Читать книгу Ferkel fliegen nicht - Ninni Martin - Страница 12

8.

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»Bei wem wirst Du heute übernachten?« Anna blickte fragend zu Friedrich hinüber und gab mit einem weiteren Blick einem Bediensteten Anweisung, Wein in das leere Glas ihres Sohnes nachzufüllen. Friedrich mochte nicht mehr und hielt seine Hand über das Glas. Er überlegte kurz, fand jedoch zu keiner Antwort.

»Danke, wir brauchen Sie dann heute Abend nicht weiter. Sie dürfen sich zurückziehen.« Anna gab dem letzten noch verbliebenen Hausangestellten einen Wink, dieser verneigte sich höflich und verließ wortlos den Raum. In seiner Art war der Raum ein großartiger Speisesaal. Obwohl er wie ein Relikt aus einem längst vergangenen Jahrhundert ausgestattet war, mit edelsten Möbeln und Vorhängen aus Brokat und Seide und atemberaubend wertvollen Orientteppichen, wirkte er auf Fatima Siniola nicht überladen. Er hätte ihr sogar das Gefühl von Behaglichkeit durch Stil und Weite gegeben, wäre die Luft in ihm nicht so unterkühlt. Als das vielleicht wertvollste Museumsstück des gesamten Mobiliars bestimmte ein ovaler, großflächiger und aus Tropenholz gefertigter Esstisch die Mitte. Darum herum saßen die Achmadis: Anna, die Hausherrin und Ehefrau Mohamads, ihr zur Seite natürlich Mohamad selbst. Dann Karl Achmadi mit Ehefrau Sonja, eine groß gewachsene Russin mit ausgesprochen weiblicher Ausstrahlung und ungewöhnlich feinen Gesichtszügen. Ihre beiden bald erwachsenen Söhne waren bereits vom Tisch aufgestanden, um im Gartenpavillon Shisha zu rauchen. Fatima Siniola gegenüber saß Friedrich und links von ihr Maria. Auffallend waren die sechs unbesetzten Stühle zwischen Maria und Friedrich. Es fehlten Sylvain und Kora-Lisa, welche die Mutter an diesem Abend nicht zum Essen in der Stadtresidenz ihrer Eltern mitgenommen und ihnen hingegen Hausarrest unter Aufsicht von Kindermädchen und Hauslehrerin verordnet hatte. Selbstverständlich fehlte auch Johann Bogart, denn schließlich war er der Anlass dieser Familienzusammenkunft. Friedrich, der kinderlos blieb, lebte in Trennung. Seine bald von ihm geschiedene Partnerin würde um nichts in der Welt mit den Achmadis noch etwas zu tun haben. Dennoch verband sie bis zuletzt mit Johann eine schwägerliche Freundschaft. Die Beteiligung an der Trauer um ihren Schwager hätte ihr sehr am Herzen gelegen. Ihr Platz an Friedrichs Seite blieb frei. Ebenso fehlte am Tisch Ali. Er war nie verheiratet, wie Fatima Siniola im Tischgespräch mit Friedrich nur kurz und beiläufig erfuhr, kam jedoch zu Familientreffen gelegentlich in Begleitung von dann stetig wechselnden Freundinnen. Von allen Achmadis bemühte Anna sich noch am meisten, vorzugeben, so billig wie sie gekleidet waren und wie sie sprachen, wenn sie überhaupt etwas sprachen, sie für Freundinnen zu halten. So viel war dann auch alles, was die Journalistin an diesem Abend über Ali erfuhr.

