Читать книгу Das Turnier der Schwertmeister - Volker Greulich - Страница 3

I. Vorabend

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Alles war bereit für das große Turnier. Alljährlich rief die Schwertgilde vom Goldenen Adler Schwertmeister aus dem ganzen Reich zusammen, um ihre Kunst im Schwertkampf unter Beweis zu stellen. Auf dem großen Feld vor der Adlerburg hatten Hunderte von Schwertkämpfern ihr Lager aufgeschlagen. Überall sah man ihre Zelte und ihre bunten Banner und Wimpel. Das Turnierfeld war abgesteckt und mit flatternden Wimpeln gekennzeichnet. Die Tribüne für die Ehrengäste und für das Turniergericht der Adlergilde waren aufgebaut.

Die Sonne stand schon tief, und am nächsten Tag sollte das Turnier beginnen. Im Burghof saß das Turniergericht und wartete. Hier hatten alle Teilnehmer ihre Meldung abzugeben, doch seit dem Mittag waren nur noch vereinzelt Schwerkämpfer eingetroffen. Seit einer guten Stunde schon war gar keiner mehr angekommen.

Bei Sonnenuntergang würde das Burgtor geschlossen werden. Die ehrenwerten Schwertmeister des Turniergerichts waren müde und sehnten sich nach Wein, Braten und frischem Brot, Speisen, die in der Ritterhalle auf sie warteten.

Dann erschallte vom Tor der Ruf der Wache. Ein Reiter kam den Weg zur Burg hinauf. Langsam ritt er durch das weit geöffnete Tor und stieg vom Pferd. Ein Torwächter nahm das Pferd und führte es zur Tränke. Der Reiter schritt zügig zum Tisch, hinter dem das Turniergericht saß. Er war ganz in Schwarz gekleidet, nur auf dem Umhang prangte das Bild eines roten Fuchses. Einen Körperpanzer trug er nicht, nur einen einfachen Helm.

Aber natürlich hatte er sein Schwert umgeschnallt. Griff und Scheide waren aus blankem Stahl gefertigt und nur mit einfachen Kupferfäden verziert. Um seinen Hals hing eine schwere Goldkette mit einem Anhänger, welcher ihn als einen Schwertmeister Dritten Grades auswies. Der Mann war groß und kräftig und von stolzer Haltung. Die Blüte seiner Jugend lag hinter ihm, doch sein Haar, das unter dem Helm hervorquoll, war voll, wenn auch schon mit grauen Strähnen durchsetzt. Sein Gesicht war sonnenverbrannt und von Furchen durchzogen. Die linke Hand hatte den Schwertgriff fest umklammert.

Der fremde Schwertmeister trat vor das Turniergericht und verneigte sich knapp. 'Seid gegrüßt, ehrwürdige Meister der Gilde vom Goldenen Adler. Ich, Schwermeister Rudolf von der Gilde des Roten Fuchses begehre, an Eurem Turnier teilzunehmen.' Fünf Männer saßen am Tisch. Ganz links saß ein Mönch, dessen Aufgabe es war, Namen und Rang der Bewerber niederschrieb. Ganz rechts saß ein hoher Offizier der königlichen Leibwache. In der Mitte hatte Schwertmeister Gerold Platz genommen, der Großmeister der Adlergilde. Links von ihm befand sich Schwertmeister Sigbert, ein grosser, kräftiger Mann mittleren Alters mit gerötetem Gesicht. Rechts vom Großmeister saß der frühere Großmeister der Gilde, Schwertmeister Heinrich. Die Männer waren vornehm gekleidet, die Schwertmeister unter ihnen trugen goldene Adler auf ihren Wämsern aus dunklem Samt.

Meister Sigbert sah den staubigen, einfach gekleideten Fremden abweisend an. 'Ihr möget mir verzeihen, aber von einem Schwertmeister Dritten Grades namens Rudolf habe ich bis heute ebenso wenig gehört wie von einer Gilde des Roten Fuchses.' Großmeister Gerold hingegen wirkte nachdenklich. 'Doch ich glaube, dass ich schon von Eurer Gilde je gehört habe.' Meister Heinrich machte eine schroffe Handbewegung und ergriff nun seinerseits mürrisch das Wort.

'Der Rote Fuchs ist eine Gilde im Osten des Reiches. Die meisten ihrer Mitglieder dienen in den Garnisonen an der Grenze und leisten gute Dienste beim Schutz der Grenzprovinzen. Sie treten vor allem in den äußeren Provinzen des Reiches auf den Turnieren an. Deshalb sind sie hier in unserer Gegend nicht sehr bekannt. Die Medaille, die Meister Rudolf trägt, stammt von der Gilde des Goldenen Drachen.' Meister Gerold nickte. 'Die Turniere der Drachengilde und die dort verliehenen Grade werden von uns anerkannt. Es gibt keinen Grund, dem ehrenwerten Schwertmeister Rudolf die Teilnahme zu verweigern.'

