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KAPITEL ZEHN

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Zoe beobachtete alles von der einen Seite des Raumes, um angeblich die an der Wand hängenden Zertifikate zu untersuchen. Von dort aus konnte sie zusehen und zuhören, musste sich aber erst dann selbst am Gespräch beteiligen, wenn sie bereit war.

Craig Lopez sah nicht wie ein durchschnittlicher Bewährungshelfer aus, zumindest nicht wie die Art, die sie sich beim Hören des Begriffs im Kopf vorgestellt hatte. Er war kräftig gebaut, 1,80 m groß und hatte etwa 90 Kilo Muskelmasse. Als wäre das noch nicht genug, waren auch die meisten Muskeln, die um das Polohemd herum sichtbar waren, tätowiert. Von geschmierten Kritzeleien bis hin zu kunstvollen Kunstwerken war alles dabei.

Dann war da auch noch eine gezackte Narbe an der Seite seines Halses, wo sich einmal eine Kugel durch sein Fleisch gerissen haben musste, ohne ihn zu töten.

Offensichtlich war er wegen seiner einzigartigen Erfahrung eingestellt worden. Da er in seiner Jugend Mitglied mehrerer Gangs war, fand er einen Zugang zu denjenigen, die ebenfalls in solche Dinge verwickelt waren. Er konnte sie verstehen.

„Ist Cesar wieder in Schwierigkeiten?“, fragte er, sein ganzes Verhalten schwer und enttäuscht. „Er schwor mir, dass er clean werden würde. Raus aus der Gang und rein in etwas Besseres.“

„Wir sind uns noch nicht sicher“, betonte Shelley. „Wir müssen ihn erst befragen.“

Craig öffnete die Schublade eines Aktenschranks und blätterte den Inhalt durch, bevor er ein Blatt Papier herauszog. „Das hier ist seine Bewährungsauflage. Sie sollten vorsichtig sein. Wenn er wieder in Gang-Machenschaften verwickelt ist, wird er wahrscheinlich ein Gefolge haben. Er hat für die Gang gesessen, also hat er etwas Prestige gewonnen. Sie werden ihn beschützen wollen. Wenn sie mit gezogenen Waffen reingehen, könnte es böse enden.“

„Verstanden“, sagte Shelley. „Was wenn wir allein hineingehen, nur wir beide? Zeigt das, dass wir nur reden wollen?“

Craig neigte den Kopf. „Sicherer ist es schon. Aber stellen Sie sicher, dass jemand weiß, wo sie sind. Nur für alle Fälle.“

Shelley atmete unruhig ein, als sie nickte. Zoe beobachtete sie und dachte, dass Shelley wahrscheinlich noch nie zuvor in einer solchen Situation gewesen war. Sie war in allem so gut, dass man manchmal vergaß, dass sie noch nicht lange aus Quantico fort war. Es gab viele Szenarien, die für sie immer noch einschüchternd sein würden, frisch und neu.

Beim Thema Gangs kannte sich auch Zoe nicht sonderlich gut aus.

„Sind sie so etwas wie der lokale Experte für diese Gangs?“, fragte Zoe und wandte sich an Craig.

Er blickte überrascht auf – es war das erste Mal, dass sie während des gesamten Austauschs gesprochen hatte – und zuckte die Achseln. „Das kann man wohl sagen, denke ich. Zumindest das, was diese Seite des Gesetzes betrifft. Warum? Brauchen sie Informationen?“

„Es geht um Clay Jackson, den Mann, den Cesar wahrscheinlich getötet hat“, sagte Zoe.