»Wo ist Ihr Bruder?«, fragte sie Friedrich, als sie sich zu Tisch trafen und Platz nahmen. Es hätte ihr klar sein müssen, dass sie mit dieser Neugierigkeit beinahe zu weit gegangen war. Denn was hätte sie von einem weiteren Familienmitglied der Achmadis wissen können? Weder Maria noch Mohamad, der gestern im Interview nur zwei seiner Söhne erwähnte, sprachen von Ali. Vielleicht hatte die Journalistin in diesem unbedachten Augenblick Misstrauen auf sich gezogen. Friedrich hätte sicher noch weiter über Ali erzählt, wäre ihm Mohamad nicht mit Belanglosigkeiten ins Wort gefallen und hätte Karl sie nicht anschließend in ein Tischgespräch über ebenso unverfängliche Allerweltsthemen verwickelt. Dann verebbten die Unterhaltungen bei Tisch und alle aßen eine ganze Weile still vor sich hin. Nun jedoch, da das Dienstpersonal entlassen war, begann sich die Atmosphäre zu entkrampfen. Neue Gesprächsgruppen, zu zweit oder zu dritt, entstanden. Die Achmadis saßen nicht länger streng und kerzengerade am Tisch. Ihre Körperspannung ließ nach. Schließlich gab es einen Moment, in dem die Achmadis gänzlich ins Familiäre überwechselten und jedes Etikett der Großbürgerlichkeit aufgaben. Zuerst warf Sonja Mohamad einen fragenden Blick hinüber, davon animiert auch Karl und Anna. Scheinbar warteten alle Achmadis darauf, wie ihr Patriarch sich entscheiden würde. Mohamad aber zögerte. Maria nickte ihm aufmunternd zu. Auf dem Ellenbogen gestützt öffnete Mohamad seine rechte Hand und gab dem jungen Gast einen einladenden Wink: zumindest für diesen Abend durfte Fatima Siniola zur Familie gehören. »Kein Misstrauen!«, dachte die Journalistin und war erleichtert. Mohamad und Sonja standen auf und verließen für kurz den Speisesaal. Anna öffnete zwei große Fenster. Warme, trockene Luft durchspülte den Raum und befreite ihn von seiner sterilen und befremdend klimatisierten Atmosphäre. Karl und Friedrich legten Jackett und Oberhemd ab, Anna knöpfte ihre Bluse auf. Mohamad kam wieder mit einfachen, schweren Wassergläsern und stellte davon jedem eines auf den Tisch. Auch Mohamad machte es sich leicht, öffnete den Bund seiner Hose und zog die Schuhe aus. Dann kam auch Sonja wieder, nur noch bekleidet mit T-Shirt und Sporthose. Aus einem einfachen Plastikbeutel eines Duty-Free-Shops vom Flughafen brachte sie auf den Tisch ein paar Flaschen nicht gerade edelsten Wodkas.

Im Großen und Ganzen, und so weit sich Fatima Siniola am nächsten Morgen mit schwerem Kopf gerade noch erinnerte, wurde an diesem Abend nur wenig um Johann Bogart getrauert, umso mehr dafür getrunken. Eine nach der anderen Wodkaflasche umkreiste bis zur Neige die Runde. Fatima Siniola hatte es bereits früh aufgegeben, selbst nur wenig Wodka in ihr Glas nachzufüllen, in das dann ohnehin mal von Anna, mal von Maria je Durchgang bis mehr als halb voll eingeschenkt wurde. Trinkfest waren die Achmadis alle, geradezu unerschütterlich tranken Sonja und Anna. Fatima Siniola hatte sich bislang für eine recht gute Journalistin gehalten. Zumindest redete sie es sich selbstbewusst ein, solange keine Zweifel an ihr nagten. An diesem Morgen jedoch kamen ihr die Zweifel wieder. Sie ahnte, dass, sobald ihr Kater verflogen wäre, ihr wieder einmal von der Einbildung nur wenig Bestätigendes, im Übrigen aber viel Ernüchterung übrig bliebe. Sie hatte sich erbärmlich, und wie für jeden im journalistischen Fronteinsatz unverzeihlich, unter den Tisch trinken lassen. Sie hatte versagt. Was für eine Gelegenheit hatte sie vertan! Ihr war furchtbar übel. Sie richtete sich auf und kauerte auf der Bettkante. Würde sie den Brechreiz nicht länger unterdrücken können, wusste sie nicht, wohin sie zu spucken hätte. Das Zimmer war ihr fremd und den Gang zum Bad kannte sie nicht. Nicht einmal ein Eimer oder ein Nachttopf war greifbar, dafür eine Vase auf einer Kommode, voll mit prachtvollen Rosen. Bis dahin schaffte es Fatima Siniola noch. Die Rosen flogen zu Boden und Schwall um Schwall füllte ihr Erbrochenes die Vase. Als sie nur noch grüne Galle übergab, fiel es ihr auf, dass sie sich nicht alleine im Zimmer befand. Im Spiegel über der Kommode erkannte sie hinter sich Friedrich, wie er nackt auf dem Bett lag. Friedrich schlief tief und bedrückend laut- und regungslos. Dann wurde ihr bewusst, dass auch sie nackt war. Die junge Frau spürte unten herum ein zwar leicht brennendes, aber nicht unangenehmes Gefühl. Sie strich mit den Fingern durch ihre Scham und fühlte Knötchen aus eingetrocknetem Sperma, Scheidensekret, Blut und Haaren. Soweit war sie also gegangen. Sie konnte sich dennoch an nichts Weiteres erinnern. Sie hatten sicher nicht verhütet. Vorgestern erst setzte ihre Periode ein. Fatima Siniola hoffte deshalb, von Friedrich nicht geschwängert worden zu sein und dass ihr ein zweiter Sylvain oder eine Kora-Lisa mit beängstigender Wesensart erspart bliebe. Noch immer drehte sich alles um sie herum. Die Vase fest umschlungen wankte sie zurück, verfehlte die Stirnseite des Bettes und sank zu Boden. Dort fand sie halbaufrecht sitzend in eine sichere Lage. Sie musste sich erinnern und den Verlauf des gestrigen Abends, so gut es nur irgendwie ging, rekonstruieren, noch ehe ihr alles in Vergessenheit entschwände. Hätte sie doch nur ein Notizblock und etwas zum Schreiben zur Hand, würde sie auf der Stelle ein Gedächtnisprotokoll anfertigen.

