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1.3 Nichtliterarische Zeugnisse
(Papyri, Inschriften, Münzen, materielle Überreste)

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Eine Erhellung der neutestamentlichen Zeitgeschichte ist nicht allein auf literarische Quellen verwiesen. Sie kann sich auch auf Papyri, Inschriften, Münzen und materielle Relikte aus der Antike stützen, die dazu geeignet sind, die überlieferten literarischen Angaben zu überprüfen, zu revidieren und neu zu interpretieren.

Papyri

Papyri vermitteln ein facettenreiches Bild vom konkreten Alltagsleben, wie es die literarischen Quellen in dieser Anschaulichkeit nicht widerspiegeln. Es handelt sich um Dokumente, die nicht mit der Absicht der dauerhaften Überlieferung erstellt wurden. Neben Briefen spielen dabei Rechtsurkunden wie Kaufverträge, Steuererklärungen, Schuldscheine oder Pachtverträge eine zentrale Rolle. Unter dem für die neutestamentliche Zeitgeschichte bedeutsamen Material kommt den Zenonpapyri aus Ägypten und den Papyrusfunden aus der jüdäischen Wüste eine Ausnahmestellung zu. Bei den Zenonpapyri aus dem 3. Jh. v. Chr. handelt es sich um ein etwa zweitausend Dokumente umfassendes Archiv, das einen umfassenden Einblick in die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Ptolemäerreiches und seiner Provinzen gibt. Unter den Papyri aus der judäischen Wüste ragen Funde aus der Zeit des zweiten jüdischen Krieges gegen die Römer heraus, darunter Briefe des Aufstandsführers Bar Kochba sowie die Familienarchive der Jüdinnen Babatha und Salome.

Inschriften

Inschriften sind im Gegensatz zu Papyri mit der Absicht erstellt, über einen längeren Zeitraum erhalten zu bleiben. Die Epigraphik hat zahlreiche schriftliche Überlieferungen des neutestamentlichen Zeitalters, die auf dauerhaften Materialien wie Stein, Metall oder Keramik festgehalten sind, zu Tage gefördert und wissenschaftlich ausgewertet. Dadurch sind viele Einzelheiten vor allem des öffentlichen Lebens überliefert, die sonst unbekannt wären oder sich in den literarischen Quellen nur bruchstückhaft niedergeschlagen haben. Besonders bedeutsame epigraphische Zeugnisse sind der Pilatusstein, eine Bauinschrift des Pontius Pilatus aus Caesarea mit der exakten Amtsbezeichnung des römischen Statthalters (praefectus), und der Galliostein mit einem Erlass des Kaisers Claudius an die Stadt Delphi, der für die Datierung der paulinischen Mission in Korinth und die gesamte Chronologie des Urchristentums von unschätzbarem Wert ist.

Münzen

Auch die von der Numismatik ausgewerteten Münzfunde können in ihrer Bedeutung für die neutestamentliche Zeitgeschichte kaum hoch genug eingeschätzt werden. Münzen legen in einzigartiger Weise Zeugnis von den wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Gegebenheiten ihrer Zeit ab. Antike Herrscher ließen Geldstücke prägen, deren Bilder und Legenden der Verbreitung politischer oder religiöser Propaganda dienten. In einer Zeit, die noch keine Massenmedien im heutigen Sinne kannte, waren Münzen ein wichtiges Mittel, das Antlitz und die Ideologie eines Herrschers breiten Bevölkerungskreisen binnen kürzester Zeit bekannt zu machen. Sie dienten nicht nur als Zahlungsmittel, sondern waren mit ihren Bildern wie Schriftzügen auch Träger konkreter Botschaften und Instrumente der Machtpolitik. Oftmals wurden ältere Münzen unter Beibehaltung ihres Zahlungswertes mit neuen Stempeln überprägt, um ein verändertes Programm zu propagieren. Zudem ergänzen und korrigieren antike Münzen in wertvoller Weise das von den literarischen Quellen vermittelte Bild, indem sie beispielsweise in ihren Legenden Rückschluss auf die exakten Titulaturen bestimmter Herrschergestalten geben. An jüdischen Münzen lässt sich ersehen, in welchem Umfang die für die Emission verantwortlichen hasmonäischen oder herodianischen Herrscher Rücksicht auf das biblische Bilderverbot nahmen.

Materielle Relikte

Materielle Hinterlassenschaften der Antike, darunter Grabanlagen, Kunstwerke, Gebrauchsgegenstände, Werke der Architektur oder ganze Siedlungen, geben wichtige Aufschlüsse über soziale und wirtschaftliche Gegebenheiten. Die mit materiellen Relikten aus dem neutestamentlichen Zeitalter befasste Biblische Archäologie war lange Zeit zu einseitig auf Palästina beschränkt und verfolgte oftmals allein die apologetische Tendenz, die Geschichtlichkeit biblischer Aussagen zu untermauern. Bei der Wahrnehmung und Auswertung archäologischer Befunde, die sich für die neutestamentliche Zeitgeschichte als bedeutsam erweisen, sind die Grenzen Palästinas programmatisch zu überschreiten, wobei ein Schwerpunkt auf lokalgeschichtlichen Untersuchungen im östlichen Mittelmeerraum liegt. Durch eine unvoreingenommene archäologische Forschung lässt sich zudem ein eigenständiges Bild der Lebensverhältnisse im neutestamentlichen Zeitalter erheben, das über die literarischen Quellen hinausgehend auch zu völlig neuen Einsichten führen kann.

Einführung in die Neutestamentliche Zeitgeschichte

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