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Kindheit in Leipzig (1819–1834) Das Klavier – Erste Auftritte – Ein Leben als Wunderkind

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Am Leipziger Neumarkt stand ein Haus, das unter dem schönen Namen Hohe Lilie bekannt war. Dort erblickte am 13. September 1819 ein kleines Mädchen das Licht der Welt, dem hohe Erwartungen in die Wiege gelegt waren. Denn schon lange vor seiner Geburt hatte sein Vater beschlossen, aus diesem Kind, wenn es weiblich wäre, eine große Künstlerin zu machen. Er war überzeugt davon, dass sich Mädchen wesentlich besser formen und voranbringen ließen als Jungen. Clara nannte er das ersehnte Kind, die hell und glänzend Strahlende. Das hielt er für passend.

Erst am 6. Oktober taufte man das Mädchen auf die Namen Clara Josephine in der Nikolaikirche, die neben der ungleich berühmteren Thomaskirche das zweite große Kirchenbauwerk Leipzigs war, das schon seit der Stadtgründung existierte. Für die damaligen Verhältnisse erfolgte die Taufe sehr spät. Aufgrund der hohen Säuglingssterblichkeit bestand die Gefahr, dass die Kinder ihre Geburt nur um wenige Tage überlebten. Ungetauft durfte aber kein Baby sterben, denn der Volksglaube besagte, dann käme es nicht in den Himmel.

Bei Clara hegte der Vater offenbar derlei Befürchtungen nicht, war er doch felsenfest davon überzeugt, dass es sich um ein ganz ungewöhnliches Mädchen handelte. Es würde überleben und ein Leben als Star führen. So plante er es, und so sollte es letztlich auch kommen. Doch das ist eine lange Geschichte.

Clara war das zweite Kind von Friedrich Wieck (1785–1873) und dessen Frau Mariane (geb. Tromlitz, 1797–1872), einer überaus begabten Sängerin und Pianistin. Mariane stammte als Tochter des Plauener Stadtkantors George Christian Gotthold Tromlitz aus einer besonders musikalischen Familie. Ihr Großvater väterlicherseits war der berühmte Flötist, Flötenbauer und Komponist Johann George Tromlitz aus dem thüringischen Reinsdorf. Mariane kam als Schülerin zu Friedrich Wieck und wurde später seine Frau. Zweifellos vererbte sie der Tochter eine gehörige Portion ihrer außergewöhnlichen Musikalität. Die Frage bleibt allerdings, wieso der Vater sich dessen offenbar schon bei Claras Geburt sicher war und wieso er daran niemals auch nur den geringsten Zweifel ließ.

Wieck selbst galt als recht musikalisch, obwohl er in seinem Elternhaus nicht entsprechend gefördert worden war. Geboren wurde er in Pretzsch, einer Kleinstadt an der Elbe zwischen Torgau und Wittenberg, in recht bescheidenen Verhältnissen. Er war der jüngste Sohn einer Kaufmannsfamilie ohne Fortune, in der die Musik keine Rolle spielte. Auffallend war sein großer Ehrgeiz, der ihn – gepaart mit bemerkenswertem Lerneifer – schon frühzeitig nach Höherem streben ließ.

Obschon von Geburt an eher schwächlich und häufig kränkelnd, gelang es dem jungen Friedrich Wieck schließlich, am Gymnasium in Torgau aufgenommen zu werden. Dort sollte er sich auf das von den Eltern für ihn gewünschte Theologiestudium vorbereiten. Folgsam schrieb er sich nach bestandenem Abitur an der Universität Wittenberg ein, schloss das Studium erfolgreich ab und hielt pflichtgemäß, wie es die Statuten vorsahen, seine Probepredigt in einer Dresdner Kirche. Doch eine weitere Ausübung des geistlichen Amtes interessierte ihn in keiner Weise. Lieber verdiente er fortan sein Geld als Hauslehrer bei wohlhabenden, meist adligen Familien.

Aus eigener Initiative und ganz unsystematisch hatte Wieck schon als Jugendlicher eine musikalische Ausbildung in Angriff genommen, ohne jedoch seine Kenntnisse vervollkommnen zu können. Über einige Stunden Klavierunterricht kam er letztlich nicht hinaus. Als ihm nach neun Jahren das Dasein als Hauslehrer keine Befriedigung mehr verschaffte, eignete er sich – ebenfalls mehr oder weniger autodidaktisch – Kompositionstheorie und Klaviertechnik an.

Als knapp Dreißigjähriger gab er seine bisherige Tätigkeit auf und schuf sich mit finanzieller Hilfe eines Freundes in Leipzig eine neue Existenz. Wieck gründete ein rasch florierendes Geschäft, in dem er neben dem Verkauf und Verleih von Musikalien auch Klaviere vermietete, verkaufte, reparierte und stimmte. Er bezeichnete seine Firma als „Piano-Fabrik Friedrich Wieck“ und versah jedes gehandelte Instrument mit dieser Aufschrift, um Werbung für sein Unternehmen zu machen.

Schon bald fand Friedrich Wieck in der Leipziger Fachpresse als guter und beliebter Klavierlehrer Erwähnung, weshalb die Klavierschule, die seinem Laden angeschlossen war, reichlich Zulauf hatte. Wiecks von langer Hand geplantes Konzept war aufgegangen, denn nicht ohne Grund hatte er diese Stadt in Mitteldeutschland für sein Vorhaben ausgewählt. Sie schien ihm der geeignete Ort für eine geschäftlich erfolgreiche Zukunft zu sein.

Leipzig mit seinen damals rund 35.000 Einwohnern, inmitten des südlichsten Teils der Norddeutschen Tiefebene und am Zusammenfluss dreier Flüsse gelegen, galt zu Beginn des 19. Jahrhunderts als prosperierendes Wirtschaftszentrum. Die günstige Lage am Schnittpunkt zweier alter, renommierter Handelsstraßen, der Via Regia und der Via Imperii, sowie die frühzeitig erlangten Messeprivilegien hatten die Stadt seit ihrer Gründung um 1165 zu einem attraktiven Ort für Kaufleute und Fabrikanten gemacht.

Zwar gehörte Leipzig zum von Friedrich August I. regierten Königreich Sachsen, diente aber nie als Residenzstadt oder Bischofssitz. Die Stadt wurde von einem Rat alteingesessener Bürger regiert, die in jeder Beziehung den Ton angaben. Als Clara geboren wurde, hatte sich die Bevölkerung längst von den Kriegswirren erholt, die Schrecken der napoleonischen Besetzung waren vergessen. Auch die Nachwehen der Neuordnung Europas und die Verkleinerung des sächsischen Königreichs durch den Wiener Kongress waren ausgestanden. Politisch kehrte eine verhältnismäßig friedliche Phase ein.

Allein die an zahlreichen deutschen Höfen herrschende Furcht vor revolutionären Bestrebungen und vor der Verbreitung national-liberaler Ideen in der Bevölkerung erzeugte eine gewisse Unruhe. Nachdem der Schriftsteller und russische Generalkonsul August von Kotzebue durch den Theologiestudenten und Burschenschaftler Karl Ludwig Sand ermordet worden war, berieten Diplomaten und Minister der deutschen Staaten im österreichischen Kurort Karlsbad über Mittel zur Bekämpfung solcher Tendenzen. Dies führte auf Initiative des österreichischen Außenministers und späteren Staatskanzlers Klemens Wenzel Lothar von Metternich zu den so genannten Karlsbader Beschlüssen. Genau eine Woche nach Claras Geburt wurden diese am 20. September 1819 in einem Eilverfahren vom Bundestag des Deutschen Bundes in Frankfurt bestätigt.

Die sich daraus für alle Staaten des Deutschen Bundes ergebende Einschränkung der Pressefreiheit sollte die Verbreitung aufrührerischer Ideen unterbinden. Um Revolutionen zu verhindern, wurden Universitäten überwacht, die Burschenschaften verboten und öffentliche Turnplätze als Hort solcher Unruhen geschlossen. Verdächtige Professoren konnten ihres Amtes enthoben und mit einem Berufsverbot belegt werden, um so einer Weitergabe nationalen oder liberalen Gedankenguts vorzubeugen.

Von den gravierenden Auswirkungen dieser Beschlüsse zeigte sich Claras Heimatstadt Leipzig relativ unbeeindruckt. Die Stadt galt immer schon als sehr liberal, vor allem aber spielte der Adel hier keine nennenswerte Rolle. Prägend für Leipzig blieb weiterhin ein solides und starkes Bürgertum, das kulturell außergewöhnlich interessiert war. Die frühe Gründung der namhaften Universität im Jahre 1409, die Bedeutung der Stadt als Messestandort von europäischem Rang sowie der hohe Entwicklungsstand von Buchdruck und Buchhandel hatten die Wirtschaft und Kultur ab dem ausgehenden 15. Jahrhundert gleichermaßen befördert. Davon profitierte auch das Musikleben, das in Leipzig eine bemerkenswerte Rolle spielte.