War es nicht Karl, der als Erster sein Glas auf Johann erhob?

»Er war zwar nur ein Veterinär, aber nicht minder ein großartiger Chirurg«, erinnerte sich die Journalistin an Karls anfangs noch rühmende Worte über Johann. Karl, der längst als gestandener Mediziner Anerkennung erworben hatte, habe erst von Johann gelernt, in Virtuosität zu operieren. Gemeinsam übten sie nächtelang, an Schweineherzen und -lebern Organe zu verpflanzen und gefäßchirurgische Eingriffe in unnachahmlicher Perfektion auszuführen. Sein daher auch international geachteter Ruf als genialer Mediziner und das Renommee seines Lehrstuhls für Gefäßchirurgie an der Universität Kairo verdanke er zu einem Gutteil auch Johann.

»Pojechali!«, rief Sonja. Ein Kommando auf Standhaftigkeit gegen Schicksalsschläge, in das einer nach dem anderen in der Tafelrunde einstimmte. Alle, einschließlich des mitgerissenen jungen Gastes, leerten daraufhin ihre mehr als halbvollen Gläser in einem Zug. Wie viel Fatima Siniola an diesem Abend getrunken hatte, wusste sie nicht. Aber es musste sehr viel gewesen sein, denn 'Pojechali' wurde oft, ja geradezu unentwegt gerufen.

»Pojechali!« Mit niemand anderem, außer vielleicht noch mit Anna, konnte Sonja so gut und fließend in ihrer Muttersprache reden.

»Pojechali!« Niemand außer Johann verband Anna besser mit ihrer Heimat und mit ihrer Heimatstadt. Beide kamen aus Ostberlin. Beide umtrieb von Zeit zu Zeit die Sehnsucht nach den gleichen Vierteln in und rund um Friedrichshain, so als hätte es den Fall der Mauer nie gegeben, mehr noch, es ihn nie hätte gegeben haben dürfen.

