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Das Jesulein

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Eines Morgens fand man den Sindaco, einen rüstigen, rotblonden Mann von vierzig Jahren, tot auf seinem Bette sitzend. Er war, während er seine Schuhe anziehen wollte, vom Schlag getroffen an die Wand gesunken und gestorben.

Die Familie des Sindaco war mit der Kirche zerfallen. Darum wünschte sie ein besonders schönes und feierliches Begräbnis auszurichten zum Beweis, dass man nicht nur ohne Kirche leben, sondern auch ohne Kirche sterben könne. Sie war es der Ehre und der Stellung des Verstorbenen schuldig und die Leute begriffen das.

Am Morgen des Begräbnistages waren sie aus allen Dörfern des Tales gekommen, viele zu Fuß, andere mit der Post, keiner wollte bei einem so außergewöhnlichen Anlass fehlen. Denn – darüber wurde im Geheimen getuschelt – was konnte sich nicht alles dabei ereignen? Der Tod des Sindaco war ungewöhnlich gewesen. So ohne einem Menschen noch ein Wort sagen zu können – abgesehen davon, dass kein Pfarrer ihm auf den letzten Weg verholfen hatte und er nun vielleicht als Geist herumirrte, wenn man nicht gerade annehmen wollte, er sei schon im Fegefeuer – abgesehen davon also, so ohne einem Menschen noch ein Wort sagen zu können, sterben müssen, ist das nicht ungewöhnlich? Aber noch ungewöhnlicher war es, dass er nun auch ohne Segen der Kirche begraben werden sollte. Was konnte sich da nicht alles ereignen? Donnerschläge aus blauem Himmel, Rabengeflatter über dem Sarg, schlimme Gerüche; vielleicht wird der Sarg vor der Kirchentüre, an welcher er vorübergetragen werden muss, schwer wie Blei, die Männer können ihn nicht weiter tragen; am Ende beginnen die Glocken selbst zu läuten … ja, was konnte sich nicht alles ereignen? Bald waren der Dorfplatz und die anstoßenden Gässchen voller Leidtragende und immer kamen noch mehr dazu, Frauen und Männer. Die Frauen hatten sich die frisch gestärkte Schürze vorgebunden und das schwarze Kopftuch tief ins Gesicht gezogen. Manch eine hielt den Rosenkranz in den gefalteten Händen, bis jemand ihr bedeutete, das sei ­heute nicht am Platz. Der betende Mund blieb stehen, der Rosenkranz verschwand in der Schürzentasche, doch die Hand blieb auch darin und ließ die Kügelchen weiter durch die Finger rollen. Die Männer hatten ihr bestes Gewand angezogen und etwas auf den Kopf gesetzt. An den Kopfbedeckungen kann man erkennen, welcher politischen Richtung ihre Besitzer angehörten. Einige tragen hohe, nach oben ausladende Strohhüte in Zylinderform, mit breitem, aufgekrempeltem Rand, wie sie schon vor hundert Jahren im Tal von den Wohlhabenden getragen wurden. Sie ha­ben etwas Englisches an sich. Andere ziehen dunkle, schlichte Filzhüte vor, rund oder länglich, das ist nicht dasselbe, manchmal mit einer kleinen Vogelfeder geschmückt. Darunter gibt es eine Art grüner, kecker Filzhüte, auf einer Seite stark aufgeschlagen – das Haar muss hier buschig hervorquellen –, die den Mädchen besonders gefallen. Die meisten haben Mützen aufgesetzt, Mützen, die auf die verschiedenste Weise getragen werden, sogar verkehrt, mit dem Schild hinten im Nacken, ja solche, die ihren Schild verloren haben und so eigentlich zu den Kappen gehören, die bloß nachts im Bett zu tragen wären. Man sieht aber auch des Tags Kappen, von allen Farben und Formen und Größen, aus Stoff, Lappen, Fell. Heute werden aber alle diese Kopfbedeckungen nicht als Abzeichen getragen, sie werden nur getragen, um abgenommen zu werden vor dem toten Manne, den sie alle gleicherweise verehrt haben. Denn der Sindaco war ein gerechter Mann gewesen, einfach und gütig, trotz seines Geldes, sagen alle.