Zur Zeit von Claras Geburt brachte man in Leipzig nicht nur den musikalischen Werken selbst, sondern auch den interpretierenden Künstlern hohe Achtung entgegen. Das Schaffen, Spielen und Hören von Musik wurden hier intensiv gepflegt, weshalb die Stadt schon damals zu einem der wichtigsten musikalischen Zentren Deutschlands zählte. Dass das Konzertwesen gerade hier in einem nirgends sonst vorhandenen Ausmaß florierte, ist kein Zufall. Denn die Darbietung von Musik um ihrer selbst willen ist eine Tradition, die von den aristokratischen Kreisen in den Residenzstädten nicht nennenswert gepflegt wurde, sondern auf das Bürgertum zurückgeht. Erst im öffentlichen und halböffentlichen bürgerlichen Raum sowie im privaten bürgerlichen Salon konnte sich das Konzert als etablierte Veranstaltungsform entwickeln. Nicht von ungefähr erfolgte denn auch in Leipzig 1843 die Gründung der ältesten Musikhochschule Deutschlands.

Die in der Handelsstadt bekanntlich gut laufenden Geschäfte, ein hohes Maß an Geselligkeitskultur und das breit gefächerte Kunstinteresse des Bürgertums vermischten sich standesübergreifend zu einer lebendigen Vielfalt. Sie schufen Voraussetzungen, um die der ebenso geschäftstüchtige wie musikbegabte Friedrich Wieck wusste und die er zu seinen Gunsten auszunutzen verstand. Im Leipzig jener Tage mit seinem außergewöhnlichen Musikleben fand er den richtigen Ort für sämtliche geplanten Aktivitäten. Vor allem die Etablierung seiner Clara als prominente Künstlerin schien ihm gerade hier möglich.

Nachdem Wiecks erste, 1817 geborene Tochter Adelheid bereits im Kindesalter verstorben war, betrachtete er Clara als das ersehnte Kind, mit dem sich seine ehrgeizigen Pläne realisieren ließen. Klavierspielen sollte sie lernen, am besten so früh wie möglich, rasch ein beeindruckendes Wunderkind und später eine berühmte Konzertpianistin werden.

Zwar wurden dem Ehepaar Wieck noch drei Söhne geboren, Alwin (1821–1885), Gustav (1823–1884) und Viktor (1824–1827), doch für keinen von ihnen hegte der Vater ähnliche Ambitionen. Er fokussierte sich ausschließlich auf Clara. Ein weibliches Wunderkind schien ihm wohl grundsätzlich erfolgversprechender. Er beschloss, sein gesamtes Leben in den Dienst dieses Projekts zu stellen.

Doch dann durchkreuzte ein unvorhergesehener Umstand sein ehrgeiziges Vorhaben. Seine Frau Mariane hatte sich zum Zeitpunkt der Geburt des jüngsten Sohnes Viktor bereits von ihm getrennt und war nach Plauen in ihr Elternhaus zurückgekehrt. Das drei Monate alte Baby durfte sie selbstverständlich mitnehmen, die viereinhalbjährige Clara stand jedoch rein juristisch gesehen dem Vater zu. Denn nach damals geltendem sächsischem Recht gehörten die drei ältesten Kinder dem Vater.

Auf intensives Drängen seiner Frau hin überließ Friedrich Wieck ihr Clara noch für einige Monate, bestand jedoch darauf, dass sie unmittelbar nach ihrem fünften Geburtstag zu ihm zurückzukehren habe. Nichts sollte ihn von seinem Vorhaben abbringen, aus ihr eine Pianistin zu machen. Für die Mutter war es ein unerträglicher Gedanke, sich von Clara trennen zu müssen. Doch halfen weder ihr flehentliches Bitten noch ihre reichlich fließenden Tränen, sie musste ihre einzige Tochter schweren Herzens abgeben. Dass sie diese Vereinbarung letztlich akzeptierte, lässt erkennen, wie groß ihre Verzweiflung in der Ehe gewesen sein muss.

Die anfänglich sicherlich vorhandene Leidenschaft zwischen den Eheleuten war längst verflogen. Mariane litt immens unter dem herrschsüchtigen, jähzornigen und im Zusammenleben schwer erträglichen Wesen ihres Mannes. Für sie ergaben sich aus der Trennung Nachteile, die äußerst schmerzhaft waren. Mariane nahm sie mit vollem Bewusstsein in Kauf, um einer Ehe zu entkommen, die sie wohl zuletzt als Folter empfand. Ihr Leidensdruck muss gewaltig gewesen sein, anderenfalls hätte sie nicht um die Scheidung gebeten, die in der damaligen Zeit für eine Frau als anstößig und beinahe schändlich galt. Es war ein mutiger Schritt, den Mariane nicht ohne schwerwiegende Gründe und sicherlich nicht aus einer spontanen Laune heraus getan hätte.

Am 22. Januar 1825 wurde die Ehe der Wiecks rechtskräftig geschieden. Mariane heiratete kurz darauf den Klavierlehrer Adolph Bargiel (1783–1841), den sie seit ihrer Jugend kannte. Bargiel hatte früher zeitweise mit Wieck bei derselben Familie als Hauslehrer gearbeitet und war öfters ins Wieck’sche Geschäft in Leipzig gekommen. 1826 zog das Ehepaar Bargiel nach Berlin, wo Adolph eine Klavierschule übernahm.

Infolge der vergrößerten räumlichen Trennung sah Clara ihre Mutter von nun an kaum noch. Persönlich trafen sie in den folgenden Jahren nur gelegentlich zusammen, wenn Mariane Bargiel eine der seltenen Reisen in ihre Heimatstadt Plauen bewusst in Leipzig unterbrach, um ihre Tochter zu sehen. Dennoch pflegten Mutter und Tochter eine innige Beziehung, die sich zunächst auf einen lebhaften Briefwechsel beschränken musste, sich in späteren Jahren aber wieder intensivierte.

Wieck kam sehr gelegen, dass Claras Kontakt mit ihrer Mutter derart eingeschränkt war. Er setzte alles daran, seine Ex-Frau nicht nur aus Claras Alltag, sondern aus ihrem gesamten Denken zu verbannen. Über die Scheidung und ihre Gründe dafür durfte Mariane mit ihrer Tochter niemals sprechen. So erfährt man nicht, wie Clara als Kind die Beziehung zwischen ihren Eltern wahrnahm und welche Gefühle sie in ihr auslöste. Einer Äußerung, die sie als erwachsene Frau und Mutter machte, ist allerdings zu entnehmen, dass sie Verständnis für ihre Mutter gehabt haben muss und deren Entschluss nachträglich billigte.

Mariane wurde vom Schicksal auch weiterhin nicht begünstigt. Ihr zweiter Mann blieb in seinem Metier aus unterschiedlichen Gründen relativ erfolglos, erlitt einen Schlaganfall und starb schließlich im Alter von achtundfünfzig Jahren. Mariane musste nun die vier Kindern aus dieser Ehe allein ernähren. Zwar erteilte sie sehr erfolgreich gut bezahlten Klavierunterricht, war aber dennoch zusätzlich auf die finanzielle Unterstützung von Freunden angewiesen.


Friedrich Wieck mit seiner Tochter Clara sowie Emilie und Elise List, um 1838. Bleistiftzeichnung der Sängerin Pauline Viardot-García.

Ihr Sohn Woldemar Bargiel (1828–1897) wurde später ein namhafter Pianist, Dirigent und Komponist. Zu seiner Halbschwester Clara stand er zeitlebens in enger, freundschaftlicher Verbindung, sowohl in privater als auch beruflicher Hinsicht. Beide waren später aufgrund ihrer soliden wirtschaftlichen Situation in der Lage, der Mutter finanziell unter die Arme zu greifen, wenn es nötig schien.

Kurz vor Claras achtem Geburtstag eröffnete ihr Vater im Juni 1827 ein Tagebuch für sie, dem er als Einleitung einen Rückblick auf ihre frühe Kindheitsgeschichte voranstellte. Aber nicht nur diese Einleitung, sondern auch sämtliche weiteren Eintragungen nahm er viele Jahre lang selbst vor. Dabei schrieb er stellvertretend für die Tochter in der Ich-Form und von sich selbst in der dritten Person als dem Vater. Dieses ungewöhnliche Verfahren zeigt, wie sehr er seine Tochter und deren ganzes Leben beherrschen wollte. Wieck instrumentalisierte das Tagebuch in vielerlei Hinsicht für erzieherische Zwecke bzw. für die Formulierung von Ansichten, die er Clara nahebringen wollte.