»Pojechali!« Johann war als Wissenschaftler gleichermaßen begabt und ideenreich wie auch als Unternehmer. So gab er Friedrich den Anstoß, in Dublin ein Institut für enzymatische Kybernetik zu gründen. In einer Kooperation mit Friedrichs Institut verifizierte Johann dann mit seinen Tierexperimenten die von Friedrich und seinen Wissenschaftlern anhand von mathematischen Modellen entwickelten Prognosen über den Verlauf biochemischer Reaktionen von neu entwickelbaren Enzym- und Hormonderivaten. Die Patente und Rechte, die das Institut daraus sicherte, fanden bisher über einträgliche Lizenzvergaben an die pharmazeutische Industrie, aber auch an pure Kapitalanleger, weltweiten Absatz. Wenn Friedrich bereits alleine dadurch zu einem wohlhabenden, zufriedenen und zudem von seiner Arbeit erfüllten Menschen wurde, so habe er dies sehr wohl auch Johann zu verdanken. Dennoch könne Friedrich nicht darüber hinwegsehen, dass Johann als Geschäftspartner ein eher unangenehmer Mensch gewesen war.

»Pojechali! Ja so war er! Anfangs war er wie einer von uns und dann doch zunehmend ein Fremder. Zuletzt war er nur noch ein Ekel!«, lallte Mohamad mit verunglückter Ironie und Fatima Siniola glaubte, sich gerade noch daran erinnern zu können, wie Maria leise klagte:

»Leider. Wir sprachen nie über Scheidung. Aber wir konnten uns nicht länger ertragen.«

»Pojechali!« Schlitzohr. »Pojechali!« Aasgeier. »Pojechali« Rabenvater. »Pojechali!« Träumer. »Pojechali!« Hurenbock. »Pojechali!« ... »Pojechali!« Liechtenstein?.... »Pojechali!« ... .

