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2. Nur raus aus der Gosse
ОглавлениеAus dem Ausflug mit Harry, dem Pitbull von Frankes, wurde leider nichts. Ich hatte den Pansen vergessen und ohne Pansen wagte ich mich nicht in seine Nähe. Am Ende verwechselte Harry mich noch damit! Die Sache war mir zu unsicher gewesen. Und gab es in meinem Leben etwas Wichtigeres als Sicherheit und vor allen Dingen Ruhe? Spannend durfte es schon ab und zu werden. Dann aber bitte schön wohl dosiert am Freitagabend um 20:15 Uhr zur Krimizeit auf dem zweiten Programm. Wenn mir überhaupt etwas heilig war, dann der Freitagskrimi im Zweiten. Aus Britta und mir wäre nichts geworden, wenn sie mir nicht freitags die Sendezeit zwischen 20:15 Uhr und 21:15 Uhr abgetreten hätte. Im Gegenzug musste ich ihr für das verbleibende Wochenende die Fernbedienung überlassen.
Manchmal kamen mir allerdings doch Zweifel, ob ich mich bei dem Deal nicht verspekuliert hatte. Wenn Britta am Wochenende nicht im Fitnessstudio jobbte, saß sie vor dem Fernseher, glotzte den letzten amerikanischen Quatsch und zappte alle zwei Minuten die 40 Programme gnadenlos rauf und wieder runter. Dann fragte ich mich, ob der Preis nicht zu hoch gewesen war. Vielleicht sollten wir uns doch lieber wieder trennen – oder wenigstens getrennt fernsehen. Aber was blieben dann noch für Gemeinsamkeiten?
Obwohl der Krimi diesmal wirklich spannend war und ich den Fernseher laut eingestellt hatte, ließ sich das Geschrei und Gewimmer über uns in der Wohnung nicht übertönen. Wir wohnten in einer gigantischen Wohnanlage mit 20 Stockwerken, Einkaufspassage, zwielichtigen Appartements und Lüftungsschächten, in denen die Kakerlaken zehnspurig ihre Runden drehten. Und es ging das Gerücht um, dass an Ramadan die türkischen Großfamilien ihre Lämmer in der Badewanne schlachteten.
Jetzt schrie eine Frauenstimme über uns gellend auf. Das war eigentlich nichts Besonderes, gehörte vielmehr zur gewohnten Geräuschkulisse in diesem Haus, genau wie die Klospülung unddas Geschnarche unseres Nachbarn. Es war nur die Polin, die sich Herr Schmolkowski letzten Sommer aus dem Internet runtergeladen hatte. Hoffentlich brachte er sie um. Dann kämen sie und holten ihn endlich ab und es wäre wieder Ruhe im Karton. Britta, die neben mir saß, griff wütend zum Telefonhörer und schrie: „Jetzt rufe ich wirklich die Polizei an!” – Das sagte sie immer. Und wie immer riss ich ihr den Hörer aus der Hand und entgegnete ruhig: „Du weißt doch, wie das abläuft: Er wird behaupten, es hätte ihr Spaß gemacht und dass sie das immer so machen. Und weil sie über 18 Jahre alt ist und eine Aufenthaltsgenehmigung hat, wär’s das gewesen.” Britta störte mal wieder – und natürlich zu meiner Sendezeit! Sie konnte sich so schlecht aufs Fernsehen konzentrieren. Wenn sie konzentrierter fern sähe, könnte es bei uns abends oft viel netter zugehen.