Auffallend ist, wie sehr sich Wieck vor allem zu Beginn des Tagebuchs bemühte, jede Situation zu seinen Gunsten auszulegen und seine Person besonders positiv darzustellen. Umgekehrt achtete er darauf, Claras Mutter in schlechterem Licht erscheinen zu lassen. Seine Anordnungen sowie seine speziellen Erziehungs- und Lehrmethoden strich er als überaus glänzend heraus. Um die hohe Qualität ihrer Ausbildung zu betonen, listete er detailliert auf, welche Musik seine Tochter hörte, welche Stücke sie gerade übte und welche Art von Unterricht sie erhielt.

Infolgedessen lassen alle in diesen Jugendtagebüchern vorliegenden Informationen nicht nur Rückschlüsse auf Claras Erziehung, ihren Werdegang und ihr musikalisches Umfeld zu, sondern ermöglichen zugleich einen tiefen Einblick in Friedrich Wiecks Denken und Handeln sowie in die eigenartige Beziehung zwischen ihm und seiner Tochter. Zweifellos benutzte Wieck diese befremdliche Art der Tagebuchführung aus einem übertriebenen pädagogischen Eifer heraus. Dabei ging er methodisch äußerst konsequent vor. Wie Lob wurden auch Tadel, Ermahnungen und sogar regelrechte Vorwürfe deutlich formuliert; auch Liebes- oder zumindest Zuwendungsentzug setzte er als Erziehungsmittel strategisch ein.

Der Vater übernahm auf diese Weise frühzeitig die vollständige Kontrolle über das Leben seiner Tochter und wollte sie auch nicht abgeben, als das Mädchen heranreifte. Obwohl er am 24. Mai 1831 – wie immer in Claras Namen – festhielt: „Von nun an werde ich mein Tagebuch selbst schreiben, wenn ich nur irgend Zeit habe“ (CSTb 1), sah er weiterhin bis zu ihrem 19. Lebensjahr jede Eintragung durch und nahm stellenweise Korrekturen oder Ergänzungen vor.

Die heranwachsende Clara beauftragte er zunehmend damit, Briefe, Kritiken oder Nachrichten, die im Zusammenhang mit ihren Konzertreisen standen, in das Tagebuch zu kopieren. Auf diese Weise konnte sie seiner Ansicht nach lernen, selbstständig Korrespondenzen zu erledigen.

In der geschilderten Weise wurde Claras Tagebuch bis zum April 1838 geführt. Erst dann, als sie gegen den Willen ihres Vaters das elterliche Haus verlassen hatte, konnte Clara ihr Tagebuch eigenhändig führen. Und erst im März 1859 – Clara war bereits Witwe, Mutter von sieben Kindern und eine fast vierzigjährige Frau – überließ der Vater ihr auch die früheren Tagebücher, versehen mit der Aufschrift: „Heft 1–6 meiner Tochter Clara Schumann von mir geschenkt und ihr gehörig.“ (CSTb 1)

Gemäß der Intention ihres Vaters stand im Zentrum von Claras Kindheit und Jugend das Klavier. Auf diesem Instrument brachte sie schon erstaunlich früh beachtliche Leistungen. Zu sprechen begann sie jedoch erst im Alter von vier Jahren. Und auch ihr Hörvermögen war eingeschränkt.

Es erstaunt wenig, dass Friedrich Wieck die Mutter für beide Handicaps seiner Tochter verantwortlich machte. In Claras Tagebuch gab er an, Mariane habe immer zur selben Zeit wie er Klavierunterricht erteilen und mehrere Stunden am Tag üben wollen, statt sich mit der Tochter zu beschäftigen. Clara sei währenddessen einer wortkargen und verschlossenen Magd überlassen worden, die sich kaum mit dem Kind unterhielt. Da Clara akustisch weniger durch Worte als durch Klaviermusik angeregt worden sei, habe sich ihr Sinn mehr für die Töne als für die Sprache ausgebildet. Daraus, so Wieck, erkläre sich auch ihr schlechtes Hörvermögen, das sich ebenfalls nur auf die Sprache, nicht jedoch auf die Musik beziehe.

Ob dieses auffällige Phänomen damit ausreichend erklärt ist, sei dahingestellt. Gewiss ließen sich aus heutiger Sicht andere Überlegungen anführen, wieso Clara in der Entwicklung ihres Sprach- und Hörvermögens deutlich zurückblieb. Sicherlich nahm sie von den Streitigkeiten zwischen den Eltern mehr wahr, als ihrer kindlichen Psyche gut tat. Da Wieck ein überaus jähzorniger Mann war, der oft und schnell die Beherrschung verlor, blieb es nicht aus, dass Clara in ihren ersten Lebensjahren mehrfach unfreiwillig Zeugin lautstarker und unschöner Streitgespräche zwischen den Eltern wurde. Derartige Situationen müssen sie sehr belastetet haben. So liegt denn auch die Vermutung nahe, dass sie bewusst weghörte, um sich zu schützen. Und möglicherweise lässt sich genau darauf auch ihre verzögerte Sprachentwicklung zurückführen.


Claras Mutter Mariane Bargiel, gesch. Wieck, geb. Tromlitz, Fotoreproduktion nach einem Gemälde, um 1816.

Claras Tagesablauf wurde minutiös von ihrem Vater geplant und unterlag einem strengen Reglement, das im Normalfall nicht durchbrochen werden durfte. Sein erklärtes Ziel, aus der Tochter eine berühmte Virtuosin zu machen, verfolgte Wieck mit allergrößter Konsequenz. Kein Detail blieb dabei unberücksichtigt. Mindestens zwei Stunden täglich musste Clara schon als Kind Klavier spielen. Zum körperlichen Ausgleich ordnete der Vater regelmäßige Spaziergänge an, die allerdings gleichzeitig der geistigen Weiterbildung dienten, da sie von lehrreichen Gesprächen begleitet wurden.

Erst als Clara neun Jahre alt war, verheiratete sich der Vater wieder. Bis dahin waren sie und ihre beiden Brüder vier lange Jahre ohne mütterliche Führung aufgewachsen, was man zur damaligen Zeit als nachteilig für die Kinder empfand. Nun übernahm die aus einer schlesischen Pastorenfamilie stammende dreiundzwanzigjährige Clementine Fechner (1805–1893) die Rolle der Stiefmutter. „Sie liebt uns und wird zärtlich für uns sorgen und wir lieben sie auch von Herzen“ (CSTb 1), hielt Wieck – wie immer in ihrem Namen – in Claras Tagebuch fest. Was fast wie ein Befehl klingt, war genau so gemeint und erfolgte nicht ohne Absicht: Wieck wollte die leibliche Mutter der drei Kinder aus deren Bewusstsein drängen.

Andererseits war Clementine als Ehefrau und Stiefmutter keineswegs zu beneiden. Clara blieb der Star im Leben ihres Vaters und spielte nach wie vor die Hauptrolle. Dem musste sich auch seine junge Frau unterordnen und ihrerseits Funktionen übernehmen, die Wieck ihr zuwies. Alles drehte sich nur um die Karriere seiner Tochter. Über viele Jahre hinweg war der Vater zu diesem Zweck mit Clara unterwegs, während seine Frau Clementine in Leipzig den gesamten Haushalt, die Erziehung der Kinder sowie das Wieck’sche Geschäft alleine bewältigen musste.

Drei Kinder gingen aus Wiecks zweiter Ehe hervor: Clemens (1829–1833) verstarb früh, und Cäcilie (1834–1894) galt ab den 1850er Jahren als geisteskrank. Einzig die älteste Tochter Marie (1832–1916) betreute der Vater später ebenfalls als Schülerin.

Marie debütierte 1843 als Pianistin in einem Konzert ihrer zu diesem Zeitpunkt schon berühmten Halbschwester Clara und arbeitete danach als Klavier- und Gesangslehrerin in Dresden. Sie verheiratete sich nie, blieb ihrem Vater ein Leben lang treu ergeben und lehnte sich – anders als Clara – nie gegen ihn auf. Obwohl nicht annähernd so begabt wie diese, erhielt sie den Titel „Fürstlich Hohenzollernsche Hofpianistin“ und machte sich zudem mit der Veröffentlichung von Werken ihres Vaters einen Namen. Lange nach Claras Tod gab sie 1912 die Familiengeschichte Aus dem Kreise Wieck-Schumann heraus, die ihre Eifersucht auf die talentiertere und erfolgreichere Halbschwester erkennen lässt.