Die Achmadis redeten bei dem Gelage über einen der ihren so unverblümt und offen, wie es Außenstehende, selbst Hausangestellte sonst niemals erfahren würden. Die Journalistin brachte davon jedoch nichts mehr in einen Zusammenhang, zumindest nicht in diesem Moment. Hatte sie wirklich von Liechtenstein gehört? Und wenn ja, wäre es für einen Geschäftsmann ungewöhnlich, Verbindungen auch zu diesem Zentrum des Kapitalmarkts zu haben? Sonderbar wäre aber dann, dass die Familienmitglieder, anstatt in der Trauer darüber hinwegzusehen, dies hingegen ansprachen und vielleicht sogar Anstoß daran nahmen. Fatima Siniola sah ein, dass ihr Protokoll so lückenhaft ausfiele, dass es mehr Fragen aufwerfen, als klären würde. Und noch etwas schien ihr wie ausradiert. Es wurde viel über Johann geredet, aber eben nichts über Ali. Die Journalistin war noch immer sehr an Mohamads mutmaßlich zwielichtigen, vielleicht sogar kriminellen Hintergrund interessiert. Nur eine investigative Reportage über das Schattenreich der Achmadis würde ihrem Ehrgeiz, den sie selbst sich immer wieder einredete, gerecht werden und dem Nachrichtenmagazin Erfolg und Auflage bescheren. Auch bereitete sie damit Tom Greenwood ein Abschiedsgeschenk für den Ruhestand. Mit einem Bericht über Brecht, episches Theater und die Tournee würde sie hingegen ziemlich einfallslos nur einige Spalten füllen, ihren Redakteur enttäuschen und die Leser langweilen. Die sonderbaren Vorgänge damals auf Malta wiesen auf eine andere, besondere Verbindung des Patriarchen zu Ali hin. Was damals beide miteinander verband, ließe sich nicht vergleichen mit dem gegenwärtig offen dargestellten und das Familienansehen beschönigenden Verhältnis Mohamads zu seinen älteren Söhnen. Wie aber standen Mohamad und Ali derzeit zueinander? Anna, Maria, Karl und Friedrich waren anständige Menschen. Daran zweifelte die Journalistin nach dem gestrigen Abend nicht. Wenn aber die Achmadis dunkle Geschäfte betrieben, dann gehörten diese wohl zu Mohamad und Ali gemeinsam und offenbar auch dem verstorbenen Dr. Johann Bogart. So weit also blieb an diesem Morgen nur wenig Erkenntnis, stattdessen viel Theorie übrig, und die Journalistin war mit sich selbst völlig unzufrieden. Ihr fehlte der entscheidende Ansatz, den sie am Abend zuvor beim Essen und Trinken mit den Achmadis leicht durch geschicktes Fragen und genaues Zuhören hätte finden müssen. Für Fatima Siniola war es nun wichtig, Friedrich als Quelle abzuschöpfen. Ihr blieb nichts anderes übrig. Vor Maria gab sie Acht. Dass sie eine miserable Reiterin war und ganz und gar nicht den bekundeten Anspruch einer Pferdenärrin zu erfüllen fähig war, würde Maria längst bemerkt haben. Sie hatte gelogen und infolgedessen konnte Maria ihr gegenüber bereits etwas Argwohn hegen. Noch ohne festen Plan, wie sie ein aushorchendes Gespräch mit Friedrich erst beginnen und dann lenken würde, wandte sich die Journalistin ihrem Liebhaber der vergangenen Nacht zu. Dem aber ging es nicht gut. Friedrich lag noch immer regungslos, ziemlich verkrampft auf dem Rücken, den Kopf