Aber du weißt ja, ich habe auch immer sehr viel um die Ohren. Manchmal denke ich, ich muss meine Prioritäten ändern.«

»Du ahnst nicht, wie oft ich mir das auch schon gesagt habe«, nickte Tamora lächelnd. »Meinst du nicht, wir sollten lieber gleich nach unten gehen? Sonst ist sie am Ende noch weg und alles war vergeblich?«

»Da mach dir mal keine Sorgen«, meinte May schmunzelnd, legte Tamora einen Arm auf die Schulter und zog sie in den Flur. »Sie lässt sich gerade eine Dauerwelle legen und du weißt ja selbst, wieviel Zeit das in Anspruch nimmt. Weißt du was? Jetzt kommst du erstmal mit und ich mache uns einen ordentlichen Kaffee. Du kannst bestimmt einen brauchen, nachdem ich dich aus dem Schlaf gerissen habe. Du hattest sicher noch keinen, oder?«

»Stimmt, eine gute Idee«, erwiderte Tamora und folgte ihrer Freundin in die Küche.

»Sag mal, wann hast du denn das letzte Mal mit einer Prostituierten gesprochen?«, erkundigte sich May, während sie einen Kaffeepad in die Maschine einlegte und einen Becher auf die Tassenfläche stellte.

»Weißt du, das überlasse ich für gewöhnlich anderen, ich bleibe gern im Hintergrund. Zumeist recherchiere ich im Stillen von zu Hause aus. Das Internet ist eine echte Fundgrube. Außerdem habe ich eine umfassende Bibliothek, wie du ja weißt.«

»Ich verstehe, du willst unerkannt bleiben«, erwiderte May.

»Du weißt doch selbst, wie schnell sich die Leute das Maul zerreißen … Erst neulich habe ich wieder einen neuen Verehrer bekommen«, verriet Tamora ihr.

»Echt? Schon wieder?«, May lachte herzlich.

»Ja, tatsächlich! Diesmal ist es mein Postbote. Er wunderte sich, weil ich immer so viele Briefe von meinem Verleger bekomme. Da fragte er mich. Das Verlagshaus war ihm durch seine Frau bekannt, die wohl viel liest und deshalb wurde er aufmerksam.«

»Und was hast du gemacht?«

»Ach, ich habe ihm welche geschenkt, … Romane meine ich. Von den Freiexemplaren, die ich immer bekomme«, erwiderte Tamora.

»Auch von deiner ganz speziellen Serie?«, hakte May mit einem frechen Grinsen nach.

»Nein, natürlich nicht!«, gab Tamora lachend zurück. »Wo denkst du hin?! Ich bin doch nicht verrückt!«

»Warum nicht?«, setzte May herausfordernd nach. »So prüde bist du doch nicht.«

»Hat ja auch nichts mit Prüde sein zu tun«, entgegnete Tamora. »Ich will einfach nicht bekannt sein wie ein bunter Hund. Ich finde es schon schlimm genug, dass es dieser und jener weiß.« Sie sah ihre Freundin offen an. »Du weißt sehr genau, dass ich das nicht wirklich mag.«

»Warum eigentlich?« May erwiderte ihren Blick neugierig. »Ich glaube, wenn ich so schreiben könnte: Ich fände das schon ziemlich cool.«

»Ich schätze die blöde Fragerei nicht. Die Leute sollen mich schlicht in Ruhe lassen. Ich will einfach nicht über meine Arbeit erzählen. Es sind eh immer dieselben Fragen … und wenn ich es dann ausnahmsweise doch einmal mache, nimmt mir keiner die Schriftstellerin ab. Dieses wissende Lächeln nach dem Motto: du kannst ja viel erzählen! … Ach May, diesbezüglich hat sich nichts geändert.«

»Tja, wie man sich bettet, so liegt man, Süße!«

»Ich frage mich, was sie daran reizt?«, reagierte Tamora ein wenig verletzt, während May zwei große Pötte mit frischem Kaffee auf den Küchentisch stellte.

»Du, das kann ich dir erklären«, meinte sie dabei unbefangen.

»Ach, tatsächlich?« Tamora hob ihre Augenbrauen.