Nach und nach stellte der Trauerzug sich zusammen und setzte sich in Bewegung, ohne Glockengeläute, ohne Gesang und ohne Priester. Dafür flatterte eine rote Fahne voran. Der Sarg folgte, von vier Männern getragen. Er war mit bäuerlichen Blumen und einfachen Kränzen bedeckt. Obenauf lag ein breiter, schöner Kranz. Die Sciori hatten ihn aus der Stadt bestellt. Er wurde sehr bewundert. Hinter dem Sarg gingen die nächsten Verwandten, dann die besten Freunde des Verstorbenen; nachher die Reichen des Dorfes, die weniger Reichen, die Armen und die ganz Armen und zum Schluss, wie es sich schickt, kam der endlose Zug der Frauen. Obschon der Sindaco ledig geblieben war, hörte man lautes, wildes Frauenweinen. Das gehört zu einem richtigen Begräbnis.

Langsam zog das Geleite, dem schwankenden Sarg nach, durch die Kirchentreppe hinunter, an der verschlossenen Kirchentüre vorbei und in einem stattlichen Bogen auf den Kirchhof. Dort, vor der offenen Grube, wurden viele Reden gehalten. Jeder Freund des Verstorbenen – und wie viele hinterließ er! – wollte ihm etwas Gutes ins Grab nachsagen. Der Friedhof war zu klein für die vielen Menschen. Sie standen dicht gedrängt und zertraten die Gräber. Es war heiß. Mancher hätte gerne seinen Hut aufgesetzt oder den Kittel ausgezogen. Aber das ging nicht an. Erst um die Mittagszeit wurde der Sarg endlich in die Grube hinuntergelassen. Jeder streute eine Hand voll Erde darauf und stapfte über die Gräber davon. So leerte sich der Friedhof bald und nur noch die Buben hockten auf dem Dach der Totenkapelle, wohin sie geklettert waren, um besser zu sehen. Sie warteten auf etwas. Aber es geschah nichts Weiteres mehr. Maurilio, der Küster, schaufelte einen kleinen Berg über dem Grab zusammen, warf den Spaten auf die Schulter und ging auch fort. – Aus.

Der arme Sindaco war ein guter Freund des Herrn Martino gewesen. Beide hatten die Welt gesehen, Südamerika, beide hatten etwas Geld gemacht und waren nach Haus gekommen, um friedlich zu altern. Sie standen sich so nahe, dass sie sogar einen ge­meinsamen Jagdhund besaßen, ein schönes, böses Tier, das sie sich aus Italien aus einer Zucht für viel Geld hatten kommen lassen. Denn beide waren gute Jäger. Nun ja, was war dabei? Männer sind, wie das italienische Sprichwort sagt, von Geburt her Jäger.

Der Tod des Freundes hatte Herrn Martino recht getroffen. Obschon er mit seinen roten Wangen und seinem spitzen Schnurrbart kühn und unternehmend aussah, so hatte er doch ein weiches Gemüt. Es hieß, er sei einmal auf der Gämsjagd am lichten Tag laut schreiend davongestürzt, weil ihn die unerschütterliche Stille der Berge jäh mit Entsetzen erfüllt habe. Auch war es ihm ungemütlich und er vermied es sorgfältig, wenn immer möglich, sich allein im alten Palazzo aufzuhalten. Die Hallen in den klösterlichen Gängen, die Blicke der alten Herrenbilder an den Wänden, die den Besucher still verfolgten, die Spiegel, das Krachen im Holzwerk, das alles beeindruckte ihn. Vielleicht hatte er auch Furcht vor den Gespenstern, von denen die alte Teresa früher gerne erzählt hatte. Sie sollten im blauen Zimmer herumpoltern und manchmal gewaltig an Teresas Kammertüre geschlagen haben. Wenn auch im Dorf alle wussten, dass die Teresa die Gespenstergeschichten nur erzählt hatte, um den Leuten Angst einzuflößen vor dem Haus, denn sie wollte ganz allein und un­gestört sein, so schaute doch mancher abergläubisch daran em­por, und sicher war auch Herr Martino, obwohl er fast jeden Tag in den Palazzo kam, um dieses oder jenes zu flicken oder zu richten, nicht frei von dieser Angst.