weit in den Nacken gestreckt, den Mund geöffnet, die Augen halb geschlossen. Sein Atmen war kaum wahrnehmbar. Es war ein leises Röcheln mit langen Aussetzern. Friedrich schlief nicht, er war ohnmächtig. Fatima Siniola begriff, dass sie für Friedrich nach einem Arzt rufen musste. Auf seinem Nachttisch lagen Tabletten in jener blauen Packung des durch Werbung weitläufig bekannten Potenzmittels. Zumindest diese Tabletten hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Szenen, Bilder, Eindrücke der vergangenen Nacht kamen der jungen Frau plötzlich wieder in den Sinn und liefen in ihr ab wie ein irrwitzig schnell geschnittener Film, ohne Zusammenhang und ohne Ton. Sie hockte auf ihm, er lag auf ihr, sie waren ineinander verschlungen. Und ganz gleich wie herum, sie erinnerte sich an das unfassbar intensive Gefühl massiver Härte in ihrem Unterleib. In einer offenen Pillendose lagen neben dem Potenzmittel noch andere Tabletten einer nicht geraden handelsüblichen Machart. Welche Droge Friedrich damit schluckte, wusste sie nicht. Fatima Siniola war sich aber sicher, selbst davon nichts genommen zu haben. Er hatte es ihr angeboten, ihr aufgedrängt, und sie schlug es ihm aus der Hand. Die aggressive Ekstase, die daraufhin Friedrichs Gesicht zu einer hässlichen Fratze verzerrte und die ihr plötzlich wieder in Erinnerung kam, dass sie darüber erschrak, hatte nichts von Romantik. Friedrichs Ausbruch wuchs aus in die triebhafte, aufgeputschte und rücksichtslose Gier nach sexueller Gewalt. Hatte sie dagegen nicht wirklich heftiger Widerstand geleistet oder hatte sie es sogar bewusst, jedoch vernebelt vom Wodka, zugelassen? Die junge Frau erinnerte sich nicht. Nun, als der Rausch aus Alkohol und sexueller Unersättlichkeit verflogen war, war ihr furchtbar übel. Ihr Liebhaber, oder Peiniger, lag auf dem Bett wie ein Haufen Elend, um das sich dringend ein Notarzt zu kümmern hätte. Sie aber kümmerte es nicht und hatte es nicht eilig, Hilfe zu rufen. Wo war sie überhaupt? Ihr fiel ein, dass sie von irgendwelchen Menschen zusammen mit Friedrich in den Fond einer Limousine gedrängt wurde und von vorne, vom Beifahrersitz her, glaubte sie, im Wagen Marias Stimme vernommen zu haben. Fatima Siniola ging zum Fenster, das durch die Lamellen eines Fensterladens halbwegs verdunkelt war. Sie stieß die Jalousie nur einen Spalt weit auf, dass das hellgrelle Tageslicht sie nicht blendete. Die Journalistin sah in einen schmutzigen Innenhof, der links durch einen weiteren Flügel des Gebäudes, frontal von einer dichten Oleanderhecke und rechts von einem nicht repräsentativ passenden, dafür funktionellen Anbau umschlossen wurde. Der Anbau war zu einem guten Teil ausgebrannt, eine Ruine. Müll und verbrannter Hausrat, verkohlte Möbel, Regale und Schränke lagen im Hof verstreut. Die Journalistin begriff bei diesem Anblick, dass sie in der vergangenen Nacht zusammen mit Maria und Friedrich wieder zu Marias Anwesen gebracht wurde. Sie nächtigte diesmal jedoch nicht im abgelegenen Gästehaus, sondern gemeinsam mit Friedrich in Marias Hauptgebäude.