»Schau mal, … jeder Beruf lässt sich erlernen. Man macht entweder eine Lehre, so wie Liam und ich, oder studiert, wie dein Freund. Das ist es, was ich meine.«

»Soweit schon klar …«

»Und deine Schriftstellerei, die ist nicht wirklich erlernbar, oder etwa doch?«

Tamora überlegte, während sie leicht in den Kaffeepott pustete, um anschließend daran zu nippen. »Na ja, … dieses Talent hat man wohl einfach, oder auch nicht. Warum ich es habe, kann ich dir nicht sagen. Obwohl, natürlich kann man das grundlegende Handwerkszeug erlernen.«

»Betrachte es doch mal anders und sage dir, da ist eine Menge Neid im Spiel, und dass sie es dir deshalb madig machen wollen.«

Tamora dachte über Mays Worte nach. »Das mag vielleicht stimmen, aber wir sollten uns daran jetzt nicht festquatschen, sonst vergesse ich noch, warum ich eigentlich hier bin. Ich habe auch gar nicht so viel Zeit.«

»Das kenne ich von dir ja nicht anders. Aber ich muss mich auch sputen, gleich kommen die Kinder von der Schule zurück. Na komm, ich bringe dich nach unten.«

*

May betrieb mit ihrem Mann einen größeren, gutgehenden Friseur- und Kosmetiksalon Zu ihren Kunden gehörte auch eine Dame des horizontalen Gewerbes, die seit langem regelmäßig zu ihnen kam. Als May ihrer Freundin einmal beiläufig davon erzählt hatte, war Tamora direkt darauf angesprungen und hatte verlauten lassen, dass sie die Frau gern irgendwann einmal kennenlernen würde. May hatte ihr daraufhin zugesichert, anzurufen, wenn sie wieder im Laden wäre – und heute war es nun soweit.

Als sie ins Geschäft hinunterkamen wurde Tamora von Mays Mann Liam begrüßt. »Na, bist du mal wieder auf der Suche nach neuem Material?«, erkundigte er sich lächelnd.

»Ganz recht, Liam, bin ich«, erwiderte sie augenzwinkernd.

»Dann wünsche ich dir viel Erfolg.«

»Wo sitzt sie denn?«, mischte sich jetzt May fragend ein.

Liam deutete mit einer Handbewegung auf eine der hinteren Kabinen.

May und Liam Reynolds Geschäft war ein schicker, sehr modern eingerichteter Salon, aber dennoch hatten sie ein paar der alten Kabinen aus früheren Tagen beibehalten. Einerseits aus Sentimentalität, andererseits kamen sie damit dem Wunsch einiger Kundinnen entgegen, die es vorzogen etwas abgeschieden und für sich allein zu sein. Auf Nachfrage hatte eine ältere Dame einmal lächelnd geantwortet, dass es ihr unangenehm sei, wenn sie sich die Haare färben ließ und es alle wüssten. Schließlich müsse es ja nicht gleich von jedem in der Nachbarschaft breitgetreten werden.

Vor der besagten Kabine stand ein eleganter Paravent.

»Den macht sie immer zur Bedingung«, erklärte May.

»Und ich dachte, ihr macht das von euch aus«, bemerkte Tamora.

»Warum sollten wir?«, hakte May nach und sah ihre Freundin überrascht an.

»Na, zum Schutz der anderen Damen!«, reagierte sie mit einem breiten Grinsen. »Obwohl die ja nicht wirklich wissen können, was sie beruflich treibt.«

Alle Kundinnen saßen im Augenblick unter den Hauben. Sie konnten nicht hören, was gesprochen wurde.

May schob den Wandschirm etwas zur Seite. Ihr Mann hatte der Frau gerade eine Tinktur aufgetragen, die nun für einige Zeit einziehen musste.

Als sie May und Tamora in ihrer Kabine sah, setzte sie ein abweisendes und mürrisches Gesicht auf. Zwar kannte sie May, musste sich aber fragen, wer denn das andere Weibsbild sei und starrte sie entsprechend an.

In diesem Augenblick fühlte sich Tamora nicht recht wohl in ihrer Haut. Nicht, weil sie wusste, auf welche Weise diese Frau ihren Unterhalt bestritt, sondern aus einem ganz anderen Grund: Sie versetzte die Frau in eine peinliche Lage und brach in ihre Welt ein – eine Welt, die sie nichts anging.