Am 20. Oktober 1828 absolvierte die gerade neunjährige Clara ihren ersten öffentlichen Auftritt im Leipziger Gewandhaus. Sie spielte auf einem drei Jahre zuvor gebauten, von ihrem Vater für sie bei der Wiener Klaviermanufaktur Andreas Stein bestellten Konzertflügel. Clara übernahm den Primo-Part in Friedrich Wilhelm Kalkbrenners gerade erschienenen vierhändigen Variations brillantes op. 94 über einen beliebten Marsch aus Rossinis Oper Mosè in Egitto, das Secondo spielte Emilie Reichold. Sie war ebenfalls eine Meisterschülerin Friedrich Wiecks, die er aufgrund ihrer bestechenden pianistischen Fähigkeiten wiederholt in Claras musikalische Ausbildung einbezog. Das Debüt verlief zur vollen Zufriedenheit des Vaters.

Die Freude über ihr erfolgreiches Debüt währte nicht lange, denn schon kurz darauf äußerte der strenge Vater seine Unzufriedenheit mit Claras Benehmen, das er im Tagebuch als faul, nachlässig, unordentlich, eigensinnig und unfolgsam tadelte. Ein derartiges Verhalten konnte er nicht dulden, da es die weitere Karriere behinderte. Sofort ergriff er Maßnahmen und untersagte ihr zur Strafe – wie meist in solchen Situationen – genau das, was sie am allerliebsten tat: Ihre Lieblingsstücke durfte sie jetzt nicht spielen, stattdessen musste sie sich mit langweiligen und stupiden Fingerübungen begnügen.

Nicht nur die Aufgaben, die Clara täglich zu absolvieren hatte, richteten sich konsequent nach dem väterlichen Karriereplan und wurden ihr mit erzieherischer Härte zugewiesen. Auch Claras Umgang mit anderen Menschen war streng reglementiert. Nie durfte sie mit anderen Kindern spielen, besuchte insgesamt nur anderthalb Jahre eine öffentliche Schule, erhielt musikalischen Unterricht fast ausschließlich von ihrem Vater und lernte Lesen, Schreiben sowie die für ihre internationale Karriere wichtigen Fremdsprachen Englisch und Französisch bei Hauslehrern.


Der Konzertflügel von Andreas Stein, auf dem Clara bei ihrem ersten Auftritt im Gewandhaus spielte. Er steht heute im Schumannhaus Zwickau und ist nach umfangreicher Restaurierung seit 1996 wieder spielbar.

Statt sozialen Kontakt mit Gleichaltrigen zu pflegen, musste Clara sich schon früh dem Kreis der musikbegeisterten Erwachsenen anpassen, den ihr Vater regelmäßig zu Hauskonzerten einlud. Bei solchen Abenden ging es Wieck vornehmlich darum, seine Tochter als Wunderkind zu präsentieren.

Auf die öffentliche Bühne schickte er die Zehnjährige erneut im Frühjahr 1830 während eines Aufenthalts in der benachbarten Residenzstadt Dresden. Clara sollte bei Hofe ein- und vor allem vorgeführt werden. Nur so ließen sich die erforderlichen Kontakte knüpfen, um später Einladungen in bedeutendere Residenzstädte wie Berlin oder Wien zu erhalten.

Monatelang beschäftigte Wieck seine Tochter mit der Vorbereitung dieser wichtigen Konzertreise. Viele neue Stücke musste sie einstudieren, dazu die von ihr selbst komponierten Variationen über ein Tyrolerlied, die heute verschollen sind. Die Generalprobe für den großen Auftritt in Dresden erfolgte bei einer musikalischen Abendunterhaltung im Wieck’schen Hause. Clara trug ihr Programm vor, und die Zuhörer waren angetan, so dass ihr Vater auf einen guten Erfolg in Dresden hoffen konnte.

Nun war zu überlegen, welche Garderobe das Kind bei Hofe tragen sollte. Penibel achtete Wieck auf solche Details. „Nach Dresden nehme ich mein gelbseidenes Kleid mit, was ich von der Berliner Mutter zu meinem Geburtstage bekommen“ (CSTb 1), vermerkte er im Tagebuch und bezog sich dabei auf Claras leibliche Mutter Mariane, für die er diese Bezeichnung festgelegt hatte. Optisch setzte er mit der Kleiderwahl jedenfalls einen geschickten Akzent. Gelb ist eine auffällige Farbe und Seide ein edler Stoff. Die mädchenhafte Anmut der reizenden jungen Künstlerin würde damit bei Hofe zweifellos zur gewünschten Geltung kommen.

Die Rechnung ging auf: Dresden erwies sich als voller Erfolg. Die junge Künstlerin war rasch beliebt und wurde mit zahlreichen, zum Teil kostbaren Geschenken, den gewünschten Einladungen sowie Komplimenten überhäuft.

Jetzt konnte Wieck die nächste Stufe der Karriereleiter ansteuern: Das Wunderkind brauchte eine solide musikalische Rundum-Ausbildung. Sofort nach ihrer Rückkehr erhielt Clara Unterricht in Musiktheorie beim Leipziger Thomasschulleiter und -kantor Christian Theodor Weinlig, bei dem damals viele junge Musiker lernten, so auch Richard Wagner und Goethes Enkel Walther. Clara Wieck aber blieb sicherlich sein einziger weiblicher Zögling.

Die Zeit schien reif für Claras erstes öffentliches Solokonzert. Es sollte im September 1830 im renommierten Leipziger Gewandhaus stattfinden. Aber dann überschlugen sich die Ereignisse: Die Auswirkungen der Pariser Julirevolution erreichten Leipzig. Wie in zahlreichen anderen europäischen Städten kam es Anfang September 1830 auch hier zu Unruhen, die sich hauptsächlich gegen Polizei und Stadtverwaltung richteten. Verwüstungen und Zerstörungen waren die Folge. An Konzerte eines Wunderkinds im Gewandhaus war in diesen Tagen nicht zu denken.

Weitaus bedeutender für Claras Leben war ein anderes Ereignis im Jahr 1830: Robert Schumann zog als neuer Klavierschüler von Friedrich Wieck in das Haus ihres Vaters. 1810 in Zwickau als Sohn eines Buchhändlers, Schriftstellers, Verlegers, Übersetzers und Herausgebers von Handbüchern geboren, erhielt bereits der ganz junge Robert Zugang zu Literatur und Dichtung. Darüber hinaus zeigte er früh eine hohe musikalische Begabung, die von seinem Vater gefördert wurde. Als dieser starb, war Robert gerade sechzehn Jahre alt und wurde einem Vormund anvertraut.

Zwei Jahre später legte er sein Abitur mit gutem Ergebnis ab. Im Einvernehmen mit der Mutter entschied der Vormund, dass Robert ein Jurastudium aufnehmen solle. Doch weder in Leipzig noch in Heidelberg, wohin er schon nach kurzer Zeit wechselte, widmete er sich ernsthaft diesem Studium. Wesentlich mehr beschäftigte er sich mit Literatur und Musik, mit Lektüre und Klavierspielen, mit Spaziergängen und Gesprächen im Kreis gleichgesinnter Freunde.

Als sich seine eigentlichen Interessen und seine Abneigung gegenüber dem Jurastudium nicht mehr verleugnen ließen, fasste sich der Zwanzigjährige ein Herz und teilte seiner Mutter mit, dass er das begonnene Studium abbrechen und sich zukünftig ganz der Musik widmen wolle. Er schlug ihr vor, sich mit Friedrich Wieck zu beraten, der ihm während seiner Leipziger Studienzeit 1828/29 Klavierstunden erteilt und den er als Lehrer in guter Erinnerung hatte.

Wieck redete Mutter Schumann überraschenderweise zu. Dabei betonte er natürlich die hohe eigene musikpädagogische Qualifikation, mit deren Hilfe ihr Sohn innerhalb weniger Jahre ein berühmter Konzertpianist werden könne. Gleichzeitig wies er aber auch deutlich darauf hin, dass Robert dafür hart und mit großer Selbstdisziplin arbeiten müsse. Auch solle Robert selbst Klavierunterricht geben, um für ein vernünftiges finanzielles Auskommen zu sorgen. Die Mutter ließ sich überzeugen, und im Herbst 1830 durfte Robert zwei Zimmer im Wieck’schen Hause beziehen.

Letztlich wohnte er nur ein knappes Jahr dort. Schon nach kurzer Zeit kamen Robert Schumann Zweifel an Wiecks Unterrichtsmethoden, die er übertrieben streng fand. Ihn störten die permanenten Fingerübungen, das stupide tägliche Üben und vor allem die Tatsache, dass seine neun Jahre jüngere Mitschülerin und Tochter des Hausherrn sehr viel rascher vorankam.