Seit dem Tode seines Freundes, des Sindaco, blieb er mehr zu Hause. Wenn man ihn traf, setzte er eine jämmerliche Miene auf und seufzte. Er sprach davon, manches sei ihm verleidet. So waren die Sciori nicht erstaunt, als er sie im Herbst darauf in der Stadt besuchte. Er war in ein neues Gewand gekleidet, sein Schnurrbart stand eingefettet spitzig auf beiden Seiten heraus. Ein Vetter von ihm, berichtete er, derjenige, der in Südamerika die vierzehn Millionen verdient hatte, «ja, verdient, was denn sonst?», dieser Vetter habe ihn nach Frankreich eingeladen, um Luft und Gedanken zu wechseln und für solange, als es ihm passen würde. Warum sollte er nicht zugreifen? Und so habe er sich auf den Weg ge­macht. Er werde voraussichtlich einige Monate in Paris bleiben.

Darüber wunderten sich die Sciori nun doch. Ihr Herr ­Martino in Paris? Sie wussten, wie verhasst ihm jede städtische Kleidung war. Zu Hause ging er in verwaschenen Halbleinhosen, ohne Strümpfe, ein netzartiges Hemd mit Ausschnitt um seine hochgewölbte Brust gespannt und als Schutz auf seinem dunkeln Krauskopf einen ungewöhnlich reich durchlöcherten Strohhut. Und wie sollte er, der Bastler, es aushalten ohne Holz und Nägel, ohne Schlösser zum Ölen oder Flicken, ohne elektrische Anlagen zum Nachsehen, ja ohne die Ölheizung der Sciori, die nicht funktionieren wollte ohne ihn. Nur er wusste ihr so zuzusprechen, wusste an den richtigen Hebelchen zu drücken, verstand Luft und Öl so zu mischen, dass diese höchst weibliche Einrichtung ihre Pflicht tat. Vor allem, wie sollte Herr Martino leben ohne sein Boggiaspiel? Er spielte mit Leidenschaft, er spielte gut, aber nicht so gut wie der Schulmeister, nicht ganz so gut, denn der Schulmeister blieb kühl und seine Hand zitterte nie vor Zorn. Darum gewann er. Meist gewann der Schulmeister. Herrn Martinos Kopf wurde dann rot wie eine Tomate, er brüllte so laut, dass die Frauen, die auf der Piazza strickten, ihn hörten und sich zunickten: «Tino verliert wieder.» Aber doch, sooft der Schulmeister Zeit hatte, spielte Herr Martino mit ihm, um ihn zu besiegen. Wie sollte er ohne diesen täglichen Ansporn auskommen? Das schien den Sciori unmöglich. Sie machten ein großes Fragezeichen zu der geplanten Reise ihres Herrn Martino, doch wussten sie aus Erfahrung mit den Leuten aus dem Tal: Fragen nützte nichts. Man bekam keine richtige Antwort. Man musste warten. Einmal würde man schon verstehen, später, manchmal erst viel später … Und so wünschten sie dem Guten Glück auf die Reise.