May hatte den ungehaltenen, ja fast schon verärgerten Blick ihrer Kundin sofort bemerkt und reagierte schnell: »Chloe, ich möchte Ihnen meine Freundin Tamora vorstellen.«

»Und warum? Will sie mich wie ein Tier im Zoo begaffen?«, reagierte die Frau abweisend und warf May einen zornigen Blick zu. »Wenn das jetzt hier zu einer neuen Gepflogenheit wird, bin ich das letzte Mal hier gewesen.«

May war rot angelaufen. Jetzt wechselte ihre Gesichtsfarbe und sie wurde blass. »Nein, nein!«, erwiderte sie hastig. »So ist das doch gar nicht gemeint, Chloe! Darf ich es bitte erklären?«

Tamora hielt sich schweigend im Hintergrund. Chloe sah sie boshaft an. »Da bin ich aber gespannt!«, grollte sie. »Will sie vielleicht ein Autogramm von mir?« Dabei lachte sie abfällig. »Nackfotos zum signieren habe ich leider nicht zur Hand!«

»Nein, … meine Freundin ist Schriftstellerin, und würde Sie gern kennenlernen.«

»Ach, nein!« Für einen kurzen Augenblick trat auf Chloes Gesicht ein Ausdruck der Verblüffung. Dann sah sie Tamora mit einem spöttischen Blick von der Seite an.

»May, ich glaube, ich komme jetzt ganz gut allein zurecht«, schaltete sich Tamora ein. »Wenn du nur noch so lieb wärst, mir einen Stuhl zu bringen?«

»Ja, sicher.« May wandte sich ab und verschwand.

Chloe sah Tamora immer noch abweisend an. »Ich kann mich nicht erinnern schon Ja gesagt zu haben«, knurrte sie bissig. »Ich habe echt kein Interesse!«

»Das kann ich durchaus verstehen«, antwortete Tamora ruhig, »aber vielleicht geben Sie mir dennoch eine Chance?«

May war mit einem Stuhl zurück, schob ihn ihrer Freundin zurecht und zog sich zurück, nicht ohne die spanische Wand direkt wieder an ihren vorherigen Platz zu schieben.

»Jetzt werden die Ehehuren da hinten aber ihre Ohren weit aufsperren!«, meinte Chloe verächtlich.

»Das denke ich nicht«, erwiderte Tamora lächelnd. »Die sitzen doch alle unter ihren Hauben und können nichts von dem hören, was hier gesprochen wird. Abgesehen davon sieht man Ihnen doch gar nicht an, was Sie beruflich machen.«

»Was willst du eigentlich von mir? Brauchst du vielleicht Ratschläge, weil du selbst auf den Strich gehen willst?«, reagierte sie mit scharfem Unterton, ohne auf Tamoras Einwand einzugehen. »Soll ich dir ein paar Tipps geben?«

Tamora musterte die junge Frau eingehend, aber nicht aufdringlich. Sie mochte kaum älter als fünfundzwanzig sein, vielleicht sogar gleich alt – war modisch elegant gekleidet und hatte eine beneidenswerte Figur. Sie selbst hielt sich nicht für unattraktiv, aber sie beneidete Chloe um ihre Silhouette. Auch wenn sie nicht unzufrieden mit sich sein musste. Dazu gab es keine Veranlassung, denn alle bescheinigten ihr, eine äußerst attraktive Figur zu haben. Tamora schätzte sie auf etwas über fünfeinhalb Fuß. Sie hatte wohlgeformte, lange schlanke Beine, mittelgroße Brüste, eine schmale Taille und eine mittelbreite Hüfte. Alles an ihr war in sich stimmig und wirkte äußerst harmonisch. Ganz sicher kam sie in der Männerwelt gut an.

»Ich schreibe erotische Romane. Recht erfolgreich, … zumindest bescheinigt mir das mein Verleger, wohl aufgrund der Absatzzahlen ...«, begann Tamora und lächelte gewinnend.

»Das soll jetzt wohl ein Scherz sein, oder?«

»Weshalb?«, reagierte Tamora und sah sie irritiert an.

»Na, komm schon, Kleine … Wo habt ihr die Kamera versteckt?«

»Aber es stimmt wirklich«, beteuerte Tamora.