Kurzzeitig überlegte Robert sogar, den Unterricht bei Wieck ganz abzubrechen und nach Weimar zu Johann Nepomuk Hummel zu wechseln. Der Komponist und Pianist Hummel galt damals als hervorragender Lehrer und nahm in der Musikszene eine bedeutende Position ein. Der Plan zerschlug sich zwar und Robert blieb bei Wieck, aber das Verhältnis zwischen beiden war nachhaltig gestört.

Clara zeigte sich von dem neuen Mitbewohner tief beeindruckt, wurde jedoch von ihrem Vater sofort ermahnt, sich auf den wichtigsten Punkt in ihrem Leben zu konzentrieren und sich intensiv auf den bereits für September geplanten Soloauftritt vorzubereiten. Nach mehrfacher Verschiebung nahte der große Tag nun heran.

In ihrer Musikalischen Akademie am 8. November 1830 im Leipziger Gewandhaus spielte Clara Friedrich Kalkbrenners Rondo brillant op. 101 mit Orchester, Variations brillants sur le Chœur favori d’il Crociato de Meyerbeer op. 23 von Henri Herz, den ersten Klavierpart im Quatuor concertant für 4 Pianoforte mit Orchester über mehrere beliebte Melodien op. 230 von Carl Czerny, eine Romanze ihres Vaters für Klavier und Physharmonika sowie ihre eigenen, heute verschollenen Variationen über ein Originalthema.

Es waren ausschließlich Stücke, die dem Zeitgeist entsprachen und mit denen ein Wunderkind wahrlich brillieren konnte. Die Kritik in der Allgemeinen musikalischen Zeitung fiel entsprechend positiv aus, die Einnahmen stimmten, und Friedrich Wieck war zufrieden. Sein Konzept war aufgegangen. Er hatte auf den Geschmack des Publikums gesetzt und seine Tochter spielen lassen, was von ihr erwartet wurde.

Weitere erfolgreiche Auftritte schlossen sich an, so dass Wieck nun den richtigen Zeitpunkt für eine Reise nach Paris, dem Zentrum des Musikgeschehens, gekommen sah. Dort sollte die internationale Karriere seiner Tochter beginnen. Ab sofort liefen die Vorbereitungen dafür auf Hochtouren. Clara lernte Französisch, wobei sie den Unterricht zum Großteil selbst bezahlen musste, da ihr Vater der Ansicht war, sie verdiene inzwischen genügend Geld. Zusätzlich studierte sie neue Klavierstücke ein.

Der Vater investierte noch mehr Zeit und Kraft in das ambitionierte Vorhaben. Das Geschäft, die Schüler und die Kinder delegierte er weitgehend an seine erneut schwangere junge Frau Clementine und verlangte außerdem von ihr, eine Art Pressearbeit für Clara zu übernehmen. Sie sollte dafür sorgen, dass die einschlägigen Musikjournale ausführlich über Claras Erfolge berichteten.

Als besonderen Erfolg betrachtete Wieck die beiden Besuche beim dreiundachtzigjährigen Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe in Weimar im Oktober 1831. Goethe war höchst beeindruckt von Claras Klavierspiel und hatte der gerade Zwölfjährigen eine Medaille mit seinem Porträt und der beigefügten Notiz „Der kunstreichen Clara Wieck“ geschenkt. Überliefert und viel zitiert ist die bezeichnende Aussage Goethes, Clara habe mehr Kraft als sechs Knaben zusammen.

Wieck glühte vor Stolz und war der Meinung, dass nie zuvor ein Musiker durch den berühmten Dichterfürsten derart geehrt worden sei. Offenbar wusste er nicht, dass Goethe einige Jahre zuvor von dem ebenfalls erst zwölfjährigen Felix Mendelssohn Bartholdy ähnlich begeistert war.

Auch wenn sich nicht überall derartige Erfolge einstellten wie in Weimar, so lernte Clara in dieser Zeit doch viel über das Organisieren von Konzerttourneen. Reisen war damals schon an sich eine anstrengende Angelegenheit. Verstärkt wurden die Strapazen für Clara noch dadurch, dass ihr Vater extrem sparsam, im Grunde geizig war. Er buchte ausschließlich preiswerte Kutschen, die aufgrund ihrer miserablen Federung enorm rumpelten, was die Fahrt zur reinsten Qual werden ließ.

Entsprechend erschöpft kam Clara nach einer solchen unbequemen Fahrt am Ziel an. Ohne Erholungspause begab man sich dort an die Konzertvorbereitungen. Da der Künstler damals quasi sein eigener Impresario war, lag die gesamte Logistik in seiner Hand. Vor Ort mussten Kontakte geknüpft, Werbung gemacht und Karten verkauft, Unterkünfte und Mahlzeiten gesucht, Konzertprogramme entwickelt und Mitwirkende engagiert, Instrumente, Aufführungs- und Probenorte gefunden werden. Alles geschah auf eigenes Risiko, da der Künstler für sämtliche Betriebskosten selbst aufkam.

Über diese lästigen und zeitraubenden Pflichten, über die Unzulänglichkeit vieler Instrumente, die Ärgernisse mit Mäzenen und mit dem Publikum berichtete Wieck detailliert seiner Frau in vielen Briefen. Vor ihrer Absendung musste Clara deren umfangreichen Inhalt in ihr Tagebuch kopieren. Wieck sah darin einerseits eine Schreibübung für seine Tochter, andererseits aber sollte sie dadurch ermessen, was er für sie leistete.

Auch einen Großteil der mühsam erworbenen Empfehlungsschreiben musste Clara abschreiben. Sie galten in der damaligen Konzertpraxis als einzige Möglichkeit, Einlass in die begehrten höheren Kreise der jeweiligen Stadt zu finden. Waren Clara und ihr Vater dann erfolgreich zu den vorgeschlagenen Kontakten durchgedrungen, boten sie den Herrschaften an, auf einer Soirée in deren privatem Salon vorzuspielen. Jetzt erst erhielt die Künstlerin die Chance, sich auf dem wie auch immer gearteten hauseigenen Flügel vor einer mehr oder weniger zahlreichen Gesellschaft zu beweisen. Clara musste die Gäste, die sich zumeist der Geselligkeit halber eingefunden hatten, auf Anhieb überzeugen. Fesselte sie sie nicht sofort durch frappierende Brillanz, verlor sie deren Aufmerksamkeit, ohne sie jemals wieder gewinnen zu können.

Vom Erfolg solcher privaten Veranstaltungen hing das Zustandekommen eines öffentlichen Auftritts aber entscheidend ab. Denn erst dann, wenn sich eine ausreichende Zahl Interessierter in die Subskriptionsliste für ein zahlungspflichtiges Konzert eingetragen hatte, konnte man die Organisation einer öffentlichen Veranstaltung wagen. In der Regel beließen es viele Zuhörer bei dem für sie kostenlosen Vergnügen im privaten Salon. Sie waren der Ansicht, genug gehört zu haben, und sparten sich den Kauf von Eintrittskarten. Es war ein hartes Geschäft für die Künstler.

Ende September 1831 verließen Clara und ihr Vater Leipzig zu der lange geplanten beschwerlichen Tournee nach Paris, die insgesamt über sechs Monate dauern sollte. Trotz aller Bedenken hatte Wieck an diesem Vorhaben festgehalten, bot es doch die letzte Gelegenheit, seine inzwischen zwölfjährige Tochter als Wunderkind vorführen zu können. Zahlreiche Stationen mussten unterwegs gemacht werden. Überall trat Clara auf, knüpfte neue Kontakte und sammelte die begehrten Empfehlungen. In Deutschland war sie inzwischen so bekannt, dass die Presse Notiz von ihrer Reise nahm und sie schon vor ihrem Eintreffen in den jeweiligen Gazetten ankündigte.

Über Erfurt, Gotha, Arnstadt und Kassel erreichten Vater und Tochter zum Jahreswechsel 1831/32 Frankfurt am Main, wo ihnen der Musikbetrieb gar nicht zusagte. Wieck bemängelte das Publikum und fand, Kenner oder zumindest leidlich gebildete Musikfreunde, die Claras Spiel hätten beurteilen können, habe er vergebens gesucht. Wenigstens war die Ausbeute an Empfehlungsschreiben ansehnlich.

Als Clara und ihr Vater im Februar 1832 endlich in Paris ankamen, waren sie vollkommen erschöpft. Aufgrund mangelhafter Straßenverhältnisse und unbequemer, enger Kutschen war der letzte Reiseabschnitt in Frankreich besonders zermürbend verlaufen. In Metz hatte selbst der geizige Wieck ein Einsehen gehabt und drei Plätze gebucht, um den Sitzkomfort etwas zu erhöhen. Doch eine Verschnaufpause nach der Ankunft war ihnen nicht vergönnt, sie mussten sich unverzüglich um Auftrittsmöglichkeiten für Clara kümmern.

