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1959 Cary Grant: Das unsichtbare Dritte
ОглавлениеCary Grant war ein britischer Schauspieler, der sich als smarter Gentleman im amerikanischen Filmgeschäft etablieren konnte. Zu seinen größten Erfolgen zählen bis heute die Rentnerkomödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ sowie die Hitchcock-Thriller „Über den Dächern von Nizza“ und „Der unsichtbare Dritte“. Auf der Liste der 25 größten männlichen Filmstars des American Film Institute landete Cary Grant auf Platz 2, direkt hinter Humphrey Bogart und vor James Stewart, Marlon Brando und Fred Astaire. Das Publikum liebte den braungebrannten Sonnyboy mit dem Grübchen am Kinn und war auch an seinem Privatleben rege interessiert. Die Frauen wollten Cary Grant und die Männer so sein wie er. Sogar er selbst wolle Cary Grant sein, bemerkte er mal in einem Bonmot. Dabei war dieser Wunsch gar nicht so aus der Luft gegriffen, denn Cary Grant war eine selbst erschaffene Künstlerpersönlichkeit.
Der Gentleman, der in seinen Hauptrollen weibliche Schauspielikonen wie Ingrid Bergmann, Grace Kelly und Audrey Hepburn küssen durfte, hieß in Wirklichkeit Archibald Leach und stammte aus bescheidenen Verhältnissen in der englischen Hafenstadt Bristol. Als Archie zehn Jahre alt war, verschwand seine Mutter von einem Tag auf den anderen; der Vater hatte sie in eine Nervenanstalt einweisen lassen, erzählte dem Jungen aber, sie sei verreist, und später, sie wäre tot. Das sollte Grants Verhältnis zu Frauen nachhaltig beschädigen. Durch die Einnahme von LSD poppte dieses kindliche Trauma wieder ins Bewusstsein und Grant erkannte selbstkritisch: „Ich hatte bei jeder meiner Frauen den Fehler gemacht, zu glauben, sie sei so etwas wie meine Mutter.“ Fortan wollte er alles besser machen und hart an sich arbeiten. Seine Intention war es nun, sich und andere glücklich zu machen.
Nicht schlecht staunte die amerikanische Öffentlichkeit des Jahres 1959, als Cary Grant verschiedenen Presseerzeugnissen, wie der Tageszeitung The New York Herald Tribune, der Illustrierten Look oder dem Hausfrauenmagazin Housekeeping, Interviews gewährte, in denen er nicht nur für seinen neuen Film „Unternehmen Petticoat“ Reklame machte, sondern auch für das weithin unbekannte Wundermittel LSD. Dank einer LSD-gestützten Psychotherapie habe er neue Einsichten in sein Leben und sein Verhältnis zu Frauen gewonnen, ja, er fühle sich sogar wie neu geboren. „All die vertanen Jahre“, meinte der seit zwei Jahrzehnten erfolgreiche Hollywoodstar, „warum habe ich das nicht schon früher getan?“ Das Publikum horchte auf. Durch Grant erfuhr der Durchschnittsamerikaner erstmals von dem sagenhaften Phantastikum. Zuvor hatten sich fast ausnahmslos Mediziner in wissenschaftlichen Aufsätzen dazu geäußert und die anspruchsvollen, teilweise etwas esoterischen Texte von Ernst Jünger und Aldous Huxley dürften kaum breite Bevölkerungsschichten erreicht haben.