Chloes Lachen verstummte auf der Stelle. Aufmerksam sah sie Tamora an. »Dann betreibst du wohl gerade eine Recherche für ein neues Buch, oder wie habe ich das zu verstehen?«

»Wenn Sie so wollen: Ja! Ich suche nach einem neuen Ansatz. Irgendwie ist die Geschichte schon in meinem Kopf, aber nachdem ich mich bisher immer auf Angaben Dritter verlassen habe … Ich denke, es wird Zeit einmal direkt an die Quelle zu gehen.«

Chloe wirkte noch immer ein wenig überrascht. »Und was glaubst du, kann ich dir Besonderes erzählen, was du dir in deinem hübschen Köpfchen nicht selbst zusammenreimen könntest?«, erkundigte sie sich mit einem spöttischen Unterton. »Gibt es nicht eh schon genug Bücher über das Milieu? Soweit ich mich erinnere, lief vor einiger Zeit sogar eine Dokumentation im ›Discovery Channel‹ … ist noch gar nicht lange her.«

»Um diese Art Informationen geht es mir nicht«, widersprach Tamora.

»Um welche geht es dann?«

Tamora schluckte, bevor sie ihre Frage stellte. »Wäre es indiskret, wenn ich Sie bitten würde, mir ein wenig aus Ihrem Leben zu berichten? … Ich meine, darüber wie alles angefangen hat.«

»Und dann willst du darüber schreiben?«

»Vielleicht«, meinte Tamora und lächelte. »Ich bin mir noch nicht sicher, was ich damit anfangen werde. Aber vermutlich: ja.«

Jetzt schenkte ihr Chloe ein gutmütiges Lachen. »Auf den Romanen steht aber sicher nicht dein richtiger Name, oder?«

»Sie meinen ein Pseudonym? … Nein, so etwas verwende ich nicht. Alles was ich schreibe, kann ich auch vertreten. Haben Sie denn hier im Salon Ihren richtigen Namen angegeben?«

»Nein, wie käme ich auch dazu«, entgegnete Chloe. Wieder glitzerte es in ihren Augen. »Hör mal, Mädchen, du bist anscheinend nicht auf den Mund gefallen. Das gefällt mir. … Du bist erfrischend anders. Wenn ich die anderen Frauen hier sehe, die bekommen doch sofort Stielaugen, wenn ich den Salon betrete. Ich kann an ihren Gesichtern gleich ablesen, was in ihren Köpfen vorgeht. Sie kommen fast um vor Neugierde. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie säuerlich sie reagieren, wenn ich mir den Wandschirm aufstellen lasse.« Für einen kurzen Augenblick huschte ein verächtlicher Ausdruck über ihr Gesicht. »Wenn sie käufliche Ware sehen wollen, dann sollen sie sich doch einfach den Straßenstrich anschauen. Aber dafür reicht ihr Mut dann wohl am Ende nicht aus … Vielleicht ist es ja auch ihre heimliche Angst, den eigenen Göttergatten dort anzutreffen.« Chloe ließ ein angenehmes, aber herablassendes Lachen hören.

Tamora wollte etwas erwidern, wurde aber schon im Ansatz unterbrochen, denn in diesem Augenblick betrat eine von Mays Angestellten die Kabine. »Ich müsste jetzt die Haare ausspülen«, stellte die Mitarbeiterin freundlich fest.

»Nur zu«, entgegnete Chloe knapp.

Tamora erhob sich, schob ihren Stuhl ein wenig beiseite und blieb in der Nähe stehen. Sie ließ Chloe nicht aus den Augen und überlegte, was so Seltsames, so Anziehendes an ihr war. Wenn Sie nicht gewusst hätte, dass hier eine Prostituierte vor ihr saß, sie würde Chloe für eine moderne, erfolgreiche und aufgeschlossene junge Frau gehalten haben. Da war etwas an ihr, das sie im Augenblick nicht zu beschreiben verstand. Verwundert darüber fragte sich Tamora, ob das einfach an ihrem Wissen lag, dass sie dem horizontalen Gewerbe nachging.

Aber auch Chloe betrachtete sie neugierig.

Tamora war völlig in ihre Gedanken versunken. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Mays Angestellte mit dem Auswaschen der Haare schon fertig geworden war. Chloe musste sie schon eine Weile beobachtet haben.

»Wie lange dauert das denn noch?«, pflaumte sie die rothaarige Friseurin an.

»Eine knappe Stunde. Sie wissen das doch.«

Unzufrieden über die Antwort rümpfte sie die Nase.

Tamora wusste, dass Chloe gleich unter die Trockenhaube kommen würde, was eine vernünftige Unterhaltung ziemlich unmöglich machte.

Dasselbe schien auch ihr Gegenüber gedacht zu haben. »Du interessierst mich«, sagte sie plötzlich frei heraus.