In diesem Jahre waren die Sciori zu Weihnachten in ihr Landhaus gezogen, um den Festen in der Stadt auszuweichen. Es lag viel Schnee, als sie durch das Tal hinauffuhren, und in jedem Dorf standen viele Männer auf der verschneiten Straße, schauten und plauderten, zeigten sich mit ihren Bräuten oder trugen ihre kleinen Kinder herum. So ist es immer: auf Weihnachten kommen die Männer und Söhne nach Hause, die im Frühjahr in die großen Städte gezogen sind, um dort als Gipser und Maler ihr Geld zu verdienen. Im Tal findet ein Mann kein Auskommen. Das bisschen Heu und die wenigen, kleinen Kartoffeln genügen gerade, um die Ziegen, die Frauen und Kinder durchzubringen. Es sind geschickte Leute unter den Männern, die viel Geld verdienen. Das Geld – und die neueste Herrenmode – bringen sie an Weihnachten ins Tal. Es geht dann hoch her. Jeden Abend wird in den vielen kleinen Wirtschaften des Tales bis spät debattiert, über Politik und über Gemeinde- und Familienangelegenheiten. Oft gibt es gegen Mitternacht Zank und es heißt, wenn die Männer im Tal seien, so weinen die Frauen. Wie dem auch sei, es kommen dann im Herbst immer viele Kinder zur Welt. Manche davon sterben bald wieder. Man sieht in jener Zeit etwa eine einsame Frau mit einem kleinen Paket, das mit einer weißen Gardine verhangen ist, den Weg zur Kirche hinabgehen. Es ist eine Mutter oder Verwandte, die das tote Kind zuerst dem Pfarrer bringt, der in der offenen Kirchentüre wartend steht, unter lautem und be­sonders vergnügtem Geläute der Glocken, denn Gott freut sich über den Tod eines unschuldigen Kindleins, das direkt zu ihm in den Himmel kommt. Dann geleitet sie der Pfarrer auf den Friedhof, wo das kleine Paket von Maurilio, dem Küster, in eine winzige Grube verlocht wird. Nach kurzer Zeit weiß die Mutter nicht mehr genau wo.

Aber nicht alle Kinder kommen im Herbst zur Welt. An einem dieser Weihnachtstage, während die Sciora ihren Kaffee trank, den die Marta nach alter Gewohnheit ihr am Morgen ans Bett brachte, begann diese ohne Umschweife: «Sciora, das Kind der Berta ist heute Nacht geboren worden. Der Doktor war dabei. Es ist ein Junge.»

Die Sciora war sich nicht sogleich im Klaren, wer die Berta sei. «Nun, die Berta vom oberen Haus, diese … nun eben … diese … Sie wissen schon, Sciora, die liederliche, die Berta, die mit den Männern am Abend spricht.»

Die Sciora meinte, die Berta werde wohl nicht nur mit den Männern gesprochen haben, aber sonst fand sie alles in Ordnung. Doch die Marta ließ nicht locker, die Sciora musste verstehen, was das heißt: Ein Mädchen bekommt ein Kind, dazu ein solches Mädchen. Das war durchaus nicht in Ordnung. Das musste jede rechte Frau aufregen. «Und das arme Kind, das keinen Vater hat», fuhr die Marta eifrig und in jammerndem Tone fort, «und die armen Eltern, die solche Schande an ihrer Tochter erfahren müssen!» Sie legte ihr Gesicht in Falten, richtete sich auf und meinte: «Nun, warum haben sie nicht besser auf die Tochter aufgepasst! Der Herr Pfarrer hat erst kürzlich allen zu Herzen geredet, sie sollen doch lieber heiraten, es freue weder Gott noch den Herrn Jesus, noch genau besehen, sonst jemanden, wenn immer wieder so viele uneheliche Kinder zur Welt kämen.» «Wie ist es eigentlich mit der Muttergottes gewesen?», fragte da die Sciora und schaute die Marta lächelnd an. Diese errötete ein wenig, lächelte wieder und sagte, wie sie es gelernt hatte: «Das ist ein Mysterium.» Nun schien es aber mit der liederlichen Berta auch ein Mysteri­um zu werden.

