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2.Kapitel Ein Bär tappt in die Falle
ОглавлениеMan darf zwischen fremden Leuten nicht einfach umfallen, sich auf die Straße legen und heulen. Das macht man nicht. Man macht es schon gar nicht, wenn Kinder dabei sind. Sind Kinder dabei, muss man mit einigem Anstand verzweifeln. Ich hielt mich also aufrecht, als mich der Schlag traf, den man Schicksalsschlag nennt. Ich fiel nicht um und heulte auch nicht. Ich taumelte über die Straße. Ich lehnte mich mit der einen Hand an die Haustür und suchte mit der anderen nach dem Schlüssel. Ich hätte wohl lange so gestanden, wenn nicht ein Nachbar die Tür geöffnet hätte. Ich schleppte mich die Treppen hinauf. In meiner Wohnung warf ich mich auf das Bett und träumte mich zehn Jahre zurück.
Ich träumte von einer Mädchenhorde, und mittendrin in diesem quietschenden und lachenden Knäuel war sie, Rosalinde, Rose genannt, das schönste und klügste Mädchen der Universität. Wenn sie da war, war es etwas heller im Hörsaal. Es leuchteten die Augen der Studenten und Lehrer, vom schüchternen Erstsemester bis hin zum alten Professor. In Rosalindes Nähe reckten sich alle ein wenig in die Höhe und waren stolz, weil sie ja irgendwie zu der gleichen Art Lebewesen gehörten wie diese wunderbare junge Frau.
Eines Tages verschwand Rosalinde aus der Universität, aus der Stadt und, wie es schien, aus der Welt. Studenten und Professoren schrumpften um einige Zentimeter.
„Verlassen, wie der Saufnapf eines gestorbenen Wellensittichs“, murmelte ein Lichtenberg-Kenner. Doch nach und nach trösteten wir uns. Wir waren sicher, dass Rosalinde wieder auftauchen würde, ganz oben, in der höchsten Liga. Sie würde als Sonderbotschafterin der UNO Kriege verhindern, sie würde als Ärztin Seuchen besiegen oder sie würde auf der Liste der Nobelpreisträger erscheinen. Nein, so ein Glücksfall Mensch kann nicht einfach verschwinden. Und nun, etwa zehn Jahre später, traf ich Rosalinde, den Glücksfall Mensch, meine unerreichbare Studentenliebe. Ich traf sie an der Haltestelle vor meiner Wohnung. Sie bemerkte mich nicht, sie war beschäftigt. Sie wühlte in einem Papierkorb.
Sie holte angebissene Brötchen heraus. Sie roch daran und pustete Schmutz und Zigarettenstummel von den Brotresten herunter. Sie stopfte ihre Beute in einen speckigen Rollkoffer, den sie hinter sich her zerrte. Dem Rollkoffer fehlte ein Rad und die Achse kreischte über das Pflaster. Dieses Kreischen schrillte in meinen Ohren, als ich auf dem Bett lag.
„Ich muss sie retten“, murmelte ich endlich nach ein paar Stunden und rappelte mich auf. „Ich muss sie zu mir nehmen, ins Bad führen, die Haare waschen, neu einkleiden, zum Doktor bringen … Vielleicht ist ihr ein Unglück zugestoßen oder eine Suchterkrankung oder eine Liebeskatastrophe. So was kann man reparieren. Ich bin doch kein Schwächling, ich schaffe das.
Zuerst aber muss ich sie finden. Ich werde die Stadt durchstreifen, in die finstersten Winkel kriechen, unter jeder Brücke nachsehen, jede speckige Steppdecke anheben und Rosalinde ohne Ekel auf den Arm nehmen und nach Hause tragen.“
Entschlossen trat ich aus dem Haus. Neben der Haustür lehnte ein alter Mann an der Wand. Die Kapuze einer Sportjacke, wie sie junge Leute tragen, hatte er tief über Stirn und Augen gezogen, und unter dem Arm trug er ein großes, rundes Brot.
„Sie wartet“, murmelte der Alte sanft vorwurfsvoll.
„Wer wartet?“, stotterte ich.
„Rosalinde, die du suchst, sie heißt jetzt Rose-Rad-ab“, antwortete ruhig der Alte. „Ich führe dich zu ihr.“ Dann schwieg der Alte und lief vor mir her zur Haltestelle.
„Du hast leere Hände“, sagte der Alte leise. „Das ist nicht gut. Ich habe niemals leere Hände, ich trage immer ein Brot bei mir, wenn ich zu Bedürftigen gehe.“
Die Straßenbahn kam. Wir stiegen ein. Wir fuhren lange. Wir fuhren aus der Stadt heraus. Wir fuhren bis zur Endstelle. Der Alte, immer noch schweigend, führte mich an einem Gasthof vorbei auf ein mächtiges Eisentor zu. Es war ein Fabriktor aus dem vorigen Jahrhundert, vom Alter verbogen und mit rostigen Ketten verschlossen. „Eisenwerke Pross und Co“, stand oben, in gut erhaltenen Buchstaben, handgeschmiedet.
Der Alte blieb stehen.
„Stillgelegt! Was für ein gutes, genaues Wort. Stillgelegt!“
Er schwieg, stand da und lauschte.
„Es ist sehr, sehr still. Eine stille Fabrik.“
„Ja“, sagte ich etwas verlegen.
„Hier war mal viel Krach“, sagte der Alte.