Das Organisieren von Konzerten gestaltete sich in der französischen Metropole noch komplizierter als in deutschen Städten, weil der Künstler hier nicht als sein eigener Agent bzw. Impresario tätig werden konnte, sondern gänzlich auf die Protektion von Beamten, vermögenden Gönnern und einflussreichen anderen Musikern angewiesen war. Erschwerend kam hinzu, dass musikalische Veranstaltungen fast ausschließlich in den Privatsalons begüterter Bürger und Aristokraten oder in den Sälen von Klavierfabrikanten stattfanden, die damit ihre Instrumente bewerben wollten. Ein florierendes öffentliches Konzertwesen mit einem gewissen Angebot an Aufführungs- und Probenorten oder etwa Instrumenten, wie Wieck es aus Leipzig gewohnt war, existierte in Paris nicht. So war es unerlässlich, jede sich bietende Gelegenheit wahrzunehmen, um Aufmerksamkeit zu erregen und potenzielle Interessenten für einen Auftritt Claras zu finden.

Glücklicherweise wurde Clara durch Wiecks Schwager Eduard Clemens Fechner (1799–1861) sofort ein Entrée vermittelt. Er war der Bruder seiner Frau Clementine, lebte seit 1825 als Maler, Porträtist und Grafiker in der französischen Hauptstadt und verkehrte in vielversprechenden Kreisen. Fechner arrangierte für Clara gleich ein Vorspiel bei der Soirée zweier kunstsinniger und hoch angesehener Damen. Dort traf Clara auch Felix Mendelssohn Bartholdy, der sich im Rahmen seiner Wanderjahre in Paris aufhielt.

In den nächsten Tagen machte Wieck geschickt Gebrauch von den zahlreichen Empfehlungsschreiben und suchte mit Clara berühmte Musiker wie Friedrich Kalkbrenner, Henri Herz, Niccolò Paganini und Frédéric Chopin auf. Auch die namhafte Klavierfabrik Erard besichtigten sie. Ihre Bemühungen waren von Erfolg gekrönt. Es folgten Angebote zum Vorspielen auf Soiréen namhafter Gastgeber, meist verbunden mit der Einladung zu einem aufwändigen Diner. So erhielt Clara reichlich Gelegenheit, in lockerem Rahmen einflussreiche Persönlichkeiten kennenzulernen.

Um in diesem eleganten Ambiente auftreten und reüssieren zu können, waren noch vor der Abreise in Leipzig umfangreiche Vorkehrungen getroffen worden. Wieck hatte sich blaue Fräcke mit goldenen Knöpfen und Samtkrägen schneidern lassen, zu denen er modisch enge schwarze Hosen und möglichst gelbe Handschuhe trug. Zu Claras Ausstattung gehörten Kleider, Hüte und edle Handschuhe.

Besonderes Augenmerk musste sie auf ihre Konzertgarderobe richten. Da erfüllten selbst ihre feinsten Auftrittskleider aus Deutschland nicht die Ansprüche des französischen Publikums. So wurde eigens eine Französin engagiert, die Clara bei der Auswahl ihrer Garderobe beraten sollte. Sie wusste, worauf es ankam: Alles musste in Weiß gehalten sein, duftig und leicht fallen und am besten aus Musselin bestehen. Und bei jeder Soirée sollte Clara etwas Neues tragen. Das war ein teures Unterfangen. Clara würde in Paris viel einbringen müssen, um diese hohen Kosten zu amortisieren.

Natürlich brauchte Wieck auch ein Werbebild von Clara. Das fertigte sein Schwager Eduard Fechner an, der sich damit bestens auskannte. Sein Gemälde zeigt Clara in einem ihrer typischen Pariser Outfits. Der Schnitt des weißen Kleides entsprach der aktuellen Mode, was die Wespentaille, der breite Gürtel und vor allem die überdimensionierten Keulenärmel augenfällig akzentuieren. Vater Wieck war aber mit der Arbeit seines Schwagers nicht ganz zufrieden und merkte in seinem Dankesbrief kauzig an, Claras Kinn sei zu „spitzig und zu lang“, Nase und Mund seien zu groß und der Oberkörper gemessen am Gesicht „zu vollkommen“ gezeichnet (Porträts, S. 17).

Trotz all dieser Investitionen und Bemühungen gelang es Wieck nicht, seine Tochter in der Pariser Musikszene so zu verankern, wie er es sich erhofft hatte. Dabei war er konsequent nach den in Paris üblichen Regeln vorgegangen und hatte erst nach erfolgreichem Durchlaufen sämtlicher Vorstufen öffentliche Konzerte für Clara organisiert. Aber es waren ungeahnte Schwierigkeiten aufgetaucht: Claras strategisch so günstig platziertes Pariser Debüt in einem Konzert des umjubelten Geigers Paganini kam nicht zu Stande, weil sich der Künstler wochenlang unpässlich fühlte. Dann erreichte die Choleraepidemie die französische Hauptstadt, und öffentliche Veranstaltungen wurden komplett verboten.

Wieck beschloss daraufhin, nach einem mühsam für Clara arrangierten Konzert am 9. April 1832 in der École de Musique de François Stoepel abzureisen. Wenigstens bei diesem Auftritt konnte die junge Pianistin überzeugen und erhielt allgemeinen Beifall. In Windeseile hatte sie sich für diesen Anlass das in Paris gebräuchliche, in Deutschland hingegen noch gänzlich unbekannte Auswendigspielen angeeignet. Diese Praxis behielt sie danach viele Jahre lang bei, sie wurde zu ihrem Markenzeichen.


Clara Wieck im Alter von zwölf Jahren. Lithografie von Lemercier nach einem heute verschollenen Gemälde von Eduard Clemens Fechner, Paris 1832.

Für die ohnehin schon beschwerliche Rückreise mussten Clara und ihr Vater wegen der grassierenden Cholera ein Gesundheitszeugnis beibringen und zur Quarantäne zwei Tage in Saarbrücken bleiben. Erst zwei Wochen später trafen sie wieder in Leipzig ein.

Wirtschaftlich gesehen blieb der Paris-Aufenthalt weit hinter Wiecks Erwartungen zurück. Sein Hauptanliegen war der Ausbau der internationalen Karriere seiner Tochter gewesen, und in dieser Hinsicht konnte er mit den Erfolgen einigermaßen zufrieden sein. Doch als scharf kalkulierender Geschäftsmann hatte er erhebliche finanzielle Verluste zu verzeichnen, um deren Ausgleich er sich jetzt bemühte.

Ein lohnendes Geschäft sah er im Vertrieb des in Paris entstandenen Bildes von Clara. Um nichts dem Zufall zu überlassen, kümmerte er sich selbst um den Verkauf. Bei jedem Auftritt seiner Tochter bot er den Zuhörern Lithografien des von seinem Schwager angefertigten Porträts an. Auch sammelte er, direkt am Bühnenaufgang stehend, eigenhändig Claras Honorare ein und führte sie seinen persönlichen Beständen zu.

Wieck verwaltete das gesamte Vermögen seiner Tochter, wozu ihn die damalige Gesetzeslage auch berechtigte. Er investierte viel und geschickt, meist in die gebräuchlichen Staatsschuldscheine und Aktien, aber wohl gelegentlich auch in sein eigenes Geschäft. Sämtliche Kosten für die Konzerte, die dazu gehörigen Einnahmen und deren konkrete Verwendung protokollierte er gewissenhaft.

Nicht nur von Claras Einkünften, sondern auch von ihrer zunehmenden Popularität profitierte Wieck in jeder Hinsicht. Sie verschaffte ihm Prestige, eine angesehene Stellung in der Gesellschaft und berufliches Renommee. Nun erhielt er den ersehnten Zutritt zu höheren und aristokratischen Kreisen, fand Kontakt zu berühmten Musikern, und nicht zuletzt erhöhte sich auch die Zahl seiner Klavierschüler, machte das Klavierspiel seiner Tochter doch die beste Werbung für seine Lehrmethoden.

Clara selbst bekam immer nur kleinere Summen aus ihrem eigenen, hart erarbeiteten Vermögen und dies in der Regel auch nur als Belohnung für eine zuvor erbrachte gute Leistung. Wieck, der sich aus einfachen Verhältnissen emporgearbeitet hatte, legte großen Wert darauf, seiner Tochter die Bedeutung des Geldes zu vermitteln. Sie sollte lernen, dass man viel tun musste, um sich ein solides materielles Fundament zu schaffen.