Cary Grant war bereits 55 Jahre alt, als er das erste Mal im „Psychiatric Institute of Beverly Hills“, der Gemeinschaftspraxis der Doktoren Mortimer A. Hartman und Arthur L. Chandler, Lysergsäurediäthylamid in Pillenform schluckte. Seine Ehefrau, die Schauspielerin Betsy Drake, hatte ihn darauf gestoßen. Drake war bereits bei Dr. Hartman in Behandlung, um ihre Ehekrise zu beheben. Ihrem neurotischen Gatten empfahl sie ebenfalls eine psycholytische Sitzung. So wurde das LSD in ihrer Beziehung der unsichtbare Dritte. Nach einer Anamnese, die eventuelle Psychosen von vornherein ausschließen sollte, legte sich der Superstar mit einer Augenbinde auf die Couch und reiste zu sanfter Musik durch die Sphären seines Unterbewusstseins. Die Dosis war stets moderat, mystische Einsichten oder außerkörperliche Erfahrungen waren bei Hartman nicht erwünscht. Alle Äußerungen des Patienten wurden während der Innenreise mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet, um sie hinterher nach psychologischen Gesichtspunkten auszuwerten. Die Magnetbänder scheinen Cary Grant auch inspiriert zu haben, denn er meinte, Menschen seien Computern ähnlich und kämen mit einem leeren Magnetspeicher zur Welt. „Dieses Magnetband wird vor allem von unseren Müttern bespielt, hauptsächlich weil unsere Väter auf der Jagd oder in der Arbeit sind. Die Mütter können jedoch nur das weitergeben, was sie selbst wissen, und vieles von dem ist ungenügend, wird aber dennoch an das Kind weitergereicht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich wiedergeboren werden müsste, um das Magnetband von diesen Spuren zu reinigen.“14
So kam Grant über drei Jahre an jedem Samstagvormittag gegen 9 Uhr in die Praxis und defragmentierte seine seelische Festplatte. Im Laufe des Nachmittags verließ er dann das Haus, für die Heimfahrt sorgten Freunde oder Bekannte.
Hartman und Chandler waren nicht die einzigen in Los Angeles, die ihre Patienten im Rahmen einer Psycholytischen Therapie mit LSD behandelten, aber sie waren bei weitem die wirtschaftlich erfolgreichsten. Satte 100 US-Dollar kostete das bunte Nachmittagsprogramm, der Preis richtete sich vornehmlich an die gehobene Mittelschicht von Los Angeles. Von einfühlsamer psychologischer Betreuung konnte hingegen keine Rede sein, denn der behandelnde Dr. Hartman war ausgebildeter Radiologe und erst durch seine eigene Therapie auf dieses Geschäftsmodell gestoßen. Den Psychiater Chandler hatte Hartman nur mit ins Boot geholt, um seinem Psychiatrischen Institut die nötige Glaubwürdigkeit zu verleihen. Die notwendige Arznei bezog man in pharmazeutisch reinster Form direkt vom Hersteller Sandoz.
Zurück zu Grant. Als wesentliche Erfahrung seines Lebens schätzte Grant ein Erlebnis aus seiner ersten Sitzung ein: „Als ich mit dem LSD anfing, wälzte ich mich unruhig auf dem Sofa hin und her. Ich fragte den Arzt, warum ich mich die ganze Zeit herumwälzen müsse, aber der Arzt fragte nur zurück, weißt du es nicht? Ich hatte nicht die leiseste Ahnung. Er meinte, wenn du damit aufhörst. Das war wie eine Offenbarung für mich, ich erkannte, dass ich für meine Taten allein verantwortlich bin.“15
Diese Anekdote ist ein gutes Beispiel für die Fähigkeit des LSD, alltägliche Situationen in einem neuen Licht zu betrachten und aus scheinbar einfachen Sätzen tieferliegende Botschaften herauszuhören.
Im April 1962 absolvierte der Frauenschwarm bereits seine 72. LSD-Sitzung. Die Scheidung im selben Jahr von seiner Noch-Ehefrau Betsy Drake, mit der er immerhin 13 Jahre verheiratet war, konnte er damit allerdings nicht mehr abwenden. Man lebte bereits seit vier Jahren getrennt, blieb aber befreundet. Es folgten Ehefrau Nr. 4 und 5, allerdings mit einem freudigen Nachspiel. Mit 60 Jahren wurde Cary Grant das erste Mal Vater; seine Tochter Jennifer Grant ist heute ebenfalls Schauspielerin.
An über 100 LSD-Sitzungen will Grant insgesamt teilgenommen haben, bevor die Substanz ab 1966 schrittweise verboten wurde. Seinen humorvoll mit „Mahatma“ titulierten Therapeuten Mortimer Hartman bedachte Archibald Leach in seinem Testament immerhin mit einer Summe von 10.000 US-Dollar. Auf die hedonistische Acid-Handhabe der aufkommenden Hippiebewegung reagierte der alternde Superstar hingegen eher grantig und bezeichnete sie als verantwortungslos. Dabei dürfte sich sein Ansatz nicht wesentlich von dem der Hippies unterschieden haben. „Mein Ziel bei der Einnahme von LSD war immer, mich selbst glücklich zu machen“, sagte er einem Journalisten der New York Times. „Man wäre ein Dummkopf, wenn man etwas zu sich nähme, das einen unglücklich macht.“