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Danke, Lord Ponsonby!

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Als ich an der Freien Universität Brüssel das Lehrgebiet »Historische Quellenkritik« übernahm, empfahl mir mein einstiger akademischer Lehrer, Professor Stengers, zwei Werke zur privaten Lektüre und auch als Basis für meine Lehrveranstaltungen. Erstens legte er mir Jean Norton Crus Studie über Augenzeugenberichte ans Herz, das viele unserer Vorstellungen über den Wahrheitsgehalt persönlicher Kriegsberichte in Frage stellt.1 Zweitens empfahl er mir das aufwühlende Buch von Arthur Ponsonby, das 1928 unter dem Titel Falsehood in Wartime in London erschienen war.2

Vorab ein paar Sätze über Arthur Ponsonby, denn immerhin verdankt das vorliegende Buch seine Entstehung dieser faszinierenden Persönlichkeit und seinen Überlegungen zur Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg. Baron Arthur Ponsonby (1871 – 1946) stammte aus einer der bedeutendsten Familien Großbritanniens. Da sein Vater Privatsekretär der englischen Königin Victoria war, wurde Arthur auf Schloß Windsor geboren.

Nach standesgemäßem Studium in Eton und Oxford entschied sich Ponsonby für eine diplomatische Laufbahn und zog später als Mitglied der Liberalen Partei (schon das in Anbetracht seiner Herkunft äußerst gewagt!) ins Unterhaus ein. Aus Protest gegen den Kriegsbeitritt seines Landes im Jahr 1914 wechselte er (damals für einen Aristokraten geradezu ungeheuerlich!) zur Labour Party über, die er zunächst im Unter-, dann im Oberhaus repräsentierte. In den von der Labour Party geführten Regierungen war er erst Unterstaatssekretär im Außenministerium, dann Verkehrsminister, schließlich Führer der Labouropposition im Oberhaus. Als sich die Labour Party 1940 den Kriegsbefürwortern anschloß, blieb Arthur Ponsonby seiner pazifistischen Einstellung jedoch treu und brach mit seiner Partei.

Im Oktober 1914 hatte er zusammen mit drei sehr angesehenen englischen Liberalen (Norman Angell, Edmund D. Morel und Trevelyan) und dem damaligen Führer der Labour Party, Ramsay Mac-Donald, die Union of Democratic Control gegründet, die sich als öffentlich operierende Kontrollinstanz der britischen Außenpolitik verstand. Trotz der Verfolgungen, denen ihre Mitglieder ausgesetzt waren,3 veröffentlichte die Union während des Ersten Weltkriegs und auch später Pamphlete, in denen sie die offizielle Propaganda der britischen Regierung bekämpfte. Bald dehnte sie ihre Aktivitäten auch aufs Ausland aus, vor allem durch ihre Monatszeitschrift Foreign Affairs, die den Untertitel trug A Journal of International Understanding. In Frankreich war der Union of Democratic Control die Société d’étude sur la guerre und die Union populaire pour la paix angeschlossen, die sich unter anderem für die Veröffentlichung des Buches von Georges Demartial, Comment on mobilisa les consciences,4 einsetzte.

Als eingefleischter Pazifist wußte Arthur Ponsonby5 natürlich, daß Krieg immer mit unzähligen Greueltaten, Gewaltakten und Barbarei einhergeht. In seinem Buch ging es ihm jedoch in erster Linie darum, die Lügen zu benennen und zu analysieren, die im Ersten Weltkrieg erfunden und propagiert wurden, um den jeweiligen Bevölkerungen der kriegführenden Länder Wut, Angst und Haß einzuflößen, um also die Leidenschaften der Menschen zu entfachen und dadurch – zumindest in Großbritannien, wo es keine allgemeine Wehrpflicht gab – möglichst viele Freiwillige rekrutieren zu können. So zählte er nicht nur die Lügen auf, die in Deutschland, Frankreich, Italien und in den Vereinigten Staaten verbreitet worden waren, sondern vor allem die aus seiner Heimat Großbritannien, wo Lord Northcliffe für die offizielle Propaganda zuständig war.

Auf diese Weise hat Arthur Ponsonby einige entscheidende Mechanismen der Kriegspropaganda herausgearbeitet, die sich in zehn »Geboten« zusammenfassen lassen. Im vorliegenden Buch habe ich diese zehn »Gebote« in zehn Kapiteln systematisch untersucht. Bei jedem einzelnen Prinzip der Propaganda versuche ich zu belegen, daß es nicht nur im Ersten Weltkrieg eine Rolle spielte, sondern seither immer wieder von den Konfliktparteien verwendet wurde.

Es geht mir hier nicht darum, die guten oder bösen Absichten der unterschiedlichen Kriegsparteien zu sondieren. Ich will nicht herausfinden, welche Partei Lügen und welche die Wahrheit propagiert, welche in gutem Glauben handelt und welche nicht. Mein Ziel war einzig und allein, die Prinzipien der Kriegspropaganda, die von allen Konfliktparteien in gleicher Weise verwendet werden, anschaulich zu beschreiben und ihre Mechanismen zu verdeutlichen. Die klassischen Prinzipien Ponsonbys, das sei noch gesagt, lassen sich zwar am Beispiel »heißer« Kriege am einfachsten demonstrieren. Sie werden in »kalten« oder »lauwarmen« Kriegen aber mit ebenso viel Erfolg angewendet.

Die Prinzipien der Kriegspropaganda

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