„Oh, er hat ihn getötet. Er hat es nur so gut gemacht, dass sie ihn nicht kriegen konnten.“, sagte Craig. „Ich habe mal sowas Ähnliches wie ein Geständnis von ihm gehört, obwohl er zu schlau ist, es wirklich auszusprechen.“

Zoe nickte, zumindest froh über die Bestätigung. „Seine Tante, Alicia Smith. Sie wurde damals zu dem Mord befragt.“

Craig verengte die Augen und sah dann nachdenklich zur Decke. „Bin mir nicht sicher, ob ich den Namen kenne.“

„Ihr Sohn, John Dowling, ist eines der Mordopfer, die wir derzeit untersuchen.“

Craig verstand. „Sie fragen mich nach ihrer Beziehung. Ob Cesar diesen John Dowling ermorden würde, sobald er rauskam, um seinen Standpunkt klarzumachen.“

„Ganz genau.“

Craig schürzte die Lippen und trommelte mit den Fingern auf seinen Schreibtisch. „Ich wüsste nicht warum. Clay Jackson war wie viele von diesen Typen. Die Gang war seine Familie. Echte Blutsverwandte verblassten im Vergleich dazu. Soweit ich mich erinnere, hatte er zu den meisten seiner Verwandten keinen Kontakt. Seine Eltern wollten nichts mit einem Sohn zu tun haben, der in einer Gang war.“

Das war interessant. Es war eine Lücke in ihrer Theorie, aber andererseits war es kein Beweis. Craig kannte diese Männer, aber er gehörte nicht zu den Gangs. Zumindest nicht mehr. Es gab Dinge, die sie vielleicht vor seinem Verdacht verbergen konnten.

„Danke“, sagte Shelley und streckte die Hand aus, um seine zu schütteln. „Wir melden uns, wenn wir noch etwas brauchen.“

***

Bei der Adresse, die Craig für sie auf einem Zettel notiert hatte, handelte es sich um ein heruntergekommenes, einstöckiges Gebäude mit kaputten, alten Autos, die quer über das, was der Vorgarten hätte sein sollen, geparkt waren. Eines von ihnen stand auf Betonblöcken statt auf Reifen. Nicht gerade das, was man von der Wohnung eines Drogenbarons erwarten würde.

Vielleicht hatte Craig recht, und Cesar war wirklich aus dem Spiel. Das bedeutete aber nicht, dass er keine Rachepläne mehr hegte, dachte Zoe und kaute auf ihrer Lippe herum, als sie sich umsah.

Es schien niemand in der Nähe zu sein, der sie beachtete oder ihnen hätte Schaden zufügen können. Niemand, der sie von Fenstern oder Veranden aus beobachtete, keine Autos, die langsam durch die Nachbarschaft fuhren. Keine Anzeichen dafür, dass jemand im Haus war.

„Wir sollten reingehen“, entschied Zoe, öffnete die Fahrertür und stieg aus.

Shelley folgte ihr kurz darauf. Sie wartete nicht lange, aber sie wartete. Zoe fragte sich, ob Shelley kalte Füße bekam. Wie auch immer sie es anstellen würden, sie mussten hier Untersuchungen anstellen. Egal, was sie auch vorschoben, irgendwann würden sie hier landen.

Zoe versuchte, Selbstvertrauen auszustrahlen, das sie nicht hatte, als sie zur Haustür ging und anklopfte. Dreimal, in dem kleinen Haus unüberhörbar.

Keine Reaktion.

Sie wechselte einen Blick mit Shelley, die nun dicht hinter ihr stand, und klopfte erneut an. Fester. Fünf Mal. Nicht so leicht zu ignorieren.

Da war nichts. Nicht das Knarren einer Diele oder das Flackern einer Bewegung hinter den dünnen Vorhängen. Das Wohnzimmerfenster, das man von dort sehen konnte, wo sie standen, zeigte in einen leeren Raum.

„Hier ist niemand“, sagte Zoe nach einem Moment. Es fühlte sich nicht so an, als würde man sie einfach ignorieren.

„Was nun?“, fragte Shelley, als sie auf das Auto zurückblickte. „Warten wir im Auto?“

Zoe folgte ihrem Blick und sah einen älteren lateinamerikanischen Mann, der sich auf den Stufen eines Grundstücks auf der anderen Straßenseite niedergelassen hatte. Dreiundsiebzig Jahre alt, schätzte sie. „Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht“, sagte sie und ging lässig auf ihn zu.