Meister Sigbert verschränkte mit feindseligem Gesichtsausdruck die Arme vor der Brust, während Großmeister Gerold sich angestrengt um Freundlichkeit bemühte. ''Seid uns willkommen, Meister Rudolf. Bruder Gregor, bitte nehmt den Namen und den Rang unseres Gastes in die Liste auf. Welche Position bekleidet Ihr, Meister Rudolf?' 'Ich bin der Oberste der Besatzung der Grenzfestung Sattelfurt.' 'Könnt Ihr uns sagen, wer Euer Lehrmeister war?' 'Das war der Schwertmeister Dritten Grades Leopold.'

Nun rang Großmeister Gerold um Fassung, bemühte sich aber, seine Bestürzung zu verbergen. 'Gut, Ihr werdet Euch zusammen mit den anderen Teilnehmern morgen dem König präsentieren. Danach wird Euch Euer erster Gegner zugeteilt. Als Schwertmeister des Dritten Grades habt Ihr das Privileg, Eure Kämpfe vor der königlichen Tribüne auszutragen. Alles weitere, was Ihr wissen müsst, könnt Ihr beim Turnierhauptmann erfahren. Dessen Zelt findet Ihr im Lager. Ich wünsche Euch eine gute Nacht.' Der Schwertmeister vom Roten Fuchs verabschiedete sich wortlos mit einer knappen Verbeugung und ging aufrecht zurück zu seinem Pferd. Dann ritt er davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Großmeister Gerold sah ihm nachdenklich hinterher, und Meister Sigmund starrte düster auf den Tisch. Der Hauptmann der königlichen Leibwache, Ritter Wolf vom Hirschenstein, wandte sich an die Schwertmeister. 'Hättet Ihr die Güte, mir zu erklären, was da eben geschehen ist?' Der Großmeister wandte sich ihm zu. 'Unser Turnier ist vielleicht das vornehmste Turnier im Reich. Die Ränge, die hier erworben werden, genießen den besten Ruf. Deshalb ist es wichtig, dass nur echte Schwertmeister antreten und keine Betrüger und Aufschneider.'

'Und, ist Meister Rudolf ein Betrüger oder ein Aufschneider?' 'Nein. Wie Meister Heinrich richtig sagte, es gibt sie, die Gilde vom Roten Fuchs. Und sein Grad wurde von der Drachengilde verliehen.' 'Ihr seht aber nicht zufrieden aus.' Meister Sigbert konnte sich nun nicht länger beherrschen. 'Nicht zufrieden? Ihr scherzt! Habt Ihr diesen abgerissenen Burschen nicht gesehen? Der prügelt sich in den Wäldern an der Grenze mit den Barbaren und trägt das Wappen einer Gilde, die niemand kennt. Und der Grad der Drachengilde, nun ja, ganz nette Turniere, aber viele Schwertkämpfer aus guten Hause und aus den Hohen Gilden werdet Ihr dort nicht finden. Auf unserem Turnier trifft sich die Elite des Reiches, Die Träger unserer Grade steigen auf in die höchsten Positionen im Reich. Da haben solche hergelaufenen Strolche nichts zu suchen. Und als Schwertmeister des Dritten Grades soll er auch noch vor dem König kämpfen!'

'Es wird nur ein Kampf sein!' Alle blickten zu Meister Heinrich hinüber, der diese Worte gesprochen hatte. 'Er hat das Recht, an dem Turnier teilzunehmen. Aber wir können dafür sorgen, dass es nur ein Kampf sein wird. Wir müssen ihm nur einen Gegner geben, den er nicht schlagen kann.' Der Großmeister wirkte unsicher. 'Was genau schlagt Ihr vor? Es ist höchst unüblich, in der ersten Runde zwei Schwertmeister des Dritten Grades gegeneinander antreten zu lassen.'

Das düstere Gesicht von Meister Sigbert hellte sich auf. 'Es braucht keinen Meister des Dritten Grades zu sein, um so einen hergelaufenen Burschen zu besiegen. Denkt doch daran, Brüder. Die Schwertmeister der unteren Grade erhalten auf diesen Turnieren die Gelegenheit, durch einen Sieg über Kämpfer der höheren Grade selbst aufzusteigen. Vielleicht ist der Bursche doch für irgendetwas gut. So könnten wir einem unserer Gildenbrüder einen einfachen Aufstieg verschaffen.' Meister Heinrich nickte zustimmend. 'An wen denkt Ihr, Meister Sigbert?' 'Nun, da kommen viele in Frage.'