Mit Schmolkowski konnte ich leben. Schlimmer waren die fünf Jungs von der fetten Fiedler, die ich bisher nur im Bademantel zu Gesicht bekommen hatte. Es gab kaum einen Tag, an dem nicht die Feuerwehr mit Blaulicht anrückte, weil einer von der Fiedlerbrut auf die originelle Idee gekommen war, auf das Knöpfchen für den Feuermelder zu drücken. Aber auch mit den Jungs von der Fiedler musste ich nachsichtig sein. Sie hatten ihr letztes Quäntlein Hirn beim Kiffen in Rauch aufgehen lassen. Als wirklich lästig empfand ich es jedoch, dass ständig jemand aus dem 20. Stock sprang. Ich hätte dafür Verständnis gehabt, wenn es Mieter gewesen wären, die vor den Kakerlaken Reißaus genommen hätten. Aber zu allem Ärger waren es meistens Passanten, die schlichtweg zu bequem gewesen waren, die fünf Minuten bis zur nächsten Autobahnbrücke zu laufen. Das hatte mir ein Kandidat selbst einmal erzählt, nachdem ich ihn in letzter Sekunde davon abgehalten hatte, sich in die Tiefe zu stürzen. Neulich habe ich ganz unverhofft im Finanzamt mit ihm telefoniert. Zufällig hatte ich seine Steuererklärung bearbeitet. Er war zum zweiten Mal geschieden und sein Renault Twingo kam nicht mehr durch den TÜV. Selbst seine Freunde hatten zu ihm gesagt, er hätte vielleicht doch besser springen sollen.
Britta war heute besonders unruhig. „Ich ziehe hier aus, Hartmut, das verspreche ich dir!”, keifte sie. Frauen gaben ja ständig solch leere Versprechungen ab. Ich nahm ihre Androhung heute durchaus ernst, denn bei Britta hatte ich schon so manch unangenehme Überraschung erlebt.
Letzten Sonntag zum Beispiel, da hatten wir uns fürchterlich wegen einer Kleinigkeit gestritten. Als der Streit seinen Höhepunkt erreicht hatte, verkündete sie zornesrot, sie werde den leckeren Schweinebraten, den sie gerade für uns zubereitet hatte, in den Müllschlucker werfen. So aufgebracht hatte ich Britta selten erlebt. Ich wusste, in diesem Zustand war sie zu allem fähig. Und weil ich viel kleiner und schwächer war als Britta, schloss ich mich erst einmal auf dem Klo ein. Meistens beruhigte sich Britta ziemlich schnell wieder. So war es auch dieses Mal. Als ich sie nach einer Weile am Telefon mit ihrer Freundin Gundula herumgackern hörte, wagte ich mich wieder hervor und wir verbrachten den restlichen Vormittag, als wäre nie etwas Düsteres zwischen uns gewesen. Zum Mittagessen hatte ich dann einen lieblichen Rotwein geköpft und saß mit Lätzchen um den Hals und in seliger Vorfreude am Tisch. Dann kam Britta herein und servierte jedem von uns einen Teller mit Melonenscheiben!
Zunächst begriff ich überhaupt nicht, was vor sich ging. In der Aufregung stellte ich nur fest, dass ihre Portion größer war als meine. Aber bis ich begriffen hatte, dass das alles sein sollte, verging eine ganze Weile. „Wo ist der Braten?”, fragte ich bangend und steif.
„Na, im Müllschlucker”, entgegnete Britta mit einer Abgebrühtheit, die mich innerlich gefrieren ließ. Ich war fertig. Den nächsten Tag ließ ich mich krank schreiben. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit schlich ich mich heimlich zum Griechen und bestellte die üppige Mykonos-Platte. Dazu drei Gläser Samos und vier Ouzos. Tags darauf musste Britta mich krank melden, weil ich dazu selber nicht mehr in der Lage war.
Britta verfügte also über die penetrante Eigenschaft, ihr Wort zu halten. Deshalb wurde ich auch äußerst unruhig, als sie noch einmal betonte: „Hartmut, das eine will ich dir sagen: Noch in diesem Jahr ziehen wir hier aus!”
Schnell sagte ich zu ihrer Beruhigung: „Ich werde heute mal bei der Wohnungsgenossenschaft nachfragen, ob was Passendes für uns frei wird.” Mit einem Ruck setzte sich Britta kerzengerade hin. Auch im Sitzen war sie noch mindestens einen Kopf größer als ich. Ihre Augen glühten. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Man konnte noch so einfühlsam sein, immer sagte man das Falsche.