Draußen blieb alles still. Die Türen und Fensterläden des Haupthauses waren geschlossen. Die Mittagssonne brannte in den Innenhof. War es ein journalistischer Impuls oder nur blanke Neugier? Fatima Siniola warf sich eines von den Djellabas über, die im Zimmer auf einem Stapel zusammengefaltet auf Vorrat für Gäste bereitlagen, und kletterte über die Fensterbank nach draußen in den Hof. Der ausgebrannte Anbau war wohl ehedem Johann Bogarts Arbeitsbereich gewesen. Es sollte sich vielleicht lohnen, dort unbeobachtet einen Blick hineinzuwerfen. An einer Stelle, an der wohl eine Türe gewesen war, hatte die Hitze des Brandherdes ein ganzes Mauerstück herausgebrochen. Durch diese Lücke gelangte die wissbegierige oder auch nur neugierige junge Frau in einen Raum, der vielleicht einmal ein Arbeitszimmer gewesen sein mochte oder ein Salon oder was auch immer. Die Verwüstung hier war vollkommen und ließ nur Mauern, Wände und anstatt eines Daches brüchiges Gebälk übrig. Asche, Staub und darin eingestreute Scherben bedeckten den Boden und Fatima Siniola musste vorsichtig Fuß um Fuß setzen, um sich nicht blutig zu schneiden. Auch wenn der Journalistin noch eine klare Vorstellung fehlte, wonach genau sie suchte, hier am Ort des Brandherdes fände sie gewiss nichts mehr. Durch einen schmalen Zugang gelangte sie in einen Flur, der sie an zwei Labor- oder Praxisräume vorbei führte. Hier waren die Zerstörungen zwar ebenfalls beträchtlich, jedoch lange nicht so verheerend. Die Journalistin schaute sich ein wenig um. Alles, was noch halbwegs übrig blieb, war für eine tierärztliche Praxis oder ein biologisches Labor an diesem Ort so normal wie an jeder anderen fachtypischen Arbeitsstätte irgendwo auf der Welt auch. Die Utensilien und Geräte wiesen zwar daraufhin, dass wissenschaftlich geforscht wurde, gaben aber keinen Anhalt worüber. Ziemlich ratlos verließ Fatima Siniola den Laborbereich und ging den Flur weiter entlang, der schließlich in einem vierten Raum endete. Dieser war durch das Feuer nicht geschädigt, eher ein wenig durch Löschwasser. Neben dem Brandgeruch roch es leicht faulig und modrig. Der Raum war bis auf wenige Möbel leer geräumt und Schreibtisch, Regal, Aktenschränke und Ablagen deuteten daraufhin, dass der Raum als Büro genutzt wurde. Akten oder sonstige schriftliche Unterlagen, EDV- und Kommunikationsgeräte fehlten. Die meisten Schubladen standen offen, und alles, was die Journalistin darin fand, waren Heftklammern, Scheren, Stifte und Kleingram. Die Räumung des Büros war offensichtlich schnell und hastig vorgenommen worden. Am Schreibtisch gab es noch zwei Schubladen, die verschlossen blieben, und an der Wand hing ein kitschiges Ölgemälde von einem Kamel in der Wüste. Fatima Siniola musste darüber lachen, weil es sie an das Motiv 'Röhrender Hirsch' erinnerte. Das Bild weckte noch aus einem anderen Grund ihre Neugier. In dessen Bilderrahmen rechts unten steckte ein etwa postkartengroßes Foto. Die Journalistin zog das Bild heraus. Zwei Männer waren darauf abgebildet, wie sie an einer Bar saßen, pausbäckig, mit roten Nasen, einem irren Grinsen in ihren Gesichtern, dicke Zigarren in der einen Hand und Whiskeygläser in der anderen. Der eine von beiden war Ali Achmadi. Die Journalistin erkannte ihn sofort in Erinnerung an die Polizeifotos, die Tom Greenwood ihr für das Interview gegeben hatte. Der andere Mann zeigte demnach eine ziemliche Ähnlichkeit mit Johann Bogart. Auf den maltesischen Polizeifotos war er noch mit Bart abgebildet. Auf dem Bild, das sie nun in der Hand hielt, erschien dieser Mann jedoch glatt rasiert und wirkte jünger, sympathisch und attraktiv. Das Bild steckte wohl seit geraumer Zeit im Bilderrahmen des Gemäldes. Nur eine Person, die sich zu lange daran gewöhnt hatte, würde es bei der Räumung des Zimmers übersehen haben. Die Journalistin nahm eine von den Scheren und hebelte damit an den beiden verschlossenen Schubladen so lange und mit brachialer Gewalt herum, bis die Schlösser aufknackten. Die eine Schublade war leer. In der anderen Schublade lag ein Männermagazin für den besonders geneigten Leser. Was aber Fatima Siniola eher noch irritierte, war das noch junge Erscheinungsdatum der Ausgabe. Die Zeitschrift datierte vom vergangenen Monat. Demnach konnte Johann Bogart nicht Nutzer dieses Büros gewesen sein, denn er galt bereits seit länger als einen Monat als vermisst. Der Journalistin drängte sich die Ahnung auf, dass das Büro wohl Ali gehörte. Der Sohn von Mohamad Achmadi hätte als Geschäftsmann woanders sicher noch weitere Büros. Aber was nutzte ihr diese Vorstellung? Ali hatte zumindest hier wirklich alles beseitigt, was auch nur einen entfernten Hinweis auf seine und damit vielleicht auch auf Mohamads Geschäfte gäbe. Ihr fehlten Schriftstücke, Akten, Auszüge und überhaupt alles, das Material für eine enthüllende Reportage liefern würde. Sie sah sich auf einem Irrweg. Ihre Ernüchterung über ihre journalistische Leistung, die sie heute Morgen seit ihrem Aufwachen schmerzlicher noch als ihr verkaterter Kopf belastete, wuchs erneut zum Selbstzweifel, ob sie für diesen Beruf überhaupt taugte.

