Читать книгу Холодное сердце. Уровень 1 / Das kalte Herz - Вильгельм Гауф, Валерия Гусман - Страница 3
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ОглавлениеAls Peter daher eines Tages seine Kohlen verkauft hatte, zündete er keinen neuen Meiler an, sondern zog seines Vaters Staatswams und neue rote Strümpfe an, setzte den Sonntagshut auf, und faßte seinen fünf Fuß hohen Schwarzdornstock in die Hand. Dann nahm von der Mutter Abschied:
«Ich muß in die Stadt gehen.»
Aber machte er sich auf nach dem Tannenbühl[15]. Der Tannenbühl liegt auf der höchsten Höhe des Schwarzwaldes. Auf zwei Stunden im Umkreis stand damals kein Dorf, ja nicht einmal eine Hütte. Die abergläubischen Leute meinten, es sei dort unsicher[16].
Man schlug ungern Holz in jenem Revier. Oft die Äxte vom Stiel gesprungen und in den Fuß gefahren, oder die Bäume waren schnell umgestürzt und hatten die Männer mit umgerissen und beschädigt oder gar getötet. Die Floßherren nahmen nie einen Stamm aus dem Tannenbühl unter ein Floß auf, weil die Sage ging, dass Mann und Holz verunglücke, wenn ein Tannenbühler mit im Wasser sei.
Im Tannenbühl die Bäume dicht und hoch standen. Peter Munk wurde es ganz schaurig dort zumute; denn er hörte keine Stimme und keinen Axt. Die Vögel vermieden diese dichte Tannennacht.
Kohlenmunk-Peter hatte jetzt den höchsten Punkt des Tannenbühls erreicht und stand vor einer Tanne von ungeheurem Umfang[17].
«Hier», dachte er, «wird wohl der Schatzhauser wohnen».
Peter zog seinen großen Sonntagshut, machte vor dem Baum eine tiefe Verbeugung, räusperte sich und sprach mit zitternder Stimme:
«Wünsche glückseligen Abend, Herr Glasmann.»
Aber es erfolgte keine Antwort. Alles umher war so still wie zuvor.
«Vielleicht muß ich doch das Verslein sprechen», dachte er weiter und murmelte:
«Schatzhauser im grünen Tannenwald,
Bist schon viel hundert Jahre alt,
Dir gehört all Land, wo Tannen stehn…»
Indem er diese Worte sprach, sah er zu seinem großen Schrecken eine ganz kleine, sonderbare Gestalt hinter der dicken Tanne hervorschauen. Hat er das Glasmännlein gesehen?
Das schwarze Wämschen, die roten Strümpfchen, das Hütchen, das blasse, aber feine und kluge Gesichtchen!
Aber ach, so schnell es hervorgeschaut hatte, das Glasmännlein, so schnell war es auch wieder verschwunden.
«Herr Glasmann», rief nach einigem Zögern Peter Munk, «seid so gütig und haltet mich nicht zum Narren[18]. Herr Glasmann, wenn Sie meinen, ich habe Euch nicht gesehen, so täuschen Sie Ihnen sehr. Ich sah Ihnen wohl hinter dem Baum hervorgucken!»
Immer keine Antwort. Nur zuweilen glaubte er ein leises, heiseres Kichern hinter dem Baum zu vernehmen. Endlich überwand seine Ungeduld die Furcht.
«Warte, du kleiner Bursche», rief Peter, «dich will ich bald haben!»
Peter sprang mit einem Satz hinter die Tanne, aber da war kein Schatzhauser im grünen Tannenwald. Nur ein kleines, zierliches Eichhörnchen jagte an dem Baum hinauf.
Peter Munk schüttelte den Kopf. Er sah ein, dass er die Beschwörung bis auf einen gewissen Grad gebracht habe. Er sah ein, dass ihm vielleicht nur noch ein Reim zu dem Sprüchlein fehle. So könne er das Glasmännlein hervorlocken. Aber er fand nichts. Das Eichhörnchen zeigte sich an den untersten Ästen der Tanne. Es putze sich, es rollte den schönen Schweif. Es schaute ihn mit klugen Augen an. Aber endlich fürchtete Peter sich doch beinahe, mit diesem Tier allein zu sein. Bald schien das Eichhörnchen einen Menschenkopf zu haben und einen dreispitzigen Hut zu tragen. Bald war es ganz wie ein anderes Eichhörnchen und hatte nur an den Hinterfüßen rote Strümpfe und schwarze Schuhe. Es war ein lustiges Tier. Aber dennoch graute Kohlenpeter.
Mit schnelleren Schritten, als er gekommen war, zog Peter wieder ab. Das Dunkel des Tannenwaldes war Schwarz. Die Bäume standen immer dichter. Und ihm fing an so zu grauen, dass er im Trab davonjagte[19].
Als er in der Ferne Hunde bellen hörte und bald darauf den Rauch einer Hütte erblickte, wurde er wieder ruhiger. Aber als er näher kam und die Tracht der Leute in der Hütte erblickte, fand er, dass er aus Angst gerade die entgegengesetzte Richtung genommen und statt zu den Glasleuten zu den Flözern gekommen sei.
Die Leute, die in der Hütte wohnten, waren Holzfäller. Ein alter Mann, sein Sohn, der Hauswirt und einige erwachsene Enkel nahmen Kohlenmunk-Peter, der um ein Nachtlager bat[20], gut auf. Sie gaben ihm Apfelwein zu trinken. Sie fragten nach seinem Namen und Wohnort nicht. Abends wurde ein großer Auerhahn aufgesetzt.
Nach dem Nachtessen setzten sich die Hausfrau und ihre Töchter mit ihren Kunkeln um den großen Lichtspan[21]. Der Großvater, der Gast und der Hauswirt rauchten und schauten den Weibem zu. Die Burschen aber waren beschäftigt, Löffel und Gabeln aus Holz zu schnitzeln. Draußen im Wald heulte der Sturm und raste in den Tannen. Man hörte da und dort sehr heftige Schläge. Es schien oft, als ob ganze Bäume abgeknickt würden und zusammenkrachten.
Die furchtlosen Jungen wollten hinaus in den Wald laufen und dieses furchtbar schöne Schauspiel mit ansehen. Ihr Großvater hielt sie mit strengem Wort und Blick zurück.
«Ich will keinem raten, dass er jetzt vor die Tür geht», rief er ihnen zu, «bei Gott[22], der kommt nimmermehr wieder. Der Holländer-Michel haut sich heute Nacht das Floßgelenk[23] im Wald.»
Die Kleinen staunten ihn an. Sie hörten von dem Holländer-Michel bevor. Aber sie baten jetzt den Großvater, einmal recht schön von jenem zu erzählen. Auch Peter Munk stimmte mit ein und fragte den Alten, wer und wo er ist.
15
Tannenbühl – еловый холм.
16
es sei dort unsicher – там нечисто.
17
vor einer Tanne von ungeheurem Umfang – перед необъятной елью.
18
haltet mich nicht zum Narren – не дурачьте меня.
19
er im Trab davonjagte – он рысью помчался прочь.
20
der um ein Nachtlager bat – который попросился переночевать.
21
um den großen Lichtspan – вокруг большой лучины.
22
bei Gott – клянусь Богом.
23
Floßgelenk – бревно, которое сплавляют (для плота).