„Ja, das haben Eisenwerke so an sich“, sagte ich, schon etwas ungeduldig.
„Jetzt ist es still“, sagte der Alte und bewegte sich immer noch nicht. „Die Fabrik produziert in aller Stille weiter.“
„Aha!“
„Wird wohl Eulen produzieren, denn Eulengrund nennen die Leute nun die stille Fabrik.“
„Und Rosalinde?“, versuchte ich, den Alten weiter zu drängen.
„Ja, ja, der alte Eisenkönig, dieser Pross, der war etwas wunderlich. Er trug einen öligen Zahnkranz als Krone.“
Der Alte sah unter seinem Kapuzenrand spöttisch hervor. „Jeder hat sein Zeichen. Pross hatte seinen Zahnkranz, ich habe mein Brot und du, Poet, lässt ein Buch aus deiner Jackentasche ragen.“
Der Alte kannte also meinen Beruf. Und mit dem Berufszeichen hatte er recht, ich trug stets ein dickes Notizbuch bei mir.
„Und Rosalinde?“, drängte ich wieder.
„Rosalinde? Ja, Rosalinde hat ein Rad ab. Darum heißt sie Rose-Rad-ab.“
Der Alte mit der Mönchskapuze zeigte auf die rostigen Gitterstäbe des Tores. Darauf waren Reste verblichener Warnschilder.
Verboten, Einsturzgefahr, Privatgelände …
Ein nagelneues Schild überdeckte die alten Schilder:
Sozialprojekt – Hochherzige Brüder e.V.
„Dort wohnt sie“, sagte er. „Hier entlang!“
Neben dem Tor führte ein Trampelpfad über einen niedergetretenen Maschendraht in die Wildnis. Neben dem Pfad lagen leere Schnapsflaschen, glitzernde Verpackungen von Naschzeug, Fetzen bunter Zeitungen und widerliche Zigarettenschachteln.
Goldmarie sprang in den Brunnen und landete auf einer himmlischen Wiese, Alice fiel in ein Kaninchenloch und schwebte hinab in ein Wunderland, Robinson Crusoe wurde auf eine einsame Insel gespült und blieb dort achtundzwanzig Jahre, ich schritt durch Müll über zerfetzten Maschendraht in einen Dornenwald.
Der Alte, das Gesicht unter der Kapuze verborgen, mit seinem Brot unterm Arm, führte mich auf einem mit Kraut bewachsenen Weg. Unter der kargen Erdschicht spürte ich das Pflaster einer Straße. Wir kamen zu den Resten eines kleinen Bahnhofs. Das Bahnhäuschen war ein massiver Bau aus geschwärzten Klinkern. Die Schienen waren mit Bauschutt eingeebnet. Vor dem Bahnhaus fiel eine behagliche Bank auf, mit einem reinlichen Platz davor.
„Frauenhaus!“, sagte der Kapuzenmann. „Betreten verboten.“
Am Bahnhäuschen klebte auf vier Stahlsäulen ein Kasten mit Fenstern auf allen vier Seiten.
„Ehemaliges Schaltwerk“, sagte der Alte wie ein Reiseführer.
Die Fensterscheiben des Schaltwerkes waren vom Alter stumpf und milchig und dicht mit Lumpen verhangen.
„Betreten sehr streng verboten.“
Sehr streng also! Ich sah noch einmal hoch und entdeckte ein bläuliches Flackern an den Lappen. Es dämmerte schon. Ich konnte die Anlage neben dem Bahnhof nur undeutlich erkennen. Ich sah einige Mauerreste von Gebäuden, innerhalb dieser Quadrate waren Gärten angelegt.
„Das war mal die Buchhaltung“, erklärte der Alte, „jetzt wächst hier Gemüse. Viel ist noch nicht da, nur Salat, Kresse und Radieschen. Betreten erlaubt.“
Daneben waren die Mauern mit Draht und Brettern erhöht. Es schien ein Tiergehege zu sein.
„Das war mal die Werkskantine, jetzt wohnt hier eine Ziege. Betreten verboten, Lebensgefahr!“
Der Alte führte mich am Bahnhof vorbei, einen sehr schmalen, heftig gewundenen Pfad entlang. Dieser enge Gang mit seinen dichten Seitenwänden aus Dornengestrüpp, Schrott und Steinen erinnerte an ein Labyrinth, aus dem man nicht entweichen konnte. Etwa hundert Schritte vom alten Bahnhof entfernt, öffnete sich die Enge zu einer erfreulichen Lichtung. Dahinter stand, wie ein Waldhaus aus alten Zeiten, eine schiefe Blechhütte.
Auf die Flügeltüren am Giebel war grob „Zum Kopfstand“ gepinselt. Darunter konnte man noch einige Buchstaben aus dem Wort „Bauarbeiterhotel“ entziffern. Es gab keine Fenster. Zur Belüftung waren in die Seitenwände fünf handgroße Löcher ins Blech geschnitten. Aus den Löchern, die an Bullaugen erinnerten, kam warmes Licht. Schilfgras, Wilde Möhre und Rainfarn wuchsen an der Blechwand. In der Abenddämmerung sah die Hütte wie ein Schiff aus, das in grünen Wellen schaukelt. Der rechte Türflügel war in die Erde gesunken, der linke war einen Spalt offen. Das gleiche warme Licht der Bullaugen schimmerte durch den Spalt.
„Tritt ein, du wirst erwartet.“