Der Großmeister ergriff wieder das Wort. 'Ich schlage den Schwertmeister Zweiten Grades Stephan vor. Er ist ein erfahrener Kämpfer, der bereits viele Kämpfe bestritten hat. Außerdem hat er es verdient, in den Dritten Grad aufzusteigen.. Aber können wir denn sicher sein, dass der Kampf leicht sein wird? Wenn dieser Meister Rudolf wirklich bei Meister Leopold gelernt hat, woher wissen wir denn, dass er nicht gefährlich ist? Und in den Turnieren der Drachengilde zu bestehen, nun, auch wenn es nicht die der Adlergilde sind, ...' Hauptmann Wolf mischte sich ein. 'Und wer ist dieser Meister Leopold? Aus welcher Gilde kommt er?' Es war der Großmeister, der ihm antwortete. 'Der Meister Dritten Grades Leopold war ein Mitglied unserer Gilde, ein großer Schwertkämpfer. Er hat zweimal das Turnier unserer Gilde gewonnen.' Der Hauptmann konnte sein Erstaunen nicht verbergen. 'Ich habe noch nie von ihm gehört.'

Meister Heinrich mischte sich ein. 'Es war vor langer Zeit, Hauptmann, und wir reden auch nicht mehr gerne über ihn. Er war ein großer Schwertkämpfer, und er kam aus einer guten Familie. Aber er hielt nicht viel von unseren Traditionen und Regeln. Für ihn ging es nur um den Sieg. Stil und Eleganz im Kampf, das zählte nicht. Auf unsere Rituale und Gebräuche gab er nichts. Daher konnte er nicht länger Teil unserer Gemeinschaft sein. In seinem dritten Turnier als Meister des Dritten Grades ließen wir einen unbedeutenden Gegner aus einer zweitrangigen Gilde gegen ihn antreten. Dieser war ein guter Kämpfer, aber nicht außergewöhnlich, ein Schwertmeister Zweiten Grades. Wir, nun, wir haben sichergestellt, dass der große Meister Leopold von diesem Gegner besiegt wurde. Er wurde schwer am Bein verletzt und hat meines Wissens nie wieder in einem Turnier gekämpft. Danach hat er auch nicht mehr an den Zusammenkünften der Gilde teilgenommen. Ich wusste nicht, dass er einen Schüler hatte, aber nach seiner Niederlage sahen wir ihn auch kaum noch. Und wir wollten auch nichts mehr von ihm hören oder wissen.'

'Und, Meister Heinrich, glaubt Ihr, dass dieser Meister Rudolf ein gefährlicher Kämpfer sein könnte?' 'Nein, Hauptmann. Leopold war ein begnadeter Kämpfer und großer Techniker, auch wenn er viele seiner Kämpfe mit roher Gewalt entschieden hat. Er war begabt und hätte sicherlich seinen Weg gemacht, wenn er unseren Traditionen gefolgt wäre. Doch ich glaube kaum, dass dieser Meister Rudolf ein Kämpfer seines Formates ist, denn dann würde er sich ja kaum an der Barbaren-Grenze herumtreiben. Im Übrigen sollten wir uns von diesem einen hergelaufenen Strolch nicht die Freude an dem bevorstehenden Turnier verderben lassen, zumal ihm hier nur ein kurzes Auftreten beschieden sein wird. Um diesem dreisten Rudolf eine Lektion zu erteilen, werde ich Meister Stephan anweisen, ihn nicht nur zu besiegen, sondern ihn ernsthaft zu verwunden. Dann wird er auf lange Zeit bei keinem Turnier mehr antreten können und sicherlich niemals wieder seinen Weg hierhin zu uns finden.' Der Großmeister starrte unbehaglich auf den Boden, sagte aber nichts.

Unterdessen war Meister Rudolf im Lager eingetroffen. Begleitet hatten ihn drei Gefährten, zwei Schwertmeister Ersten Grades, einer des Zweiten Grades, die er alle unterrichtet hatte. Sie hatten gemeinsam mt ihm an der Grenze gekämpft und waren trotz ihrer jungen Jahre bereits erfahren im Schwertkampf. Anders als die anderen Meister im Lager wurde er nicht von Knappen oder Dienern begleitet. Meister Rudolf erwartete nicht, dass dieser Gang einfach werden würde, und er wollte nur erfahrene und verlässliche Gefährten um sich haben.

Diese hatten das Zelt bereits aufgebaut. Der Mittlere der Drei, Meister Thomas, nahm das Pferd und pflockte es neben den anderen Pferden an, Der Jüngste, Meister William, nahm Schwert, Mantel und Helm des Schwertmeisters. Der Meister des Zweiten Grades Gerwin von Tremelburg, reichte ihrem Anführer einen Becher Wein.