Als der Segretario, der das Neugeborene einzuschreiben hatte, ordnungsgemäß fragte, wer der Vater sei, ließ das Mädchen antworten, der Vater sei der verstorbene Sindaco. Der Segretario war bestürzt. Er beschloss, mit dem Einschreiben zu warten. Das Dorf war bestürzt. Niemand hatte das vorausgesehen. Da schien sich etwas Ungehöriges begeben zu wollen. Wie würde man die Wahrheit erfahren können? Den armen Sindaco konnte man nicht mehr fragen, ob das Mädchen lüge. Er schwieg. Umso lauter beschuldigte es die Familie des Verstorbenen, vor allem seine Brüder, das sei Verleumdung schlimmster Art. Niemals hätte ihr Bruder … niemals, und überhaupt, wie verworfen und zu allem fähig müsse man sein, um einem armen Toten einen solchen Tort anzutun, wo er sich doch nicht mehr verteidigen könne … doch sie, die Brüder und der Vater, sie würden die Ehre ihres lieben Verstorbenen schon zu schützen wissen, mit allen Mitteln und bis zum Schluss. Ob das Mädchen denn überhaupt irgendeinen Be­weis für eine Behauptung aufbringen könne?

Das Mädchen lachte, es brauche da keinen Beweis, das Kind sei Beweis genug. Es sei vom Sindaco und sie verlange die üblichen Gelder. Sie habe den Arzt holen lassen müssen, das Kind wolle er­nährt und erzogen sein, kurz, sie verlange Geld. Und dieses Geld habe der Vater und Erbe des Sindaco zu bezahlen.

Es entbrannte Streit, denn durch nichts wäre der Alte zu be­wegen gewesen, freiwillig etwas von dem geerbten Geld herauszugeben. Und über dem Streit teilte sich das ganze Dorf in zwei Parteien. Die einen glaubten, es sei, wie das Mädchen behaupte, der Sindaco der Vater des Knaben, und wetterten gegen den Alten, der lieber sein einziges Großkind in Armut und Schande würde aufwachsen lassen, als mit einem Franken herauszurücken. Die nicht gegen den Alten waren, schimpften auf das Mädchen, dass es sich schlauerweise einen Toten, und dazu einen ledigen und so reichen als Vater des kleinen Kindes ausgesucht habe. Sie schlage nicht aus der Art. Schon ihre Großmutter, die Matratzenmacherin Julia, habe das Geschäft verstanden. Wisse man nicht etwa, wie sie zu ihrem Mann gekommen sei? So wurde der Geiz der einen Sippe gegen die Liederlichkeit der anderen Sippe abgewogen. Dieser Zank zog sich hin bis Ostern. Das Kindchen war jetzt schon ein hübsches, pausbackiges Wickelkind, und wenn sich die Mutter mit ihm im Dorf zeigte, oder sonntags in der Messe, drängten die Frauen hin, um es anzuschauen, denn sie dachten, es müsse sich doch auf seinem Gesichtchen verraten, wer der Vater sei. Viele fanden, es sehe wirklich ganz und gar den rothaarigen Burschen aus der Familie des Sindaco ähnlich, trotzdem es noch keine Haare habe. Es wurden allerdings auch andere Männer ge­nannt, solche, von denen es bekannt war, dass sie abends gerne mit den Frauen und Mädchen scherzen, und manche Ehefrau tat schnell einen Blick unter das weiße Häubchen in der Angst, die Züge ihrer eigenen Kinder dort wiederzufinden. So wurde durch diese Unordnung das ganze Dorf von Misstrauen erfasst.

