Читать книгу Missing you, Baby! - Nicole Stranzl - Страница 6

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Prolog

Der Wagen krachte frontal gegen die Motorhaube des Opels. Wie ein Geist war er in der Dunkelheit aufgetaucht. Ein kräftiger Ruck erschütterte sie, als das größere Fahrzeug mit ihrem kleineren Auto kollidierte. Lauras Magen drehte sich um. Sie fühlte sich wie auf einer dieser unmöglichen Horrorfahrten mit Loopings, die sie als Kind beim Achterbahnfahren schon gehasst hatte. Der Airbag aktivierte sich, sie schrie auf. Bremsen kreischten. Die Autos drehten gegeneinander im Kreis, als wären sie im Autodrom. Warum dachte sie ständig an den Vergnügungspark? Mit Spaß hatte dies hier gar nichts zu tun.

Ganz im Gegenteil: Laura schwindelte. Ihr war schlecht. Neben ihr schrie jemand. War sie das selbst? Sie drehte den Kopf in Richtung Fahrerseite. Ihr Mann saß hinter dem Steuer.

»Tom!«

Angestrengt versuchte er den Wagen unter Kontrolle zu bringen. Ohne Erfolg. Panik hatte ihn erfasst. Seltsamerweise war sie es, die Lauras Angst steigerte. Das Auto schlitterte weiter über die nasse Fahrbahn. Laura versuchte etwas zu erkennen. Wo war das andere Auto hin? Es war unmöglich zu sehen, wo es abgeblieben war. Regentropfen trommelten mit voller Kraft gegen die Scheibe, als wollten sie das Glas durchdringen und das ganze Auto zerdrücken. Laut. Sie waren so laut. Wie die Schüsse von Kanonenkugeln. Nicht, dass Laura wirklich wusste, wie solche klangen. Sie kannte das Geräusch nur aus Filmen.

»Was zur Hölle tut der?!« Toms Fluch holte sie zurück in die Realität. Zurück in den Albtraum. Noch immer rotierte der Wagen. Laura hatte längst die Orientierung verloren. Was war vorn? Was hinten? Was war oben? Was unten?

Die Böschung! Da! Mit vor Schreck aufgerissenen Augen sah sie die Büsche immer näher auf sich zukommen. Deren Äste lagen in der Dunkelheit wie unheilbringende Schatten, die ihre Arme nach ihnen ausstreckten, um sie ins Verderben zu ziehen.

»Halt dich gut fest, Schatz!« Toms Stimme überschlug sich. Er sagte noch etwas. Zwischen dem Regen und den quietschenden Reifen verstand Laura ihn jedoch nicht. Ihr Fokus lag aber auch nicht mehr auf ihrem Mann. Sträucher und Bäume traten in ihr Sichtfeld. Immer näher. Panisch fasste Laura mit der einen Hand nach dem Haltegriff, während sie die andere um ihren Bauch legte. Der Gurt schnitt in die Wölbung. Er presste ihr die Luft aus den Lungen. Vor Schmerz schrie Laura auf und rang nach Atem. Sie konnte nicht mehr atmen. Auf einmal stand die ganze Welt Kopf.

Wassertropfen liefen die Scheibe entlang. Lichter spiegelten in der Finsternis. Würden sie gleich in die dunklen Fluten der Mur stürzen?

Kopfüber hing Laura in ihrem Sicherheitsgurt. Wieder wurde sie durchgerüttelt. Die Übelkeit nahm zu. Das Abendessen drohte nach oben zu kommen. Noch ein Überschlag. Sie schloss die Augen.

Endlich hörte das Rütteln auf, sie drehten sich nicht mehr. Der Wagen stand still. Langsam öffnete Laura ihre Augen. Erleichtert atmete sie ein, weil sie nicht länger kopfüber in den Büschen hingen. Allerdings hielt das Gefühl der Erleichterung nicht lange an, denn sie bemerkte den Ast, der durch die zerbrochene Fensterscheibe hereinragte und dessen scharfe Spitze nur Millimeter von ihrem Hals entfernt endete. Ihr gerade etwas verlangsamter Puls begann wieder zu rasen.

»Geht’s euch gut?!« Tom bewegte sich und drehte seinen Oberkörper in ihre Richtung. Eben wollte Laura zu einer Antwort ansetzen, da überschlug sich der Wagen noch einmal und verfing sich im Gestrüpp, wo er hoffentlich bleiben würde.

»Schatz?«

Der Fluss lag bedrohlich vor ihnen. Beinahe hätte das schwarze Wasser sie verschluckt. Die Kälte und die Strömung … nie im Leben wären sie rechtzeitig aus dem Auto entkommen.

»Laura!«

Sie löste den Blick von der Mur. Trotzdem blieb es dunkel. Warum war es bloß so dunkel? Weil es Nacht war. Natürlich! Aber dann waren diese Lichter aufgetaucht ... Ein Wagen, der direkt auf sie zusteuerte. Warum? Wer tat das? Und wo war der Wagen jetzt? Wo waren all die Lichter hin?

Alles war viel zu schnell gegangen …

Benzingeruch hing schwer in der Luft. Fast, als würde sie an der Tankstelle vor dem Zapfhahn stehen.

»Laura, Schatz!« Tom. Weit entfernt.

Langsam drehte sie den Kopf zu ihm. Die Dunkelheit wich ein Stück. Da mussten Straßenlaternen stehen. Irgendwo oben an der Straße, zwischen all den Regentropfen.

So viel Wasser. Was, wenn es sie unter sich begraben würde? Ihre Atmung beschleunigte sich.

»Du musst … du musst ruhig atmen.« Tom hustete.

»Wie denn?!«, stieß sie aus. »Ich kann mich nicht bewegen!« Konnte sie wirklich nicht. Und noch immer hing dieser Geruch in ihrer Nase. Wütend klopfte der Regen gegen den Wagen und erinnerte sie an Trommelwirbel mit seinem Stakkato.

»Alles ist gut, mein Schatz!« Eine Lüge.

»NICHTS IST GUT!«, schrie sie hysterisch. Ihr Baby trat fest gegen die Bauchdecke. Die Kleine war genauso aufgeregt wie sie.

»Schatz, ich bin mir sicher, es kommt gleich Hilfe!« Alles ruckelte, als Tom sich bewegte und versuchte, sich zu befreien. Als sie wieder ein paar Zentimeter nach unten rutschten, fauchte Laura ihn an. »Rühr dich nicht!«

»Ich muss die Rettung rufen!« Seine Stimme klang fremd.

Laura war noch immer übel. Das Auto schaukelte schon wieder. Erfolglos versuchte sie sich festzuhalten und krallte ihre Finger fester in den Haltegriff. Ihr Kopf schmerzte. Flüssigkeit lief ihre Wange hinab. Wasser? Kam der Regen ins Wageninnere? Vielleicht durch die zerbrochene Scheibe, so wie der Ast. Oder stammte das Wasser vom Fluss? Waren sie bereits in der Mur? Würden sie hilflos ertrinken, gefangen in einem Sarg aus Metall?

Sie rutschten schon wieder ein Stück weiter die Böschung nach unten. Das Wasser kam näher. Wie ein Fisch am Trockenen schnappte Laura nach Luft. Sie ließ den Haltegriff los und berührte die Flüssigkeit an ihrem Kopf. Kein Wasser. Blut.

Der Schwindel nahm zu. Plötzlich hatte sie einen metallenen Geschmack im Mund. Und dann sog die Dunkelheit sie endgültig ein.

Missing you, Baby!

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