'Wie ist es gegangen, Meister?' 'Sie haben meine Kandidatur akzeptiert, aber sie waren nicht erfreut darüber.' 'Hat man Euch erkannt?' 'Nein, aber das war auch nicht zu erwarten. Viele junge Schwertkämpfer treten im Laufe der Jahre an, um sich um die Mitgliedschaft in den Hohen Gilden zu bewerben. Wie sollte man sich also an all die erinnern, die abgewiesen worden sind?' Sie setzten sich vor das Zelt und aßen Brot, Käse und kaltes Bohnenmus vom Mittag. Die Sonne war hinter den Hügeln versunken, und ein kühler Hauch wehte bereits durch das Lager. Ringsum wurden Lagerfeuer entzündet. Bekannte aus den unterschiedlichen Gilden begrüßten und besuchten.sich. Doch die Meister vom Roten Fuchs saßen schweigend in der Dämmerung vor ihrem Zelt und hingen ihren Gedanken nach.

Der König und sein Gefolge hatten die Gemächer im Goldenen Turm bezogen. In einem kleinen Raum saß der König mit seinen engsten Vertrauten bei Wein und Käse zusammen, bevor das offizielle feierliche Mahl mit den Vertretern der Hohen Gilden im Rittersaal eröffnet werden sollte. Die Tür knarrte, als sie geöffnet wurde, und Hauptmann Wolf vom Hirschenstein betrat das Gemach. Schon als der König noch Kronprinz war, hatte Ritter Wolf schon zu seiner Schar gehört. Als er dann zum König gekrönt wurde, hatte er den Ritter zum Hauptmann seiner Leibwache ernannt. Und daher war dieser nicht nur für den Schutz des Königs verantwortlich, sondern war auch einer seiner vertrautesten Berater.

'Nun mein Freund, werden wir ein großes Turnier erleben?' 'Die großen Schwertmeister der Hohen Gilden haben sich versammelt, um hier den Turniersieg zu erringen. Und dazu viele begabte junge Kämpfer. Sicher werden wir gute Kämpfe sehen.' Der König sah seinen Hauptmann fragend an. 'Und, das ist doch nicht alles?' Die anderen blickten neugierig auf.

'Kurz vor Sonnenuntergang ist ein Mann gekommen, ein Schwertmeister des Dritten Grades von der Gilde des Roten Fuchses.' Der Oberste der Leibwache, Ritter Gandolf, stellte seinen Pokal auf den Tisch. 'Wer, zum Henker, ist der Rote Fuchs?' 'Eine unbedeutende Gilde vom Rande des Reiches. Dieser Meister Rudolf dient an der Grenze als Oberster in einer der Garnisonen.' Ritter Gandolf verzog das Gesicht. 'Diese Männer sind harte Kämpfer, aber halbe Wilde, nicht viel besser als die Barbaren, vor denen sie uns schützen.'

Der König nahm ein Stück Käse. 'Ihr sagt, er ist ein Großmeister des Dritten Grades. Seid Ihr sicher, dass er nicht nur ein Aufschneider ist.' 'Anscheinend hat seinen Rang auf den Turnieren des Goldenen Drachen erworben. Der Großmeister hegt keinen Zweifel an der Legitimität des fremden Meisters. Und Meister Rudolf behauptet, ein Schüler eines gewissen Meister Leopolds zu sein.' Der König spielte nachdenklich mit seinem Pokal.

'Als ich ein Kind war, hat mein Vater mich zu den Turnieren der Adlerburg mitgenommen. Ich erinnere mich an einen Meister Leopold. Ich habe ihn als einen großen, stattlichen Mann in Erinnerung. Er gewann jeden Kampf. Doch dann verlor er eines Tages, und ich habe nie wieder von ihm gehört.' 'Die Gilde redet auch nicht gerne über ihn, denn wie es scheint, hat er sich über ihre Bräuche hinweggesetzt. Wir wissen ja, wie eigen sie sind. Anscheinend ist er in Ungnade gefallen und mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden. Aber immerhin hat er noch diesen Schüler unterrichtet.'

Der Oberst der Wache nahm einen Schluck Wein. 'Es gibt 217 Kandidaten, was soll an dem einen Mann so besonders sein. Wahrscheinlich ist er schon am zweiten Morgen schon nicht mehr dabei.' Hauptmann Wolf schenkte sich Wein ein. 'Das ist auch die Ansicht der Herren vom Turniergericht. Aber wer weiß, vielleicht erleben wir morgen eine Überraschung.' Der König hob die Hand. 'Wie auch immer. Wir werden es morgen sehen. Doch nun lasst uns hinuntergehen, im Rittersaal wartet das Mahl auf uns.'

Das Turnier der Schwertmeister

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