Da brachten die Eltern der Berta, im Geheimen von irgendeinem der vielen Anwälte beraten, die ihren Verdienst aus der Händelsucht der kleinen Leute ziehen, die Sache vor Gericht. Jetzt wurde sie ernst. Jeder im Dorf begriff es: Jetzt konnte es geschehen, dass die Berta Recht – und Geld – bekäme. Und jetzt, jetzt erst fand das Mädchen gute Zeugen, die bereit waren, auszusagen, ja, der arme Sindaco sei etwa abends mit ihr zu sehen gewesen, am Waldrand, wo die Wiesen des Sindaco münden und das Gras früh schon so hoch stehe, nirgends so hoch. Und welch guter Mäder der Sindaco gewesen sei, keiner wie er. Schade, dass er sein Gras nicht mehr mähen könne. Oder am Brunnen, wo man ei­gentlich am Abend nichts mehr zu suchen hat, auch etwa beim verfallenen Ställchen, in welches die Berta nachts ihre Hühner einschließt, damit der Fuchs sie nicht hole. Ja, man habe sie zu­sammen gesehen. Warum auch nicht? Ein flotter Mann, ein hübsches Mädchen … eben …

Nun musste der Vater des Sindaco schauen, wie er sich aus der Schlinge rette, die drohte, sich um ihn zusammenzuziehen. Er tat es auf die einfachste Art, indem er auf die Suche ging nach Männern, die um die bestimmte Zeit die Berta näher betrachtet hatten. Und er fand viele. Denn die meisten Leute werden sich gesagt haben, bis jetzt habe noch immer derjenige recht bekommen, der das Geld hat, und darum sei es klüger, dem Alten zu helfen gegen die Berta, es schaue für sie sicherer etwas dabei heraus.

An einem regnerischen Spätsommertag sah die Sciora von ihrem Balkon aus ein Auto auf der Piazza ankommen und dort halten. Sie kannte es nicht. Ihm entstiegen Herren, darunter der Richter aus dem nahen Städtchen, ihr Sommernachbar. Die Herren be­gaben sich in das Gemeindehaus, ohne sich umzuschauen. Etwas später, es regnete nun stark, sah sie einen langen Zug dunkler Männer unter Regenschirmen gebückt die Straße heraufkommen und auch im Gemeindehaus verschwinden. Bald kamen von der anderen Seite schwarz gekleidete Frauen rasch und scheu über den Platz und huschten die Kirchentreppe herunter in die Kirche.

Das alles kam der Sciora ungewöhnlich vor. Sie rief nach der Marta, ob sie wisse, was das zu bedeuten habe.

Nun eben, es sei heute der Tag wegen der Berta. «Immer noch diese Berta, das Kind kann doch schon bald sprechen und selbst den Namen …» «Oh, Sciora», ruft die Marta dazwischen, «es ist nicht zum Scherzen.» Und mit tiefbekümmertem Gesicht: «Heute sind alle die Zeugen geladen, die sagen, sie hätten es auch mit der Berta gehalten. Es sind vierzehn Männer … einer ist sogar aus dem Nebental, drei Stunden weit zu Fuß, mit der Post drei Franken fünfzig … Sie können sich denken, welche Schande das ist für alle diese Ehefrauen! Sie weinen zu Hause oder sind zur Kirche gegangen, um sich im Gebet zu stärken. Das ist kein Spaß! Die Filomena sagt, sie wolle nicht mehr leben, nachdem sie dieses habe durchmachen müssen.» … Nachdenklicher fügte die Marta bei: «Wer hätte gedacht, dass diese Berta ein solches Luder ist? Und wann, Sciora, aber wann denn auch sind alle die Männer zu ihr gegangen? Man sieht doch jeden Menschen, der droben ein und aus geht. Halt wohl in der Nacht. Oh, diese Schlechtigkeit. Und so sind eben die Männer, wie die Hunde. Meilenweit kommen sie gelaufen, wenn sie von einem Mädchen wissen, es sage nicht nein. Genau wie die Hunde.»

Der Mann der Marta saß schon seit zehn Jahren im Irrenhaus. Es war ihr großes Unglück, an dem sie immer noch würgte. Aber heute war sie fast froh, dass er im Irrenhaus saß. Man kann ja nie wissen, was so einem Mann einfallen mag. Am Ende wäre er heute der Fünfzehnte gewesen.