Tamora war aufgefallen, dass Chloe alle sehr vertraulich anredete, aber es störte sie nicht im Mindesten. »Ja? … Das freut mich.«

»Wir sollten uns einmal näher über dein Projekt unterhalten. Vielleicht kann ich ja tatsächlich etwas dazu beitragen.«

Tamora lachte unwillkürlich. Du scheinst den Spieß umdrehen zu wollen, dachte sie. So habe ich mir das aber nicht vorgestellt.

Chloe warf einen beiläufigen Blick auf die kostbare Armbanduhr, die ihr zartes Handgelenk schmückte.

»Hör mal: wenn ich hier fertig bin, dann setzen wir uns zusammen. Einverstanden?«

Tamora überlegte kurz.

»Ah, du traust dich anscheinend nicht so recht, wie?«, schmunzelte Chloe, als sie nicht direkt zustimmte.

»Das ist es nicht. Ich bin gerade gedanklich meinen Terminplan durchgegangen und habe überlegt, ob ich heute noch so viel Zeit habe. Der Anruf meiner Freundin kam sehr überraschend.«

»Na, dann überlege du mal in aller Ruhe. Ich bin ja noch ein gutes Weilchen hier.«

*

Tamora verließ die Kabine und lief im Salon ein wenig auf und ab, bis May wieder zum Vorschein kam.

»Und? … Hast du schon etwas in Erfahrung bringen können?«, erkundigte sich May bei ihrer Freundin und sah sie neugierig an.

»Nein, noch nichts. Dafür ist es auch viel zu früh. Es braucht schlicht mehr Zeit, … auch um miteinander warm zu werden.«

»Ach, wie schade«, seufzte May. »Dann hast du dir den Weg also ganz umsonst gemacht?«

»Nein. Chloe will nachher noch mit mir reden.«

»Hier im Salon?«, fragte ihre Freundin erstaunt.

»Ganz bestimmt nicht«, lachte Tamora. »Da wird es schon eine andere Möglichkeit geben. Es interessiert mich ja wirklich, was sie zu sagen hat. Bestimmt hat sie eine Menge zu erzählen und ich habe natürlich irre viele Fragen. Wann hat man schon einmal die Möglichkeit alles aus erster Hand zu erfahren?«

»Meinst du? Ich dachte immer, darüber sei alles im Internet nachzulesen. Inzwischen haben einige der Mädchen doch sogar schon ihre Lebensbeichten veröffentlicht.«

»Stimmt, … aber direkt von der Quelle ist das eben doch was anderes«, beharrte Tamora.

»Hast du denn überhaupt soviel Zeit?«, wollte May wissen.

»Zeit oder nicht Zeit, ja, das ist die Frage«, verulkte Tamora ein Shakespeare-Zitat und schmunzelte. »In diesem Fall muss ich mir die Zeit einfach nehmen und ich nehme sie mir gern. Eine Chance wie diese kommt nicht so schnell wieder. Außerdem scheint mir unter ihrer rauen Schale eine ganz sensible Frau zu stecken, die es nicht leicht im Leben hatte.«

»Na, dann trinken wir oben solange noch einen Kaffee und quatschen etwas«, meinte May und legte Tamora freundschaftlich einen Arm um die Hüfte.

»Okay. Ich sage ihr nur schnell Bescheid.« Sie löste sich aus der Umarmung und huschte am Sichtschutz vorbei in die Kabine zurück.

Chloe hatte jetzt einen feuchten Wuschelkopf und sah irgendwie lustig aus. »Sieht irre gut aus, oder? Echt der letzte Schrei! Da braucht es gar nicht mehr viel, … nur noch etwas schneiden«, grinste die Prostituierte sie an.

»Mir würde das sicher nicht stehen«, meinte Tamora lachend.

»Und warum nicht? Du hast doch schönes langes Haar … Man muss schließlich alles Mal ausprobieren. Und, … wie sieht es mit dir aus?«

»Ich habe Zeit und bin pünktlich zur Stelle«, bestätigte sie lächelnd.

»Na, also! Das nenne ich ein Wort!«

Tamora lächelte ihr noch einmal zu und verschwand dann mit May wieder eine Etage höher.

Als eine halbe Stunde später Mays Kinder nach Hause kamen, konnte sie mit ihrer Freundin kein offenes Gespräch mehr führen. Ihr war das sogar recht, denn sie wollte noch einmal gründlich die Fragen durchgehen, die sie Chloe zu stellen gedachte.

So verging die Zeit viel schneller, als sie erwartet hatte.

***

Tamora - Im Sumpf des Lasters

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