Es wirkte immer etwas unbeholfen, auf jemanden so zuzugehen. Der alte Mann beobachtete sie und wusste, dass sie zu ihm wollten. Er wusste, dass sie kamen, um mit ihm zu sprechen, aber er war immer noch zu weit weg, um ihn zu begrüßen. Wo sollte man hinschauen? Auf den Boden? In die Ferne, die Gegenwart des Mannes ignorierend, als hätten sie vor, einfach an ihm vorbeizugehen? Auf sein Gesicht, um Blickkontakt herzustellen, der für die lange Zeit, die sie brauchten, um die Sprechdistanz zu erreichen, unangenehm wäre?

Zoe entschied sich für eine Mischung aus allen dreien, was irgendwie noch schlimmer war, und rief ihn schließlich doch, sobald sie auf halber Strecke war.

„Entschuldigen sie, Sir?“

Er stellte sich nicht hin oder kam ihnen näher, sondern beäugte die beiden misstrauisch, aber er schenkte ihnen zumindest seine Aufmerksamkeit.

„Wir suchen den Mann, der auf der anderen Straßenseite wohnt. Wissen sie, wo er sich zu diesem Zeitpunkt aufhalten könnte?“, fragte Zoe, wobei sie ihre Worte etwas neutral hielt. Kein Grund, alles auf einmal zu verraten.

Der alte Mann grunzte. „Du meinst Cesar?“

Die Katze war also aus dem Sack. „Ja, Sir.“ Zoe blieb respektvoll. Sie hatte bemerkt, dass der Grad der Kooperation, den man bei älteren Zeugen vorfand, oft in direktem Zusammenhang damit stand, wie oft man sie "Sir" oder "Ma'am" nannte.

„Draußen an der Grube.“

„Die Grube?“, wiederholte Zoe. Es gab doch nichts Besseres, als wenn Anwohner Außenstehende durch lokales Wissen, dumm dastehen ließen.

Der alte Mann grunzte wieder und gab ihr ein ungeduldiges Schulterzucken. „Die Grube. Wo all die Jungs hingehen.“

„Meinen sie die Gangmitglieder, Sir?“ Shelley übernahm, ihr Tonfall tief und weich.

Der Lateinamerikaner rieb sich die knochigen Finger über den Scheitel, der bis auf ein paar verbleibende Strähnen fast kahl war, und nickte. „All diese Jungen. Das ist hier kein Geheimnis.“

„Könnten sie uns den Weg zeigen, Sir?“, fragte Shelley. „Wir sind nicht von hier.“

Der alte Mann sah sie von oben bis unten an und fing an zu lachen, wobei er drei Zahnlücken entblößte. „Nein, das sind sie wirklich nicht“, sagte er und lachte dann wieder, lang und laut.

Zoe tippte Shelley an. „Es wäre besser, die örtliche Polizei anzurufen“, sagte sie und deutete mit dem Kopf zum Auto zurück, bevor sie in dessen Richtung ging. Hinter ihnen hörten sie immer noch das schallende Lachen des alten Mannes, es folgte ihnen die vierundzwanzig Schritte bis zum Auto wie ein schlechter Geruch.

Zoe sank auf den Fahrersitz und knallte ihre Tür zu, vielleicht stärker als nötig.

„Wie sieht unser Plan aus?“, fragte Shelley atemlos. Ihre Wangen waren rosa. Diese ganze Begegnung hatte sie überfordert.

„Ich werde auf dem Revier anrufen“, sagte Zoe. „Dann bekommen wir Verstärkung. Die Anwohner werden wissen, was das bedeutet. Dann gehen wir rein.“

Sie wählte die Nummer auf ihrem Telefon und überlegte bereits, wie viele Leute sie verlangen würden, und ob es klug wäre, auch nach kugelsicheren Westen zu fragen

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Gesicht der Angst

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