Es entsprach Wiecks Erziehungsansatz, dass er die gelegentlichen finanziellen Zuwendungen an Clara als Beweis seiner Vaterliebe darstellte. Menschliche Wärme, wirkliche emotionale Zuneigung und vorbehaltlose, uneingeschränkte Liebe zu seiner Tochter waren ihm fremd. Darauf musste Clara in ihrer Kindheit weitgehend verzichten.

Im Gegensatz zu ihren beiden Halbbrüdern blieb Clara aber von den körperlichen Züchtigungen verschont, die der Vater zur Erziehung seiner Söhne anwandte. Entsprechende Szenen müssen sich mehrfach in ihrer Gegenwart ereignet haben, wobei sie sich dann jedes Mal ans Klavier setzte und spielte. Dies war offensichtlich ihre Art, sich von einer unerträglichen Situation abzulenken und sie nicht an sich heranzulassen.

Als Clara Ende April 1832 aus Paris zurückkehrte, war Robert überrascht. Er fand, sie sei hübscher, größer, kräftiger und gewandter geworden und habe einen reizenden französischen Akzent entwickelt. Wieck hingegen kam ihm in jeder Hinsicht schwächer als früher vor. Nur seine Arroganz, die Robert ohnehin abstieß, schien ihm unvermindert. Stets urteile Wieck hart und ungerecht über andere Menschen, und stets überwiege der Tadel gegenüber etwaigem Lob, stellte Robert fest. Daneben waren es aber vor allem Wiecks Geiz und Geldgier, die ihm unangenehm auffielen. Er war der Ansicht, ohne das große Talent seiner Tochter sei der Vater ein Nichts.

Tatsächlich änderte sich am Geschäftssinn des Vaters auch in den folgenden Jahren nichts. 1834 beschloss Wieck, Clara nicht mehr in kleineren Orten auftreten zu lassen, weil diese Unternehmungen nichts einbrachten und in kaufmännischer Hinsicht uninteressant waren.

Stattdessen hatte Clara sich weiterzubilden. Klavierspielen allein genügte selbst für ein Wunderkind nicht, es musste auch komponieren können. Also trug Wieck seiner Tochter auf, kürzere Bravourstücke zu schreiben, mit denen sie ihre pianistische Brillanz auf der Bühne unter Beweis stellen konnte. So machten es alle berühmten Künstler.

Clara tat, wie ihr geheißen. Schon 1831 war bei Friedrich Hofmeister, einem der führenden Leipziger Verleger, ihre erste Komposition erschienen: Quatre Polonaises pour le Pianoforte. Es handelte sich um schwungvolle, farbig harmonisierte Klavierstücke, die bestens demonstrieren, über welche spieltechnischen Fähigkeiten die damals Elfjährige verfügte.

Ein Jahr später veröffentlichte sie ihre Caprices en Forme de Valse bei Stoepel in Paris mit der Widmung „aux élèves de l’Académie de Mons. F. Stöpel“ sowie parallel in Leipzig bei Hofmeister. Dieses Mal entwarf sie launig-fröhliche Charakterstücke im Walzerrhythmus, die sie ursprünglich Robert Schumann widmen wollte. Schließlich aber trug die Hofmeister-Ausgabe den Vermerk: „Dédiés à Madame Henriette Foerster, née Weicke“. Henriette war seit 1824 Claras Mitschülerin bei Wieck gewesen. Zeitweise hatte Clara sogar deren Unterricht übernommen. So war eine lose Freundschaft zwischen den beiden Mädchen entstanden, weshalb Clara auch zu Henriettes Polterabend und Hochzeit eingeladen wurde. Was konnte sie da Passenderes schenken als die Widmung ihrer Klavierstücke.

Erst ihre dritte Komposition, die im Sommer 1833 gedruckte Romance variée pour le Pianoforte, widmete Clara dann Robert Schumann. Dieser schrieb kurz darauf über das Thema ihrer Romance seine Impromptus op. 5.

Schon hier bahnte sich an, was charakteristisch für die Beziehung von Clara und Robert werden sollte. Auch in der Folgezeit zitierte der eine immer wieder die musikalischen Themen des anderen in seinen Werken, und beide entwickelten dabei einen großen Einfallsreichtum. Oft sind die musikalischen Verflechtungen derart subtil, dass Außenstehende sie kaum nachvollziehen können. Aber darauf waren sie auch nicht angelegt. Vielmehr ging es Clara und Robert um den Austausch geheimer Botschaften, mit denen sie ihre besondere Zuneigung füreinander ausdrücken und die Einzigartigkeit ihrer Beziehung betonen wollten.

Robert bereicherte Claras Leben, er brachte frischen Wind in ihren vom Wunderkind-Streben des Vaters durchgetakteten Alltag. Wie schön fand sie es, wenn Robert ihr Geschichten erzählte, was er so gut beherrschte. Wie sehr gefielen ihr seine Späße und die Spiele, die er vorschlug. Wie wohltuend empfand sie selbst das Üben und Improvisieren mit ihm am Klavier. Und wie sehr genoss sie gemeinsame Erlebnisse und Spaziergänge. Robert schenkte ihr während des knappen Jahres, das er bei Wiecks verbrachte, jenes echte Familienleben, das sie zu Gunsten der Karriere immer hatte entbehren müssen. Im Zusammensein mit ihm konnte sie wohl einen Teil ihrer verpassten Kindheit nachholen.

Robert seinerseits war beeindruckt von diesem zarten Persönchen, das ihm in vieler Hinsicht schon so erwachsen vorkam und schon Enormes geleistet hatte in seinem kurzen Leben. Am meisten erstaunten ihn die scharfen Gegensätze in ihrem Verhalten, das zwischen Launen und Laune, Lachen und Weinen, Tod und Leben blitzschnell wechseln konnte. Doch gelegentlich kam wohl auch eine andere Clara zum Vorschein, die ihn durchaus irritieren konnte. Kalt und abweisend fand er ihr Verhalten zuweilen und nannte es „ledern“.

Der enge Kontakt zwischen Clara und Robert blieb auch bestehen, nachdem er im Oktober 1831 ausgezogen war und sie nicht mehr im selben Haus wohnten. Von diesem Moment an setzte ein reger Briefwechsel ein, der mit der Zeit einen enormen Umfang erreichte. Denn jetzt musste manchmal die Fantasie bemüht werden, um sich zumindest in Gedanken nahe zu sein. So schlug Robert einmal vor, dass sie beide zur selben Zeit ein bestimmtes Stück aus Frédéric Chopins damals sehr bekannten Variationen über die Arie „La ci darem la mano“ von Mozart spielen und dabei intensiv an den anderen denken sollten. So könnten sie sich immerhin im Geiste treffen, genau in der Mitte der Strecke zwischen ihren beiden Häusern. Selbstverständlich reagierte Clara unverzüglich im gewünschten Sinne.

Nicht ohne Absicht wählte Robert dieses Klavierstück, das für beide eine bedeutende Rolle spielte. Clara setzte Chopins Variationen häufig auf ihre Konzertprogramme, und Robert hatte darüber 1831 in der Allgemeinen musikalischen Zeitung eine bemerkenswerte Rezension geschrieben. Daneben vermittelte aber auch der Inhalt des Klavierstücks, das das berühmte Duett aus Mozarts Oper Don Giovanni zur Vorlage hat, eine geheime Liebesbotschaft.

Schon als er Clara im Mai 1832 seine Papillons zum Spielen ans Herz legte, muss Robert geahnt haben, dass er die ursprünglich vorgesehene Karriere als Konzertpianist nicht würde realisieren können. Er hatte sich, um rascher technische Fortschritte im Klavierspiel zu machen, einer selbst entwickelten mechanischen Vorrichtung bedient. Vermutlich wegen allzu intensiver Anwendung erzielte er damit genau das Gegenteil, denn eine Lähmung des zweiten und dritten Fingers seiner rechten Hand war die Folge. Eine Karriere als Pianist war damit für immer ausgeschlossen. Jetzt war es Clara, die Roberts Werke der Öffentlichkeit präsentierte. Sie tat es bis an ihr Lebensende und wurde zur wichtigsten Interpretin seiner Musik.

Robert wandte sich unterdessen mehr und mehr dem Komponieren zu und fand hier seine Domäne. Eine gemeinsame Konzertreise im November 1832, bei der er Clara und ihren Vater begleiten durfte, führte unter anderem in seine Heimatstadt Zwickau. Clara spielte im Saal des dortigen Gewandhauses ein wunderbares Programm. Doch das Hauptereignis des Abends war die Uraufführung des ersten Satzes (Allegro molto) aus Roberts frisch komponierter Sinfonie g-Moll, der aber nicht verstanden wurde. Wie Clara in ihrem Tagebuch bedauernd feststellte, machte die Sinfonie, obschon gut erfunden, zu wenig Effekt beim Publikum. Zwar komponierte Robert Schumann noch einen zweiten Satz (Andantino quasi Allegretto) und ein Fragment gebliebenes Finale, aber er vollendete dieses heute auch als „Jugendsinfonie“ bezeichnete Werk nie.