Spätabends war erst die Sitzung aus. Die Sciora sah die Männer aus dem Gemeindehaus treten, einzeln, und sich im nebligen Abend verlieren. Dann stand der Richter in der Türe und schaute müde um sich, bevor er seinen Schirm aufspannte und über den Platz ging. Die Sciora winkte ihm mit der Hand und rief: «Nun, wie steht es mit der Berta?» Der Richter zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf: «Nichts … nichts … es konnte ihr nichts nachgewiesen werden. Die Männer haben sich in ihre Aussagen verwickelt, einigen wurde die Sache bedenklich und sie traten zurück, andere wiederum schien die Eifersucht zu plagen, sie begannen sich zu zanken, und so bleibt nach all dem Aufwand nichts übrig als der Schwur der Berta, der Sindaco sei ihr Geliebter gewesen und das Kind sei sein Kind.» «Aber wir sind noch nicht am Ende der Geschichte», meinte er nachdenklich, grüßte und ging zu den anderen, die am Wagen auf ihn warteten. Dann hörte die Sciora das Auto zu Tal fahren.

Was kann nun kommen?, dachte sie.

Es kam lange nichts. Im Tal hat man Zeit. Jeder würde es be­dauern, wenn eine so schöne Geschichte ein frühzeitiges Ende fände. Es gibt in der ganzen Gegend kein Kinotheater. Die Be­wohner müssen selbst für Theater und Unterhaltung sorgen.

Der Vater des Sindaco sah, seine Sache stand schlecht. Er verlor an Anhängerschaft, denn für den Fall, dass die Berta gewinnen sollte, war es höchste Zeit, sich mit ihr gut zu stellen. Sonntags, nach der Messe, auf dem Dorfplatz, hörte man recht freundliche Reden über das Mädchen. Sie habe das Unglück nicht verdient, sie sei doch ein ordentliches Mädchen, und hübsch, keine sei so hübsch wie die Berta. Dann: sie lese Bücher. Das stimmte. Die Sciora hatte sie einst am Waldrand getroffen. Die Berta saß auf einem Stein, das eine Bein über das andere gelegt. In der Hand, die über das Knie hing, hielt sie ein Buch. Die Sciora fragte, was sie lese. Das Mädchen sah nach dem Buchdeckel, sie vergesse immer, wie das Buch heiße: L’amore della colomba. Ein schöner Titel, ein gutes Buch. Das Mädchen war eben etwas Besonderes. Je freundlicher über die Berta gesprochen wurde, desto unwirscher wurden die Brüder des Verstorbenen. Sie schimpften mit ihrem Vater, Geld und Achtung der Menschen gehen in diesem Geschäft nutzlos zum Teufel. Der Vater mache seine Sache schlecht. Es war oft Lärm zu hören im Hause des Alten, Männerstimmen schrien durcheinander, schwere Schritte polterten auf der morschen Treppe, Türen schlugen. Doch es geschah nichts Neues. Der Alte brütete.

Dann aber raffte er sich auf und holte zum entscheidenden Schlag aus, der sowohl das Mädchen und seine Sippe wie seine un­geduldigen Söhne treffen sollte. Eines Morgens setzte er seine alte, zerfressene Pelzmütze auf, nahm seinen Stock und bestieg auf der Piazza die Post, die zu Tal fuhr, ohne den Neugierigen Auskunft zu geben, wohin und wozu. Er fuhr in die kleine Stadt und ging dort dem erstaunten Gericht melden, er selbst, der Vater, ja er, und warum denn nicht, so alt sei er gar nicht, er habe in jener Zeit Beziehungen zu dem Mädchen unterhalten. Das könne er beschwören.

Trotzdem sein Bericht unwahrscheinlich klang, vermochte der Alte Einzelheiten zu berichten und gute Zeugen für die Echtheit seiner Angaben zu nennen, die das Gericht annehmen ließen, er sage die Wahrheit.