„Ich will keine Wohnung von Genossen, sondern Eigentum!”, zischte Britta böse.
„Eigentum!”, wiederholte ich entgeistert. Jetzt drehte sie wirklich durch. Schade, eigentlich war Britta immer ganz patent gewesen. Aber nun war nichts mehr mit ihr anzufangen. Ich sollte sie so schnell wie möglich ins Internet einstellen und mit Schmolkowski virtuell Kontakt aufnehmen. Der würde sicher bald Nachschub brauchen.
In Wirklichkeit würde Britta allerdings eher mich verschachern als umgekehrt. Deshalb schluckte ich meine Gegenargumente zähneknirschend herunter. Britta betonte noch einmal ihre Forderung: „Ich will ein Haus oder mindestens eine Eigentumswohnung – und Menschen als Nachbarn, keine Genossen!”
Ein paar Tage später traten wir unseren Urlaub an. Wie jedes Jahr, seit wir verheiratet waren, fuhren wir mit dem Fahrrad und ausgerüstet mit einem Igluzelt irgendwohin. Britta liebte diese Art von „Urlaub” und ich wagte nicht, ihr zu widersprechen. Diesmal trieb es Britta in die Eifel. Britta radelte trotz schweren Gepäcks immer vorneweg. Ich blieb weit abgeschlagen zurück. Es nützte auch wenig, dass ich zwischendurch heimlich an meinem „Red Bull” nippte. Brittas Laune wuchs zusehends und das war ja auch die Hauptsache. Die letzten Tage freute ich mich nur noch auf mein kleines, kuscheliges Büro im Finanzamt. Und als wir zu Hause angekommen waren, war die Idee mit der Eigentumswohnung schon wieder vergessen.
Erst Ingo weckte wieder die Erinnerung daran. Ingo, der genau wie ich jeden Samstagmorgen sein Auto in der Selbstwaschanlage wusch, der musste es nämlich wissen. Ingo verkaufte so dieses und jenes, vor allen Dingen Konservendosen. Nicht die kleinen Dosen, die bei Aldi neben dem Klopapier aufgestapelt sind. Nein, Ingo machte die ganz großen Geschäfte. Das erzählte er mir so nebenbei, während er seinen dunkelblauen Mercedes hingebungsvoll mit einer edlen Milch massierte. Das Mittelchen war teurer als die Lotion, die ich Britta zum letzten Hochzeitstag geschenkt hatte. Im Gegensatz zu mir wusch Ingo sein Auto nicht deshalb bei der Selbstwaschanlage, weil er die paar Euro für die Automatikwaschanlage sparen wollte. Nein, er wusch selbst, weil er so drei volle Stunden Gelegenheit hatte, seinen Liebling zu streicheln.
Welche Art Geschäfte er genau machte, hat er mir nie genau erzählt. Aber ich glaube, er wusste Bescheid. Er flog zweimal im Jahr in die Karibik. Nicht nur Last-Minute-Flüge! „Schweineteuer, diese Inselaffen!”, stöhnte er jedes Mal, wenn er braungebrannt zurückkehrte. Darüber hinaus hatte Ingo alles, was man hat, wenn man es hat. Natürlich auch eine Eigentumswohnung. Was heißt eine Eigentumswohnung! Er hatte drei: eine zum Wohnen und wegen der steuerlichen Abschreibung, die zweite für die Momente, in denen er einfach mal raus und abhängen musste und die dritte für den Familien-Winterurlaub zwischen den Jahren in St. Moritz. „Des Wichtigschde im Leben is: schaffe und genieße!”, sagte er immer und outete sich damit als bekennender Schwabe. Wenn ich ihn dann staunend und mit bewundernden Blicken ansah, war das Balsam für seine von der Steuer geschröpfte Seele.