Nach ihrer Rückkehr von der Tournee erkrankte Clara an Scharlach, weshalb alle weiteren geplanten Konzerte abgesagt werden mussten. Erst im Januar 1833 konnte sie wieder auftreten. In dieser Zeit begann auch sie mit der Komposition eines größeren Werkes. Ein Konzert für Klavier und Orchester sollte es werden.

Zunächst entstand der spätere Finalsatz, den sie im Mai 1834 mit dem Leipziger Gewandhausorchester zum ersten Mal spielte. Das vollständige Konzert wurde anderthalb Jahre später am selben Ort unter der Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy uraufgeführt, der gerade seinen Posten als neuer Gewandhauskapellmeister angetreten hatte. In gedruckter Form erschien Claras Premier Concert pour le Piano-Forte avec accompagnement d`Orchestre a-Moll schließlich 1837 bei den Verlagen Hofmeister in Leipzig, Richault in Paris und Cranz in Hamburg. Bei der Orchestrierung hatte ihr Robert ein wenig geholfen.

Das Werk bewegt sich in der Tradition jener damals beliebten Klavierkonzerte von Modekomponisten wie Friedrich Kalkbrenner und Henri Herz, die ausschließlich auf eine gute Bühnenwirkung zielen. Oft genug hatte Clara bei ihren Auftritten solche Stücke gespielt. Und wie die Kollegen schuf auch sie ihr Konzert in erster Linie zum eigenen Vortrag. Deshalb fehlt es nicht an jenen typischen virtuosen Spielfiguren, die ihre brillanten Fertigkeiten herausstreichen sollten. Aber bemerkenswerterweise ging Clara in manchen Passagen über dieses gewohnte Niveau hinaus und entwickelte eigenständige, durchaus innovative Ansätze. Publikum und Kritiker zeigten sich einvernehmlich beeindruckt, die beabsichtigte Wirkung hatte sie erzielt.

Auch in ihrem Privatleben, das doch immer viel zu kurz gekommen war, gab es im Jahr 1833 erfreuliche Ereignisse. Da Clara nie Umgang mit Gleichaltrigen hatte, war ihre Begeisterung umso größer, als sie im Juli 1833 Emilie und Elise List kennenlernte. Die beiden Töchter des Nationalökonomen Friedrich List waren kurz zuvor mit ihrem Vater aus Amerika nach Leipzig gekommen, wo er nun für das amerikanische Konsulat verantwortlich war und sich für den Bau eines gesamtdeutschen Eisenbahnnetzes engagierte.

Clara erhielt gemeinsam mit Emilie Französischstunden und besuchte mit ihr den Konfirmandenunterricht. Im Januar 1834 wurden beide zusammen im privaten Rahmen konfirmiert. Clara beschrieb die ein Jahr ältere Freundin als ein liebes und etwas ernstes Mädchen. Vermutlich wegen dieser Eigenschaften, aber auch weil sie gut erzogen und vor allem durch ihr Leben in Amerika welterfahren wirkte, befürwortete Wieck den Kontakt seiner Tochter zu Emilie. Er versprach sich von ihr einen positiven Einfluss auf Clara, setzte aber auch gewisse Erwartungen in die Bekanntschaft mit Friedrich List, die ihm angesichts dessen gesellschaftlicher Stellung vorteilhaft erschien.

Clara blieb mit Emilie und Elise List lebenslang befreundet, wovon ein umfangreicher Briefwechsel zeugt. Dabei lag ihr Emilie stets besonders am Herzen. Zu ihr, die sie zeitweise in der englischen Sprache unterrichtete, schaute sie anfangs geradezu bewundernd auf und bezeichnete sie – was ganz im Sinne ihres Vaters war – als gute Schulmeisterin, Hofmeisterin und Gouvernante. Mehrfach betonte Clara aber auch, sie fühle sich Emilie in Liebe verbunden und denke sehnsüchtig an die Freundin. Als verschwiegener Vertrauten gewährte Clara ihr Einblick in die intimsten Bereiche ihres Lebens, dabei stets Rat, Trost und Hilfe suchend.

Vater Wieck begab sich im Juni 1833 auf eine längere Reise nach Hamburg und Bremen, die in erster Linie seinen Handelsgeschäften diente, die er aber auch zur Sondierung einer weiteren, für Herbst geplanten Tournee mit Clara nutzte. Wieck erkundete neue Gastspielorte und prüfte die Möglichkeiten, mit dem Dampfschiff zu reisen. Nur auf diesem Wege könnte Clara auch Städte wie Kopenhagen und London erreichen.

Die sich daraus ergebende Konzertreise ging schließlich nur durch Norddeutschland und fand erst zwischen November 1834 und April 1835 statt. Außerdem stand sie unter einem ganz anderen Vorzeichen. Es hatten sich inzwischen wesentliche Dinge ereignet, die eine interessante Wendung in Claras Leben herbeiführten.

Im April 1834 gründete Robert Schumann die noch heute existierende Neue Zeitschrift für Musik. Sie wollte ein fortschrittliches Gegengewicht zur Allgemeinen musikalischen Zeitung schaffen, die sich an die konservativen Kräfte in der Musikwelt wandte. Nicht von derartiger Nachhaltigkeit, aber für Clara und Robert zunächst weitaus wichtiger war die Ankunft einer neuen Schülerin im Hause Wieck, Ernestine von Fricken (1816–1844).

Möglicherweise freute sich Clara sogar zunächst, eine weitere Freundin gewinnen zu können. Doch wenig später schickte der Vater Clara nach Dresden, wo sie Theorieunterricht beim renommierten Hofkapellmeister Carl Gottlieb Reißiger und Gesangsstunden bei Johann Aloys Miksch nehmen sollte. Reichlich abgeschoben und kaum beachtet fühlte sie sich dort, hatte mit Heimweh zu kämpfen und beschwerte sich bei Robert darüber, dass er ihr so selten schrieb.

Ob dessen Schweigsamkeit daher rührte, dass die neue Mitschülerin Ernestine ihn über Gebühr beschäftigte, sei dahingestellt. Jedenfalls gefiel sie ihm zweifellos sehr. Und er freute sich, gemeinsam mit ihr die Patenschaft für Wiecks jüngste Tochter Cäcilie übernehmen zu dürfen. Als Clara dann im Juli 1834 zur Taufe nach Leipzig kam, stellte sie fest, dass sich zwischen Ernestine und Robert ein recht enges Verhältnis entwickelt hatte. Verstört und traurig fuhr sie nach Dresden zurück.

Sie hatte die Situation ganz richtig erkannt. Noch im Laufe des Jahres verlobte sich Robert heimlich mit Ernestine, die – was zu dem Zeitpunkt jedoch niemand wusste – eine uneheliche Tochter der Gräfin Caroline Ernestine Louise von Zedtwitz und eines Drahtziehers namens Lindauer war. Die Schwester ihrer Mutter, Charlotte Christiane Friederike Katherine, und deren Ehemann, der Gutsbesitzer und k. k. Hauptmann Ferdinand Ignaz Freiherr von Fricken, hatten Ernestine bei sich aufgenommen, da sie selbst kinderlos waren. Nachdem der Freiherr von dem heimlichen Verlöbnis erfahren und schließlich einer Heirat zugestimmt hatte, adoptierte er Ernestine offiziell, um sie zu legitimieren.

Doch schon im Sommer 1835 bat Robert um eine Auflösung der Verlobung, der Ernestine schweren Herzens zustimmte. Es ist nicht anzunehmen, dass ihm plötzlich die Tatsache etwas ausmachte, dass Ernestine kein leibliches Kind der Eheleute Fricken war. Auch werden ihn wohl kaum deren nicht besonders gute wirtschaftliche Verhältnisse abgeschreckt haben. Wahrscheinlich ist vielmehr, dass Robert sich seiner Gefühle für Clara inzwischen immer deutlicher bewusst geworden war und er spürte, dass eine Ehe mit Ernestine keine gute Entscheidung sein könnte.

Clara fiel ein Stein vom Herzen, als sie im September 1835 von der Auflösung des Verlöbnisses erfuhr. „Was die Sache mit Schumann und Ernestine anbetrifft so muß ich Dich recht herzlich auslachen, denn ich weiß weder etwas von heirathen noch sonst etwas“, erklärte sie der Freundin Emilie List, um dann erleichtert festzustellen: „Ich glaube am Ende daß dieß alles nur ein Traum war.“ (List Bw, S. 54)

Clara Schumann

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