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Einleitung

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„LSD?“ werden einige verwundert die Augenbrauen heben. Ist das nicht die Droge, bei der die Menschen verrückt werden, aus dem Fenster springen und wenn sie Glück haben, hängen bleiben? „LSD!“ wird manch anderer denken und dabei verklärt an Hippies, Studentenrevolte und Woodstock denken. Dass man es mit einem Medikament zu tun hat, mit dem man einst Süchtige, psychisch Kranke und Depressionen behandelte, dürfte hingegen den wenigsten in den Sinn kommen.

Man taufte es Blue Cheer, Purple Haze, White Lightning oder einfach Acid. Die chymische Hochzeit von Lysergsäure und Diethylamin ergab Lysergsäurediäthylamid, kurz: Ell, Ess, Dee, drei Silben zwischen Himmel und Hölle, drei Buchstaben, die alles verändern. LSD wirkt direkt an der Schnittstelle zwischen Kultur und Natur, im Gehirn des Menschen. „Es gibt kaum einen anderen Wirkstoff von so weit reichendem kulturellen und gesellschaftlichen Einfluss wie Lysergsäurediäthylamid. Psychiater, Psychologen, Verhaltensforscher, Theologen, Philosophen, Maler, Schriftsteller und Musiker bedienten sich der bewusstseinsverändernden Droge, die ihre Bedeutung bis heute nicht verloren hat“, so Prof. Dr. Peter Nuhn von der Universität Halle.2

Ein Zeugnis psychedelischer Kunst dürfte hierzulande jeder kennen: das Intro des öffentlich-rechtlichen Sonntagskrimis Tatort. Untermalt von hektischen Jazzrhythmen flüchtet der große Unbekannte, Sinnbild des Verbrechers, seit 1970 in eine enger werdende Spirale der Ausweglosigkeit. Der ARD-Brennpunkt bedient sich mit seiner Auftaktmelodie ebenfalls aus dem psychedelischen Klangarchiv; seit 1971 lenkt man mit Pink Floyds „Astronomy Domine“ die Aufmerksamkeit der Deutschen vom Abendbrottisch auf die Mattscheibe. Ein drittes Beispiel: das entspannt daherkommende Lied „Tag am Meer“ von den Fantastischen Vier schildert – heute wissen wir es – einen LSD-Rausch.

Unter den prominenten LSD-Astronauten versammeln sich illustre Namen wie Ernst Jünger, Cary Grant, Allen Ginsberg, Bob Dylan, Leonard Cohen, Jimi Hendrix, Carlos Santana, Jack Nicholson, Keith Haring, Lemmy Kilmister, Steve Jobs. Auch der Neuropsychologe Oliver Sacks, die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff und sogar Erich Honeckers Enkel, Roberto Yáñez Betancourt y Honecker, machten ihren LSD-Gebrauch publik. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Bekanntlich macht die Dosis, dass etwas nicht Gift ist. Beim Alkohol liegt die Grenze irgendwo zwischen Bier und Schnaps. LSD hingegen ist schnell überdosiert und schmal der Grad, der Brian Jones von Keith Richards und Syd Barrett von Roger Waters trennt. Dennoch ist die Substanz erstaunlich verträglich, denn bisher ist niemand an einer Überdosis LSD gestorben. Eine Wirkung gibt es schon ab 20 Mikrogramm (zur Vorstellung: 1 Gramm sind 1.000 Milligramm sind 1.000.000 Mikrogramm – genug, um 10.000 Artgenossen zu entrücken).

Ursprünglich ein legales Mittel zur Behandlung von Alkoholismus (beispielsweise in der Tschechoslowakei, die bis 1974 eigenes LSD produzierte) verließ die Substanz, die mystische Erlebnisse, ein geschärftes Bewusstsein und tiefer gehende Selbsterkenntnis versprach, die Kliniken und Krankenhäuser und wurde zum Treibstoff der Hippiebewegung. Bald gehörte es zum guten Ton, experienced, also LSD-erfahren, zu sein. Der Musiker Kim Fowley machte sich bereits 1966 seinen Reim darauf: „Let’s take a trip, it’s really hip.“ In den USA, wo LSD buchstäblich in aller Munde war, wurden ab 1966 erste Verbote verhängt. Auf Betreiben der Vereinigten Staaten verfügten die Vereinten Nationen ab 1971 eine weltweite Ächtung der Wunderdroge. Aus Medikamentenmissbrauch wurde plötzlich Drogenmissbrauch. Das Verbot war umfassend, der zuvor tausendfach bestätigte Nutzen bei therapeutischer Verwendung wurde aus politischen Gründen ignoriert. Die globale Prohibition hält bis heute an. Dies schreckte aber bekanntlich viele Menschen nicht ab. Durch das Verbot wurde LSD zeitweise nur noch hipper, verboten hip.

Befeuert wurde der Hype durch Pophits, die auf LSD anspielten. In „My Friend Jack“ schwärmten The Smoke ganz offensichtlich von ihrem Dealer, der präparierte Zuckerwürfel unters Volk bringt: „On the West Coast he’s real famous, kids all call him Sugarman.“ Damit schaffte es die britische Band 1967 bis auf Platz 2 der westdeutschen Hitparade. Mit Nancy Sinatra wurde LSD sogar Teil des Easy Listening und erreichte als leicht verdauliche Fahrstuhlmusik und Supermarktbeschallung ein größeres Publikum als alle psychedelischen Rockbands zusammen. Die Tochter von Frank Sinatra schwärmte von Sugar Town (Platz 5 in USA), wo Probleme verschwinden und immer die Sonne scheint. In der Popnummer „In Our Time“ wird sie hingegen ironisch: „Holding hands in the Louvre / some take trips and never move…“

Psychedelische Kunst ist der Versuch, das LSD-Erleben zu verarbeiten. Auf diese Weise hat Lysergsäurediäthylamid mannigfaltige Spuren in der westlichen Kultur hinterlassen. Die Macht der Droge, die Welt fortan mit anderen Augen zu betrachten, wirkte als Ideen-Katalysator und führte besonders in der Musik zur Entstehung vieler neuer Stilrichtungen. Bei einigen steckt es im Namen – Acid Rock, Acid House, Acid Jazz – bei anderen muss man nachforschen. Folk Rock, Raga Rock, Latin Rock und Krautrock entstanden infolge künstlerisch ambitionierter Hochdosierung. Auch dem Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“, dem Konzeptalbum „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, der Rockoper „Tommy“ (mit Tina Turner als Acid Queen) und der Computermaus gingen LSD-Erfahrungen voraus. Mit der Ankunft von „Easy Rider“ und weiteren Filmen des New Hollywood erlebte das Kino eine Wiedergeburt.

Das Besondere am LSD ist die Tatsache, dass uns der Name des ersten Konsumenten als auch der Ort, die Uhrzeit und die Umstände des ersten Lyserg-Rausches überliefert sind. Von welcher Droge lässt sich das noch behaupten.

Berlin im Mai 2016

ACID IST FERTIG

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