Wie war das nun? Es wurde angenommen, auch die Berta habe die Wahrheit gesagt, sie hatte ja geschworen. Also war sie wohl mit dem Sindaco, wie mit seinem Vater … das ist schlimm, sehr schlimm … Arme Berta!

Als man dies im Dorf erfuhr, war ein paar Tage lang die Aufregung groß. Diesen Streich hatte niemand erwartet. Doch fühlte bald jeder, dass die schöne Geschichte, die solange das ganze Dorf unterhalten hatte, nun zu Ende sei. Man spottete noch eine Zeitlang über den Alten. Der machte sich aber nichts daraus. Er hatte sein Geld gerettet. Die Schande tat ihm nicht weh. Er ging, als ob nichts geschehen wäre, seinen kleinen Geschäften nach: die Haselbüsche von falschen Zweigen reinigen, Schwämme suchen für den Winter, die er auf seinem halbzerfallenen Balkon trocknete, oder seinen verwilderten Garten jäten. Auch über die Berta wurde gelacht, und da sie zum Spott den Schaden trug, hätte man denken können, sie gräme sich. Die Marta, von der Sciora danach gefragt, sagte verwundert: «Die Berta? Oh, die lacht. Sie freut sich über ihr hübsches, kluges Kind. Alle Frauen beneiden sie ja um das süße Jesulein.»

Als der Gerichtsspruch bekannt gegeben wurde, interessierte man sich im Dorf schon für eine neue Geschichte. Kaum, dass man ihn sich anhörte. Da das Mädchen es mit zwei Männern gleichzeitig getrieben habe, lautete der Spruch, sei es kein anständiges Mädchen und seine Klage sei abzuweisen.

So behielt der Vater des Sindaco recht und Geld. Die Leute aber, die gehofft hatten, von ihm etwas für treue Dienste zu er­halten, haben sich geirrt. Niemand sah einen Rappen, nicht einmal ein Schöpplein Wein. Dadurch verlor der Alte seine letzten Freunde. Obschon er recht behielt, ist es doch eher die Berta, die gewonnen hat. Denn heute ist jeder im Dorf davon überzeugt, dass der Sindaco der Vater des Kindes ist. Schon um den Alten zu ärgern, diesen Geizhals.

Das Kind ist jetzt vier Jahre alt. Die Sciora traf kürzlich mit der Berta und dem kleinen Jungen zusammen. Sie sprach ein paar Worte mit dem Mädchen, das stolz ist auf seinen Sohn. Und während sie sprach, forschte sie in dem runden Kindergesicht. Es kam ihr sehr bekannt vor. Dieses braune, krause Haar, der Blick unter dem Hütchen hervor? Wem sah das Kind denn ähnlich, wem?

Von ihrem Spaziergang zurückgekehrt, trat sie in den Garten, wo Herr Martino, auf den Knien liegend, sich eben bemühte, mit einem langen Draht, sorgfältig und eifrig grübelnd, eine Ablaufrinne zu putzen. Die Sciora blieb vor ihm stehen. Er schaute auf, unter seinem Hut hervor …

Da kam der Sciora das Lachen an. Also darum hatte Herr Martino damals vor fünf Jahren die Reise unternommen … und war solange bei seinem Vetter in Paris geblieben, ohne je zu schreiben, so dass man zweifelte, ob er noch am Leben sei! … Darum! … Man musste oft lange warten, aber einmal würde man verstehen! Sie verbiss das Lachen, doch gelang es ihr nicht ganz. Herr Martino hatte es bemerkt. Er wunderte sich sehr: Was gibt es da zu lachen? Er wandte sich, immer noch kniend und den Draht in der erhobenen Hand, ein wenig geärgert nach der Marta um, die am Waschtrog stand und der Sciora nachschaute, wie sie ins Haus ging. Beide sahen sich an und schüttelten den Kopf. Sie hatten sich verstanden. Stadtleute sind alle ein wenig verdreht, auch ihre Sciora.

Tessiner Erzählungen

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