Sie musste Friedrich aushorchen. Als Gast der Achmadis bliebe Fatima Siniola nur noch Stunden in Ägypten, denn sie hätte wohl erwartungsgemäß vorzugeben, bald wieder ihrer Arbeit in der Redaktion in Rom nachgehen zu müssen. Mohamad ließe sie, wann immer sie es anspräche, mit dem Privatflugzeug zurückbringen. Vielleicht wartete ihr Gastgeber bereits darauf, noch heute seine Anweisungen für den Rücktransport geben zu dürfen. Gestern schien ihr Friedrich, solange er nüchtern und zugänglich war, redselig bis schwatzhaft. Die Journalistin nahm sich vor, Friedrich nun gleich einfach direkt danach zu fragen, was Ali hier auf Maria Bogarts Anwesen zu tun hatte. Bereits eine ausweichende Antwort von ihm konnte ihre Theorie entweder bestätigen oder widerlegen. Dadurch fände sie zu einer etwas sicheren Erkenntnis, ganz gleich, ob diese für weitere journalistische Nachforschungen verwertbar wäre oder nicht. Die Journalistin schlich mit dem Foto in der Hand durch die Brandruine, über den Innenhof und über die Fensterbank zurück in das Gästezimmer zu Friedrich. Sie bewegte sich vorsichtig, lautlos und mit der Gewissheit, unbemerkt geblieben zu sein. Sie zog das Djellaba aus, faltete es glatt zusammen und steckte es in den Stapel der übrigen unbenutzten Hemden. Über einem Stuhl lag ihre Kleidung und Wäsche, die sie am Vorabend getragen hatte. In das Innenfutter des Kleids riss Fatima Siniola vorsichtig einen Schlitz, soweit nur, dass sie dorthinein das Foto schieben und verstecken konnte. Dann wandte sie sich Friedrich zu, um ihn aufzuwecken und anzusprechen. Er lag noch genauso auf dem Rücken wie zuvor, regungslos, lautlos. Erst jetzt fiel es der Journalistin auf, dass er nicht mehr atmete. Friedrichs Kopf war noch immer weit in den Nacken gestreckt und sein Mund geöffnet. Doch nun sah sie darin nicht mehr Zunge, Zähne und Gaumen, sondern nur Erbrochenes, das über die Mundwinkel und zudem aus den Nasenlöchern rann. Friedrich war tot. Die junge Frau nahm die neue Situation zur Kenntnis. Erst einige Tage später sollte sie reuevoll darüber nachgedacht haben, wie unbetroffen sie in diesem Moment geblieben war. Fatima Siniola zog Bilanz: Ihre Dienstreise würde letztendlich zu keiner Erkenntnis über die dunkle Seite der Achmadis führen. Stattdessen erhielt sie nur ein paar Einblicke in das normale Familienleben eines reichen, einflussreichen ägyptischen Clans. Nicht einmal für die Leserschaft der Klatschpresse wäre kaum etwas Interessantes zu berichten. Die junge Frau blieb hinter ihrer Erwartung zurück. Auch in Zukunft würde sie als Journalistin scheitern. Warum sollte sie ein Leben lang über Themen schreiben müssen, die sie nicht wirklich interessierten? Für eigene, spannende Geschichten, wie sie diese hier erhoffte, reichte ihr Talent kaum aus. Wie lange noch würde sie mit dem Pfund ihrer Jungendlichkeit und ihres schönen Aussehens die Gunst und die Blindheit ihrer Redakteure und Verleger sichern? Wann endete für sie der von ihrem Vater durch viele Kontakte im journalistischen Gewerbe geebnete Karriereweg? Der noch hell erleuchtete Boulevard der beruflichen Möglichkeiten führte am Ende in die ihr eng, dunkel und schäbig erscheinende Sackgasse der Mittelmäßigkeit. Wie lange noch bliebe es unbemerkt, dass die meisten ihrer Beiträge bislang von ihrem Vater geschrieben oder von seinen fachlich versierten Gefälligkeitsfreunden recherchiert worden waren. Sie selbst hingegen hatte nur wenig dazu beigetragen. Der ganze Journalismus widerte sie bereits seit Langem an und nicht erst an diesem Morgen beim Anblick des Toten. Im Gefolge ihres Vaters, der in Italien gefeierten Korrespondentenikone, lernte sie halb Europa kennen. Nur ihren Vater, der von ihr so vieles abverlangte, kannte sie bis heute nicht richtig. Seine Nähe und Wärme, seine inneren Werte und Ängste und alles, was für sie ihn hätte begreifbar werden lassen, blieben ihr fremd. Änderte sie sich nicht, um ihr Schicksal endlich selbst in die Hand zu nehmen, würde sie auf dem bislang vorgezeichneten und maßgeschneiderten Lebensweg keine Erwartungen noch erfüllen. Sie enttäuschte nicht nur ihren Vater, sondern ständig auch sich selbst. Die junge Frau sah sich endlich reif für eine Änderung. Dennoch war es nicht der Moment, in dem Fatima Siniola eine Richtungsentscheidung für ihre Zukunft zu geben gedachte. Für den Augenblick musste sie alles daran setzen, im Ruf unbeschadet aus der peinlichen und verunglückten Situation, die durch einen Toten bestimmt wurde, wieder herauszukommen. Also legte sie sich neben den Verstorbenen ins Bett und deckte sich mit der dünnen Leinendecke zu. Dann wartete sie für einige Minuten, um Konzentration und Kraft zu sammeln. Als sie sich stark genug fühlte, richtete sich die junge Frau auf und schrie so laut, so angstvoll, so schrecklich und markerschütternd, wie es ihre Stimmkraft erlaubte.

Ferkel fliegen nicht

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