Während ich Ingo von der aktuellen Mieterhöhung vorjammerte und mich bitter darüber beklagte, dass die Genossenschaft nicht bereit war, den zerbrochenen Klodeckel zu bezahlen, klopfte er mir väterlich auf die Schulter und sagte: „Mensch, Hartmut, rechne doch mal!” Und dann rechneten wir.
Ich weiß ja, so etwas macht man nicht, aber ich zeigte Ingo trotzdem meine Lohnsteuerkarte. Er war sichtlich betroffen. Bilder einer indischen Hungersnot hätten ihn wahrscheinlich nicht stärker gerührt. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn und er stammelte, nachdem er sich wieder ein wenig gefangen hatte: „Was! Das ist alles? Meine Güte, das kannst du doch keinem erzählen, dass man davon leben kann!” Als Finanzbeamter im mittleren Dienst orientierte sich mein Gehalt nun mal am Existenzminimum. Das war eine Tatsache, die Ingo neu zu sein schien. Sicher, ab und zu war mir schon der Gedanke gekommen, mich zum Beispiel als Buchhalter bei einem Steuerberater zu bewerben. Aber mein Chef, der Herr Axthammer, sagte in den Mitarbeiter-Vorgesetzten-Gesprächen mit einem fürsorglichen Augenzwinkern immer zu mir, dass ich da draußen nicht mehr zurecht käme. „Da draußen”, das war die freie Wirtschaft. Wenn Herr Axthammer von „da draußen” sprach, dann spürte ich einen eisigen Luftzug und es war so, als würde mir eine unsichtbare Hand die Kehle langsam zudrücken. So hatte ich mich bemüht, immer schön unauffällig zu bleiben und war bereits seit 16 Jahren zusammen mit meinem Kollegen Horst gefesselt an mein kleines Büro im Finanzamt neben der Besuchertoilette.
In einem Anfall von Mitleid lud mich Ingo spontan zu „seinem” schicken Italiener ein. Das Lokal war so exklusiv, dass auf der Speisekarte weder Pizza noch Makkaroni zu finden waren. So etwas Ordinäres wurde hier nur ausnahmsweise Kindern unter 14 Jahren an uneinsehbaren Tischen serviert.
Die Teller wurden gerade abgeräumt. Ingo saß regungslos da und starrte auf seinen Cognac. Seine Gehirnwindungen glühten wie ein Toaster in der Röststufe 6. Gedankenverloren murmelte er: „Da muss sich doch irgendetwas bei dir machen lassen!”
„Britta arbeitet übrigens neben ihrem Studium im Fitness-Studio. Das bringt im Monat bestimmt 400 Euro netto”, ergänzte ich um Entspannung der Lage bemüht. Seine Miene hellte sich ein wenig auf. „Na, also”, grunzte er schon etwas zufriedener. Dannverdunkelten sich seine Gesichtszüge wieder beunruhigend und meine aufkeimende Hoffnung war wieder zunichte.
Mit einer Wendung des Schicksals zum Guten hatte ich gar nicht mehr gerechnet, da begannen plötzlich seine Augen zu leuchten. Ingo erhob triumphierend sein Glas und sagte euphorisch: „Junge, wir kaufen! Wir müssen einfach kaufen!”
„Was kaufen?”, fragte ich begriffsstutzig zurück.
„Na, eine Eigentumswohnung!”, raunte Ingo mir ungeduldig zu.
„Mit den paar Kröten, die ihr verdient, kann man vielleicht existieren, aber nicht leben. Deine Miete wird dir über kurz oder lang den Garaus machen. Deshalb müssen wir jetzt kaufen. Bei den niedrigen Zinsen müssen wir jetzt einfach kaufen! Und glaub mir, solche Hasen wie deine Britta sind es nicht gewohnt, ewig in der Gosse zu leben. Wenn du sie halten willst, musst du einmal in deinem Leben wirklich aktiv werden.”
Da hatte ich endlich begriffen.